Sufismus

Suche nach der einen Religion in allen

von S. Levent Oezkan

Internationale Sufi-Bewegung - ewigeweisheit.de

Anfang des 20. Jahrhunderts gründete der indische Musiker und Mystiker Hazrat Inayat Khan im Westen einen esoterischen Orden: Die Internationale Sufi-Bewegung. Seine Anhänger glaubten in ihm ihren Meister erkannt zu haben – einen, der sie zum Guten der göttlichen Gegenwart zu führen vermag.

Er hatte das Ziel ein Wissen über eine gemeinsame Einheit in allen Religionen zu verbreiten, damit Vorurteile von Gläubigen abzubauen und dabei ihre Überzeugungen über die geistige Welt (und die von dort auf Erden erschienenen Gesandten) in ein neues Licht der Wahrheit zu rücken. Sein Ziel war den Menschen etwas zu vermitteln, dass sie mit einer höheren, spirituellen Liebe erfüllen sollte. Denn aus der deutlichen Betonung auf die Unterschiede in den Kulturen und Religionen, erwuchs seit Jahrhunderten ein Zorn in den Herzen Gläubiger. Bis heute gibt es eben für viele unter ihnen zwei Lager: Wir und die anderen, wobei Letztere falsch liegen müssen und die Unwahrheit verbreiten. Inayat Khan wollte dieses eigentliche Unwissen, in der Arbeit seines Sufi-Orden ausrotten.

Das wirklich Lebendige im Herzen ist die Liebe. Sie wird erfahrbar als Güte, als Freundschaft, als Zuneigung, als Toleranz und als Bereitschaft, zu vergeben; gleich, in welcher Form dieses lebendige Wasser aus dem Herzensgrund hervorströmt, es macht uns diese göttliche Quelle im Herzen sichtbar.

- Hazrat Inayat Khan

Es ging Khan darum den Austausch von Gedanken und Ideen der spirituellen Traditionen in unserer Welt zu fördern. So wollte er dazu beitragen, dass sich eine universale Bruderschaft auf Erden gründe und sich erhebe über die Grenzen von Nationalität und ethnischer Herkunft. Jedem erfahrenen Menschen dürften solche Ziele wirklich edel vorkommen. Es scheint also kein Zufall, wenn Inayat Khans Lehre eine weltweite Anhängerschaft fand. Man muss sich dabei klar machen, dass seine Arbeit an der Internationalen Sufi-Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann, einer Zeit wo in Europa zwei schreckliche Weltkriege wüteten. Vor diesem Hintergrund einen Orden des Friedens und der Liebe zu schaffen, erscheint doch als wahrhaft edel.

Hazrat Inayat Khan Großvater Maula Bakhsh - ewigeweisheit.de

Der indische Musiker Maula Bakhsh (1833-1896).

Der Sufi-Orden der Chishtiyya

Doch wer war dieser Mann?

Seine Schüler stellten seinem Namen Inayat Khan den Ehrentitel »Hazrat« voran, einem Titel der ihn als einen »von Gott Berufenen« ehrte. Khan entstammte einer im indischen Panjab ansässigen alten sunnitischen Sufi-Familie. Zu seinen Vorfahren zählten bedeutende Heilige, Poeten, Musiker und Landbesitzer. In dieses familiäre Umfeld wurde er also geboren.

Die wohl wichtigste Person seiner Kindheit und Jugend war sein Großvater Ustad Maula Bakhsh (1833-1896), einer der bedeutendsten Musiker des Landes, den seine Verehrer den »Beethoven von Indien« nannten. Bakhsh gründete die Musikakademie »Gayanshala«, wo er nach und nach um sich einen riesigen Kreis von Schülern versammelte. Nun kam in den Kreis seiner Schüler ein junger Mann: Rahmat Khan. Er sollte Bakhshs Tochter Khatidja heiraten, deren Kind Inayat dann am 5. Juli 1882 zur Welt kam.

Schon in jungen Jahren faszinierte Inayat Khan durch sein musikalisches Talent. Bevor er das Alter von zwanzig Jahren erreicht hatte, spielte er bereits an den Höfen der Fürsten Indiens. Es heißt, seine Musikalität und außergewöhnliche Begabung zum Gesang, galt den Meistern unter seinen Zeitgenossen, als bis dato unerreicht. Er aber fühlte sich zu etwas Höherem berufen, das über den weltlichen Erfolg hinausgehen sollte.

Maula Bakhsh war bereits im Alter von 15 Jahren dem Sufi-Orden der Chishtiyya beigetreten, einem der wahrscheinlich bedeutendsten islamischen Bruderschaften des indischen Subkontinents. Und da das Verhältnis von Inayat Khan zu seinem Großvater sehr ausgeprägt war, kam auch er in Berührung mit dem Sufismus und sollte unter den Chishtiyyas schließlich seinen zukünftigen Meister treffen: Sayyid Abu Hashim Madani. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen weihte er Khan feierlich ein in den spirituellen Pfad des Chishti-Sufi-Ordens. Er nahm Khan als Mourid (Schüler) auf, doch schonte ihn nicht in seiner Ausbildung. Er unterzog ihn anfangs anstrengenden Tests, die seinen Mut, seine Widerstandskraft, seinen Glauben und seine körperliche und geistige Selbstbeherrschung auf den Prüfstand stellen sollten. Khans starkes Vertrauen in seinen Lehrer erschütterte das aber keineswegs. Schon als Junge hatte er gelernt, sich durch Versenkung und Askese zu prüfen. Das war auch die Zeit, in der zahlreiche seiner ersten Gedichte entstanden. Sie verfasste er zu Ehren seines Sheikhs Hashim Madani.

Gründung der Sufi-Bewegung

Von 1908 bis 1910 unternahm Hazrat Inayat Khan eine Pilgerreise durch Indien. Zum einen gab er auf vielen Musikveranstaltungen sein künstlerisches Können zum Besten. Doch er traf in dieser Zeit auch mit anderen bedeutenden Geistlichen der Chishtiyya zusammen. Im Herbst 1910 verließ er dann mit seinen Brüdern Mahabub Khan und Mohammed Ali Khan seine indische Heimat und ging in die Vereinigten Staaten. Inayat Khans Ziel war dort seine Musik und seine Sufi-Botschaft bekannt zu machen.

Als er 1912 nach Europa zurückkehrte, verbrachte er einige Zeit in London, wo er seine Esoterische Schule gründete: den Internationalen Sufi-Orden. Drei Hauptziele bildeten die Fundamente dieses Orden:

  • Die Verwirklichung einer Einheit von Religion durch Liebe und Weisheit, wodurch sich die Vorurteile verschiedener Religionsangehöriger gegenüber anderen Glaubensrichtungen erübrigen sollten. Khan ging es dabei um die Entwicklung einer Liebe zwischen den Menschen, womit ein aus Zweifel entbundener Hass auflöst werden sollte.
  • Das Licht und die göttliche Kraft zu erkennen, die in jedem menschlichen Wesen strahlen, bilden ein Geheimnis das hinter allen Religionen wirkt. Durch die Mystik und die Botschaft der Lebensphilosophien, sollte den Menschen eine Harmonie des Verständnisses und der Liebe zugeführt werden – was ganz ohne die Riten einer bestimmten Religion auskam.
  • Menschen eine Hilfestellung bieten zu gegenseitigem Austausch: Damit wollte er eine Verbindung der Traditionen im Osten und im Westen schaffen, mit dem Ziel der Bildung einer universalen Bruder- und Schwesternschaft, die nationale und ethnische Grenzen überbrückt.

Was Inayat Khan damit anstrebte, schien wahrhaft edle Ziele erreichen zu wollen. Doch all das fand statt, wo in Europa ein ganz anderer Zeitgeist herrschte. Schließlich brach 1914 der Erste Weltkrieg aus, also in den Jahren als Inayat Khan auch seinen Sufi-Orden gründete. So eine Organisation schien tatsächlich nur die wenigsten zu interessieren, wo sie sich doch ausgerechnet der Botschaft des Friedens und der Harmonie widmete. Außerdem war für einen Muslim aus Fernost, Anfang des 20. Jahrhundert nur sehr schwer möglich in Europa Fuß zu fassen.

Eigentlich aber lag Inayat Khan daran die Idee von etwas Universalem zu verbreiten. Eben darin lag Khans eigentliche Friedensbotschaft. Doch nach dem Ersten Weltkrieg erschienen solche Bezeichnungen den meisten Europäern wohl vor allem als Synonym für das, was man unter dem Wort »Pazifismus« verstand – eine aktive, politische Arbeit gegen alte, bestehende oder neu aufstrebende Gewaltherrschaften, deren Mittel der kriegerische Terror ist.

Ganz und gar nicht ersuchte Khan mit seiner Bewegung zu den Pazifisten gezählt zu werden. Schließlich war Khans Sufi-Orden keine äußere, protestierende Gegenbewegung zu irgendetwas, sondern eine Gemeinschaft von Sufis, die ihre friedlichen Absichten aus sich heraus erwecken wollten. So war Inayat Khans Orden ganz und gar unpolitisch. Immer hatte er es vermieden sich auf die Seite einer bestimmten politischen Gruppe oder gar einer Nation zu stellen. Es ging ihm vielmehr um das, was er die »Universelle Bruderschaft« nannte – Sufis, die sich nicht allein als Muslime festlegen lassen, sondern denen es insbesondere darum geht zu zeigen, dass es in allen spirituellen Traditionen der Welt einen gemeinsamen Kern des Guten gibt.

Die Zeit ist reif dafür, dass die Menschheit gemeinsam betet, dass sie sich erhebt über die Trennungen und Unterscheidungen und gemeinsam sich vor Gott verneigt und vor den von Gott gesandten Lehrern, Propheten und Meistern, die zu verschiedenen Zeiten auf der Erde gelebt und der Menschheit gedient haben.

- Hazrat Inayat Khan

Als es nach dem Ersten Weltkrieg wieder möglich war, auf dem europäischen Kontinent zu reisen, zog Hazrat Inayat Khan eine Reihe neuer Schüler an. Insbesondere in Holland fand er viele treue Anhänger. Doch auch in anderen Ländern verbreiteten sich seine Schriften und man sprach dort über seine Arbeit.

Im Jahr 1923 gründete Inayat Khan den Sufi-Orden neu, nach schweizerischem Recht in Genf. Das war auch die Zeit, als er sich mit seiner Gattin Amina Begum, im Pariser Vorort Suresnes niederließ. Von da an pendelte er zwischen Paris und Genf.

Hazrat Inayat Khan - ewigeweisheit.de

Hazrat Inayat Khan spielt die Vina (1910). Fotografie aus seinem Buch »Naturmeditationen«.

Verbreitung der Lehren Khans

Hazrat Inayat Khans Arbeit im Westen blieb schwierig. Er hatte es sich anfänglich einfacher vorgestellt, doch sah sich schnell konfrontiert mit immer neuen Problemen. Wahrscheinlich wären ihm die Dinge einfacher gelungen, hätte er einfach einen neuen Glauben vertreten, eine neue Religion gründen wollen. Als Missionar eines indischen Maharadscha, wäre ihm die Umsetzung seines Plans vielleicht leichter gefallen. Doch so etwas widersprach seiner Auffassung von einer Bruderschaft die einen Weg der Einheit finden sollte. Eine neue Sekte zu gründen hätte ganz und gar im Widerspruch gestanden zu seinem eigentlichen Ansinnen. Es ist eben sehr schwierig eine spirituelle Botschaft zu verbreiten, ohne gleichzeitig ein irdisches Fundament damit zu erbauen. Und so etwas erfolgt eben immer in einem politischen, zumindest aber in einem sozialen Rahmen.

Khan befand sich in einer vollkommen neuen Welt. Und wo er keine Freunde hatte, erschien es ihm fast unmöglich mit seiner spirituellen Botschaft Fuß zu fassen. Der Kommerz, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen vielen Menschen zum zentralen Lebensthema geworden war, schien die Herrschaft des Materialismus anscheinend immer attraktiver zu machen. Hinzu kam, dass im Westen, bis heute bestehende Vorurteile gegen den Islam fortbestanden, was auch heute leider wieder als Gespenst in den Köpfen vieler Menschen geistert.

Auch wenn man über den Sufismus sagen kann, dass er die mystische Seite des Islam darstellt, heißt das nicht, dass die Sufis immer schon Muslime waren. Schon lange bevor der Islam im 7. Jahrhundert in die Welt kam, gab es Sufis in Zentralasien und im alten Persien. Immer zählten zu ihnen jene, die sich als Reisende in ständigem Austausch befanden mit Weisen und Gelehrten verschiedener philosophischer und spiritueller Schulen. Diese Grundidee die eigentlich den Sufismus ausmacht, wollte Inayat Khan wieder neu beleben und den Menschen vermitteln.

Mission der Sufi-Bewegung in der Welt

Vor diesem Hintergrund, sollten für Khans Sufi-Bewegung nun zwei Hauptaufgaben erwachsen:

  1. Einzelpersonen bei ihrer Suche nach einer universalen Wahrheit zu unterstützen und
  2. ein besseres Verständnis unter den Menschen zu erreichen und ihnen damit zu zeigen, wo ihre Gemeinsamkeiten liegen – etwas das eben Ziel aller ist, die nach Ewiger Weisheit (Sophia Perennis) streben.

Für ihre tatsächliche Erfüllung aber, müssen diese Aufgaben gemeinsam gesehen werden, denn sie sind voneinander abhängig. Wie auch sollte sich eine Gesellschaft weiterentwickeln und verbessern, ohne gleichzeitig die Entfaltung des Individuums zu fördern? Für Inayat Khans Sufi-Bewegung sollte dies in der Tat möglich sein, ohne dabei seine gänzlich unpolitische Mentalität zu verlieren. Zentrales Thema des Sufismus ist nun einmal die Mystik, jene spirituelle Geistesdisziplin, bei der sich die Sufis durch Versenkung und Hingabe mit dem Göttlichen verbinden, bis hin zur ekstatischen Vereinigung in Gott (arab. »Dhikr«).

Eine Entweltlichung vom Sein

Seit alter Zeit kam die Botschaft der göttlichen Weisheit durch die Vermittlung eines Mystikers zu den Menschen. Wichtigste Charaktere in diesem Fall waren die Propheten, wobei den Sufis, wie auch anderen Muslimen, der Prophet Mohammed (as) als letzter Gesandter gilt. Und doch fielen die göttlichen Gesetze immer wieder auch in die Hände weltlicher Intellektueller. Sie glaubten sich in ihrem Handeln auf die Propheten berufen zu können, doch da sie keinen Weg zur Teilhabe am göttlichen Licht fanden, blieben es schließlich nur Unvollkommene. Man kann Gott nicht verstehen, sondern nur erfahren.

Um unpolitisch und parteilos zu bleiben, muss ein Mensch danach streben den tatsächlichen Zustand des Lebens zu sehen – etwas, das diejenigen nicht sehen können, die alleine am weltlichen Leben interessiert sind. Wie aber soll so jemandem gelingen Toleranz zu üben, gegenüber anderen Philosophien oder Religionen?

Nur derjenige kann alle Probleme von einem gerechten Standpunkt aus betrachten, in dessen Herz sich Gott widerspiegelt und der über Nationen, Rassen, Kasten, Glaubensbekenntnisse und Religionen steht.

- Hazrat Inayat Khan

Wer nun ist zu solch Toleranz im Stande?

Sich von gesellschaftlichen und politischen Auffassungen zu lösen können wohl nur jene, die nach einem gemeinsamen Kern in Allem suchen – nach jenem mystischen Zentrum göttlichen Lichts, dem alles Sein entwächst. Nach und nach werden sie lernen, auch in sich diesen göttlichen Funken zu erkennen, etwas, das wahrhaftig in allen Menschen glänzt.

Khan versuchte seine Schüler zu diesem Erkennen zu führen. Das war das Wichtigste, was die Sufi-Botschaft in die Welt gebracht hatte. Nur durch Toleranz gegenüber allen Glaubensrichtungen sollte einer die Vorstellung von der einen Wahrheit erkennen können. Sie bildet den Stamm eines mystischen Baumes, dessen Zweige die Religion bilden und der auf unserem Planeten verwurzelt ist. Sein Same aber ist himmlischen, ist göttlichen Ursprungs.

Die eine Religion

Wenn ein Mitglied der Sufi-Bewegung von »Wahrer Religion« spricht, deutet er metaphorisch auf etwas hin, dass sichbezeichnen ließe als »mystisches Meer aller Wahrheit«. Auf der Oberfläche dieses gleichnishaften Meeres bewegen sich die verschiedenen spirituellen Strömungen. Sie breiten sich wie Wellen auf dem Wasser dieses Meeres aus. Immer wieder gibt es Gezeiten in diesem Meer, die den Menschen eine neue Botschaft Gottes bringen. Doch dieses Meer, das in Gott enthalten ist, bleibt immer das selbe, ist ewig existent, ohne Anfang und ohne Ende.

In diesem Verständnis liegt große Weisheit für all diejenigen, die sich auf dem Pfad zur Wahrheit befinden. Die Wahrheit an sich aber ist ein pfadloses Land. Wer seinen Weg dorthin bereits gefunden hat, der wird nicht mehr glauben, dass andere auf einem falschen Pfad sind, um ihnen etwa zeigen zu müssen was der richtige oder bessere Weg für sie sei. Vielmehr haben sie erkannt, dass letztendlich jede Straße zu diesem gleichen Ziel führt, für alle Suchenden, die die Grundsätze göttlicher Wahrheit in sich gefunden und erfahren haben.

Inayat Khans Sufi-Bewegung versuchte seinen Anhängern diese Offenheit zu vermitteln, als das Wesensprinzip dessen, was heute allgemein mit dem Wort Liebe beschrieben wird. Ihm ging es nicht darum Menschen zu einem bestimmten Glauben zu bekehren oder gar andere Glaubensrichtungen als falsch hinzustellen. Eher lag ihm daran die Menschen zu einem Sufitum zu bewegen und sie damit an alle Glaubensrichtungen dieser Welt heranzuführen, ohne sich dabei an einen bestimmten Glauben binden zu müssen. Damit bildet die Internationale Sufi-Bewegung durchaus eine Sonderform des Sufismus, sind doch die Mitglieder der meisten anderen Orden immer Muslime.

Der Glaube eines Sufi war für Khan ein freies Ideal. Nichts sollte jemanden beschränken oder ihm sogar verbieten, sein Interesse auch auf anderen Religionen zu richten. Was aber für solche Menschen wie Inayat Khan galt, musste, und braucht auch heute noch lange nicht, für jeden zutreffen. Schließlich bedarf es einer großen Stärke sich als spiritueller Mensch ganz frei in der Welt der Religionen und Weisheitsschulen zu bewegen. Gleichzeitig sollte diese Lebensauffassung aber auch nicht missverstanden werden. Denn Khan ging es zwar um Toleranz, die im Erkennen der oben definierten Situation gefunden werden kann, doch er war Muslim – das war seine Religion, die eine Tradition auf die er sich zurückverband.

Visionen der Sufi-Bewegung

Für Inayat Khan waren die Menschen mehr als nur soziale, politische Wesen. Vielmehr sah er die Menschheit als den Körper eines riesigen planetarischen Wesens, wo die verschiedenen Glieder dieses Körpers die verschiedenen Haupt-Ethnien bilden. Die Nationen entsprechen den Organen dieses Wesens, worin die Individuen wie Teilchen sind, aus denen sich der Körper dieses Wesens zusammensetzt. Gott aber macht den Geist dieses Körpers aus.

So wie die Gesundheit und das Glück dieses Körpers davon abhängen, dass sich jeder seiner Teile in gutem Zustand befindet, so hängt das Glück und der Frieden der ganzen Welt und der Menschen, vom Zustand des anderen ab.

In Wahrheit sind alle Seelen Kinder Gottes, aber jene Seelen, die sich ihrer Beziehung zu Gott so bewusst sind wie ein Kind gegenüber seinen Eltern, tragen den Namen 'Kinder Gottes' zurecht.

- Hazrat Inayat Khan

Unsere Herausforderung heute, ist Lösungen und Antworten zu finden für die große Komplexität an Problemen und Fragestellungen die in der Welt existieren. Ein Problem besteht nie nur allein an sich, sondern ist stets auch mit anderen Schwierigkeiten verbunden. Alles hängt miteinander zusammen: wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen politische Probleme, da sie soziale Herausforderungen begleiten. Und auf Grundlage eines gegenwärtigen Konsens, ergeben sich außerdem Schwierigkeiten moralischer Art.

All das betrachtet könnte man meinen, dass diese großen Menschheitsaufgaben kaum zu lösen seien. Und doch soll die Menschheit auch in Zukunft weiter leben – am besten in Frieden und Glück. Nur wie ließe sich diese Utopie tatsächlich realisieren?

Der erste Schritt wäre wohl sicher eine Veränderung der Lebenshaltung und -einstellung, etwas wozu jeder von uns in der Lage ist. Das kann jeder für sich durch eine moralische, spirituelle und religiöse Weiterentwicklungen auch tatsächlich herbeiführen. Kaum verwunderlich, dass insbesondere Hazrat Inayat Khan daran fest glaubte, denn auf diesem Fundament beruht schließlich die Arbeit der Internationalen Sufi-Bruderschaft. Es ging ihm und seinen Vertretern nicht darum Menschen in einer neuen Religion, Sekte oder unter einem bestimmten spirituellen System zu einen. Das nämlich hätte nur noch eine weitere Gruppe geschaffen, die sich von anderen abgrenzt. Khan versuchte eher eine Methode zur Veränderung der Lebenseinstellung zu liefern, als mit wieder einem neuen System, anderen Religionen oder anderen Glaubensüberzeugungen zu widersprechen oder diese in Frage zu stellen.

Inayat Khan zielte auch nicht darauf ab, dass seine Schüler von da an die ganze Menschheit umarmen sollte. Vielmehr versuchte er, dass das was er an seine Schüler weitergab, diese in den Dienst der gesamten Menschheit stellen sollten. Damit bildet seine Sufi-Bewegung bis heute eine offene Tür für alle diejenigen, die zum Kern ihres wahren Glaubens vordringen wollen. Wer das in sich findet, wird es wohl auch in jedem anderen entdecken können.

 

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Wenn eines Menschen innerer, äußeren Frieden erwirkt

von S. Levent Oezkan

Marabout - ewigeweisheit.de

Im Übergang zum 20. Jahrhundert lebte und wirkte im afrikanischen Senegal ein besonderer Mann: Sheikh Ahmadou Bamba. Seine Jünger nannten ihn den »Diener des Propheten« und verehrten ihn als lebenden Heiligen. Allein durch seine Friedfertigkeit erreichte er Großes für sein Land und die Menschen die darin leben. Heute zählt er zu den wichtigsten Persönlichkeiten im Islam, der weit über die Grenzen des Senegal bekannt wurde.

Im Westen des Senegal gründete der große Mame Maram Muhammad Al-Khayri († 1802) die Stadt Mbacké-Baol. Das Landrecht zur Städtegründung erhielt er vom Fürsten des Königreichs von Baol: Amari Ngoné Ndella Fall. Aus dieser Stadt sollte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Zentrum islamischer Gelehrsamkeit werden, dessen Einfluss für ganz West-Afrika bis heute von Bedeutung ist. Doch die Stadt wurde 1865 von Maba Diakhou und seinen fanatischen Dschihadisten zerstört. Die Nachfahren des Städtegründers Al-Khayri zwang man darauf in Maba Diakhous Heer zu dienen. Einer unter ihnen musste ebenfalls diese schlechte Erfahrung machen: Ahmadou Bamba. Ihm aber gelang es durch seine wundersame Art sich dieser Zwänge zu entledigen.

Im Alter von 31 Jahren kehrte Bamba schließlich für einige Zeit in die Stadt Mbacké zurück. Dort empfand er zum spirituellen Lehrer berufen zu sein. Eine Rolle die er nicht nur für einen kleinen Kreis erfüllen sollte. Er gewann tausende Anhänger, so dass man ihn gut und gerne als das spirituelle Oberhaupt des gesamten Senegal bezeichnen darf.

Auf dem Weg zum Marabout

Ahmadou Bamba wurde 1853 in Mbacké-Baol (Senegal) geboren. Er war ein Urenkel des Städtegründers Al-Khayris und Sohn des angesehenen Imam Mohammed Ibn Habiballah – dem wichtigsten Berater des Fürsten von Kayor – einem alten, nördlich von Baol gelegenen Königreich, das heute zur Republik Senegal gehört. Es war aber vor allem Ahmadou Bambas Mutter Diaratoullah, die ihm eine höhere islamisch-spirituelle Erziehung zukommen ließ. Als aber der junge Ahmadou gerade erst neun Jahre alt war, verstarb seine Mutter plötzlich. Durch diesen großen Verlust und die Frage nach dem Warum, zog sich der junge Ahmadou Bamba zurück aus dem Kreise seiner Nächsten und lebte von da an ein asketisches und frommes Leben. In dieser Zeit vertiefte er sich in das Studium des islamischen Schrifttums, studierte den Koran, beschäftigte sich intensiv mit der Scharia, der islamischen Gesetzgebung, und den Hadithen, den Überlieferungen über die Aussprüche und das Leben des Propheten Mohammed (as). Zu seinen wichtigsten Lehrern zählten seine Onkel mütterlicherseits, sie alle nämlich waren geachtete Koran-Gelehrte.

