Sufismus

Der älteste Sufi Anatoliens

von S. Levent Oezkan

Hadschi Bektasch Veli - ewigeweisheit.de

Hadschi Bektasch Veli war ein direkter Nachfahre des islamischen Propheten Mohammed (as). Vielen gilt er heute als Begründer des Alevitischen Glaubens. Als weiser Sufi führte er einst in Anatolien seine Anhänger zu einer außergewöhnlichen Mystik und verhalf so vielen unter ihnen, zur Erkenntnis ihres wahren Lebensweges.

Imam Ali ibn Abi Talib (600-661), kurz »Hazret Ali«, der vierte rechtgeleitete Kalif des Islam, Vetter und Schwiegersohn Mohammeds (as): Ihn verehren die Aleviten als »Freund Gottes« und als den ersten der zwölf Imame, der laut schiitischer und alevitischer Doktrin, direkt vom Propheten Mohammed (as) eingesetzt wurde.

In der spirituellen Ahnenreihe Alis, der Goldene Kette der Kraftübertragung (arabisch: Silsila), formte Hadschi Bektasch das 16. Glied. Die Aleviten verehren ihn bis heute, als ihren wichtigsten Heiligen. Ihnen gilt er als »Pir« (alt-persischer Ehrentitel), als spiritueller Meister. Manche sehen ihn gar als ihren Schutzheiligen, dessen Weisheiten, Werke und Lehren, auch über seinen Tod hinaus wirksam bleiben.

Sein Beinahme »Veli« ist ein islamischer Ehrentitel, der soviel bedeutet wie »Patron« oder »Verbündeter«. Das vorangestellte »Hadschi« aber ist ein muslimischer Titel für einen Menschen, der die Pilgerfahrt nach Mekka vollzogen hat – die Hadsch.

Das Leben Bektaschs

Nur spärliche Hinweise findet man heute über das Leben Hadschi Bektasch Velis. Er lebte in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Auch wenn über sein genaues Geburtsjahr Uneinigkeit herrscht, gehen viele davon aus, dass er im chorasanischen Nischapur (im heutigen Iran) zur Welt kam, im Jahre 1210. Um 1270 soll er verstorben sein, in der Provinz Nevşehir, in einem Dorf namens »Suluca Karahöyük« (deutsch: Saftiger Schwarzer Hügel), der heutigen Kleinstadt Hacıbektaş, der man nach seinem Tod seinen Namen gab.

In dieser Stadt in Kappadokien befindet sich sein Mausoleum, zu dem jährlich tausende Aleviten pilgern, aus verschiedenen Provinzen der Türkei und aus dem Ausland – insbesondere am 16. August, dem Tag an dem man ihm in Hacıbektaş gedenkt.

Reise nach Westen

Bektasch war der Sohn des Ibrahim Sadi Bey, einem angesehenen Gelehrten und einem Stammesoberhaupt (türkischer Ehrentitel: »Bey«). In seiner Jugend erhielt er eine besondere Ausbildung, in deren Zentrum der mystische Islam stand. Man unterrichtete ihn jedoch auch in Philosophie, sowie in den Sozial- und Naturwissenschaften.

Bektasch war Mitglied der Yesevi-Bruderschaft, einem Sufi-Orden, der auf Hodscha Ahmed Yesevi (1103-1166) zurückgeht, welcher selbst ein direkter Nachfahre des Kalifen Ali gewesen war. Während der mongolischen Invasion Khorasans aber, wanderte Bektasch in Begleitung seines Bruders Mentes aus nach Anatolien.

Dort sollte Bektasch, mit seiner außergewöhnlichen Menschenliebe und Weisheit, auf viele Bewunderer treffen. Ihnen leistete er Hilfe in Seelenfragen und zeigte ihnen Wege, um zu sich selbst zu finden und dabei das eigene Leben zu verbessern – zum Wohle der Gemeinschaft.

In den folgenden Jahren erhielt er wegen seiner weisen Lehren regen Zulauf. So kam es, das dort, in dem kleinen Dorf Suluca Karahöyük (heute also Hacıbektaş), ein geistiges Zentrum entstand, wo Hadschi Bektasch seine Lehre unterrichtete. Diese spirituelle Begegnungsstätte glich einem Kloster, wo sich Schüler zahlreich um ihn scharten. Unter den ersten seiner Anhänger zählten Angehörige der turkmenischen Nomadenstämme, die sich in dieser Region niedergelassen hatten. Manche von Bektaschs Schülern wurden zu Wanderderwischen, die seine Sufi-Weisheiten und spirituellen Lehren in die Dörfer und Städte Anatoliens brachten.

Die Abhandlungen

Das Herz ist das Fenster zum Herrscher der Welten. Zwischen Allah und allen Dingen ist ein Schleier, aber zwischen Allah und dem Herzen des Menschen gibt es keinen.

Das Herz ist wie die Kaaba (in Mekka). Derjenige, der die Kaaba besuchen möchte, der mit dem Herzen dorthin läuft, sollte sich dort in Niederwerfung hinbegeben. Aus diesem Grund werfen sich die Liebenden mit dem Gesicht zur Erde nieder. Diejenigen, die die Kaaba besuchen, brauchen einen Führer. Der Koran ist ihr Reisebegleiter. Aber der Reisebegleiter derjenigen, die mit dem Herzen dorthin reisen, ist niemand anderes als Allah. Was Liebe genannt wird, das ist allein das göttliche Feuer Allahs, und die Stelle, an dem dieses Feuers brennt, ist das Herz derer, die angekommen sind.

- Aus den Makalat

Zu den Wanderderwischen des Bektaschi-Ordens zählte der türkische Mystiker Yunus Emre (1240-1321), der heute zu den wegweisenden Volksdichtern der osmanisch-türkischen Sprachtradition zählt. In unzähligen Gedichten hielt er die Lehren Bektaschis fest, die ihm aus dem inneren Kreis des Ordens vermittelt wurden.

Wie aus Hadschi Bektasch Velis Schrift – »Abhandlungen« (arabisch: Makalat) – hervorgeht, zählte wohl auch der persische Dichter und Wanderprediger Schams-i Tabrizi († um 1248) zu seinen Schülern. Er nennt ihn darin einen Suchenden, der schließlich in der türkischen Stadt Konya fündig werden würde. Und tatsächlich begegnete Schams dort seinem Schüler Dschalal ad-Din Rumi (1207-1273). Es war Tabrizi, der Rumi zu seinen mystischen Gedichten inspirierte, die heute in aller Welt bekannt sind.

Dass sich Hadschi Bektasch Velis Lehren, in einem so großen Schülerkreis verbreiteten, war der nicht unbedeutende Tatsache geschuldet, dass er im Gegensatz zu anderen Gelehrten seiner Zeit, nicht arabisch sondern türkisch gesprochen hatte. Was damals an mystischer Dichtung bekannt war, hatten die Weisen von einst, nur in persischer oder arabischer Sprache verfasst. Gewiss trug Bektaschs Wirken also ganz wesentlich dazu bei, dass sich das Türkische zur Kultsprache Anatoliens entwickeln sollte.

Neben den Makalat und der Schrift »Vilayetname«, auf die wir später noch eingehen werden, existiert heute eine Sammlung berühmter Erkenntnisse Bektaschs. Hiervon seien im Folgenden einige seiner Aphorismen erzählt:

Ohne zu wissen, führt das Ende des Weges in die Dunkelheit.

Glücklich ist, wer die Gedankenfinsternis erhellt.

Der Verstand sitzt im Kopf, nicht in der Krone.

Wer sich selbst nicht kennt, kann den Schöpfer nicht erkennen.

Was Du suchst, findest Du in Dir selbst, nicht in Jerusalem, nicht in Mekka.

Da ist ein Vorhang zwischen Gott und dem Herzen.

Betet nicht mit den Knien, sondern mit dem Herzen.

Rituelle Gebete machen keinen Menschen besser.

Taten zählen, nicht die Worte.

Was deine Seele quält, das tue niemanden an.

Halte rein deine Hände, deine Zunge, deine Lenden.

Lass uns eins sein, groß sein, lebendig sein.

Ermöglicht den Frauen eine gute Bildung.

Es gibt kein Gegeneinander von Gott und Mensch, sondern ein Miteinander in tiefer Verbundenheit.

Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch.

Gerechtigkeit bedeutet, Gott in all seinem Handeln zu erkennen.

Gute Menschen sind gut, unabhängig von Sprache, Religion oder Hautfarbe.

Das größte Wunder ist die Arbeit.

Diejenigen, die ohne Arbeit leben, sind nicht von uns.

Ein arbeitender Mensch denkt nicht böse.

Wissenschaft beginnt in der Wiege und endet im Grab.

Den Tod zu erreichen erfordert Geduld.

Schrein des Hadschi Bektasch Veli im Mausoleum von Hacıbektaş - ewigeweisheit.de

Schrein des Hadschi Bektasch Veli im Mausoleum in Hacıbektaş (Kappadokien, Türkei).

Die Bektaschi-Bruderschaft

Im Alevitentum fungierte Hadschi Bektasch Veli als Großmeister. Er half den Angehörigen dieser Konfession des Islam, als Bereiter eines Weges, der versucht den Suchenden zu vollkommenem Menschsein zu führen und ihn damit entsprechend zu einem »Insan Al-Kamil« zu machen. Manche nennen ihn daher einen »Brunnen der Erkenntnis« oder auch der »Erkenntnis Zenith«.

Später sollte er in Gebeten sogar als Heiliger verehrt werden. Wegen solch großer Wirkung auf seine Schüler, Gefolgsleute, wie auch spätere Bewunderer seiner Weisheit, gruppierte sich innerhalb des Alevitentums eine sufistische Ordensgemeinschaft: Die Bektaschi-Tariqa .

Bis heute ist die Tariqa (ein arabisches Wort für den spiritueller Weg den ein Sufis geht) der Bektaschis einer der einflussreichsten islamisch-alevitischen Derwischorden. Man trifft seine Mitglieder in Anatolien, doch insbesondere auch auf dem Balkan.

Da Hadschi Bektasch Veli selbst keinen Orden gegründet hatte, rief dazu auf, etwa 200 Jahre später, der Sohn einer serbisch-bulgarischen Prinzessin: Balım Sultan (1457-1517). Er war ein Derwisch der im damals osmanischen Dimetoka (heute Didymoticho, Griechenland) geboren wurde. Weil die ersten Mitglieder dieses Ordens vornehmlich Aleviten gewesen waren, gilt die Bektaschi-Tariqa, als eine Art Sufi-Weg des Alevitentums. Da aber bereits die Angehörigen alevitischer Konfession einer inneren Tradition folgen, nehmen die Bektaschis damit eine echte Sonderstellung ein im Kreise anderer Derwisch-Gemeinschaften.

Oberhaupt des Bektaschi-Ordens ist der Dede (auch: Dedebaba, deutsch: Großvater). Den nächsten Rang nimmt der Halifebaba ein, unter dessen Rang der Baba (deutsch: Vater) steht. Letzterer hat die Aufgabe als Prediger (Hodscha) und Seelsorger, sich um die Ordensmitglieder zu kümmern. Die mittlere Station ist die des Derwisch. Er kann wie der Baba verheiratet sein oder ein zölibatäres Leben führen. Am Ende der Hierarchie steht das initiierte Mitglied, der Muhib (deutsch: Liebender).

Die spirituelle Praxis der Bektaschi

Was im Orden der Bektaschi an religiösen Ritualen vollzogen wird, weicht von der islamischen Orthodoxie ab. So ist ihr Gebet etwa nicht an bestimmte Tageszeiten gebunden (wie die fünf traditionellen, am Sonnenstand ausgerichteten Gebete) und es ertönt auch kein Ezan (deutsch: Gebetsruf), um die Andacht anzukündigen. Vielmehr konzentriert man sich auf bestimmte Stunden am Abend, in denen die Arbeit ruht und die Gläubigen sich in kontemplativer Hingabe den Zeremonien des »Cem« (gesprochen: Dschem; ein aus dem Arabischen entlehntes Wort für die Versammlung) geistig öffnen können.

In diesem Ritus werden die Gläubigen durch Musik und gesungene Rezitation, in Begleitung der Saz (ein typisches Saiteninstrument), in die mystische Stimmung einer »Eins-Werdung« versetzt, in der alle Teilnehmer unterschiedslos und gemeinsam ihre Hände dem Schöpfer entgegenstrecken (genannt »El ele ve el hakka«, zu deutsch: Die Hand hingegeben der Hand, und die Hand der Gerechtigkeit Gottes übergeben).

In ihre spirituelle Praxis übernahmen die Bektaschi einen rituellen Tanz der Aleviten: Semah. Dieser Tanz steht für den physisch-geistigen Ausdruck der ewigen Wiederkehr allen Seins in der Schöpfung. Um sich dieser Wahrheit bewusst zu werden, drehen sich Frauen und Männer gemeinsam, in einem besonderen Tanz im Kreis (wie er ja auch bei den Derwischen Konyas getanzt wird), um damit symbolisch auf den Umlauf der Gestirne hinzudeuten – in gewissem Sinne also eine hermetische Entsprechung makrokosmischer Zyklen, die im Sein des Mikrokosmos eines Menschen, auf diese Weise mystisch nachempfunden werden.

Der Humor der Bektaschi

Der Zugang der heutigen Bektaschis zu Religion ist ein »Innerer«, wo man Frömmelei und Konservatismus nur wenig abgewinnt. Und das war wohl auch schon in den vergangenen Jahrhunderten so, wenn auch keiner behaupten würde, dass das, Hadschi Bektasch Veli selbst so formuliert hätte. Das seine Sicht auf das hier angedeutete Thema aber wohl ähnlich gewesen sein dürfte, dass wohl lässt sich leicht schließen, aus seiner offenen Haltung gegenüber seinen Mitmenschen.

Hieraus entstand das, was man heute als »Bektaschi-Witze« erzählt, wobei wohl viele davon nicht von den Bektaschi selbst ausgedacht wurden, sondern andere über sie erzählen. Einige davon zeigen aber die Macht die »spiritueller Humor« zu vermitteln vermag.

Am Anfang seiner Laufbahn, entschloss sich der neue Provinz-Gouverneur ein Gefängnis zu besuchen. Gemeinsam mit dem Oberwächter besuchte er darin jeden Insassen in seiner Zelle. Schnell kam er da zum Punkt und fragte: »Wieso wurden Sie inhaftiert?«

Fast jeder von ihnen antwortete, er sei vollkommen ahnungslos hier eingesperrt worden, da ihn jemand verleumdet hatte und man ihn dann unschuldig hinter Gitter brachte.

Doch da war auch ein Bektaschi, der in diesem Gefängnis als Häftling einsaß. Als auch ihn der Gouverneur auf sein Verschulden hin ansprach, erhielt er als Antwort: »Es war mein Fehler, und ganz sicher bin ich schuldig. Ich beging die Tat, da ich mich nicht unter Kontrolle hatte.«

Der Gouverneur befahl dem Wächter ihn sofort freizulassen und sagte: »Gebt diesem Burschen sofort die Freiheit, sonst wird er vielleicht noch alle anderen dazu bringen, ihre Schuld einzugestehen!«

Niemals käme ein Bektaschi auf die Idee, einen Menschen, den er für einen Scheinfrommen hält, mit Worten zu demütigen oder gar zu verletzen. Eher noch würde er sich über sich selbst und seine eigene Fehlbarkeit lustig machen.

