Freimaurer

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

In einer Zeit, bis vor etwa 40.000 Jahren, die man als die frühe Altsteinzeit bezeichnet, lebte der Mensch in gänzlich archaischen Verhältnissen. Man kannte schon die Nutzung des Feuers. Vielleicht an dem einen oder anderen Ort, galt das Feuer sogar als etwas Sakrales, wo man es bereits zu konservieren wusste und damit das »Wahren einer Heiligen Flamme« pflegte.

Heilig war diese Flamme, da sie dem Überleben und dem damals so wichtigen Zusammenleben diente. Mit Feuer bereitete und konservierte man schließlich Nahrung oder schützte sich nachts damit vor wilden Tieren, da diese die lodernden Flammen mieden.

Es war eine Zeit in der die Menschen unterwegs waren, als Jäger und Sammler, und man in dieser Zeit noch keinen wirklichen Bezug hatte zu Raum und Zeit und auch gar nicht brauchte – denn man bewegte sich ja. Man lebte noch in vollständigem Einklang mit der Natur, mit den Tieren verschwistert, ohne zu werten, was einem da unterwegs begegnete.

Bewusst erlebten die damaligen Menschen eine vollständige Verbundenheit mit dem was sie umgab, ganz gleich ob die Gestirne, seine Mitmenschen oder die Wesen und Gegenstände in der Natur, wie Steine, Pflanzen und Tiere.

Damals pflegten die Menschen einen besonderen Ahnenkult, in dem sie sich verbunden fühlten mit der fernen Vergangenheit und dem Ursprung der Welt. Man hinterfragte nicht, sondern erlebte in dieser Voraussetzung das eigene Dasein auf Erden verwurzelt.

Allmählich wurde sich der Mensch aber auch seiner selbst bewusst, als einzelnes Wesen, wo eine noch rein intuitive, instinktive Wahrnehmung der Umgebung und der anderen Menschen in der eigenen Welt bewusst geworden war.

In der Tradition der Legenden, auf der sich auch die Lehren etwa der Theosophie oder Anthroposophie stützen, war das ungefähr auch die Zeit, als die Menschen noch auf dem mythischen Kontinent von Hyperboräa, »jenseits des Nordwinds« unterwegs waren. Aus heutiger Sicht gewiss ziemlich eigentümlich vorzustellen, doch man könnte durchaus in Erwägung ziehen, dass die heute, über das ganze Jahr hinweg von dicken Eisschichten bedeckten Regionen der Erde, einst vielleicht grün und bewaldet gewesen waren. Ein Beispiel für diese Annahme wäre etwa die dänische Insel Grønland, die ja wörtlich übersetzt »Grünland« heißt.

Wie aber kann es sein, dass es sich da tatsächlich um eine menschenwürdige Umgebung handelte? Nun, man kann sich da nur mit der einen oder anderen Erwägung behelfen. Überlegen wir uns etwa einmal, dass sich die Lage der Erdachse nicht immer in der selben Neigung befand. So gibt es heute auch archäologische Nachweise darüber, dass die Berglandschaften unter dem Eis der Antarktis, dem Südpol, vor sehr langer Zeit der Urgeschichte bewaldet gewesen waren. Angenommen also die Erdachse befand sich in aufrechter und nicht wie heute geneigter Lage, so dürfte es nur im höchsten Norden zu einer Vereisung gekommen sein, jedoch in einem Ausmaß, das weit jenseits dessen liegt, was wir heute vorfinden. Die Polkappen waren dann wohl weitaus dicker und bargen viel mehr Eis, als das heute der Fall ist, zumal es nicht zu jahreszeitlich bedingtem Abtauen kam.

In den Regionen der heute so genannten »Gemäßigten Zone« der Erde, dürften unter solchen Voraussetzungen damals dauerhaft frühlingshafte Verhältnisse vorgeherrscht haben.

Wir wollen auf all das im Folgenden noch einmal eingehen.

Beherrschung des Feuers

Dass der Mensch begann auf die Dinge die ihn umgaben Einfluss nehmen zu wollen, fing wohl ganz langsam an damit, dass man das Bewusstsein für eine gewisse Dimensionalität der Welt entwickelte. Historisch ließe sich das ansiedeln in den Jahrtausenden bis etwa 10.000 v. Chr., das heißt also in der Mittleren bis Jungen Steinzeit

Damals begannen die Menschen das Feuer tatsächlich als Kulturgut handzuhaben, da man Mittel und Wege gefunden hatte selbst Feuerzeuge herzustellen, vor vielleicht 30.000 Jahren, mittels Scharfkantiger Feuersteine (Quarz-Kiesel-Minerale) die man zum Beispiel gegen Pyrit-Kristalle schlug. Auch die ersten verbesserten Werkzeuge kannte man herzustellen, die in der Jagd ihre Verwendung fanden, wie etwa die ersten Wurfspeere.

Wollte man diese Zeit durch ein Tarot-Sinnbild kennzeichnen, eigneten sich dafür wohl die »Stäbe«, die ja sowohl lebendige Holzstöcke, wie auch Knüppel, Speere oder Lanzen symbolisieren, und bekanntlich dem alchemistischen Feuerelement zugeordnet sind.

Es war das auch die Zeit in der solche Weltlehrer die irdische Bühne betraten, wenn man so will, wie der irdische Adam der Bibel, sowie dessen Nachkommen wie Kain, Seth oder später auch Henoch, der in den Himmel entrückt von dort aus bis heute auf die Geschicke der geistigen Welt Einfluss nehmen soll.

Historisch bewegen wir uns nun in der Welt des Cro-Magnon-Menschen, des anatomisch mit dem heutigen Menschen identischen Homo Sapiens, eines nomadisch lebenden Jägers und Sammlers.

Durch die Fähigkeit selbst Feuer herzustellen, gewann natürlich auch die zivilisatorische Entwicklung einen neuen Schub. Man verstand seit dieser Zeit, vor etwa 30.000 Jahren, auch selbst Keramiken herzustellen, wozu natürlich Nutzgegenstände (wie etwa besondere Behältnisse) zählten, doch auch entstanden damals sogenannte heilige Figurinen, wie etwa die berühmte Venus von Willendorf.

In Zusammenhang mit dem daraus sich entwickelnden Mutterkult, pflegte man auch bestimmte Rituale, die sich wohl auf alte Vegetationszyklen bezogen, kurz gesagt, die man zu bestimmten Zeitpunkten pflegte, jedoch noch gänzlich losgelöst von etwaigen himmlischen Beobachtungen, die zur damaligen Zeit noch eine andere Rolle gespielt hatten.

Wie gesagt, besitzen wir heute keine wissenschaftlich belegbaren Fakten, doch dass die damaligen Menschen so lange den Kult einer irdischen Natur pflegten, mag wohl auch daran gelegen haben, dass man in dieser ewigen Frühlingsumgebung lebte, wo eine Beobachtung des Himmels und daraus erfolgende Voraussagen, noch keine für das Überleben relevante Rolle gespielt hatten.

Es war das eine »Magische Zeit«, wo man Götzenanbetung und Verehrung besonderer Idole betrieb, die da im Mittelpunkt ritueller Handlungen standen. Man war noch weit entfernt, von dieser heute im Verstandesdenken verhafteten Geistigkeit. Doch im Gegensatz zu dem Bewusstsein, das die Menschen in jener archaischen Zeit des Paläolithikum besaßen, begann man jetzt eine Dimensionalität in der Welt zu entdecken. Das begann wohl mit der Beobachtung eines Hier und Dort, einer Selbstwahrnehmung und einer Fremdwahrnehmung. Man erkannte das eigene Dasein im Verhältnis zum Sein eines Gegenübers – eines Menschen, eines Tieres oder jeder anders gearteten Sache.

Damit entwickelte sich im Empfinden der Menschen auch das, was man als Emotionalität beschreiben könnte, da man sich als Einzelnen wahrnahm, der getrennt war von dem was ihn umgab. Es dürfte damit einher gegangen sein ein Wundern über die Welt, die sich da um einen herum befand, wovon ein besonderer Zauber ausging.

Ein Zeitalter der Tugend

In dieser Welt-Erkenntnis formte sich wohl auch der Wunsch Orte entstehen zu lassen, wo man seine besondere Naturverehrung rituell zelebrierte. Die alte Kultstätte Göbekli Tepe in Kleinasien, in der heutigen Türkei, die dort vor etwa 11.500 Jahren entstanden war, deutet das an. Es war das die Menschheitsepoche, die sich im Platonischen Jahr dem Zeitalter des Löwen zuordnen lässt, dem, was in der griechischen Legende (gemäß Hesiod) dem Goldenen Zeitalter entspricht und was man in Indien das Satya-Yuga nennt: »Das Zeitalter der wahrhaftigen Tugenden«.

In der Welt der Sagen und Legenden, ist das die Phase der Geschichte gewesen, wo ganz im Westen der damals bekannten Welt, westlich des afrikanischen Atlasgebirges, im atlantischen Meer, sich eine riesige Insel befunden haben soll, wo eine damalige Hochzivilisation lebte: Atlantis. Was uns aus den Schriften des griechischen Philosophen Platon überliefert ist, ist die außergewöhnliche Form dieser Insel, die sich aus mehreren, das Meer unterteilenden Ringen bildete.

Doch, wie jeder weiß, kam es zu einer Katastrophe, in der diese Insel im Meer verschwand und das ist etwa auch die Zeit, wo wir in der griechischen Mythologie von einer »Deukalischen Flut« erfahren, die in der Bibel als die Sintflut beschrieben wird. Natürlich steht in Zusammenhang damit der Patriarch Noah und seine drei Söhne, Sem, Ham und Japeth. Interessant ist die Form jener alten Tempelanlage von Göbekli Tepe, die ja ebenfalls solche Ringform wie die der von Platon beschriebenen Atlantis besaß, was natürlich auch nur reiner Zufall sein könnte.

Vom Gold zum Silber

Nach dieser Zeit aber entstanden die ersten Siedlungen, wie etwa die von Çatalhöyük (in Kleinasien, heutiger Türkei) vor etwa 9.500 Jahren und auch die ersten Gehöfte dort, wo sich das heutige Athen in Griechenland befindet. Hieraus ergaben sich auch erste Machtstrukturen, in denen man begann Besitztum zu pflegen und Warenhandel zu betreiben mit anderen Siedlungen. Die matriarchal geprägte Gesellschaftsstruktur war bis dahin bestehen geblieben, man pflegte eine ausgeprägte Landwirtschaft und den sich daraus ergebenden Handel mittels Tauschwaren, wozu natürlich Edelmetalle wie Gold und Silber zählten.

All das geschah im Übergang vom Satya-Yuga ins Treta-Yuga, was man im Westen etwa mit der Wende vom Goldenen in das Silberne Zeitalter beschreiben könnte. Gemäß der Zeitrechnung des Platonischen Jahres, befinden wir uns da in den Jahrhunderten des Übergangs vom Zeitalter des Löwen ins Zeitalter des Krebses. Es sind dies ja zwei Tierkreiszeichen, wo ersteres astrologisch vom Gestirn der Sonne regiert wird und letzteres vom Gestirn des Mondes. Das Licht von Sonne und Mond aber, ließ gemäß der esoterischen Lehren der babylonischen Sterndeuter von Chaldäa, in der Urzeit die Metalle Gold und Silber im Erdgrund gedeihen. Und es sind ja eben diese zwei Edelmetalle, die den beiden Zeitaltern oben genannter Wendezeit ihren Namen gaben. Weniger aber ist das eine Systematisierung, als eher ein äußerst bemerkenswerter Zufall.

Im Bewusstsein der Menschen auf jeden Fall vollzog sich damit ein großer Wandel. Denn nicht mehr wusste man nur zu verstehen das Verhältnis zwischen einem Hier und Dort, man begann auch eine Räumlichkeit zu entdecken, die allerdings, rein geometrisch, sich nur auf das Land, das heißt also, auf die Fläche bezog, wo man sich in der Zweiten Dimension bewegte. Das war natürlich der Tatsache geschuldet, das man ein Bewusstsein entwickelt hatte für Besitz und Grenzen, was ja einher ging mit dem Entstehen der ersten urbanen Siedlungen.

Auch entstand in dieser Zeit das, was man als »inneres Seelenleben des Menschen« bezeichnen könnte. Heute würde man da vielleicht vom »Traumbewusstsein« sprechen. Das heißt, die auch heute im Traum auftretenden archetypischen Symbole wurden da schon erkannt, als universale Bilder. Man wusste dieses, im Traum empfundene Sehen, noch nicht gänzlich abzugrenzen vom Sehen im Wachzustand, weshalb man aus heutiger Sicht darum von einem irrationalen Empfinden oder Denken sprechen würde. Leider aber wäre diese Bezeichnung zu negativ konnotiert, wobei sie in Wirklichkeit doch eine Fähigkeit beschreibt, die heute nur wenigen Menschen gegeben ist und die sie als solche auch konstruktiv im Leben anzuwenden wissen, da sie erkannt haben, dass das angebliche Wachbewusstsein, im Grunde ebenfalls ein Schlafzustand ist, aus dem man jedoch erwachen kann!

Zwischen Himmel und Erde

Es geht hier um eine Epoche, die man als »Mythischen Zeit« bezeichnen könnte, da die Menschen damals noch alles erkannten, als untereinander verbunden. Wer sich näher mit der griechischen Mythologie beschäftigt, verirrt sich leicht in einem dichten Wald unzähliger Assoziationsmöglichkeiten, zumal ja in all den vielen Legenden darin, die von Göttern, Dämonen und Helden berichten, anscheinend immer Verbindungen bestehen, zu einer großen Zahl anderer Legenden der selben Mythologie.

Es war das auch die Zeit, in den Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung, wo man begann die »Heiligen Mysterien« zu feiern, wo die Menschen eingeweiht wurden in die Geheimnisse ihrer eigenen Sterblichkeit, die sich anscheinend jedes Jahr auch in ihrer Umwelt, in der Natur zu zeigen schienen. Man hatte den Wandel eines großen Zyklus der Jahreszeiten erkannt, die sich in kleineren Zeitabschnitten im Tageszyklus zeigten, wie auch in größeren Zeitabschnitten im eigenen Leben. Himmelsbeobachtungen bekamen aus diesem Grund einen immer wichtigeren Stellenwert, nicht nur praktisch, sondern auch in einer Art »Ur-Theologie«, die den Menschen nicht mehr allein als irdisches Wesen begriff, sondern ihn eingeflochten sah, im Mittelpunkt stehend, zwischen Himmlischem und Irdischem, im ewigen Kreislauf der Gestirne und der Natur, die sich mehr oder weniger zu entsprechen schienen.

Zeitmaß und Tauschwert

Man fing damals an, besondere Kalender zu konstruieren, anhand derer Voraussagen der Zukunft ermöglicht wurden. Das mag anfangs zwar rein agrartechnische Funktionen erfüllt haben, doch führte den Menschen mit seinem Bewusstsein auch in ein theologisches Verständnis, für eine aus der Transzendenz wirkende Kraft. Da entstand der Glaube an ein höheres Wesen, dass aus einem hierarchisch geschichteten Makrokosmos, eines ewigen Kreislaufes zu wirken schien, das heißt: Da begann der Glaube an Gott.

Auch hatte man gelernt, durch immer weiterte Entwicklung der aus der Jungsteinzeit überlieferten Werkzeuge, in das Erdreich vorzudringen, um dort kostbare Erden zu bergen. Im Übergang vom Zeitalter des Krebses ins Zeitalter der Zwillinge fand man Wege, um das in mineralischer und metallischer Form vorliegende Kupfer zu nutzen, zur Herstellung von Werkzeugen. Man verfügte damals schon über eine hochspezialisierte Technik zur Keramikherstellung. Hierfür verwendete man besondere Brennöfen, in denen man sehr hohe Temperaturen zu entwickeln vermochte. Damit war auch die sogenannte »Verhüttung« von Kupfer möglich, die man zur Herstellung erster metallischer Nutzgegenstände verwendete. Hier wieder kann man die Bildsprache der Tarot-Arkana ins Spiel bringen, denn als Zeit der Metallgewinnung entspricht es dem Symbol der Münzen, die ja bekanntlich aus Gold, Silber und Kupfer hergestellt wurden (interessant dabei ist, dass diese drei Metalle alle einen Schmelzpunkt um die 1.000 °C besitzen, so dass man mit der selben antiken Technologie daraus entsprechende Tauschmittel, das heißt also »Geld« herstellen konnte).

Besonders die in der matriarchalen Vinča-Kultur kannte man Techniken, die zu Vorläufern einer damals beginnende Metallzeit wurden. In dieser alten Kultur, die sich im geografischen Gebiet des heutigen Serbien entwickelt hatte, entstand auch, fast 2.000 Jahre bevor man im vorderen Orient die Keilschrift entwickelt hatte, die erste Runenschrift, die nachweislich die Vorläufer unseres heutigen Alphabets bildet, dass sich ja bekanntlich in den Jahrtausenden danach, zur sogenannten Linear-B-Schrift weiterentwickelte, die sich dann später als »Phönizisches Alphabet« durch eben die Phönizier im gesamten Mittelmeerraum verbreitete.

Das Heilige Rind

Im besagten Zeitalter der Zwillinge, also in einer Zeit zwischen etwa 6.300 und 4.200 v. Chr. betraten die Weltbühne der Religionen, auf dem indischen Subkontinent, der Held und Avatara Rama. Im Gebiet der Levante wirkte der Patriarch Abraham. Im Übergang zum Zeitalter des Stiers begann dann das, was man als die »Jüdische Zeitrechnung« bezeichnet, genauer gesagt das Jahr 3761 v. Chr. Das war die Zeit die man im westlichen Kulturkreis als Beginn des Ehernen oder Bronzenen Zeitalters versteht, im Hinduismus dem Dvapara-Yuga entsprechend, einer Zeit, in der nur noch ein geringer Teil des göttlichen Bewusstseins des Menschen lebendig war.

Da trat in Indien der Avatara Krishna auf, der ja in vielen Darstellungen in Begleitung einer heiligen Kuh abgebildet ist. Natürlich nicht zufällig, denn, wie wir sagten, ist das das Zeitalter des Stiers gewesen, wo auch in der Ägyptischen Religion auf einmal Darstellungen der Heiligen Kuh zu sehen sind, die eine Sonnenscheibe auf ihrem Haupt trägt. Auch in dem bekannten Epos des Gilgamesch (2.700 v. Chr.) taucht das Symbol eines himmlischen Stieres auf, wohl als Ebenbild des damals angebeteten Gottes.

Es war das die Zeit als die wichtigen ägyptischen Städte gegründet wurden, etwa im 3. vorchristlichen Jahrtausend. Darunter Memphis, mit dem alten Tempel des Hu-Ka-Ptah, dem Ägypten seinen Namen zu verdanken hat, wie auch die Hafenstadt Alexandria, die in der Geistesgeschichte der westlichen Zivilisation über viele Jahrhunderte hinweg Dreh- und Angelpunkt gewesen war – Stichwort: Die Bibliothek von Alexandria (allerdings erst gegründet Anfang des 3. Jahrhundert v. Chr.). Um 2.500 v. Chr. entstanden die Pyramiden von Gizeh, mehr als zwei Jahrtausende bevor man die Stadt Kairo gründete.

Monotheismus

Wenn wir zuvor sprachen vom Bronzenen Zeitalter, dann ist das auch ganz praktisch zu verstehen, denn man begann damals das gewonnene Kupfer mit Zinn zu legieren, um daraus eben Bronze zu erzeugen, woraus man dann die ersten metallenen Waffen herzustellen begann.

In dieser Zeit auch entstanden, wie etwa in der Minoischen Kultur Kretas, zwischen 2.800 und 1.100 v. Chr., verschiedene sakrale Trinkgefäße, meist aus Keramik, doch wahrscheinlich später auch aus Bronze. Als Zuordnung in die Tarot-Symbolik, fiele in diese Zeit also das Sinnbild für das alchemistische Element Wasser: Die Kelche.

Es war das auch die Zeit der großen Könige und Priester, wozu sicherlich so Namen zählen wie der biblische Fürst David und sein Sohn Salomon. Doch auch der ägyptische Echnaton, der ja die Sonne als einzigen Gott über den bisherigen Polytheismus erhob und damit jenen, den durch den Patriarchen Abraham definierten Monotheismus, auf seine Weise in Ägypten zu festigen versuchte.

In Persien entstand der Zoroastrismus, den der Prophet Zarathustra auf einem Dualismus und ständigem Widerstreit der Kräfte des Guten und des Bösen gründete, den laut seiner Weisheit nur jener überwand, der sich selbst ermächtigen konnte zu rechtem Denken, rechter Rede und rechtem Handeln.

Auch der alt-persische Kult um den Gott Mithra ist belegt, für etwa diese Zeit des 14. vorchristlichen Jahrhunderts. Zwar erst in späterer Zeit pflegte man in Rom einen besonderen Mithraskult, der sich in seiner Symbolik an diese Zeit aber zu erinnern schien, wenn auch in einer Form, die eben den Übergang vom Stier- ins Widder-Zeitalter symbolisierte, worin man in besonderen Bildnissen, in den sogenannten »Mithräen« der Tötung eines Stiers huldigte.

Es war dieses Zeitalter des Widder auch der Beginn der Eisenzeit, was auch insofern interessant ist, zumal ja astrologisch über den Widder der Mars herrscht, dem, nach Lehre der Chaldäer, auf Erden ja das Eisen entspricht.

Mit der Verhüttung von Eisen ging natürlich auch einher die Herstellung verbesserten Werkzeugs für Landwirtschaft und Städtebau, aber ebenso die Herstellung von Waffen, wobei die ersten Stähle in ihrer Härte, den Bronzewaffen weit überlegen waren. Vielleicht ließe sich darum auch historisch, hier der Beginn des Eisernen Zeitalters markieren, der finstersten Epoche der Menschheitsentwicklung, die bis zum heutigen Tage anhält – wir zumindest aber ihre schlimmen Auswirkungen noch immer spüren. Das nämlich was die Inder als das Kali-Yuga bezeichnen, das Zeitalter der Kriege und des Streits der Menschen, das wohl mit dem Beginn der Eisenzeit begann.

Unterscheidungsfähigkeit und die Bildung des Ego

In dieser Zeit gründeten die mythischen, von einer Wölfin großgezogenen Brüder Romulus und Remus, im Jahre 753 v. Chr. die Stadt Rom.

Etwa 200 Jahrhunderte nach dieser Zeit, betraten die Bühne der geschichtlichen Welt die griechischen Philosophen Parmenides und Pythgoras. Besonders jene, auf letzteren Weisheitslehrer zurückgehende Schule der Pythagoreer, sollte eine wichtige Wegmarken zeichnen, in der abendländischen Geistesgeschichte der Philosophie und Spiritualität. Im Westen wurde diese spirituelle Entwicklung auch betont mit dem Auftreten des Patriarchen Moses, sowie nach ihm durch der Propheten Hesekiel, auf den ja das berühmte Symbol des Tetramorph zurückgeht (Vier Symbole im Kreis: Mensch, Adler, Löwe, Stier; später stellvertretend verwendet als christliche Zeichen der vier Evangelisten). Im fernen China lehrte zu etwa dieser Zeit der große Philosoph Lao-Tse.

Es begann da ein Zeitabschnitt in der Weltgeschichte, den man als »Mentale Zeit« bezeichnen könnte, wo die Menschen durch einen Wandel ihrer Bewusstheit auf einmal begannen, eine in den Jahrhunderten zuvor entwickelte Unterscheidungsfähigkeit anzuwenden. Man begann zu urteilen was recht und was unrecht, was gut und was schlecht war – am deutlichsten versinnbildlicht wohl im Zeichen des Schwerts, das im Tarot das alchemistische Element der Luft versinnbildlicht, das Element der Bewusstwerdung des Raumes.

Man entwickelte also eine stärkere Bezogenheit auf den Raum und das Äußere. Damals begann man eben auch den geometrischen Raum zu erkennen, und die ihn bezeichnende Dritte Dimension.

Es scheint, als ob sich darin ein einziger Gott noch besser vorstellen ließ, als in jener Zeit, wo man dieses Raumbewusstsein noch nicht besaß. Man begann seine Betrachtungen der Welt, wohl zum ersten Mal abstrahieren zu können, woraus sich die Fähigkeit zur Reflexion entwickelte. Man erkannte sich selbst in der Welt, hatte unbewusst begonnen ein Ich zu entwickeln – psychologisch betrachtet, sein Ego zu festigen –, was einher ging mit der Herausbildung eines bewussten Lebenswillens (oder eben Unwillens).

Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. sollten die damit entstandenen Sichtweisen auf die Welt, der Geistesentwicklung der Menschen einen weiteren Entwicklungsschub geben. Das erfolgte im Westen insbesondere mit dem Auftreten des Philosophen Sokrates – jenem Denker des Abendlandes, dem man die Entwicklung des Fragens und Hinterfragens zuschreiben kann. Sein wichtigster Schüler Platon war mehr oder minder, der Mann, der das Denken seines Lehrers Sokrates in Schriftform festhielt, so dass, wenn man von einer platonischen spricht, immer auch eine sokratische Philosophie meint.

In Fernost betrat der Buddha Siddharta Gautama die Weltbühne der Spiritualität, der auf seine Weise einen Bezug des Daseins in der materiellen Welt zu abstrahieren vermochte, eine Fähigkeit die seinen Zeitgenossen fehlte und er wohl auch deshalb als dieser Weltlehrer auftrat, um sie an ihr inneres, seelisch-geistiges Dasein zu erinnern. Das war in etwa auch das, was im Abendland Sokrates vermittelt hatte. Denn die oben angedeutete Entwicklung des persönlichen Ego, was zu einer inneren Teilung des Seelenlebens im Menschen geführt hatte, entfremdete ihn von seiner eigentlichen Bestimmung, wodurch er zunehmend begann, sich mit einer rein materiellen Welt zu identifizieren.

In dieser Zeit auch entwickelte der Mensch ein Empfinden für die Zeit, wo man das »Ablaufen des Lebens« nicht mehr nur an den vier Haupt-Tageszeiten ablas, sondern den Tagesablauf in abmessbare Stunden zu unterteilen begann.

Es war das die Zeit, als Vorstellungen eines Weltbildes entstanden, in dem die Erde im Mittelpunkt als kugelförmiger Körper stand und eben nicht mehr nur eine zweidimensionale Scheibe blieb. Detaillierte Studien hierüber betrieb bereits der Platon-Schüler Aristoteles.

Übergang ins Zeitalter der Fische

Wie zuvor bereits angedeutet, kam es im Westen durch die Gründung Roms und die daraus entstandene Römische Republik, am Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, zu einem neuen Schub in der Urbanisierung des Lebens der Menschen, durch das, was zuvor »nur« theoretisiert wurde, wie etwa in Platons »Staat«. Damit einher ging natürlich auch die Ausbildung eines durch und durch organisierten militärischen Organs eines Heeres, das sich seit damaliger Zeit, in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, nach Westen und Osten hin immer weiter ausdehnte.

Die Zeit des tausendjährigen Römischen Reichs halbierte die Geburt Christi, womit dann ja unsere, bis heute verwendete christliche Zeitrechnung begann. Auch der große jüdische Prophet Johannes der Täufer kam da zur Welt, etwa fünf Jahre vor dem Erscheinen des Messias.

Im 2. nachchristlichen Jahrhundert bestätigte der griechische Philosoph und Astronom Claudius Ptolemäus , die in den Jahrhunderten zuvor angenommene Geozentrik durch seine Himmelsbeobachtungen. Während der beiden Jahrhunderte danach, entstanden die religiösen Lehren des Gnostizismus, die jedoch bald zum theologischen Hauptgegner der damals noch jungen Christenheit werden sollten. Auch die Philosophie der sich damals bildenden Gruppierung der Neuplatoniker, entstand in dieser Zeit und teilweise auch in Konkurrenz mit den Lehren der Gnosis.

Es war das auch die Zeit, zwischen dem ausgehenden 3. bis ins 4. Jahrhundert, als die ersten christlichen Kirchengemeinden entstanden, die Christi Geburt jedoch alle noch an verschiedenen Tagen im Jahr zelebriert hatten.

325 n. Chr. tagte dann das von dem römischen Kaiser Konstantin I. in Nicäa (heute Iznik in der Türkei) einberufene Konzil, womit danach auch das Christentum zur römischen Staatsreligion wurde. 70 Jahre danach kam es zur Reichsteilung in Westrom, wo in der alten Stadt Rom der christliche Katholizismus durch den Papst und Ostrom, das heißt also Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei), vom christliche-orthodoxen Patriarchen vertreten wurden. In Westeuropa scheinen in etwa dieser Zeitperiode, die Wurzeln der Sage um den Drachentöter Siegfried zu liegen, die auch dort bereits einen Übergang markiert, von einem germanischen Heidentum in eine eher christliche Spiritualität.

Innerhalb des Platonischen Jahres, bewegen wir uns seit etwa vier Jahrhunderten bereits im Zeitalter der Fische, deren Symbolik ja für die christliche Epoche ganz ausschlaggebend ist.

Dunkles Zeitalter und Heiliger Gral

Den Beginn des Mittelalters prägt auch das Auftreten des arabischen Propheten Mohammed und mit der sogenannten Hidschra, dem Auszug der ersten Muslime aus Mekka, im Jahre 622 n. Chr. die islamische Zeitrechnung. Das ereignete sich auch innerhalb der Epoche, als ein sagenhafter Priesterkönig Johannes in der abendländischen Geschichte auftauchte, scheinbar aber gleichzeitig auch in Nordafrika und Fernost.

Im Dunkel jedoch liegt die ungefähr 500-jährige Periode der westlichen Zivilisation. Während dieser Zeit nämlich ordnet man heute die mythischen Episoden eines christlich-paganischen Fürsten ein: Dem legendären König Artus, der vermutlich in dieser dunklen Epoche der franko-angelsächsischen Geschichte, als ein Brückenbauer wirkte, zwischen der noch heidnisch geprägten Kultur des alten Britannien und Irlands und dem mit den Römern nach England gebrachten Christentums. Es war das auch wohl die Zeit, wo der legendäre Held Parzival, einer der Ritter der arthurischen Tafelrunde, in der Weltgeschichte aufgetreten sein könnte, wo ja insbesondere das Symbol des sagenhaften »Heilige Grals« Einzug nahm in die christliche Sagenwelt des Abendlandes.

Erst im 12. Jahrhundert verfasste der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach seine Verse zu diesem Helden Parzival und dem heiligen Gral, der ja als Trinkgefäß beim letzten Abendmahl Christi dem Jesus und seinen Jüngern als Trinkbecher gedient haben soll und in den dann, nach dem Ableben des Christus am Kreuz, dessen Blut damit aufgefangen wurde, durch den sagenhaften Joseph von Arimathäa. Der soll den heiligen Kelch dann selbst in die englische Stadt Glastonbury gebracht haben (das legendäre Avalon), um dort die erste christliche Gemeinde in Europa zu gründen.

Perspektiven in einer Zeit der Neuordnung

Mit dem Beginn der Renaissance, im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit (15. und 16. Jahrhundert) entwickelte sich etwas, das eine tatsächliche Wegmarke, nicht allein in der Geschichte der Bildenden Kunst markierte: Die Entdeckung der Perspektive, die Künstlern eine Methode gab, um mit mathematischer Exaktheit Verkürzungen in der Raumtiefe abzubilden. Zeichnungen und Gemälde erhielten damit seit dem 15. Jahrhundert eine fast realitätsidentische Wiedergabe optischer Eindrücke, was natürlich im Laufe der Zeit einen erheblichen Wandel im Bewusstsein der Menschen einleitete. Was als dritte Dimension des Raumes angenommen wurde, erhielt damit eine ganz relevante Konkretisierung. Im Menschen entwickelte sich aus diesem Bewusstwerden aber anscheinend auch der Wunsch, Dinge haben zu wollen, da er sie nicht mehr nur örtlich begriff, sondern auch ihr Ausmaß, perspektivisch betrachtend, unterscheiden ließ, zwischen einem mehr und einem weniger.

Das erste Jahrhundert der Neuzeit aber sollte noch weitere, für die Geisteskultur dieser damaligen Epoche, doch insbesondere für alles andere in der Folgezeit Entstehende, ganz wichtige Wegmarken kennzeichnen. Damals nämlich erfand der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck mit beweglichen Lettern, was eine wahre Revolution bedeutete, für die Art der Verbreitung von Wissen. Was in den Jahrtausenden zuvor mühsam als Handschriften angefertigt wurde, und entsprechend damit nur sehr wenigen Menschen zugänglich war, konnte sich ab Ende des 15. Jahrhunderts viel einfacher als Nachricht oder Wissen verbreiten lassen.

Hätten Martin Luther und andere Reformatoren, ohne die Buchdruck-Technik Gutenbergs die Bibel übersetzt? Vielleicht, doch kaum jemand hätte je davon erfahren. Wenn Luther zuvor zwar nur über die Freiheit des Christenmenschen schrieb, um damit einen jeden über die wahre Religionsgeschichte zu unterrichten, ermahnte er die Menschen aber gleichzeitig dazu, in ihrer ständischen Ordnung zu verharren. Das dies aber nicht lange gehalten werden konnte, zeigt uns die Geschichte, etwa mit dem Deutschen Bauernkrieg von 1524, der sich nur fünf Jahre nach Luthers Thesenanschlag ereignete.

Neben der Übersetzung der Bibel kamen natürlich eine ganze Reihe anderer Schriften in Umlauf, so dass sich dadurch auch neue Überzeugungen bilden konnten, über das Wesen des Seins jenseits religiöser Weltanschauungen. Auch der Beweis für einen eigentlichen Heliozentrismus (um 1650), der die Erde als Mittelpunkt der Welt für immer erübrigen sollte, trug das Seine dazu bei.

Insbesondere ab Ende des 18. Jahrhunderts kam es da zu einem Aufbegehren gegen monarchische Strukturen in Europa. Interessanterweise war das eine Entwicklung nicht nur auf weltlicher Ebene, sondern es schien sich auch etwas im Makrokosmos zu zeigen, dass man vorher noch nicht kannte. Die Entdeckung des Planeten Uranos, im Jahre 1781, ließ den bisherigen Kosmos einer klassischen Astrologie der sieben Gestirne (Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn) einstürzen.

Es scheint, als hätte sich so etwas mit noch einer enormeren Sprengkraft auch im Weltlichen ereignet, zumal um das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts sich mehrere Revolutionen ereigneten, die die staatlichen und sozialen Gefüge in ihren Grundfesten erschütterten:

Mit der industriellen Revolution, deren Auswirkungen ab dem Jahr 1760 überall sichtbar werden sollten, gingen natürlich auch politische Umwälzungen der Gesellschaftsstruktur einher. Zwar gibt es keinen direkten Zusammenhang aus rein historischer Sicht, doch es ist interessant, dass in den wenigen Folgejahren des Endes des 18. Jahrhunderts, etwa 1775, die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit vom British Empire erklärten und es 1789 zur Französischen Revolution kam, die zur Abschaffung der Stände führte. Die Konsequenzen all dessen sollten ganz wesentliche Impulse überall in Europa auslösen, die das damalige Königtum fundamental veränderten und auch zu einer baldigen Schwächung des Einflusses der Kirche führten.

Zuvor bildete die Hohe Geistlichkeit den ersten Stand im französischen Staat, der Adel den zweiten und den dritten Stand alle anderen: Die Bauern und die Bürger der Städte. Der dritte Stand kam auf für die Versorgung aller, doch hatte keine Rechte. Zur Abgabe der Zehnt-Steuer an den Klerus war jedoch auch der Adel verpflichtet – ein Brauch, der sich tatsächlich seit der Zeit des Patriarchen Abraham nicht geändert hatte, der ja selbst verpflichtet war dem Priesterkönig Melchisedek von Salem »den Zehnten von Allem« zu geben (Genesis 14:20).

Strahlkraft der Vernunft?

Anscheinend kam da das Eine zum Andern und man begann immer mehr all das in Frage zu stellen, wofür die Könige und der Klerus gestanden hatten, in den Jahrtausenden zuvor. Das aber war auch die Zeit, in der ja der größte Teil der Menschheit in dunkler Unwissenheit lebte, so dass sich die Tendenz entwickelt hatte, mit der Strahlkraft der Vernunft auf-klären zu wollen. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant, der ja in dieser Zeit der großen sozialen Umwälzungen gelebt hatte, schrieb über dieses Zeitalter der Vernunft:

Aufklärung ist der Aufgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

In der Zeit der Aufklärung ging es nun nicht mehr um den Glauben, sondern um Beweise. Wobei das Wort »Glauben«, vielleicht seine ursprüngliche Wortherkunft teilt, mit einem glauben als vermuten. Doch das ist nicht das Selbe. Eher doch ist der Glaube an eine aus der Transzendenz wirkende Kraft, auch ein »sich Einlassen« auf ein spirituelles System, dass der Seele zur Freiheit verhelfen soll und weniger dem Körperlichen dient, noch weiter in den Mittelpunkt des Bewusstseins zu gelangen. Letzterem, das heißt der Materie, aber begann man insbesondere mit der Aufklärung zu huldigen, da sich die Dinge der physischen Welt ja durch Maß und Technik beschreiben ließen.

Wären Klerus und Adel in den Jahrhunderten bis zur Französischen Revolution aber verantwortungsvoller mit jenen umgegangen, über die sie herrschten und ihnen nicht das Recht abgesprochen hätten ein menschenwürdiges Leben zu führen, sich als freier Mensch in der Welt zu bewegen und auch selbst über Eigentum verfügen zu dürfen: Wäre es da überhaupt zu einer solchen Umwälzung gekommen?

All das auf jeden Fall, ganz gleich ob der Glaube an einen Gott oder die alten Wissenschaften, die man heute in den Bereich des Okkultismus verdrängt hat, schien während der Aufklärung unter der Oberfläche des alltäglichen, vernunftgesteuerten Denkens zu versinken – zumindest aber unterdrückt worden zu sein. Was einst eine spirituelle Praxis der Alchemie bedeutete – wo man ja nicht nur verzweifelt versuchte Gold herzustellen, sondern vielmehr seines inneren Seelenlebens gewahr zu werden – sollte eben in dieser Zeit der Französischen Revolution durch einen Antoine Laurent de Lavoisier zu einer wissenschaftlichen Chemie werden.

Interessant ist, dass sich in dieser Herauslösung des Spirituellen aus den modernen Geisteswissenschaften, auch ergab, dass sich jene, die sich um die Pflege der Esoterik, das heißt der »Inneren Wissenschaften« verpflichtet sahen, nun in den Untergrund, sich ins Verborgene zurückziehen mussten.

Eine Geheimgesellschaft die vielleicht solch innere Wissenschaften betrieben hatte, war wohl der 1776 von dem deutschen Philosophen Adam Weishaupt gegründete Orden der Illuminaten. Interessanterweise aber wird diesem Orden auch unterstellt, dass durch sein Wirken es überhaupt zur Französischen Revolution kam und dem darauf folgenden, in ganz Europa stattfindenden Kampf gegen die katholische Spiritualität. Wandte man da im geheimen Untergrund Jahrtausende altes esoterisches Wissen an, um damit ganz weltliche Veränderungen einzuleiten?

Fest steht, dass es mit diesen Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Trennung von Offensichtlichem und Geheimem kam, von dem jedoch nur jene wussten, die schon einmal die »beiden Gesichter des Janus« gesehen hatten. Kaum verwunderlich wenn sich bereits zuvor, im Übergang ins 18. Jahrhundert, in Europa die ersten Logen der Freimaurer gründeten.

An der Oberfläche der neu entstehenden Staatengesellschaften kam es aber immer mehr zur Verhärtung eines Materialismus, was die Definition des Begriffs vom »Kapital«, durch den deutschen Philosophen Karl Marx, festigen sollte.

Auf Ebene des Bewusstseins aber entwickelten die Menschen eine wiederum neue Sicht auf die Dinge in der Welt, wurden sich, durch die allmählich gewonnene Fähigkeit zur Abstraktion, einer weiteren, der Vierten Dimension bewusst: Der Zeit. Was man als »Perspektivisches Denken« zuvor voraussetzen konnte, wandelte sich in der auf das Zeitalter der Aufklärung folgenden Moderne, in ein »Aperspektivisches Denken«. Da entstanden solch Künste, wie die durch den Spanier Pablo Picasso geprägte »Abstrakte Kunst« des 20. Jahrhunderts.

Leider aber ereigneten sich in diesem Jahrhundert auch die schlimmsten, durch Menschen verursachten Katastrophen aller Zeiten: Zwei verheerende Weltkriege, der Abwurf der Atombombe, sowie die vielen Völkermorde und der grausame Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland.

Der schweizerische Psychologe Carl Gustav Jung schrieb sogar von einem Ende der christlichen Epoche, als Beginn eines Zeitalters des Antichristen:

Das antichristliche Zeitalter hat es an sich, dass in ihm der Geist zum Ungeist wird und dass der lebendig machende Archetypus allmählich im Rationalismus, Intellektualismus und Doktrinarismus untergeht, was folgerichtig zu einer Tragik der Moderne führt, welche, wie ein Damoklesschwert, greifbar über unseren Köpfen hängt.

– Aus C. G. Jung: Aion – Beiträge zur Symbolik des Selbst

Wird sich also der Menschen erst in der Gegenwart bewusst jener uralten Annahme – wie sie vor etwa 3.000 Jahren ein Zarathustra oder später die Gnosis definierte –, dass es kein Gutes gibt ohne dass es ein Böses zu korrumpieren versucht? Ist dann das Böse sogar noch viel gefährlicher, je weniger man es als solches auszumachen vermag? Wie auch sollte man es erkennen, wenn es sich in diesen, jenen und anderen »Ismus« hüllt, worin der moderne Mensch ja versucht, ein eigentlich lebendiges Wesen der Dinge, kategorisch einzupferchen.

Schnell erkennt man, dass das Stellen solcher Fragen äußerst heikel ist, ja es wahrscheinlich sogar sehr gefährlich ist, sie überhaupt zu stellen. Denn bekommt man es als Mensch zu tun mit diesen absoluten Gegensätzen von Gut und Böse, die sich, wie uns besonders die jüngere Geschichte zeigt, in solch unschuldige Begriffe kleiden wie »Wohlfahrt«, »Existenzsicherheit« oder »Friede unter den Völkern«, wird einem schnell gewahr, dass damit nicht nur die Welt politisch zerreißt, sondern sich immer häufiger auch das Herzen des einzelnen Menschen in zwei Hälften zu spalten scheint.

Chancen für eine Menschheit der Gegenwart

Bei alle dem jedoch, ist uns heute etwas gegeben, wozu unsere alten Vorfahren noch keinen Zugang hatten. Denn mit den Erkenntnissen über das Wesen der Dinge, die uns eben auch ein wissenschaftlicher Skeptizismus lieferte, besitzen wir damit heute eine bewertbare Gegenüberstellung zur reinen Annahme eines gläubigen Vermutens. Daher ist uns, in dieser gegenwärtigen Epoche, scheinbar möglich geworden, die eigene Fähigkeit zur Innenschau zu entwickeln, die jeder üben kann, ohne dabei das Äußere ausschließen zu müssen.

Durch die sich immer weiter klärende Transparenz, die sich zwischen dem Beginn der Neuzeit bis ins Zeitalter der Vernunft entwickelte, wodurch der Mensch das Wesen seines Bewusstseins immer näher zu erkennen vermochte, widersprachen sich darin auftauchende Bewusstseinselemente nicht mehr als »Ratio« oder »Iratio«, sondern es konnte eine »Aratio« entstehen. Das heißt, dass jedem von uns heute eine gewisse Arationalität, oder sagen wir »Unvernünftigkeit«, dabei behilflich sein kann, den wirklichen Grund unseres Daseins und unsere vielleicht verschütteten Fähigkeiten, durch ein tieferes Eindringen in die Welt des individuellen und kollektiven Unbewussten, als geborgenen Schatz ans Tageslicht unseres Bewusstseins zu befördern. Denn wir Menschen sind heute dazu fähig, das in unser Leben zu integrieren, was unsere Vorfahren an Fähigkeiten entwickelt hatten. Der deutsch-schweizerischer Philosoph Jean Gebser bezeichnete die gegenwärtige Menschheitsepoche darum als »Integrale Zeit«.

Räume der Stille

Aus dem Wunsch nach Geistesleere und innerer Stille, vermag ein Mensch in sich einen Raum zu erschaffen, woraus er bewusst – etwa durch Visualisierung – geistige Dinge in der Welt manifestieren kann. Nicht mehr nämlich ist sein geistiges Wirken allein auf die Dritte Dimension, auf eine reine Materialität beschränkt. Vielmehr kann er durch allmähliches Auflösung seines Ego, sein Bewusstsein regelrecht systematisieren, um damit kreativ handelnd, Dinge in der Raumzeit der Vierten Dimension zu erschaffen – ja sich in Zukunft darüber gar zu erheben –, etwas, worauf bereits vor über 2.000 Jahren der Christus Jesus hingewiesen hatte, in dem berühmten Gleichnis vom Senfkorn in Matthäus 17:20:

So ihr Glauben habt nur der Größe eines Senfkorns, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! So wird er sich heben und euch wird nichts unmöglich sein.

Sich eines solchen großen Glaubens an das Mögliche zu vergewissern, sollte heute gewiss zu einer Überzeugung werden. Warum? Da sich unsere moderne Weltgesellschaft, in Gegenwart einer Vierten Industriellen Revolution, wie sie das Weltwirtschaftsforum bewirbt, in immer schlimmere Krisen verfrachtet. Und es sprechen sehr viele Argumente dafür, dass, wenn wir so weitermachen wie bisher – jeder von uns –, wir unweigerlich in die Katastrophe schlittern.

Selbst aber wenn eine Wahrscheinlichkeit zur Besserung unserer Verhältnisse auf der Erde nur noch sehr gering wäre, sollten wir trotzdem alles dafür geben, Möglichkeiten zu finden, mit denen wir die Voraussetzungen schaffen für ein gesundes und nachhaltiges Zusammenleben auf unserer Erde.

So lange noch, in Fragen des Lebens, eine kleine Chance besteht, sagen wir von ein oder zwei Prozent, solange darf man nicht aufgeben. So lange muss man versuchen, die Katastrophe zu vermeiden. Wenn man mit dem Leben handelt ist es etwas anderes, als wenn man mit Geld handelt. Wenn man Geld investieren will und nur zwei Prozent Chancen hat dass es einem nicht verloren geht, dann wird nur ein Narr es investieren. Wenn ein Mensch schwer krank ist und nur zwei Prozent Chance ist, dass sein Leben gerettet werden kann, wird die Medizin mit allen Mitteln versuchen, um wegen dieser zwei Prozent, sein Leben zu retten, für das die Chance so gering ist. Und es geht bei den gesellschaftlichen Fragen um das Leben der Menschheit. Man muss also den Standpunkt einnehmen: Wenn die Chancen auch ganz gering sind, so lange man den Glauben haben kann, dass doch noch fast ein Wunder geschehen kann, so lange man nicht beweisen kann, dass es unmöglich ist […] so lange muss man jeden Versuch machen […] die Menschen aufzuwecken.

- Der Psychologe Erich Fromm in einem Interview aus dem Jahr 1977

 

Das Heilige Symbol der Vesica Piscis

von S. Levent Oezkan

Die Christus-Mandorla - ewigeweisheit.de

Überschneidet man zwei Kreise so, dass die Bögen ihrer Radien jeweils durch deren Mittelpunkte verlaufen, erhält man eine markante geometrische Gestalt, die, wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Schwimmblase eines Fisches, der lateinische Name »Vesica Piscis« bezeichnet: die Blase des Fisches.

Zwei ihrer charakteristischen Merkmale machen aus ihr eine Form hoher Relevanz.

Zum einen erscheint die Vesica Piscis als mathematische Figur bei Euklid (im 3. Jahrhundert v. Chr.), dem berühmten griechisch-ägyptischen Mathematiker aus Alexandria. Er verwendete diese Figur zur Konstruktion eines gleichseitigen Dreiecks.

Auch der englische Geistliche John Venn (1834-1923) machte von ihren spezifischen Eigenschaften Gebrauch. Von ihm stamm das, was die Mengenlehre das »Venn-Diagramm« nennt. Für dieses Diagramm wird im Zirkel der Radius beibehalten, den man für die Konstruktion des Vesica Piscis verwendete; die Nadel aber sticht jetzt in einen der beiden Schnittpunkte der Vesica Piscis, worum erneut ein Kreis selber Größe gezogen wird. Hiermit entsteht das markante Bild des Venn-Diagramms (siehe Abbildung).

Zirkel und Winkelmaß: Werkzeuge der Freimaurer

Venn Diagramm der Farben - ewigeweisheit.de

Venn-Diagramm zur Veranschaulichung der Vermischung von Farblicht.

Es dürfte kaum verwundern, dass Zirkel (von lateinisch »Circulus«, die Kreisbahn) wie auch Lineal, seit dem Altertum für die Menschen von Bedeutung waren. Sie nämlich ermöglichen jede nur erdenkliche geometrische Konstruktion durchzuführen. Einzige Neuerung, die in den Bauhütten der Steinmetzbruderschaften eingeführt wurde, sollte der sogenannte »Rechte Winkel« sein. Dass es hier aber eine direkte Verbindung gibt zu den Bruderschaften der Freimaurer, darauf deutet ja bereits deren Emblem: Der Buchstabe »G« zwischen geöffnetem Zirkel und Rechtem Winkel (was es mit dem sibyllinischen »G« auf sich hat, dazu ein andermal mehr).