So wurde aus Ahmadou Bamba schon in jungen Jahren ein Islamischer Gelehrter, der bekannt war für sein außerordentliches Wissen und sein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen. Durch seine religiöse Poesie, begannen sich einige Gelehrte bald für den jungen Mann zu interessieren.

Gründung der Mouridiyya

Als Bamba gerade 27 Jahre alt war, verstarb auch sein Vater. Sein früher Tod bildete einen zweiten, tiefgreifenden Wendepunkt im Leben Bambas. Damals arbeitete er an einer Schule, doch ließ seine Rolle als dortiger Lehrer schließlich hinter sich. Von nun an war er ein spiritueller Führer all jenen, die auf Antworten warteten.

Noch im Todesjahr seines Vaters, gründete er 1883 die Bruderschaft der Mouridiyya: Die Beschreiter des mystischen Weges in der Nachahmung des Propheten Mohammed (as). Schon bald scharten sich um ihn viele Jünger. Ihnen lehrte er unter anderem:

Mein Herr gebot mir zu führen das Volk zu Gott, dem Allerhöchsten.
Jene die diesen Pfad begehen wollen, sie sollen mir nachfolgen.
Alle Übrigen, die nur Unterweisungen wünschen, richtet euch an die Buchgelehrten von denen es in diesem Land so viele gibt.

- Aus »Les bienfaits de l'eternel«, der Biografie Sheikh Ahmadou Bambas

Schnell wuchs Bambas Einfluss im senegalesischen Kayor. Eines Tages berief ihn der Prinz dieses Reiches an seinem Hof, einen Posten als Scharia-Richters anzutreten. Doch Bamba lehnte bescheiden ab.

Es ist mir nicht möglich diesen Ort und meine Schüler zu verlassen, die kamen um die Gepflogenheiten ihrer Religion zu erlernen; Ganz und gar nicht entspräche das meinen Vorstellungen.

- Aus »Les bienfaits de l'eternel«, der Biografie Sheikh Ahmadou Bambas

Ahmadou Bamba - ewigeweisheit.de

Sheikh Ahmadou Bamba (1853-1927): Gründer der Sufi-Bruderschaft der Mouridiyya.

Hingabe der Sufis an den Höchsten

Wer als neuer Schüler in den Orden der Mouridiyya aufgenommen wurde, durfte sich »Mourid« (auch Murid) nennen; diese arabische Bezeichnung, die sich aus der arabischen Wortwurzel »iradah« bildet, steht für das willentliche Verlangen nach einer vollkommenen Hingabe an Gott, durch die gleichzeitige Loslösung aus allen weltlichen Bindungen. Ein Mourid ist damit, im wörtlichen Sinne auch ein Sucher. Doch diese Bezeichnung an sich, war schon viele Jahrhunderte in Gebrauch. Mouriden waren auch solche Sufi-Größen wie Abdul Qadir Jilani, Imam Al-Ghazali oder Hazrat Inayat Khan.

Als Sheikh Ahmadou Bamba bereits eine sehr hohe spirituelle Reife entwickelt hatte, begann er die verschiedenen Glaubensschulen und -Orden unter dem gemeinsamen Banner des Islam zu einen. Dies geschah aber nicht nach eigenem Wunsch, sondern erfolgte durch das initiale Moment das Bamba erfuhr, als ihm sein Vater das Sufi-Geheimnis des Ordens der Qadiriyya übergab. Die Sufis sprechen da vom »Wird« einer Tariqa (Sufi-Orden).

Einweihung im Sufitum

Das arabische Wort Wird steht für eine besondere, charakteristische Gebetsformel, die die Essenz einer Tariqa bezeichnet. Erst wenn ein Mouride die notwendige spirituelle Reife entwickelt hat und auch die nötige Stärke, um Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, vor allem hinsichtlich anderer, insbesondere aber als Lehrer und Geistiges Oberhaupt, erst dann wird ihm das geheime Wird von einem Meister übergeben, dem Sheikh (Ordensoberhaupt und spiritueller Lehrer eines Sufi-Orden). Damit nimmt er dann die Stellung eines neuen Gliedes in der Silsila ein, der »Goldenen Kette« von Sheikhs, die ihn über frühere Generationen auf den Propheten Mohammed (as) zurückverbindet. Im Sufitum existieren zwei Linien: eine Silsila beginnt mit dem Kalifen Hazret Ali, die andere mit Abu Bakr.

Ahmadou Bamba wurde durch die Einweihung durch seinen Vater also zum Sheikh der Qadiriyya-Bruderschaft. Und wer die Silsila hält, den nennt man einen »Marabout« – einer der, so wörtlich, »aufgenommen« wurde, beherbergt in der Gemeinschaft der Diener Allahs. In ganz West-Afrika tragen hohe Eingeweihte diesen Titel, der sie als spiritueller und religiöser Lehrer und Anführer auszeichnet. In diesem Titel klingt auch an, was man etwa im persischen Sufismus den »Murschid« nennt. Ein Marabout ist aber weit mehr, als das man ihn mit nur wenigen Sätzen beschreiben könnte. Unter ihnen leben sowohl wandernde Heilige die nur von Almosen leben, doch auch einfache Koranlehrer an islamischen Schulen oder eben so einflussreiche Sheikhs wie Ahmadou Bamba.

Das Bamba seinen eigenen Orden, die »Mouridiyya« gründete, lag wohl daran, dass ihm die Überlieferungen des Qadiriyya-Ordens nicht ausreichten. Sein Durst nach wahrhaftiger Verbindung mit dem Allerbarmer war stärker. Für seine Schüler war Sheikh Ahmadou Bamba der Inbegriff eines Gottesdieners, dessen Aufgabe es war den Koran und die Gebräuche der Glaubensgemeinschaft zu schützen.

Ein Gottesdiener zum Schutze der Gläubigen

Die schnelle Ausbreitung des Islam war nur möglich, da der Prophet Mohammed und seine Anhänger als Einheit handelten. Das war Ahmadou Bamba klar gewesen und er wusste, dass das nicht etwa dem Wunsche Mohammeds nach geschah. Er war vielmehr der letzte Gesandte, der damals das höchste Amt als Gottesbote auf Erden innehatte, um den Befehl des Allmächtigen zu übermitteln und in gemeinschaftlicher Einheit einen himmlischen Plan zu erfüllen.

In diesem Sinne sahen die Mitglieder der Mouridiyya auch das Handeln ihres Sheikhs und halfen ihm überall im Land Koranschulen zu eröffnen. In diesen besonderen Einrichtungen erlernten die Adepten nicht nur die Grundlagen des islamischen Glaubens und des Sufismus, sondern erhielten auch eine landwirtschaftliche und kaufmännische Ausbildung. Kein Wunder, dass bis heute die senegalesische Wirtschaft in der Verantwortung der Mitglieder der Murdiyya liegt. Ihnen verdankt das Land auch seine wirtschaftliche und agrikulturelle Entwicklung. Die Mitglieder der Mouridiyya sind ein mystischer Sufi-Orden, für den insbesondere die Liebe zur Arbeit eine zentrale Rolle spielt.

Glaubenslehren der Mouriden

Sheikh Ahmadou Bambas lag besonders viel daran, seine Jünger zu edlen Charakteren zu erziehen, wie es die Getreuen des Propheten Mohammed (as) waren. Damit sagen die Mitglieder des Mouridiyya-Orden über sich, dass sie sich von anderen Tariqas (Sufi-Orden) unterscheiden. So heißt es, dass Sheikh Bamba immer betonte:

Arbeitet als ob ihr niemals sterben würdet und betet als würdet ihr morgen sterben und Arbeit ist ein Teil der Religion.

Und in der Tat entsprechen diese Aussagen den Lehren des Islam. Jeder seiner Anhänger sollte entweder Imam einer Moschee oder Leiter an einem Arbeitsplatz sein. Ihre zentrale Lehre dabei waren für die Mouriden drei festgelegte Grundsätze:

  1. Islam durch Fiqh: die Erkenntnis und das wahre Verstehen der religiösen Normen des Islam.
  2. Iman durch die sechs Artikel des Glaubens: der Glaube an Gott (1), an seine Engel (2), an seine Bücher (3: Offenbarung der Torah an Moses, die Evangelien an Jesus, den Koran an Mohammed), an seine Propheten (4: Adam, Henoch, Noah, Abraham, Ismail, Jakob, Josef, Hiob, Moses, Aaron, David, Salomon, Elija, Jona, Zacharias, Johannes der Täufer, Jesus von Nazareth, Mohammed), an das Jüngste Gericht und das jenseitige Leben (5) und der Glaube an die Vorherbestimmung (6: ganz gleich ob sie gut ist oder schlecht).
  3. Ihsan durch Sufismus: Hier geht es um den Inneren Glauben (Iman) eines Menschen, der sich sowohl in seinen Taten und Handlungen ausdrückt. Hieraus ergibt sich die Verantwortung gegenüber den Mitmenschen eines Mouriden, worin er sich selbst perfektioniert und ein Individuum ganz edler Gesinnung wird, immer wissend, das Allah über sein Leben und sein Werke wacht.

Die Mouriden (wie auch andere Sufis) streben also nach einem Islam, den sie zuerst nur in sich zu verwirklichen suchen. Eine Richtschnur dabei bildet die Scharia, dem »Weg zur Quelle« wie die Sufis sagen. Wer ihm, ihn folgend beschreitet, findet dabei sowohl Ritus und religiöses Gesetz. Um dies aber zu erfüllen, hat ein Mouride in seinem Ritualleben bedingungslos persönliche Verpflichtungen zu erfüllen (arab. Fard Al-Ayn): die täglichen fünf Gebete, das Fasten im Monat Ramadan, die Teilnahme am Freitagsgebet in der Moschee und die Almosensteuer.

Diese Verpflichtungen ordnen sich dem sogenannten Dreieck der Mouridiyya unter, die ein Mitglied dieses Ordens zu erfüllen hat:

  1. Liebe zu Allah und seinem Sheikh.
  2. Arbeit im Namen Allahs als Diener der Menschheit.
  3. Durch Liebe und Arbeit erkennt man allmählich das göttliche Licht hinter Allem, das jedoch im Herzen erkannt, mit dem »Auge des Herzens gesehen« wird.

Ein Erneuerer des Glaubens

In seinem Buch Kitab Al-Mulahim, notierte der islamische Traditionarier Abu Dawud As-Sidschistani (817-888) einen Ausspruch des Propheten Mohammed (as), worin dieser sprach:

Zu Beginn eines jeden Jahrhunderts wird Allah seinen Gläubigen (arab. Ummah) einen Erneuerer (arab. Mudschaddid) des Glaubens und des religiösen Verständnisses senden.

- Aus den Sahih Hadithen

Einen solchen Mudschaddid sehen seine Anhänger in Ahmadou Bamba. Manchmal nennen die Mouriden ihren Orden auch den »Weg der Nachahmer des Propheten«.

Der Legende nach verfasste er mehr als tausend, in klassischem Arabisch abgefasste Schriften, die sich allesamt auf den Koran und die Hadithen beziehen.

Wenn es nicht im Koran oder in den Hadithen ist, ist es nichts was einer von mir vernimmt.

- Aus »Der Pfad des Mouriden Sadiq« von Ahmadou Bamba

Im Senegal ist der Ruf der Mouridiyya auch deshalb so gut, da manche Eltern ihre Söhne eher in den Kreis eines Marabout schicken, als ihn in an eine gewöhnliche Schule zu geben. Dabei wird den Jungen der Islam, auf eine mystische Weise vermittelt und ihnen gleichzeitig beigebracht, wie sie durch richtiges Arbeiten und Handeln ihr eigenes Geld verdienen können. Eine recht zweckmäßige Angelegenheit, an der es scheinbar an vielen Orten Europas heute tatsächlich mangelt.

Friedlicher Kampf gegen den französischen Kolonialismus

Als Ahmadou Bamba zur Welt kam, befand sich sein Land unter französischer Kolonialherrschaft. Als Bamba ein Jahr alt war, ernannte man 1854 den französischen General Louis Faidherbe (1818-1889) zum Gouverneur des Landes. Er aber war offenkundig Feind des Islam und hasste außerdem alle Afrikaner. Allerdings sprach er sehr gut arabisch und war ein Kenner der Geografie des afrikanischen Kontinents. Es war ihm jedoch daran gelegen den Islam in Afrika tatsächlich auslöschen zu wollen – einer Religion, die dort seit dem 9. Jahrhundert praktiziert wurde.

In den kommenden Jahrzehnten aber wuchs die Gemeinschaft um Bamba so gewaltig an, dass die Vertreter der von Faidherbe so gehassten Religion, bei weitem in der Überzahl waren. In der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts war Sheikh Bamba für viele Senegalesen ein wirklich wichtiger Mensch gewortden, eine Größe die man wirklich als Heiligen verehrte – auch wenn das gänzlich unislamisch ist und auch gegen die Auffassung Bambas gewesen sein dürfte. Wie dem auch sei, wuchs Bambas Anhängerschaft sehr schell, so dass das die franzöischen Kolonialherren wirklich beunruhigte. Ihre Oberhäupter nämlich befürchten, dass Bamba darin vielleicht eine Chance zur Bildung einer Armee sehe.

Die französischen Kolonialherren begannen also damit Informationen über Bamba zu sammeln. Schließlich wurde er 1895 nach Gabun ins Exil deportiert. Es war echt außergewöhnlich, welchen Einfluss Bamba zu dieser Zeit auf die Menschen im Senegal ausübte. Es bildeten sich gar Legenden um ihn. Auf dem Schiff ins Exil soll er trotz Gebetsverbots und angelegte Eisenfesseln, sich aus ihnen befreit haben, um seine Pflichtgebete zu erfüllen. Schwere Folter nahm er hin und überlebte gar eine versuchte Hinrichtung. Andere erzählten, dass ihn die Franzosen in einen Löwenkäfig sperrten, doch die Tiere legten sich neben ihn und schliefen friedlich ein.

Den Effekt, den die Kolonialregierung mit seiner Deportation erzielt hatte, war also genau wider ihre Erwartungen. Denn all ihr Handeln gegen ihn, erhöhte Bambas Ansehen im Senegal immer weiter. Es war in dieser Zeit in der Ahmadou Bamba eine neue Form des Dschihad einführte: den Dschihad Al-Akbar, den »Großen Dschihad« – einem Kampf der im Namen des Glaubens, des Wissens und Gottesfurcht geführt wird. Damit schuf er die Fundamente einer neuen Gesellschaft in seinem Land, die sich weit über das erhob, was man als Widerstand gegen die Kolonialherren nennen könnte. Durch seinen Einfluss aus der Ferne, bereitete er im Senegal etwas vor, dass ihn für die Mouridiyya bei seiner Rückkehr zum Kalifen Gottes auf Erden machen sollte.

Ibrahima Fall - ewigeweisheit.de

Ibrahima Fall (1855-1930): engster Vertrauter Ahmadou Bambas.

Sheikh Ahmadou Bambas Rückkehr aus dem Exil

Im Juni 1912 ließ die französische Kolonialregierung Ahmadou Bamba zurückkehren, doch setzte ihn in der west-senegalesischen Stadt Diourbel unter Hausarrest, etwa 40 km von Touba entfernt, der Heiligen Stadt der Mouridiyya. Nach Diourbel aber folgte ihm sein wichtigster Schüler Sheikh Ibrahima Fall (1855-1930).

Trotz dieser Umstände aber, ließ Bamba erkennen, dass er keinerlei kriegerische Absichten hatte. Hiermit wurden die Beziehungen zwischen den Einwohnern und der Kolonialherren weiter verbessert. Ein wichtiger Grund dafür, dass die Bruderschaft der Mouridiyya immer weiter expandierte. Dies erfolgte in den von Ibrahima Fall gegründeten Stadtvierteln, den Keur Sheikh. Hierbei entstand die Gemeinschaft der »Baye Fall«, die ganz rasant zu einer neuartigen Bruderschaft heranwuchs, sich gemäß ihrer Silsila (siehe oben, »Goldene Kette«) jedoch auf Sheikh Ahmadou Bamba berief.

Gewaltlosigkeit als »Waffe«

Trotz dass er unter Hausarrest stand, erreichte Ahmadou Bamba durch seine Gewaltlosigkeit auf ähnliche Weise das, was später auch Gandhi oder Martin Luther King erreicht hatten. Im Gegensatz zu ihnen, die beide in ihrem Lebenswerk für Gewaltlosigkeit einstanden, starb Ahmadou Bamba nicht durch Gewalt, sondern friedlich in seinem Haus in Diourbel.

Bamba war nun eben ein durch und durch gläubiger und frommer Mann, in dem seine Anhänger ein »Gefäß der göttlichen Weisheit« sahen. Sie sagten außerdem, dass es etwas gibt, dass jenseits und über dem steht, was man allgemein unter »menschlicher Vernunft« versteht. Das war für Bamba seine vollkommene Hingabe an Gott. Diese Art Hingabe erfolge laut Bamba, nur durch ein vollkommen geläutertes und reines Herz. Wieviele unter jenen, die in der Geschichte als Größen der Weltpolitik in Erscheinung traten, waren zu solch Läuterung in der Lage?

Nur wer seinen Glauben so weit veredelt, dass er tatsächlich zu spiritueller Vervollkommnung aufstrebt, der wird befähigt zum Gefäß göttlicher Inspiration und Führung zu werden. Ahmadou Bamba wusste das ebenso, wie man es auch im Koran offenbart findet, was die folgenden Suren wiedergeben:

Fürchte Allah und Allah wird dich lehren.

- Sure 2:282

Oh ihr Gläubigen! Wenn ihr Allah fürchtet, wird er euch ein Richtmaß gewähren (um zwischen richtig und falsch zu entscheiden).

- Sure 8:29

Dies ist das Buch; darin ist sicherlich all jenen Gottesfürchtigen ohne Zweifel rechte Führung.

- Sure 2:1

Und jene welche, die in uns streben, ihnen werden wir sicherlich die Pfade weisen: Denn wahrlich ist Allah mit jenen die recht handeln.

- Sure 29:69

Drum harre geduldig aus: denn das (gute) Ende ist den Gottesfürchtigen.

- Sure 11:49

Ein dialektisches Prinzip von Glaube und Führung

Laut der Philosophie Amadou Bambas reicht das, was wir durch Gott direkt erfahren können weit über das hinaus, was man als Mensch an Weistum verbreiten oder lehren könnte. In dieser direkten Gotteserfahrung liegt vollkommene Klarheit im Verstehen der Wirklichkeit und letztendlich die Möglichkeiten zu wahrem Erfolg. Nur in dem was die Muslime »Taqwa« nennen, die »Gottesfurcht«, lässt sich die notwendige Klarsicht entwickeln, um die eigentlichen Gebote der göttlichen Wahrheit zu empfangen, die laut Bamba eigentlich jeder Mensch auf seine Weise zu erfüllen hat.

Gottesfurcht heißt nicht »Angst vor Gott«, sondern ist gleichbedeutend mit der ständigen Anbetung Gottes durch eigenes gutes Handeln. Wenn Amadou Bamba daher von einem »Spirituellen Dschihad« sprach, war damit etwas ganz anderes gemeint, als was der Begriff »Dschihad« heute missverstanden wird: nämlich als religiöser Fanatismus. Eher ging es Bamba darum seinen Schülern und Gefolgsleuten besondere Prinzipien zu vermitteln:

  • Die Perfektionierung ihres eigenen Glaubens,
  • ihre Entwicklung bedingungslosen Gottvertrauens,
  • ihre Hingabe an das Studium der Heiligen Schrift und die Pflichtgebete,
  • sowie das richtige Verhalten hinsichtlich islamischer Moralvorstellungen, die man sich durch eine richtige Bildung und die Entwicklung einer klaren Sicht erarbeiten soll.

Wer dem nicht so tat, dessen Glaube an Allah galt nicht mehr als der vergebliche Versuch in die Leere zu greifen. Wahre Gottesfurcht ist eben höher als alles diensteifrige Beten. Echte spirituelle Stärke erlangt nur, wer sein ganzes Streben ausrichtet auf die geistigen und moralischen Prinzipien des islamischen Glaubens, wie auch der Sunna, der Glaubensgemeinschaft des Propheten Mohammed (as).

Wahrlich, Allah wird jene verteidigen die glauben

- Sure 22:38

Die Wege auf denen diese Prinzipien verstanden werden konnten, wurden nämlich immer wieder durch die Bruderschaften der Sufis erneuert.

Das dialektische Prinzip von Glaube und Führung bildet das spirituelle Fundament in Bambas Denken. Und unter dieser Führung verstand er all das, was ihn in seinem Handeln schütze und ihn führte. All das geschah durch ihn selbst, da er seine Hingabe an Gott so weit in eine Klarheit brachte und perfektionierte, dass sich ihm quasi nichts mehr in den Weg stellen konnte. Nur so auch konnte er die französischen Kolonialisten »besiegen«, ohne sich ihnen zu widersetzten. Allein durch den inneren Dschihad den er führte, gelang ihm das, als ein Mensch der erfüllt war vom unerschütterlichen Glauben eines rechtschaffenen Menschen. Was Sheikh Ahmadou Bamba als Kampf in sich selbst austrug, führte zur Reinheit seines spirituellen Herzens, dem was die Sufis »Qalb« nennen. Nur damit konnte er sein Dasein dem Wohle der Menschheit widmen.

Somit hatte das Wort »Dschihad« für Ahmadou Bamba eine weit größere Bedeutung als nur das, was bis heute viel zu viele Menschen in das Wort hinein interpretieren. Denn sein innerer Kampf des Dschihad war nichts gegen die Menschheit, sondern etwas, das gegen seine inneren Feinde gerichtet war: Wesenheiten und Gedanken-Phantome die jeder von uns in sich trägt, die anstacheln zu gedanklichen Selbstgesprächen und in solchen inneren Dialogen unsere Geisteskräfte vergeuden. Erst wenn solche widerstrebenden Kräfte in uns ausgemerzt und die damit einhergehenden Hindernisse ausgeräumt wurden, entsteht die notwendige »Leere«, die im Menschen ein wahres Empfinden erzeugt, womit er im Stande ist auch seinem Gegenüber, allein durch seine Anwesenheit, Ängste und Wut zu nehmen.

Hätte Ahmadou Bamba nicht die Kraft besessen, diesen inneren Kampf auch tatsächlich auszutragen, wäre er wohl einer der unzähligen Muslime geblieben, die vor ihm, gegen die französischen Besatzer im Senegal gekämpft hätten.

Es war also ein gewaltloser Widerstand, dem sich Ahmadou Bamba ergab, als er sich freiwillig 1895 ins Exil begab. Damit ging er weit darüber hinaus, wozu ein »Normalsterblicher« überhaupt in der Lage ist. Denn er stand über allem Wunsch sich zu empören und daraufhin reagierend in den Widerstand zu gehen, gegen all die Ungerechtigkeiten die ihm und seinen Landsleuten angetan wurden.

Somit scheint, als wäre tatsächlicher, äußerer Widerstand insofern zum Scheitern verurteilt, sofern er noch mehr Leid erzeugt, wie etwa durch Kriege und revolutionäre Gewalt.

Die Große Moschee in Touba (Senegal) - ewigeweisheit.de

Durch Marabout Ahmadou Bamba kam es 1924 zum Bau der Großen Moschee von Touba. An ihren vier Ecken ragt jeweils ein 66 m hohes Minarette in den Himmel: Ein gematrisches Geheimnis (arab. Abjad)?

Zum Wohle und zum Frieden in der Welt

Im Jahr 1910 verfasste Bamba einen Rundbrief an seine Anhänger. Er forderte sie auf, so wie auch er, Gehorsam gegenüber der Kolonialmacht zu erbringen. So konnte er erreichen, dass seine Mouriden bis 1913 gute Beziehungen zu den Franzosen hatten. Auch seine Lehre von der harten Arbeit seiner Gefolgschaft, trug zur Sympathie aus Kreisen der Kolonialisten bei.

Am Prophetengeburtstag 1914 empfing er schließlich 4.000 Pilger aus ganz Senegal. In den kommenden vier Jahren waren es bereits 20.000 Mouriden. Die Zahl der Verehrer überstieg damit sogar die Anhängerschaft eines normalen Marabout. Somit gilt Bamba den Senegalesen tatsächlich als ein Nachfolger des Propheten Mohammed (as), doch auch einer der gekommen war um den Glauben des Islam zu erneuern.

Mit dieser Entwicklung begann Bambas eigentlicher Einfluss sich allmählich zu schmälern. Man sah in ihm einen Gotterwählten, den man irgendwann nur noch als lebendes Symbol des Glaubens wahrnahm, während seine Nachfolger begannen im Senegal die Kontrolle zu übernehmen.

1927 starb Ahmadou Bamba in seinem Haus in Djourbel. Man setzte ihn bei in der Stadt Touba – jenem Ort wo ein besonderes sakrales Bauwerk entstehen sollte: Die Große Moschee (siehe Abb.).

Das Erbe das Bamba der Nachwelt hinterließ, war durchaus etwas, das es bis zu seinem Wirken auf Erden nicht gegeben hatte. Denn wie wohl kaum einer vor ihm, verstand er aus sich selbst heraus einen Kampf zu führen, der, wie oben beschrieben, mehr erreichte, als je seine Vorgänger im Stande gewesen wären. Es war der Sieg eines inneren Dschihad über die äußeren Missstände in seinem Heimatland Senegal. Möge sein Vorbild dazu dienen, dass auch wir und jeder von uns auf ähnliche Weise zum Wohle und zum Frieden in der Welt beitragen.