Es war einmal, da wandelte ein Dede der Bektaschi-Derwische die Straße hinunter. Auf seinem Weg hielt ihn da ein Mann fest und stellte ihm diese Frage: »Sag mir Dede: Existiert Allah wirklich?«

Etwas verblüfft über diese Frage antwortete der: »Natürlich gibt es Allah!«

»Warum aber bist Du Dir da so sicher?« antwortete der Mann.

Worauf der Dede entgegnete: »Schau, ich bin achtzig Jahre alt, und seit achtzig Jahren rede ich mit Ihm und wie immer hat er das letzte Wort.«

Es kann passieren, das einer, der nur das Äußere seiner Religion sieht und einzuhalten versucht, von einem Bektaschi ganz humorvoll kritisiert wird. Zu eben solch einer Pointe findet die folgende Bektaschi-Erzählung, über die fünf Säulen des Islam:

Eines Tages kam es zu einem Streit, zwischen einem Hodscha (einem islamischen Religionslehrer) und einem Bektaschi-Derwisch. Der Hodscha fragte den Mann: »Wieviele Säulen des Islam gibt es?” worauf der Derwisch antwortete: »Es gibt nur eine!«

Darauf wurde der Hodscha böse und rief: »Hah! Nicht einmal kennst du die Säulen des Islam und prahlst damit ein Derwisch zu sein!«

»Moment mal, lass mich erklären, wie ich das meine,« antwortete der Bektaschi und fuhr fort: »Weißt Du, mir fiel in letzter Zeit auf, dass ihr Sunniten (die der normalen Tradition Folgenden Muslime) die Hadsch (Pilgerfahrt nach Mekka) unterlasst und auch keine Zakat (Almosensteuer) zahlt. Nun, nicht alle von uns Bektaschis fasten im Monat Ramadan und die meisten von uns beten nicht einmal das Namaz (Pflichtgebet). Aber mal unter uns: Was bleibt da von den fünf Säulen des Islam noch übrig, als die Schahada (das Glaubensbekenntnis)?«

Und es ist eben die Schahada, mit der ein Muslim seinen Glauben bezeugt, indem er feierlich bekundet, dass es nur einen einzigen Gott gibt und dieser ist Allah.

Mausoleum von Hacıbektaş - ewigeweisheit.de

Eingang zum Mausoleum in Hacıbektaş (Kappadokien, Türkei).

Aus dem Vilayetname

Nach dem Tod Hadschi Bektasch Velis entstand das Vilayetname, ein Schriftwerk, in dem man die Legenden über sein Leben, lange nach seinem Tod niedergeschrieben hatte (entstanden etwa im 15. Jahrhundert).

In diesem Werk finden sich Details aus der Gründungszeit des Osmanischen Reiches (um 1299). Man liest darin von der Freundschaft Bektaschs zu Orhan Gazi, dem Sohn des Gründers der Osmanischen Dynastie und späterem Sultan des Osmanischen Reiches. Auch über seine Beziehungen zu Ahmet Yesevi ist darin die Rede, dem bereits oben erwähnten Sufi-Dichter und Gründer der Yesevi-Tariqa (einer Sufi-Bruderschaft).

Die im Vilayetname behandelten historischen Erzählungen, haben ihren Ursprung wahrscheinlich an verschiedenen Orten des Orient, die über die riesigen Regionen Zentralasiens, des Kaukasus, Anatoliens und des Balkans verstreut sind. Über Jahrhunderte gehörte das Vilayetname zu einer vielgelesenen Schrift der Anhänger Hadschi Bektaschs. Man findet darin die Beschreibung mehrerer Wunderereignisse, die einem der Hauptprotagonisten darin mit Bektasch widerfuhren: Seinem Lehrer Lokman Perende. Eine der Erzählungen aus dem Vilayetname soll dazu im Folgenden wiedergegeben sein.

Nachdem Lokman Perende von der Hadsch zurückgekehrt war, kamen die Erenler (die Heiligen) aus Khorasan, um ihm ihre Aufwartung zu gebieten. Als sie eine Quelle sahen, die in der Mitte des Mekteb (Schulanwesen) sprudelte, sagten sie: »Schon oft sind wir hier gewesen, doch haben noch nie eine solche Quelle hier gesehen.«

Lokman Perende antwortete: »Sie entstand durch den Segen von Hadschi Bektasch.«

Die Erenler fragten: »Wer ist dieser Hadschi Bektasch?«

Lokman Perende sagte: »Hadschi Bektasch Hunkar ist dieser Geliebte", und zeigte auf den jungen Bektasch.

Da sprachen die Erenler: »Der ist doch noch ein Kind. Wie um alles in der Welt könnte er ein Hadsch (einer der die Pilgerfahrt nach Mekka vollzog) werden?«

Lokman Perende beschrieb den Anwesenden alle Wunder von Hadschi Bektasch, eines nach dem anderen. Dann sprach er zu ihnen: »Während ich mein Gebet in der Kaaba verrichtete, war Bektasch immer da und betete neben mir. Wenn wir unser Gebet beendet hatten, war er auf einmal verschwunden.«

Die Erenler fragten: »Woher hat dieser Junge denn solch außergewöhnliche Fähigkeiten?«

Da öffnete Hadschi Bektasch seinen gesegneten Mund und sagte: »Ich bin das Geheimnis des erhabenen Imam Ali, der der Spender des Al-Kauthar ist (eines Flusses im Paradies) und der der Löwe Allahs ist, der Herrscher der Heiligkeit und der Befehlshaber der Gläubigen. Von ihm stammen meine Herkunft und mein Stammbaum ab. Diese vielen Wunder, sind das mir von Allah gewährte Geheimnis. Es sollte niemanden überraschen, dass solche Wunder von mir ausgehen, denn in ihm wirkt die Macht Allahs.«

Das Smaragdene Mal - ewigeweisheit.de

Die Erenler von Khorasan sagten: »Wenn du in Wirklichkeit das Geheimnis des Schahs (des Hazret Ali) bist, hat er besondere Zeichen. Zeig uns diese Zeichen, und wir werden glauben.«

Da sprach er zu ihnen: »Das Zeichen von Hazret Ali war dieses: In der Mitte seiner gesegneten Hand hatte er ein wunderschönes, smaragdfarbenes Mal.«

Hadschi Bektasch Veli öffnete darauf seine gesegnete Hand und zeigte ihnen seine Handfläche. Alle sahen, dass sich in der Mitte seiner Handfläche ein strahlendes, smaragdgrünes Mal befand.

Da sagten die Erenler: »Der Befehlshaber der Gläubigen hatte auch ein schönes Smaragdmal auf seiner gesegneten Stirn.«

Hadschi Bektasch nahm seien Kopfbedeckung von seinem Haupt und alle sahen ein göttlich leuchtendes, smaragdfarbenes Mal zwischen seinen Brauen. Alle Erenler baten um Vergebung und sagten: »O Derwisch der Derwische, wir haben uns schwer getäuscht.« Sie ergaben sich ihm und beteuerten: »Dies sind tatsächlich Wunder.«


 

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Nicht sorgen. Froh sein!

von S. Levent Oezkan

Meher Baba - ewigeweisheit.de

Der indische Mystiker und Guru Meher Baba sagte einst über sich, er sei der Avatar, der sich vor ihm auf Erden inkarnierte – als Rama, Krishna, Zarathustra, Buddha, Jesus und Mohammed. Ob er es wirklich war, darüber wüsste wohl nur selbst ein Avatar zu urteilen.

Wer sich seine Geschichte und die Art seiner Erscheinung genauer ansieht, erkennt schnell, dass es sich bei Meher Baba keineswegs nur um einen Verrückten handelte.

Auch wenn er im deutschsprachigen Raum kaum bekannt ist, spielte er im 20. Jahrhundert, für viele Menschen als universaler Weltlehrer eine bedeutende Rolle. Fast überall auf der Welt hatte er Anhänger, die an seinen Darshans (sanskr. "Zusammentreffen") sich zu Zehntausenden versammelten, um seine Erweckungsverheißungen zu empfangen.

Nach einem Besuch 1932 in den Vereinigten Staaten, schrieben verschiedene Journalisten Artikel über ihn. Selbst im Time Magazine erschienen seine Verkündungen.

Wer war Meher Baba?

All die vielen Gurus von denen man im vergangenen Jahrhundert Nachricht bekam: War Meher Baba nur noch ein weiterer unter ihnen? Oder war er tatsächlich ein wiedergekehrter Heiland, ein herabgestiegener Avatar, der Menschen die Liebe zu Gott lehrte?

Eigenartig dürfte einem vorkommen, dass dieser Guru Meher Baba die längste Zeit seines Lebens nicht sprach! Alle Weisheitslehrer, stellten ihre Aussprachen ja in den Mittelpunkt der Vermittlung ihrer Lehre, was für die oben genannten Avataras ja auch zutraf (wobei der islamische Prophet Mohammed als Analphabet eine gewisse Ausnahmerolle einnimmt). Meher Baba aber sagte, was er zu sagen hatte durch Schweigen.

Wie aber soll das gehen? Schließlich hatte er weltweit mehr als eine Million Verehrer und das erst nachdem er 1925 beschloss, kein einziges Wort mehr zu sprechen. Er schwieg über 44 Jahre bis zu seinem Tod im Jahre 1969. Für die Kommunikation verwendete er zuerst eine Buchstabentafel, auf dem er seinem Gegenüber mit dem Zeigefinger Wörter zeigte. Ab 1954 verwendete er eine eigene Gebärdensprache, die durch einen Sprachmittler dann ausgesprochen wurde.

Auf dem Weg

Ursprünglich kam dieser eigenartige und doch ebenso besondere Mensch, aus der indischen Stadt Puna, wo er 1894 in eine zoroastrische Familie als Merwan Sheriar Irani geboren wurde. Er besuchte in Puna die Highschool und später ein College.

Hazrat Babajan – ewigeweisheit.de

Die heilige Hazrat Babajan (um 1800-1931): Eine Qutub – wie die Sufis sagen,- eine Frau die Vollkommenheit erlangte (arab. Al-Insan Al-Kamil).

Eines Tages nun, das war im Jahre 1914 und Merwan war bereits ein junger Mann, fuhr er mit seinem Fahrrad von der Schule nachhause. Da passierte er eine ältere Frau, die da unweit des Fahrradweges saß, unter einem Baum, umgeben von einigen ihrer Schüler. Man nannte sie Hazrat Babajan.

Als sie den jungen Merwan dort auf dem Fahrrad zu ihr hinüberblicken sah, rief sie ihm zu – eine besondere Frau; selbst ein Sufi, von der ihre Verehrer sagen, dass sie 133 Jahre alt geworden wäre (gesichtert ist ein Lebensalter von über 100 Jahren). Sie schien den Jungen erkannt zu haben, als den kommenden Avatara (sankr. für den [vom Himmel] "Herabgestiegenden", etwa synonym mit dem griechischen Wort "Christos" oder dem hebräischen "Meschiach").

Ab diesem Tag besuchte der junge Merwan immer wieder Babajan und wurde ihr Schüler. Eines Tages aber war es an der Zeit: Als Merwan die Hand der Sufi-Meisterin küsste, nahm sie sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihm auf die Stirn. Ihre Jünger aber ließ sie wissen:

Dies ist mein geliebter Sohn [...] Eines Tages wird er die Welt bewegen, was der gesamten Menschheit zu Gute kommen wird.

Nach dieser letzten Begegnung mit Hazrat Babajan, erfuhr der junge Merwan die vollkommen erfüllende Erfahrung innerer Gotterkenntnis. Nur war mit diesem vollkommen unerwarteten Erlebnis, dem Jungen leider nicht mehr möglich, in seiner bisherigen Welt wie gewohnt zu leben. Er funktionierte von da an mehr als Automat, denn als Mensch und kein Arzt konnte ihm helfen. Über neun Monate hinweg war sein Körper ohne Wahrnehmung und auch seine Umwelt, schien sich seinem Empfinden zu entziehen.

Eines Tages aber verspürte er in sich einen Ruf, der ihm suggerierte sich nun auf die Suche nach einem spirituellen Meister zu machen. Da traf er auf den berühmten Yogi und Fakir Sai Baba von Shirdi (1838-1918). Der erkannte den jungen Merwan, als den kommenden Avatar und sandte ihn zu seinem wichtigsten Schüler, der selbst ein Guru war: Upasni Maharaj von Sakori (1870-1941).

Als der junge Merwan zu diesem kam und Guru Upasni seine eigenartige Orientierungslosigkeit bemerkte, warf er ihm einen Stein an den Kopf, genau an die Stelle, an den ihn zuvor die Sufi-Meisterin Babajan geküsst hatte. Durch dieses, zwar recht brutal erscheinende Ereignis, aber sollte der junge Mann tatsächlich wieder zu seinem Bewusstsein finden. Die folgenden sechs Jahre blieb Merwan bei Guru Upasni, der ihm da half, sein normales Leben wiederzuerlangen.

Als der Erwecker der Menschen

In dieser Zeit aber auch, wurde ihm gewahr, dass er sich in seinem Bewusstsein in einer Welt der Gegensätze befand, worin seine eigene Göttlichkeit und die aller anderen Menschen wirkt. Jeder der ihn auch zuvor schon kannte, verspürte die Verwandlung die Merwan da durchlaufen hatte, die aber auf sie eine magnetische Anziehungskraft ausübte, so dass sie ihm als seine ersten Jünger folgten. Andere kamen durch die Sufi-Meisterin Babajan zu ihm.

Jene die ihm folgten, waren in ihrer religiösen Bekenntnis durchaus verschiedenen Glaubens: darunter Christen, Hindus und Muslime. Sie nannten sich "Mandali" und bildeten den Kreis seiner Jünger (daher auch der Name, abgeleitet aus dem sanskr. "Mandala", der Kreis).

Einer seiner Jünger (Sayyed Saheb) schlug vor, Merwan von nun an als "Meher Baba" anzusprechen: Barmherziger Vater.

Andere nannten ihn auch schlicht den "Erwecker".

Mit seinen ersten Jüngern gründete er – nach 10 Monaten intensiver Arbeit – im indischen Mumbai einen Ashram (1922), den er "Manzil-e-Meem" taufte: "Das Haus des Meisters". Alle die sich damals um ihn begaben, unterzog Meher Baba einer strikten Diät und verschiedenen körperlichen und geistigen Yoga-Übungen. Auch verschiedene Meditationen gehörten zu dem dort täglichen Ablauf.

Aber schon nach diesen 10 Monaten schloss Meher Baba den Ashram wieder, damit er sich mit seinen Jüngern auf eine Reise begab, die sie durch Indien (zu Britisch Indien zählte damals auch das heutige Pakistan) und auch den Osten des Iran führte.