In der Freimaurerei auf jeden Fall wird die Vesica Piscis auch als Symbol verwendet, insbesondere in Form der Kragen, die von Beamten der freimaurerischen Rituale getragen wurden.

Auch die geheimen Siegel der Freimaurerlogen werden stets mit einer Vesica Piscis umwunden. Schließlich wussten sie als Kirchenbauer von ihrer spirituellen Bedeutung für die christliche Bilderwelt. Denn kaum zufällig spielt die Vesica Piscis in der dort verwendeten Symbolik, Heraldik und Baukunst, eine bedeutende Rolle. Besonders die Kathedrale im französischen Chartres, scheint viele Beispiele für die Verwendung der Vesica Piscis zu geben.

Die christliche Mandorla

In der christlichen Kunst findet man die Vesica Piscis vor allem in Darstellungen des Jesus Christus (siehe auch Titelbild), der meist aus ihr heraussteigt oder manchmal auch darin sitzt oder daraus hervortritt. So etwa enthält auch das berühmte Symbol des Ichthys (Aussprache des griechischen Akronyms »ΙΧΘΥΣ«: Jesus der Gesalbte Gottes Sohn Erlöser), das einen Fisch zeigt (typisches Symbol der Christenheit), die Form der Vesica Piscis.

Vesica Piscis, Chalice Well Brunnen im südenglischen Glastonbury - ewigeweisheit.de

Hier sieht man eine geschmiedete  Vesica Piscis, die sich auf der Innenseite des Deckels befindet, der den Brunnen Chalice Well im südenglischen Glastonbury schließt.

Aus gutem Grund also war dieses Symbol oft Gegenstand mystischer Spekulationen. Schon die Pythagoreer betrachteten die Vesica Piscis als heilige Figur. Sie benannten die Proportionen zwischen der Breite und der Höhe des Vesica-Piscis-Diagramms, in einem Verhältnis von 265: 153, was einer sehr guten Annäherung an die mathematische Quadratwurzel aus 3 entspricht: einem Faktor, der sich ergibt aus der Höhe zwischen der Linie der beiden Kreismittelpunkte (linker und rechter Kreis zur Konstruktion der Vesica Piscis) und dem Schnittpunkt der beiden Kreise.

Interessant dabei ist, dass der Teiler 153, eine bedeutende Zahl in der christlichen Mystik darstellt. Man findet die Zahl 153 zum Beispiel im Evangelium Johanni 21:11:

Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.

Diese Zahl jedoch hat noch weitere numerologische Bedeutungen in der christlichen Mystik, auf die an dieser Stelle jedoch nicht eingegangen werden kann (siehe aber im Lehrbuch der Numerologie von Johan von Kirschner).

Als Mandorla bezeichnet (lateinisch für »Mandel«), steht die Vesica Piscis als Symbol für den sichtbaren Ausdruck der Licht- und Heilskraft Christi. Als solche war sie im Mittelalter heiliges Sinnbild für alles Gottes- und Weltverständnis.

Ihrer Form gemäß lässt sich die Vesica Piscis durchaus auch als stilisierte Vulva interpretieren, wo sie quasi als Ursprung allen Lebens gilt (wie insbesondere Mariens Geburt des Heilands).

Im südenglischen Glastonbury (manche nennen den Ort »Avalon«), das ganz bedeutend ist für die Sage um König Artus, Morgan Le Fey und auch die Gralslegende, findet sich eine stilisierte Version der Vesica Piscis: da nämlich ist sie eingearbeitet in den Deckel eines Brunnens mit dem Namen »Chalice Well« (englisch für »Kelchbrunnen«, das heißt also »Brunnen des Grals«).

 

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Ikhwan As-Safa: Die Brüder der Reinheit und Treuen Freunde

von S. Levent Oezkan

Brüder der Reinheit - ewigeweisheit.de

Zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert, wirkte im irakischen Basra eine Bruderschaft muslimischer Eingeweihter. Basra war damals eine Stadt höchster Gelehrsamkeit, die die gesamte, damalige westliche Welt beeinflussen sollte. Die Mitglieder dieser aus dem Verborgenen wirkenden Bruderschaft aber, waren Asketen, die eine umfassende Enzyklopädie der Esoterik schufen, die nicht nur auf die Geheimbünde Europas ganz wesentlichen Einfluss ausüben sollte.

Die Angehörigen dieser Bruderschaft, bildeten eine Art Freimaurerloge, denn man war darum bemüht, das im inneren Kreis besprochene Wissen stets geheimzuhalten. Auch die in Deutschland entstandenen Rosenkreuzer-Logen, müssen in diesem Zusammenhang genannt werden, soll ihr legendärer Bruder C. R. ja mit eben genau dieser muslimischen Bruderschaft in Verbindung gestanden sein.

Im Kreise treu ergebener Gefährten

Der arabische Name dieser Bruderschaft lautet "Ikhwan As-Safa wa Khullan Al-Wafa wa Ahl Al-Damd wa Abna Al-Majd", was frei übersetzt soviel bedeutet wie "Brüder der Reinheit und treuen Freunde, Menschen, die des Lobes wert sind, Söhne der Herrlichkeit". Man nennt sie heute kurz die "Brüder der Reinheit", einem Namen, der einer alten Legende entstammt.

Es ist die persische Dichtung "Kalilah wa Dimnah", deren Titel sich aus den Namen der beiden Schakale zusammensetzt, Kalilah und Dimnah, die die Rahmenhandlung dieser Fabelsammlung bilden. Ihren Ursprung aber haben diese Fabeln eigentlich in der alten indischen Dichtung Panchatantra (wörtlich "Fünf Prinzipien") aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die aus der Feder des indischen Gelehrten Vishnu Sharma stammen. Sehr wahrscheinlich aber wurden diese Dichtungen aus einer mündlichen Tradition überliefert, die noch weit älter ist.

In der indischen Urfassung werden die beiden Schakale "Karataka und Damanaka" genannt: der "entsetzlich Heulende und der Sieger", die darin wohl für die menschlichen Eigenschaften von Pessimismus, Opferrolle und Zweifel auf der einen, sowie Optimismus, Vertrauen und Gelassenheit auf der anderen Seite stehen.

Die jüngere, arabische Version, die im 8. Jahrhundert in Basra, von dem persischen Autor Ibn al-Muqaffa (724-759) verfasst wurde, diente aber, wie auch die ursprünglich indische Fassung, nicht nur der Unterhaltung. Es waren vielmehr Lehrgedichte, die dem Zuhörer die fünf Prinzipien vom weisen Umgang mit anderen Menschen nahelegten: Über den Verlust von Freunden, das Gewinnen neuer Freunde, die Ursachen des Streits, die Trennung und schließlich die Vereinigung in Freundschaft.

Kalilah wa Dimnah

Im zweiten Abschnitt dieser Sammlung von Fabeln, die über das Gewinnen neuer Freunde spricht, ist die Rede von einer Taube, die mit ihren Freunden dem Netz eines Jägers entkommt. Diese Tiere nennt Ibn al-Muqaffa "Ikhwan As-Safa": Die treuen Freunde. Und es war die Maus die ihnen half zu enfliehen. Sie nämlich war so gnädig an den Maschen des Jägernetzes so lange zu nagen, bis sich ihre Tierfreunde daraus befreien konnten. Von dieser Selbstlosigkeit der Maus war einer der treuen Freunde, eine Krähe, nun so beeindruckt, dass sie bald Freundin der Maus wurde. Ihr schlossen sich bald auch eine Schildkröte und eine Gazelle an, die zu jenen treuen Freunden der Taube gehörten. Die Gazelle aber wurde erneut eingefangen. Doch es dauerte nicht lange, bis ihr die Freunde zu Hilfe kamen und sie durch sie wieder befreit wurde. Wegen ihrer Langsamkeit nun aber wurde nun die Schildkröte gefangen. Die Gazelle aber bot sich dem Jäger als Köder an, damit die anderen treuen Freunde die Schildkröte wieder befreien konnten. Am Ende aber waren alle Tiere in Sicherheit.

Aus dieser Fabel also ging der Name "Ikwhan al-Safa" hervor, da die Gruppe von Tieren, sich so eindrucksvoll umeinander kümmerten, frei von Selbstbezogenheit und Egoismus und daher eben "rein".

König Dabshalim besucht den Brahmanen Bidpay – ewigeweisheit.de

Auf dieser persischen Miniatur sieht man den indischen Radscha Dabschalim (links), der den brahmanischen Eremiten Bidpay in seiner Höhle aufsucht, um von ihm das wahre Geheimnis hinter der Fabelsammlung Kalilah wa Dimnah zu erfahren. Jener Eremit aber zitiert dabei auch aus den islamischen Überlieferungen des Koran.

Heilige Zeremonien, ausgerichtet nach den Sternen

Jene Bruderschaft, die sich also nach dieser Fabel den Namen "Brüder der Reinheit und Treuen Freunde" gab, trafen sich regelmäßig, an drei Nächten im Monat:

  • In der ersten Nacht, zu Anfang des Monats, hielt man gemeinsam Oratorien und gab persönlich Reden;
  • die zweite Nacht, die in der Mitte des Monats abgehalten wurde, beinhaltete Lesungen astronomischer und astrologischer Texte, unter freiem Sternenhimmel, wobei sich die Teilnehmer dem Polarstern zuwandten;
  • in der dritten Nacht schließlich betete man philosophische, metaphysische Hymnen (darunter das "Gebet von Platon", das "Flehen von Idris" oder die "geheimen Psalmen des Aristoteles").

Wahrscheinlich aber feierten sie auch drei Jahresfeste:

  • zum Eintritt der Sonne in den Widder (Frühlingstagundnachtgleiche),
  • in den Krebs (Sommersonnenwende) und
  • den Eintritt der Sonne in die Waage (Herbsttagundnachtgleiche).

All das ereignete sich wohl ganz im Sinne der Weisen von Harran, jener Stadt in Mesopotamien (heute Türkei), die im 7. Jahrhundert Zentrum der Alchemie und Astronomie gewesen war.

Einweihungsgrade der Brüder der Reinheit

Die Bruderschaft gliederte sich in vier Grade (oder Klassen), die sich aus ihrem "Seelenstand", dass heißt, aus ihrer moralischen Entwicklung und ihrem Alter ergaben:

  • Der "Handwerker" begann mit frühestens 15 Jahren dem Orden beizutreten. Er sollte sich da in Frömmigkeit und Mitgefühl üben.
  • Der "politische Führer" war jemand, der mindestens 30 Jahre alt sein musste, um so hohen Erfordernissen wie Großmut, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit gerecht zu werden. Sie nannte man auch die "Guten und Ausgezeichneten".
  • Jene die man die "Könige" nannte, waren mindestens 40 Jahre alt und waren gewissermaßen Juristen, die sich in der Gesetzgebung auskannten und stets der Wahrheit gemäß handelnd, als "Ausgezeichnete und Edle" bezeichnet wurden.
  • Alle die das 50. Lebensjahr vollendet hatten, durften den Kreis der "Propheten und Philosophen" betreten, dem letzten und höchsten Rang der Brüder der Reinheit. Den Titel dieses Kreises trugen sie, da man von ihnen so hohe Maßstäbe verlangte, die sie zu Koryphäen machten und die, hätten sie in der Zeit von Sokrates, Jesus oder Muhammad gelebt, mit diesen wohl auch hätten verkehren dürfen.

Rasail Ikhwan As-Safa: Die Enzyklopädie der Brüder der Reinheit

Berühmt sind die Brüder der Reinheit heute vor allem für das gigantische Schriftwerk, dass sie hinterließen. In 52 Briefen geht es da um so Themen wie Mathematik, Musik, Magie, Naturwissenschaften, Psychologie und Religion, wie darin auch ganz alltägliche und gesellschaftliche Themen besprochen werden. Die Brüder der Reinheit versuchten darin die Kenntnisse der Muslime zu vereinigen, mit dem damaligen Kenntnisstand der westlichen Philosophie und Wissenschaften. So erhielt die islamische Kultur, von innen heraus (esoterisch), eine ganz neue intellektuelle Dimension.

In diesen Briefen, die in der Geschichte der arabischen Literatur einen hohen Rang einnehmen, konzentriert sich das Wissen sufischen Denkens, denn es heißt darin zum Beispiel:

Wisse, oh Bruder, dass deine Seele möglicherweise ein Engel ist und in Wirklichkeit Eins werden kann, wenn du dem Weg der Propheten und der Meister der göttlichen Gesetze folgst.

- Aus dem Rasail Ikhwan As-Safa, 4. Buch

Die gesamte Schöpfung wird letztendlich zu Ihm (Allah) zurückkehren, da Er die Quelle ihrer Existenz, Substanz, Unsterblichkeit und Vollkommenheit ist.

- Aus dem Rasail Ikhwan As-Safa, 3. Buch

Im ersten Buch jener "Briefe der Brüder der Reinheit", das sich mit der Mathematik befasst, sind vierzehn Briefe enthalten. Diese Schriften sind Abhandlungen in Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Geographie und Musik, wie auch Traktate über Logik und Analysis.

Das zweite Buch befasst sich mit Naturwissenschaften und enthält siebzehn Briefe über das Wesen von Materie und Form, über Erzeugung und Vernichtung der Dinge, über Metallurgie, Meteorologie, sowie Untersuchungen über das Wesen der Natur, worin Pflanzen und Tiere klassifiziert werden. Auch Fabeln werden darin besprochen.

Mit Psychologie befasst sich das dritte Buch dieser Enzyklopädie. Es umfasst zehn Briefe über die Wissenschaften der Seele und des Intellekts. Es geht darin um die Natur des Intellekts und des Verstandes, die Symbolik zeitlicher Zyklen, die Essenz dessen was Liebe ist, Auferstehung, Hermetik von Ursache und Wirkung.

Im vierten Buch geht es um die Theologie. Darin wird in elf Briefen die Vielfalt religiöser Sekten besprochen, die Eigenschaften echten Glaubens, die Natur göttlicher Gesetze, Politisches, doch auch das Wesen der Magie.

Identität der Brüder der Reinheit

Eine Reihe von Theorien kreist um die Autoren dieser vier Bücher. Einige Mitglieder der Ikhwan As-Safa sind heute jedoch bekannt. Zu ihnen zählte etwa der arabische Freidenker und Dichter Abul Ala Al-Maarri (973-1057). Er war jedoch jemand, der die Dogmen der Religionen seiner Zeit (Islam, Judentum, Christentum und Zoroastrismus) vehement ablehnte, ja sogar scharfe Kritik daran übte. Al-Maarri pflegte einen asketischen Lebensstil und war strikter Veganer. Wenn wir zuvor sagten, dass Ziel der Brüder der Reinheit eine intellektuelle Vereinigung des Wissens im Westen, mit den Weisheiten des Islam gewesen ist, so trifft das wohl zu auf Al-Maarri, dessen bekanntestes Werk "Sendschreiben über die Vergebung" oft mit Dantes Göttlicher Komödie verglichen wurde.

Auch der islamische Theologe Ibn Ar-Rawandi (825–910) zählte zu den Mitgliedern der Ikhwan As-Safa. Man zählt ihn heute aber zu jenen, die man vielleicht als Gegener des Islam bezeichnen könnte. Und solch Betitelung hatte er sicherlich entsprochen, war die Vehemenz, mit der er gegen die Buchreligionen wetterte, doch wahrhaft ausgeprägt. Er prangerte Aberglauben und religiösen Dogmatismus gleichermaßen an, die stattdessen durch ein Recht auf Vernunft, gegen Traditionen, Gebräuche und Autorität, ersetzt werden sollten.

Wahrscheinlich war auch der berühmte persisch-islamische Theologe, Philosoph und Mystiker Al-Ghazali (1058-1111) von den Brüdern der Reinheit beeinflusst.

Offen bleibt jedoch, wer die anderen Mitglieder dieser Bruderschaft waren und wie viele ihr tatsächlich angehörten. Über sich selbst schrieben die Ikhwan As-Safa als  "Schläfer in der Höhle" (Rasail Ikhwan As-Safa, 4. Buch) – Wissende also, die sich in die Verborgengeut zurück gezogen hatten. Ihr Verheimlichen hatte wohl seine guten Gründe, denn sie waren sich durchaus bewusst, dass ihre esoterischen Lehren hätten zu Unruhen führen können. Sie wussten um das große Unglück der Nachfolger des Propheten Mohammed (as), hatten also guten Grund aus dem Verborgenen heraus zu wirken und unerkannt zu bleiben – ein Bewusstsein das sogenannten "Esoterikern" heute abhanden gekommen zu sein scheint.

 

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Schillers Ode an die Freude

Nach all dem politischen Wirrwarr und den Schrecknissen der Zeit, die auch Beethoven selbst erlebt hat, ist dieses Werk am Ende ein Appell, eine Sehnsucht nach Verbrüderung, nach Freude und Jubel, nach der Utopie eines Weltfriedens, nach einer Welt ohne Kriege und Zerstörung.

- Aribert Reimann, Berliner Komponist

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

Was den großen Ring bewohnet
Huldige der Sympathie!
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der Unbekannte thronet.

Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.

Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.

Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt,
Über Sternen muss er wohnen.

Freude heißt die starke Feder
In der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
In der großen Weltenuhr.

Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
Die des Sehers Rohr nicht kennt!

Froh, wie seine Sonnen fliegen,
Durch des Himmels prächtgen Plan,
Laufet Brüder eure Bahn,
Freudig wie ein Held zum siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel
Lächelt sie den Forscher an.
Zu der Tugend steilem Hügel
Leitet sie des Dulders Bahn.

Auf des Glaubens Sonnenberge
Sieht man ihre Fahnen weh'n,
Durch den Riss gesprengter Särge
Sie im Chor der Engel steh'n.

Duldet mutig, Millionen!
Duldet für die bess're Welt!
Droben über'm Sternenzelt
Wird ein großer Gott belohnen.

Göttern kann man nicht vergelten,
Schön ist's ihnen gleich zu sein.
Gram und Armut soll sich melden
Mit den Frohen sich erfreu'n.

Groll und Rache sei vergessen,
Unserm Todfeind sei verzieh'n.
Keine Träne soll ihn pressen,
Keine Reue nage ihn.

Unser Schuldbuch sei vernichtet!
Ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – über'm Sternenzelt
Richtet Gott wie wir gerichtet.

Freude sprudelt in Pokalen,
In der Traube gold'nem Blut
Trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut -

Brüder fliegt von euren Sitzen,
Wenn der volle Römer kreist,
Lasst den Schaum zum Himmel spritzen:
Dieses Glas dem guten Geist.

Den der Sterne Wirbel loben,
Den des Seraphs Hymne preist,
Dieses Glas dem guten Geist,
Über'm Sternenzelt dort oben!

Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwor'nen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,

Männerstolz vor Königsthronen, –
Brüder, gält’ es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!

Schließt den heil'gen Zirkel dichter,
Schwört bei diesem gold'nen Wein:
Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!

Rettung von Tyrannenketten,
Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
Gnade auf dem Hochgericht!

Auch die Toten sollen leben!
Brüder trinkt und stimmet ein,
Allen Sündern soll vergeben,
Und die Hölle nicht mehr sein.

Eine heit're Abschiedsstunde!
Süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Totenrichters Munde!

Ein Loblied himmlischer Euphorie

Der damals 26-jährige Friedrich Schiller dichtete im Jahr 1785 die Ode "An die Freude". Dies geschah auf Bitten seines Freundes Christian Gottfried Körner, für die Freimaurerloge "Zu den drei Schwertern" in Dresden. Zur etwa gleichen Zeit wollte ihn der Verlagsgründer Johann Christoph Bode dazu veranlassen der Freimaurerei beizutreten. Sein Freund Körner riet ihm jedoch sich von Bode abzuwenden, da er Schiller nur für den Illuminatenorden gewinnen wollte.

Im Sommer und Herbst 1785 auf jeden Fall, entstand auf Körners Bitte jene Ode, aus der durch Beethoven später die Hymne "Freude schöner Götterfunken" entstand. In einem Brief an Körner schrieb Schiller:

Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen: aber dies gibt ihm auch den einzigen Wert, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt, noch für die Dichtkunst.

Schillers bis daher sehr wechselhaftes Leben, das vor allem durch Geldsorgen belastet war, änderte sich durch seine Freundschaft mit Körner sehr. Auf dessen Weinberg in Dresden-Loschwitz, wohnte Schiller in den folgenden zwei Jahren bis Sommer 1787.
Trotz das seine Ode an die Freude bereits in ihrer Entstehungszeit äußerst populär war, hielt sie später Schiller keineswegs als eines seiner Meisterwerke.

Freude schöner Götterfunken

Musikalische Grundlage der Ode "An die Freude" bildet der letzte Satz der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Sie entstand im Jahr 1815. Beethoven hatte die Ode bereits in seiner Jugend kennengelernt. Die Vertonung von Schillers Hymne aber, sollte ihn fast sein ganzes Leben begleiten. Er war sich bis zuletzt nicht sicher, ob den Abschluss der Komposition ein Chor oder ein rein instrumentales Finale bilden sollte. Wahrscheinlich fiel die Entscheidung für den Chor erst gegen Ende des Jahres 1823. Hierzu verkürzte Beethoven den Text der Hymne auf 36 Verse, die er teilweise auch umgestellt hatte.

Eine europäische Hymne

Bevor man 1952 die dritte Strophe des Deutschlandliedes zur deutschen Nationalhymne bestimmte, verwendete man nach dem zweiten Weltkrieg, die Ode sogar als inoffizielle Deutschland-Hymne. Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi, Freimaurer und Begründer der Paneuropa-Bewegung, schlug 1955 vor, Beethovens Vertonung der Ode an die Freude, zur neuen europäischen Hymne zu erheben. Schließlich wurde sie in der Vertonung Beethovens, 1972 dann auch die offizielle Hymne des Europarats.

Johannes der Täufer: Heiliger Schutzpatron der Freimaurer

Johannes der Täufer: Heiliger Schutzpatron der Freimaurer

Johannes der Täufer - ewigeweisheit.de

Jährlich begehen die Freimaurer das Fest zu Ehren des Heiligen Johannes dem Täufer - dem Vorgänger Christi. Bewusst wählte man daher den 24. Juni - Johanni. Im Jahre 1717 wurde an diesem Tage, in der Gaststätte "Zur Gans und zum Bratrost" in London, feierlich die Großloge von England gegründet.

Es ist das Bundesfest der Freimaurerei, wo jedes Mitglied seine Zugehörigkeit zu einem die Erde umspannenden Bund bekundet.

Alljährlich am Johannistag trafen sich seither die Brüder aller Logen Londons und Westminsters, um einen Großmeister, einen Zugeordneten und die Aufseher zu wählen. In der schottischen Freimaurerei wurde dieser Brauch bis ins Jahr 1737 beibehalten. Auch in vielen deutschen Logen wurde an diesem Tage der neue Meister vom Stuhl eingesetzt, sowie dessen Amtswalter.

Doch Johannes der Täufer galt auch schon zuvor als Schutzheiliger der Zimmerleute.


Die übrigen Quartalsversammlungen fanden statt am Tag des Heiligen St. Michael (29. September), an Weihnachten (24. Dezember) und an Mariä Verkündigung (25. März). Mit dem Geburtstag des Heiligen Johannes, markieren sie die vier Stationen im Jahreslauf der Sonne. Bereits die alten Druiden hielten zu diesen Zeitpunkten ihre Hochfeste. Im christlichen Kontext vermitteln darum die vier kardinalen Punkte des Sonnenlaufs vier himmlisch-heilige Wesen:

  1. Sommersonnenwende: Der Heilige Sankt Johannes der Täufer.
  2. Herbsttagundnachtgleiche: Der Erzengel Sankt Michael.
  3. Wintersonnenwende: Der Christus Jesus.
  4. Frühlingtagundnachtgleiche: Der Erzengel Sankt Gabriel und die Heilige Mutter Maria.
Das Kreuz im Kreis - ewigeweisheit.de

Das Kreuz im Kreis ist ein astronomisches Symbol der Erde.

Diese vier Stationen im Jahreslauf symbolisiert das Kreuz im Kreis, wozu es in den Schriften zum ersten Freimaurergrad heißt:

In allen regulär-wohlgeformten und konstituierten Logen, gibt es einen Punkt im Kreis, um den die Brüder nicht irren können. Diesen Kreis schließen gegen Norden und Süden zwei parallele Linien, von denen die eine Moses, die andere König Salomon repräsentiert. [...] Im Umrunden dieses Kreises, müssen wir beide Linien berühren. Und während der Freimaurer um den Kreis geht, kann er nicht irren.