 

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Der Dhikr der Sufis: Auf dem Weg zum Licht Allahs

von S. Levent Oezkan

Tesbih - ewigeweisheit.de

Dhikr ist die zentrale Praxis der Sufi-Derwische. Damit beabsichtigen sie ihr Herz von allen Versehrungen zu reinigen. Ihr Wunsch ist Raum zu schaffen, für die Liebe Allahs und ein Bewusstsein seiner universalen Größe. Der Dhikr, so die Sufis, bringt Frieden und Erfüllung - für einen selbst, wie auch für andere.

Im Dhikr praktizieren die Sufis, neben den fünf täglichen Pflichtgebeten, diese spezielle Form des Gebets. Nicht aber nur zu bestimmten Zeiten, sondern ununterbrochen. Der Gläubige führt im Schweigen ununterbrochen diese Form des stillen Gebets aus. Das ist in etwa mit dem Herz-Jesu-Gebet in der christlichen Tradition vergleichbar. 

Seiner arabischen Bedeutung nach, bedeutet das Wort Dhikr (arab. ذكر, auch "Zikr") "Gottgedenken" (Dhikr Allah). Damit ist die meditative Vergegenwärtigung Allahs gemeint. Wie jedoch dieses Gottgedenken ausgeübt wird, darin unterscheiden sich die verschiedenen sufischen Orden (Tariqas).

Unter den Sufis, die Dhikr praktizieren, gibt es manche die mehr Wert auf einen stillen Dhikr legen – eine Form stiller, meditativer Rezitation heiliger Worte und Verse. Anderen Sufi-Orden ist insbesondere der gemeinschaftliche, laute Dhikr wichtig, der je nach Schulrichtung, wahrhaft ekstatische Züge annehmen kann. Darum auch bedeutet Dhikr, vollkommene Hingabe an Allah.

Dhikr ist eine Empfehlung aus dem Koran, worauf folgende Verse hinweisen:

Siehe, das Gebet hält vom Schändlichen und Verwerflichen ab. Doch das Gedenken (Dhikr) Gottes ist wahrlich bedeutender.

- Sure 29:45

O die ihr glaubt, gedenkt Allahs in häufigem Gedenken (Dhikr) und preist Ihn morgens und abends.

– Sure 33:41f

Über den wachsamen Atem

Meist wird der Dhikr in Harmonie mit der Atembewegung praktiziert. Der Sufi-Schüler beginnt dabei zumeist mit der Formel "Allah Hu" ألله هو - "Allah, Er ist". Mit jedem Einatmen im Geiste wird der Name "Allah" gesprochen – mit jedem Ausatmen das Wort "Hu". Dabei wird, mit jedem Atemzug, das Herz mit göttlicher Energie erfüllt.

Der Ort des so ausgeführten Dhikr liegt aber nicht in den Atemorgan an sich, sondern im Herzen. Immer wird der Dhikr im Herzen ausgeführt. Es gibt dafür einen Grund: gemäß der Sufi-Lehren, geht vom Herzen die größte Wärme im Körper aus. Und nur im Herzen können göttliche Lichterscheinungen empfangen werden.

Darum sollte der Suchende schnell und energisch atmen, um ausreichende Wärme im Herzen und im Blutkreislauf zu erzeugen, um das Blut zu erwärmen, damit es "zu leuchten beginnt".

Im freien Atmen befördert man den Namen "Allah" ins Innere des Herzens und bringt die selbe Bedeutung, in transformierter Form, wieder nach Außen, im Aussprechen des Namens "Hu". Um das sogenannte Herzensdhikr auszuführen, vollziehen die Sufis diese heftige Stoßatmung, die sie verbinden mit Körperbewegungen und geistiger Konzentration. Grundvoraussetzung für einen wirksamen Dhikr, ist die rhythmische Ausführung oben beschriebener Praxis.

Die mentale Konzentration auf das Herz, eine Rezitiation der heiligen Worte, Atmung und Körperbewegung, muss im Dhikr synchron ausgeführt werden. Es nützt nichts, den Namen oder die Atmung gleichzeitig auszuführen, während der Geist umherwandert, sich in Erinnerungen und Sorgen verstrickt.

Der Dhikr als Ergänzung zum islamischen Pflichtgebet

In der spirituellen Praxis der Derwische, die den Dhikr entweder laut gesprochen oder still im Herzen ausführen, können alle möglichen Formen von Segnungen empfangen werden. Dabei rezitiert der Sufi Verse der Suren, Heilige Namen oder andere im Islam relevante Verse (wie etwa das islamische Glaubensbekenntnis).

Ein Detail ist hier besonders interessant, da ja Sprache und Herz im selben Zusammenhang genannt werden: Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), sind die Zungenspitze, als jener Körperteil der Wörter zu Sprache formt, und das menschliche Herz, über einen gemeinsamen Meridian verbunden.

Zweck des Dhikr

Die Sufis glauben, dass wir, als spirituelle Wesen, von Dschinnen umgeben sind: das sind feinstoffliche Lebensformen, die uns zwar sehen, wir sie aber nicht direkt wahrnehmen können. Sie aber verfügen über Kräfte, die am Menschen gewissermaßen zerren und ihn ständig von seinem Weg abbringen wollen. Das hat natürlich auch einen konstruktiven Aspekt, wenn sich jemand diesen Kräften widersetzt und damit quasi eine Art spirituelles Krafttraining ausübt. Für die Sufis besteht diese Übung zum einen durch ihre fromme Ausübung der fünf täglichen Pflichtgebete, die in der restlichen Zeit des Tages, durch einen andauernden Dhikr ergänzt werden. Sie erinnern sich damit also ständig an die göttliche Wahrheit, von der der Mensch, nach sufischer Auffassung, ja ein Teil ist.

Je mehr sich nun der Sufi an Allah erinnert, je mehr kommt er in den Genuss göttlichen Segens. Hierher verweisen folgende Suren des Heiligen Koran:

O ihr Gläubigen, lasset euch durch euer Vermögen und eure Kinder nicht vom Gedenken an Allah abhalten. Und wer das tut, der gehört zu den Verlierenden.

- Sure 63:9

Diejenigen, die überzeugt sind und deren Herzen befriedigt werden im Gedenken an Allah. Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.

- Sure 13:28

[…] Allahs viel gedenkende Männer und gedenkende Frauen – ihnen allen wird Allah vergeben, für sie hat er großartigen Lohn bereitet.

- Sure 33:35

Allah hat die schönste Botschaft, ein Buch, herabgesandt, eine sich gleichartig wiederholende Schrift, vor der denen, die ihren Herrn fürchten, die Haut erschauert; dann erweicht sich ihre Haut und ihr Herz zum Gedenken Allahs. […]

- Sure 39:23

[…] Allahs zu gedenken, ist gewiß das Höchste. Und Allah weiß, was ihr begeht. […]

- Sure 29:45

Bei alle dem aber muss betont werden, dass das rituelle Gebet im Islam (Salaat), sowie das Lesen der Koransuren, aber dem Dhikr übergeordnet bleibt.

Trotzdem ist es für einen wahren Sufi von großer Bedeutung den Dhikr auszuüben – sprechend in der Gruppe oder allein, sowie schweigend im Herzen. Keineswegs aber versucht der Islam den Gläubigen zu spiritueller Praxis (Gebet, Dhikr) zu zwingen, noch Anderes, Weltliches wegen der Ausübung zu unterlassen oder zu meiden.

Eher soll die Nähe zu Gott erzielt werden, um damit das Licht Allahs zu empfangen – durch Rezitation und Herzensgebet – auch dann, wenn der Sufi mit alltäglichen Aufgaben beschäftigt ist.

Ein wahrer Sufi wird den Dhikr immer ausüben, unter allen gegebenen Umständen. Ganz gleich, was er gerade tut: während er sich um seine Familie, seine Verwandten kümmert, während er arbeitet oder während er mit anderen Menschen Handel treibt. Er führt in seinem Herzen, ein ständiges Kreisen der heiligen Namen und Verse aus und handelt aus diesem spirituellen Zentrum heraus, um in der Außenwelt Gutes zu vollbringen.

Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Wechsel der Nacht und des Tages, liegen wahre Zeichen für jene die verständig sind, die Allahs gedenken im Stehen und im Sitzen und auf ihren Seiten und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: 'Unser Herr, Du hast dieses nicht umsonst erschaffen. Gepriesen seist Du, darum hüte uns vor der Strafe des Feuers.'

- Sure 3:190f

In einer alt-islamischen Überlieferung heißt es hierzu:

Der Prophet Mohammed (as) sprach einst zu Ibn Umar, einem seiner Gefährten: 'Wenn ihr an den Paradiesgärten vorrüberschreitet, nutzt diese Gelegenheit.' Da fragte Ibn Umar: 'Was sind die Paradiesgärten, oh Gesandter Allahs?', worauf der Prophet Mohammed (as) antwortete: 'Die Versammlungen des Dhikr (eine Gruppe Frommer, die den Dhikr ausüben). Es gibt himmlische Engel, die nach diesen Versammlungen des Dhikr suchen. Sobald sie solch eine Gruppe finden, lassen sie sich dort nieder, um diese Versammlung zu umsäumen.'

- Aus dem Fiqh Us-Sunnah des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Sufi Dhikr – ewigeweisheit.de

Dhikr ägyptischer Sufis in einem Gemälde des englischen Künstlers Robert Talbot Kelly (1861-1934).

Der heilige Satz "La ilaha illa Allah"

Einer der zentralen Gebetsformeln des Dhikr, ist der erste Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses: "La ilaha illa Allah" - "Es gibt keine Gott außer Allah". In den gesammelten Aussprüchen des Propheten Mohammed (as), den sogenannten "Hadithen", heißt es dazu:

Die beste Form sich an Allah zu erinnern, besteht in der Rezitation des Satzes 'La ilaha illa Allah.'

- Aus einem Hadith des Isa At-Tirmidhi (825–892)

Daher das Wort Dhikr: die Erinnerung an Gott. In einem anderen Hadith heißt es, dass der Prophet Mohammed (as), einst zu seinen Gefährten sprach:

'Erneuert euern Glauben', worauf sie fragten: 'Wie können wir unseren Glauben erneuern?' Darauf antwortete er 'sagt immer wieder La ilaha illa Allah.'

- Aus dem Fiqh us-Sunnah, des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Man könnte darum durchaus sagen, dass man den Dhikr garnicht oft genug ausüben kann. Mohammed (as) sprach dazu in einem anderen Hadith:

Die Stunde (das Jüngste Gericht) wird erst eintreten, wenn keiner mehr 'Allah, Allah' sagen wird.

- Aus der Hadith-Sammlung des Muslim Ibn Al-Hadschadsch (Sahih Muslim)

Politur des Herzens

Für die Sufis ist Gott im menschlichen Herzen gegenwärtig. Der Dhikr aber ist das Mittel, sich diese göttliche Anwesenheit bewusst zu machen. Jenes Herz, von dem hier die Rede ist, ist etwas, dass sich über das organische Herz hinaus erstreckt. Es ist ein spirituelles Organ, dass aber im Dhikr, tatsächlich auf das physische Herz des Praktizierenden zurückwirkt; er kann es spüren.

In diesem spirituellen Herzen nun, sehen die Sufis einen metaphorischen Spiegel, der ihm erlaubt über das göttliche Geheimnis zu reflektieren.

Jeder Mensch verfügt über dieses spirituelle Herz, diesen geheimnisvollen Spiegel. Doch mit der Zeit setzt sich darauf eine, bisweilen starke Schmutzschicht ab. Es sind jene verdunkelnden Gefühle, wie Zorn, Eifersucht, Neid und übermäßiges Verlangen, die die Oberfläche dieses spirituellen Spiegels verdunkeln. Der Dhikr aber dient als Politur, mit deren Hilfe seiner Oberfläche wieder Glanz verliehen wird, damit sich darin die göttliche Vollkommenheit widerspiegeln und den Sufi, von innen heraus, erleuchten kann.

 

هو

 

Der Heilige Name "Hu".

Vom Gottgedenken der Sufis

Der persische Sufi Nedschmettin Al-Kubra (gest. 1221) spricht von einem Feuer, dass entfacht wird, durch das im Dhikr erfolgende Gottgedenken. In seinen Flammen verbrennt alles Dunkle. Was Al-Kubra damit meinte, war aber keineswegs nur sinnbildlich gemeint: wenn dieses Feuer in ein Haus eindringe, so vernehme man "Ich, und kein anderer" (entsprechend dem islamischen Glaubensbekenntnis). Die Flammen aber verzehrten alles dort befindliche Brennholz.

Was aber ist mit dem Feuer, dass, laut muslimischen Glaubens, in der Hölle lodert? Die Sufis sehen darin ein schwelendes, dunkles und langsam loderndes Feuer. Das Feuer aber, dass der Dhikr entfacht, steigt auf und ist rein, hell und schnell lodernd.

Drei Stufen der Versenkung

Al-Kubra nun, unterscheidet drei Stufen der Meditation. Darin kann der Sufi allerdings nicht nur positive Erfahrungen machen, sondern gar an der Todesgrenze schlittern. Aber an genau jenem "letalen Grat", macht ein Mensch die Erfahrung, die man in den Traditionen in Ost und West als "Einweihung" bezeichnet (Buchtipp).

  1. Die Meditation über das Daseins: Al-Kubra beschreibt diese Erfahrung wie die eines Fürsten, der auf einem Feldzug in ein Land eindringt. Dabei hört der Sufi verschiedene Klänge: Posaunen und Pauken erklängen, worauf das Rauschen von Wasser und Wind wahrnommen würden. Was er dabei jedoch erfährt ist äußert heftig: sein Körper kann beginnen zu schmerzen und es bestehe sogar die Gefahr, dass seine Seele den Körper verlässt, die "silberne Schnur" durchreißt und er dabei stirbt.
  2. Die Meditation, die das Herz berührt: in dieser Stufe fällt der Sufi, in seinem Gottgedenken, quasi in sein Herz hinein. Dabei stößt er in eine Stufe der Wahrnehmung hervor, die in einzigartige Visionen erleben lässt.
  3. Die Meditation über das Geheimnis: hier spricht Al-Kubra vom Hineinfallen des Gottgedenkens ins Geheimnis. Damit entschwindet dem Sufi sein aktives Bewusstsein und er geht vollkommen auf, in eben diesem Gottgedenken. Ab dieser Stufe bleibt jenes Gottgedenken beim Sufi – schwirrt in ihm, sozusagen als stille, automatische, lebendige Rezitation.

Formen des Dhikr

Grundsätzlich kann der Dhikr auf drei unterschiedliche Formen ausgeführt werden: praktisch, verbal und still. Damit versucht der Sufi sich in seinem Handeln und Denken, kontinuierlich dem Gedenken an Gott hinzugeben.

Praktischer Dhikr

Den sogenannten "Dhikr-e-Faily", den praktischen Dhikr, führt der Sufi aus in seinem gehorsamen Handeln. Dies umfasst:

  • die göttlichen Gebote im Islam: Das tägliche Gebet, das Fasten zu Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch), die Pflicht Almosen zu geben (Zakat) und im Sinne seiner Mitmenschen, karitativ zu handeln - und
  • die Sitten, Bräuche, Werte und Normen seines Landes einzuhalten und entsprechend der Sunnah (Bräuche) des Propheten Mohammed (as) zu essen, zu trinken, sich zu bewegen, zu sprechen und sich zu kleiden.

Mündlicher Dhikr

Zentraler Gottesname im Dhikr ist das Wort "Allah", auch im lauten, mündlichen Dhikr. Doch auch die Anrufung eines seiner 99 anderen Namen ist üblich (siehe Asma Al-Husna).

Außerdem meditieren die Sufis im lauten Dhikr über folgende Formeln:

  • Subhan Allah سبحان الله – Allah ist erhaben,
  • Al-Hamdulillah الحمد لله – Lobet Allah,
  • Allahu Akbar الله أكبر – Allah ist der Größte,
  • Ya Allah يا ألله – Oh Allah,
  • Ya Hu يا هو – Oh Er,
  • Ya Hayy يا حي – Oh Lebendiger,
  • La ilaha illa llah لا اله الا الله – Es gibt keinen Gott außer Allah, dass dann auch durch den zweiten Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses ergänzt wird,
  • Muhammadun rasul ullah محمد رسول الله – Mohammed ist der Gesandte Gottes,
  • Estaghfirullah أستغفرالله‎ – Ich bitte Gott um Vergebung.

Die Anzahl der Wiederholungen der Namen beläuft sich normalerweise auf 11 oder 33. Um diese Anzahl genau abzuzählen, verwendet man die islamische Gebetskette (Tasbih) mit 11, 33 oder auch 99 Perlen, die je in Gruppen von 11 unterteilt sind. Diese Anzahlen gelten auch für den stillen Dhikr.

Der laute Dhikr ist mit einer stoßweisen Ausatmung verbunden. Häufig wechseln dabei die Neigungungen des Kopfes und Oberkörpers zur Seite. Im Stehen wird diese Bewegung durch ein rhythmisches Bewegen der Beine unterstützt, wobei sich der Oberkörper leicht auf und ab bewegt.

Stiller Dhikr

Ziel des stillen Dhikr, ist das, was Al-Kubra als die dritte Stufe des Gottgedenkens bezeichnet: der Sufi strebt an, seine(n) Namen immerwährend zu wiederholen. Auch inmitten aller anderen weltlichen Aktivitäten, fährt er damit in seinem Herzen fort und aus dem Herzen heraus, erfolgt sein Gottgedenken. Die heiligen Silben die er dabei im Herzen rezitiert, entsprechen jenen des lauten Dhikr (siehe oben) und können auch mit den 99 Namen Allahs ausgeführt werden.

Spirituelle Praxis in den verschiedenen Sufi-Orden

Generell lässt sich sagen, dass den Sufi-Weg vier Elemente bestimmen:

  1. Die Einhaltung der Schariah, dem islamischen Gesetz,
  2. die Beachtung der Sunnah, der islamischen Gebräuche,
  3. der Dhikr, das Gedenken an Allah und
  4. ein besonderer Ehrencodex der Liebe.

Da nun aber die verschiedenen Sufi-Schulen (Tariqas) ihre eigenen Formen des Dhikr ausüben, führen eben so viele Wege zu Gott, auf denen sich die Muriden (Sufi-Schüler) bewegen.

Bei den berühmtesten Sufi-Orden, wie der Qadiriyya, Chistiyya und Sohrawardiyya, beginnt der Murid mit dem lauten, mündlichen Dhikr, den er später in den Herzens-Dhikr (Qalbi Dhikr) transformiert und dabei veredelt. Der Orden der Naqshbandiyya allerdings, führt den Muriden direkt zum Herzens-Dhikr.

Vom Segen des Dhikr

Von jeder guten Tat geht ein Segen aus. Und der guten Taten sind viele! Die Sufis aber sagen, dass das Beste, dass ein Murid ausführen kann, der Dhikr ist. Riesig sind die Segnungen die durch die Praxis des Dhikr gewonnen werden können. Wer diese Form der sufischen Meditationspraxis täglich übt, den umgeben bald Gelassenheit und Frieden.

Wer mit der Dhikr-Praxis anfängt, sollte sein Denken auf ein bestimmtes Ziel ausrichten. Welches Ziel das ist, sei jedem selbst überlassen, solange es zum Guten hinstrebt.

Der Dhikr an sich aber, hat eigentlich nur ein wahres Ziel: das Schauen göttlichen Lichts, dass aus dem eigenen, innersten Seelenbrunnen, in schillernsten smaragdgrünen Lichtern hervorstrahlt. Wer dieses erhabene Ziel erreicht hat, der kann sich wahrlich als Erleuchteten bezeichnen. Es ist ein langer Weg dorthin, teils beschwerlich – doch allemal lohnend – für den Sufi selbst, wie für jene, die ihn umgeben. Inshallah (Wenn Allah will)!

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Vom Streben der Sufis nach innerer Gotterfahrung

von S. Levent Oezkan

Die Sufis - ewigeweisheit.de

Das unterscheidet die Anhänger der profanen Religionen von den Mystikern: Judentum, Christentum, Islam gehen grundsätzlich nicht davon aus, dass ein Eins-Werden mit Gott möglich ist. Die Mystiker des Sufismus aber glauben sehr wohl, dass der Mensch nicht für immer Gott "nur" gegenübersteht, sondern tatsächlich eine Einheit in Gott erfahren kann.

Für profane Gläubige ist eine solche Vorstellung ganz unmöglich, wenn nicht sogar Gotteslästerung. Ähnlich den sufistischen Vorstellungen, erstrebten im Mittelalter auch christliche Mystiker ein solches Einswerden mit Gott. Viele von ihnen aber wurden von der Inquisition verdächtigt und verfolgt. Diese Rolle scheint heute der radikalisierte Islam übernommen zu haben.

Zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert entwickelte die Sufi-Bewegung einflussreiche Glaubensstrukturen, die neben den islamischen Gesetzesschulen existierten und diese teils stark beeinflusste.

Sufis besitzen ihre eigene Theologie und eigenen Frömmigkeitsformen, die sie in ihren Begegnungszentren pflegen, den Dargas (auch "Tekke" genannt).

Vielen Menschen im Westen fehlt heute der Zugang zum Islam. Sicher trugen dazu solche Ereignisse bei, wie der 11. September 2001 und der gegenwärtige, sogenannte "Islamistische Terror". Unter Sufismus verstehen viele aber einen moderaten Islam, der wegen seiner mystischen Elemente, insbesondere für spirituell Suchende recht interessant erscheint.

Der Begriff Dschihad, ruft bei den meisten Menschen Assoziationen von Angst und Gewalt in Erinnerung, wobei in Wirklichkeit dieses arabische Wort nicht auf Waffengewalt deutet, sondern auf die Anstrengung des Einzelnen, auf dem Weg zur ultimativen Gotterfahrung. So aber ist es mit Wörtern: sie werden oft nur als Hülsen verwendet, um sie mit irreführenden Inhalten zu stopfen. Insofern aber, verfügen auch die Sufis über eine sehr starke "Waffe" - wie es einmal der pakistanische Friedensforscher Syed Qamar Afzal Rizwi formulierte - und diese Waffe ist die Liebe.

Mystik der Sufis

Wenn jemand das Wort "Sufi" oder "Sufismus" gebraucht, verweist er damit auf die Mystiker im Islam. Was aber ist ein Mystiker? Etwas "Mystisches" ist ja etwas Rätselhaftes, Seltsames - vielleicht sogar Irrationales? Das Wort "Mystik" ist griechischen Ursprungs und verweist auf die zentrale Haltung der Mystiker: sie nämlich, verschließen ihren Mund, griechisch myein, da sie mit Uneingeweihten nicht über die Geheimnisse ihrer Tradition sprechen. 

Somit ist der Sufi, als islamischer Mystiker, eigentlich jemand, der sich ausschweigt über die Geheimnisse seines Glaubens, seiner Spiritualität und der Lehren seiner Schule. "Profane Ohren" gehen die Geheimnisse der Sufis nichts an. Es geht hier aber nicht etwa um Geheimniskrämerei, was manche Verschwörungstheoretiker oft ja auch den Bruderschaften der Freimaurer unterstellen. Eher hat das Schweigen einen viel triftigeren Grund: manche Geheimnisse zu erfahren, würden einem Nicht-Eingeweihten einfach nur schaden. Das Verschwiegenheitsgebot dient also dem inneren Heil des Uneingeweihten. Schließlich lassen sich die in den inneren Zirkeln der Sufi-Bruderschaften gemachten Erfahrungen, auch gar nicht intellektuell erfassen. Darum können sie auch nicht erzählt werden. 

Wenn der Sufi-Scheich einen Neophyten in die Geheimnisse seines Ordens einweiht, vermittelt er ihm eine unmittelbar intuitive Erfahrung. Für die Sufis ist das die Einheitserfahrung mit Gott. Erkenntnis und Weisheit, Licht und Liebe: das sind Erfahrungswerte die man nur gewinnen, jedoch nicht intellektuell erklären kann. Eine Erfahrung jemandem zu erklären, der sie noch nicht gemacht hat, wäre ebenso umständlich, wie als wollte man jemanden den Unterschied zwischen Zuckerwasser und Honig erklären. Wer vom Honig aber kostet: was bedarf es da noch einer Erklärung?

Entsagung im Sufitum

Mystik und Asketentum liegen nahe beieinander. Die frühen Sufis zeichneten sich dadurch aus, dass sie grobe Wollgewänder trugen. Daher auch ihr Name: Suf ist der arabische Name für die Wolle. Das arabische Wort für Mystik ist Tasawwuf, was wörtlich meint "sich in Wolle kleiden". Jene Wollgewand tragenden Asketen waren oft auch Sufis, die wegen ihrer eigenartigen Philosophie und teils besonderen islamischen Frömmigkeit auffielen. Seit den Anfängen des Islam (7. Jahrhunder), gab es Sufis. Die ersten unter ihnen waren vielleicht ersten Anhänger Mohammeds (as), die eine enge Liebe zu Gott verspürten und eine mystische Vereinigung mit ihm anstrebten. Ihnen war der islamische Prophet ein Vorbild, gar die Verkörperung, für diese Liebe in Gott.