Die Herzen öffnen

Meher Babas Flagge – ewigeweisheit.de

Die Flagge von Meherabad (ähnlich der heute gängigen Regenbogenfahne, die weltweit die Stimmung für Aufbruch, Veränderung und Frieden symbolisiert).

1923 ließen sich Meher Baba und seine Anhänger schließlich nieder im indischen Distrikt Ahmednagar (etwa 200 km östlich von Mumbai), wo sie eine kleine Siedlung gründeten: Meherabad. Fünfhundert Menschen sollten dort dann leben, die aus verschiedenen indischen Kasten und Religionen stammten. Meher Baba arbeitete beim Aufbau der Siedlung selbst mit, kümmerte sich um die Menschen und ihre Kinder dort. Selbst half er regelmäßig die Latrinen zu säubern.

Am 29. Juli 1925 ließ er dann verlautbaren, dass er ab nun nicht mehr sprechen werde. Von da an äußerte er bis zu seinem Lebensende kein einziges Wort mehr. Er signalisierte auch damit seinen Anhängern, dass alles Wahre nur in Stille übergeben und auch empfangen werde. Diese Stille sollte zu Meher Babas universaler Arbeit werden. Zehntausende Verehrer kamen in den folgenden Jahren zu ihm, um von ihm gesegnet zu werden.

Ab 1931 begann er große Reisen, meist inkognito. Über 20 Jahre war er von da an unterwegs, in Afrika, Nordamerika, Europa und dem Mittleren Osten. Da wollte er seine innere Arbeit des Erwachens verbreiten, wobei im Mittelpunkt seiner Lehre die Liebe zu Gott stand.

In der Paramaount Newsreel, einer Londoner Kinowochenschau der 30er-Jahre, ließ er 1932 durch den britischen Autor Charles Benjamin Purdom (1883-1965) verkünden:

Damit, dass ich in den Westen komme, will ich keineswegs erzielen einen neuen Glauben oder eine neue spirituelle Gesellschaften und Organisationen zu gründen. Vielmehr will ich den Menschen ihre Religion näher bringen, in ihrer wahren Bedeutung. Wahre Religion besteht darin, eine Geisteshaltung zu entwickeln, die letztendlich dazu führen sollte, dass im ganzen Universum die Eine Unendliche Existenz herrscht. [...] Die Struktur aller großen und anerkannten Religionen und Glaubensrichtungen der Welt, scheint mir ins Wanken geraten zu sein. [...] Ich beabsichtige, alle Religionen und Glaubenskulte wie Perlen an einer Schnur zusammenzuführen und sie für (jeden Menschen als) individuelle und kollektive Bedürfnisse zu revitalisieren. Das ist meine Mission im Westen.

Meher Baba wollte damit die Menschen dazu führen, ihre Geistigen Herzen zu öffnen, da aller Glaube, alle Gebete und Meditationen nur dann ihren Sinn erzielen. Erst damit könne eine allmähliche Realisierung des Göttlichen erfolgen, in der jeder als seinen Lebenssinn erkennt:

Ich bin eins mit Gott.

Seelentropfen

Diesen Gott verglich Meher Baba mit einem unendlichen Ozean der Macht, des Wissens und unbegrenzter Glückseligkeit. Wenn da nun aber die Rede ist von Gott, als solch Ozean, wusste dieser zu Anfangs nicht, dass er Gott sei. Darin erst sollte etwas als ursprüngliches Verlangen entstehen, damit er sich als Gott erkennen sollte. Hieraus entstanden ein unendlicher Raum und eine unendliche Kraft, die in ihrem Zusammenwirken den Beginn der Schöpfung einleiteten.

Beginn der Schöpfung – ewigeweisheit.de

Dieser unendliche Ozean aber, setzte sich, gemäß Meher Baba, zusammen aus unendlich vielen individuellen Tröpfchen. Hieraus sollten sich dereinst die individuellen Seelen manifestieren und auf die Erde fallen, um in den Herzen der dort geborenen Menschen, erhalten zu bleiben.

Jeder dieser Seelentropfen empfindet sich als getrennt von dem Seelenozean und verschafft sich Geltung, als eben dieser Seelentropfen.

Weniger aber identifizieren sich die Seelen, als ein aus dem unendlichen, göttlichen Ozean stammenden Tropfen. Eher neigen sie dazu sich mit verschiedenen Formen zu identifizieren. Im Laufe ihrer Entwicklung auf dem Planeten Erde, verkörperten sich die Seelen darum. Im Laufe der Evolution aber verfeinerten sie sich. Laut Meher Baba ging damit einher eine Entwicklung des Bewusstseins, wo die Form jedoch dem Bewusstsein folgte (im Gegenteil zur Lehre Charles Darwins, für den da zuerst die materielle Form die Gegebenheiten schuf, aus der sich entsprechend das Bewusstsein bildete).

Diese Evolution unterteilte Meher Baba in diese Entwicklungsschritte:

  • Mineralien (noch vollkommen unbewusst)
  • Metalle
  • Pflanzen
  • Würmer und Kriechtiere
  • Fische
  • Vögel
  • Säugetiere
  • Mensch (voll bewusst)

Sobald sich die Seelen in den Menschen in ihrem Bewusstsein voll entwickelt hatten, reinkarnierten sie immer wieder (auch heute noch), um notwendige Erfahrungen zu machen, die sie eben nur auf dem Planeten Erde erlangen können. Während die Seele nur ein einziges ewiges Leben besitzt, werden ihr immer wieder neue Körper als Fahrzeuge geboren, worin sie ihre notwendigen Erfahrungen macht (wie auch im Buddhismus von Fahrzeugen als den "Yanas" die Rede ist, in den Formen von Hinayana, Mahayana und Vajrayana).

In diesen immer neuen Wiederverkörperungen auf Erden, erweitert sich das Bewusstsein der Seele immer und immer mehr. Solange sich die Seele aber noch mit ihrer Inkarnation identifiziert – und dabei glaubt "Ich bin mein Körper" – geht damit einher eine Vorstellung von Getrenntheit. Sie wird durch das menschliche Ego aufrechterhalten, das seine Ichheit eben als getrennt von den anderen empfindet.

Karma oder: Jede Handlung hat eine Folge

Meher Baba erklärte, dass Karma das spirituelle Gesetz von Ursache und Wirkung ist. Darin schafft die Erfahrung jedweder Wirkung ein Verlangen danach, ihr Gegenteil ebenso zu erfahren.

Grob gesagt gibt es zwei Arten von Karma: Das, welches bindet und das, was zur Emanzipation und Selbstverwirklichung beiträgt. Sowohl gutes, als auch schlechtes Karma bindet, solange noch ein falsches Verständnis den Ego-Verstand nährt. Zu einer Kraft zur Emanzipation wird Karma dann, wenn es aus dem richtigen Verständnis entspringt und so den Ego-Geist erschöpft.

- Aus Meher Babas "Discourses"

Involution

Evolution und Involution – ewigeweisheit.de

Auf der 4. Position, im oberen Teil dieses Schaubildes (INVOLUTION), deutet ein Pfeil auf "Bindeglied", dass sich befindet zwischen den (feinstofflichen) Energien und dem (mental) Intuitiven. Dieses Feld entspricht dem, wovon in der Esoterik gesprochen wird als das "Mystische Herz".

All die vielen Eindrücke in der Welt, die die Erfahrung der Seele während ihrer Evolution prägten, wurden ihr, wenn es darum geht Mensch zu sein, im Laufe kommender Inkarnationen mehr und mehr zur Last. Aus diesem Grund ermüdet das menschliche Individuum, bei all seinen vielen Runden der Wiederkehr, einem scheinbar nicht enden wollenden Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt.

Damit einher aber geht schließlich ein überwältigendes Gefühl von Unzufriedenheit, über ein scheinhaftes Dasein. Sobald dieses Gefühl in einem Menschen aufsteigt, ist das ein Zeichen dafür, dass er bereit ist für den spirituellen Pfad. Hier sprach Meher Baba von der Involution: Der Rückbildung des inkarnierten Daseins, das in seiner Wichtigkeit in den Hintergrund tritt, um dem Seelenselbst in seiner Verwirklichung damit behilflich zu sein. Somit ließe sich das, hier veranschaulichen mit dem Wort "Involution": Ein Aufstieg zurück ins Göttliche.

Durch Gotterkenntnis schließlich, wird dann die Reise des Bewusstseins der Seele abgeschlossen. Jener oben genannte "Tropfen der Seele", kehrt damit zurück zu seinem Ursprung, zurück in den Ozean des Göttlichen, um damit letzten Endes die wahrhaftige Erfahrung des "Ich-Bin-Gott"-Zustandes zu machen.

Jedes menschliche Individuum ist selbst dieser Tropfen aus dem Ozean des Göttlichen. Und dieser Tropfen beinhaltet bereits den Ozean. Solange sich der Seelentropfen dessen nicht bewusst ist und damit kein Bewusstsein für diese Realität hat, bleibt es eben ein Tropfen. Sobald da aber diese Realität erfahren wird, breitet sich aus diesem Seelentropfen ein eigener Ozean des Göttlichen aus.

Überwältigt von der Liebe zu Gott

Im Jahre 1936 begann Meher Baba seine Arbeit mit den im Orient so genannten "Mast". Es sind Personen, die von ihrer Liebe zu Gott so überwältigt sind, das sie im Außen die Orientierung verloren haben. Sie sind in einer Art Liebesrausch. Daher auch das persische Bezeichnung "Mast", was man zur Bezeichnung eines liebestrunkenen Mystikers ebenso verwendet, wie auch wortwörtlich für einen Trunkenbold oder anders berauschten Menschen.

Ursprünglich stammt diese Allegorie des Liebestrunkenen aus dem Wortschatz der Sufis. Es klingt in dem Wort Mast jedoch auch das persische "masti" an, das "überwältigt" bedeutet und auf jene oben beschriebenen Personen ja ganz und gar zutrifft, da sie kein normales Leben ohne fremde Hilfe führen können. Sie sind sich ihrer eigentlichen Körperlichkeit nicht mehr bewusst, da bei ihnen jene beschriebene Involution bereits eingesetzt hat. So also bewegen sich die Mast schon näher am Punkt der Gotterkenntnis, als "normale Menschen".

Meher Baba hatte viel Zeit mit diesen Menschen verbracht, gab ihnen zu Essen und half ihnen bei der Reinigung ihrer Körper oder dabei sich zu rasieren. Nicht ganz einfach einen Mast von einem Wahsinnigen zu unterscheiden. Das Herz eines solchen Menschen jedoch ist erfült von einer leidenschaftlich brennenden Liebe zu Gott.

Absoluter Verzicht

In dieser Zeit aber kümmerte sich Meher Baba auch um Menschen, die an einer schweren Behinderung litten, blind waren oder aber kein Geld hatten und sehr arm waren. Geld an sich spielte in Meher Babas Leben nur eine ganz nebensächliche Rolle. Sobald er es bekam, gab er es an Bedüftige weiter oder eben an die Masts.

Später verkaufte Meher Baba sogar all seine Besitztümer und die seiner Mandali – dem innersten Kreis seiner Jünger. 1949 begab er sich mit einer kleinen Gemeinschaft von 22 Mandali in ein Leben vollkommener Entsagung. Zwar bedeutete das für alle ein Leben in Hilflosigkeit – doch aber waren sie erfüllt von grenzenloser Freundlichkeit. Seine Jünger und Meher Baba vertrauten da einzig auf Gott und wanderten, sich das nötigste erbettelnd, durch ganz Indien, während sie weiterhin im Dienste der Menschen standen, Kranken und anderen Hilfsbedürftigen halfen.

Vollkommene Akzeptanz

Rambha Mastan of Kashmir – ewigeweisheit.de

Rambha Mastan von Kashmir: Einer des Masts, um die sich Meher Baba sorgte.

Gottesliebe, die einhergeht mit einem personalen Gott, gibt den Mystikern Indiens – im Sufismus, Hinduismus und Sikhismus – einen ganz klaren, spirituellen Weg vor. Dafür stand Meher Baba in seinem ganzen Auftreten, wie seine Anhänger beschrieben. Er versuchte damit alle Menschen, die ihm begegneten, ganz und gar so zu akzeptieren wie sie sind: Verkörperte Seelen, die aus dem göttlichen Ozean stammend, sich in irdische Leiber hüllen.

Liebe bedeutet auch, Leiden und Schmerz für sich selbst und ein Glück für andere. Für den Gebenden ist es Leiden ohne Bosheit oder Hass. Für den Empfangenden ist es eine Wohltat, ohne dass er sich damit zu irgendetwas verpflichtet fühlt. Liebe allein weiß, wie man gibt, ohne dabei um Gegenleistung zu feilschen. Es gibt nichts, was die Liebe nicht erreichen kann, und es gibt nichts, was die Liebe nicht opfern kann.

- Aus Meher Babas "Path of Love"

Jeder, der Meher Baba gegenübertrat, bekam durch ihn etwas ganz direkt vermittelt: Er fühlte sich sogleich in Einigkeit und Übereinstimmung mit jedem anderen menschlichen Wesen.

Anderen Menschen begeneten Meher Baba auf eine Weise, so als empfänden sie in ihm ihr eigenes Selbst, ja tiefer noch, als sie ihr eigenes Selbst je in sich empfinden könnten! Immer wieder hörte man von Menschen, die ihre Begegnung mit ihm so beschrieben. Wer diese Erfahrung aber gemacht hatte, den traf das unter Umständen, wie ein Schock.

- Don E. Stevens (1919-2011), Autor und Mandali Meher Babas

Nicht zuletzt wegen dieser außergewöhnlichen Erfahrung, die Menschen erlebten, die Meher Baba persönlich trafen, hielten ihn seine Anhänger tatsächlich auch für den gottgesandten Avatar. Auch die Tatsache, dass er, seit 1925 bis zu seinem Tod 1969, nie mehr ein Wort gesprochen hatte und später sogar allein durch einen Deuter seiner Gebärden (der ihm als Dolmetscher das mitteilte, was er für ihn übersetzt hatte) zu den Menschen sprach: Hunderttausenden Menschen hatte er in ihrem Leben geholfen – und sei es über die Texte, die seine Schüler für ihn aufzeichneten.

Er war, wie er selbst meinte, nur wegen der Liebe zu den Menschen auf Erden inkarniert. Das mag der einen oder dem anderen vielleicht etwas zu rührselig klingen. Dennoch aber wusste Meher Baba und die Menschen die mit ihm lebten, wie auch alle die sich bis heute, intensiver mit seiner einzigartigen Lehre befassen, dass er, wie jene großen Weltlehrer vor ihm, das nur auf seine Weise erfolgen ließ, mit anderem Namen und seiner ganz einzigartigen Form der Kommunikation.

Keine neue Religion!

In seiner ganzen Erscheinung sah sich Meher Baba den Menschen gegenüber verpflichtet, um sie dabei nach und nach von den Fesseln der Illusion zu befreien und ihr Bewusstsein zu erheben, gleich wie aus einer Grube der Unbewusstheit, aus den Abgründen der Ignoranz, ins Licht der Erkenntnis führend.