- 6. Abs. Vorlesung des Ersten Grades der Freimaurer

Drei gekreuzte Rosen: rot, rosa und weiß

Wichtigstes Symbol des Johannes-Festes der Liebe ist die Rose. Sie steht für die zur Mittsommerzeit voll erwachte Natur - jenem Datum also, dass den Tag des Heiligen Johannes dem Täufer markiert.

Die Rose ist ein absolut lebensbejahendes Symbol. Auch darum schmücken drei farblich abgestufte Johannisrosen die Arbeitsstätte des Freimaurers. Diese Zusammenstellung nämlich spiegelt seine Lebensdevise: Licht, Liebe und Leben. Am Johannistag schmückt er sich damit selbst. Als Rose werden auch die Bandschleifen auf ihren traditionellen Maurerschurzen bezeichnet.

Johannes der Täufer - ewigeweisheit.de

Johannes der Täufer. Teil eines Mosaiks in der Hagia Sophia in Konstantinopel (Istanbul).

Warum ist der Täufer Schutzpatron der Freimaurer?

Johannes der Täufer gilt den Freimaurern als personifizierte Integrität. Unerschütterlich war sein Glaube und seine Verpflichtung gegenüber Gott. Er war ein Cousin Jesus - doch vor Allem sein Wegbereiter.

Wahrlich ich sage euch: Unter allen, die von Weibern geboren sind, ist nicht aufgekommen, der größer sei denn Johannes der Täufer [...]

- Matthäus 11:11

Denn ich sage euch, dass unter denen, die von Weibern geboren sind, ist kein größerer Prophet denn Johannes der Täufer [...]

- Lukas 7:28

Der besondere Ort seines Wirkens war die Wüste. In jener stillen und einsamen Gegend, in den Auen des Jordans, dort suchten ihn seine Jünger auf. Hier lebte der Heilige Täufer, war gekleidet in einfache Gewänder aus Kamelhaar. Er stand ganz und gar jenseits allen materiell-weltlichen Besitzes. Er lebte regelrecht den Gegensatz von Üppigkeit und sinnlichen Genüssen. Als Prophet versuchte er die Menschen in ihren Herzen zu gewinnen und für die frohe Botschaft des Herrn zu erwärmen.

So übernahmen die Freimaurer das als Vorbild heiligen Strebens für ihr eigenes Wirken. Die Menschen kamen zu Johannes, um seiner Weisheit und seiner göttlichen Ermahnung zu lauschen. Er sprach in ihre Herzen, auf dass sie sich besserten und ihre Seelen erhoben würden.

Und alles Volk, das ihn hörte, und die Zöllner gaben Gott recht und ließen sich taufen mit der Taufe des Johannes.

- Lukas 7:29

Nicht also ging Johannes der Täufer von Ort zu Ort, um die Menschen für Gott zu gewinnen. Die Suchenden fanden ihn und kamen um in durch seine Predigten Trost und Kraft zu empfangen.

In diesem Sinne war Johannes also kein Missionar oder Prediger, der versuchte andere eines Besseren zu belehren. Wenn er nun also vielen Freimaurerbruderschaften bis heute als Schutzpatron gilt, wäre für ihre Mitglieder falsch, für etwas Position zu ergreifen, wie etwa im Kampf politischer oder religiöser Standpunkte. Das widerspräche dem, was die Freimaurerei unter ritueller Arbeit und allgemeinen Lebensführung versteht - jenem Werke am Bau des Salomonischen Tempels.

Johannes dem Täufer war es gleich, ob das, was er sagte, Gefallen oder Missfallen fand. Er sprach offen und ehrlich seine Ansicht aus, nannte sein Urteil. Da machte er weder Unterschied zwischen den Armen des Volkes noch ihren Königen, wie eben jenem gewaltigen Herodes. Trotz dass er sich damit in ein schweres Martyrium beförderte, hielt er unerschütterlich an seiner Überzeugung fest. Denn schonungslos wies er jene auf die inneren Makel ihres Lebens hin. All den äußeren Schein riss er nieder und enthüllte damit ihre Selbstgerechtigkeit.

Deshalb erschien er den Gründern der modernen Freimaurerei als vollkommener Heiliger. Johannes der Täufer verkörpert, wie kein anderer Heiliger, das Wesen der Arbeit dieser Bruderschaft. Vielleicht auch deshalb sind Diskussionen über politische oder religiöse Inhalte unter Freimaurern verpönt. Vielmehr gilt ihnen die fünf Grundpfeiler des Freimaurertums zu erfüllen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität.

 

Geschichte des Tarot

Geschichte des Tarot

Die aus alter Zeit stammenden Bilder des Tarot sind voller Andeutungen und Geheimnisse. Es sind esoterische Symbol-Schlüssel, mit denen sich dem Suchenden die esoterischen Wissenschaften der Numerologie, Kabbala, Astrologie und Hermetik eröffnen. Der vielgestaltige Symbolgehalt des Tarot und die geistreiche Zusammensetzung seiner Abbildungen, machen aus ihm eines der besten Werkzeuge für die Selbsteinweihung in die okkulte Tradition.

Woher aber stammen diese Bilderschlüssel des Tarot? Was weiß man über ihre Geschichte und Bedeutung? Was ist ihr innerstes Mysterium?

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - im Rider-Waite-Tarot.

Archetypen der menschlichen Psyche

Manchmal begegnet man an eigentümlichen Orten besonderen Figuren: in alten Kapellen, Gräbern, Höhlen, geheimen Gängen, in Grotten oder an wilden, unbewohnten Orten, lassen uns geheimnisvolle Bilder und Symbole aufmerken. Solche Symbole, wie man sie auch im Tarot findet, ähneln den archetypischen Bildern die uns nachts in unseren Träumen begegnen. Es sind Zeichen und Wegweiser auf den verborgenen Pfaden unserer Seele. Die Figuren des Tarot übersetzen solche Symbole für den Uneingeweihten. Durch ihre universale Bildsprache befördern sie eine für alle verständliche Ausdrucksform.

Für ein besseres Verständnis der Kartensymbole bietet die mystische Kabbala viele Hinweise. Beim Studium des kabbalistischen Lebensbaumes erkennen wir nach und nach auch die esoterischen Zusammenhänge der 78 Karten besser. Seine 22 Zweige korrespondieren mit den 22 Großen Arkana. Darum empfiehlt es sich diese Grafik eingehend zu studieren und über die darin abgebildeten Zusammenhänge zu meditieren.

Die 78 Urbilder des Tarot sind Teil des kollektiven Unbewussten (ein Begriff den der schweizerische Psychologe C. G. Jung einführte). Sie sind der Teil der Psyche, der seine Existenz nicht persönlichen Erfahrungen verdankt, sondern sich im Wesentlichen aus Motiven und Traumbildern zusammensetzt, die ihren Ursprung in der Kulturgeschichte der Menschheit haben. Es sind Bilder die in allen Märchen, Mythen und Legenden, in allen Kulturen wiederkehren. Die Symbole und Bilder des Tarot bilden eine psychische Grundlage aller Menschen. Insbesondere die Bilder der Großen Arkana - wie die Hohepriesterin, der Herrscher (auch: Kaiser), die Herrscherin, die Liebenden, der Stern, der Mond, die Sonne, die Welt, um einige zu nennen - sind Archetypen die jedem Menschen irgendwann bekannt sind.

All diese Bilder in unserer Psyche fügen sich als verschiedene Seelen-Aspekte zu einer inneren Einheit. Wie bei einer divinatorischen Tarotlegung treten in der Seele einer Person jeweils andere dieser Aspekte in den Vordergrund. Der eine hat mehr von dem Einen, der andere mehr von dem Anderen.

Die vielen archetypischen Grundwesenszüge aus denen sich unsere Seelenwelt zusammensetzt, lassen sich in den Weisheitsbildnissen auf den Tarotkarten entdecken. So ist das Tarot ein universales System zur Selbsterkenntnis.

Tarocchi-Spieler - ewigeweisheit.de

"Die Tarocchi-Spieler" - Fresco im Casa Borromeo (Milan, Italien) aus dem Jahre 1440.

Geschichte des modernen Tarot

Neben seinem spirituell-initiatorischen Aussagewert hat das Tarot vor allem auch Bekanntheit erlangt als Zukunftsorakel. Seinen wahren Ursprung verdunkeln aber die Schleier der Geschichte. Man kann letztendlich nicht genau sagen, ob die Karten morgenländischen oder abendländischen Ursprungs sind. Ebenso geheimnisvoll ist die Etymologie seines Namens. Es gibt viele Theorien darüber, woher die Begriffe Tarot, Tarosh, Tarock oder Tarocchi stammen.

Immer wieder gab es Versuche den Namen des Spiels mit Orten in Verbindung zu bringen. So sollen die Karten erstmals in der Nähe des norditalienischen Flusses Taro aufgetaucht sein. Dem widersprechen aber andere Historiker, die den Ursprungs des Tarot in der marokkanischen Gelehrtenstadt Fez sehen wollen. Auch dem burmesischen Dorf mit dem Namen Taro wurde bereits die Ehre zuteil, für den Ursprungsort des Kartenspiels gehalten zu werden. Es folgen der See Tarok Tso im Hochland von Tibet, während andere altkluge Forscher den Ursprung der Karten bei den präkolumbianischen Maya ausmachen wollen.
Auch soll das Tarot ein Erbe des altchinesischen Spiels Chaturunga sein, auf das auch die Entstehung des Schachspiels zurückgeht. Da man für die Karten der großen Arkana oft die Bezeichnung »Trumpf« (von ital. Trionfi) verwendet, lautet wieder eine andere Theorie, dass das Tarotspiel eine bildliche Darstellung der mittelalterlichen Triumphzüge und christlichen Karnevalsmärsche sei. Für die Kirche allerdings waren Spielkarten einfach nur ein Werk des Teufels. Man sah in Kartenspielen Überbleibsel eines zu verachtenden Heidentums, das nur der teuflischen Belustigung dienen konnte, durchtrieben von schwarzer Magie und Hexerei.

Manche Tarot-Karten hinterlassen beim Betrachter tatsächlich einen ziemlich finsteren Eindruck, wie etwa der Tod, der Teufel oder der Turm, oder die Schwertkarten der kleinen Arkana im Rider-Waite-Tarot. Sicher hat das zu missgünstigen Ansichten geführt, so das das Tarot-Spiel der Öffentlichkeit vorenthalten blieb. Wenn es nicht von vornherein nur ästhetischen Ansprüchen genügen sollte, wie etwa das Kartendeck von Visconti, diente die exoterische Variante des Tarotspiels allein der Unterhaltung.

Ardhanari - ewigeweisheit.de

Ardhanarishvara (ardha = halb, nari = Frau, ishvara = Herr, „der Herr, der halb Frau ist“) ist eine Mischgestalt des Gottes Shiva mit seiner Gemahlin Parvati.

Die vier Farben des Tarot-Spiels

Um 1435 entstand in Norditalien das Tarocchi. Wie das heutige Tarot setzt sich das Tarocchi aus 78 Karten zusammen. Damals erhielten die Farbenkarten der kleinen Arkana ihre Symbole: Stäbe, Schwerter, Münzen und Kelche. Auf den ersten Blick scheint es sich um christliche Symbole zu handeln, die sich mit Jesus von Nazareth (Stab: Lanze des Longinus; Kelch: Abendmahlskelch) und Johannes dem Täufer (Schwert des Henkers; Scheibe: Teller der Salomé) in Verbindung bringen ließen. Wahrscheinlich aber sind diese vier Symbole Insignien einer noch viel älteren Zeit, da die Vierheit von Stäben, Kelchen, Schwertern und Münzen, in ähnlicher Form auch in alt-irischen Sagen als Knüppel, Schwert, Kessel und Stein vorkommt.
Sogar im fernen Tibet bilden die vier Symbole von Vajra (eine Art Donnerkeil), Schwert, Glocke und Lotus (manchmal auch das Rad), wichtige Symbole bei der Initiation im Vajrayana-Buddhismus. Es sind heilige Symbole universalen Charakters, die die vier Weltrichtungen andeuten, wie auch die vier Sonnenstationen im Jahr.

Aus den vier Farben des alten Tarot entstanden außerdem die vier Farben der heutigen 52 Karten des französischen und des deutschen Blatts:

  • Kelche: Herz - Rot
  • Schwerter: Pik - Schippe
  • Münzen: Karo - Schellen
  • Stäbe: Kreuz - Eichel

Über den Ursprung der Spielkarten

Nach heutigem Kenntnisstand kamen die ersten Kartenspiele aus Fernost nach Europa. Die Idee Spielkarten zu drucken war vermutlich inspiriert vom Papiergeld-Druck, den es in China seit der Tang-Dynastie im 7. Jhd. gibt. Auch Spielkarten aus China und Korea, lassen sich bis ins 11. Jhd. zurückdatieren. Zwar gibt es keine Hinweise, doch es ist möglich, dass sich die Hersteller europäischer Kartenspiele von ihren chinesischen Zeitgenossen inspirieren ließen. Wahrscheinlich brachten heimkehrende Kaufleute die Spielkarten aus Fernost nach Europa. Denn im Frühmittelalter kam aus China auch die Idee des Papiergeldes auf den Handelsruten zu uns.

Der Tod - ewigeweisheit.de

XIII - Der Tod - aus dem Tarot-Unikat von Jacquemin Gringonneur.

Es gibt auch eine indische Legende über den Ursprung des Kartenspiels. Die Frau eines Maharadschas soll für ihren Mann das Kartenspiel erfunden haben. Damit wollte sie ihm helfen, sich von seinen schlechten Angewohnheiten abzulenken. Als Vorlage für die vier Kartenfarben verwendete sie die Symbole der vierarmigen Hindugottheit Ardhanari, einer androgynen Gestalt, zur einen Hälfte Shiva (männlich) und zur anderen Hälfte Devi (weiblich). In ihren Händen hält Ardhanarishvara einen Dreizack (Stäbe), eine Trommel (Kelche), ein Schwert (Schwerer) und einen Ring (Münzen; als Bhairava-Shiva hält der Gott statt eines Ringes eine Schädeldecke). Manchmal wird auch der indische Affengott Hanuman mit ähnlichen Symbolen abgebildet.

Kartenfarben und das indische Kastensystem

Dem Mythos nach flohen die Gypsies (Roma, Sinti) im ausgehenden 14. Jhd. aus ihrer kriegsgebeutelten, zentralindischen Heimat und begaben sich nach Europa. Da sie aber seitens der Inquisition durch den Ruf der Gottlosigkeit diskreditiert wurden, wanderten sie von Land zu Land, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Durch sie verbreiteten sich möglicherweise alt-indische Weisheiten im damaligen Europa und sie sollen es auch gewesen sein, die das vierfarbige Kartenspiel mitbrachten.

Die auf den Karten abgebildeten Tarotsymbole sollen von einer geheimnisvollen, verborgenen Schrifttafel stammen, die bis heute streng gehütet wird. Mit ihrem Ursprung werden oft die Farben des Tarot assoziiert, da sie den vier Varnas entsprechen: den vier Kasten, von denen sich die Vorfahren der Gypsies möglicherweise einst trennten (als die Dalit, die »Unberührbaren«).

Wenn die vier Tarotfarben tatsächlich auf das indische Kastensystem verweisen, ließe sich vielleicht folgende Zuordnung machen:

  • Priesterklasse der Brahmanen - Kelche,
  • Kriegerkaste der Kshatriyas - Schwerter,
  • Kaufleute der Vaishyas - Münzen,
  • Handwerker der Shudras - Stäbe.
Siebenerreihen des Tarot - ewigeweisheit.de

Drei Siebener-Reihen des Tarot (zusammengestellt aus dem Tarot de Marseilles).
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Die Arkana des Tarot

Von den 22 großen Arkana sagt man sie kämen aus Ägypten. Diese Theorie stammt ursprünglich von dem Theologen und Freimaurer Antoine Court de Gébelin (1719-1784). Diese Vortstellung verbreitete sich seit etwa 1781 in Europa.

Für den französischen Okkultisten Éliphas Lévi (1810-1875) stammten die 22 Tarot-Trümpfe aus der Geheimlehre der Kabbala, gibt es doch ebenso viele hebräische Buchstaben, von denen jeder einzelne, magische Eigenschaften hat. Er sprach von einer umfassenden Wissenschaft der Hieroglypen, denen die 22 Buchstaben zu Grunde lagen. Hinter jedem dieser Buchstaben stand eine göttliche Vorstellung, denen als Grundlage wiederum die Zahlen als perfekte Symbole dienten.

Der okkultistische Autor Arthur Edward Waite (1857-1942) suchte den Ursprung der Bilder der 22 Großen Arkana bei den Albigensern (Katharer), den jener Überlebende vom Montségur, Ende des 13. Jhd. in seinem sagenhaften Schatz gerettet haben könnte.

Gemeinsam mit den vielleicht aus Asien stammenden 56 kleinen Arkana auf jeden Fall, wurden sie zu den uns heute bekannten 78 Tarotkarten. Es könnte gut sein, dass das Tarot also erst in Europa seine bis heute erhaltene Form angenommen hat. Ziemlich wahrscheinlich wurden die Karten schon bei ihrem ersten Auftreten im 14. Jhd. zum Wahrsagen und als Schlüssel zur Entwicklung eines magischen Weltbilds verwendet. 

Eine erste schriftliche Erwähnung des Kartenspiels gibt es aus dem Jahre 1377: ein Mönch eines schweizerischen Dominikanerklosters in Brefeld, beschrieb die Karten als »genaue Abbilder der Weltordnung«. 1378 tauchen die Karten dann auch in Regensburg auf, wurden aber bald verboten. In Belgien werden im Jahre 1379 die Karten von Johanna Herzogin von Brabant gekauft. 1380 werden die Karten in Nürnberg wieder erlaubt, während man sie im französischen Marseilles, ein Jahr später als Teufelswerk wieder verbietet. In Florenz erscheint 1393 eine Liste von Spielen, unter denen die Karten als erlaubt aufgeführt werden. Es ist kaum anzunehmen, dass die Parallelität der historischen Phänomene der Ankunft »indischer Fahrender« (Gypsies, Zigeuner) und die rasante Verbreitung des Tarot, sowie anderen okkulten Gedankengutes in Europa, reiner Zufall waren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - aus dem Visconti Sforza Tarot von Bonifacio Bembo (1420–1477).

Um 1423 werden die Karten von St. Bernadin von Siena verurteilt und erneut verboten.

Trotzdem setzte sich im Volk die Nachfrage nach Spielkarten gegen den religiösen Widerstand durch. Gegen Mitte des 15. Jhd. gediehen Kartenmanufakturen in Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien. Im Hinblick auf die Vielfalt der neuen Spiele und Spielkarten, die seit dieser Zeit entwickelt wurden, ist es erstaunlich, wie sich durch die Jahrhunderte hindurch, die komplexen und rätselhaften Darstellungen der Tarotkartenbilder, bis in die heutige Zeit hinein erhalten haben.

Im Auftrag Karls VI. von Frankreich gestaltete der Maler Jacquemin Gringonneur im Jahre 1392 drei vergoldete Kartenspiele, zum Zeitvertreib des Fürsten. 1392 war auch das Jahr, als Karl VI. leider seinen Verstand verlor!
Über Gringonneur heißt es, er hätte in Paris mit dem berüchtigten Alchemisten und Goldmacher Nicolas Flamel in Verbindung gestanden. So Gestalten wie Flamel, verfügten natürlich über ein ganz tief reichendes, esoterisches Wissen. Wer sich mit so jemandem traf, der muss eine wohl ebenso geheimnisvolle Person gewesen sein.

Gringonneurs Tarotset könnte sehr gut die Vorlage für spätere Spiele gewesen sein - wie z. B. das Visconti-Sforza-Tarot von Bonifacio Bembo, einem der ältesten erhaltenen Tarotspiele Europas. Das Visconti-Tarot besteht allerdings nur aus den 22 Symbolen der großen Arkana. Die italienischen Tarotkünstler des 15. Jhd. nannten die 22 großen Arkana - trionfi -, Trümpfe. Später hießen die Karten einfach »Tarocchi«, was das Spiel mit den 78 Karten bezeichnet. Aus Tarocchi leitet sich wahrscheinlich das französische, englische und deutsche Lehnswort »Tarot« ab.

Sol - ewigeweisheit.de

Sol - die Sonne - aus dem Tarot de Mantegna von Andrea Mantegna (1431-1506).

Ebenfalls Vorläufercharakter hat das Tarocchi di Mategna (um 1470). Es enthält belehrenden und erbaulichen Inhalt und wurde wahrscheinlich vom italienischen Kupferstecher Andrea Mantegna (1431-1506) geschaffen. Auch wenn es kein eigentliches Tarotspiel ist, lassen sich seine Bilder mit den Darstellungen der großen Arkana vergleichen. Albrecht Dürer (1471-1528) nahm die Mantegna-Karten als Vorbild für seine 21 Federzeichnungen, die heute bekannt sind als das »Albrecht-Dürer-Tarot«.

Ende des 15. Jhd. entsteht das Tarot des Marseilles, dessen Bilder sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen. Neben dem Rider-Waite-Tarot ist das Tarot de Marseilles zu einem Standard-Tarotset geworden, von dem es zahllose Varianten gibt.

Tarot und Freimaurerei

Immer wieder wurde die besondere Symbolik des Spiels Gegenstand intensiver Studien seitens spiritueller Logen. Man glaubte in den Karten Verbindungen zu den ältesten philosophischen Systemen der Menschheit zu finden. Da die Sichtweisen und Meinungen über den wahren Ursprung in den vergangenen 700 Jahren jedoch stark differierten, lieferten sich Esoteriker erbitterte Debatten über die wahre Bedeutungen der Tarot-Bilder. Eine Theorie besagt, dass das ursprüngliche Tarot, das kleine Arkanum bildet. Andere ließen nur die 22 großen Arkana als echtes Tarot gelten, während wieder andere behaupten, dass nur mit allen 78 Karten ein Tarotspiel »richtig« sei. Auch wenn sich letztere Variante durchgesetzt hat, unterscheidet man zwischen 22 großen und 56 kleinen Arkana (lat. arcanum: Geheimnis).

Der Magier - ewigeweisheit.de

I - Der Magier - aus einem Tarot-de-Marseilles-Deck des Künstlers Jean Dodal (Lyon).

Im 18. Jhd. interpretierte man das Tarot völlig neu. Mit der damals aufkommenden, jahrzehnte dauernden Okkultismuswelle, gab es eine regelrechte Flut an Neugründungen geheimwissenschaftlicher Bünde und Bruderschaften. Der Theologe und Alchemist Samuel Richter gründete 1710 den Orden des Gold- und Rosenkreuzes. 1767 organisierte sich um den Franzosen Martinès de Pasqually (1727–1774) der freimaurerische Martinistenorden. 1776 wurde in Ingolstadt der Illuminatenorden von Adam Weishaupt gegründet. Es war auch die Zeit der legendären Grafen Cagliostro (1743-1795) und Saint-Germain (1710-1784).

An anderer Stelle haben wir bereits über Antoine Court de Gébelin gesprochen. Er gilt als Vater des esoterischen Tarot. Für Gébelin waren die Tarot-Bilder Nachbildungen des geheimnisvollen Buches Thoth (Thoth, auch Toth oder Tehuti, war der alt-ägyptische Gott der Magie, der Schreiber und der Wissenschaften). Damit traf Gébelin den Nerv der Zeit, denn damals wurde dem Land der alten Ägypter eine wachsende Aufmerksamkeit entgegengebracht.
Jeder wollte die Bilder dieses außergewöhnlichen und kostbaren Buches kennenlernen. So wurde Gébelins Theorie populär und fand zahlreiche Unterstützer. Für Gébelin bewahrten die Tarotbilder die uralten Weisheiten der alt-ägyptischen Kultur. Sie warteten nur darauf, so Gébelin, eingeweihten Augen ihre Geheimnisse preiszugeben. In seinem 1781 erschienen Werk »Le Monde Primitif« schrieb er:

Das Tarot ist rein ägyptischen Ursprungs. Seine 22 großen Arkana aber können nur Eingeweihte deuten.

Etteilla - ewigeweisheit.de

Etteilla: Pseudonym des Franzosen Jean-François Alliette (1738-1791).

Das erste Tarot-Buch

Jean-François Alliette (1738-1791), ein Pariser Barbier und Perückenmacher, war der erste Autor, der 1783 zu den Bildern des Tarot ein Buch mit Erklärungen verfasste. Unter dem Pseudonym »Etteila« (der Name Aliette, rückwärts geschrieben) veröffentlichte er bis 1787 verschiedene Bücher und Tarotspiele oder versah sie mit einigen Neuerungen. In einem seiner Bücher behauptet er, dass er angeblich die genauen Entstehungsjahre des Buches Thoth kenne: 1828 Jahre nach der Erschaffung der Welt und 171 Jahre nach der Sintflut. Diese und andere seiner Geheimlehren waren über Jahre in der französischen Okkultszene sehr populär. Alliette war außerdem der erste professionelle Kartenleger Frankreichs.