Die ursprünglichen Einflüsse des Sufismus, sind aber viel älter als der Islam. Man kann sagen, dass verschiedene Hauptströmungen die spätere Geschichte des Sufismus beeinflussten. Das war neuplatonisches Gedankengut von der göttlichen Einheit und dem Wesen der Seele. Das Eremitentum christlicher Mönche, sollte die Sufis ebenso beeinflussen, wie jene buddhistische Asketen, deren Meditations- und Atemtechniken, die Sufis in ihre Tradition integrierten. Auch Einflüsse der Schamanen, mit denen besondere naturmystische Bräuche und Sitten überliefert wurden, findet man im Sufismus.

Generell kann man sagen, dass die Ursprünge des Sufismus gewiss auch im islamischen Asketentum wurzeln. Nicht zufällig eben tragen Sufis das grobe Wolltuch, die Kleidung der armen Leute. Daher auch der persische Name "Derwisch", was einen armen Menschen ohne Besitz bezeichnet.

Sufis waren immer auch Leute, die mit ihrer Art provozierten. Vielleicht würde man heute von "Aussteigern" sprechen, die die bestehende Gesellschaft verachtete, die aber aktive Kämpfer für den wahren Glauben wurden (Dschihad). Doch nicht etwa im Sinne militanten Handelns (wenngleich in der Geschichte auch davon berichtet wird), als vielmehr Schwärmern, die vor Gottes Drohung und Zorn in Gottes Schutz und Arme flohen.

Anders als durchschnittliche Muslime praktizierten die ersten Sufis fromme Entsagung. Sie ordneten sich den Gesetzen Gottes unter und legten höchsten Wert auf Frömmigkeit und sakrale Reinheit. Dieses Streben ergab sich in der Zeit des Kalifats der Umayyaden, Anfang des 8. Jhd. Man stellte sich aktiv gegen die damals in der arabischen Welt zunehmende Verweltlichung und sah im Wunsch nach Luxus nur einen allgemeinen Sittenverfall. Vielen war Vorbild Al-Hasan Al-Basri (gestorben 728) - ein arabischer Asket, der ein schlichtes, doch rechtschaffenes Leben im Dienste Allahs anstrebte. Was er und seine Anhänger suchten, war allein der Wunsch in Gott aufgehoben zu sein - etwas, dass natürlich nur durch Selbstverleugnung zu erzielen ist.

Vom Wunsch die Freundschaft Gottes zu erlangen

Mystik ist jedoch mehr als Asketentum und Selbstverleugnung. Ein Mystiker ist einer, der bewusst nach der inneren Erfahrung göttlicher Wirklichkeit strebt. Doch eigentlich müssen wir gar nicht unterscheiden zwischen Asket und Mystiker, bejahen schließlich beide eine Abkehr vom Weltlichen. Das heißt, dass die Sufis immer versuchen, sich im Innern, teilweise aus der menschlichen Gesellschaft loszulösen und zu befreien. Askese ist dabei nur eine Übung, nur eine Station auf dem Weg. Es geht den Derwischen vor allem um die Inneneinkehr, mit dem Ziel eine unmittelbare Einheit in Gott zu erlangen, ein Freund Gottes zu werden. Daher der Name für die Sufis: Auliya Allah - die Gottesfreunde.

Dichtung und Musik sind ganz essentielle Bestandteile der mystischen Praxis der Derwische. In den Kreistänzen der Mevlevi-Derwische (aus dem türkischen Konya), dem Semâ, bringen sich die Tänzer in Extase, vergessen sich selbst und versuchen so, ihr Ich im unermesslichen Absoluten Allahs aufzulösen und damit Eins zu werden.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist das Gedenken Gottes - Dhikr Allah: Mittel zur Erlangung ekstatischer Zustände. Darin werden rhythmisch, litaneienhaft Gott und seine 99 Namen angerufen. Auch bestimmte Formeln aus dem Koran sind dabei relevant. Insbesondere aber die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis:

La ilaha illa llahu - لا إله إلا الله - Es gibt keinen Gott außer Gott!

Bei all ihrer Praxis ist Vorbild der Prophet Mohammed (as), als ein Mensch der erfüllt ist von Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Mitleid und Erbarmen. Kein anderer wie er, so die Derwische, hatte die Vertrautheit mit Gott erreicht. Wer darum versucht den Lebensweg Mohammeds (as) nachzuahmen, der wird als Sufi fähig sein, auch selbst eine ähnliche Vertrautheit mit Allah zu erlangen. Kurz: der Pfad des Sufi führt vom islamischen Gesetz Scharia auf dem mystischen Weg Tariqa zur göttlichen Wahrheit Haqiqa. Diese göttliche Wahrheit als wirklichste Wirklichkeit kann erfahren, wer den praktischen Pfad des Sufismus beschreitet. Das ist die beständige Arbeit an sich selbst unter Führung eines Meisters (Sheikh), wie auch die direkte persönliche Erfahrung Gottes. Statt rationalen Lehren und Aneignung von Wissen, streben die Sufis eine praktische Seelenführung an.

Vielleicht ist das der Grund, wieso viele Sufis mit dem Konzept der Philosophie, wie etwa der der Hellenen, nichts wirklich anfangen können. Vielmehr versuchen sie die Wege ihres Herzens zu ergründen und statt Nachdenken, durch Innenschau Erkenntnis zu erlangen. Insofern wäre es falsch zu sagen, Sufismus sei islamische Philosophie, wie manche behaupten. Vielmehr ist Ziel des Sufismus, seine Anhänger gleichzeitig zu Gelehrten wie auch Seelenführern zu machen. Sufis wollen ihren Mitmenschen durch ihre religiösen Kenntnisse, spirituellen Einsichten und mystische Erfahrung, eine philanthropische, menschenfreundliche Ethik vermitteln.

Sufistische Mystik entwickelte sich nicht etwa parallel oder ohne den geistigen Überbau des Korans. Die Sufis sehen sich als geistige Erben des Propheten Mohammed (as), der die Strophen des Koran ja direkt von Allah empfing.

Wort des Koran

Wer im heiligen Buch der Muslime schon einmal gelesen hat, dem fällt auf, wie unerbitterlich die Verse dieses Buches, den Mensch zu einem rechtschaffenen, gottergebenen Leben ermahnen. Goethe schrieb dazu in seinem West-östlichen Divan:

Der Stil des Korans ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben; so treibt ein Keil den andern, und darf sich niemand über die große Wirksamkeit des Buches verwundern. Weshalb es denn auch von den echten Verehrern für unerschaffen und mit Gott gleich ewig erklärt wurde.

Und ja: der Koran zeichnet sich definitiv durch seine Strenge und Schärfe aus. Doch die Sufis sagen, dass man den Koran nicht allein mit den Augen des Kopfes, sondern mit dem "Auge des Herzens" lesen soll. So kann einer die innere Natur dieses heiligen Buches erfassen. Damit wird der Koran anders gelesen, und lässt sich tolerant und friedlich auslegen - was für Muslime heute wichtiger ist als denn je.

Liebe der Sufis

Was echte Mystik vom Asketentum unterscheidet, ist, was die Sufis unter wahrer Liebe verstehen. So gilt die Vereinigung mit Gott, den Mystikern als höchstes Ziel, während das Asketentum die Traurigkeit des Verzichts prägt und oft wohl plagt. Dschallaladin Rumi sagt:

Sufismus ist Freude finden im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt.

In diesem mystischen Herzen Qalb, stehen die niederen Aspekte der Triebseele Nafs, mit dem Intellekt Ruh, im Widerspruch. So ist das mystische Herz für die Sufis in einem ständigen Konflikt, was sich verschlimmert, wenn jenes Auge des Herzens, von dem oben die Rede war, blind bleibt. Wie auf einem Schlachtfeld kämpfen die Triebe gegen den Intellekt, in diesem mystischen Herzen.

Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote – ewigeweisheit.de

Der Sufi Dschallaladin Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote (5000 Lira). Rechts im Bild die Blaue Moschee in Konya - Ort der tanzenden Mevlevi-Derwische.

Die Mystiker des Sufismus sehen im Herzen den Ursprung gewollten Handelns, wie auch alle aus Intuition geborenen Handlungen.

Aus Qalb, das wie im Vedanta das Anahata-Chakra, auch im Sufismus, als feinstoffliches Herz erkannt wird, strömt, was die Sufis Ishq nennen - göttliche Liebe. Das Wort taucht als solches im Koran nicht auf, doch geht das Buch auf andere Weise ein auf den Aspekt der Liebe. Eher spricht der Koran von Hubb, der Zuneigung oder Ashaq, was bedeutet an etwas festzuhalten, so wie sich der Efeu am Gemäuer hält, den die Araber Ashaqa nennen. Da die Wörter der arabischen Sprache nun auf den sogenannten Wortwurzeln basieren, sind Ashaq, das Festhalten, und Ishq, die Liebe, natürlich miteinander verwandt. 

Ishq bezieht sich auf den unwiderstehlichen Wunsch von der Liebe Gottes Besitz zu ergreifen, ausgedrückt in der Schwäche des Liebenden Ashiq, der nur durch die Erwiderung seiner Liebe geheilt werden kann, um damit Vollkommenheit Kamal zu erlangen.

Gewiss erinnert dieses Liebesbestreben der Sufis, an jene Liebesmystik und Poesie der mittelalterlichen Troubardoure Frankreichs und Spaniens (11. Jhd). Für sie war Liebe ein Begriff wahrhaft kultivierten Umgangs von Menschen edler Gesinnung, wie man sie etwa in den Legenden der Artusritter oder der Gralslegende findet. Wohl nicht ganz zufällig tauchte Ende des 11. Jhd. im maurischen Spanien, eine ganz wichtige Sufi-Abhandlung über Liebe auf, die aus der Feder des Sufi Said Ibn Hazm (994-1064) stammte: Das Halsband der Taube - ein Gedicht von der Liebe und den Liebenden, geschrieben 1022, fast tausend Jahre vor unserer Zeit.

Als Liebe galt Said Ibn Hazm allein die Verbindung der Seelen: sowohl zwischen zwei verliebten Menschen, wie auch der Liebe eines Sufi zu Gott. Damit verwies er auf folgenden Koranvers:

Er ist es, der euch aus einer Seele erschaffen hat

- Sure 4:1

Die Liebe die Ibn Hazm in seiner Poesie beschreibt, scheint uns heute vielleicht befremdlich. Doch wie ja auch der Minnesang der mittelalterlichen Troubardoure, meinte Ibn Hazm eine andere Art Liebe, als was man darunter heute vielleicht versteht:

Ich möchte, dass ein Schwert zerteilt
Mir meines Herzens Schrein,
Dass man ihn erfüllt mit dir und ihn dann
Verschließt im Busen mein.

Dann weiltest du in ihm und schlügest
Sonst nirgendwo dein Zelt auf,
Bis aus dem Grab erstanden und
Die Welt gerichtet ist.

Du lebst in ihm, solang ich bin.
Und wenn der Tod mich ruft,
Wohnst du in des Herzens Tiefe
Im Dunkel meiner Gruft.

 

- Aus dem "Halsband der Taube" des Ibn Hazm

Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote – ewigeweisheit.de

Abbildung einer Handschrift Ibn Hazms Werk "Halsband der Taube" (Universitätsbibliothek Leiden, Niederlande).

Drei Formen wahrer Liebe

Es gibt drei Formen der Liebe bei den Sufis. Zuerst wäre da die Ishq-e-Majazi, was sich als metaphorische Lieben übersetzen ließe. Der Sufi bezieht sich hier auf die Liebe zur göttlichen Schöpfung, wie auch die Liebe zwischen zwei Menschen - etwas dass mit der äußeren Schönheit eines Menschen zu tun hat und darum auch mit körperlichen Verlangen zum anderen. Das aber widerspricht ja, wenn wir zu Anfangs gesagt haben, dass eine "metaphorische Liebe" gemeint ist. Es ist eben die verallgemeinerte Weise des Verständnisses, die auf diesen Aspekt der Liebe verweist. Eigentlich aber soll die Isha-e-Majazi als Liebe, zu Mohammed (as) führen und über seine Segenskraft Baraka, schließlich zu Gott. Somit ist sie eine transformierte Form der Liebe, zu etwas Höherem, Vollkommenerem.

Damit wird die wahre Liebe zu Mohammed (as) erzielt, die man Ishq-e-Rasul nennt. Alles was in der Schöpfung existiert, so die Sufis, dient seinem Schöpfer, das heißt Allah. Daher der Glaube der Sufis, dass alle Seelen der Schöpfung, der Seele Mohammeds (as) ähneln. Drum will die geläuterte Seele des Liebenden zu ihm zurückkehren, was er erfährt, indem für ihn alle Attribute Allahs in Mohammed (as) widerscheinen.

Die Ishq-e Haqiqi ist das, was die Sufis die "Wahre Liebe" nennen, Bezug nehmend darauf, dass nur Gott wahrer Liebe wert ist. Nur Allah kann diese Liebe zu ihm erwidern. Es ist eine reine Liebe des Herzens. Nur dort kann sie vom wahren Gottsucher empfunden werden. Dort sieht sie der Sufi mit dem Auge des Herzens - etwas das dem Tier fehlt.

 

In allen diesen drei Formen der Liebe zum Absoluten, unterscheidet sich Mystik vom Asketentum. Es ist nicht der Verzicht, der den Mystiker ausmacht, sondern sein Wunsch die Liebe in der Vereinigung mit Gott zu erfahren.

Doch diese Gotterfahrung lässt sich nur schwer in Worte kleiden. Liebe muss erlebt, muss erfahren werden. Sie führt den Liebenden zum Geliebten, dass er mit ihm eins werde. Es ist wie mit dem Nachtfalter: bis zum Sonnenaufgang fliegt er um das offene Licht des Feuers und hält es für die Sonne. Jede Nacht wiederholt er dieses Trauerspiel, will der Lichtquelle näher kommen, doch versengt sich nur die Flügel. Doch jede Nacht verliebt er sich mehr in die Schönheit dessen, was er für die Sonne hält. Er kehrt zurück zu den Seinen, um ihnen von dieser Schönheit zu berichten. Und sie folgen ihm. 

Dann, am folgenden Abend wartet der Falter bis Sonnenuntergang und wünscht sich nichts mehr, als völlig in das Licht des Feuers einzugehen - fliegt in die Flamme und wird mit ihr eins.

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Ritterlichkeit als höchstes Ideal im Sufitum

von S. Levent Oezkan

Hazret Ali

Wie im Westen gibt es auch im islamischen Orient eine ritterliche Tradition. Sie beruht auf drei Grundpfeilern: Rücksichtnahme, Selbsthingabe und Ergebenheit. Danach richtet ein junger Ritter sein rechtschaffenes Leben, als Helfer der Schutzlosen und Unglücklichen. Er lässt Güte walten gegenüber allen Geschöpfen - im Dienste des Allmächtigen.

Das Wort zu halten gehört ebenso zu seinem Ehrencodex wie Selbst-Zurückhaltung. Damit identifiziert er die noblen Qualitäten perfekten Menschenseins, wie sie auch die Sufis anstreben. Ein arabischer Begriff fasst dieses recht edle Lebensbedürfnis zusammen: Al-Futuwwa (arab. الفتوة).

In ihrer Grundbedeutung bezeichnet Futuwwa die edlen Eigenschaften eines jungen Menschen guter Gesinnung. Fatā nennt man einen tugendhaften, jungen Menschen, der der Tradition der Futuwwa folgt. Als verantwortungsbewusster Mann geht er einem Ideal nach, das moderner Weltanschauung vielleicht fremd erscheinen mag. Doch ein Fatā ist ein Nobelmann der alles gibt, um jemandem großzügige Gastfreundschaft zu erbringen. Auch wenn er für sich nichts weiter hätte, gäbe er trotzdem, wenn nötig auch das, was ihm am liebsten ist - konsequenterweise sein Leben.

So ähnelt der arabische Begriff Futuwwa in mancher Hinsicht jenen Grundwerten der Ritter des europäischen Mittelalters. Futuwwa ist das Idealbild eines Edelmanns, der sich durch Treue, Tugendhaftigkeit und Tapferkeit auszeichnet - eben jene Qualitäten, wie man sie auch in der Artus-Legende findet.

Die jungen Männer der Futuwwa sehen in ihrer Tradition eine Entwicklungsstufe auf dem Weg zu Gott. Das Rittertum der Futuwwa, ist ihnen damit gewiss heilig. Aus diesem Bewusstsein heraus, handelt ein Fatā. In seinem Altruismus sähe er am liebsten alle Menschen froh und zufrieden. Der Ethos der Futuwwa ist ein wichtiges Maß guter Führung und ein ganz wesentlicher Aspekt der Menschlichkeit.

[...] Sie waren Jünglinge (Fitjan, Plural von Fatā), die an ihren Herrn glaubten und denen wir zunehmend Rechtleitung zukommen ließen. Und wir stärkten ihre Herzen, als sie aufstanden und sagten: Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Wir werden außer ihm keinen anderen Gott anrufen, sonst würden wir ja etwas Unsinniges aussprechen.

- Sure 18:13-14

Die Futuwwa-Bewegung entwickelte sich im Mittelalter aus dem Sufismus und war von seinen Ideen durchdrungen. In den Futuwwa-Gruppen pflegte man einen besonderen Ehrencodex. Der folgte dem Vorbild der koranischen Propheten.

Futuwwa ist das ernsthafte Bestreben auf dem Weg zu vollkommener Gottesdienerschaft. Gleichzeitig aber definiert sich Futuwwa auch als Rebellion gegen das Böse. Wobei hier natürlich die Verantwortung des Handelnden eine ganz wesentliche Rolle spielt. Schließlich muss der Begriff des Bösen erst als moralisch falsch definiert sein, bevor man gegen etwas vermeintlich Böses vorgeht. Ein wahrer Fatā kann nur aus den moralischen Überzeugungen seiner ritterlichen Ethik handeln. Doch dabei beruft er sich stets auf sein muslimisches Erbe, das ihn zurück verbindet auf die Propheten Abraham, Ismail, Mohammed und die Kalifen Abu Bakr und Ali.

Der Schutzpatron der Sufis

Muslimische Ritter suchten nach dem Wort Fatā im Koran, wo sie es mehrfach in der Bedeutung als Jüngling, Knabe, als Diener oder Helfer geschrieben fanden - so etwa in Sure 21:60:

Wir hörten sie von einem Jüngling (Fatā) sprechen; man nennt ihn Abraham.

Dieser Vers deutet hin auf den Propheten Abraham (arab. Ibrahim). Er hatte in seiner Gemeinschaft die Futuwwa vollendet. Stets versuchte er sein Volk zur Wahrheit zu führen. Muslimen gilt Abraham als wichtigster Prophet der hebräischen Bibel. Allah selbst soll Abraham initiiert haben - vermutlich bei der Segnung durch den Priesterkönig Melchisedek im Tal von Joschafat.

Gemäß islamischer Überlieferung, erhielt Abraham vom Erzengel Gabriel jenen geheimnisvollen Stein, den später sein Sohn Ismail, im Bau der heiligen Kaaba zu Mekka integrierte. So zumindest will es die von Ali ibn Abi Talib (600-661) überlieferte Tradition, die Ismail als Vorfahren des Propheten Mohammed (as) nennt. Jener Ali ibn Abi Talib sollte später zum Vorbild der islamischen Ritter und Sufis werden. Der legendären Überlieferung nach, war Ali der einzige Mensch, der innerhalb der Kaaba in Mekka geboren wurde - in jenem schwarzen Quader also, dem zentralen Heiligtum des Islam.

Ali war Vetter und Schwiegersohn des islamischen Propheten Mohammed (as) und gehörte neben Abu Bakr, Umar und Uthman, zu den vier "Rechtgeleiteten Kalifen".

Ali ibn Abi Talib war ein gefürchteter Krieger, der mehr als einmal sein Leben zum Wohle des Propheten Mohammed (as) aufs Spiel gesetzt hatte. So verkörpert er für viele Gläubige das Idealbild für Güte und Tapferkeit. Darum fügt man seinem Namen den Ehrentitel Hazrat (heilige Gegenwart) oder Iman (spiritueller Führer) bei.

Hazrat Ali galt Edelmut bei weitem mehr, als nur im Dienste seines Herrn, die Tugenden eines Kämpfers zu wahren. Als solch tugendhafter Beschützer des Islam und edler Ritter der Futuwwa, wurde Hazrat Ali für jeden Fatā zur Leitfigur.

In einem Gefecht zwischen Alis Heer und den Ungläubigen, hastete ein junger Krieger auf seinem Pferd dem Kalifen entgegen und war wild entschlossen Ali zu töten. Hazrat Alis Herz aber war erfüllt von Mitleid mit dem jungen Mann, der aus recht eigennütziger Motivation seinem Pferd die Sporen gab. Da rief er ihm entgegen: "Oh junger Mann, weißt du denn nicht, wer ich bin? Ich bin Ali der Unbesiegbare. Keiner kann meinem Schwert entkommen. Rette dich vor mir!" Doch der junge Krieger ließ sich nicht davon abhalten, weiter auf Ali, zornig mit schwingendem Säbel zuzureiten. "Wieso reitest du weiter", sagte Ali, "Willst Du wirklich sterben?" Da antwortete der Junge, während sich sein Pferd unter ihm aufbäumte: "Ich liebe ein Mädchen, die mir schwor mein zu sein, wenn ich dich töte." "Was aber wenn du stirbst?", fragte Ali. "Was ist besser als zu sterben für jene, die ich liebe?", antwortete der Junge und fügte hinzu "Würde ich schlimmstenfalls nicht von den Qualen der Liebe befreit werden?" Als Ali das hörte, ließ er sein Schwert fallen, nahm den Helm ab und lichtete seinen Nacken, wie den eines Opferlamms. Konfrontiert mit einer so ungewöhnlichen Tat, verwandelte sich die Liebe des jungen Mannes in Liebe für Hazrat Ali, und für jenen den Ali liebte: den allmächtigen Allah.

Hazrat Ali handelte immer im Namen des Allmächtigen. Nicht der Wunsch nach Ruhm oder Macht trieben ihn, sondern allein der himmlische Auftrag, den er in sich verspürend zu erfüllen suchte. 

Als Gefährte des heiligen Propheten Mohammed (as) befand sich Hazrat Ali auf einem Schlachtfeld, wo er gegen einen Krieger der Feinde des Islam kämpfte. Er war drauf und dran seinen Gegner mit seinem Säbel zu richten. Doch als Hazrat Ali sein doppelspitziges Schwert gegen seinen Feind erhob, spuckte ihm dieser ins Gesicht. Zur größten Verwunderung des Übeltäters aber, ließ Ali sofort den Arm sinken und führte seine Schwertklinge zurück in die Scheide. Er drehte sich, und ließ seinen Gegner unbeschadet auf dem Schlachtfeld zurück. Der Mann aber lief ihm nach und rief: "Was ist los mit Dir, dass Du nicht zugeschlagen hast?", worauf Hazrat Ali antwortete "Weil, bevor Du mich anspucktest, kämpfte ich im Namen des Allmächtigen Allah. Doch weil du mich angespuckt hast", sagte Ali, "durfte ich dich nicht aus Wut richten. Ein Muslim kann nur im Namen Gottes kämpfen, niemals aber zur Befriedigung seiner eigenen Nafs (Teil der Seele, der zum Übel aneifert)." Da erkannte sein Gegner die Vornehmheit und Wahrhaftigkeit der Worte Hazrat Alis. Sofort öffnete sich sein Herz, sich zu ergeben dem Glauben an den Allmächtigen Allah.

Silsila - die spirituelle Kette der Sufi-Sheikhs

Hazrat Ali empfing vom Propheten Mohammed (as) eine besondere Waffe: das doppelspitzige "Schwert der Wahrheit" - Dhu Al-Fiqar (arab. ذوالفقار). Dieser Name sollte Teil des Leitspruches der Futuwwa werden:

Kein Fatā außer Ali. Kein Schwert außer Dhu Al-Fiqar.

Wer in diesem Sinne sein Schwert führte, so die Ritter der Futuwwa, war ein Rechtschaffener. Er wusste moralisch Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden und konnte damit Entscheidungen fällen, die sein Handeln rechtfertigten.

Als Empfänger des Schwertes Dhu Al-Fiqar, wurde Hazrat Ali zum spirituellen Erben der Rechtschaffenen. Darauf berufen sich alle Sufis. Sie sehen sich als die spirituellen Nachkommen Hazrat Alis. Die Sheikhs der Sufi-Orden, sehen sich als Glieder einer goldenen Kette der Kraftübertragung: der Silsila (arab. سلسلة). Über diese spirituelle Kette, ist der Sheikh eines Sufi-Orden (Tariqa) über frühere Generationen von Weisheitslehrern, verbunden mit Hazrat Ali und dem Propheten Mohammed (as). Das selbe gilt für die islamischen Ritter der Futuwwa, die ihren Schutzpatron verehren in Hazrat Ali. Eine Ausnahme bildet der im usbekischen Buchara gegründete Orden der Naqschbandiyya, der sich auf den Kalifen Abu Bakr beruft. In dieser Tradition der Silsila auf jeden Fall, erhielten alle kommenden Generationen die islamischen Ritterwürden der Futuwwa.

Dhu Al-Fiqar - das heilige Schwert des Hazrat Ali – ewigeweisheit.de

Dhu Al-Fiqar - das heilige Schwert des Hazrat Ali. Über dem Schwert ist zu lesen "Ali ist der Freund Gottes (wali allah)". Auf der Klinge ließt man "Kein Fatā außer Ali. Kein Schwert außer Dhu Al-Fiqar (la fatā illa ali, la saif illa dhu al-fiqar)."