Und doch: Nie fühlte sich Meher Baba dazu inkarniert, eine neue Religion zu gründen und das auch dann nicht, wenn ihn im 20. Jahrhundert mehr als eine Million Menschen verehrten und auch heute noch verehren. Nicht kam er um die Menschen zu lehren, wie er selbst sagte, sondern um sie zu erwecken, aus ihrem Schlaf der Unwissenheit. Bereits damals wies Meher Baba darauf hin, dass er erscheinen werde in einer Zeit, in der sich in der Welt der Menschen Veränderungen ereignen werden, die nie zuvor dagewesen waren.

Da mag manch einer gleich an die schlimmen Ereignisse des 20. Jahrhunderts denken. Was Meher Baba jedoch vor allem meinte, war, dass neue Formen spiritueller Kräfte verfügbar sein würden, womit das Bewusstsein der Menschen auf eine neue Stufe erhoben werde. Auch deshalb sprach er von einer der Ära einer neuen Menschheit – wo die Menschen ein Gefühl des untereinander Verbundenseins empfinden werden, wo Religion und Wissenschaft nicht mehr wegen ihrer Glaubwürdigkeit konkurrierten, sondern ihre Vertreter beginnen werden zu kooperieren.

Auch lag Meher Baba fern, soetwas wie eine Religion oder Glaubensgemeinschaft zu gründen. Er ermutigte stattdessen seine Anhänger dabei, ihren eigenen Glaubensbekenntnissen zu folgen, entsprechen der Riten ihrer Tradition.

Die eigene Glückseligkeit und das Vertrauen in Gott

Gemäß dem, was Meher Baba seinen Jüngern an innerem Wissen gab, kam jemand zur Erkenntnis des Göttlichen, der in sich zum Erwachen wahrer Liebe fand. So jemand öffnete damit das unbegrenzte Feld dauerhaften und unvergänglichen Glücks.

Das Glück der Gottesverwirklichung ist das Ziel der ganzen Schöpfung. Es bleibt einem Menschen unmöglich, die leiseste Vorstellung von diesem unaussprechlichen Glück zu haben, ohne tatsächlich die Erfahrung der Göttlichkeit gemacht zu haben. Die Vorstellung, die die Weltzugewandten (Menschen) von Leiden oder Glück haben, ist völlig begrenzt. Wahres Glück, das durch die Erkenntnis Gottes entsteht, ist (selbst) alles körperliche und geistige Leiden im Universum wert. Dann (erst) ist alles Leiden so, als wäre es nie dagewesen.

- Aus Meher Babas "Discourses"

Unzweifelhaft klar dürfte mit diesen Aussagen sein, dass so etwas einer Menge Arbeit am Selbst bedarf. Denn nur jene, die sich eben durch verschiedene Herausforderungen und damit einhergehende Schwierigkeiten, auf eine höhere Stufe erheben konnten, können sich wahrhaftig glücklich schätzen. Denn was anderes, als die Erfahrung der Gotterkenntnis, führt einen durch die Hindernisse der fleischlichen Inkarnation zu seinem wahren Selbst?

Diese körperliche Hülle, die ihrerseits noch vermengt ist mit den durch den Geist inspirierten Emotionen, muss erst einmal durchdrungen werden, was sich eben oft nur in Schmerzen – körperlich oder emotional – verwirklichen lässt. Was das für unsere heutige Zeit und unser Leben in der Gegenwart bedeutet, scheint immer mehr an die Oberfläche unseres kollektiven Bewusstseins zu drängen.

Mit dem Gesagten aber: Erscheint es da nicht wichtiger denn je, nicht nur zu unserem eigenen Glück finden zu wollen, sondern dieses Glück mit anderen zu teilen? Unser eigenes Glück hängt eben auch ab davon, wieviele andere Menschen durch uns glücklich, zumindest aber zufriedener geworden sind.

Meher Baba – ewigeweisheit.de

Meher Baba in Toka, Indien (1928)

Wahres Leben besteht darin, andere (Menschen) glücklich zu machen. Drum versuche andere (Menschen) um Dich (herum) glücklich zu machen. Hab keine Angst. Alles wird gut sein. Sorge Dich nicht, mein Nazar (symbolisches Auge, dass vor dem Bösen schützt) ist über Dir.

- Aus "Der Gottsucher", Tagebuch des Meher-Baba-Jüngers Minoo Kharas

Gottesliebe, Nächstenliebe, die Liebe zu dienen und die Liebe der Aufopferung, kurz: Liebe in jeder Gestalt und Form, ist die edelste Form allen Gebens und Nehmens. Letztendlich ist es die Liebe, die zu der so sehr ersehnten Gleichstellung aller menschlichen Wesen auf Erden führt und notwendigerweise dabei auch nicht, die von Natur aus unterschiedlichen Eigenheiten der Menschheit stört.

Es ist (darum) unendlich viel besser, auf das Beste zu hoffen, als das Schlimmste zu befürchten. Die Zeit setzt sich zu gleichen Teilen aus Tag und Nacht zusammen. In ihrem unvermeidlichen Verlauf von Höhen und Tiefen nähert sich die Welt schnell wieder einem glorreichen Morgen.

Euch allen meinen Segen.

- Aus "Listen, Humanity" von Meher Baba, herausgegeben von Don E. Stevens

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Latihan: Die spirituelle Praxis der Subud-Bruderschaft

Latihan: Die spirituelle Praxis der Subud-Bruderschaft

Es gibt eine spirituelle Praxis, die in einem Menschen eine besondere Haltung formt und mit der er sich der Welt des Heiligen Geistes zu öffnen vermag. Dabei gibt sich der Übende dem göttlichen Sein in einer Weise hin, was einer Erwartungshaltung gleicht, mit der Absicht, damit in seinem Innern etwas zur Entfaltung zu verhelfen.

In einer Meditation der Subud-Bruderschaft, die sie als "Latihan" bezeichnet, harren die Mitglieder dabei in leichter Bewegung, einer inneren Erfahrung, die sie ein Wirken Gottes, in ihnen spürbar erfahren lässt.

Der spirituelle Lehrer John G. Bennett (1897-1974), ein Schüler von George I. Gurdjieff (†1949), beschrieb das Wesen dieser spirituellen Praxis der Subud-Bruderschaft folgendermaßen:

Es gleicht einer Handlung, so als drehte man den Zündschlüssel in einem Auto, damit ein lebendiger Funke gezündet wird. Hat man keinen Schlüssel zu dem Auto, lässt es sich auch nicht starten. Man braucht dazu allerdings keine Theorie, über das Wesen von Autos und wie sie funktionieren, um den Motor zu starten.

Das ist der Weg des Subud. Er, so Bennet, führt den Sucher zu einem Schlüssel der ihn ermächtigt, sich mit der göttlichen Kraft zu verbinden: Dem Heiligen Geist, aus dem alles Leben auf Erden hervorging. Immer schon gab es Menschen, die diese Kraft in ihrem Inneren zu empfinden vermochten.

Was bedeutet Subud?

Das etwas ungewöhnlich klingende Wort "Subud" setzt sich aus drei Sanskrit-Begriffen zusammen:

  • Suschila,
  • Buddhi und
  • Dharma.

Suschila steht für einen Menschen mit gutem Charakter.

Buddhi meint die transpersonale geistige Fähigkeit des menschlichen Verstandes – die Kraft des höheren Selbst, womit ein Mensch zu einem Wissenden wird und damit zu jemandem der recht zu entscheiden und entsprechend recht zu handeln weiß.

Der Begriff des Dharma ist vielschichtig: Er steht für das ethische und religiöse Gesetz, Recht und Sitte einer bestimmten Tradition. Auch bezeichnet er darin ausgeübte rituelle Handlungen und Methoden. Dharma ließe sich ebenfalls als "Wille Gottes" bezeichnen und alles was in diesem Willen an praktischen Handlungen ausgeübt wird. So stehen die Begriffe Dharma und Religion gewissermaßen ebenbürtig nebeneinander.

Zusammengefügt nun, steht der Name Subud für etwas, das der Aussage Christi im Evangelium entspricht:

[...] ihn (Gott) lieben aus ganzem Herzen und aus ganzem Denken und aus ganzer Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst

- Markus 12:33

Könnte man jetzt nicht einfach dem entsprechend sein Leben führen oder den Weisheiten anderer heiliger Schriften folgen? Wozu bräuchte man nun noch eine weitere Lehre?

Nun, es bedarf weit mehr, als nur heilige Schriften zu lesen und damit zu wissen, was ein Mensch tun sollte, um ein rechtschaffenes Leben zu führen. Er sollte sich auch dazu befähigen. Eine erlernte Lehre vom Sein – ganz gleich welcher Religion entstammend – muss auch wirklich gelebt werden. Angehörige der Subud-Bruderschaft glauben das ihren Mitgliedern vermitteln zu können.

Ursprünge

Subud ist eine spirituelle Gemeinschaft die aus der Sufi-Bruderschaft der Naqshbandiyya hervorging, gegründet in den 1920er Jahren von dem Indonesier Muhammad Subuh Sumohadiwidjojo (1901–1987). Er, von seinen Schülern kurz "Bapak" genannt, hatte erkannt, dass in der Moderne zunehmend äußere Einflüsse das Bewusstsein der Menschen beanspruchen, in einem Ausmaß, dass kaum Raum mehr bleibt für ein Innenleben. Dabei weisen alle Religionen auf dieses Innere des Menschen hin und mahnen, dass Gläubige es erkennen müssten, um darin eigentliches Wohlergehen zu erfahren.

Moderne und Materialismus

Besonders in unserer heutigen, schnelllebigen Gesellschaft, deren Umstände uns regelrecht dazu zwingen, immer auf dem Laufenden sein zu müssen, halten die Menschen davon ab, sich mit dem zu befassen, was die heilgen Schriften über das gute Menschsein zu sagen haben.

Was den meisten Menschen heute wichtig erscheint, ist gänzlich anders von dem, was vor etwa 250 Jahren noch überall auf der Erde existierte: Ein Bewusstsein für das eigene Innenleben und eine daraus erwachsende Erkenntnis, was ein jeder auf seiner Ebene des Seins, zum Wohl der Menschen seiner Gemeinschaft zu tun hätte. Welche Ursachen unsere Vorfahren davon abgebracht hatten, so dass es im 18. Jahrhundert dann zu all den Revolutionen kam (Französische, Industrielle und Amerikanische Revolution), darauf kann hier nicht weiter eingegangen werden.

Fest steht jedoch, dass wir uns heute zusehends von unserem Menschsein entfremden. Sexuelle Freizügigkeit soll unübertroffenes Glück versprechen, womit jeder von uns aber reisige Mengen an Energie verausgabt, die ihm für sein feines Empfinden – geschweige denn sein inneres Empfinden – dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

Technik – digital oder mechanisch – soll darüber hinwegtäuschend dieses Empfinden sogar noch simulieren zu können. Allerhand Technologie existiert hierfür bereits. All das aber unterwirft uns zunehmend den Anforderungen der materiellen Welt und ihrer scheinbar unbezwingbaren Mächte. Wir glauben zwar, wir verfügten über diese Mächte mit all unseren unzähligen Applikationen und Endgeräten, hätten sie unter Kontrolle. In Wirklichkeit aber sind wir längst Diener der Maschinen geworden, ohne dass uns das überhaupt bewusst wäre.

Gibt es einen Weg zurück? Wohl kaum. Jede Generation erfährt ein zunehmendes Tempo bei der Entwicklung neuer Technologien. Wer will da noch überleben, ohne ein durch und durch strukturiertes Leben zu führen?

Diese Strukturen zu organisieren, werden von digitalen System übernommen und mehr und mehr von dem, was als Künstliche Intelligen bereits zur Realität geworden ist. Damit stehen wir vor der großen Herausforderung, uns nicht selbst in alle dem zu verlieren. Wer weiß schon noch von seinem Innenleben, wenn ihn nicht gerade schwere persönliche Probleme plagen oder er zum Beispiel einen Psychologen aufsuchen muss? Zudem steigt die Tendenz emotionaler Verstimmtheit und neurologischer Krankheiten gegenwärtig rasant an.

Die Suche

Doch bei all solchem Pessimismus, dürfen wir nicht vergessen, dass in uns tatsächlich ein Selbst verborgen liegt, dass wahrhaftiger ist, als alles, dem wir uns gewahr sind. In unserer allgemeinen Vergessenheit, scheint es sich unserem Bewusstsein entzogen zu haben, durch Unwissenheit verschlossen in unserem seelischen Innern. Den meisten von uns fehlt die Kenntnis, dass es einen Schlüssel gibt, diesen unzugänglichen Bereich zu eröffnen. Wem aber gelingt, diesen Schlüssel zu finden, der vermag in sich etwas zur Entfaltung zu bringen, dass allen Zwängen und Bedrängnissen der modernen Welt gewachsen, ihr sogar erhaben ist.

Die Bruderschaft des Subud beteuert Menschen bei dieser Suche helfen zu können. Es soll da das wahre menschliche Selbst erweckt werden, damit es Kontrolle über das niedere Selbst erlange. In diesem Bewusstsein, so die Subud-Bruderschaft, gelingt es einem Menschen, nach einer gewissen Zeit, sich der Wahrheiten seiner Religion (wie auch jeglichem anderen spirituellen Weg) innerlich zu vergewissern und damit ein Leben zu führen, dass den Lehren seiner Religion entspricht.

Suche nach der Quelle der geistigen Welt

Um nun tatsächlich in Kontakt zu treten mit solch göttlichem Lebensborn, wie er von den Mitgliedern des Subud beschrieben wird, sollte sich ein Mensch darüber ganz und gar im Klaren sein. Das heißt, dass nur er sich auf diese Verbindung ausrichten und nicht etwa jemand anderen nachahmen kann, um diese Verbindung herzustellen. Wir neigen nämlich sehr oft dazu, irgendwelchen fremden Sichtweisen gemäß, entsprechend auch über unser Selbst irgendwelche Theorien zu spinnen. Es geht auch nicht darum zu versuchen, sich "mal eben" mit diesem heiligen Born des Geistes zu verbinden, nur weil es einem gerade schlecht geht.

Was aber soll dieses Fragen dann sein? Vielleicht ließe sich darüber sagen, dass wir aus einem echten inneren Bedürfnis heraus fragen sollten, dessen wir uns jedoch voll bewusst sein müssen. Es ist Bewusstsein, dass nicht etwa aus materieller Not entstand, sondern etwas wozu man sich tatsächlich entschieden hat und wonach er wirklich sucht.

Wir Menschen, jeder Einzelne von uns, kamen in die Welt durch unsere Willenskraft, mit der wir uns durch den Geburtskanal pressten. Und als wir da geboren waren und heranwuchsen, blieb uns immer die Freiheit – und das gilt auch heute noch – uns einem göttlichen Willen hinzugeben oder eben nicht hinzugeben. Solange wir auf Erden wandeln, verfügen wir über diese Freiheit.

Wenn es um solch eine spirituelle Suche eines heiligen, göttlichen Lebensquells geht, mag einem vielleicht der berühmte Satz aus dem Matthäus-Evangelium in den Sinn kommen:

[...] suchet, so werdet ihr finden [...]