Das Tarot im 19. und 20. Jahrhundert

Alphonse Louis Constant (1810-1875), besser bekannt unter dem Namen Eliphas Levi, war ein französischer Diakon, Schriftsteller und Zeremonialmagier. Er gilt als Wegbereiter des modernen Okkultismus. In seinem 1854 erschienen Buch »Dogme et Rituel de la Haute Magie« (Dogma und Ritual der Hohen Magie) bezeichnet er das Tarot als wichtigste Informationsquelle zur Erklärung esoterischer Geheimnisse. Laut Levi sollte ein Gefangener der nichts als ein Tarot besäße, mit dem er sich ausgiebig beschäftigt, die Möglichkeit haben ein Kenner seiner selbst, der Welt und der Götter zu werden. Er fand zudem, dass die Tarotkarten sehr eng mit dem System der Kabbala zusammenhängen. Die 22 großen Arkana waren mit den 22 hebräischen Buchstaben, die vier Farben der kleinen Arkana mit den vier alchemistischen Elementen und den vier Buchstaben des göttlichen Namens JHVH verknüpft. Mit seinem Wissen über das Tarot, die Kabbala und die Magie, beeinflusste Levi ganz maßgeblich die Entwicklung der New Thought Bewegung im 19. und 20. Jhd. Seine Einflüsse finden sich in den Schriften Helena Blavatskys, seine Lehren durchdringen die Schulen des französischen Okkultismus (Papus) und durch die Übersetzung seiner Schriften ins Englische, gelangte er auch in die Kreise des Golden Dawn.

Rider-Waite-Smith-Tarot - ewigeweisheit.de

Das Ass der Kelche im Rider-Waite-Smith-Tarot.

Levis Schriften beeinflussten die Arbeiten des schottischen Freimaurers Samuel Liddell Mathers und Dr. Wynn Wescott. Auch der amerikanische Freimaurer Albert Pike zitiert in seinem Buch »Morals and Dogma« passagenweise aus dem »Dogme et Rituel de la Haute Magie« von Eliphas Levi. Das Golden-Dawn-Tarot Mathers' unterschied sich allerdings von dem Levis', schon alleine deshalb, weil er die Karte »Der Narr« nicht als 22. Karte nummerierte. Stattdessen setzte er sie an den Anfang der Folge mit der Ziffer 0, was später von Edward Arthur Waite und Aleister Crowley übernommen werden sollte.

Im Jahre 1910 veröffentlichte Waite, einstiges Mitglied des Golden Dawn, sein berühmtes Rider-Waite-Tarot. Die Illustrationen der 78 Karten malte die englisch-jamaikanische Künstlerin Pamela Colman Smith. Dieses Set bildet heute das weltweit gängigste Tarotspiel. Es ist das erste Tarot, das die bildliche Darstellung kunstvoll ausgearbeiteter Szenen, auch auf die kleinen Arkana ausdehnte. Damit erweitereten Waite und Coleman Smith die ursprünglich einfache, formale Anordnung der Farbenzeichen, wie sie etwa im Tarot de Marseilles dargestellt wurden.

Zu den originellsten und ungewöhnlichsten Tarotspielen gehört das von Aleister Crowley und Lady Frida Harris entworfene »Book of Thoth«. Crowley trat 1898 dem Golden Dawn bei, geriet später jedoch mit Mathers aneinander und gründete daraufhin im Jahre 1905 den Orden des Silbernen Sterns. Sein Tarotspiel wurde 1944 in London gedruckt. Zwar basiert es auf den Zuordnungen des Golden Dawn, die Abbildungen und Namen modifizierte Crowley aber nach seinem eigenen System. Das die Kartendecks des Rider-Waite-Tarot oder des Tarot de Marseilles, heute populärer sind als Thoth-Tarot, mag möglicherweise daran liegen, dass Crowleys teils extreme Ideen von anderen Okkultisten abgelehnt wurden.

Pamela Colman Smith - ewigeweisheit.de

Pamela Colman Smith (1878-1951): Die Illustratorin des Rider-Waite-Tarot.

Crowley führte in seinem Tarot-System eine Neuerung ein: Da jede der 22 großen Arkana jeweils einem hebräischen Buchstaben entspricht, können die einzelnen Karten in die 22 Pfade des kabbalistischen Lebensbaumes integriert werden. Damit ist Crowleys Kartenspiel nicht nur ein divinatorisches Werkzeug, sondern bildet ein Einweihungssystem und eine Methode zur Selbsterkenntnis.

Die Smaragdene Tafel von Thoth dem Atlanter

Zusammenfassend ließe sich sagen, dass wahrscheinlich indische, ägyptische und jüdische Geheimlehren zur Entwicklung der Tarotkarten beitrugen. Trotzdem lässt sich die tatsächliche Herkunft des Tarot nicht eindeutig einem Ort auf der Erde zuordnen. Vielleicht existiert der Ort seines Entstehens heute nicht mehr auf der Erde. Laut mancher Legenden soll das Land wo einst die Bilder des Tarot entstanden, mit der Sintflut verschwunden sein. Der geheimnisvollen Akasha-Chronik können manche Medien entnehmen, dass die Priester von Atlantis kurz vor dem Untergang des Kontinents, all ihr Wissen in Form von Bildern festhielten. Wollten sie diese Bilder vor dem Vergessen bewahren?

In grauer Vorzeit, so heißt es, erfand der ibisköpfige Gott Thoth die Schrift und gravierte sie in die Smaragdene Tafel (Tabula Smaragdina). Damit gab Thoth den Menschen alles Wissen , dieser Welt. Die Eingeweihten sollten dieses Wissen bewahren und bewachen. Die auf Papyri gemalten Symbole und Zeichen bilden das »Buch des Thoth«. Schon Apollonius von Tyana, wie später auch Raymondus Lullus, nahmen in ihren Schriften Bezug auf dieses uralte Buch.

Aleister Crowley - ewigeweisheit.de

Aleister Crowley (1875-1947): Erschaffer des Thoth-Tarot (1935).

Jenes sagenhafte Werk des altägyptischen Schreibergottes Thoth bezeichnete Antoine de Gébelin als esoterisches Unterweltsbuch. Darin sei eine Landkarte der Unterwelt wiedergegeben, auf der sich sieben Tore befinden, die von sieben Torhütern bewacht werden, die der Jenseitsreisende (verkörpert in der Karte »Der Narr«) durch sieben Losungsworte passieren darf. So kann er das sagenhafte Totenreich der Göttin Amentet betreten und daraus auch wieder ins Diesseits zurückkehren. Im Totenreich kostet er von der Milch sieben heiliger Kühe, überwindet zweimal sieben Hügel und durchschreitet dreimal sieben Pforten, um in der Unterwelt, zur strahlenden Sonne des Osiris zu kommen.

Diese Siebener-Reihen (7, 14, 21) waren für Gébelin ganz eindeutig dreimal sieben Einweihungsstufen, die der Neophyt auf dem Weg zur Meisterschaft durchschreiten muss. Jede dieser Stufen repräsentiert eine der Karten des Großen Arkanums.
Auf der 21. Stufe (im Tarot die Karte »Die Welt«) erhielt er schließlich ein allumfassendes Bewusstsein, mit dem er als Erleuchteter in die diesseitige Welt zurückkehrte.

Suche nach dem Gral - Suche nach dem Selbst

von Johan von Kirschner

Der Heilge Gral - ewigeweisheit.de

Viele haben vom Heiligen Gral gehört, nur wenige aber wissen um seine wirkliche Bedeutung und Kraft. Die Legenden, die diesen sonderbaren Gegenstand umranken, wurden von den Troubadouren im mittelalterlichen Europa besungen. In ihrer Minnedichtung ging es um die »große Queste«: die Suche nach einem Objekt sakraler Vollkommenheit.

Queste – da klingt das englische Wort »Question« an – die Frage nach dem was ist, ein Suchen nach Antworten auf die Frage nach dem innersten und essentiellen Wesen des Selbst. Letztendlich eine Suche nach Gott. All das vereint in sich das Wort Gral.

Im Mittelalter kamen Legenden von solch einem Kuriosum, nur durch Troubadoure und Meistersinger unters Volk. Kaum jemand konnte damals lesen. Für denjenigen, der die große Gralsgeschichte Parzival verfasste, war das anscheinend nicht anders: Wolfram von Eschenbach sagte über sich selbst, Analphabet gewesen zu sein und der schriftlichen Sprache gar nicht mächtig. Anscheinend dichtete er aus freien Stücken, lernte auswendig. Das muss ihm ja aber einer diktiert haben, und da wird als Quelle angegeben Kyot de Provence, ein französischer Troubadour, der Kontakt hatte mit Wolfram. Wahrscheinlich trafen die beiden zusammen auf Wolframs Residenz im Odenwald, der Wildenburg- Dort erfuhr er von Kyot die geheimnisvolle Geschichte von der Suche nach dem heiligen Gral. Natürlich war es nichts, das sich Kyot selbst ausgedacht hatte, sondern seinerseits auf die Geschichte kam, im spanischen Toledo. Er selbst fand dort einst eine arabische Handschrift, die ein persisches Märchen erzählt.

Wenn man das Wort »Gral« betrachtet als was es in den Legenden erscheint, dann ist es manchmal ein Kelch, manchmal ein Stein, doch manchmal auch eine Perle – und das Wort Gral auf persisch, »gohar al«, ist die Perle der Weisheit. Von einer »kostbaren Perle« liest man auch im Matthäus-Evangelium. Insbesondere die Akten des Apostels Thomas, erzählen eine ganz wunderschöne Geschichte, die für die christliche Gnosis des 3. Jhd. n. Chr. und die Manichäer, von hoher Bedeutung war: »das Lied von der Perle«. Wie in Wolframs Parzival, ist in diesem gnostischen Märchen, ein Prinz auf der Suche nach einem besonderen Gegenstand. In seinem Fall ist es ein geheimnisvolle Perle. Sie soll er den Fängen eines Drachen entreißen. Der Prinz ist ein Sinnbild für die Seele. Und die Suche nach der Perle symbolisiert die Reinheit und Weisheit dieser Seele – die Gnosis. Dem dualistischen Weltbild der Manichäer, ähneln die Vorstellungen der zwischen dem 10. und 15. Jhd. in Europa lebenden Bewegung der Bogomilen – der »Gottesfreunde«. In ihrer Philosophie standen ihnen die Katharer und Albigenser Südfrankreichs nahe. Sie assimilierten Teile der manichäischen Philosophie.

Wolfram von Eschenbach - ewigeweisheit.de

Wolfram von Eschenbach - Illustration aus dem Codex Manesse (UB Heidelberg) um 1305.

Die Ahnen des Gralsgeschlechts

Im alten Perser war Ahura Mazda der Gott des Lichts. In der alten zoroastrischen Religion stand er im Mittelpunkt als höchster Gott des Lichtreiches. Bei Wolfram beginnt die Ahnenreihe der patrilinearen Linie mit dem Namen Mazadan, worin dieser Gottestitel anklingt. Ahura Mazda war Mazadans himmlischer Vorfahre, letzterer, wenn man so will, Ahura Mazdas irdische Inkarnation. Mazadan hatte mit Ter de la Schoye, einer Fee aus Avalon, zwei Söhne: Brickus und Lassalies. Brickus war der Vater von Uther Pendragon. Uther und Igraine, die eigentliche Gattin des Gorlois von Cornwall, wurden die Eltern des jungen Artus, dem späteren König der Tafelrunde.

Mazadans anderer Sohn Lassalies, wurde Vater von Addanz von Britannien, der seinerseits Vater des Gandin werden sollte. Gandin und Schoette zeugten Gamureth – den großen Streiter und Vater des Helden Parzival. Das ist die aus dem alten Perserland entsprungene, patrilineare Abstammungslinie der Gralssippe.

Die matrilineare Ahnenreihe geht auf das sagenhafte Troja zurück. Bestimmte Personen in dieser Abstammungslinie sind eng verbunden mit den bekannten Insignien und Symbolen, die mit dem Gralsmysterium assoziiert werden. Das ist einmal die Heilige Lanze, ein andermal der Kelch. Der Held Achilles hielt in seiner Hand diese Lanze, als er die Heere anführte bei der Eroberung Trojas. Diese Geschichte galt später als symbolisches Vorbild der römischen Centurionen, von denen einer für das spätere Christentum, ja eine wichtige Rolle spielen sollte: Longinus. Dieser Hundertschaftführer war angeblich im Besitz der Lanze des Achill, von der wir in der alten Sage vom Trojanischen Krieg erfahren. Mit ihr soll er dem sterbenden Jesus in die Seite gestochen haben, um ihn von den Kreuzesqualen zu erlösen. Im Kontext Alt-Trojas steht auch ein magisches Gefäß. Tros, der Ahnherr Trojas, hatte einen Sohn, Ganymed, der eine heilige Schale besaß. Mit ihr kredenzte er den Göttern auf dem Olymp den Trank der Unsterblichkeit – die Ambrosia. Es sollte diese magische Trinkschale über viele Generationen hinweg, weitergereicht werden, bis sie schließlich in die Hände von Joseph von Arimathäa kam. Er war ein reicher Jude und Jünger Jesu Christi. Mit dieser heiligen Schale, die identisch mit dem Kelch des Abendmahls ist, sammelte Joseph das Blut auf, das aus dem Körper Jesu, nach dem Lanzenstich des Longinus, aus seiner Seite rann. Von Pontius Pilatus erbat er sich den Körper des verstorbenen Heilands und legte ihn, in das für ihn selbst vorgesehene Grab auf Golgatha. Der mit dem Blut des Christus gesegnete Kelch wurde schließlich zum Symbol des heiligen Grals.

Stammbaum der Gralsfamilie - ewigeweisheit.de

Schaubild: Stammbaum der Gralsfamilie.
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Titurel - der erste Gralshüter

Die Römer waren sehr stolz auf ihr altes trojanisches Erbe. So auch der nach Jesus Zeiten lebende Kaiser Vespasian. Er soll maßgeblich an der Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem beteiligt gewesen sein. Einer seiner Feldherren, Parille (das ist die westliche Variante des Namens Beryllus, der Stein), wurde einer der Vorfahren der Franken. Als großen Feldherrn belohnte man Parille mit viel Ländereien in Franken, d. h. dem heutigen Frankreich. Er heiratete die Argusille, die Tochter Kaisers Vespasian, mit der er einen Sohn hatte: Titurisone. Er ist die erste Person, die relevant ist in der Gralserzählung des Wolfram von Eschenbach. Titurisone vermählte sich später mit Elizabel von Aragon, einer spanischen Fürstentochter. Ihr Sohn, Titurel, sollte dann erster Gralskönig werden. Er errichtete die Gralsburg auf dem Montsalvatsch – dem Mont Salvationes, dem gesegneten Berg. Dort lebten gemeinsam mit Titurel, die sogenannten Tempeleisen, Ritter am Gral. Ganze 400 Jahre sollen Titurel und seine Ritter auf dem Montsalvatsch gelebt haben. Im Alter von unglaublichen 400 Jahren, empfing Titurel eine göttliche Eingebung. Er sollte sich vermählen und für Nachkommen der Gralssippe zu sorgen. Er heiratete die Richaude, die ihm den Frimutel gebar. Frimutel vermählte sich mit Klarissa. Sie wurden die Eltern der berühmten Gralsfamilie, über die wir im Folgenden sprechen wollen.

Die Kinder von Frimutel und Klarissa waren der sagenhafte Fischerkönig Amfortas, der Eremit Trevrizent, die Gralsjungfrau Repanse de Schoye und Herzeleide. Sie war Gemahlin des oben erwähnten Gamureth, aus der patrilinearen Ahnenreihe der Perser, mit dem sie einen Sohn hatte: Parzival. Doch Gamureth kam im fernen Babylon ums Leben. Um ihr einziges Kind vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren – denn er war alles was ihr geblieben war –, begab sie sich mit ihrem Sohn, ängstlich und verzweifelt, in die Einöde von Soltane. Dort lebten sie in der Isolation der Wildnis. Herzeleide wollte um jeden Preis verhindern, dass ihr Sohn Parzival auch ein Ritter wird, dem das gleiche Schicksal widerfährt, wie seinem Vater Gamureth. In Wolframs Parzival verkörpert sie Abhängigkeit in Person. Dies hatte sich selbst auf ihren Sohn übertragen. Sie hatte sich mit Parzival einen »Ersatzmann« geschaffen – wozu man heute vielleicht »Ödipuskomplex« sagen würde. Der kleine Parzival war völlig unselbstständig, völlig abhängig von seiner Mutter, hatte keine Vorbilder, Verantwortung war ihm fremd. Nun, diese Isolation, dieses soziale Vakuum, dem sich die beiden ausgesetzt haben, barg gleichzeitig, etwas Gutes. Denn wenn diese Isolation auch etwas anscheinend Negatives vermuten lässt, führte es doch dazu, dass ihr Sohn einst selbst König am Gral werden sollte.

Parzival – der Tumbe Tor

Wolframs Parzival ist eine Heldengeschichte und sie beginnt mit einem Vakuum, d. h. mit etwas völlig Sinnlosem, etwas Idiotischem. Doch wie in vielen Sagen und Märchen, ist es oft ja der Narr, der Dümmste, der Jüngste, der sich zum Retter verwandelt, zum Helden wird.

Am Anfang war die Leere, so erzählen es zumindest die Schöpfungsmythen. Und in dieser Leere entstand ein Chaos, dass sich aber selbst ordnete und in seiner Finsternis plötzlich ein Licht aufstrahlt. Im Parzival sollte sich das, symbolisch ereignen, als aus der Finsternis des dunklen Waldes von Soltane, plötzlich drei Ritter mit golden glänzenden Rüstungen erscheinen. Der kleine Parzival war gerade unterwegs auf der Jagd. Er sieht sie und hält die Ritter tatsächlich für Götter. Gleich eilt er ihnen entgegen und will eines ihrer Schwerter greifen. Das Schwert als Symbol des Sonnenhelden, steht für Mut und Macht. Mit Schwert und Lanze stürzte der solare Erzengel Michael, Luzifer und seine diabolischen Heere vom Himmel. Dieses Schwert stand auch, ohne das er es selbst wusste, dem Parzival zu, als eigentlichem Königssohn der Gralsfamilie. Doch das Schwert ist auch das, was trennt. Und in diesem Falle, das Alte vom Neuen, weil Parzival langsam erkennt, dass er sich nach einem edleren Leben, etwas abenteuerlichem sehnt. Von den Rittern erfährt er auch vom Hof des König Artus. Er will auch Ritter werden. Natürlich äußert er diesen Wunsch gegenüber seiner Mutter, die damit, wie könnte es anders sein, nicht einverstanden ist. Nichts aber kann Parzival mehr aufhalten. Das Auftauchen der Ritter in ihren glänzenden Rüstungen, ist für Parzival wie ein Ruf, etwas das ihn anspornt die wirkliche Welt zu entdecken.

Herzeleide kann ihn nicht mehr aufhalten, auch wenn sie mit allen Mitteln versucht ihn bei sich zu behalten. Sie steckt ihn in ein läppisches Narrenkostüm, zieht ihm eine Zipfelmütze auf und gibt ihm ihren alten Ackergaul; das alles in der Hoffnung, dass er in solch lächerlichem Erscheinen keinen Erfolg haben und schließlich zu ihr umkehren werde. Doch als Parzival zwischen den Bäumen des Waldes verschwunden ist, fühlt sie, dass sie ihn niemals mehr sehen wird und nimmt sich in ihrer Verzweiflung das Leben.

Die Gralsburg - ewigeweisheit.de

Die Gralsburg (1899) - Teil eines Gemäldes von Hans Thoma (1839–1924).

Diese drei Ritter sind also die ersten Vorbilder des kleinen Parzival. Und mit ihnen taucht die Frage auf: »Wer bin ich eigentlich«. Dabei erkennt Parzival vielleicht auch seine Unvollständigkeit. Seine Mutter hat ihn immer nur »mein kleiner Junge« genannt. Seinen wirklichen Namen aber kannte er nicht. Und diese Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit, der sind auch wir alle immer wieder ausgesetzt, da uns im Leben immerfort Probleme herausfordern, deren Namen wir noch nicht kennen, ihre Bezeichnung noch nicht verstehen.

Der einzige Weg für Parzival ist, eine Ergänzung für diese Unvollständigkeit zu finden, seinem Ruf zu folgen, der durch das Auftauchen der drei Ritter erschallte und durch den er die Vision bekommt, selbst Ritter zu werden. Jetzt aber hat er ein Ziel, dem er intuitiv durch seine Vision folgt. Ohne Ziel gibt es keine Bewegung, gibt es nur Starrheit, manchmal Halsstarrigkeit. Ohne Ziele und Visionen bleibt man Spielball äußerer Umstände. Das Gegenteil davon symbolisiert das Pferd: Parzivals Ross repräsentiert seine dynamische Kraft.

Parzival reitet planlos zu auf sein Ziel, ohne zu wissen, wohin es geht. Zügellos, taumelt er auf dem Pferd, auf seinem Psychopompos, seinem Seelenführer. Das Pferd Parzivals steht für den Instinkt. Und tatsächlich bringt ihn sein Pferd an einen Ort, wo jemand ist, der ihm seinen Namen offenbart. Und das ist seine Cousine Sigune. Ihr Name steht für die ᛊ Sig-Rune, die ja, für alle die sich mit Runenkunde auseinandergesetzt haben, das heilige Zeichen des Sonnenlichts ist.

Sol er landa ljome; luti ek helgum dome.
Sonne ist das Licht der Welt; Ich beuge mich der göttlichen Entscheidung.

- Vers aus einem altnorwegischen Gedicht

Sigune ist Parzival zwar unbekannt, doch sie erkennt ihn und wusste von der Mutter, die dort im Wald lebte mit ihrem Sohn. Sie sagt ihm seinen Namen und bringt Licht ins Dunkel seiner Unwissenheit. Und dieser Name, den wir ja selbst tragen, ist das Göttliche was uns aufgeprägt wird mit den heiligen Symbolen, den Buchstaben dieses Namens. Und diese Buchstaben sind ja anscheinend Symbole, die im alten Europa entstanden sind und vor mehr als 7000 Jahren bereits für die alten Priesterinnen der Muttergöttin, als heilige Zeichen im spirituellen Ritus verwendet wurden. Man fand diese Symbole später wieder im Phönizischen, dann irgendwann als Runen. Wer beide Zeichenlisten kennt, weiß um ihre Gemeinsamkeiten.

Der Name der die Dinge bezeichnet, gibt einem Macht über die Dinge. Wir wissen: Adam gab jedem der Wesen im Garten Eden seinen Namen. Es geht also um die Persönlichkeitsbildung mit der Kenntnis des Namens der Dinge. Ab einem bestimmten Entwicklungsgrad, wendet sich dieses Erkennen dem eigenen Namen zu. 

Trotz aber das Parzival seinen Namen jetzt erfuhr, blieb er zunächst ein Unwissender. Er war sich seines Namens noch nicht bewusst, denn er hatte eben keine Anhaltspunkte in der Vergangenheit, an denen er ihn festmachen konnte. Niemand zuvor hatte ihn so genannt. Er hatte alles zurück gelassen auch ohne zu wissen, wohin er sich eigentlich begibt. Und das ist eine Unwissenheit die eigentlich sehr hilfreich ist. Denn wenn wir unser Leben anschauen: sind wir eher von den Dingen in unserem Leben betroffen, die sich in unserer Vergangenheit ereigneten. Es ist eben dieses Anhaften an die Vergangenheit, dass statt Visionen des Mutes, Visionen der Furcht erzeugt, die all zu leicht in die Zukunft projiziert werden. Visionen der Furcht verwandeln sich zu Visionen der Wut, wenn sie über lange Zeit als Angst empfunden wurden – sie werden sogar zu feindseligen Vorstellungen; manchmal so, dass wir glauben andere Menschen hassen zu dürfen, obwohl sie uns nicht hassen. Vision der Angst sind eine Täuschung. Unser Held Parzival aber kennt keine Furcht. Wie ein Narr stürzt er sich ins Leben. Ohne also eine positive Vision, eine konstruktive Vision zu besitzen, ist es ein fragloses Hinnehmen der Umstände, was ja Parzival tat. Er aber hatte eben keine eigene Vergangenheit. Das ist der haarfeine Unterschied zum Durchschnittsmenschen.