Die Initiation

Eine besondere Einweihungstradition machte aus den Fitjan (Ritter der Futuwwa) Menschen, die sich von herkömmlichen Gläubigen unterschieden. Nur Männer aus ehrenwerten Familien und mit ordentlichen Berufen wurden aufgenommen - eben so, wie man es ja auch in christlichen Ritterbünden handhabte. Da die Futuwwa-Bünde mit den Handwerker-Gilden verbunden waren, ähnelten sie damit gewiss auch den Freimaurer-Bruderschaften.

Bei der Initiation in die Futuwwa wurden besondere Zeichen und Symbole übertragen. Wer diese Geheimnisse der Bruderschaft erfahren hatte, den gürtete (shadd) man und bekleidete ihn mit einer besonderen Hose: der Sarawil Al-Futuwwa. Diese Tradition hat ihren Ursprung vermutlich im alten Persien, wo man in der Initiation, die Feuerpriester mit dem Band des Zarathustra gürtete.

Im Anlegen der sakralen Kleidung lag natürlich eine tiefe Bedeutung. Die Hose verhüllte die Scham des Initianden, wo sich ja der Bereich stärkster menschlicher Begierden befindet. Wenn diese nun bedeckt wurde, durch das, wodurch man das ritterliche Gelübde ablegt, hütete man sich, sie in einer Versündigung vor Gott zu entblößen. Die Sarawil Al-Futuwwa war damit auch ein Symbol für die Abkehr von unmoralischen Taten. Auch die Sufi-Orden pflegen in ihren Initiationen ein Bekleidungsritual, wo man den erwählten Nachfolger des Sufi-Sheikhs in dessen Mantel hüllt. 

Nachdem der ritterliche Initiand also bekleidet wurde, reichte man ihm einen Becher mit gesalzenem Wasser (Ka's Al-Futuwwa). Das Trinken aus diesem Becher galt als Zeichen der Loyalität des neu eingeweihten Fatā.

Man muss natürlich von der besonderen Bedeutung des Wassers wissen. Es ist das, woraus alles Leben entsteht, das sich in der "Mondsphäre" befindet und von dort den lebenspendenden Regen auf die Erde bringt. Aus dem Wasser, dem Ursprung allen Lebens, entstehen Pflanzen, Tiere und Mineralien. Im Koran heißt es, der Mensch wurde geschaffen aus "ausgegossenem Wasser" (Sure 86:6).

Und wir machten aus dem Wasser alles Lebendige.

- Sure 21:30

Darüber hinaus ist Wasser natürlich das wichtigste Mittel zur Reinigung.

Und wir senden reines Wasser aus den Wolken nieder, auf dass wir damit ein totes Land lebendig machen und es unserer Schöpfung zu trinken geben - dem Vieh und den Menschen in großer Zahl. Und wir haben das Wasser unter ihnen verteilt, um sie zu ermahnen.

- Sure 25:48-50

Der 21. Vers der Sure 76 sagt außerdem:

Ihr Herr hat sie getränkt mit dem reinigenden Trunk.

Das Salz das im Wasser dieses reinigenden Initiationstrunks gelöst ist, steht für die Beförderung der Wahrheit, die sich damit auch im ganzen Körper verteilt. Die Einnahme des salzigen Trunks beförderte den Eid, den der Initiand durch den Vertag mit seinem Orden abgab. Auch sah man im Salzwasser ein Mittel zur Abwendung des Bösen, bewirkt doch das im Blut und in den Körpersäften gelöste Salz, dass die Stoffe in die Körperteile hindurchbefördert und damit dämonische Kräfte ausgetrieben werden. Für den Initianden galt das als Hinweis darauf, dass ein Fatā gegenüber Widerwärtigkeiten und schädigenden Wirkungen geduldig bleiben muss. Selbst wenn er sich vor den Heimsuchungen Gottes bedroht fühlt, soll er stets für seine anderen Wohltaten danken und in jener "Weite seiner momentanen Enge" geduldig ausharren.

In allen Sufi-Orden spricht man vom "Schmecken" der Geheimnisse. Darum spielt bei den Sufis die Austeilung von Speise eine wichtige Rolle. Die Sufis des Naqshbandiyya-Ordens, reichen den Schülern nach der Unterredung (Sohbet) mit dem Sufi-Scheich, eine Prise Salz zu kosten, bevor man gemeinsam isst.

Im muslimischen Sprachgebrauch sagt man über das Salz:

Der bewahrt das Salz, dass die Freundschaft erhält, und der lässt das Salz verlorengehen, der sie nicht erhält.

Ritterlichkeit und der spirituelle Weg

Mit diesen Einweihungsriten, verbreitete sich die Futuwwa im islamischen Mittelalter. Im 10. und 11. Jhd. wurde sie sogar zum Ideal der persischen Fürsten.

Was den Fatā von anderen Menschen unterscheidet, ist seine Aufopferung und Hilfsbereitschaft für andere. Der Universalgelehrte Al-Biruni (972-1048) schrieb in einem seiner Bücher über die Ritterschaft der Futuwwa:

Die Muruwwa (Tugenden) beschränkt sich auf den Menschen, und zwar in Bezug auf sich selbst, seine Familie und seine Lage. Die Futuwwa hingegen, geht über ihn und diese Muruwwa hinaus zu anderen Dingen.

Muruwwa steht für das innere Tun des Guten - Futuwwa für das entsprechend äußere Tun und die Enthaltung vom Schlechten. Die Sufis entwickelten hieraus den Begriff der Futuwwa weiter. Das Wesen der Futuwwa basierte für sie auf einem allgemeinen Altruismus (Itar), wo man seinen Mitmenschen in allem den Vorzug vor sich selbst gibt. Der ritterlich gesinnte Sufi gibt überhaupt immer, nimmt nie und stellt sich selbst vor dem Feind zurück (wir erinnern uns an die oben geschilderten Episoden über Hazrat Ali). Damit wurde Futuwwa für die Sufis, als Freunde Gottes, ein ganz einzigartiger Ehrencodex.

Im Glauben eines wahren Sufi, hatte Gott den Menschen für sich geschaffen, als sein höchstes und schönstes Geschöpf. Ein Sufi versucht darum alle unangemessenen Einstellungen abzulegen - gegenüber anderen Menschen und gegenüber sich selbst. Daher versucht er mit all seiner Macht, immer und unter allen Umständen, sich anderen Menschen gegenüber angemessen zu verhalten.

Die noblen Qualitäten der Ritter der Futuwwa

Zwischen dem 10. und 11. Jhd. entstand eine in Sufi-Kreisen wichtige Schrift: das Kitab al Futuwwa (Buch der Ritterlichkeit). Es geht zurück auf den Sufigelehrten As-Sulami (942-1021), die vielen Sufi-Bruderschaften als Grundlagenwerk galt. Diese mittelalterlichen Abhandlungen über die Futuwwa hatten keinen literarisch hohen Anspruch, sondern dienten eher praktischen Unterweisungen, die organisatorische Zwecke erfüllten und die Bedingungen für die Sufi-Initiation beschrieben. Auch viele andere Sufis widmeten in ihren Büchern, häufig ein ganzes Kapitel der Futuwwa. So auch die "Sendschrift an die Sufi-Genossenschaften", die Mitte des 11. Jhd. Al-Qusairi (986-1072) verfasste. Es ist eine Zusammenstellung von Futuwwa-Sprüchen großer Sufis - unter ihnen der weise Ibn Arabi (1165-1240), der in seinen "Mekkanischen Eröffnungen", ausführlich über die Futuwwa schrieb.

Die Essenz der Futuwwa, ist eigentlich eins mit der Tradition des heiligen Propheten Mohammed (as). Wer darum an dieser Tradition festhält, und sie in seinem alltäglichen Leben zu integrieren weiß, der kann sich getrost als Fatā bezeichnen.

Was aber zeichnet einen Fatā aus? Dazu seien einige Zeilen aus einem Buch Al-Qusairis wiedergegeben, der darin die Großen seiner Zeit zu Wort kommen lässt. Über die Bedeutung des Rittertums bei den Sufis schrieb er:

Fatā ist derjenige, der keinen Widersacher hat und der für niemanden Widersacher ist.

Futuwwa besteht darin, dass du ein Widersacher zugunsten deines Herrn wider dich selbst bist.

Futuwwa besteht darin, dass es dir gleich ist, ob einer ständig bei dir wohnt oder dich plötzlich besucht.

Futuwwa besteht darin, dass man nicht flieht, wenn ein Bettler naht.

Futuwwa besteht darin, dass man keinen Unterschied macht, ob ein Heiliger bei einem isst oder ein Ungläubiger. So gibt es die Legende, dass einst ein Zoroastrier den Propheten Abraham um Gastfreundschaft bat. Da sagte dieser zu ihm: "Ja, unter der Bedingung das du Muslim wirst." Da ging der Zoroastrier weg. Dann offenbarte Gott dem Abraham: "Seit fünfzig Jahren ernähren wir ihn trotz seines Unglaubens; hättest du ihm doch einen Bissen gereicht, ohne von ihm eine Änderung seiner Religion zu verlangen!" Da ging ihm Abraham nach, bis er ihn einholte und entschuldigte sich bei dem Mann. Darauf befragte der Zoroastrier Abraham über den Grund seiner Umkehr, worauf ihm Abraham antwortete was er von Gott erfuhr. Da nahm der Zoroastrier die Religion des Islam an.

Letztendlich ist Futuwwa ein Name, der sich auf verschiedene Arten und Weisen definieren lässt. Nie würde ein wahrer Fatā einen armen Menschen verachten oder im Gegensatz dazu, sich durch Reiche und deren Reichtümer verführen lassen. Ein Fatā ist ein gerecht handelnder Mann, der allen Menschen respektvoll begegnet - ohne aber selbst Gerechtigkeit von seinem Gegenüber zu verlangen. Stets pflegt er rücksichtsvoll den Umgang mit seinen Mitmenschen. Er lebt sein Leben als schonungsloser Gegner des eigenen fleischlichen Selbst. In seiner Ritterlichkeit hat er sich losgesagt aus den Fängen fleischlichen Verlangens und lebt ein reines, spirituelles Leben. Einer aber, der größtenteils den Versuchungen des fleischlichen Selbst unterliegt und den Begierden und Gelüsten nach weltlichem Vergnügen, wird den Gipfel der Futuwwa nie erklimmen.

Ein Fatā-Ritter ist seinem Gott, dem allmächtigen Allah treu ergeben. Stets sucht er Allah durch seine guten Taten, Gedanken und Gefühlen zu erfreuen. Reue plagt ihn, wenn er auch nur die kleinste Sünde begeht. Stets aber schaut er über die Fehler seiner Mitmenschen hinweg - ganz gleich wie schlimm sie auch gewesen sein mögen.

Komm, komm wer auch immer du bist.
Wanderer, Verehrer, Freund des Verlassens. 
Es ist ganz gleich.
Wir müssen uns nicht der Karawane der Zweifel anschließen.
Komm, selbst wenn du deine Eide tausendmal gebrochen hast.
Auch dann komme wieder, komm nur, komm.

- Maulana Dschelaladdin Rumi

Sufi oder Fatā: beide sehen sich als demütige Diener, während sie stets in anderen das Heilige zu entdecken suchen. Ein Fatā verurteilt niemanden, doch hält selbst zu denen weiterhin Verbindung, die ihn verurteilen.

Der Fatā bleibt freundlich auch dann, wenn ihn einer verletzt. Als erstes dient er Allah und den Menschen, bevor er irgend sonst etwas tut oder daran denkt sich selbst zu helfen. Auch wenn das auf den ersten Blick ganz unmöglich oder sogar schönmalerisch erscheint: der Fatā hat sich diese Tugenden mühsam, über sehr lange Zeit durch ungeheuerliche Disziplin angeeignet. Die fünf täglichen Pflichtgebete (arab. Salāt, "Verbeugung") verrichtet er konsequent.

Ein wahrer Fatā setzt andere stets an erste Stelle, selbst wenn es Zeit ist die eigenen Verdienste belohnt zu bekommen.

 

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Zu werden was man schon immer ist

von S. Levent Oezkan

Der große Sufi-Meister Al-Ghazali erinnert uns: „Diese Welt ist nicht das wahre Zuhause unserer Seele. In dieser Welt ist sie nur ein fremder Gast.“ Unser Lebensweg führt uns vom Menschen der wir sein könnten, zum Menschen der wir tatsächlich sind. Es ist ein Weg in die Wahrheit, der durch sieben Täler führt.

In Al-Ghazalis Werk, „Der Pfad der Gottesdiener“, Minhag Al-Abidin, wird eine Art Landkarte beschrieben, eine Hilfe für den Sucher der Wahrheit, sich auf dem Weg zu orientieren, hin zu einem neuen Geistesleben.

Einer der über das Maß der Durschnittsgläubigen hinaus will, bekommt mit Al-Ghazalis Minhag Al-Abidin einen Weg gezeigt, das ihn aus dem gewöhnlichen Leben, tatsächlich zu wahrer Spiritualität erhebt. Doch der Weg dorthin ist steil und schwierig zu beschreiten. Überall lauern Gefahren. Es tun sich Widerstände auf und es kommt gelegentlich zu Unfällen. Manch Suchender verirrte sich auf dieser Reise.

Die Seele des Menschen bewegt sich durch diese sieben Täler. Man kommt von der Kuppe zur Senke, durchläuft in Abstieg und Aufstieg, sieben Phasen einer inneren Reise. Ist der Aufstieg vollbracht, schaut man vom Gipfel ins nächste Tal. So kommt voran, bis das siebente Tal erreicht ist. Hier endet die Lebensreise unserer Menschenseele. Sie löst sich auf, in größter Wonne und wird in der großen Weltseele wiedergeboren. Solange ein Mensch diesen Zustand aber nicht erreicht, das siebte Tal nicht durchquert hat, solange kümmern ihn noch Sorgen.

Wer den Weg beschreiten will, darf sich nicht verlieren. Er soll den in den sieben Tälern befindlichen Erscheinungen nicht anhängen, sondern sich immer weiter bewegen, ohne zu vergessen, dass er auf dem Weg ist. Nur so kann er den Scheitelpunkt zwischen dieser und der kommenden Welt erreichen. Der Sucher der Wahrheit, muss sich das immer wieder vergegenwärtigen. 

Es ist auf dieser Reise Zurückhaltung wichtig. Zwar soll er aufmerksam, doch distanziert bleiben. Wer sich von seinen Erlebnissen nicht einfangen lässt, wird die Talsenke auch wieder verlassen können. Am Ende des Tales, auf der Kuppe, wird das Eintreffen in einem großen Fest gefeiert. Schließlich soll man sich stärken, denn das Ende des einen Tales, ist ja der Eintritt in das nächste. Jedes Tal hat aber seine Reize und Verlockungen. Drum ist es sehr wahrscheinlich, dass sich der Seelenwanderer darin verliert, wenn er den darin erlebten Dingen und Ereignissen anhaftet.

Erst wenn er sich von diesen Verstrickungen befreit hat, kann er alle sieben Täler passieren. Dann hat der Wanderer sein wahres Selbst wiedergefunden, sein eigentliches Sein zurückerlangt. Im siebten Tal fallen von ihm ab, alle Paradoxe, alle Anhaftungen und aller Kummer. Diesen Zustand nennt man im Osten „Buddhaschaft“, bei den Sufis „Fanaa Fillah“, im Westen das „Christus-Bewusstsein“. In dieser letzten Phase der Reise, löst sich das Selbst des Suchers auf und er kehrt zurück in die ewige Einheit.

I. Das Tal des Wissens

Alles beginnt mit dem Wissen. Der Mensch lebt indem er weiß. Tiere haben dieses Wissen nicht. Nur der Mensch sammelt Wissen, ließt, schreibt und spricht. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist also die Schrift und die darin abgefassten Theorien.

Das einzig Negative: der Mensch kann sich in seinem Wissen verlieren. Dann schlägt Klugheit um in Verschlagenheit. So jemand hat den wahren Sinn hinter dem Wissen vergessen und versucht alles an seinem Wissen festzumachen und damit zu beurteilen. Wissen bindet aber, verunsichert oft, macht starr und unbeweglich.

Die Versuchung ist groß, immer mehr Wissen erlangen zu wollen. Irgendwann ist man ein großer „Gelehrter“. Ein „Wissender“ zu sein ist jedoch etwas vollkommen anderes. Denn der Pfad des Wissenden unterscheidet sich vom Pfad des Wissens. Was ist der Unterschied?

Zum einen gibt es Wissensinhalte – man weiß etwas. Anderseits gibt es ein Bewusstsein, in dem sich der Wissende spiegelt. Das heißt, wer zu sehr den Inhalten anhaftet, statt seine Erkenntnisfähigkeit zu schulen, wird sich im Tal des Wissens verirren. Wer über all die vielen Inhalte der Welt bescheid weiß, der verstrickt sich schnell in alle möglichen Meinungen. Wem viel an Klugheit liegt, wird das erste Tal aber niemals verlassen können.

Je mehr man weiß, desto leichter können einen Dinge verwirren, die sich mit diesem Wissen nicht vereinbaren lassen. Stündlich werden es mehr. Die Möglichkeiten zu entscheiden, was wahr und was falsch ist, wird zusehends komplexer. Jede Wahrheit birgt eine Unwahrheit. Man denke an all die unzähligen Gesetzbücher, die immer wieder revidiert, ausgetauscht und erweitert werden müssen. Selbst wenn das Wissen immer weiter wächst: es bleibt doch begrenzt. Es besteht eben aus Buchstaben – Formen die einen Raum einnehmen, begrenzen.

Alles was einem mit logischen Mitteln aufgetischt wird, scheint auf den ersten Blick richtig zu sein. Daher vertrauen die Menschen den Computern – oft mehr, als ihren Mitmenschen. Man veröffentlicht dies und das im Internet, meist anonym. Oft sind es Dinge, über die man mit seinen Freunden und Liebsten, niemals sprechen würde!

Doch wenn es nun kein Kriterium gibt, dass etwas als richtig oder falsch beurteilt? Muss man das Gegebene dann nicht als richtig einordnen?

Hiervon rührt die Verwirrung so vieler Menschen: Sie folgen ein paar Monate dieser Schulrichtung, dann einer anderen. Sie gehen zu einem Zen-Meister, danach zu einem Kabbalisten, dann besuchen sie einen christlichen Eremiten und hernach suchen sie einen Sufi-Meister auf. Jeder von ihnen spricht die Wahrheit. Mit Büchern ist es nicht anders. In vielen Büchern findet man Wahrheiten. Selbst wenn sie sich widersprechen, sind sie in sich schlüssig – sie haben ihre eigene Logik.

Wer aber immer nur mehr Wissen sammelt, selbst die schönsten Weisheiten auswendig kennt, wird allmählich viele Widersprüche anhäufen. Was bleibt ist Verwirrung, die zu Ausflüchten drängt. Man kann durch mehr Wissen eben keine Weisheit erlangen. Wer alles weiß, weiß nichts – und niemals wird er alles wissen! Er bleibt so klug wie am Anfang. Mehr Wissen wird ihn immer mehr behindern (man denke an Goethe's Dr. Faust).

Wer das Tal des Wissens durchschreiten will, sollte sich daher nicht mit den vielen Wissensinhalten beschäftigen, sondern seine Erkenntnisfähigkeiten trainieren. Es geht nicht darum viele Dinge zu wissen, sondern bewusster zu leben. Der Wert liegt im Erleben, nicht im Erlernen. Das erkennend, gibt sich der Wissende zufrieden.

All das hier Gesagte, hat nichts mit Meinungen oder Glaubenssystemen zu tun. Man kann einfach wissen, um bewusst zu sein – denn jedem steht unermesslich viel Energie zur Verfügung. Es geht aber um den Ge-halt dieses Bewusst-Seins, weniger um den In-halt. Was zählt ist die Wirkung der Erkenntnis, nicht das Wissen davon. Das ist ein feiner, aber überaus wichtiger Unterschied. So verirrt sich also im Tal des Wissens, wer sich nur mit den Inhalten des Wissens beschäftigt. Nur ein Wissender findet den Weg in das zweite Tal.

II. Das Tal der Reue

Mit der Suche nach dem wahren Ich, beginnt die Reue über alles was wir getan, doch besser unterlassen hätten. Plötzlich erkennen wir die Fehler, die wir in unserem Leben begangen haben. Doch das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen.

Im Tal der Reue begegnet man einem neuen Bewusstsein: dem Gewissen. Wenn dieses Bewusstsein aber an Gesellschaftsnormen geknüpft ist, fehlt ihm der Gehalt. Es bleibt dann unecht und macht wahre Bekehrung unmöglich. Schließlich haben wir gelernt, von unseren Mitmenschen, Lehrern, Vorgesetzten, von Politikern und anderen „Meinungsbildnern“, was recht und was schlecht ist, was moralisch und was unmoralisch ist. Bildet sich daraus aber das wahre Gewissen?

Auf dem Weg durch das Tal des Wissens, lernt man zwischen Gutem und Bösem unterscheiden. Doch wieviele Leute haben unter uns gelitten, weil wir gemäß solchen Wissens über sie urteilten? Auch gegen uns selbst gehen wir vor, wegen all der vielen Meinungen, die aus dem Wissen aufsteigen. Sie ziehen sich in uns zusammen und werden zu Neid, Eifersucht, Ärger und Aggression. All das sehen wir im Tal der Reue vor uns. Wir haben gestraft, Gewalt ausgeübt, gehasst und verleumdet, da uns unser vieles Wissen fehlgeleitet hat. Dieses Bewusstsein entwickelt sich im Tal der Reue. Hier entsteht wahres Gewissen. Es hat nichts mit dem gewöhnlichen Gewissen zu tun, denn solches wurde uns aus gesammeltem Wissen anderer eingeflößt, als geborgtes Gewissen. Darum glaubt man oft recht zu handeln und doch sieht man hinterher: es war falsch. Wie viele wissen, dass es falsch ist sich zu ärgern – und doch ärgern sich die meisten. Auch das geborgene Gewissen hilft uns dabei nicht. Es ist nur eine Bürde. Wir müssen daher ein eigenes, intuitives Gewissen in uns wachsen lassen.

Raus aus den Schuldgefühlen

Das „schlechte Gewissen“ beruht auf Irrannahmen und birgt die Gefahr, sich im Tal der Reue zu verirren. Es erzeugt Sorgen, die aus Schuldgefühlen gewachsen sind – Schuldgefühlen die man aus der Vergangenheit hierher mitgebracht hat. Man hat einst vielleicht jemandem weh getan, jemanden verletzt, ausgebeutet oder verleumdet. Doch wenn man sich klar macht, dass die Seele seit tausenden Jahren in dieser Welt unterwegs ist: ist es da nicht absurd zu bejammern, was man in den letzten Jahren, letzten Monat, was man gestern getan hat? Wie hätte man auch recht handeln sollen, als man noch nicht gewusst hat was rechtens war?

Ewiges Bedauern schafft immer mehr Schuldgefühle, die einen nach und nach, in einen dunklen Abgrund hinabziehen. Sobald Schuldgefühle überhand nehmen und einen zu sehr quälen, bleibt man im Tal der Reue gefangen. Wenn also die Vergangenheit zu viel Bedeutung erlangt, führt das nur zu noch mehr Jammer und Verzweiflung. Man sollte sich darum mit der Gegenwart und nicht mit der Vergangenheit befassen. Nur so lässt sich die Zukunft gestalten.

Es ist natürlich wichtig, überhaupt erst einmal festzustellen, dass man falsch gehandelt hat. Man handelte einfach unbewusst. Darüber ist man jetzt traurig oder sogar bestürzt. Doch im Tal der Reue wird einem bewusst: Schuldgefühle sind überflüssig. Sie beziehen sich immer auf die Vergangenheit. Doch die Vergangenheit ist wie Luft nach der man zu greifen versucht: Sie ist ohne Substanz, lässt sich nicht festhalten und entschwindet uns jeden Augenblick. Wir sollten also nach vorne sehen. Die Fehler von damals dürfen uns nicht mehr belasten. Man nimmt sie wahr, um sie nicht wieder zu begehen. Doch sie gehören der Vergangenheit an. Wir sind davon befreit. Und so erreichen wir das Ende dieses Tals der Reue. Was jetzt zählt ist die Zukunft. Sie ist vollkommen anders.

Wer das Ende dieses Tals erreicht, wird ein anderer Mensch sein. Denn als er durch das Tal der Reue ging, entwickelte er sein eigenes Bewusstsein, ein individuelles, wahres Gewissen. Falsch zu handeln ist jetzt nicht mehr möglich, Kontrolle unnötig. Wenn man zuvor falsch handelte, so geschah das aus Unwissenheit. Gegen das neue gebildete Gewissen aber, müsste man hart ankämpfen, um die selben Fehler erneut zu begehen. Sicherlich blieben solche Bestrebungen sowieso erfolglos.

Wir erkennen jetzt, dass uns Gott mit wahrem Gewissen gesegnet hat. Es ist, was man im Innern gewonnen hat. Damit kann man sich weiterbegeben, in einen völlig neuen Lebensabschnitt. So kommt eine ganz neue Realität zum Vorschein: wahre Tugendhaftigkeit.