- Matthäus 7:7

Leider aber ist das nicht so einfach in die Tat umzusetzen, wie man diesen Satz mal eben gelesen hat. Denn wohin, beziehungsweise wonach ist diese Suche ausgerichtet?

Das wahre Selbst

Die meisten unter uns sind weit entfernt von einem Bewusstsein für ihr wahres, einiges Selbst. Was sie als ihr inneres Bewusstsein erfahren, ist gespalten in mehrere Teilselbste, die im Laufe der Jahre ihrer Reife entstanden waren, durch all die Regeln und vielen Lebenshaltungen und Meinungen anderer, die ihnem, wenn auch in ganz alltäglicher Form, regelrecht eingeredet worden sind.

Ein Teil ins uns zumindest fragt nach unserem wahren inneren Lebenszweck. Ein anderer Teil aber will festhalten an dem, was ein Mensch in seinem äußeren Leben an Werten – materiell, emotional oder verstandesmäßig – gesammelt hat und entsprechend als wertvoll erachtend hütet. Diese innere Teilung macht den modernen Menschen aus.

Die Initiation

Kommen wir aber wieder zurück, zu der vorhin gestellten Frage nach unserem wahren Selbst und wie wir mit ihm in Kontakt treten.

Unsere Unfähigkeit mit ganzem Herzen uns nach etwas im Leben zu erkundigen, und sei es eben dieses Wesen unseres individuellen und wahren Selbst, rührt eben von der hier oben angedeuteten Teilung. Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) schrieb bereits davon, in seinen berühmten Faust:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Diese Schwäche, die in uns heute – bei dem einen mehr, beim anderen weniger – veranlagt ist, hindert uns daran mit ganzem Herzen um etwas zu bitten oder eine Frage so zu stellen, dass wir eine ganz eindeutige Antwort erhalten, eine Antwort auch aus der geistigen Welt.

Im Subud ist die Rede von einem "Wahrhaftigen Fragen", das vom wahren Selbst kommen muss, dem Innersten unserer Seele. Nur leider scheint im Wandel der Moderne der Zugang dazu verschüttet. Es kann aber ein Kanal dazu geöffnet werden, durch den man dieses Innere unseres Selbst erreichen kann.

Hiermit verbunden sind besondere Bemühungen, die, so die Subud-Bruderschaft, jedoch durch die Hilfe eines anderen Menschen überwunden werden kann. So jemand muss den Zugang zu seinem Selbst allerdings bereits gefunden haben. Sie oder er kann dann selbst als Kanal wirken, was dem Sucher hilft, sich mit seinem inneren seelischen Wesenskern zu verbinden. Im Subud ist da die Rede von der Initiation, durch die sich dieser Kanal in jemandem öffnet und er dadurch Zugang zu seinem wahren Selbst findet.

Um nun das zu Anfangs, von John G. Bennett zitierte Beispiel hier noch einmal zu nennen, geht es in diesem Vorgang darum, dem Sucher den Schlüssel zu seinem Wagen zu überreichen, so dass er ihn entsprechend starten und selbst fahren kann. Ohne diesen Schlüssel aber kommt er nicht weiter.

Ab dem Zeitpunkt, wo diese Initiation stattfand, kommt jener Sucher zum Finden seines Zuangs zu seinem wahren Lebenskern. Die andere Person die ihm dabei half, ihn also einweihte in das Geheimnis in ihm, ist ab diesem Zeitpunkt eigentlich überflüssig geworden.

Allerdings darf so jemand den Intianden auch noch dabei begleiten, wenn dieser sein Seelenfahrzeug entsprechend zu fahren übt, das heißt, ihn dabei unterstützen, sich in diesem Erwachen durch die Welt zu bewegen. In unserer modernen Menschheitszivilisation nämlich ist es gar nicht einfach, solch Erwachen ins Wirkliche auch tatsächlich in das alltägliche Leben zu integrieren. Immer noch werden da wohl in einem Hindernisse sein, die man nach und nach aus dem Weg räumen kann. Und bei dieser, nicht ganz leichten Aufgabe, kann uns eben diese Person, die uns auch den Schlüssel überreicht, behilflich sein.

Es geht hier also um einen wichtigen Läuterungsvorgang, den der Initiand vollziehen muss. Was da an Hindernissen entsprechend ausgeräumt und an dem durch sie entstandenen Schaden repariert werden muss, kann damit erreicht werden. Auf körperlicher und geistiger Ebene, wurde dieses innere, wahre Selbst empfangen und geboren. Es muss daher entsprechend geformt werden.

Was jemand dabei erfährt ist eine ganz einzigartige Transformation seines Daseins auf Erden. Doch man braucht Geduld und ist angewiesen auf die Unterstützung einer entsprechend geschulten Person, so die Subud-Mitglieder, die uns mit der inneren Quelle zu verbinden weiß, jener geistigen Ursache, durch die unsere Seele auf diese Erde kam.

Latihan Kejiwaan

Bapak, der Gründer des Subud, bezeichnete die spirituelle Praxis seines Weges als "Latihan Kejiwaan" (Latihan, "die Übung", Kejiwaan, "spirituell"). Diese spirituelle Übung scheint einer tatsächlichen Einweihung zu ähneln, wo ein gewisser Teil aus dem Übenden herausgelöst wird, und dieser dabei eine Vorwegnahme der Todeserfahrung erlebt. Was die Mitglieder des Subud erfahren, ist für sie darum teils überwältigend, zumal sich dabei ein seelischer Reinigungsprozess ereignet, dessen Erfahren für das Mitglied jedoch wirklich befreiend wirken soll.

Aus Sicht der Neurotheologie (eine moderne Wissenschaft, die religiöse Empfindungen auf Ebene der Neurobiologie des Gehirns erforscht), spricht man hier gar von einem Auseinanderfallen psychischer Funktionen, die eigentlich miteinander zusammenhängen – das, was die moderne Psychologie als "Dissoziation" bezeichnet.

Im Latihan-Erlebnis tritt der Übende bewusst in einen veränderten Wahrnehmungszustand ein, in dem er ein bestimmtes Lebensthema (vielleicht auch Trauma) verstehen lernt, was teilweise mit starken Emotionsäußerungen einhergeht. Dabei trennen sich Denken und Fühlen, und bilden eigene, für sich abgeschottete Bereiche. Das heißt, dass im Latihan ausgelöste Emotionsschübe, sich für das Bewusstsein getrennt ereignen, wo damit verbundene mentale Erinnerungen in den Hintergrund treten.

Wenn wir zuvor nun von einem Reinigungsprozess im Latihan sprachen, wird dieser jedoch entsprechend vorbereitet, mit einem eingeweihten Mitglied des Subud. Da hilft also jemand dem Sucher, eine schwierige Erfahrung, die er vielleicht als Kind durchgemacht hat, durch solch Reinigungsprozess aus den tiefen Schichten seines Unterbewusstseins zu lösen. Es gleicht dem Abwerfen eines schweren Ballasts, was sich beim Sucher oft als heftiger Gefühlsausbruch äußern kann. Dieser aber befreit sich dabei von niederen Kräften seiner Nafs (im Sufismus steht der Begriff der "Nafs" für die seelischen Triebkräfte eines Menschen).

Jeder von uns bringt in seinem Leben ein Instrumentarium mit (das Bennett im Eingangszitat als "Schlüssel" bezeichnet), das ihn dazu befähigt, solch numinose Erfahrungen zu machen. Die Praxis des Latihan öffnet dem Sucher dabei die Türen zu den inneren, unbewussten Bereichen seiner Seele. Wer diese Praxis des Latihan als psychisch stabiler Mensch übt, auf den wirkt diese Meditation entspannend und wohltuend. Wie aber bei allen spirituellen Praktiken ist es wichtig, jemanden als Lehrer zu haben, der echte Fähigkeiten besitzt, um einen Menschen in das esoterische Repertoire seiner geistigen Tradition einzuführen.

 

Die Geschichte vom Fischer-Derwisch

von S. Levent Oezkan

Derwisch - ewigeweisheit.de

Einst befand sich der große Sufi-Meister Ibn Arabi auf Reisen durch Tunesien. Entlang der Küste traf er auf einen Fischer, der dort in einer kleinen Lehmhütte hauste. Es war ein besonderer Mann, denn er spendete seinen gesamten Fischfang den Armen.

Für sich aber behielt er nur einen einzigen Fischkopf, den er sich bescheiden zubereitete, um ihn täglich als einzige Speise dankbar zu verzehren.

Der Sufi-Sheikh Ibn Arabi und der Fischer wurden Freunde. Ja vielmehr, wurde der Fischer ein Schüler Ibn Arabis. Eines Tages sollte er selbst auch ein Sheikh sein, mit eigenen Derwisch-Schülern.

Einer dieser Schüler nun kam eines Tages zu ihm und ließ ihn wissen, dass er über das Meer in die spanische Levante reise. Da das auch das Land war, in dem Ibn Arabi lebte, bat ihn sein Meister, diesen in dessen Heimatort zu besuchen. Der Fischer nämlich war in seiner spirituellen Entwicklung nicht sehr viel weitergekommen, ohne seinen verehrten Sheikh Ibn Arabi. So bat der Fischer-Derwisch also seinen Schüler den großen Sheikh aufzusuchen und diesen für ihn um Rat zu bitten.

Also kam der junge Sufi-Schüler nach Spanien und begab sich bald in die Stadt, von der er wusste, dass dort Sheikh Ibn Arabi lebt. Auf der Straße dort fragte er jemanden, ob er von Ibn Arabi wüsste. Gleich bejahte dieser und sprach:

Gewiss. Siehst du den Palast dort oben auf dem Hügel, dort lebt der große Sufi.

Der junge Derwisch war darüber ziemlich verwirrt, denn wie, so wunderte er sich, konnte ein großer Sufi in einem Palast leben, sind wahre Sufis der materiellen Welt doch eher abgewandt. Sie lieben keinen Besitz, sondern versuchen sich aus den Fängen der irdischen Welt zu lösen, um damit ihr Ego allmählich zu entmachten.

Wie dem auch sei, erinnerte sich der junge Sufi natürlich an die Bitte seines Meisters, den Sheikh Ibn Arabi aufzusuchen und ihn um Rat zu bitten. Also begab er sich dort zu dem Hügel, wohin man ihn verwiesen hatte. Als er aber den Hügel aufstiegt, führte ihn ein Weg entlang weitläufiger Hänge. Es waren dort große Äcker und auch Obstgärten. Er sah dort Hirten mit Schafen, andere mit Ziegen und auch welche, die sich um eine Kuhherde kümmerten. All das verwunderte den jungen Derwisch nur. Als er aber den Palast vor sich aufragen sah und die Menschen dort, die alle in feinste Seide gekleidet waren, wollte er seinen Augen einfach nicht trauen, war all das doch jenseits dessen, was ihn sein Meister über das bescheidene Leben eines Derwisch gelehrt hatte.

Dennoch betrat er den Palast. Da waren viele hübschen Mädchen und gutaussehende Jünglinge: anscheinend die Bediensteten des Sheikh. Als er einen von ihnen um Auskunft bat, versicherten sie ihm, dass der Sheikh Ibn Arabi gerade noch beim Kalifen gewesen sei, doch schon in Kürze wieder hier eintreffen werde.

Der junge Mann konnte es einfach nicht fassen, besonders als er dann Ibn Arabi leibhaftig vor sich sah: gekleidet in kostbare Gewänder, sein Turban war mit einer wertvollen Perlenkette und kostbaren Edelsteinen geschmückt. Wie dem auch sei stellte der junge Derwisch dem Sheikh Ibn Arabi die Bitte seines Meisters vor. Der erinnerte sich gleich, von wem die Rede war:

Lass Deinen Meister wissen, was ich denke! Er ist noch viel zu sehr dem Weltlichen verhaftet.

Darüber war der Junge wahrlich empört. Und doch verabschiedete sich freundlich von Ibn Arabi.

Als er schließlich nach längerer Reise zu seinem Sheikh, dem Fischer, zurückkehrte, freute der sich seinen Schüler wiederzusehen. Natürlich wollte er sofort wissen, welchen guten Rat er von Sheikh Ibn Arabi für ihn überbracht bekam. Dem Derwisch war das aber sehr unangenehm. Er befürchtete nämlich, würde er seinem Meister sagen was Ibn Arabi ihm mitgeteilt hatte, dass er es ihm bestimmt nicht glauben und darüber dann auch noch über ihn erbost sein könnte. Doch sein Meister bestand darauf zu erfahren, was er noch nicht wusste. Also erzählte ihm der Schüler was ihn der große Sheikh wissen ließ.

Da brach der Fischer in Tränen aus. Darüber erschrocken, fragte ihn der junge Derwisch, wie es sein könne, dass Ibn Arabi in solch fantastischem Luxus lebe und ihm, seinem Meister, dem armen Fischer als Rat gäbe, nicht so verhaftet im Weltlichen zu sein. Sein Meister aber sprach:

Er hat recht! Er schert sich nicht um all seinen Besitz. Hingegen ich, wenn ich jeden Abend meinen Fischkopf verzehre, wünschte ich doch insgeheim:
»Wäre es doch nur ein ganzer Fisch.«

 

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Suche nach der einen Religion in allen

von S. Levent Oezkan

Internationale Sufi-Bewegung - ewigeweisheit.de

Anfang des 20. Jahrhunderts gründete der indische Musiker und Mystiker Hazrat Inayat Khan im Westen einen esoterischen Orden: Die Internationale Sufi-Bewegung. Seine Anhänger glaubten in ihm ihren Meister erkannt zu haben – einen, der sie zum Guten der göttlichen Gegenwart zu führen vermag.

Er hatte das Ziel ein Wissen über eine gemeinsame Einheit in allen Religionen zu verbreiten, damit Vorurteile von Gläubigen abzubauen und dabei ihre Überzeugungen über die geistige Welt (und die von dort auf Erden erschienenen Gesandten) in ein neues Licht der Wahrheit zu rücken. Sein Ziel war den Menschen etwas zu vermitteln, dass sie mit einer höheren, spirituellen Liebe erfüllen sollte. Denn aus der deutlichen Betonung auf die Unterschiede in den Kulturen und Religionen, erwuchs seit Jahrhunderten ein Zorn in den Herzen Gläubiger. Bis heute gibt es eben für viele unter ihnen zwei Lager: Wir und die anderen, wobei Letztere falsch liegen müssen und die Unwahrheit verbreiten. Inayat Khan wollte dieses eigentliche Unwissen, in der Arbeit seines Sufi-Orden ausrotten.

Das wirklich Lebendige im Herzen ist die Liebe. Sie wird erfahrbar als Güte, als Freundschaft, als Zuneigung, als Toleranz und als Bereitschaft, zu vergeben; gleich, in welcher Form dieses lebendige Wasser aus dem Herzensgrund hervorströmt, es macht uns diese göttliche Quelle im Herzen sichtbar.