Der Rote Ritter

Nur ohne Angst kann Parzival die Schwelle ins Abenteuer überschreiten. Und diese Schwelle ist das Wissen, das dort in der Ferne, im fränkischen Nantes, der Hof des König Artus tagt. Und dort an der symbolischen Schwelle, begegnet ihm ein Ritter in rotem Harnisch, den Parzival so fasziniert, das er des Ritters Rüstung unbedingt haben will. Er greift einfach nach seinem Speer, wirft ihn in das offene Visier des Helden, der dort auf seinem roten Pferd sitzt und tötet ihn. Parzival reißt ihm die Rüstung ab und bekleidet sich damit selbst – aber eben ohne sein dummes Narrenkostüm, seine alte »Haut», vorher ausgezogen zu haben, zieht er einfach die geraubte Rüstung darüber. Der Ritter aber ist tot. Und er weiß nicht, dass er gerade Ither von Gaheviez getötet hat – seinen Onkel.

Nun hat Parzival, ohne es zu wissen, sich Ritterehren erschlichen. Er war einfach nur vom Äußeren fasziniert. Diese Rüstung wird ihm aber dabei helfen, dass er von anderen Fürsten und Rittern, als solcher, erst einmal anerkannt wird. Insofern könnte man sagen – betrachtet aus der hermetischen, aus der alchemistischen Perspektive – das Parzival sich die Rubedo erschlichen hat: das ist die letzte Stufe im Großen Werk (Opus Magnum) bei der Schaffung des Steins der Weisen, bei der Bereitung des Elixiers des Lebens. Doch eben nur anscheinend. Und er weiß nicht, dass er damit gleichzeitig dunkle Mächte anzieht (Nigredo), mit denen er auf seinem Heldenweg erst noch konfrontiert wird.

Er reist weiter, trifft irgendwann zufällig auf seinen Lehrer Gurnemanz. Dort erhält er seine Erziehung und bringt ihm all die Fertigkeiten und Manieren bei, die ein Ritter kennen muss. Er sagt ihm aber leider auch, er solle nicht zu viele Fragen stellen. Doch in der Queste, die wir Anfangs ja bereits erwähnt haben, da geht es ja genau darum die Frage zu stellen. Sie ist der Mittelpunkt des ganzen Gralsthemas. Es ist doch oft die Frage die wir uns nicht trauen zu stellen, doch wie oft schon, haben wir eine solche Unterlassung bitter bereut.

Percival Gemälde - ewigeweisheit.de

Percival (1934) - Ölgemälde des englischen Künstlers Martin Wigand

In dieser Zeit der Lehre lernt er seine Liebe kennen, Condwiramur, mit der er eine gemeinsame Nacht verbringt. Sie heiraten und Condwiramur bringt einen Sohn zur Welt, der dereinst der Held einer anderen Erzählung sein wird: Lohengrin – der Schwanenritter.

Nun ist Parzival aber ja getrennt von seiner Mutter und er hat große Sehnsucht, sie wieder zu treffen. Er trennt sich von Condwiramur – trennt sich von seinem Lehrer Gurnemanz, reitet davon, denn er will seine guten Erfahrungen mit seiner lieben Mutter teilen, weis aber nicht wohin er reiten soll. Er ist jetzt aber einen großen Schritt gegangen, durch die Erfahrung der Sexualität. Mit Condwiramur hat er diesen Schritt getan – heraus aus der Pubertät, hinein ins Erwachsensein.

Wenn wir uns daran erinnern, als wir das erste mal verliebt waren. Welche führende Kraft doch von dieser Liebe ausging. In ihr erkannten wir zum ersten mal, was die Unterschiede in dieser Welt sind. Der Unterschied zu meinem Partner – der Unterschied den die Polarität der Geschlechter verdeutlicht. Der Erkenntnisbaum im Paradies, ist dafür ein Symbol. Und es heißt ja, im vierten Kapitel der Genesis, dass Adam seine Frau erkannte, und sie dabei schwanger wurde. Ist das Erkennen der Polarität also eine Schöpfungsakt? Die Schlange auf dem Baum gibt dieses Erkenntnismittel weiter, das Erkennen der Polarität. Es ist diese Schlange diabolisch, die Erkenntnis aber ist symbolisch – Diabol als Erkennen der Polarität, das Symbol als Form der Einheit. So bilden beide zusammen eine Dreiheit, die sich das eine mal als göttliche, ein andermal als irdische Wahrheiten erweisen.

Himmelspol und Weltenberg

Erwachsen sein: soweit war Parzival noch nicht. Er war auf der Suche nach seiner Mutter. Als es Abend wird kommt er an einen See und sieht dort Fischer und fragt sie nach einer Herberge. Unter ihnen ist Amfortas – der König der Fischer. Er weist ihm den Weg auf die Gralsburg Montsalvatsch, wo man ihn schon erwartet. Feierlich werden dem Parzival die Tore zur Montsalvatsch geöffnet. Als er eintritt hüllt man ihn sogleich in einen Purpurmantel, als sei er bereits der König. Das Ankommen Parzivals auf der Burg Montsalvatsch, ist ein Symbol für die Vergöttlichung der Seele. Der Montsalvatsch – die magische Burg – symbolisiert den heiligen Berg, das Symbol der Weltachse, der Axis Mundi, ähnlich dem Berg Meru der Inder, wie auch dem Berg Moriah der Israeliten – auf dessen Gipfel der Polarstern scheint.

Wenn der Polarstern den höchsten Punkt des Himmelsberges beleuchtet, so formt das Licht der Sonne einen Licht-Dom, der sich um den Polarkreis bildet. Wie Sie ja vielleicht wissen, wechseln Tag und Nacht am Polarkreis, nur einmal im Jahr. Ein Tag heißt: sechs Monate, indem sich die Sonne unentwegt, im Kreis, über den Horizont, in drei Monaten, nach oben »schraubt« und sich in drei Monaten wieder schneckenförmig hinab bewegt, und so eine Spirale des Lichts bildet. So wird jedes Jahr, zwischen Frühlings- und Herbsttagundnachtgleiche, der Licht-Dom um die mystische Gralsburg errichtet. Auf dieser Gralsburg berührt der Himmel also die Erde. Alle geistigen Dinge im Himmel haben eine Entsprechung auf der Erde. Diese Gralsburg Montsalvatsch, wie sie Wolfram von Eschenbach beschrieb, ist vielleicht der Montsegur, heute in Südfrankreich – die alte Festung der Katharer.

Dort angekommen tritt Parzival in einen großen Saal, der von tausenden Lichtern erfüllt ist. Vor sich sieht er 400 Ritter, die alle traurig drein blicken, doch voll hoffnungsvoller Erwartung sind. Der Fischerkönig Amfortas sitzt bereits an einem Kamin und bittet den Erwarteten neben sich Platz zu nehmen. Nun ereignet sich etwas Sonderbares. Parzival sieht wie ein großes, ehernes Portal sich vor ihm öffnet und in Brokat gekleidete Jungfrauen, sanften Schrittes langsam in den Saal kommen. Jede trägt eine brennende Kerze in der Hand, stellt sich in einem Halbkreis vor ihn und Amfortas. Ihnen folgt ein Page mit einem Schwert. Er legt es zu Füßen Parzivals. Der ist über all das sehr verwundert und würde gerne fragen, ist sehr neugierig, doch er fragt nicht.

Ein weiterer Page kommt in den Saal, mit einem Speer, der an der Spitze blutet. Schließlich hört man Musik und im Rhythmus der Harfentöne schreitend, wird der Gral von der Jungfrau Repanse de Schoye in des Saal getragen. Der Gral leuchtet hell wie das Licht der Sonne. Parzival hört die Ritter flüstern: »Der Gral! Der Gral!«

Mit dem Eintreffen des Grals, decken sich alle Tische im Saal, mit köstlichen Speisen. Das Zaubergefäß stillt alle Bedürfnisse. Zu seiner Verwunderung aber merkt Parzival, dass Amfortas schwer krank ist. Und er wüsste gern die Bedeutung, doch er erinnert sich an seine Mutter, erinnert sich an die Vergangenheit, das was ihm Gurnemanz beigebracht hat: »Stelle keine unnötigen Fragen«. Doch alle warten eigentlich auf die Frage. Parzival aber hat Angst.

Enttäuscht von Parzivals unangebrachter Zurückhaltung, trägt man Amfortas auf seiner Liege wieder aus dem Saal – die Ritter rücken ab. In der Nacht hat Parzival, dort auf der Montsalvatsch, furchtbare Alpträume. Er flüchtete morgens aus der völlig verlassenen Burg, als wäre niemals jemand dagewesen. Seine Irrfahrt geht weiter! Parzival ist ein wahrer Odysseus des Nordens – doch er ist allein!

Kleiner Wagen Swastika - ewigeweisheit.de

Der äußerste Stern der Deichsel im Sternbild des Kleinen Wagens (Kleine Bär) bildet heute den Polarstern (in der Abb. gelb). Momentaufnahmen dieses Sternbilds, zu den vier Tageszeiten (Morgendämmerung, Mittag, Abenddämmerung, Mitternacht), ergeben eine rechtsdrehende Swastika: das 11.000 Jahre alte Glückssymbol der Hindus.

Im Labyrinth des Karmas

Parzival überollte regelrecht die Abfolge von Ereignissen, die sich im Saal auf der Gralsburg vor ihm abspielten. Was sollten die Forderungen die man ihm stellte? Er wusste nicht, dass er »die Frage« hätte stellen soll – die »erlösende Frage«? Parzival wollte ja eigentlich, aber er hatte immer noch die Befehle im Kopf, die Stimmen aus der Vergangenheit.

Ungewissheit umgab ihn, vielleicht als Gefahr empfunden, doch Parzival musste es einfach durchstehen – in diesem Zustand seiner Reise, durch das öde Land weitergehen – in einem Land das gemeinsam mit seinem König Amfortas leidet.

Nun hat sich Parzival im Labyrinth seines eigenen Karmas verirrt. Er tötete seinen Onkel Ither (Roter Ritter) und unterließ ebenso unwissend, die Frage zu stellen. Jetzt beginnt der andere Aspekt der Nordsonne wirksam zu werden, die sich diesmal nämlich, in der zweiten Jahreshälfte, unter die Erde bewegt und dort als Mitternachtssonne, quasi ein imaginäres Labyrinth gräbt. Hier findet die Konfrontation statt mit den Finsterniskräften, mit den schwarzen Aspekt des Seelenlebens, den Schatten. Dahinter lauert der Minotaurus – jene kretische Bestie, halb Mensch, halb Stier – der griechischen Mythologie, der symbolisch immer wieder auf den qualvollen Lebensweg des Menschen hindeutet. Doch eben in dieser finsteren Phase beginnt die eigentliche Verwandlung unseres Helden, seine Transformation zu etwas Höherem, Größerem und Vollkommenerem. Am Anfang versuchte er den Leidensweg der Finsternis auszulassen, wenn auch unwissend, indem er sich in die Rüstung des getöteten Roten Ritters kleidete. Die eigentliche Nigredo, die erste Stufe bei der Bereitung des Steins der Weisen, erfolgte erst jetzt. Sein altes Ich musste absterben, damit etwas neues in seinem Leben kommen kann.

Nur durch das Ablassen vom Alten, ist Neues möglich. Die Vergangenheit bleibt zurück, stirbt und wird begraben. Doch dafür muss sich Parzival seinem Schattenselbst stellen, dem, was einst in Kreta der finstere Minotaurus im sagenhaften Labyrinth darstellte. Denn das Äußere, spiegelt unser Inneres wieder. Nur so, im Verstehen dessen, können wir in das große Weltgeschehen eingebunden werden. Durch das Annehmen dieser Schatten in uns, können wir aufgenommen werden, indem wir uns trennen von alten, damit wir neue Freunde finden können – indem wir alte, durch neue Gewohnheiten ersetzen.

Ja, das Thema der Wiedergeburt, ist das Thema der Nigredo – sie ist der erste Schritt, um dieses erhabene Ziel zu erreichen. Und interessanterweise bezeichnet den Namen für die Seele, das griechische Wort »Psyche«, was gleichzeitig das griechische Wort für den Schmetterling ist. Der Schmetterling verpuppt sich ja und würde in seiner Hülle verrecken, entpuppte er sich nicht, damit er fliegen lernte. Seine alte Hülle verlassend, fliegt er hinein in ein neues Leben, um allen seine wahre Schönheit zu zeigen. Wer will in der alten Hülle bleiben? Wer will anhaften, an alten Verkrustungen und alten Starrheiten? Wer will an alten Erinnerungen, an festen Standpunkten festhalten?

Durch diese Erkenntnis erneuert, findet Parzival wie von selbst den Weg an den Artushof. Er trägt noch immer den roten Harnisch – ist noch auf dem Weg – ja, hat seinen Weg vielleicht immer noch nicht wirklich angetreten. Wegen seiner Erscheinung wird er aber gleich in die Tafelrunde aufgenommen. Es ist ein feierlicher Vorgang der Einweihung in die Ritterlichkeit. Jetzt tritt eine besondere Figur auf seine Lebensbühne: die Gralsbotin Kundrie. Sie ist eine Frau mit einem vollkommen guten Herzen, in dem eine wunderbare Seele wohnt. Doch ihr äußeres Wesen mutet schauerlich an, denn sie ist wirklich sehr, sehr hässlich – die Vorstellung einer Hexe wäre bezeichnend. Auch ihre Art lässt nicht ein gutes Herz vermuten, denn ihre Güte ist zu diesem Zeitpunkt noch in ein Kostüm grauenhafter Alpträume gekleidet.

Sie verflucht die Artusrunde, denn den jungen Mann, den man hier eben mal zum Ritter gemacht hat, hat sich diese Ehren erschlichen. Es steht ihm nicht zu. Stattdessen hat er Schande über die Edelmänner der Artusrunde gebracht: er hat seinen Onkel getötet und hat Amfortas die Frage nicht gestellt.

Aber da: es ist ja ein Glück für Parzival, endlich zu verstehen, was er eigentlich besser unterlassen hätte und was er eigentlich besser hätte tun sollen! Sein Ziel war der königliche Hof des Artus, als er noch als dummer Junge, im schützenden Umfeld von Soltane lebte. Jetzt ist er hier. Er ist angekommen, ist schockiert. Ist es nicht oft so, dass, wenn wir erst einmal haben was wir unbedingt wollten, es sich ganz anders anfühlt als wir erwarteten? Ein Ziel entsteht mit der Absicht es zu erreichen. der Wunsch aber, der diese Absicht hervorbringt, mag ein anderer sein, als was er sich am Ende erfüllt.

Nun, diese erneute Konfrontation mit Kundrie, die hier das Böse symbolisiert, gleichzeitig aber zu Parzivals vorübergehender Meisterin wird, lähmt ihn. Wir würden heute sagen: er verfällt in Depressionen. Doch nur in diesem Zustand, in diesen engen Tiefen der eigenen Seele, erkennt er eigentlich, was das Böse und was der Nutzen des Bösen ist. Er schaut nach innen, sieht sich als einsamen Reisenden. Die Suche nach dem Gral ist eben eine Reise, die nur jeder alleine machen kann, weil er nach etwas sucht, das absolut allein ist, in ewiger Einsamkeit.

Die Tafelrunde des König Artus - ewigeweisheit.de

Die Tafelrunde des König Artus (1475) in deren Mite der Gral erstrahlt. Gemälde von Evrard d'Espinques.

Par ce val – Pfad durchs Tal

Dieser Teil der Geschichte, mit dem Vorfall am Artushof, wie auch die folgende Episode, beschreiben Parzivals absoluten Tiefpunkt. Er beginnt an allem zu zweifeln, auch an Gott, an den er ja eigentlich glaubte. Ja, er hasst Gott regelrecht, denn er empfindet alles was ihm widerfuhr als große Ungerechtigkeit. Letztendlich leidet er aber unter seinem mangelnden Verständnis dafür, dass alles einen höheren Zweck erfüllt. Doch seine Einstellung ist nur all zu menschlich. Oft finden wir uns wütend über andere oder uns selbst, weil wir nicht den Sinn hinter diesen und jenen Vorgängen im Leben verstehen. Es sind Überbleibsel von Handlungen in unserer Vergangenheit, die bis in die Kindheit zurückreichen. Darin lebt unser ichbezogenes Wesen fort, das ein kleines Kind bleiben will, ohne Verantwortung zu übernehmen, doch mit dem Anspruch, sich jede Freiheit in der Welt nehmen zu können.

In dieser Stimmung setzt Parzival seine Reise fort bis Karfreitag. Jetzt erinnert er sich an seinen Gottesglauben, weiß nun wieder, dass es sich lohnt zu suchen, weiterzugehen. Karfreitag ist von großer Bedeutung in der Erzählung des Wolfram von Eschenbach. Es ist die Rede von einer weißen Taube, die vom Himmel hinabfliegt und eine Hostie auf den Gral legt, um seine Wunderkraft, seine Nährkraft zu erneuern. Dafür steht die Farbe Weiß – die Albedo, die zweite Hauptstufe des Großen Werks in der Alchemie. Die weiße Taube ist auch eins der Hauptsymbole der Aphrodite, dem griechischen Pendant der Venus – und die Venus ist ja der Planet, den die alten Lateiner »Luzifer« nannten – den »Lichtbringer«, da er als Morgenstern die Dämmerung ankündigt – das Licht bringt (lucis, ferre).

Wir hatten bereits über den »Streit im Himmel« gesprochen. In der Offenbarung des Johannes kämpfen die englischen Heerscharen des Michael, gegen die dämonischen Heerscharen des Luzifer. Dabei schlägt ein Schwert einen Stein aus der Krone des Luzifer. Es ist ein Smaragd der vom Himmel auf die Erde fällt. Man nennt ihn auch den »Chintamani-Stein«. Es ist der sprichwörtliche Zacken, der dem übermütigen Luzifer aus der Krone gehauen wurde: der grüne Stein ist Gral, ist die Smaragdtafel (Tabula Smaragdina), auf der ja der große Eingeweihte Hermes Trismegistos, die Verhältnisse des Oberen und Unteren in ihre Bedeutung, im Sinne des »Einigen Dinges« beschrieben hat.

Nach diesem Kleinod sucht unser Held – ohne es selbst zu wissen. Er sucht nach dem Stein der Weisen – einem Stein des Lichts. Auf seiner Reise ist er diesem erhabenen Ziel schon ein gutes Stück näher gekommen. Doch Gralshüter ist er noch nicht.

Lange nach Ostern, lange nach diesem Vorfall erst, im Winter, kommt er nachts an eine Klause, die sich in einer großen Höhle befindet. Dort trifft er auf einen Eremiten: das ist sein Onkel Trevrizent. Irgendwie wusste der von seinem Kommen bereits und empfängt ihn freundlich. Dort in der Höhle wird Parzival von Trevirzent in die Bedeutung und Wichtigkeit des heiligen Grals eingeweiht:

Ich weiß es wohnt eine Schar
Beim Gral zu Montsalvatsch immer dar
Ihre Arbeit und ihren Preis
Ihm ganz geweiht
Tempeleisen heißen,
Sich seines Dienstes sich befleißen.
Ihre Nahrung spendet ein Edelstein,
Wunderkräftig, klar und rein.
Mit Namen 'Lapis Exillis'.

Durch ihn verbrennt der Phönix,
Zu Asche sich,
Doch diese schafft ihm Leben wieder,
So dass er steigt empor aus neuer Kraft
Und schöner als er war zuvor.

Dem Menschen kann kein Leid geschehen,
Am Tag da er den Stein gesehen.
Und eine Woche nach der Zeit,
Bleibt er vom Tode befreit.

Wer ihn täglich erblicken kann,
Dem, sei es Frau oder Mann,
Bleibt unverändert Farb' und Haut,
Wie in schönster Jugend sie ward geschaut.
Und sähe er ihn zweihundert Jahre,
Ihm ergrauten dennoch nie die Haare.
Und solche Kraft verleiht der Stein,
Dem Menschen, das ihm Fleisch und Bein,
In ungeschwächter Jugend bleiben.

Der Stein, des Wunder ich versuchte zu beschreiben,
Wird der Gral genannt,
Gesendet von der höchsten Hand.
 

Die Gralsjungfrau - ewigeweisheit.de

Die Gralsjungfrau Repanse de Schoye.

Wiedergeburt

Die Höhle, in der sich Parzival bei Trevrizent aufhält, ist ja das alte und urtümliche Refugium, ein Ort an dem Einweihungen stattfinden. Die Höhle ist Symbol des Uterus, aus dem das neue Leben geboren wird: und darum geht’s ja. Es ist das Sein der Seele in diesem Leib, der stirbt und in neuer Form wieder aufersteht. Die schwarzen und weißen Kacheln über die der Neophyt im Freimaurer-Ritus schreitet, zeigt genau diese Bedeutung an: wir Sterben und werden wiedergeboren, jeden Augenblick. Das beschreiten des Einweihungsweges ist der Gang durch die Gegensätze, der zur Einung führt von Gut und Böse, Unschuld und Erfahrung, Schwarz und Weiß. In diesem Sinne ist die Höhle ein gleichnishaftes Bild des Weltalls, wo Sterne funkeln als Licht im Kontrast zur tiefen Finsternis.

Die Höhle stellt ein inneres Weltzentrum der Einweihung dar, während der Berg, als das Pendant zur Höhle, ein äußeres Weltzentrum darstellt. Im Menschen entspricht diese Höhle der fünften, verborgenen Herzkammer, während das Denken ständig die Gipfelhöhen des menschlichem Geistes erklimmen will.

Das Heraustreten aus dieser Höhle, der Einweihungsstätte seines Onkels Trevrizent, war für Parzival ein Heraustreten aus seiner Eingeschlossenheit in sich selbst, eine Befreiung aus seiner Introvertiertheit. Nur aber in der Akzeptanz von alle dem was vorgefallen war, konnte diese Einweihung zu seiner neuen, eigenen Lebensvision beitragen, ihm ein Licht sein, auf dem Weg zum wahren Lebensziel. Er erkennt nun wofür seine Mitmenschen existieren. Wichtiger noch: er sieht all die Verbindungen innerhalb einer Gemeinschaft, die alle Menschen zusammenhält.

Seinen Onkel Trevrizent zu treffen war also ein ganz wichtiger Schritt, um zu diesen essentiellen Erkenntnissen zu gelangen. Bei ihm erhielt er die klare Vision für seine eigentliche Lebensaufgabe. Doch für all das musste er sein ganzes bisheriges Leben zurücklassen. Sogar seine geliebte Mutter! Dieses Sterbenlassen des alten Lebens: Wie oft sind wir dazu bereit? Wie oft fehlt und hierzu die Vision, der wir danach folgen könnten? Oder ist es jener Einsiedler, dem wir bisher noch nicht begegnet sind, der wir vielleicht, zumindest für eine angemessene Zeit, selbst werden müssen?

Der Eremit Trevrizent gibt unserem Helden zu wissen, dass er sich noch einmal auf die Gralsburg begeben muss, um seine Heldenreise zu komplettieren. Wer schon einmal in Okzitanien, der französischen Arriege gewesen ist, weiß, dass sich unweit der legendären Festung auf dem Montségur, besondere Höhlen befinden. Dort wurden bereits vor mehr als 12.000 Jahren Menschen eingeweiht in die Mysterien der Großen Mutter. Auch wenn es nicht das erste mal ist, dass jemand diese Vermutung anstellt: es könnte gut sein, dass Kyot de Prevance die Geschichte vom Helden Parzival mit dieser Region romantisch assoziierte.

Die entscheidende Frage

So stieg Parzival nach seiner Einweihung aus der Höhle bei Trevrizent, passierte den engen Eingang. Da musste er sich wohl gefühlt haben wie das Kind das durch den Geburtskanal, in ein neues Leben geboren wird – von der Dunkelheit heraus ins Licht. Dort draußen begibt er sich zum Gipfel des Berges, auf dem sich die Burg Montsalvatsch befindet. Er wird erwartet. Nur durch einen Nachfolger kann der Fischerkönig Amfortas von seinem Leid erlöst werden. Von Trevrizent erfuhr er außerdem die zentrale Frage, um die sich ja die ganze Gralsgeschichte dreht. Endlich stellt Parzival dem Amfortas die alles erlösende Frage:

Was fehlt Dir Oheim?