III. Das Tal der Hindernisse

Jetzt, wo man das wahre Gewissen erlangte, fällt einem erst auf, wieviele Stolpersteine sich auf dem eigenen Lebenspfad befinden. Unzählige Mauer richten sich vor uns auf. Eine folgt der nächsten. Doch ebenso öffnen sich auch Türen – nur leider sehr selten. Sie müssen erst gefunden werden. Stattdesssen wollen unzählige Berrieren überwunden werden.

Al-Ghazali nennt vier Arten von Hindernissen:

1. Unsere Begierden

Das erste Hindernis stellt sich einem, in der Welt der Begierden und Verlockungen entgegen. Es ist eine Welt der verführerischen Sinnesobjekte, die im Menschen ein unstillbares Verlangen erzeugen.

Was alle spirituellen Traditionen unisono predigen: man erhebe sich über die weltlichen Versuchungen. Lässt man sich zu sehr verleiten und haftet den weltlichen Dingen an, bleibt kaum Energie Gott zu begehren. So verschwendet man sein Begehren mit der Befriedigung niedriger Sehnsüchte. Wenn z. B. einer auf Besitz aus ist, ein großes Haus, viel Geld auf dem Konto, große Macht in der Welt haben will, investiert er all sein Begehren in die Welt der Dinge. So bleibt kaum Energie, sich um Spiritualität zu bemühen. Allerdings soll das überhaupt nicht heißen, dass alle weltlichen Dinge schlecht sind. Es erschiene einem Sufi einfach falsch, gegen etwas zu sein. Hingegen weiß er: die Dinge an sich, sind als solche gut. Nur wenn jemand auf der Suche nach wahrer Spiritualität ist, kann er es sich einfach nicht leisten, sich länger mit weltlichen Dingen aufzuhalten. Jedem von uns steht eben nur eine bestimme Menge Energie zur Verfügung. Wir sollten also wissen, wo es sich lohnt diese Energie zu investieren. Dann können wir das Tal der Hindernisse passieren. 

Als Mensch hat man sehr viele Wünsche. Jemand der wirklich Erleuchtung erlangen möchte, kann das aber nur erreichen, wenn er all diese Wünsche zu einem großen Wunsch zusammenführt, all seine Begierden zu einer einzigen Begierde macht. Dieses einige Begehren wird dann so mächtig wie ein großer Fluss. Die vielen Zuflüsse des Nil, machen aus ihm den größten Strom der Welt.

Wahre Spiritualität hat also erlangt, dessen Begierden ein einziges Begehren wurden. Ein Begehren nach Transzendenz.

2. Unserer Mitmenschen

Eine andere Barriere auf dem Weg durch das Tal der Hindernisse, sind unsere Mitmenschen. Doch Achtung: niemals würde ein Sufi gegen irgendjemanden sein! Ein Sufi meidet aber emotionale Bindungen. Er weiß, wer sich etwas anschließt, legt sich selbst Steine in den Weg. Auch die großen Weisheitslehrer der Gegenwart sprechen von dieser Gefahr. So auch Jiddu Krishnamurti, der warnte, man solle sich überhaupt keiner Gruppe oder Bewegung anschließen. Denn es führte doch nur zu noch mehr Meinungen. Als Mitglied der einen Gruppe ist man außerdem gefährdet, sich mit einer anderen Gruppen anzufeinden. Dieses Dilemma ist heute ja hochaktuell und scheint sich wie ein Gespenst unter uns zu bewegen. Wir haben alle möglichen Meinungen, denen wir uns anschließen können – doch die menschliche Gemeinschaft als solche, scheint an allen Ecken und Enden zu bröckeln.

Al-Ghazali meint nicht, dass man sein Leben als Eremit fristen soll. Nein. Das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen ist die Grundlage menschlichen Lebens überhaupt. Man lebe also mit seinem Mann, mit seiner Frau, mit seinen Kindern, mit seinen Freunden. Nur sollten wir uns immer wieder erinnern: Wir sind wie Fremde in dieser Welt. Die Zusammengehörigkeit unserer Seelen basiert letztendlich auf Karma und Zufall. Wir, als beseelte Menschenwesen, sind Reisende auf dem Lebenspfad, wo sich auch andere Seelen bewegen. Nur für kurze Zeit gehen wir einen Weg gemeinsam, und dafür sollten wir stets dankbar sein. Doch eines Tages trennen sich unsere Wege wieder. Einer stirbt und man wird nie erfahren, wohin sich seine Seele nach dem Tod begibt. Ein andermal wird man von seinem geliebten Lebenspartner verlassen, da er sich in jemand anderen verliebt hat. Das kann jedem von uns, jederzeit widerfahren.

Es ist wichtig mit Menschen zusammen zu sein, liebevoll und mitfühlend mit ihnen umzugehen. Nur sollte man sich nicht in diese Verhältnisse verlieben, denn das würde einen daran hindern weiterzugehen, um das Tal der Hindernisse auch wieder zu verlassen.

3. Unser Denken

Über viele Jahre hinterlassen bestimmte Muster ihre Spuren in unserem Denken. Ständig stellen sie uns Fallen. Wenn sie zuschlagen, urteilen wir, sind zynisch und beginnen manchmal sogar andere für ihre Meinungen zu hassen.

Die herkömmliche Art mit Wissen umzugehen, es hoch zu preisen, wurde uns in der Schule eingetrichtert, von unseren Eltern, Freunden, unseren Mitmenschen. Diese Mentalität kann nicht ad hoc ausgelöscht werden, nur weil wir hier oder dort davon hörten, an dieser oder an anderer Stelle darüber lasen. Geduld!

Unsere alt eingeschliffenen Denkmechanismen warten, wieder aktiviert zu werden, denn nur dafür wurden sie geschaffen. Unser Wissen waltet über unser Bewusstsein wie ein Meister über seine Diener. Es bleibt dem Bewusstsein daher verwehrt, sich plötzlich gegen den Meister zu stellen. Darum nochmal: Geduld!

Wenn Denken zu Grübeln führt, nimmt es diabolische Züge an. Kein Zufall, dass in all den vielen Geschichten über den Gehörnten, es um die Verführung des Denkers ging. Nur den Menschen kann der Teufel verführen. Ist der Teufel vielleicht sogar nur ein anderer Name für das Denken an sich? Schließlich ist's er, der trennt, unterscheidet, urteilt und spaltet. Er war es ja angeblich, der Eva vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem zu essen gab. Von ihm erhielt der Mensch sein analytisches Denken. Leider stehen sich Analyse und Kreativität jetzt diametral gegenüber. Wer Hindernisse überwinden will, muss aber kreativ sein! Man könnte sich ewig den Kopf darüber zerbrechen, wieso uns etwas stört oder am Fortkommen hindert. Doch wem nützt's, der sich tatsächlich auch weiterbewegen will?

Auch die Versuchung Jesu durch den Teufel, ist eine Allegorie auf die Verführungen, die dem Menschen durch das Denken aufgebürdet werden. Unser „Denker“ spricht mit uns, in einem ununterbrochenen Dialog. Er bläut uns ein, dass wir schlauer, besser, mächtiger sind als andere. Doch dieser Denker meint auch, das wir Verlierer sind, dumm und unfähig. Je nachdem wie wir die Welt beurteilen, urteilen wir im Denken über uns selbst. Denken entsteht erst durch das gefällte Urteil. Ein „Ur-Teil“ sogar – ja, wovon eigentlich?

Jesus entgegnete dem Teufel „Hinweg mit Dir Satan!“ (Matthäus 4:10). Sprach er damit zu jemandem außerhalb? Oder entgegnete er es das den Irrungen seines Denkens?

4. Unser Ego

Einer der größten Stolpersteine auf dem Weg zur Erleuchtung, ist das Ego. Sobald wir uns dem Sein ein wenig öffnen, steigt in uns das Gewissen auf, und man bemerkt wie sich das Ego breit macht. Auf einmal, wie aus dem Nichts, ergreift es Besitz von einem und macht einen glauben, dass man jemand besonderes sei, ein Heiliger, ein Wissender. Das Ego schärft uns ein: „Ich bin kein gewöhnlicher Mensch. Ich bin ein besonderer Mensch.“ Das Problem: Man ist ja eigentlich sowieso schon außergewöhnlich. Eine unerschütterliche Wahrheit! Nur stellt das Ego diese Wahrheit auf die Probe. Und das ist ein Riesenproblem. Viel zu oft verteult man das Ego darum. Doch ohne Zweifel ist es ein ganz sensibler Teil unseres Seins. Man bleibe dennoch wachsam, das einen das Ego nicht verleite. Es würde einen nur im Tal der Hindernisse gefangen halten.

Hindernisse als Herausforderungen annehmen

Problematisch wird es, wenn wir gegen die Hindernisse im Leben vorgehen. Wer versucht auf dem Pfad zur Erleuchtung, die Stolpersteine, gewaltsam aus dem Weg zu räumen, schafft sich Feinde im Außen und im Innen. Wer gegen die hier dargestellten, vier Widerstände, gewaltsam vorgeht, unterdrückt lediglich. Doch wie ein Luftballon, den man tief unter Wasser drückt, drängt es aufwärts zur Oberfläche. Die Verlockungen, die Mitmenschen, das Denken, das Ego: sie alle lassen sich unterdrücken, doch bleiben sie dabei bestehen. Unterdrücktes entfernt sich nicht. Vielmehr wird, was unterdrückt wird, immer stärker und gefährlicher. Man denke an all die unterdrückten Nöte der Menschen, die sich plötzlich zu einem gewaltigen Wutausbruch entstellen. Das hat die Menschheitsgeschichte zur Genüge gezeigt - bis heute.

Wenn wir gegen Hindernisse gewaltsam vorgehen und versuchen, ihre Stolpersteine gewaltsam aus dem Weg zu räumen, bleiben wir im Tal der Hindernisse gefangen. Es ist nur logisch. Denn es gibt unendlich viele Widerstände und Hindernisse. Jeden Augenblick entstehen neue. Doch ebenso wenig können wir das, was sich uns entgegenstellt einfach ignorieren. Eher sollten wir die Hindernisse im Leben annehmen. Es sind Herausforderungen die uns besser machen – stärker, klüger, gewandter. Wir wachsen nicht indem wir gegen Widerstände ankämpfen, sondern indem wir ihre tatsächlichen Ursachen verstehen lernen.

Oft halten uns Emotionen auf, die uns etwas besonders lieben lassen. Doch auch Emotionen des Hasses und der Abscheu hindern uns. Besonders unsere Feinde erzeugen starke Emotionen in uns. Darum vermissen wir auch unsere größten Feinde, wenn sie sterben. Unser Feindbild hilft uns bei der Selbstdefinition. Und so gibt es unserem Leben Sinn. Duldung von, wie auch Widerstand gegen Hindernisse: beides macht uns unbeweglich.

Ein klarer Blick, ohne Urteil, ohne Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem, ist die Voraussetzung das Tal der Hindernisse zu verlassen. Nur durch Mäßigkeit lässt sich das große Werk vollenden. Ist der wachsame Geist weder freundlich noch feindlich gesinnt, versteht er, was zu tun ist und kann auch tatsächlich handeln.

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IV. Das Tal der Heimsuchungen

Bisher bestand die Aufgabe des Suchers darin, ein klares Bewusstsein zu erlangen. Dies geschah auf der hellen, der Tagseite des Lebens. Jetzt bewegt er sich zum ersten mal in die tieferen Gefilde seines Bewusstseins. Er betritt das Reich des Unbewussten: einen geheimnisvollen Bereich der Seele, ihre Nacht- und Schattenseite. Sobald sich der Sucher auf diese dunkle Seite schlägt, fangen die wirklichen Schwierigkeiten an.

Die Stufen ins himmlische Paradies führen immer weiter aufwärts. Ein beschwerlicher Weg. Je höher wir uns bewegen, desto gefährlicher wird der Absturz. Ein einziger Fehltritt bedeutet vielleicht das Ende. Nur wer aufmerksam und vorsichtig nach oben steigt bleibt sicher.

Die ersten drei Täler, die Al-Ghazali erwähnt, kann man nur alleine passieren. Man muss den Weg durch diese drei Täler alleine finden. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, jeder Mensch müsse hier durch. Es ist eine Möglichkeit, ein Vorschlag. Jeder muss selbst wissen was er tut. Es liegt in der Macht des Einzelnen, sein Leben zu etwas Besserem zu führen. Es wäre jedoch falsch andere Menschen dazu zu überreden.

Wer das vierte Tal betritt, findet nur mit Hilfe eines Meisters den Ausgang. Das Tal der Heimsuchungen erfüllt tiefe Dunkelheit. Es ist der Eingang in eine Welt des Wahns. Ausgesprochen seltsam, was sich in diesem Abschnitt der Seelenreise ereignet. Es ist das, was der christliche Mystiker Johannes vom Kreuz (1542-1591) „die Dunkle Nacht der Seele“ nannte. So lange man selbst noch kein eigenes Licht erzeugen kann, und das Herz unbewusst im Dunkel der Brust klopft, so müssen wir uns das Licht eines Meisters borgen. Während unsere Eltern uns das weltliche Dasein gaben, ist es der Meister, der uns zu ewigem Leben führt. Er ist jemand der das Tal der Heimsuchungen bereits durchschritten und gelernt hat, in der Dunkelheit zu sehen.

Zweifel

Wenn einer kommt und sagt: „Gott ist“ und ein anderer sagt, „das bezweifle ich“, dann ist das kein Zweifel sondern Skepsis. Diesen Unterschied macht der Skeptiker jedoch nicht. Um sich der Blöße nicht zu stellen, sagt er lieber „ich bezweifle“. In Wirklichkeit aber bedeutet das: „ich weiß es nicht.“

Zweifel ist existentiell, ist lebenswichtig und entsteht in der Gesamtheit der Wahrnehmung. Ein Skeptiker verfügt nur über eine Ansammlung fixer Ideen, die aus seinem Verstand geboren wurden. Doch was nützt einem Skepsis, wenn man sich durch die Dunkelheit bewegt? Wenn man nicht sieht, wohin ein Weg führt und man nicht weiß, „gehe ich nach links oder nach rechts“, da wird nichts mehr in Frage gestellt. Aber Zweifel steigen in einem auf, ob man noch dem rechten Weg folgt.

Bevor man das Tal der Heimsuchungen betreten hat, gab es Sicherheiten. Man kannte die Dinge, da man sie gesehen hat. Mit der Dunkelheit ist alles verschwunden. Jeder Schritt ein Tappen. Hier beginnt der Zweifel.

Plötzlich geht uns ein Licht auf:

Meine Suche nach wahrer Spiritualität war anscheinend nur ein Hirngespinst. Viel zu lange habe ich mich mit Absurditäten befasst, dies geglaubt und jenes. Ich habe mich Dingen gewidmet, die mich garnicht weiterbringen, sondern nur mein Ego an der Brust des Stolzes nuckeln lassen.

Jetzt wird dem Sucher klar: er hat alles verloren. All seine Besitztümer, seine Macht, seine Lüste – alles ist dahin. Jetzt beginnen wahre Zweifel. An diesen Punkt kommt jeder, der sich auf den Pfad der Sucher begibt. Wenn sich dieser Moment ereignet, gewinnt man den Eindruck, man müsse sich gegen die Dunkelheit zur Wehr setzen, sich vor den grauenhaften Schatten der Finsternis schützen. Man ist drauf und dran, wieder ins Bewusstsein zurückgeworfen zu werden – in die Welt der sichtbaren Dinge.

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Dunkelheit reicht tief – Licht ist oberflächlich. Alles was wir draußen sehen, sind Schalen, sind Reflexionen des Sonnenlichts. Die Sonne können wir nicht schauen: sie blendet, ihr Licht ertragen unsere Augen nicht. Wer lange in das Licht der Sonne blickt, den umgibt bald Dunkelheit. Ihr Licht ist so stark, es macht die Augen blind.

Ein tief gehendes Leben ist nur möglich, wenn man auch Dunkelheit ertragen und Momente absoluter Finsternis und Ausweglosigkeit hinnehmen kann. Wer sich stets Problemen entzieht, schwimmt an der Oberfläche, wie gefälltes Holz flussabwärts treibend.

Auf dem Weg durch das Tal der Heimsuchungen, hilft uns ein Meister sehen lernen. Er vermittelt uns, dass es nur nach Dunkelheit ausschaut, doch in Wirklichkeit keine Dunkelheit ist. Den Neumond sieht man nicht und doch schwebt er im Himmel.

Schlaf, Tod und Erlöschung

Der Tod ist des Schlafes Bruder. Wer entschläft der stirbt. Seine Seele entschwindet in die Dunkelheit der Nacht. Beim Einschlafen ist es ähnlich. Der Körper liegt bewusstlos da, während sich die Seele „auf den Weg macht“. Nur durch eine geheimnisvolle Verbindung, kann die Seele in den Körper zurückkehren. Sie nennt man die „Silberschnur“, die die Seele an den physischen Leib bindet.

ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus (er stirbt) und die Klagenden ziehen durch die Straßen – ja, ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.

- Kohelet 12:6

Sobald die Silberschnur vom Körper gefallen ist, stirbt ein Mensch. Sein Körper verschwindet. Was bleibt ist die Seele. Sie wird wieder geboren. Niemand kann genau sagen, wie oft sich diese Wiedergeburten der Seele ereignen, doch sie nimmt immer wieder einen anderen Körper an, bis sie den Inkarnationszyklus auf Erden vollendet hat und sich in Gott auflöst. Das nennen die Sufis Fanaa (arab. فناء ) – Erlöschung, Entwerdung.

Alles, was auf Erden ist, wird vergehen (erlöschen). Aber das Angesicht deines Herrn bleibt bestehen – des Herrn der Majestät und der Ehre.

- Sure 55:26-27

Körper und Geist lösen sich auf. Nur der innerste Kern des Bewusstseins besteht fort. Hiervon gewinnt der Suchende im Tal der Heimsuchungen einen ersten Eindruck. Er kostet von der Todeserfahrung und was es bedeutet, wenn sich die Seele letztendlich in Gott auflöst. Wer sich diesen Erfahrungen aber widersetzt, wird zurückgeworfen in das Tal der Hindernisse. Umso schwerer dann, dieses Tal wieder zu verlassen. Schließlich fürchtet man sich vor dem Tal der Heimsuchungen. Ebenso wenig will man aber noch weiter zurück, will nicht mehr ins Tal der Reue.

Sich der Dunkelheit zu verweigern und den eigenen Tod zu verneinen, so als könne man ewig leben, zwingt einen, sich ewig mit Dingen zu beschäftigen, die einem im Weg stehen – ganz gleich ob es Lust, andere Menschen, Grübeleien oder das eigene aufgedunsene Ego ist.

Jemand der in seinem früheren Leben einmal aus dem Tal der Heimsuchungen zurückfiel, kann in seinem gegenwärtigen Leben, Tiefgründiges nicht recht ertragen. Versucht ihn einer zu lieben oder mit ihm Freundschaft zu schließen, fürchtet er sich. Auch einem Meister zu folgen, ist ihm unangenehm. Er möchte einfach niemandem zur Last fallen. Alles was ihn erneut in das Tal der Heimsuchungen bringen könnte, empfindet er als Bedrohung.

Das Tal der Heimsuchungen ist ein besonderer Übergang. Es befindet sich in der Mitte der sieben Täler und bildet eine Verbindung vom Diesseits ins Jenseits. Da sich der Suchende vom Bekannten ins Unbekannte begibt, benötigt er die Hilfe eines Meisters. Der gleicht einem Fährmann, der einen aus dieser Welt, auf die Insel der Seeligen übersetzt. Nur aber wer diesem Seelenführer vertraut, kann die Reise antreten.

Indra und Vritra - ewigeweisheit.de

Charon auf dem Styx - Gemälde von Joachim Patinir (1480-1524)
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Der Meister

Vertrauen ist etwas ausgenommen Positives. Wer sich der Welt Gottes anvertrauen will, übergibt die Führung einem spirituellen Meister. Wer vertraut, der kann auch gläubig sein. Hingabe und Vertrauen sind Voraussetzungen, das vierte Tal überhaupt betreten zu können. Darum sollte Hingabe eine Grundstimmung werden.

Mag sein, dass zu Anfang des Pfades, man keinen bestimmten Meister braucht. Man kann sich einfach „das Beste aus Allem“ herauspicken. Man nähert sich etwas, dass einen interessiert, dann entfernt man sich wieder. Nur: was geschieht in Zukunft? Ist man vorbereitet auf die große Veränderung im Leben, auf das vollkommen unerwartete Ereignis? Leider können wir nicht darauf warten und hoffen, dass nach Eintreten eines solchen Falls, das Leben einfach so weiter geht wie bisher.

Trotzdem will sich niemand auf das Unerwartete vorbereiten. Lieber verlegt man es auf unbestimmte Zeit, um es dann irgendwann zu erledigen.

Um das Tal der Heimsuchungen sicher zu passieren, muss man sich der Führung eines wahren Meisters anvertrauen, sich an eine Quelle der Weisheit begeben. Hier empfängt man eines Meisters Lehre, bevor man in Bedrängnis gerät.

Wenn die rechte Zeit gekommen ist, steht das Haus in Flammen. Doch du hast versäumt den Brunnen zu graben. Jetzt beginnst du zu buddeln. Bevor du aber auf Wasser stößt, ist das Haus abgebrannt. Man muss den Brunnen graben, bevor das Haus Feuer fängt!

- Ein Sufi-Gleichnis

V. Das Tal des Donners

Im Tal der Heimsuchungen schloss uns der Schlaf die Augen und wir gingen ein in die Dunkelheit. Im Tal des Donners nähern wir uns dem Totenreich.

Was man im Tal der Heimsuchungen erfuhr, war das „Persönliche Unbewusste“ (C. G. Jung). Man verlor sich in der Dunkelheit – die Persönlichkeit blieb. Im Tal des Donners erfährt der Pilger nun das „Kollektive Unbewusste“. Größte Angst steigt in ihm auf, denn hier verliert er seine Individualität. Sein Selbst beginnt sich aufzulösen. Das Gefühl sich als Mittelpunkt des Weltgeschehens zu erfahren, verschwindet. Dieses Gefühl ist so ungewohnt, dass es das Selbstbewusstsein in finsteres Grauen hüllt. Eine qualvolle Erfahrung. Nie zuvor, erfuhr man solche Angst!

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Ob's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Heimsuchungen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen.

- Aus Hamlet von William Shakespeare

Ein unerträglicher Zustand. Am liebsten flüchtete man wieder in das Tal der Heimsuchungen. Dort war es zwar ebenso dunkel, doch man fühlte sich noch, das Ich war noch da. Nun aber zerschmilzt es in noch größerer Finsternis, ist bald spurlos verschwunden.

Das ist Fanaa – die Entwerdung. Man erlöscht. Hierauf muss der Pilger vorbereitet sein. Nicht nur das: er sollte sich diesem Zustand, in sehnlichster Erwartung öffnen! Denn Fanaa bedeutet höchstes Glück. Es ist was die Buddhisten „Ananda“ nennen – die „Abwesenheit von Unglück“.

Dem entgegen richtet sich der Gedanke „Ich bin“. Er basiert eigentlich auf Unwissenheit. Sich selbst als Zentrum zu erfahren, rührt vom Ego her. Als Kind brauchen wir ein Ego, um uns in vollem Maße in der Welt behaupten zu können. Ab einem bestimmten Zeitpunkt aber, steht uns das Ego im Weg. Dann drängt es uns in allerlei Schwierigkeiten, macht uns das Leben manchmal zur Hölle. Unserem Körper ermöglicht das Ego natürlich, ein eigenständiges Leben zu führen. Irgendwann aber, erübrigt sich seine Aufgabe. Wer darum am Ego festhält, sich an das „Ich bin“-Bewusstsein klammert, kettet seine Seele an die stoffliche Welt. So macht er seine Seele zur Gefangenen des Körpers – der sie plagt und peinigt.

Das Ego vermittelt das Individual-Gefühl: „Ich bin etwas Besonderes“. Wenn andere das aber nicht anerkennen, fühlt man sich gekränkt. Wer das Tal des Donners durchqueren will, muss darum lernen ein gewöhnlicher Mensch zu werden – ein Niemand! Wir bewegen uns hier in einen sehr schwer zu begreifenden Bereich des Bewusstseins. Es ist ein Gebiet des Seelenlebens, dass nichts, aber auch gar nichts mit der gewöhnlichen Welt zu tun hat. Und doch: man werde gewöhnlich! So einer zu werden, heißt aber keineswegs, dass man ein Nichtsnutz ohne Menschenseele werden soll. Es ist eher die Des-Identifikation vom Körper, vom „lebenden Ding“, über das uns unsere Mitmenschen identifizieren. Eigentlich absurd, dass ein Leichnam beweint wird, oder? Denn wenn wir am Leben sind, haben wir zwar diesen Körper, doch wir sind nicht dieser Körper. Wir sind Bewusstsein, unbegrenzt, ewig und frei.

VI. Das Tal der Abgründe

Jetzt hat sich der Körper aufgelöst, wurde zu einer Erinnerung aus der Vergangenheit. Im Tal des Donners stirbt der Körper. Im Tal der Abgründe ist er bereits tot. Hier begibt sich der Körper des Suchers in den unerbittlichen Schmerz des Nichtseins. Er zerfällt.