- Hazrat Inayat Khan

Es ging Khan darum den Austausch von Gedanken und Ideen der spirituellen Traditionen in unserer Welt zu fördern. So wollte er dazu beitragen, dass sich eine universale Bruderschaft auf Erden gründe und sich erhebe über die Grenzen von Nationalität und ethnischer Herkunft. Jedem erfahrenen Menschen dürften solche Ziele wirklich edel vorkommen. Es scheint also kein Zufall, wenn Inayat Khans Lehre eine weltweite Anhängerschaft fand. Man muss sich dabei klar machen, dass seine Arbeit an der Internationalen Sufi-Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann, einer Zeit wo in Europa zwei schreckliche Weltkriege wüteten. Vor diesem Hintergrund einen Orden des Friedens und der Liebe zu schaffen, erscheint doch als wahrhaft edel.

Hazrat Inayat Khan Großvater Maula Bakhsh - ewigeweisheit.de

Der indische Musiker Maula Bakhsh (1833-1896).

Der Sufi-Orden der Chishtiyya

Doch wer war dieser Mann?

Seine Schüler stellten seinem Namen Inayat Khan den Ehrentitel »Hazrat« voran, einem Titel der ihn als einen »von Gott Berufenen« ehrte. Khan entstammte einer im indischen Panjab ansässigen alten sunnitischen Sufi-Familie. Zu seinen Vorfahren zählten bedeutende Heilige, Poeten, Musiker und Landbesitzer. In dieses familiäre Umfeld wurde er also geboren.

Die wohl wichtigste Person seiner Kindheit und Jugend war sein Großvater Ustad Maula Bakhsh (1833-1896), einer der bedeutendsten Musiker des Landes, den seine Verehrer den »Beethoven von Indien« nannten. Bakhsh gründete die Musikakademie »Gayanshala«, wo er nach und nach um sich einen riesigen Kreis von Schülern versammelte. Nun kam in den Kreis seiner Schüler ein junger Mann: Rahmat Khan. Er sollte Bakhshs Tochter Khatidja heiraten, deren Kind Inayat dann am 5. Juli 1882 zur Welt kam.

Schon in jungen Jahren faszinierte Inayat Khan durch sein musikalisches Talent. Bevor er das Alter von zwanzig Jahren erreicht hatte, spielte er bereits an den Höfen der Fürsten Indiens. Es heißt, seine Musikalität und außergewöhnliche Begabung zum Gesang, galt den Meistern unter seinen Zeitgenossen, als bis dato unerreicht. Er aber fühlte sich zu etwas Höherem berufen, das über den weltlichen Erfolg hinausgehen sollte.

Maula Bakhsh war bereits im Alter von 15 Jahren dem Sufi-Orden der Chishtiyya beigetreten, einem der wahrscheinlich bedeutendsten islamischen Bruderschaften des indischen Subkontinents. Und da das Verhältnis von Inayat Khan zu seinem Großvater sehr ausgeprägt war, kam auch er in Berührung mit dem Sufismus und sollte unter den Chishtiyyas schließlich seinen zukünftigen Meister treffen: Sayyid Abu Hashim Madani. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen weihte er Khan feierlich ein in den spirituellen Pfad des Chishti-Sufi-Ordens. Er nahm Khan als Mourid (Schüler) auf, doch schonte ihn nicht in seiner Ausbildung. Er unterzog ihn anfangs anstrengenden Tests, die seinen Mut, seine Widerstandskraft, seinen Glauben und seine körperliche und geistige Selbstbeherrschung auf den Prüfstand stellen sollten. Khans starkes Vertrauen in seinen Lehrer erschütterte das aber keineswegs. Schon als Junge hatte er gelernt, sich durch Versenkung und Askese zu prüfen. Das war auch die Zeit, in der zahlreiche seiner ersten Gedichte entstanden. Sie verfasste er zu Ehren seines Sheikhs Hashim Madani.

Gründung der Sufi-Bewegung

Von 1908 bis 1910 unternahm Hazrat Inayat Khan eine Pilgerreise durch Indien. Zum einen gab er auf vielen Musikveranstaltungen sein künstlerisches Können zum Besten. Doch er traf in dieser Zeit auch mit anderen bedeutenden Geistlichen der Chishtiyya zusammen. Im Herbst 1910 verließ er dann mit seinen Brüdern Mahabub Khan und Mohammed Ali Khan seine indische Heimat und ging in die Vereinigten Staaten. Inayat Khans Ziel war dort seine Musik und seine Sufi-Botschaft bekannt zu machen.

Als er 1912 nach Europa zurückkehrte, verbrachte er einige Zeit in London, wo er seine Esoterische Schule gründete: den Internationalen Sufi-Orden. Drei Hauptziele bildeten die Fundamente dieses Orden:

  • Die Verwirklichung einer Einheit von Religion durch Liebe und Weisheit, wodurch sich die Vorurteile verschiedener Religionsangehöriger gegenüber anderen Glaubensrichtungen erübrigen sollten. Khan ging es dabei um die Entwicklung einer Liebe zwischen den Menschen, womit ein aus Zweifel entbundener Hass auflöst werden sollte.
  • Das Licht und die göttliche Kraft zu erkennen, die in jedem menschlichen Wesen strahlen, bilden ein Geheimnis das hinter allen Religionen wirkt. Durch die Mystik und die Botschaft der Lebensphilosophien, sollte den Menschen eine Harmonie des Verständnisses und der Liebe zugeführt werden – was ganz ohne die Riten einer bestimmten Religion auskam.
  • Menschen eine Hilfestellung bieten zu gegenseitigem Austausch: Damit wollte er eine Verbindung der Traditionen im Osten und im Westen schaffen, mit dem Ziel der Bildung einer universalen Bruder- und Schwesternschaft, die nationale und ethnische Grenzen überbrückt.

Was Inayat Khan damit anstrebte, schien wahrhaft edle Ziele erreichen zu wollen. Doch all das fand statt, wo in Europa ein ganz anderer Zeitgeist herrschte. Schließlich brach 1914 der Erste Weltkrieg aus, also in den Jahren als Inayat Khan auch seinen Sufi-Orden gründete. So eine Organisation schien tatsächlich nur die wenigsten zu interessieren, wo sie sich doch ausgerechnet der Botschaft des Friedens und der Harmonie widmete. Außerdem war für einen Muslim aus Fernost, Anfang des 20. Jahrhundert nur sehr schwer möglich in Europa Fuß zu fassen.

Eigentlich aber lag Inayat Khan daran die Idee von etwas Universalem zu verbreiten. Eben darin lag Khans eigentliche Friedensbotschaft. Doch nach dem Ersten Weltkrieg erschienen solche Bezeichnungen den meisten Europäern wohl vor allem als Synonym für das, was man unter dem Wort »Pazifismus« verstand – eine aktive, politische Arbeit gegen alte, bestehende oder neu aufstrebende Gewaltherrschaften, deren Mittel der kriegerische Terror ist.

Ganz und gar nicht ersuchte Khan mit seiner Bewegung zu den Pazifisten gezählt zu werden. Schließlich war Khans Sufi-Orden keine äußere, protestierende Gegenbewegung zu irgendetwas, sondern eine Gemeinschaft von Sufis, die ihre friedlichen Absichten aus sich heraus erwecken wollten. So war Inayat Khans Orden ganz und gar unpolitisch. Immer hatte er es vermieden sich auf die Seite einer bestimmten politischen Gruppe oder gar einer Nation zu stellen. Es ging ihm vielmehr um das, was er die »Universelle Bruderschaft« nannte – Sufis, die sich nicht allein als Muslime festlegen lassen, sondern denen es insbesondere darum geht zu zeigen, dass es in allen spirituellen Traditionen der Welt einen gemeinsamen Kern des Guten gibt.

Die Zeit ist reif dafür, dass die Menschheit gemeinsam betet, dass sie sich erhebt über die Trennungen und Unterscheidungen und gemeinsam sich vor Gott verneigt und vor den von Gott gesandten Lehrern, Propheten und Meistern, die zu verschiedenen Zeiten auf der Erde gelebt und der Menschheit gedient haben.

- Hazrat Inayat Khan

Als es nach dem Ersten Weltkrieg wieder möglich war, auf dem europäischen Kontinent zu reisen, zog Hazrat Inayat Khan eine Reihe neuer Schüler an. Insbesondere in Holland fand er viele treue Anhänger. Doch auch in anderen Ländern verbreiteten sich seine Schriften und man sprach dort über seine Arbeit.

Im Jahr 1923 gründete Inayat Khan den Sufi-Orden neu, nach schweizerischem Recht in Genf. Das war auch die Zeit, als er sich mit seiner Gattin Amina Begum, im Pariser Vorort Suresnes niederließ. Von da an pendelte er zwischen Paris und Genf.

Hazrat Inayat Khan - ewigeweisheit.de

Hazrat Inayat Khan spielt die Vina (1910). Fotografie aus seinem Buch »Naturmeditationen«.

Verbreitung der Lehren Khans

Hazrat Inayat Khans Arbeit im Westen blieb schwierig. Er hatte es sich anfänglich einfacher vorgestellt, doch sah sich schnell konfrontiert mit immer neuen Problemen. Wahrscheinlich wären ihm die Dinge einfacher gelungen, hätte er einfach einen neuen Glauben vertreten, eine neue Religion gründen wollen. Als Missionar eines indischen Maharadscha, wäre ihm die Umsetzung seines Plans vielleicht leichter gefallen. Doch so etwas widersprach seiner Auffassung von einer Bruderschaft die einen Weg der Einheit finden sollte. Eine neue Sekte zu gründen hätte ganz und gar im Widerspruch gestanden zu seinem eigentlichen Ansinnen. Es ist eben sehr schwierig eine spirituelle Botschaft zu verbreiten, ohne gleichzeitig ein irdisches Fundament damit zu erbauen. Und so etwas erfolgt eben immer in einem politischen, zumindest aber in einem sozialen Rahmen.

Khan befand sich in einer vollkommen neuen Welt. Und wo er keine Freunde hatte, erschien es ihm fast unmöglich mit seiner spirituellen Botschaft Fuß zu fassen. Der Kommerz, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen vielen Menschen zum zentralen Lebensthema geworden war, schien die Herrschaft des Materialismus anscheinend immer attraktiver zu machen. Hinzu kam, dass im Westen, bis heute bestehende Vorurteile gegen den Islam fortbestanden, was auch heute leider wieder als Gespenst in den Köpfen vieler Menschen geistert.

Auch wenn man über den Sufismus sagen kann, dass er die mystische Seite des Islam darstellt, heißt das nicht, dass die Sufis immer schon Muslime waren. Schon lange bevor der Islam im 7. Jahrhundert in die Welt kam, gab es Sufis in Zentralasien und im alten Persien. Immer zählten zu ihnen jene, die sich als Reisende in ständigem Austausch befanden mit Weisen und Gelehrten verschiedener philosophischer und spiritueller Schulen. Diese Grundidee die eigentlich den Sufismus ausmacht, wollte Inayat Khan wieder neu beleben und den Menschen vermitteln.

Mission der Sufi-Bewegung in der Welt

Vor diesem Hintergrund, sollten für Khans Sufi-Bewegung nun zwei Hauptaufgaben erwachsen:

  1. Einzelpersonen bei ihrer Suche nach einer universalen Wahrheit zu unterstützen und
  2. ein besseres Verständnis unter den Menschen zu erreichen und ihnen damit zu zeigen, wo ihre Gemeinsamkeiten liegen – etwas das eben Ziel aller ist, die nach Ewiger Weisheit (Sophia Perennis) streben.

Für ihre tatsächliche Erfüllung aber, müssen diese Aufgaben gemeinsam gesehen werden, denn sie sind voneinander abhängig. Wie auch sollte sich eine Gesellschaft weiterentwickeln und verbessern, ohne gleichzeitig die Entfaltung des Individuums zu fördern? Für Inayat Khans Sufi-Bewegung sollte dies in der Tat möglich sein, ohne dabei seine gänzlich unpolitische Mentalität zu verlieren. Zentrales Thema des Sufismus ist nun einmal die Mystik, jene spirituelle Geistesdisziplin, bei der sich die Sufis durch Versenkung und Hingabe mit dem Göttlichen verbinden, bis hin zur ekstatischen Vereinigung in Gott (arab. »Dhikr«).

Eine Entweltlichung vom Sein

Seit alter Zeit kam die Botschaft der göttlichen Weisheit durch die Vermittlung eines Mystikers zu den Menschen. Wichtigste Charaktere in diesem Fall waren die Propheten, wobei den Sufis, wie auch anderen Muslimen, der Prophet Mohammed (as) als letzter Gesandter gilt. Und doch fielen die göttlichen Gesetze immer wieder auch in die Hände weltlicher Intellektueller. Sie glaubten sich in ihrem Handeln auf die Propheten berufen zu können, doch da sie keinen Weg zur Teilhabe am göttlichen Licht fanden, blieben es schließlich nur Unvollkommene. Man kann Gott nicht verstehen, sondern nur erfahren.

Um unpolitisch und parteilos zu bleiben, muss ein Mensch danach streben den tatsächlichen Zustand des Lebens zu sehen – etwas, das diejenigen nicht sehen können, die alleine am weltlichen Leben interessiert sind. Wie aber soll so jemandem gelingen Toleranz zu üben, gegenüber anderen Philosophien oder Religionen?

Nur derjenige kann alle Probleme von einem gerechten Standpunkt aus betrachten, in dessen Herz sich Gott widerspiegelt und der über Nationen, Rassen, Kasten, Glaubensbekenntnisse und Religionen steht.

- Hazrat Inayat Khan

Wer nun ist zu solch Toleranz im Stande?

Sich von gesellschaftlichen und politischen Auffassungen zu lösen können wohl nur jene, die nach einem gemeinsamen Kern in Allem suchen – nach jenem mystischen Zentrum göttlichen Lichts, dem alles Sein entwächst. Nach und nach werden sie lernen, auch in sich diesen göttlichen Funken zu erkennen, etwas, das wahrhaftig in allen Menschen glänzt.

Khan versuchte seine Schüler zu diesem Erkennen zu führen. Das war das Wichtigste, was die Sufi-Botschaft in die Welt gebracht hatte. Nur durch Toleranz gegenüber allen Glaubensrichtungen sollte einer die Vorstellung von der einen Wahrheit erkennen können. Sie bildet den Stamm eines mystischen Baumes, dessen Zweige die Religion bilden und der auf unserem Planeten verwurzelt ist. Sein Same aber ist himmlischen, ist göttlichen Ursprungs.

Die eine Religion

Wenn ein Mitglied der Sufi-Bewegung von »Wahrer Religion« spricht, deutet er metaphorisch auf etwas hin, dass sichbezeichnen ließe als »mystisches Meer aller Wahrheit«. Auf der Oberfläche dieses gleichnishaften Meeres bewegen sich die verschiedenen spirituellen Strömungen. Sie breiten sich wie Wellen auf dem Wasser dieses Meeres aus. Immer wieder gibt es Gezeiten in diesem Meer, die den Menschen eine neue Botschaft Gottes bringen. Doch dieses Meer, das in Gott enthalten ist, bleibt immer das selbe, ist ewig existent, ohne Anfang und ohne Ende.