Wäre es nicht manchmal angebracht, wir stellten auch unseren Mitmenschen ähnliche Fragen? Ein Arzt kuriert schon allein damit, dass er einen Leidenden fragt: »Was fehlt Ihnen?« – »Was haben Sie?«

Parzivals Frage, die er König Amfortas stellt, ist der mündliche Vollzug der Herrschaftsübernahme des Gralstums. So wird Amfortas endlich von seinem Leid erlöst. Dieser Vorgang entspricht dem, was man in der Hermetik den »Phönix im Rosengarten« nennt: Das Rot der Rose, zeigt die Rubedo an – die letzte Stufe bei der Schaffung des Steins der Weisen. So hat Parzival schließlich, nach langem Suchen, diesen Teil gefunden, diesen Aspekt seines zeitlich begrenzten, natürlichen Wesenskerns. Jetzt erkennt er, das seine Suche, eine Suche war, nach seinem wahren Selbst – die Suche nach dem verborgenen Licht im Herzen. Es ist ein Licht, das verborgen in jener geheimen Herzkammer schimmert, in der sich alle Leben des großen Inkarnationszyklus, auf- und wieder abrollen. Danach sollen wir suchen, das sollen wir zu erkennen trachten. Denn dort, in der Tiefe unseres inneren Seelenbrunnens, auf dessen grün strahlendem Grund, hier befindet sich der Heilige Gral. Die Erkenntnis ist also im Herzen; die Erkenntnis der göttlichen Absicht, dort im smaragdenen Licht dieser Herzkammer, dort erscheint die Vision der wahren Lebensabsicht.

Der Weg zu uns selbst

Um diesen Weg zu gehen, müssen wir all die Schwierigkeiten im Leben durchstehen. Die Umwege im Leben führen uns zu uns selbst, während der kürzeste Weg nirgendwo wo anders hinführt, als direkt ins Grab. Und dennoch wollen viele Erleuchtung erlangen, ohne bereit zu sein auch zu Irren und den Weg des Leidens zu gehen.

Ich hatte lange Zeit das Gefühl, es müsste unbedingt so sein, dass ich alles in der Welt verstehe. Doch ich wollte eigentlich nur kontrollieren, was mich immer mehr an die Welt gebunden hat, mich nur immer unfreier machte. Das oder Ähnliches unterstelle ich hiermit dem Leser, aber möglicherweise weiß er oder sie, worauf ich eigentlich hinaus will: Wenn man auf seinem spirituellen Weg, so schnell wie möglich ans Ziel kommen möchte, ohne in sich selbst zuerst einen Frieden geschaffen zu haben, ohne die Sicherheit, die man sich im Außen wünscht, zuerst einmal in sich selbst geschaffen hat, wohin soll der Weg uns dann führen? Es ist wichtig ohne den Zwang erfolgreich zu sein, Visionen zu erzeugen – Vision von Zielen, die wir im Leben erreichen wollen. Das sind Ziele, die unser neues Leben erschaffen. Lebensziele führen einen auch zu den Menschen, die einem gut tun – und darum geht es: zusammen zu verstehen, zusammen zu arbeiten, zusammen neues, schönes zu schaffen.

Mit einem Ziel vor Augen, weiß man genau wonach man sucht. Und suchen tun wir doch immer nur danach, was wir auch brauchen. Jede Suche aber ist mit Fragen verbunden. Wer nicht fragt und glaubt schon alles zu wissen, der kommt einfach nicht weiter und findet auch keine Freunde.

Das ganz Große müssen wir nicht erreichen, im Kleinen aber den Glauben bewahren. Dann werden wir die Meisterschaft über die großen Dinge erringen. Es ist der Glaube daran, dass die Erneuerung unseres Selbst immer möglich ist, egal wie alt wir sind. Dann werden die großen Aufgaben von alleine kommen, die zur Lösung der Probleme in unserem Leben beitragen. Daraus erwachsen dann jene Ideen, mit denen sich auch die Probleme unserer Mitmenschen lösen lassen – dem was von Wert ist, für unsere Welt.

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Wieso kommen die Menschenseelen auf die Erde?

von Johan von Kirschner

Seit Urgedenken hielten die Meister der Weisheit höheres Wissen geheim, da es Menschen niedriger Gesinnung unzugänglich bleiben sollte. Esoterische Unterweisung stand nur jenen zu, die in die Mysterien des Todes eingeweiht waren. Wer den Tod aber als Lebender überwunden hatte, verfügte über die nötigen Kräfte, um solches Geheimwissen zum Wohle der Menschheit zu verwirklichen.

Heute hält sich jeder für einen Eingeweihten, der sich schon einmal einen Tag lang mit dem Kabbala-Lebensbaum oder den indischen Upanischaden beschäftigt hat. Was Einweihung tatsächlich ist, davon weiß kaum einer, sondern wäre erschrocken, erführe er dass es eigentlich ums Sterben geht!
Auf dieses Sterben bereiten initiatorische Schulen vor. Wer die Initiation erfahren hat, kann sich als Mensch einer moralisch-geistigen Selbstfindung unterziehen und erhält die moralische Verantwortung, um mit wirklich esoterischem Wissen handeln zu können.

Über die Geheimhaltung

Pythagoras wies seine Schüler mit Nachdruck darauf hin, dass wer in seiner Linie das alte Mysterienwissen weiterführen wollte, um alles in der Welt versuchen musste einen Nachfolger zu finden (Pythagoras hatte keine seiner Lehren niedergeschrieben - erst durch seine Schüler wurde theoretisches Wissen in Büchern verewigt). Dieser Nachfolger konnte nur durch ihn selbst, mündlich instruiert werden.

Nur der sich verdient gemacht hat dieses Wissen zu erhalten, dem konnte es erteilt und damit das Gewand der Führung des Ordens gegeben werden. Wer keinen Nachfolger fand, mit dem starb auch das Geheimwissen. Doch auch das erfüllte seinen Zweck.

Für die strenge Geheimhaltung in initiatorischen Gesellschaften gibt es einen Grund: es handelt sich um Geheimnisse, die durchaus zum Schaden anderer verwendet werden können. Das ist natürlich sehr gefährlich. In dieser Moral wurde solches Wissen schon immer nur einer qualifizierten Gruppe zur Verfügung gestellt. Daher das Gelübde der Verschwiegenheit.

Viele Zweifler kennen diesen Grund aber nicht, sondern glauben in ihrem Hochmut, dass die Meister solcher Gruppen absichtlich Wissen vor der Öffentlichkeit verheimlichten. Denn wer große Geheimnisse hütet, der könne Kontrolle ausüben, um letztendlich die Menschen zu versklaven. Das trifft vielleicht für die eine oder andere Wirtschaftslobby zu. Initiatorische Orden verfolgen aber völlig andere Ziele.

Verschwörungstheorien über die Illuminaten, Freimaurer, Sufis oder andere initiatorische Orden, sind ein Fass ohne Boden. Es gibt einfach keine Beweise die zeigen, dass man in diesen Geheimgesellschaften Riten ausübt die anderen schaden. Niemand sollte darum behaupten dass die Übel der Welt jenen zuzuschreiben seien, die im Besitz wahren Wissens sind.

Außerdem ist das vermeintliche Wissen der Geheimbünde eben nichts Intellektuelles, sondern aus Erlebnissen gewonnenes Erfahrungswissen. Und darin liegt das Gebot der Verschwiegenheit begründet: Man muss Erlebnisse erfahren, um darüber zu wissen - denn die Beschreibung einer Erfahrung ist niemals die Erfahrung selbst.

Gegen sowas stellen sich jene Zweifler, die gerne über dieses Wissen verfügten. Doch sie verfolgen nur einen Zweck: sie möchten andere Menschen manipulieren. Sie wollen über andere Herrschaft erlangen, weil sie ihren Mitmenschen nicht erlauben das zu leben, was sie eigentlich leben sollten: Freiheit.

Solche Verleumder tun Dinge zu denen sie nicht stehen und wer so handeln muss, ist unfrei und unterliegt äußeren Zwängen. Sie wollen Ansehen und Macht gewinnen, da sie glauben sich damit aus ihrer Unfreiheit zu erlösen. 
Wer aber aus Selbstbezogenheit wünscht Ansehen zu erhalten und damit also auf den Respekt anderer aus ist, macht aus etwas eine Tugend, die eigentlich ein übles Laster ist. Darum sind viele Menschen mit ihrem Halbwissen ganz schön schlimm dran. Sie nutzen einfach niemandem, sondern schaden ihren Mitmenschen sogar durch ihr Verhalten.

Esoterische Geheimbünde hingegegen haben das Ziel der Menschheit zu dienen.

Erhebung zum Gesellen - ewigeweisheit.de

Der Suchende

Als Suchender sollte der Mensch zunächst lernen, sich seiner Schwächen bewusst zu werden. Auch ist wichtig das er versteht, dass er immer der Hilfe seiner Mitmenschen bedarf. Auch die Notwendigkeit denjenigen zur Hand zu gehen, die wiederum selbst Hilfe benötigen, gehört zur Grundlage jedes initiatorischen Weges.

Zuerst erfolgt die Läuterung von Körper und Geist, wo der Suchende beginnt sein Inneres zu reinigen. Es ist eine Reinigung, die in vielen Orden mit einem symbolischen Akt der Taufe eingeleitet wird (vermutlich wurde diese Tradition von der alten Bruderschaft der Essener eingeführt). Wahre Reinigung jedoch kann nicht allein durch Wasser erreicht werden, sondern nur durch die heilige Macht Gottes. Darum sollte sich der Suchende von aller Selbstsucht und Eigennutz reinigen. Er sollte rein werden wie ein kleines Kind, dass nach der Wahrheit sucht. Nur so kann er die Dinge die er für wahr hielt, aus einer anderen Perspektive untersuchen. Denn Vieles von dem er glaubte, dass es der Wahrheit entspricht, ist überhaupt nicht wahr. Auf der anderen Seite stellen sich viele Dinge als wahr heraus, die er erst für unwahr hielt. Wäre es darum nicht von Vorteil wenn ein Mensch seine Einstellungen zur Welt immer wieder überdenken würde?

Nur wie fängt man damit an?

Irgend etwas muss unternommen werden, um Zugang zur wahren Weisheit der Menschheit zu bekommen, denn schließlich sind wir ein Teil dieser Menschheit. Weniger will ich aber behaupten, dass man riesige Geisteskonzepte auswendig lernen soll. Das tun schon genügend andere, doch meist ohne das Erlernte jemals in ihrem eigenen Leben zu realisieren.

Wahres Wissen muss der Suchende in sich selbst zum Ausdruck bringen, es leben und anderen zu Gute kommen lassen. Doch das geht nicht mit theoretisch Erlerntem. Nur die Erfahrung ist lebendig, nur die leibhaftige Praxis nutzt unseren Mitmenschen. Mysterienwissen kann darum nicht aus Büchern erlernt, sondern muss erfahren - muss erlebt werden!

Initiation eines Suchenden - ewigeweisheit.de

Initiation eines Suchenden (18. Jhd.) im alten Ritus der Freimaurer.

Der Famulus

Auf dieser Stufe wird aus dem Suchenden ein Diener der Menschen. Er widmet sich der Pflicht einer Notwendigkeit, denn es gibt immer Personen die Hilfe benötigen. So kann aus ihm zum Beispiel das Oberhaupt einer Gruppe werden, dessen Rolle vielleicht dem eines Geistlichen oder Priesters ähnelt, einem Ausbilder oder Lehrer entspricht. Es geht um eine Vorbildfunktion, die er erlernen und vollenden muss.

In selber Gesinnung kann er aber auch in seinen eigenen vier Wänden dienen, sich um seine Familie kümmern, kranken Verwandten helfen oder seine Kinder pflegen. Es ist jemand der im Dienst an seinem Nächsten eigene Sehnsüchte aufgibt, jemand der selbstlos und nachsichtig ist, mit all seinem Besitz und allen Dingen in seinem Umfeld.

Ein solcher Mensch mag ein Land regieren, ein anderer bleibt zuhause, regiert sich selbst und dient liebevoll und weise seiner Familie. Beide aber erfüllen die selben Bedürfnisse, sind Diener von Prinzipien die viel größer sind als die bloße Erfüllung von Pflichten.

Erhebung zum Meister - ewigeweisheit.de

Erhebung zum Meister (18. Jhd.) im alten Ritus der Freimaurer.

Der Wissende

Auf dieser Stufe erhält das Individuum die Schlüssel, mit dem es esoterisches Wissen erlangen kann - jenes Wissen, dass in der Praxis angewendet wird, doch aus obigen Gründen geheim gehalten werden muss. Alles was hier gesagt werden kann, ist, dass es um die geheimen Gesetze der planetarischen Ordnung geht (mehr dazu weiter unten). Als Suchendem und Famulus wurde ihm enthüllt, was er als nächstes benötigt. Durch die verantwortungsvolle Führung seiner Persönlichkeit erhielt er ein Wissen, was ihm zuvor verweigert wurde. Solange er dafür nicht bereit war, konnten sich ihm die wahren Geheimnisse auch nicht zeigen. Er musste sich etwas verdienen, bevor ihm die große Wahrheit anvertraut wurde. Denn erhielte er diese Wahrheit ohne sie sich selbst verdient zu haben, gliche das einer Täuschung, die schlimmstenfalls in der Zerstörung seines eigenen oder des Lebens anderer enden könnte.

Die Erfahrungen die dieses Wissen hervorbringt, müssen selbst gemacht und nicht aus Büchern entnommen werden. Man muss die Wahrheit mit seinen Sinnen erfahren, muss sie schmecken. Wer noch niemals in eine Stück Zitrone gebissen hat, wird auch nicht wissen wie es sich anfühlt, auch wenn man noch so präzise versuchte es ihm zu beschreiben. Wer aber diese Erfahrung gemacht hat, dem wird vielleicht beim Lesen dieser Zeilen, das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Jahreszeiten der menschlichen Seele

So wie auch die Sonne ihrer (anscheinenden) Bahn "um die Erde" folgen muss, so muss der Mensch diesen drei Schritten der Initation folgen. Damit wird er auf dem Weg durch Läuterung, Dienerschaft und Errungenschaft zur Vervollkommnung schreiten.
Der Mensch wird geboren, bewegt sich durch verschiedene Lebensabschnitte, die irgendwann enden, damit er symbolisch zu neuem Leben auferstehen kann. Er geht weiter um die Früchte seiner Taten zu ernten, um schließlich in die Stille des Lebens einzutreten. Die zyklischen Jahres- und Tageszeiten soll sich der Mensch dabei zum Vorbild nehmen, um diese Lebensabschnitte zur Vollkommenheit zu bringen:

  • Geboren in uns, wird das Solare Prinzip zu Weihnachten,
  • es stirnt zu Ostern und wird darauf wiedergeboren,
  • fällt zu Johanni (Mittsommer)
  • und kommt mit Michaeli (Herbstanfang) zur Ruhe.

In dieser letzten Zeit der Ruhe, kann sich das Leben erholen. Diese Phase entspricht im Jahreslauf der Sonne dem Herbst, in ihrem Tageslauf der Nacht. Es ist die Zeit des inneren Friedens, wo der Mensch nicht länger an sich arbeiten muss. Hier bereitet er sich auf einen neuen Lebenszyklus vor.
Nach dem Winter dann erfährt das menschliche Leben einen neuen Frühling. In dieser Erfahrung beginnt das seelische Bewusstsein langsam zu verblassen, die Körperlichkeit gewinnt an Bedeutung. Zuvor begibt sich die Seele in einen tiefen Ruhezustand und verbindet sich ganz eng mit dem Selbst.

Die Schwalbe - ein antikes Symbol für den Frühling - ewigeweisheit.de

Die Schwalbe - ein antikes Symbol für das Licht und den Frühling. Im Spätmittelalter war dieser Vogel ein Symbol der Auferstehung (cc).

Neues Leben

Wer mit etwas Neuem im Leben beginnen möchte, der sollte sich eine Auszeit nehmen, sich entspannen und in Ruhe darauf vorbereiten. Das kann er während einer Reise tun, seinem Urlaub oder an mehreren Wochenenden im Jahr. Selbst wer sich nur vier Stunden wöchentlich dieser Aufgabe widmet kommt in einem Jahr auf ganze zwei Wochen. In dieser Zeit kann man sehr viel erreichen!

Einen neuen Lebensabschnitt können wir nicht nebenher, beiläufig und hastend beginnen, sonst würden alte, weniger zuträgliche Muster mit in diesen neuen Lebenszyklus einstrahlten. Wir müssen nach Wegen suchen, um in Ruhe über unsere Wünsche und Ziele nachzudenken. Wer sich die Zeit nehmen will, der wird sie auch finden!

Diese Zeit im Leben nannten die alten Menschen "Digestion", worin sie das bisher Erreichte verarbeiteten, "verdauten". Wer durch eine Phase verschiedener Erfahrungen gegangen ist, sollte zusammenfassen, was er bisher erlebt hat. Gemachte Erfahrungen können so in innere, positive Werte verwandelt werden.

Die Pythagoräern praktizierten hierfür die Disziplin der Rückschau. Diese Rückschau entspricht im solaren Jahreslauf dem Winter. Der Mensch geht dabei, in der Gegenwart anfangend, rückwärts durch die Jahre seines Lebens um herauszufinden, was er wirklich gelernt, welche Fehler er begangen hat, wie er diese korrigiert und nicht erneut begeht. In dieser Rückschau sieht er welche Charakterschwächen ihn hindern. Oft finden sich die Hinderungsgründe in unserer Ichbezogenheit, die vor uns die großartigen Dinge im Leben verbirgt.

Diese Rückschau praktizierten die Pythagoreer jeden Tag, kurz bevor sie zu Bett gingen. Sie fragten sich was habe ich getan, was ich hätte besser unterlassen, was habe ich unterlassen, dass ich hätte besser tun sollen.

In dieser Praxis stimmten die Pythagoreer ihre Seele ein, auf einen vorübergehenden Zustand des Todesbewusstseins. Es ähnelt dem, was Menschen erleben die den Tod bereits gekostet haben: Man sieht episodenhaft sein ganzes Leben rückwärts vor sich ablaufen. Es ist ein Zustand frei von Urteilen, ohne Bestrafung, außer dem, was das Individuum sich selbst gegenüber beurteilt und dabei sein eigenes Verhalten überprüft. Weder verfolgen den Menschen hier irgendwelche üblen Geister oder strafende Götter. Vielmehr betrachtet er losgelöst von allen irdischen Bindungen, was sein Körper während der Tage und Jahre seines Lebens erfuhr. Je präziser der Blick auf die Lebensereignisse und je größer die daraus gewonnenen Einsichten, desto eher tendiert die Seele dazu sich aus dem Kreislauf der irdischen Inkarnationen zu lösen.

Das Individuum muss schließlich sein eigener Richter, sein eigenes Geschworenengericht werden. Das ist durchaus möglich. In jedem von uns ist Göttlichkeit lebendig, weshalb sich jeder selbst richten kann. Damit wird man nicht mehr durch die persönlichen Begierden verwirrt, sondern der genauen Erfüllung vergangener Lebenshandlungen gegenübergestellt. So wird dem Menschen bewusst, was von seinen Taten recht und was unrecht war.

In der dunklen Zeit des Winters können wir also entdecken, dass Alleinsein die Grundlage menschlichen Seins ist. Jeder Mensch ist allein und wird auch immer allein bleiben. Die Seele kann nur allein in die Ewigkeit eingehen, um ihre eigentliche Natur zu erfüllen.

Alone: All One!

Wer nicht allein sein kann, dessen Wahrnehmung wird von Eindrücken anderer Seelen überwogen, in manchen fällen sogar zerstreut. Doch Alleinsein ist keineswegs identisch mit Einsamkeit!
Einsamkeit ist ein Gefühl - Alleinsein ist Zustand und Voraussetzung, selbstständig und verantwortungsvoll mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Wer das Alleinsein fürchtet, muss sich etwas Übergeordnetem anschließen - und sei es ein Konsens. Wer sich aber etwas anschließt, der muss sich führen lassen. Und da sich der Mensch einer Gruppe, hin und wieder Dinge erlaubt, die er sich nicht erlaubte, wäre er ein selbstständig handelnder Mensch, schichten sich Defizite auf, aus denen Konflikte mit anderen Gruppen entstehen. Und das führt zu all den vielen Kriegen die immer wieder über die Grenzen von Staaten und Religionen hin ausgetragen werden.
Wäre es vielleicht also besser, man schlösse sich gar keiner Gruppe an?

Wollen wir die Welt umwandeln, so muss eine Erneuerung in uns selbst stattfinden. [...] Wir können vielleicht zeitweise Befreiung finden, indem wir uns einer Gruppe anschließen oder die Methoden sozialer und wirtschaftlicher Reform studieren, indem wir Gesetze ausarbeiten oder beten; doch was wir auch tun mögen, unsere Probleme werden ohne Selbsterkenntnis und die ihr innewohnende Liebe nur wachsen und sich vervielfältigen. Wenn wir dagegen Sinn und Herz der Aufgabe, uns selbst erkennen zu lernen, zuwenden, werden wir zweifellos unsere zahllosen Konflikte und Leiden beseitigen können.

- Jiddu Krishnamurti

Jiddu Krishnamurti - ewigeweisheit.de

Jiddu Krishnamurti (1895-1986) als Jugendlicher: "Uns selbst erkennen lernen, um unsere zahllosen Konflikte und Leiden zu beseitigen."

Das universale Sonnenprinzip

Die Menschen im alten Ägypten wussten von der Lebendigkeit eines solaren Prinzips das in ihrem Dasein wirkt. Für sie glich es einer kleinen Sonne im Zentrum ihres Seins. Aus dieser Sonne strahlt ein Licht, dass, wenn es ein weiser Mensch in seinem Herzen trägt, auch das Leben anderer erleuchten kann. So jemand ist manchmal ein Licht in seiner Familie, ein andermal ein Licht unter Freunden. Wieder andere Menschen werden zur Lichtfigur in gesellschaftlichen Belangen oder schließlich zu einer großen Lichtgestalt der gesamten Menschheit.

Das universale Sonnenprinzip ist ein wahrhaftiges Naturgesetz, dass in jedem von uns lebt. Je größer diese individuelle Lichtkraft wird, desto weiter dehnt sie ihre positive Wirkung aus. So wächst das Individuum allmählich über sich selbst hinaus, bis es irgendwann den Erdkreis verlässt. Was so eine Lichtseele zuvor für die Menschheit war, wird sie jetzt für das Bewusstsein der Planeten, bis sie sich immer weiter in andere Sternsysteme hin ausbreitet. Dieses lichtvolle Prinzip des seelischen Lebens wird ewig weiter wachsen, bis in jedem von uns der Zweck des gesamten Universums erfüllt ist.

Im Laufe unseres Lebens wird uns allmählich bewusst, dass sich unsere Seele auf einer Reise befindet. Sie erstreckt sich über hunderte Reinkarnationen, die sich ihrer Art nach aber voneinander vollkommen unterscheiden. Nie werden wir für etwas bezahlen müssen, was wir unterließen, noch leer dafür ausgehen, was wir Gutes im Leben errungen haben.

Lust und Leidenschaft

Manchmal sind die größten Fehler die wir im Leben begangen haben, die besten Gelegenheiten zu wachsen. Nur durch unsere Fehler werden wir unserem wahren Selbst gegenübergestellt. Eine sehr, sehr schmerzhafte Erkenntnis, da wir sehen, dass unser wahres Sein ganz und gar von unserer körperlichen Erscheinung verschieden ist. Nur wer den Schmerz zulässt erkennt, dass er am Leben ist. Wer sich von einem ins nächste Vergnügen stürzt, vergisst das Leben. Und das des Menschen Schmerz und Lust nahe bei einander stehen, zeigt ja der Gesichtsausdruck des Empfindenden.
Es geht aber ebenso wenig darum nur immer das Leid zu suchen und den Körper zu peinigen, wie es auch falsch wäre sich nur dem Vergnügen hinzugeben. Nur in der Mäßigkeit wird die Lebensenergie im Fluss gehalten.

Mäßigkeit - ewigeweisheit.de

Mäßigkeit - die 14. Karte des großen Arkanums im Tarot

Nur wer unangenehme Lebensphasen als das Produkt seines eigenen Handelns erkennt, kann über seinen Zustand hinauswachsen. Wer sich widersetzt oder sich als Opfer der Umstände bemitleidet, der erstarrt. Alles was die Seele überwindet - Süchte, Leidenschaften usw. - macht sie so stark, wie sie nie hätte stark werden können, wären diese Schwächen von ihr nicht überwunden worden.
Auf diese Weise verwandeln wir uns im Laufe unserer Inkarnationen nach und nach zu einem besseren Menschen. Überall und zu jeder Zeit wachsen wir so gut wir dazu im Stande sind, bis dieses Wachstum vollzogen wurde und die Seele ihren Zweck auf der Erde erfüllt hat.

Wie die menschliche Seele auf der Erde inkarniert

Es gibt nur wenige Beschreibungen darüber, was in der Phase zwischen Tod und Neuverkörperung der Seele stattfindet. Schenken wir den alten Totenbüchern Ägyptens und Tibets Glauben, spielen sich die spirituellen Sterbevorgänge im Innern der Seele ab. Im Zeitraum zwischen Tod und Wiedergeburt ist die menschliche Seele in Kommunion mit sich selbst. Sie versucht sich dem menschlichen Selbst zu erklären und ihm mitzuteilen welche Fehler die Seele das letzte mal begangen hat.