Jetzt ist man nicht und man ist zugleich. Man sieht seine eigene Leiche vor sich, ist tot und weiß trotzdem dass man seine Leiche sieht. Ein Paradox. Es ist der Zustand der entwordenen Seele. Sie existiert fort, auch nach dem Tod des physischen Leibes. Von diesem Phänomen berichten solche, die klinisch Tod waren, doch in ihre Körper zurückgekehrt sind.

Meine Großmutter lag nach einem schweren Autounfall im Koma. Sie hatte das Gefühl, nie wieder lebendig aus dem Krankenhaus zu kommen. Von großem Schmerz umgeben, fühlte sie den nahenden Tod. Da sah sie sich aus ihrem eigenen Körper im Bett erheben, und an die Decke des Krankenzimmers schweben. Von dort aus sah sie ihren toten Körper auf dem Krankenbett. Bald bewegte sie sich auf ein helles Licht zu „und dort war jemand“. Doch dann kehrte sie zurück in ihren Körper. Alle alten Vorstellungen über das Selbst verlieren nach so einer Erfahrung ihre Bedeutung.

Bedauern und Dankbarkeit

Als Jesu sterbend am Kreuz hing, schrie er auf:

Eloï, Eloï, lema sabachtani – das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

- Markus 15:34

Er beklagte seine Situation, in Furcht vor dem Tod. Niemand kam ihm zu helfen. Nicht einmal Gott reichte ihm seine Hand, blieb unsichtbar. Doch kurz darauf fuhr er fort:

Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.

- Johannes 19:30

Als Jesus am Kreuz hängend, an die Momente vor der Kreuzigung dachte, bedauerte er. Doch kurz darauf sieht er die Zukunft seines Werkes und ist dankbar. Dem „warum hast du mich verlassen“, folgt unmittelbar „es ist vollbracht“. In dieser Gegenwart sind Vergangenheit und Zukunft unmittelbar verknüpft. Jesus ist die Zeit, die aus der Ewigkeit kommt, ist wie die diesseitige Welt, die aus dem Jenseits kommt. Er ist beides: Mensch und Gott – sterblich und ewig. So oft wie er sich „Menschensohn“ nannte, so oft nannte er sich auch „Sohn Gottes“.

Die Vergangenheit hinter sich lassen

Wenn man an die eigene Vergangenheit denkt, bedauert man oft was sich im Leben ereignete. Man klagt über Unterlassungen und Fehler, über das was man besser getan und das was man besser nicht getan hätte. Die eigene Vergangenheit jedoch zu vergessen, bedeutet in die Zukunft zu blicken, sich zu befreien von Reue und Schuldgefühl. Damit steigt in einem großes Vertrauen auf. Man erkennt auf einmal, dass man sowohl dem Diesseits wie auch dem Jenseits angehört. In dieses Bewusstsein führt uns der Meister. Es ist einer, für den dieses Bewusst-Sein bereits zur Gewissheit geworden ist. Er steht mit einem Bein auf der Erde, mit dem anderen im Paradies. Die Lücke die er so überbrückt ist also nur sehr, sehr schmal.

Sobald sich der Wunsch zu Beklagen auflöst und an seine Stelle ein Gefühl tiefen Vertrauens tritt, wechselt das menschliche Bewusstsein in göttliches Bewusstsein. Die Vergangenheit wird bedeutungslos, der persönliche Wille löst sich auf in göttlichem Willen.

VII – Das Tal der Hymnen

Jetzt hat der Pilger seine Reise vollendet. Er hat das siebte Tal, das Tal der Hymnen erreicht. Es ist ein Ort des Jubels und der Freude. Wer hier ankommt, wird zu neuem Leben erweckt. Er wird unschuldig wie ein Kind, voller Vertrauen in die Welt die sich ihm zeigt.

Wie der Christus im verherrlichten Körper wiedergeboren wurde, so wird jener, der das Tal der Hymnen erreicht, in einem strahlenden Lichtkörper wiedergeboren. Hier lösen sich alle Gegensätze auf. Es ist wie, wenn Materie und Antimaterie zusammenstoßen: sie zerstrahlen in reines Licht.

Hier endet alle Dualität: Einer wird Eins. Es ist was die Hindus „Advaita“ (sanskr. अद्वैत) nennen: die „Nichtzweiheit“ – die nicht-dualistische Sicht auf das Eine. Man erkennt nur die eine Wirklichkeit, als absolutes Prinzip, an dem alles Sein und jedes Wesen Anteil hat.

Al-Ghazali beschreibt das Tal der Hymnen als einen Ort der heiligen Gesänge, wo man dem Einen Lob preist: Allah - الله. Es ist ein Ort der Wonne und der vollkommenen, ewigen Freuden. Hier nimmt die Lebensreise ihr Ende. Jetzt muss man nirgendwo mehr ankommen. Man ist hier und jetzt.

Unser Leben ist ein Paradoxon: Wir sind und sind nicht zugleich – sind bereits, was wir noch nicht sind, müssen werden, was wir bereits sind. Unser wahres Selbst war nur versteckt. Es wollte in uns entdeckt werden.

Wer sich auf die Suche begibt und das Ziel dieser Suche erreicht, wird erkennen:

Ich war schon immer derjenige, der ich jetzt bin, es war mir bisher nur unbekannt. All die vielen Sichtweisen und Meinungen, hielten den wahren Kern meines Selbst in Unwissenheit.

 

Über Al-Ghazali

Abu Hamid al-Ghazali (auch: „Ghazzali“) wurde im Jahre 1058 im chorasanischen Tusa geboren (altes Persien). Dort starb er auch, im Jahre 1111. Heute zählt Al-Ghazali zu den bedeutendsten Sufi-Mystikern. Als wichtigster Berater des Seldschuken-Sultans Nizaam al-Mulk, ernannte ihn dieser 1091 zum Professor der Theologie an der Universität zu Bagdad (Madrasa Nizaamiyya). Dort erwarb er sich hohes Ansehen. Nach der Ermordung Sultan Al-Mulks, glitt Al-Ghazali in eine tiefe spirituelle Krise. In dieser Zeit wandte er sich von Theologie und Philosophie ab. Er begann sich dem praktischen Sufismus zu öffnen. All seine Titel, sein Lehrauftrag gab er auf. Seinen gesamten Besitz spendete er den Armen und verließ im Jahre 1095 Bagdad, um als wandernder Derwisch seines Weges zu ziehen. Erst später kehrte er in seine Heimatstadt zurück.

Al-Ghazali verfügte über tiefgehende Kenntnisse der Werke aristotelischer und platonischer, wie auch islamischer Philosophie. Er empfand die Philosophie aber als schwer begehbaren Weg zur Wahrheit. Ihm lag mehr an der Praxis, als sich nur im Geiste zu bewegen. Praktische Verfahren waren damals wichtiger denn je. Menschen benötigten Hilfe, sich aus den Wirren ihrer Lebensprobleme zu befreien. Drum ist sein Vermächtnis auch heute hochaktuell.

Al-Ghazalis universale Lehre vereinigte zwei, sich anscheinend widersprechende Aspekte: Er synthetisierte die Vorstellung, einer durch Gott vorherbestimmten Welt, mit der Vorstellung, vom freien Willen des Menschen. Beide verschmolz er in seiner Lehre zu einem einheitlichen Weltbild.

Illustration von Al-Ghazali - ewigeweisheit.de

Al-Ghazali - Illustration im Buch Kimiya-yi Sa'ādat - "Die Alchemie des Glücks".

 

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Die Sufis: Bewahrer der Essenz aller Religionen

von S. Levent Oezkan

Ein Sufi kann sich überall und jeder Form des Umgangs anpassen. Auch wenn die Sufis vor allem in islamischen Ländern leben, sind nicht alle Sufis Muslime. Sufismus braucht sich keiner Religion anzupassen. Doch durch seine tolerante Art kann der Sufismus dazu beitragen, dass sich Menschen verschiedener Religionen näher kommen.

Wie unzählige andere Texte über Sufismus, ist auch dieser Text ein Augenzwinkern, um den Suchenden anzulocken und zu führen an den Ort, wo ein jeder Sufi-Weg beginnt. Eigentlich lässt sich nicht wirklich über Sufismus schreiben. Man kann nur ein Sufi sein, denn Sufismus ist lebendig und steht für sich. Er braucht nicht Koran, Bibel oder andere heilige Büchern wortgetreu erfüllen. Im Gegenteil macht das Sufitum aus der toten Schrift etwas Lebendiges.

Einst fragte einer den Sufi Al-Hasan Al-Basri: "Was ist Islam und was sind die Muslime?" Er antwortete: "Islam steht in den Büchern und die Muslime sind in den Gräbern."

Es waren vor allem Sufis die die Religionen in Ost und West in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder belebten. Zum regen Austausch zwischen Orient und Okzident trugen die wandernden Sufi-Derwische bei. Sie sprachen mit Menschen verschiedenen Glaubens und erkannten dabei, dass es eine Ewige Weisheit (Sophia Perennis) gibt, die hinter allen Glaubensrichtungen und Religionen steht. Wahrscheinlich waren die Ordnesgründer neuerer Religionen, wie z. B. des indischen Sikhismus oder des Jesidentums, selbst Sufis.

Der Kern des Sufismus

Ein Sufi sieht sich mit dem allumfassenden Gott in einer Liebesaffäre, in einer Liebe zur Ganzheit allen Seins. So ist ein Sufi dazu bereit sich der Ganzheit Gottes zu ergeben und sie in sein Herz aufzunehmen. An sich besitzt der Sufismus kein Dogma, keine Formalitäten oder Glaubensbekenntnisse. Sufi sein bedeutet nicht in erster Linie einer Institution, einer organisierte Glaubensgemeinschaft oder einer Kirche anzugehören. Einzige Vorbilder eines wahren Sufis sind die Gottgesandten und Erleuchteten der großen Religionen: Mohammed, Jesus Christus, Moses, Zarathustra, der Mani, der Krishna oder der Buddha.

Es sind nur verschiedene Namen die die Religionen besitzen, doch gemeinsam ist ihnen die innigliche Beziehung zu Gott. Doch diese Beziehung birgt eine Gefahr: je näher man dem Göttlichen kommt, desto mehr beginnt sich das Ich zu erübrigen. Mit Gott eins zu werden, dass bedeutet für den Sufi zu sterben. Nur so glaubt er wirklich leben zu können. Für den Sufi beginnt das wahre Leben nach dem irdischen Leben, wenn der Körper aus Fleisch und Blut gestorben ist. Unser irdisches Leben ist für den Sufi nur ein Zwischenstadium. Verglichen mit dem kommenden Leben in Gott, ist das irdische Leben für ihn nur recht mittelmäßig. Es ist das Leben in einem sterblichen Körper der leidet. Der Körper bildet das Gemäuer eines finsteren Kerkers worin sich unsere Seele eingeschlossen befindet. So ist die Seele alles andere als von göttlicher Extase erfüllt. Der Körper der Leidenschaften, den das Ich repräsentiert, steht der Verbindung zwischen Seele und Gott im Weg. Die Sufis sehen die Sehnsüchte und Leidenschaften ihres Körpers als Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Für sie trennt die "Schale des Körper" das Ich vom Du. Auch das universale Ganze ist durch den Körper getrennt: in ein Jenseits und ein Diesseits.

Der Weg des Sufi

Wer bereit ist den Weg des Sufi zu gehen, tritt diese Reise an in seinem Herzen. So wie sich eine Rose entfaltet und ihren Duft verströmt, so muss sich das Herz des Suchenden öffnen, muss sich danach sehnen zu suchen - so wie die Blüte sich nach der Biene sehnt, um von ihr bestäubt zu werden.

Wer sich auf den Sufi-Pfad begibt hat sich dazu entschlossen aus dem Schlaf des Alltags zu erwachen. Er will sein Herz erwecken, dass so lange in seiner Brust unbewusst schlummerte. Das ist die Beschreibung dessen, was mit dem Suchenden geschehen muss.

Sufismus ist etwas zauberhaftes, das nur vom Meister an den Schüler weitergegeben werden kann. Bei dieser Übertragung der Sufi-Tradition berufen sich die Murshids (Meister) auf die Silsila (arab. سلسلة), die spirituelle Kette eines Sufi-Ordens. Sie verbindet alle Generationen von Murshids und Sheikhs miteinander und geht zurück bis auf den Propheten Mohammed. Die so übertragene Tradition zeigt dem Murid (Schüler) den spirituellen Weg: das ist die Tariqa (arab. طريقة), der Pfad den ein Sufi beschreitet. Vom Herzen des Murshids (Sufi-Meister) einer Tariqa (Sufi-Orden) wird das Wesen und die Essenz des Sufismus, auf das Herz des Murid (Sufi-Schüler) übertragen. Es ist eine sehr geheimnisvolle Sache, die nicht ohne einen Murshid (bzw. Sheikh) erfahren werden kann. Selbst wenn man alle Bücher über Sufismus auswendig lernte, würde man sich nur in einem Dschungel aus Wörtern verirren. Aus diesem Wald der Unwissenheit soll der Meister einen Novizen führen, heraus aus den Verirrungen des Intellekts, hin zur Weisheit Gottes.

Im Sufismus gilt: wer keinen Sufi-Meister hat, ihn nicht liebt und verehrt, der wird nicht auf den wahren Geschmack des Sufismus kommen. Das bedeutet aber ganz und gar nicht, dass man als Sufi alle anderen Wege als unwichtig oder gar falsch abtun soll – auch wenn das immer wieder ein Problem in manchen Ordensgemeinschaften ist. Ein wahrer Sheikh zeigt seinen Schülern wie sie den Weg selbst finden und worauf sie bei dieser Suche achten müssen. Wie falsch wäre es also, ein Meister machte seinen Schüler von sich abhängig. Dann wäre er nicht mehr als eine Glucke, die ihre Jungen erdrückt.

Einst ging ein Sufi-Meister zusammen mit einem seiner Schüler auf der Straße, als sie ein wilder Hund anbellte. Wutentbrannt schrie ihn der Schüler an: „Wie kannst Du es wagen dich meinem Meister gegenüber so zu verhalten?“ Verwundert bliebt sein Meister stehen und sagte: „Er ist konsequenter als Du es bist.  Er bellt wenigstens alle an, ganz nach seiner Gewohnheit und Neigung; während Du mich als Deinen Meister betrachtrest und gänzlich unempfänglich für die Verdienste all der Erleuchteten bist, denen wir auf unserer kleinen Reise bereits begegnet sind. Du hast sie einfach ignoriert!“

Den Weg des Sufis beschreiten muss jeder selbst. Niemand kann das für ihn übernehmen. Die Welt der Wahrheit ist ein Land ohne Wege. Man kann sich der Wahrheit auf keinem bestimmten Pfad nähern. Jeder muss sie selbst finden. Ein Sufi-Meister stellt seinen Schülern dazu lediglich die Mittel zur Verfügung und führt sie an die Schwellen dieses Landes der Wahrheit, von wo aus sie alleine ihren Weg finden müssen.

Der Schildkröten-Dompteur - ewigeweisheit.de

Der Schildkrötenerzieher - Gemälde von Osman Hamdi Bey (1842-1910). Drei der fünf Schildkröten haben sich vor einem Derwisch aufgestellt, zwei krabbeln hinzu. Hinter seinem Rücken hält er eine Nay-Flöte - das typische Musikinstrument der türkischen Derwische. Über seiner Schulter hängt eine Trommel mit Schlägel.

Absurde Ehrfurcht

Seit vielen Jahrhunderten wird religiösen Menschen eingeblöst sie sollen Gott fürchten. Bis heute scheint sich daran nichts geändert zu haben. Doch ist es nicht diese Grundhaltung, die aus einem Menschen einen Angsthasen macht – einen "Hoffenden", der zittert aus Angst vor Bestrafung für seine Sünden? Eine Liebe zu Gott zu entwickeln ist für so jemand gänzlich unmöglich. Wo Angst herrscht, da verschwindet alle Liebe, da überkommt die Menschen Wut und Hass. Vor wem man sich fürchtet, den kann man ganz einfach hassen. Wenn man Gott aber nur fürchtet und nicht lieben kann, wen sonst soll man da noch lieben können? Wer Angst hat vor Gott, ihn fürchtet - wohin führt ihn sein Weg?

Was Menschen lange fürchten, das wollen sie am liebsten vergessen. Wie lange auch soll man etwas tolerieren, von dem einem beigebracht wurde, dass man es fürchten soll? Um sich von dieser Angst also zu befreien haben viele Menschen gegenüber Gott eine Ignoranz entwickelt. Friedrich Nietzsches berühmtes Zitat "Gott ist tot" scheint sich heute mehr denn je zu bewahrheiten.

Freiheit ist nur möglich wenn man gänzlich frei ist von Angst. Angst ist Enge. Sie verschließt das Herz des Liebenden. Eben genau darum wollen die Sufis Gott lieben. Denn die Liebe lässt überhaupt keine Angst zu. Liebe zerstreut alle Ängste. Nur mit Liebe ist es möglich die Reise zu Gott anzutreten.

Die Sufis sind Suchende auf dem Weg das innerste Wesen Gottes zu erfahren. Sie wollen Gott begegnen, sich ihm ergeben. Wer aber sich Gott ergeben will, der muss sich zuerst einem Sufi-Meister ergeben können. Hier stellt sich unser Ego in den Weg. Die Bewältigung des Egos, als Hindernis auf dem Weg zu Gott, stand darum in allen Schulen des Sufismus schon immer an erster Stelle. Novizen lässt man die einfachsten Arbeiten verrichten, um so ihr Ego zu brechen. Sie müssen Toiletten reinigen, den Boden schrubben. Erst dort, ganz unten, ganz nah an den niedrigsten Bedürfnissen die ein Mensch hat, nämlich sich von Last und Schmutz zu befreien, dort finden die ersten Schritte der langen Reise statt!

Die Bedeutung des Wortes „Sufi“

Der Ursprung des Wortes "Sufi" ist umstritten. Für manche Sprachwissenschaftler besitzt es überhaupt keine Etymologie. Dennoch versuchte man immer wieder das Wort Sufi auf verschiedene Arten zu erklären. Das es keine stichhaltige Erklärung des Wortes gibt mag auch daran liegen, dass der Begriff Sufismus nicht von seinen Anhängern eingeführt wurde. Auch wenn es Sufis schon lange vor dem Aufkommen des Islams gab, ist das Wort "Sufismus" eine relativ junge Wortschöpfung, die zuerst 1821 in Deutschland auftaucht. Das Wort Sufismus wurde von Personen außerhalb der Sufi-Bewegung verwendet, um seine Anhänger zu bezeichnen, denn ein Sufi bezeichnet sich selbst in der Regel nicht als Sufi. Eher würde er über sich selbst sagen, ein Mensch zu sein der die Wahrheit sucht.

Das Sufi-Phänomen ist grundsätzlich nicht definierbar. Und doch ist es voller Bedeutung für den Einzelnen, ja für die gesamte Menschheit. Es gibt eigentlich kein anderes Wort, um das Wesen des Sufismus zu erklären als das Wort Sufi an sich; es gibt kein Synonym. Man kann als Sufi leben und man kann die Sufis kennen. Doch der Begriff Sufi ist intelektuell nicht greifbar. Zu wissen was es heißt ein Sufi zu sein, bedeutet das man ein Sufi werden, ein Sufi sein muss! Darum ist es zwecklos die Bedeutung des Begriffs in Lexika ausfindig machen zu wollen. Man muss das Wesen des Sufismus schmecken, bevor man erkennt was Sufismus ist.

Ein Sufi zu sein bedeutet alles was sich im Kopf befindet beiseite zu stellen – eingebildete Wahrheiten, Vorstellungen und Konditionierungen – und sich dem zu stellen was einem widerfährt.

- Abu Said

Die Frage ist also nicht, was Sufismus bedeutet, sondern was darüber gesagt und gelehrt werden kann. Und zwar so, dass es auch jeder nach seinem Grad der Bildung versteht. Einfach nur Fakten zu verabreichen ist nutzlos; ja es kann manchmal sogar schädlich sein.

Wenn man erst einmal vom Wesen des Sufismus gekostet hat, wird man durstiger nach mehr und wird ein großes Verlangen nach Gott bekommen.

Das Wort "Sufi" weist in viele Richtungen. Manche Menschen gehen in die eine, andere Menschen gehen in die andere Richtung. Jeder dieser Wege ist für sich einzigartig und schön. Das Wesen des Sufismus bleibt aber eine Realität ohne Namen und ein Name ohne Realität! Der Sufismus existierte als Realität schon lange bevor er einen Namen erhielt. In dieser Realität fanden alle Gott-Gesandten (Propheten, Messiasse), Heiligen und Sucher der Weisheit den Sinn dessen, was auch ein Sufi ersinnt.

Sheikh der Rifāʿī-Derwische, unbekannter griechischer Maler, 1809 - ewigeweisheit.de

Sufi-Sheikh der Rifai-Derwische - Gemälde eines unbekannten griechischen Malers aus dem Jahre 1809.

Wolle als Symbol der Unschuld

Früher pflegten die Sufis Wollgewänder zu tragen. In manchen Sufi-Orden hat sich dieser Brauch bis heute erhalten. Daher versuchen manche das Wort Sufi herzuleiten aus der arabischen Wortwurzel "suf" (arab. صُوف), "Wolle". Wieso aber soll ausgrechnet Wolle ein Symbol für Sufismus sein?

Als der Prophet Moses Gott auf dem Sinai begegnete, trug er ein Gewand aus Schafwolle. Er war ja ein Hirte. Sufis der Shia (das sind die Nachkommen des Kalifen Ali) schrieben über Jesus, dass er während seiner Himmelfahrt ein Hemd aus Wolle trug. Wieso aber ist Wolle von so hohem Symbolchakarakter? Der Grund ist einfach: die Wollgewänder der Sufis sind ein Sinnbild der Unschuld, denn Wolle ist das Kleid der Lämmer. Der Sufi muss unschuldig werden wie ein Lamm. Im Islam wird Jesus von Nazareth als Prophet der Liebe gesehen, weshalb man ihn auch den Propheten der Sufis nennt. Das Neue Testament nennt Jesus nun das Lamm Gottes, das nach seinem unschuldigen Leiden und Tod, erhöht und verherrlicht wird. So soll sich auch der wahre Sufi über alle Erniedrigungen und Leiden erheben, über sich ergehen lassen. Alle Normen sollen von ihm abfallen, alle Konditionierungen, alles Kulturelle auf ein bestimmtes Volk bezogene Verhalten soll er ablegen. Vor diesem Hintergrund erhellt sich das Mysterium vom Symbol des Wollgewands. Zum Lamm, also zum Tier zu werden, ist in diesem Fall kein Rückschritt. Es ist hingegen ein Aufstieg. Ein Mensch der in diesem Sinne wieder ein Tier wird, wird nicht nur ein gewöhnliches Tier. Vielmehr verwandelt er sich in einen Heiligen, denn durch seine Läuterung wirft er alle menschlichen Eitelkeiten und Konditionierungen ab. Dann ist er weder ein Muslim, noch ein Christ, noch ein Hindu, noch ein Buddhist. Er ist im Einklang mit seiner Existenz, so wie auch jedes Tier mit sich im Einklang ist. Alle philosophischen Konzepte fallen von ihm ab und er verliert seine Meinungen über die Welt. Er lebt nicht mehr in seinen Gedanken: Er ist.

Das ist die Bedeutung des Wollgewandes der Sufis: ein unschuldiges Lamm zu sein, das nicht weiß was Gut und was Böse ist. So kann das höchste Gut in ihm aufsteigen. Wie die Sufis aber sagen, benötigt er hierzu ein Vorbild durch das er ein wahrer Mensch wird. Ohne Leitbild, ohne Führer bleibt er ein Tier.

Das Lamm Gottes - ewigeweisheit.de

Das Lamm auf dem Berge Zion, aus einer Illustration der Bamberger Apokalypse, um 1000.

Das Gute, das Normale oder das Böse

Solange man zwischen Gut und Böse unterscheidet, ist man mit sich noch nicht eins. Wo es kein Auswählen mehr gibt da wird gehandelt: nur die Tat zählt! Wer weiß was er zu tun hat, der ist ein wahrer Künstler. Wo man wählt zwischen dem Einen und dem Anderen, da wird man immer dazu geneigt sein etwas zu unterdrücken. Wer entscheiden muss zwischen Gut und Böse, der behält immer auch den bösen Teil in sich, da er ihn kennt und unterdrückt. Doch wie alles was lange unterdrückt wird, wird sich auch das unterdrückte Böse irgendwann durchsetzen und rächen. Sobald das geschieht, verliert ein Mensch seinen Verstand.

Unsere heutige Zivilisation scheint sich schon ziemlich nah an einem Abgrund des Wahnsinns zu befinden. Das sieht man vorallem in den großen Städten. Dort "lauern" überall Reklametafeln auf denen Menschen mit verzerrten Gesichtern zu sehen sind, die erschrecken oder die verführen wollen. Wer daran keinen Anstoß nimmt, so jemanden nennt die Masse einen "normalen Menschen". Doch manche dieser "normalen Menschen" scheinen nicht weit davon entfernt, bald den Verstand zu verlieren. Der Unterschied zwischen dem Leser (und auch Verfasser) dieses Textes und einem Wahnsinnigen ist nicht qualitativ, sondern quantitativ. Das heißt: der Normale unterscheidet sich vom Verrückten nur dem Grade nach. Der Irre hat die Grenze bereits überschritten, während sich der "Normale" ganz nahe an der Grenze zur Verrücktheit befindet. Jeden Moment aber kann sich etwas ereignen, dass einen normalen Menschen zu einem Psychopathen, zu einem Ver-rückten macht. Irgendetwas Unerwartetes – ein Unfall, ein Todesfall, eine Entlassung oder eine Trennung von einem geliebten Menschen, kann dazu beitragen das sich plötzlich alles drastisch verändert. Normalität ist trügerisch!