In diesem Verständnis liegt große Weisheit für all diejenigen, die sich auf dem Pfad zur Wahrheit befinden. Die Wahrheit an sich aber ist ein pfadloses Land. Wer seinen Weg dorthin bereits gefunden hat, der wird nicht mehr glauben, dass andere auf einem falschen Pfad sind, um ihnen etwa zeigen zu müssen was der richtige oder bessere Weg für sie sei. Vielmehr haben sie erkannt, dass letztendlich jede Straße zu diesem gleichen Ziel führt, für alle Suchenden, die die Grundsätze göttlicher Wahrheit in sich gefunden und erfahren haben.

Inayat Khans Sufi-Bewegung versuchte seinen Anhängern diese Offenheit zu vermitteln, als das Wesensprinzip dessen, was heute allgemein mit dem Wort Liebe beschrieben wird. Ihm ging es nicht darum Menschen zu einem bestimmten Glauben zu bekehren oder gar andere Glaubensrichtungen als falsch hinzustellen. Eher lag ihm daran die Menschen zu einem Sufitum zu bewegen und sie damit an alle Glaubensrichtungen dieser Welt heranzuführen, ohne sich dabei an einen bestimmten Glauben binden zu müssen. Damit bildet die Internationale Sufi-Bewegung durchaus eine Sonderform des Sufismus, sind doch die Mitglieder der meisten anderen Orden immer Muslime.

Der Glaube eines Sufi war für Khan ein freies Ideal. Nichts sollte jemanden beschränken oder ihm sogar verbieten, sein Interesse auch auf anderen Religionen zu richten. Was aber für solche Menschen wie Inayat Khan galt, musste, und braucht auch heute noch lange nicht, für jeden zutreffen. Schließlich bedarf es einer großen Stärke sich als spiritueller Mensch ganz frei in der Welt der Religionen und Weisheitsschulen zu bewegen. Gleichzeitig sollte diese Lebensauffassung aber auch nicht missverstanden werden. Denn Khan ging es zwar um Toleranz, die im Erkennen der oben definierten Situation gefunden werden kann, doch er war Muslim – das war seine Religion, die eine Tradition auf die er sich zurückverband.

Visionen der Sufi-Bewegung

Für Inayat Khan waren die Menschen mehr als nur soziale, politische Wesen. Vielmehr sah er die Menschheit als den Körper eines riesigen planetarischen Wesens, wo die verschiedenen Glieder dieses Körpers die verschiedenen Haupt-Ethnien bilden. Die Nationen entsprechen den Organen dieses Wesens, worin die Individuen wie Teilchen sind, aus denen sich der Körper dieses Wesens zusammensetzt. Gott aber macht den Geist dieses Körpers aus.

So wie die Gesundheit und das Glück dieses Körpers davon abhängen, dass sich jeder seiner Teile in gutem Zustand befindet, so hängt das Glück und der Frieden der ganzen Welt und der Menschen, vom Zustand des anderen ab.

In Wahrheit sind alle Seelen Kinder Gottes, aber jene Seelen, die sich ihrer Beziehung zu Gott so bewusst sind wie ein Kind gegenüber seinen Eltern, tragen den Namen 'Kinder Gottes' zurecht.

- Hazrat Inayat Khan

Unsere Herausforderung heute, ist Lösungen und Antworten zu finden für die große Komplexität an Problemen und Fragestellungen die in der Welt existieren. Ein Problem besteht nie nur allein an sich, sondern ist stets auch mit anderen Schwierigkeiten verbunden. Alles hängt miteinander zusammen: wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen politische Probleme, da sie soziale Herausforderungen begleiten. Und auf Grundlage eines gegenwärtigen Konsens, ergeben sich außerdem Schwierigkeiten moralischer Art.

All das betrachtet könnte man meinen, dass diese großen Menschheitsaufgaben kaum zu lösen seien. Und doch soll die Menschheit auch in Zukunft weiter leben – am besten in Frieden und Glück. Nur wie ließe sich diese Utopie tatsächlich realisieren?

Der erste Schritt wäre wohl sicher eine Veränderung der Lebenshaltung und -einstellung, etwas wozu jeder von uns in der Lage ist. Das kann jeder für sich durch eine moralische, spirituelle und religiöse Weiterentwicklungen auch tatsächlich herbeiführen. Kaum verwunderlich, dass insbesondere Hazrat Inayat Khan daran fest glaubte, denn auf diesem Fundament beruht schließlich die Arbeit der Internationalen Sufi-Bruderschaft. Es ging ihm und seinen Vertretern nicht darum Menschen in einer neuen Religion, Sekte oder unter einem bestimmten spirituellen System zu einen. Das nämlich hätte nur noch eine weitere Gruppe geschaffen, die sich von anderen abgrenzt. Khan versuchte eher eine Methode zur Veränderung der Lebenseinstellung zu liefern, als mit wieder einem neuen System, anderen Religionen oder anderen Glaubensüberzeugungen zu widersprechen oder diese in Frage zu stellen.

Inayat Khan zielte auch nicht darauf ab, dass seine Schüler von da an die ganze Menschheit umarmen sollte. Vielmehr versuchte er, dass das was er an seine Schüler weitergab, diese in den Dienst der gesamten Menschheit stellen sollten. Damit bildet seine Sufi-Bewegung bis heute eine offene Tür für alle diejenigen, die zum Kern ihres wahren Glaubens vordringen wollen. Wer das in sich findet, wird es wohl auch in jedem anderen entdecken können.

 

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Wenn eines Menschen innerer, äußeren Frieden erwirkt

von S. Levent Oezkan

Marabout - ewigeweisheit.de

Im Übergang zum 20. Jahrhundert lebte und wirkte im afrikanischen Senegal ein besonderer Mann: Sheikh Ahmadou Bamba. Seine Jünger nannten ihn den »Diener des Propheten« und verehrten ihn als lebenden Heiligen. Allein durch seine Friedfertigkeit erreichte er Großes für sein Land und die Menschen die darin leben. Heute zählt er zu den wichtigsten Persönlichkeiten im Islam, der weit über die Grenzen des Senegal bekannt wurde.

Im Westen des Senegal gründete der große Mame Maram Muhammad Al-Khayri († 1802) die Stadt Mbacké-Baol. Das Landrecht zur Städtegründung erhielt er vom Fürsten des Königreichs von Baol: Amari Ngoné Ndella Fall. Aus dieser Stadt sollte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Zentrum islamischer Gelehrsamkeit werden, dessen Einfluss für ganz West-Afrika bis heute von Bedeutung ist. Doch die Stadt wurde 1865 von Maba Diakhou und seinen fanatischen Dschihadisten zerstört. Die Nachfahren des Städtegründers Al-Khayri zwang man darauf in Maba Diakhous Heer zu dienen. Einer unter ihnen musste ebenfalls diese schlechte Erfahrung machen: Ahmadou Bamba. Ihm aber gelang es durch seine wundersame Art sich dieser Zwänge zu entledigen.

Im Alter von 31 Jahren kehrte Bamba schließlich für einige Zeit in die Stadt Mbacké zurück. Dort empfand er zum spirituellen Lehrer berufen zu sein. Eine Rolle die er nicht nur für einen kleinen Kreis erfüllen sollte. Er gewann tausende Anhänger, so dass man ihn gut und gerne als das spirituelle Oberhaupt des gesamten Senegal bezeichnen darf.

Auf dem Weg zum Marabout

Ahmadou Bamba wurde 1853 in Mbacké-Baol (Senegal) geboren. Er war ein Urenkel des Städtegründers Al-Khayris und Sohn des angesehenen Imam Mohammed Ibn Habiballah – dem wichtigsten Berater des Fürsten von Kayor – einem alten, nördlich von Baol gelegenen Königreich, das heute zur Republik Senegal gehört. Es war aber vor allem Ahmadou Bambas Mutter Diaratoullah, die ihm eine höhere islamisch-spirituelle Erziehung zukommen ließ. Als aber der junge Ahmadou gerade erst neun Jahre alt war, verstarb seine Mutter plötzlich. Durch diesen großen Verlust und die Frage nach dem Warum, zog sich der junge Ahmadou Bamba zurück aus dem Kreise seiner Nächsten und lebte von da an ein asketisches und frommes Leben. In dieser Zeit vertiefte er sich in das Studium des islamischen Schrifttums, studierte den Koran, beschäftigte sich intensiv mit der Scharia, der islamischen Gesetzgebung, und den Hadithen, den Überlieferungen über die Aussprüche und das Leben des Propheten Mohammed (as). Zu seinen wichtigsten Lehrern zählten seine Onkel mütterlicherseits, sie alle nämlich waren geachtete Koran-Gelehrte.

So wurde aus Ahmadou Bamba schon in jungen Jahren ein Islamischer Gelehrter, der bekannt war für sein außerordentliches Wissen und sein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen. Durch seine religiöse Poesie, begannen sich einige Gelehrte bald für den jungen Mann zu interessieren.

Gründung der Mouridiyya

Als Bamba gerade 27 Jahre alt war, verstarb auch sein Vater. Sein früher Tod bildete einen zweiten, tiefgreifenden Wendepunkt im Leben Bambas. Damals arbeitete er an einer Schule, doch ließ seine Rolle als dortiger Lehrer schließlich hinter sich. Von nun an war er ein spiritueller Führer all jenen, die auf Antworten warteten.

Noch im Todesjahr seines Vaters, gründete er 1883 die Bruderschaft der Mouridiyya: Die Beschreiter des mystischen Weges in der Nachahmung des Propheten Mohammed (as). Schon bald scharten sich um ihn viele Jünger. Ihnen lehrte er unter anderem:

Mein Herr gebot mir zu führen das Volk zu Gott, dem Allerhöchsten.
Jene die diesen Pfad begehen wollen, sie sollen mir nachfolgen.
Alle Übrigen, die nur Unterweisungen wünschen, richtet euch an die Buchgelehrten von denen es in diesem Land so viele gibt.

- Aus »Les bienfaits de l'eternel«, der Biografie Sheikh Ahmadou Bambas

Schnell wuchs Bambas Einfluss im senegalesischen Kayor. Eines Tages berief ihn der Prinz dieses Reiches an seinem Hof, einen Posten als Scharia-Richters anzutreten. Doch Bamba lehnte bescheiden ab.

Es ist mir nicht möglich diesen Ort und meine Schüler zu verlassen, die kamen um die Gepflogenheiten ihrer Religion zu erlernen; Ganz und gar nicht entspräche das meinen Vorstellungen.

- Aus »Les bienfaits de l'eternel«, der Biografie Sheikh Ahmadou Bambas

Ahmadou Bamba - ewigeweisheit.de

Sheikh Ahmadou Bamba (1853-1927): Gründer der Sufi-Bruderschaft der Mouridiyya.

Hingabe der Sufis an den Höchsten

Wer als neuer Schüler in den Orden der Mouridiyya aufgenommen wurde, durfte sich »Mourid« (auch Murid) nennen; diese arabische Bezeichnung, die sich aus der arabischen Wortwurzel »iradah« bildet, steht für das willentliche Verlangen nach einer vollkommenen Hingabe an Gott, durch die gleichzeitige Loslösung aus allen weltlichen Bindungen. Ein Mourid ist damit, im wörtlichen Sinne auch ein Sucher. Doch diese Bezeichnung an sich, war schon viele Jahrhunderte in Gebrauch. Mouriden waren auch solche Sufi-Größen wie Abdul Qadir Jilani, Imam Al-Ghazali oder Hazrat Inayat Khan.

Als Sheikh Ahmadou Bamba bereits eine sehr hohe spirituelle Reife entwickelt hatte, begann er die verschiedenen Glaubensschulen und -Orden unter dem gemeinsamen Banner des Islam zu einen. Dies geschah aber nicht nach eigenem Wunsch, sondern erfolgte durch das initiale Moment das Bamba erfuhr, als ihm sein Vater das Sufi-Geheimnis des Ordens der Qadiriyya übergab. Die Sufis sprechen da vom »Wird« einer Tariqa (Sufi-Orden).

Einweihung im Sufitum

Das arabische Wort Wird steht für eine besondere, charakteristische Gebetsformel, die die Essenz einer Tariqa bezeichnet. Erst wenn ein Mouride die notwendige spirituelle Reife entwickelt hat und auch die nötige Stärke, um Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, vor allem hinsichtlich anderer, insbesondere aber als Lehrer und Geistiges Oberhaupt, erst dann wird ihm das geheime Wird von einem Meister übergeben, dem Sheikh (Ordensoberhaupt und spiritueller Lehrer eines Sufi-Orden). Damit nimmt er dann die Stellung eines neuen Gliedes in der Silsila ein, der »Goldenen Kette« von Sheikhs, die ihn über frühere Generationen auf den Propheten Mohammed (as) zurückverbindet. Im Sufitum existieren zwei Linien: eine Silsila beginnt mit dem Kalifen Hazret Ali, die andere mit Abu Bakr.

Ahmadou Bamba wurde durch die Einweihung durch seinen Vater also zum Sheikh der Qadiriyya-Bruderschaft. Und wer die Silsila hält, den nennt man einen »Marabout« – einer der, so wörtlich, »aufgenommen« wurde, beherbergt in der Gemeinschaft der Diener Allahs. In ganz West-Afrika tragen hohe Eingeweihte diesen Titel, der sie als spiritueller und religiöser Lehrer und Anführer auszeichnet. In diesem Titel klingt auch an, was man etwa im persischen Sufismus den »Murschid« nennt. Ein Marabout ist aber weit mehr, als das man ihn mit nur wenigen Sätzen beschreiben könnte. Unter ihnen leben sowohl wandernde Heilige die nur von Almosen leben, doch auch einfache Koranlehrer an islamischen Schulen oder eben so einflussreiche Sheikhs wie Ahmadou Bamba.

Das Bamba seinen eigenen Orden, die »Mouridiyya« gründete, lag wohl daran, dass ihm die Überlieferungen des Qadiriyya-Ordens nicht ausreichten. Sein Durst nach wahrhaftiger Verbindung mit dem Allerbarmer war stärker. Für seine Schüler war Sheikh Ahmadou Bamba der Inbegriff eines Gottesdieners, dessen Aufgabe es war den Koran und die Gebräuche der Glaubensgemeinschaft zu schützen.

Ein Gottesdiener zum Schutze der Gläubigen

Die schnelle Ausbreitung des Islam war nur möglich, da der Prophet Mohammed und seine Anhänger als Einheit handelten. Das war Ahmadou Bamba klar gewesen und er wusste, dass das nicht etwa dem Wunsche Mohammeds nach geschah. Er war vielmehr der letzte Gesandte, der damals das höchste Amt als Gottesbote auf Erden innehatte, um den Befehl des Allmächtigen zu übermitteln und in gemeinschaftlicher Einheit einen himmlischen Plan zu erfüllen.