Eine bewusste Seele wird sich also vornehmen, diese Fehler nicht erneut zu begehen. Wenn jemand sehr schwerwiegende Fehler oder äußerst üble Taten gegen sich oder andere begangen hat, wird ihm dies nach dem Tod als tiefe Einsicht bewusst und er kann in ein wirklich reuiges Bedauern eintreten. So kann die Seele verstehen, welche großen Fehler sie machte. Darauf hin wird sie einen Weg suchen, diese in ihrer nächsten Inkarnation wieder gut zu machen, in dem sie sich einem Elternpaar anvertraut, durch dessen Vereinigung sie in das entsprechend karmisch geprägte Umfeld geboren werden kann.

Krebs, Steinbock, Seele - ewigeweisheit.de

Die Seele inkarniert über das "Tor des Krebses" und verlässt den verstorbenen Körper über das "Tor des Steinbocks".

Gemäß chaldäischer Philosophie kommen die Menschenseelen aus den Feldern der Fixsterne. Pythagoras glaubte der Aufenthaltsort der Seelen befände sich in der Milchstraße. 

Um in einem menschlichen Körper zu inkarnieren, steigt die Seele im Tierkreis durch das "Tor des Krebses" über die sieben planetarische Sphären (Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond) in die Schale eines irdischen Körpers auf die Erde hinab. Das ist ihr spiritueller Tod, wo sie sich in einen "Winter der Körperlichkeit" zurückzieht. Dafür steht das Schalentier Krebs, der halb auf der Erde (Körper) und halb im Wasser (Emotionen) lebt.
Im ägyptischen Tierkreis von Denderah wird das Sternzeichen Krebs durch den Skarabäus-Käfer repräsentiert: ein Symbol für die Geburt in eine irdische Inkarnation. Auch im alten Indien wurde das Sternbild Krebs durch einen Käfer dargestellt.

Gegenüber des Krebses befindet sich im astrologischen Tierkreis der Steinbock. Diese Stelle nannten die alten Weisen das "Tor des Steinbocks", von wo aus die Seelen, nach dem Tod des Körpers, zurück in den Himmel aufsteigen.

Im großen Zyklus ihrer vielen irdischen Inkarnationen, wird die menschliche Seele in die spirituellen Tugenden eingeweiht. Bei den Neuplatonikern standen diese Tugenden äquivalent zu den sieben Planetengöttern, die in ihrem sphärischen Verlauf um die Erde, ihre Eigenschaften der inkarnierten Seele lehren:

  • Kronos (Saturn): das logische Denken und Verstand, sowie die Überwindung von Trägheit.
  • Zeus (Jupiter): die Tatkraft und Überwindung des Wunsches nach Macht.
  • Ares (Mars): der Mut und die Überwindung des Zorns.
  • Helios / Apollon (Sonne): die Wahrnehmung und Vorstellungskraft.
  • Aphrodite (Venus): die Begierden und die Überwindung der Zügellosigkeit.
  • Hermes (Merkur): die Fähigkeit der Kommunikation und die Überwindung der Gier nach Gewinn und Erfolg.
  • Selene / Artemis (Mond): die Fähigkeit zu wachsen (Körper).

Die menschliche Seele ist eine Individualität die auf der Erde inkarnierte um etwas zu lernen. Diese Erfahrungen fließen erneut in jeder Inkarnation in das neue körperliche Leben mit ein. Sie werden ein Teil dessen, was in der neuen Inkarnation hervorgebracht wird. Mit jeder Inkarnation verbessert sich das seelische Leben des Individuums ein wenig mehr - wird besser als es zuvor gewesen ist.
Im Intervall zwischen Tod und Wiedergeburt veredelt sich die menschliche Seele, um das wesentliche Selbst besser in die inkarnierte Persönlichkeit zu integrieren.

So ist jedes Individuum die Summe seiner Errungenschaften, wie auch seiner eigenen Fehler. Je größer die Errungenschaften im vorigen Leben, desto einfacher wird das Leben der kommenden Inkarnation. Wer verständig ist, der wird ein einfaches Leben führen, Ausschweifungen vermeiden, da er weiß, dass sie nur zu noch mehr Versuchungen führen. Ausgeprägte körperliche Begierden ziehen schwerwiegende karmische Konsequenzen nach sich, da sie immer mit moralischen Vergehen zusammenhängen - wobei sich die Moral auf das traditionell geprägte Umfeld bezieht, in dem eine Seele inkarniert.

Wer stets wider die Freiheiten anderer handelt, bewirkt seine kommende Inkarnation in einem Feld des Elends. Wer aber jenen Elenden hilft, trägt zum Heil der Menschheit bei, da er diesen Seelen beisteht sich aus ihren karmischen Verstrickungen zu erlösen. Sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen, wäre hingegen verantwortungslos. Wer aus Mitgefühl und selbstlosem Wollen andere Menschen vom Leiden befreit, trägt dazu bei, dass seine Seele in der kommenden Inkarnation weniger leiden muss.

Im Mahayana-Buddhismus heißt das "Boddhichitta": das Ziel Erleuchtung zu erlangen, zum Wohle aller Wesen. Verkörpert durch Avalokiteshvara, den Boddhisattva des Mitgefühls, entspricht dieses Streben synonym der Nächstenliebe die auch Jesus Christus gelehrt hat.

Wenn es die individuelle Vorsehung verlangt, wird ein Mensch vielleicht in eine schwierige Familiensituation geboren. Dies erfolgt damit er sein Karma darin entsprechend abtragen, Lebensprobleme auf diese Weise lösen kann. Wenn jemand sich z. B. in seinem vorigen Leben oft in Lügen und Unaufrichtigkeit verstrickte, ist es ihm vielleicht in seiner gegenwärtigen Inkarnation ein Anliegen, immer ehrlich sein zu wollen. Wer in seiner vergangenen Inkarnation tötete, wird vielleicht in einer späteren Inkarnation Leben schützen. Doch all das hier gesagte verblasst vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Handlungen, Gefühle und Gedanken die ein Mensch jetzt, in diesem Moment hervorbringt. Diese Welt kann nur jetzt verändert werden!

Jeder sollte sich aus all diesen Gründen, nach und nach bewusst machen, dass die durch frühere Vergehen resultierenden Strafen, eigentlich in seiner Inkarnation selbst ablaufen. Der Mensch benötigt in seiner gegenwärtigen Inkarnation diese Strafen, um seine Seele zu etwas Edlerem zu läutern. Doch sobald sich eine Seele wieder verkörpert, will sie diese Konsequenzen natürlich (erstmal) nicht tragen.

Wir sollten unsere Aufmerksamkeit diesem Intervall zwischen den Inkarnationen widmen. Ein weiser Mensch bereitet sich darauf in seinem Leben vor und arbeitet darauf hin. Wo die menschliche Seele das Selbst genau betrachtet, stehen ihm die Lebensumstände ganz offensichtlich zur Verfügung. Sie lassen sich auf sein Leben anwenden. In seiner strukturellen Entwicklung voranschreitend, erkennt der Mensch allmählich was der Zweck von alle dem ist, was er bisher erlebt hat und gegenwärtig erlebt.

Viele ältere Menschen blicken darum auf ein kreatives Leben zurück und sind im Großen und Ganzen zufrieden mit dem, was ihnen im Leben möglich war. Mit dem Tod der Körperlichkeit, bekommt die menschliche Seele dann eine klarere Sicht auf die Erlebnisse ihrer Inkarnation und erkennt was sie eigentlich bedeuten. Den Wert vieler Dinge, die ein Mensch im Leben erreicht hat, erkennt er erst im Moment des Sterbens. Oft erscheinen sie ihm viel wertvoller, als wofür er sie hielt als sein Körper noch lebte.

Die Sonne - ein Vorbild

Die tägliche und jährliche Bahn der Sonne über den Himmel zeigt uns den großen Plan allen irdischen Lebens. In jedem Zyklus wo die Sonne über den Himmel fährt, macht die Seele ihre körperlichen Erfahrungen und erkennt allmählich die natürlichen Prozesse. Jedes Jahr kommt die Sonne in die Welt zurück um ihren Zweck zu erfüllen. Die Welt ist jedesmal ein klein wenig anders.

Die Sonne ist die Reinigende, die Veredelnde, Erleuchtende. Sie kehrt immer und immer wieder - manchmal in einer Zeit wo sich die Erde in Finsternis befindet, manchmal in einer besseren Welt, wo alles gut zu sein scheint.

In ihrer zyklischen Wiederkehr arbeitet die Sonne in Richtung eines einzigen großen Endes. Darin wird die endgültige Erleuchtung aller Existenz erfolgen, so dass alle Dinge in sich und durch sich selbst erfüllt werden. Aus diesem Grund trugen die Götter der alten Zeit sehr oft solare Namen. Und so wie die Sonne jedes Jahr stirbt (Herbst) und wieder aufersteht (Frühling), so finden wir in verschiedenen Mythen und religiösen Legenden Sagen vom sterbenden Gott, der als Lichtgestalt wieder aufersteht.

Wer sich in innerer Disziplin und Hingabe übt, der erlangt Glück und Sicherheit in dieser Welt. Wer nach seinem Vermögen versucht sein Leben zu verbessern, der kann Boden gewinnen, kann Fuß fassen. Doch er muss seine Selbstsucht ausmerzen, seine Heftigkeit beruhigen, seine Gefühlsregungen kontrollieren und niemanden verletzen.

Jeder von uns geht in seinem Leben, insbesondere in bestimmten Jahreszeiten durch einen Prozess mentaler Neugestaltung. Je älter wir werden, desto mehr werden wir uns des Universalen bewusst und lösen immer mehr die Bindungen, die uns gewohnte Lebenssituationen aufbürden. Wir sollten uns all des Ballastes entledigen den wir mit uns herumtragen. Alles wovon wir glauben das es wichtig sei, wird sich sowieso irgendwann auflösen und aus unserem Leben verschwinden. Dies verstehend wird uns schließlich klar worauf es im Leben ankommt: es geht um das permanente Wachstum im Leben, denn ewig bleibt was sich bewegt.

So wie die Sonne ihren Zenit allmählich Richtung Norden steigen lässt, so steigt in uns das Licht einer inneren, unsichtbaren Sonne auf, die ein in uns verbogenes Potential zur Entfaltung bringt. Das sprießende Saatkorn ist ein Symbol für dieses innere Licht und für das Wachstum all unserer inneren Werte des Bewusstseins. Und so wie mit dem Steigen der Sonne, der Weizen bis zur Ernte reift, so kommt das Licht ins Bewusstsein und Herzen der Menschen, damit auch sie die Ernte der Jahre eintragen, von der sie sich in Zukunft nähren.

Man sollte sich also mir dem Zyklus der Sonne eingehend beschäftigen - nicht nur durch das Lesen von Büchern, sondern durch das Beobachten der jährlichen Veränderungen in der Natur und der täglichen Phasen unseres eigenen inneren Menschseins.
Was auf den Feldern des Landwirts, was in den Heinen der Apfelgärtner, was im Tierleben der Bienen usw. vor sich geht, sind alles Beispiele für unser eigenes Wachstum, unsere eigene Reife, Ernte und Sammlung.

 

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Die Freimaurer - Eine himmlische Bruderschaft?

Nur wenige Suchende wissen, dass wenn sie sich auf den Pfad der heiligen Wahrheit begeben, sie sich damit auch zu einer neuen Verantwortung verpflichten. Wahre Geheimwissenschaft ist wie ihr Titel schon andeutet etwas, das nur im Geheimen behandelt und besprochen wird.

Der Suchende muss sich klar machen, dass die Heiligen Lehren der Antike auch als solche behandelt werden sollen. Jene die sich in den Kreis einer solchen Bruderschaft begeben sind verpflichtet zu schweigen.
Es gibt eine Wissenschaft der Seele, die versucht eine universale Beschreibung dafür zu geben, was man als "Göttliche Weisheit" bezeichnet - das was die Kabbalisten "Chokmah" nennen. Der Begriff "Göttliche Weisheit" wird seit jeher verwendet, um die größten Geheimnisse der heiligen Philosophie anzudeuten, in der sich die geheime Hierarchie erleuchteter Wesen zu erkennen gibt.

Das Freimaurertum widmet sich dem Studium des Kosmos ebenso, wie der Arbeit am eigenen Leben. Es hat sich zum Ziel gesetzt durch besseres Denken zur Erleuchtung des Geistes zu gelangen.
Man kann sagen, dass die Wissenschaft der Freimaurer älter ist als die Menschheit, da sich ihre Wurzeln nicht in der materiellen Welt finden lassen. Denn was wir in der Welt sehen und berühren können gleicht eher einem großen Labor in dem viele Experimente durchgeführt werden, um aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen. In dieses irdische Laboratorium strahlen ununterbrochen kosmische Energien himmlischer Intelligenzen ein, die sich auf die Führung der Menschheit konzentrieren.
Das was aus den mystischen Hierarchien auf die Menschheit hinabstrahlt, formt das Muster um das sich das Freimaurertum vor sehr langer Zeit auf diesem Planeten gründete. Die Existenz von Mysterienschulen, lässt sich bis in die Anfänge der Zeit zurückverfolgen. Es war eine Zeit in welcher der Tempel des Sonnenmenschen erbaut wurde. In diesem Tempel wurden die wahren Mysterien niedergelegt. Er bildete die erste Loge der Eingeweihten, von der alle esoterisch arbeitenden Bruderschaften der Erde abstammen. Ihren wahren Ursprung haben die Lehren und Riten der Freimaurer haben im alten Persien und Ägypten. Zwischen Freimaurern und Sufis gibt es viele Berührungspunkte.

Diejenigen, die die alten Lehren der Freimaurer erforscht und studiert haben, haben verstanden, dass es um die Entfaltung eines dreifältigen Prinzips geht. Ihre wahren Mitglieder verstehen, dass all ihr Handeln und Tun nötig ist, um den Tempel des göttlichen Königs zu erbauen.

Illustration: Augustus Knapp

Es ist eine Verpflichtung und ein Privileg das der Suchende seiner Gottheit, seinem Nächsten und sich selbst schuldet.

Wahres Freimaurertum ist esoterisch - also geheim. Es ist nichts das von dieser Welt ist. Alles was diese Welt uns gibt sind Schlüssel die uns in das pfadlose Land der Weisheit führen können. Aus diesem Grund wird ein Freimaurer nicht in dieser Welt der Form nach Weisheit suchen, sondern nach dem was ihm aus den himmlischen Welten gegeben wird.
In den alten Mysterienschulen durchlief der Anwärter mehrere Stufen der Einweihung, bis er die Initiation in die heiligen Mysterien der Naturgesetzte erhielt.
Ein Sucher der Wahrheit versucht sich über die exoterische, äußere Welt zu erheben, um damit in die spirituellen Welten aufzusteigen. Denn dort findet er die wahre Loge - eine esoterische Bruderschaft, die viel großartiger ist als jede physische Schule auf Erden. Sie ist das Zentralfeuer aller anderen Schulen die es in der materiellen Welt gibt. Diese hohe Schule der Eingeweihten bezieht alle irdischen Formen der Weisheitsschulen mit ein, in ihr großes Werk.

Die Kuppel dieser universalen Loge befindet sich im Bereich des Himmlischen, ihre Säulen bilden die vier Weltecken, ihr schwarz-weiß gekachelter Boden deutet hin auf die sich überschneidenden Eigenschaften von Licht und Finsternis, Gut und Böse, Leben und Tod.
Auf diesem Boden von Sein und Nichtsein - dort befindet sich ein Altar: das Herz des Menschen.

Die Tempellegende der Freimaurer (Teil 2)

(ich) will wohnen unter den Kindern Israel und will mein Volk Israel nicht verlassen.

- 1. Könige 6:13

Über sich sah er eine große Gestalt schweben die zu ihm sprach: "Sei ohne Furcht mein Sohn, denn ich habe dich unverbrennbar gemacht. Stürze Dich in die Flammen!" Hiram betrat also den Schmelzofen ohne sich dabei zu verbrennen. Von einer unwiderstehlichen Kraft angetrieben, drang er immer weiter vor.

"Wohin führst du mich?" fragte er. "Zum Mittelpunkt der Erde" antwortete das Wesen, "in die Seele der Welt, in das Reich des großen Kains. Dort ist der Ort wo die Freiheit herrscht. Dort hört der tyrannische Neid des JHVH auf. An diesem Ort können wir seines Zornes spottend, den Apfel vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen kosten. Dort ist das Heim deiner Ahnen." - "Wer bin ich und wer bist du?" fragte Hiram - "Ich bin der Vater deiner Väter, der Sohn Lamechs. Ich bin Tubalkain."

Hiram Abiff wurde nun von Tubalkain in das Heiligtum des Feuers eingeweiht. Er legte ihm dabei die von JHVH den Menschen eingebläuten Schwächen und niedrigen Leidenschaften dar. Denn JHVH war seinen eigenen Geschöpfen, den erdgeschaffenen Menschen, eigentlich feindlich gesinnt. Unerbitterlich verurteile er sie zum Tode, nur um sich an den Feuergeistern zu rächen, denn jene hatten ursprünglich ja den Menschen mit Wohltaten überhäuft. Nun kam Hiram vor den Urvater Kain. Kain, dessen edle Gesinnung den Neid JHVHs erregt hatte, erzählte Hiram von den Leiden, die der grausame JHVH über ihn verhängte. Plötzlich vernahm Hiram eine Stimme: "Dir wird ein Sohn geboren werden. Zwar wirst du ihn nicht sehen, doch seine zahlreichen Nachkommen werden dein Geschlecht verewigen. Sie werden dem Geschlecht Adams überlegen sein und die Herrschaft der Welt erringen. Viele Jahrhunderte lang wird es dem Geschlecht Adams dienen, bis es einst die Herrschaft über die Welt erlangen und die Anbetung des Feuers wieder einführen wird. Gehe mein lieber Hiram. Die Feuergeister seien mit dir!"

Nun wurden Hiram Abiff von Tubalkain die Mysterien des Feuers enthüllt. Damit wurde er befähigt das irdische Wasser der Weisheit mit dem leidenschaftlichen Feuer des Himmels in richtiger Weise zu verbinden. Tubalkain übergab Hiram zudem ein geheimnisvolles T-Symbol in Form eines Hammers, sowie ein Goldenes Dreieck auf dem ein geheimnisvolles Wort eingraviert war - das Meisterwort der Freimaurer. Tubalkain gebot dem Hiram dieses Dreieck stets am Hals zu tragen. "Dieser Hammer, das Goldene Dreieck und die Feuergeister mein lieber Hiram - sie sollen dir helfen das durch menschliche Dummheit und Bosheit unvollendet gebliebene Werk zu Ende zu bringen."

Als Hiram Abiff nun wieder auf die Erdoberfläche zurückkehrte erprobte er gleich die wunderbare Macht des kostbaren Hammers. Zu Sonnenaufgang war der Guss des bronzenen Beckens gelungen. Die herbeieilende Menge war entzückt und staunte über die geheime Macht, durch welche das gestrige Unglück anscheinend in einer Nacht wettgemacht worden war. Besonders verwundert über die hohen Künste des Hiram Abiff war die Königin Balkis. Wegen seiner genialen Fähigkeiten verliebte sie sich unsterblich in ihn.

Als die Königin eines Tages in Begleitung ihrer Hofgesellschaft außerhalb von Jerusalem einen Spaziergang machte, begegnete sie dem Hiram. Er war allein und in Gedanken versunken. Doch als er sie sah kam er auf sie zu und die beiden gestanden einander ihre Liebe.

An dieser Stelle sei eine alte Überlieferung angeführt, die sich sowohl im Koran wie auch in den mythischen Überlieferungen der alten Perser findet.
Bevor sich König Salomon und die schöne Königin Balkis zum ersten mal begegneten, flog ein Wiedehopf als Bote in den Palast des Salomon. Der König verstand die Sprache der Vögel und auch die der Feuergeister. Dieser besondere Vogel trug den Namen Hud-Hud. Er berichtete dem Salomon vom großen Reichtum der Balkis. Im Volk der Balkis war Hud-Hud ein Bote der Feuergeister - jene Wesen, die die Araber als "Dschinnen" bezeichnen.

Als sich Hiram Abiff und Königin Balkis in einem Garten östlich der Stadt begegneten, hörten sie von einem Akazienbaum die Rufe des Hud-Hud. Hiram sah den Vogel und zeichnete das T-Symbol in die Luft. Da erhob sich der kleine Wiedehopf und flog um Hirams Haupt, bis er sich auf sein linkes Handgelenk setzte. Da rief Sarahil, die Amme der Königin: "Die Weissagung ist erfüllt! Hud-Hud hat den Ehegatten der Königin erkannt, den die Dschinnen für sie bestimmt haben!" Nun zögerte das Liebespaar nicht länger und verlobte sich.

Illustration: Augustus Knapp

Hiram Abiff sollte jetzt so schnell wie möglich Jerusalem verlassen und sich nach Saba begeben. Die Königin wollte indessen König Salomon aufsuchen, um zu verhindern, dass er Hirams Flucht bemerkte. Außerdem wollte sie ihr Heiratsversprechen rückgängig machen. Sie berauschte Salomon mit Wein und es gelang ihr so den goldenen Verlobungsring von seinem Finger zu ziehen. Doch als Salomon am nächsten morgen erwachte, durchschaute er die List der Königin. Nun gab er den drei Gesellen, die den Guss des bronzenen Beckens zuerst verdorben hatten, den Auftrag den Nebenbuhler Hiram zu beseitigen.

Vor seiner Flucht kam Hiram Abiff nocheinmal in den Tempel. Dort schlugen die drei Gesellen mit seinen eigenen Werkzeugen auf ihn ein: Hammer, Winkelmaß und Zollstock. Symbolisch waren sie die drei Stellvertreter der Mächte der kosmischen Nacht. Bevor der Sterbende aber seinen letzten Seufzer aushauchte, riss er sich das Goldene Dreieck mit dem Meisterwort vom Hals und warf es in einen tiefen Brunnen. Als er nun in seinem Blut auf dem Boden seines Werkes lag, schlug er noch einmal seine Augen auf. Sein Gesicht umgab ein süßes Lächeln kosmischer Schau. als er in seinem Herzen zum großen Baumeister des Universums sprach:

"Meine Arbeit wurde nicht vollendet. Wieso muss es immer unvollendet bleiben? Nicht konnte ich vollbringen das Werk zu dem Du mich geleitet hast, stattdessen wandte sich das was ich erschuf gegen mich und die Werkzeuge die Du mir gabst zerstörten mich. Das heilige Meisterwort das Du mir gabst, trag ich nun auf immer im Herzen und kehre zurück zu Dir."

Nachher verscharrten die drei Meuchelmörder seinen Leichnahm auf einem einsamen Hügel in Jerusalem und pflanzten auf seinem Grab eine Akazie - dem Symbol der Unsterblichkeit.

Nun fragten sich seine Bauleute, die ihn zuletzt vor sieben Tagen gesehen hatten, wo sich Hiram Abiff befände. Sie drängten König Salomon nach Hiram suchen zu lassen, der ihnen, wenn auch ungern nachgab und drei Meister mit der Suche beauftragte. Sie fanden schließlich den den Leichnahm. Ihnen war sofort klar, dass es sich bei den Mördern um die drei Gesellen handeln musste, denen Hiram die Meisterweihe verweigert hatte. Sie beschlossen das geheime Meisterwort vorsichtshalber abzuändern. Während sie die Leiche Hirams emporhoben fiel zufällig ein Wort, dass nun also zum künftigen Eidschwur erhoben wurde: "Makbenach" - was soviel bedeutet wie "erschlagener Bruder". Dieses Wort sollte das geheime Kennwort des Meistergrades der Freimauerer werden.
Die drei Meister forschten aber dennoch nach dem Goldenen Dreieck das Hiram um den Hals trug, denn darauf stand ja das ursprüngliche Meisterwort. Schließlich fanden sie das Goldene Dreieck in jenem Brunnen. 
Als man die drei Mörder erwischte nahmen sie sich selbst das Leben, da sie der Hand der Gerechtigkeit entgehen wollten.
Das Goldene Dreieck übergaben die Meister dann dem Salomon. Er legte es auf einen Altar in einem entlegenen Raum im Jerusalemer Tempel, den Hiram Abiff für ihn errichtet hatte. Damit niemand das Goldene Dreieck mit dem wahren Meisterwort fände, ließ er darauf einen großen steinernen Würfel stellen, in dem sich die zehn Gebote befanden. Schließlich wurde das verbotene Gewölbe zugemauert und sein Vorhandensein blieb alleine 27 Erwählten bekannt.

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