Wenn Sie sich einmal umschauen: sehen Sie, was um sie passiert? Sehen Sie vor allem aber was dabei in Ihrem Inneren vor sich geht? Da sind unzählige Dinge im Leben in die sie sich verstrickt haben. Dinge die sie gerne bearbeitet hätten, um sie endlich zu vergessen. Es ist eben sehr angsteinflößend und unheimlich, doch es ist da - egal ob Sie es wollen oder nicht. Was Sie unterdrücken wird stärker und wächst in Ihnen heran, zu etwas noch viel unangenehmerem. Seine Schlagkraft wächst ständig, so dass der Wahn jeden Augenblick in Ihnen zum Ausbruch kommen kann. Der Glaube man sei ganz und gar ein normaler Bürger, ist doch ein Hinweis darauf, dass man sich wirklich am Abgrund des eigenen Selbstbewusstseins befindet. Jedes noch so kleine Ereignis kann eine Verwirrung auslösen. Sobald die vermeintliche Normalität im Lebens einen Schock erfährt kippt der Schalter.

Wer sich also für die "Freiheit der Wahl" als Lebensmotto entscheidet, der muss bestimmte Dinge im Leben wollen und andere Dinge im Leben verdrängen – eben all das, was er nicht in seinem Leben haben möchte. Und davon gibt es doch unendlich viel – nicht wahr? Ein unschuldiges Lämmlein aber entscheidet nicht. Vielleicht weigert es sich, doch was auch immer sein mag: für das Tier ist es so wie es ist. Es nimmt das Leben so wie es kommt, ohne sich zu fragen was es eher und was es weniger will. Auszuwählen zwischen Gut und Böse ist dem Tier gänzlich fremd. So sollte auch ein Sufi sein: er muss sich nicht entscheiden. Er kennt keinen "Plan-B", sondern ist sich vollbewusst ohne entscheiden zu müssen was besser für ihn ist. Was auch immer kommen mag, er wird es als eine Gabe Gottes akzeptieren. Er vertraut nicht seinem Verstand, sondern dem universalen Geist der in seinem Herzen gegenwärtig ist. Das bringt ihm inneren Frieden und Freiheit. Wie ein Tier zu werden ist darum keine Enteignung gegen die menschliche Würde. Im Gegensatz zum Menschen, ordnet sich das Tier der Natur unter.

Wegen seiner Freiheit der Wahl ist der Mensch in seinem Denken künstlich und formbar. Ständig muss er sich entscheiden, wie er auf äußere Eindrücke reagieren soll. Wahnhaft versucht er diese Eigenschaft auch auf Tiere zu übertragen. Die Zuschauer im Zirkus klatschen Beifall wenn ein Löwe durch einen Feuerreifen springt. Dieser Beifall gilt aber nicht etwa dem Löwen, sondern dem Dresseur. Gleicht das nicht einem großen Schwindel? Wie sehr gleichen doch die meisten Menschen den armen Tieren im Zirkus. Schlimmer noch: Sie wissen ja das Zirkus das lateinische Wort für den Kreis ist – die geometrische Form, entlang sich auch die Insassen eines Gefängnisses bewegen. So drehen wir, mehr oder weniger, alle unsere Kreise, in den von uns selbst geschaffenen Eingrenzungen, die aus all den verhärteten Meinungen und Ansichten gemauert sind.

Die Runde der Gefangenen - ewigeweisheit.de

Die Runde der Gefangenen - Gemälde von Vincent van Gogh (1853–1890).

Wir alle tragen unsere individuellen Masken: das ist unsere Persönlichkeit (lat. persona: die Maske). Selbst Liebende verstecken sich in ihren Rolle hinter einer Maske. Vor Gott aber fallen alle Masken. Aller Schwindel hat vor Gott ein Ende. In dieser urtümlichen Unschuld, die hier bereits ausführlich beschrieben wurde, kommen wir Gott näher.

Auch die Religionen bieten den sogenannten Gläubigen allerhand Maskerade, worin sie sich hüllen und womit sie sich von anderen Religionsangehörigen unterscheiden sollen. Ist der Glaube an Gott dann aber nicht viel mehr als nur eine Vermutung? Muss jemand der wirklich gläubig ist einem anderen Menschen vorgeben dass er an Gott glaubt, nur indem er besondere Verhaltensweisen simuliert? Selbst wenn er sich in das Kostüm eines Muslims, eines Juden oder eines Buddhisten wirft, steht er in seinem Glauben und Unglauben vor Gott als nackter Mensch. Doch er meint dies und das zu wissen, sagt zu seinen "Glaubensbrüdern" das eine, zu vermeintlichen "Ungläubigen" was anderes. Er ist im ewigen Widerstreit zwischen dem was er glaubt und dem was man ihm aufgibt glauben zu müssen. Daher die Misere – man ist geteilt und die maskierten Teile der Persönlichkeit gehen in verschiedene Richtungen. Der eine sucht das Gute, der andere wendet sich ab vom Bösen. Leider ist aber manchmal das Gute das Böse der einen und ein andermal das Böse das Gute der anderen. So sind wir dies und das und doch niemand. Ist da nicht ein Tier gesegnet, da es eben nicht unterscheidet!? Ein Tier das in der Natur lebt, sehnt sich nicht nach einem großes Haus in dem es leben kann, braucht keinen Fernseher, kein Smartphone, keine teuren Kleider. Es besitzt einfach garnichts - doch ist dabei voller Frieden und Freude.

Wie das Tier also ist der wahre Sufi jemand der nicht auszuwählen braucht. Wer auswählen muss, wer abwägen muss zwischen diesem und jenem, der täuscht sich über sein wahres Selbst hinweg. Alles wogegen man sich entscheidet, alles was man ablehnt gewinnt an Bedeutung. Der Teufel hat sich dem Höchsten verweigert und wurde vom Himmel gestürzt – so die Bibellegende. Er "fiel zu tiefster Grube" (Jesaja 14:15), war ein Deprimierter und Herabgesetzter. So ist es auch mit den Dingen die wir aus unserem Leben verdrängen: sie gewinnen an Bedeutung je stärker wir sie unterdrücken. Zwar kann der Heuchler eine Zeitlang seine Maske aufbehalten, doch wie uns das Leben zeigt, müssen irgendwann auch die schönsten Masken abgelegt werden.

Es geht darum, so wie das unschuldige Lamm, ein ganz einfaches Leben zu führen, ohne unbedingt wissen zu müssen, was gut und was böse ist. Der Sufi versucht nur zu erfahren was Gott ist. Er handelt nicht um seiner selbst willen. Was immer passieren mag: das Schicksal wird als Gabe Gottes akzeptiert.

Safā: Die Reinheit

Andere wollen das Wort Sufi vom arabischen Al-Safā الصفا ableiten: die Reinheit. Das meint nicht unbedingt eine äußere Reinheit. Vielmehr ist die Reinheit des Herzens gemeint. Wenn man ein Leben lebt, ohne auswählen zu müssen zwischen Passendem und Unpassendem, zwischen Gutem und Bösem, kann die Seele sich auf natürliche Weise selbst reinigen und befreien von allen Ängsten, Hass und Furcht. Wenn hier aber von Reinheit die Rede ist, meint das nicht das moralisch Gute. Es ist ein Hinweis auf göttliche Reinheit. Reinheit bedeutet in diesem Zusammenhang ein Übersteigen aller Vorurteile oder Vorstellungen. Es geht um Transzendenz. Es geht um eine Reinheit, die nur von jemandem erfahren wird der ein tiefes Vertrauen in sein Leben hat. So erübrigen sich bestimmte Überzeugungen und Standpunkte.
Solange für Meinungen und Ansichten Platz in unserem Denken ist, erzeugen sie Unreinheit - so die Lehre der Sufis. Zuweilen schaden uns unsere Meinungen. Wenn wir sie äußern verletzen sie manchmal sogar andere. Zuviele Ansichten und Vorstellungen beschmutzen unsere Gedanken. Wie soll sich damit ein Sufi ein Bild von Gott machen können? Er versucht eher zu vermeiden, viele Ansichten zu sammeln über sich, die Welt und seine Mitmenschen. Er versucht sich nicht in seinen Gedanken Gott und die Engel auszumalen. Nur so bleibt er ein Mensch der tatsächlich in der Realität lebt. Der Sufi weiß dass da nicht einer irgendwo auf dem Thron im Himmel auf uns niederschaut. Nein – er weiß vom hier und jetzt und dass Gott überall zur gleichen Zeit ist, in allen Facetten, Formen, Farben und Erscheinungen, als liebender, zorniger, heilender, strafender, zeugender, tötender Gott – doch gleichzeitig ist Gott nichts von alledem! Wie um Himmels Willen soll man sich Gott dann vorstellen? Welche Ansichten soll man darüber sammeln? Und wenn in jedem von uns die Flamme Gottes flackert: gilt das Selbe dann nicht auch für jeden Menschen? Mit den Augen sehen wir ja nur die Körper unserer Mitmenschen. Sie tragen ihre persönliche Geschichte. Davon bleibt der "göttliche Funke" in ihnen jedoch unberührt, da er unsterblich ist. Doch diesen göttlichen Funken in unseren Mitmenschen zu suchen und zu erkennen: das ist das Ziel. In diesem reinen Seelenlicht erkennen wir nämlich, was der Name "Allah" bezeichnet: die Gesamtheit aller Existenz.

Ich sah meinen Herrn mit dem Auge des Herzens und sagte: Wer bist du? Er antwortete: Du.

- Mansur Al-Halladsch

Mit dem Begriff "Reinheit" sollte man vorsichtig sein. Wenn man das Wort "Sufi" nun tatsächlich von "Safā", Reinheit, ableiten will, dann meint das nicht einen Sufi, der ein Menschen mit einem "gutem Charakter" ist oder ein Frommer, der die zehn Gebote erfüllt. Ebensowenig steht das Wort "Safā" für jemanden, der eine hohe Stellung in der Gesellschaft hat. In Wirklichkeit ist ein Sufi das blanke Gegenteil von alle dem. Sufis waren immer Menschen die man der Respektlosigkeit bezichtigte. Bis heute werden sie darum verfolgt, denn mit ihren universellen Sichtweisen stießen sie Menschen immer wieder vor den Kopf. Sufis machen durch ihre Art andere auf ihre Fehler aufmerksam. Sie entblössen all die Künsteleien der Heuchler. Sie demaskieren und drängen die Leute ihre Masken abzulegen und ein wahrer Mensch zu werden. Damit bleiben die Sufis den Obersten der Gesellschaften immer ein Dorn im Auge.

Einer fragte einmal den Sufi Mansur Al-Halladsch: 'Was ist die letztendliche Erfahrung zu der ein Sufi gelangt?' Darauf antwortete er: 'Komm morgen wieder! Morgen wirst Du der letztendlichen Sufi-Erfahrung gewahr.' Da aber weder der Frager noch einer seiner Begleiter wussten, was morgen geschehen wird, fragte der Mann erneut: 'Wieso nicht heute?' worauf Al-Halladsch antwortete: 'Du musst einfach nur warten. Es wird sich morgen ereignen – das was man das Endziel des Sufismus nennt.' Am nächsten Tag wurde Al-Halladsch gekreuzigt – und dort am Kreuz hängend schrie er laut für seinen Freund der ihm gestern die Frage stellte: 'Wo bist Du, der Du Dich in der Menge versteckst? Los komm her und schau was das Endziel der Sufis ist: das hier! Das hier!'

Al-Halladsch (auch: Al-Hallaj, persischer Sufi, 857-922) wurde die Behauptung "Ana al-haqq", "Ich bin die Wahrheit", zum Verhängnis, da Al-haqq einer der 99 Namen Allahs ist. Im Sinne der Sufi-Tradition könnte diese Behauptung aber als die Eins-Werdung mit Gott interpretiert werden. Doch in der Gesellschaft scheint die Wahrheit unakzeptabel zu sein. Sie ist eben von Scheinheiligkeit und Heuchelei durchdrungen, ist eine Scheinwahrheit. Muss die Wahrheit also erst gekreuzigt werden, bevor man sie als solche erkennt?

Mit all dem Gesagten scheint ein wahrhaft Gottliebender für die Gesellschaft inakzeptabel zu sein. Die Kirche als Institution und ihre Oberhäupter zu lieben geht anscheinend immer in Ordnung. Wer in seiner Gemeinde aber laut äußert dass er Jesus Christus oder Gott liebt, der wird um sich die Augen rollen sehen. Wer sogar wagt zu behaupten er stünde mit Gott in Verbindung oder höre die Stimme Gottes zu sich sprechen, den wird man schnell in die "Obhut" eines Psychiaters geben.

Einst betete der Sufi Abu Yazid. Man sagt damals hätte Gott zu ihm gesprochen: 'nun bist Du Yazid einer meiner Auserwählten. Soll ich es in der Welt verkünden?' Abu Yazid musste lachen und sagte, 'Ja das kannst Du – wenn Du mich am Kreuz hängen sehen willst, verkünde!'

Safā, das „rein sein“ – ist eine Reinheit die besagt, dass der Geist bar jeden Inhalts ist, frei von Konzepten, frei von Gedanken, bar jeder Vernunft. Das ist ein Zustand absoluten Verstehens – was man im Zen das "Satori" nennt.

Die Hinrichtung von Mansur Al-Halladsch - ewigeweisheit.de

Die Hinrichtung des Sufis Mansur Al-Halladsch. Miniatur eines unbekannten Künstlers, um 1600.

Ziel des Sufismus

Zwar haben die Sufis immer ihre Schwierigkeiten mit den Oberhäuptern der verschiedenen Religionen gehabt. Doch durch ihr Streben, Gott in allem zu erkennen, war es für sie auch sehr leicht auch die Wahrheiten in anderen Traditonen zu sehen. Nur so konnten sie sich zwischen den spirituellen Traditionen bewegen und den Kern aller Religionen finden.

Bis heute versuchen die Sufis religiöses Gedankengut aus Ost und West zu verbinden. Man kann nicht von einer direkten Absicht sprechen, da Sufis niemanden durch bestimmte Glaubensvorstellungen oder Dogmas überzeugen wollen. Eher ist es ihr Wunsch den wahren Kern aller spirituellen Traditionen als gemeinsame Einheit in allen Religionen zu finden und mit ihren Lehren zu verschmelzen. Sicher tragen viele Sufis zu diesem Vorgang ganz unbewusst bei. Doch es waren die Sufis, die die Berührungspunkte zwischen den Weisheitslehren fanden und dieses Wissen, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, in Rede und Schrift mit ihren Mitmenschen teilten.

Nur das gegenseitige Verstehen ermöglicht eine Rückkehr zum wahren Ursprung aller Religionen. Diese ursprüngliche Einheit zu finden und zu beweisen, war und ist Ziel des Sufitums. Bis dieses Ziel erreicht ist werden sich aber noch viele Sufis als Nomaden Gottes auf diesem Planeten auf den Weg machen - im Austausch mit anderen, auf der Suche nach Wahrheit.

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Der Sufi-Mystiker Mevlana Rumi - Derwisch und Dichter

von S. Levent Oezkan

Mevlana Rumi - ewigeweisheit.de

In den USA am meisten zitiert: der Sufi-Poet Mevlana Rumi – Verfasser des berühmten Mathnawi. Das 25.000 Verse mächtige Meisterwerk ist ein Gebetbuch der drehenden Derwische und ein Werk persischer Dichtkunst, von unübertroffener Schönheit. Rumi verehrend pilgern jährlich riesige Scharen seiner Bewunderer an sein Mausoleum im türkischen Konya.

Dschallaladin Rumi wurde am 30. September 1207 in der heute afghanischen Stadt Balkh geboren. Sein Vater Bahaudin war ein Mann großer Gelehrsamkeit. Er machte sich aber unbeliebt, da er öffentlich die Erneuerungen des damals amtierenden Königs in Frage stellte, was Folgen hatte. Schon bald sah sich Bahaudin und seine Familie in Balkh nicht mehr sicher. 
Sie flohen also nach Nishapur im heutigen Iran, wo dereinst Dschallaladin dem großen Sufi-Mystiker Fareduddin Attar begegnen sollte - dem Dichter des berühmten Mantiq ut-tair - "Das Parlaments der Vögel".

Dschallaladin und seine Familie zogen später nach Ikonium, einst eine römische Provinz, heute eine Stadt in der südlichen Türkei: Konya. Dort erhielt Dschallaladin seinen besonderen Namen: Rumi - "der Römer".

Nach dem Tod seines Vaters war Rumi bereits ein anerkannter Gelehrter, der an der konyaer Madrassa (Universität) den Lehrstuhl für Philosophie inne hatte.

Komm! Komm! Du bist die Seele, die liebe Seele, die sich unentwegt dreht!
Komm! Komm! Du bist die Zeder, der Speer aus Zedernholz, der sich unentwegt dreht!
Oh komm doch! Brunnen des Lichts sprudelnder Quellen.
Und Morgensterne frohlocken, in reiner Freude drehen sie sich unentwegt.

Rumis Mystik war aber auch von anderen großen Dichtern seiner Zeit beeinflusst. Darunter Attar und Mystiker wie Sanai, Saadi und Nizami.

Zentrale Figur in Rumis Leben war sein geliebter Freund Shamsuddin Tabrizi. Dieser mysteriöse Weise tauchte plötzlich auf und übte einen großen Einfluss auf Rumi aus. Sie verbrachten Tag und Nacht an einsamen Orten, diskutierten das Sein der Dinge und die Liebesmystik all dessen, was die menschliche Seele im Austausch mit ihrem Geliebten, d. h. mit Gott, zu dem machte was sie für den Menschen ist.

Sufi Derwische Drehtanz (Sema)

Sema: Der Drehtanz der Sufi Derwische

Doch sein enger Kontakt zu dem sagenhaften Schamsuddin beäugten Rumis Schüler mit Argwohn. Sie hielten Schamsuddin für einen gefährlichen Verführer den es auszutilgen galt. So kam es dass Schamsuddin nach Tabriz floh, da es sonst wohl zu Tätlichkeiten gekommen wäre. Viele seiner Verse schrieb Rumi als er von Schamsuddin getrennt war. Die erste Trennung von seinem geliebten Lehrer sollte aber nur vorübergehend sein. Dschallaladin folgte ihm nach und brachte ihn schließlich zurück nach Konya.
Damit waren seine Anhänger, insbesondere seine Sohn, überhaupt nicht einverstanden. Schamsuddin floh erneut. Diesmal wohl nach Damaskus. Man kann nicht sagen ob sein Leben ein gewaltsames Ende nahm, sicher aber sah ihn Rumi niemals wieder.

Das Angesicht von Shamsuddin, der Glanz von Tabriz, seine Sonne,
in deren Spuren sich wolkengleiche Herzen bewegen.
Oh Schamsuddin Tabrizi, Schönheit und Glanz des Horizonts,
Welch König ist mit Herz und Seele Dein Bettler?

Es heißt Rumi schrieb am Mathnawi mehr als 43 Jahre. Oft saß er ohne zu schlafen auch Nachts, um neue Verse zu komponieren. Er rezitierte oder sang sie und sein Freund "der schöne Hasan" schrieb sie nieder.

Rumi und Schamsuddin begegnen sich

Rumi (zu Pferde) und Schamsuddin (in schwarzem Gewand)  begegnen sich

Die Verse des Mathnawi sind von tiefgründiger Mystik. Es ist darum auch kein Zufall das das Mathnawi zu den wichtigsten Werken im Studium des Sufismus gehört. Viele der Zeilen sind einzig und allein der Fähigkeit zur Einsicht des Lesers überlassen. Liebe, so Rumi, ist still.

Nur in der Stille können wir uns die Wahrheit über das große Mysterium der Liebe vergegenwärtigen. Immer wieder taucht in Rumis Versen das Sehnen der menschlichen Seele auf. Ein Sehnen nach der Vereinigung mit Gott.

Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
Von einem Herzen zum andern;
Doch wo es keine Mauer gibt,
Wo soll dann eine Türe sein?

Ohne die Liebe
ist jedes Opfer Last,
jede Musik nur Geräusch,
und jeder Tanz macht Mühe.

Ihr sagt, er scheint verrückt zu sein -
Das kommt daher, weil die Musik,
zu der er tanzt,
für eure Ohren nicht geschaffen ist.

Mevlana Rumi erkannte in allen menschlichen Aktivitäten einen ständigen Aufstieg zu immer höheren Ebenen, wo der Suchende seinen Seelenführern begegnet. Das Prinzip dieses Aufstiegs ist die universelle Liebe und Grundlage aller kosmischen Ereignisse. Er wusste, dass Freude in Zeiten des Kummers nur im Herzen gefunden werden konnte.

Wenn die Nacht der Sinne
Von der Sonne der göttlichen Liebe erleuchtet wird,
Was braucht man noch den Wächter?
In diesem Moment wird der Verstand verschwinden
Wie die Kerze vor der Sonne;
Denn wenn man versucht ihn an Gottes Tor zu bringen,
Ist der Verstand niedriger als Staub.

Intellekt ist manchmal wie ein einsamer, stinkender Esel der einen Stapel Bücher auf seinem Rücken trägt. Was nützt ihm all das Wissen ohne einen Gefährten auf Erden?

Leibliche Freuden waren für Mevlana Rumi nur der Wunsch der körperlichen Hülle der Seele und darum ohne tiefere Bedeutung. Die Triebseele, die eng mit den Wünschen des Körpers in Verbindung steht, die Nafs (entspr. Nefesh, Triebseele in der Kabbala) sollte man erziehen, denn sie war der Seelenteil, der den Menschen zu niederen und bösen Handlungen veranlasst. Zwar ist der Verstand eine lehrende Kraft im Leben und absolut notwendig, um die triebhaften Wünsche der Nafs zu überwinden, verliert vor der Liebe aber völlig an Bedeutung.

Wie für seine Vorgänger war für Rumi die weltliche Liebe nur eine Vorstufe für die wirkliche, himmlische Liebe. Deshalb beschreiben die Sufis die Liebe der Menschen auf Erden auch als die "metaphorische" Liebe. Das bedeutet, dass derjenige welcher mit Gott in Liebe ist, sich in der höchsten Stufe des Seins befindet.

Abdul-Hassan Sumnun, ein bekannter Mystiker des 9. Jhd. aus Bagdad, sagte einmal:

Man kann ein Ding nur beschreiben,
Das subtiler als das betreffende Ding ist.
Nun gibt es aber nichts, dass subtiler als die Liebe ist.
Wie also sollte man sie beschreiben?

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Die Derwische und die Sonne

Alles in der Welt dreht und bewegt sich, von den Atomen bis zum Sonnensystem und dem Blut im Körper. Sema, die Tanz- bzw. Kulturübung der Mevlana-Derwische ist eine Reise des Menschen ins Innerste der Seele. Diese Seele reift dadurch und gelangt damit zu einer Einheit mit Gott. Ein konzentriert auf die Göttlichkeit ausgerichtetes Bewusstsein wird so geschaffen.

Dies wird durch den Verzicht auf Begierden und Leidenschaften, durch das Hören der Musik gesucht, indem sich der Körper in sich wiederholenden Kreisen dreht. Dies ist eine symbolische Nachahmung und stellt die Bewegung der Himmelskörper dar. Ganz so wie die Sterne und die Planeten um die Sonne kreisen, drehen sich die Derwische gegen den Uhrzeigersinn, sowohl um sich selbst und um den Kreis.
Der Tanz der Derwische wurde von Dschellaladin Rumi, einem persischen Dichter als Meditationstanz entdeckt. Seine Schüler drehten sich hingebungsvoll um ihre eigene Achse und sanken so in den Raum der Wachsamkeit.
Auch heute noch wird der Tanz der Derwische praktiziert. Dabei dreht sich der Sufitänzer zunächst mit gekreuzten Armen, dann allmählich öffnet er seine Arme und hält dabei die rechte Hand nach oben und den linken Arm nach unten.

Eine Hand ist zum Himmel hin geöffnet, die andere zur Erde. Während des Drehens sehen die Augen des Tänzers auf die Finger seiner rechten Hand. Durch das Drehen wird ein Zustand innerer Ruhe durch die Bewegung im Außen gefunden. Damit offenbart sich dem Derwisch das Leben als ein Leben des Herzens. Er lernt loszulassen statt gedanklich an etwas festzuhalten, ganz einfach, indem man sich dreht. So wird sein Ego geläutert und er wird zu einem transparenten Gefäß, welches sich mit dem göttlichen Licht der Spiritualität füllt. Über diese Meditation, werden die göttlichen Segnungen ausgesendet und durchdringen so als Schwingungen den Weltraum im Gedenken an die allumfassenden, göttlichen Emanationen. Durch die stillen Gesänge der 99 heiligen Namen Gottes, Allahs, werden die Herzen aller beim Tanz Anwesenden angerufen. Es ist wie das Eintauchen in einen Fluss der göttlichen Liebe, der zu einem Strom anschwillt und das Herz in Freude wiegt. Das Herz wird so zum Zentrum der Liebe zur Welt. Es wird das Herz der Liebe im eigenen Dasein.