In diesem Sinne sahen die Mitglieder der Mouridiyya auch das Handeln ihres Sheikhs und halfen ihm überall im Land Koranschulen zu eröffnen. In diesen besonderen Einrichtungen erlernten die Adepten nicht nur die Grundlagen des islamischen Glaubens und des Sufismus, sondern erhielten auch eine landwirtschaftliche und kaufmännische Ausbildung. Kein Wunder, dass bis heute die senegalesische Wirtschaft in der Verantwortung der Mitglieder der Murdiyya liegt. Ihnen verdankt das Land auch seine wirtschaftliche und agrikulturelle Entwicklung. Die Mitglieder der Mouridiyya sind ein mystischer Sufi-Orden, für den insbesondere die Liebe zur Arbeit eine zentrale Rolle spielt.

Glaubenslehren der Mouriden

Sheikh Ahmadou Bambas lag besonders viel daran, seine Jünger zu edlen Charakteren zu erziehen, wie es die Getreuen des Propheten Mohammed (as) waren. Damit sagen die Mitglieder des Mouridiyya-Orden über sich, dass sie sich von anderen Tariqas (Sufi-Orden) unterscheiden. So heißt es, dass Sheikh Bamba immer betonte:

Arbeitet als ob ihr niemals sterben würdet und betet als würdet ihr morgen sterben und Arbeit ist ein Teil der Religion.

Und in der Tat entsprechen diese Aussagen den Lehren des Islam. Jeder seiner Anhänger sollte entweder Imam einer Moschee oder Leiter an einem Arbeitsplatz sein. Ihre zentrale Lehre dabei waren für die Mouriden drei festgelegte Grundsätze:

  1. Islam durch Fiqh: die Erkenntnis und das wahre Verstehen der religiösen Normen des Islam.
  2. Iman durch die sechs Artikel des Glaubens: der Glaube an Gott (1), an seine Engel (2), an seine Bücher (3: Offenbarung der Torah an Moses, die Evangelien an Jesus, den Koran an Mohammed), an seine Propheten (4: Adam, Henoch, Noah, Abraham, Ismail, Jakob, Josef, Hiob, Moses, Aaron, David, Salomon, Elija, Jona, Zacharias, Johannes der Täufer, Jesus von Nazareth, Mohammed), an das Jüngste Gericht und das jenseitige Leben (5) und der Glaube an die Vorherbestimmung (6: ganz gleich ob sie gut ist oder schlecht).
  3. Ihsan durch Sufismus: Hier geht es um den Inneren Glauben (Iman) eines Menschen, der sich sowohl in seinen Taten und Handlungen ausdrückt. Hieraus ergibt sich die Verantwortung gegenüber den Mitmenschen eines Mouriden, worin er sich selbst perfektioniert und ein Individuum ganz edler Gesinnung wird, immer wissend, das Allah über sein Leben und sein Werke wacht.

Die Mouriden (wie auch andere Sufis) streben also nach einem Islam, den sie zuerst nur in sich zu verwirklichen suchen. Eine Richtschnur dabei bildet die Scharia, dem »Weg zur Quelle« wie die Sufis sagen. Wer ihm, ihn folgend beschreitet, findet dabei sowohl Ritus und religiöses Gesetz. Um dies aber zu erfüllen, hat ein Mouride in seinem Ritualleben bedingungslos persönliche Verpflichtungen zu erfüllen (arab. Fard Al-Ayn): die täglichen fünf Gebete, das Fasten im Monat Ramadan, die Teilnahme am Freitagsgebet in der Moschee und die Almosensteuer.

Diese Verpflichtungen ordnen sich dem sogenannten Dreieck der Mouridiyya unter, die ein Mitglied dieses Ordens zu erfüllen hat:

  1. Liebe zu Allah und seinem Sheikh.
  2. Arbeit im Namen Allahs als Diener der Menschheit.
  3. Durch Liebe und Arbeit erkennt man allmählich das göttliche Licht hinter Allem, das jedoch im Herzen erkannt, mit dem »Auge des Herzens gesehen« wird.

Ein Erneuerer des Glaubens

In seinem Buch Kitab Al-Mulahim, notierte der islamische Traditionarier Abu Dawud As-Sidschistani (817-888) einen Ausspruch des Propheten Mohammed (as), worin dieser sprach:

Zu Beginn eines jeden Jahrhunderts wird Allah seinen Gläubigen (arab. Ummah) einen Erneuerer (arab. Mudschaddid) des Glaubens und des religiösen Verständnisses senden.

- Aus den Sahih Hadithen

Einen solchen Mudschaddid sehen seine Anhänger in Ahmadou Bamba. Manchmal nennen die Mouriden ihren Orden auch den »Weg der Nachahmer des Propheten«.

Der Legende nach verfasste er mehr als tausend, in klassischem Arabisch abgefasste Schriften, die sich allesamt auf den Koran und die Hadithen beziehen.

Wenn es nicht im Koran oder in den Hadithen ist, ist es nichts was einer von mir vernimmt.

- Aus »Der Pfad des Mouriden Sadiq« von Ahmadou Bamba

Im Senegal ist der Ruf der Mouridiyya auch deshalb so gut, da manche Eltern ihre Söhne eher in den Kreis eines Marabout schicken, als ihn in an eine gewöhnliche Schule zu geben. Dabei wird den Jungen der Islam, auf eine mystische Weise vermittelt und ihnen gleichzeitig beigebracht, wie sie durch richtiges Arbeiten und Handeln ihr eigenes Geld verdienen können. Eine recht zweckmäßige Angelegenheit, an der es scheinbar an vielen Orten Europas heute tatsächlich mangelt.

Friedlicher Kampf gegen den französischen Kolonialismus

Als Ahmadou Bamba zur Welt kam, befand sich sein Land unter französischer Kolonialherrschaft. Als Bamba ein Jahr alt war, ernannte man 1854 den französischen General Louis Faidherbe (1818-1889) zum Gouverneur des Landes. Er aber war offenkundig Feind des Islam und hasste außerdem alle Afrikaner. Allerdings sprach er sehr gut arabisch und war ein Kenner der Geografie des afrikanischen Kontinents. Es war ihm jedoch daran gelegen den Islam in Afrika tatsächlich auslöschen zu wollen – einer Religion, die dort seit dem 9. Jahrhundert praktiziert wurde.

In den kommenden Jahrzehnten aber wuchs die Gemeinschaft um Bamba so gewaltig an, dass die Vertreter der von Faidherbe so gehassten Religion, bei weitem in der Überzahl waren. In der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts war Sheikh Bamba für viele Senegalesen ein wirklich wichtiger Mensch gewortden, eine Größe die man wirklich als Heiligen verehrte – auch wenn das gänzlich unislamisch ist und auch gegen die Auffassung Bambas gewesen sein dürfte. Wie dem auch sei, wuchs Bambas Anhängerschaft sehr schell, so dass das die franzöischen Kolonialherren wirklich beunruhigte. Ihre Oberhäupter nämlich befürchten, dass Bamba darin vielleicht eine Chance zur Bildung einer Armee sehe.

Die französischen Kolonialherren begannen also damit Informationen über Bamba zu sammeln. Schließlich wurde er 1895 nach Gabun ins Exil deportiert. Es war echt außergewöhnlich, welchen Einfluss Bamba zu dieser Zeit auf die Menschen im Senegal ausübte. Es bildeten sich gar Legenden um ihn. Auf dem Schiff ins Exil soll er trotz Gebetsverbots und angelegte Eisenfesseln, sich aus ihnen befreit haben, um seine Pflichtgebete zu erfüllen. Schwere Folter nahm er hin und überlebte gar eine versuchte Hinrichtung. Andere erzählten, dass ihn die Franzosen in einen Löwenkäfig sperrten, doch die Tiere legten sich neben ihn und schliefen friedlich ein.

Den Effekt, den die Kolonialregierung mit seiner Deportation erzielt hatte, war also genau wider ihre Erwartungen. Denn all ihr Handeln gegen ihn, erhöhte Bambas Ansehen im Senegal immer weiter. Es war in dieser Zeit in der Ahmadou Bamba eine neue Form des Dschihad einführte: den Dschihad Al-Akbar, den »Großen Dschihad« – einem Kampf der im Namen des Glaubens, des Wissens und Gottesfurcht geführt wird. Damit schuf er die Fundamente einer neuen Gesellschaft in seinem Land, die sich weit über das erhob, was man als Widerstand gegen die Kolonialherren nennen könnte. Durch seinen Einfluss aus der Ferne, bereitete er im Senegal etwas vor, dass ihn für die Mouridiyya bei seiner Rückkehr zum Kalifen Gottes auf Erden machen sollte.

Ibrahima Fall - ewigeweisheit.de

Ibrahima Fall (1855-1930): engster Vertrauter Ahmadou Bambas.

Sheikh Ahmadou Bambas Rückkehr aus dem Exil

Im Juni 1912 ließ die französische Kolonialregierung Ahmadou Bamba zurückkehren, doch setzte ihn in der west-senegalesischen Stadt Diourbel unter Hausarrest, etwa 40 km von Touba entfernt, der Heiligen Stadt der Mouridiyya. Nach Diourbel aber folgte ihm sein wichtigster Schüler Sheikh Ibrahima Fall (1855-1930).

Trotz dieser Umstände aber, ließ Bamba erkennen, dass er keinerlei kriegerische Absichten hatte. Hiermit wurden die Beziehungen zwischen den Einwohnern und der Kolonialherren weiter verbessert. Ein wichtiger Grund dafür, dass die Bruderschaft der Mouridiyya immer weiter expandierte. Dies erfolgte in den von Ibrahima Fall gegründeten Stadtvierteln, den Keur Sheikh. Hierbei entstand die Gemeinschaft der »Baye Fall«, die ganz rasant zu einer neuartigen Bruderschaft heranwuchs, sich gemäß ihrer Silsila (siehe oben, »Goldene Kette«) jedoch auf Sheikh Ahmadou Bamba berief.

Gewaltlosigkeit als »Waffe«

Trotz dass er unter Hausarrest stand, erreichte Ahmadou Bamba durch seine Gewaltlosigkeit auf ähnliche Weise das, was später auch Gandhi oder Martin Luther King erreicht hatten. Im Gegensatz zu ihnen, die beide in ihrem Lebenswerk für Gewaltlosigkeit einstanden, starb Ahmadou Bamba nicht durch Gewalt, sondern friedlich in seinem Haus in Diourbel.

Bamba war nun eben ein durch und durch gläubiger und frommer Mann, in dem seine Anhänger ein »Gefäß der göttlichen Weisheit« sahen. Sie sagten außerdem, dass es etwas gibt, dass jenseits und über dem steht, was man allgemein unter »menschlicher Vernunft« versteht. Das war für Bamba seine vollkommene Hingabe an Gott. Diese Art Hingabe erfolge laut Bamba, nur durch ein vollkommen geläutertes und reines Herz. Wieviele unter jenen, die in der Geschichte als Größen der Weltpolitik in Erscheinung traten, waren zu solch Läuterung in der Lage?

Nur wer seinen Glauben so weit veredelt, dass er tatsächlich zu spiritueller Vervollkommnung aufstrebt, der wird befähigt zum Gefäß göttlicher Inspiration und Führung zu werden. Ahmadou Bamba wusste das ebenso, wie man es auch im Koran offenbart findet, was die folgenden Suren wiedergeben:

Fürchte Allah und Allah wird dich lehren.

- Sure 2:282

O ihr Gläubigen! Wenn ihr Allah fürchtet, wird er euch ein Richtmaß gewähren (um zwischen richtig und falsch zu entscheiden).

- Sure 8:29

Dies ist das Buch; darin ist sicherlich all jenen Gottesfürchtigen ohne Zweifel rechte Führung.

- Sure 2:1

Und jene welche, die in uns streben, ihnen werden wir sicherlich die Pfade weisen: Denn wahrlich ist Allah mit jenen die recht handeln.

- Sure 29:69

Drum harre geduldig aus: denn das (gute) Ende ist den Gottesfürchtigen.

- Sure 11:49

Ein dialektisches Prinzip von Glaube und Führung

Laut der Philosophie Amadou Bambas reicht das, was wir durch Gott direkt erfahren können weit über das hinaus, was man als Mensch an Weistum verbreiten oder lehren könnte. In dieser direkten Gotteserfahrung liegt vollkommene Klarheit im Verstehen der Wirklichkeit und letztendlich die Möglichkeiten zu wahrem Erfolg. Nur in dem was die Muslime »Taqwa« nennen, die »Gottesfurcht«, lässt sich die notwendige Klarsicht entwickeln, um die eigentlichen Gebote der göttlichen Wahrheit zu empfangen, die laut Bamba eigentlich jeder Mensch auf seine Weise zu erfüllen hat.

Gottesfurcht heißt nicht »Angst vor Gott«, sondern ist gleichbedeutend mit der ständigen Anbetung Gottes durch eigenes gutes Handeln. Wenn Amadou Bamba daher von einem »Spirituellen Dschihad« sprach, war damit etwas ganz anderes gemeint, als was der Begriff »Dschihad« heute missverstanden wird: nämlich als religiöser Fanatismus. Eher ging es Bamba darum seinen Schülern und Gefolgsleuten besondere Prinzipien zu vermitteln:

  • Die Perfektionierung ihres eigenen Glaubens,
  • ihre Entwicklung bedingungslosen Gottvertrauens,
  • ihre Hingabe an das Studium der Heiligen Schrift und die Pflichtgebete,
  • sowie das richtige Verhalten hinsichtlich islamischer Moralvorstellungen, die man sich durch eine richtige Bildung und die Entwicklung einer klaren Sicht erarbeiten soll.

Wer dem nicht so tat, dessen Glaube an Allah galt nicht mehr als der vergebliche Versuch in die Leere zu greifen. Wahre Gottesfurcht ist eben höher als alles diensteifrige Beten. Echte spirituelle Stärke erlangt nur, wer sein ganzes Streben ausrichtet auf die geistigen und moralischen Prinzipien des islamischen Glaubens, wie auch der Sunna, der Glaubensgemeinschaft des Propheten Mohammed (as).

Wahrlich, Allah wird jene verteidigen die glauben

- Sure 22:38

Die Wege auf denen diese Prinzipien verstanden werden konnten, wurden nämlich immer wieder durch die Bruderschaften der Sufis erneuert.

Das dialektische Prinzip von Glaube und Führung bildet das spirituelle Fundament in Bambas Denken. Und unter dieser Führung verstand er all das, was ihn in seinem Handeln schütze und ihn führte. All das geschah durch ihn selbst, da er seine Hingabe an Gott so weit in eine Klarheit brachte und perfektionierte, dass sich ihm quasi nichts mehr in den Weg stellen konnte. Nur so auch konnte er die französischen Kolonialisten »besiegen«, ohne sich ihnen zu widersetzten. Allein durch den inneren Dschihad den er führte, gelang ihm das, als ein Mensch der erfüllt war vom unerschütterlichen Glauben eines rechtschaffenen Menschen. Was Sheikh Ahmadou Bamba als Kampf in sich selbst austrug, führte zur Reinheit seines spirituellen Herzens, dem was die Sufis »Qalb« nennen. Nur damit konnte er sein Dasein dem Wohle der Menschheit widmen.

Somit hatte das Wort »Dschihad« für Ahmadou Bamba eine weit größere Bedeutung als nur das, was bis heute viel zu viele Menschen in das Wort hinein interpretieren. Denn sein innerer Kampf des Dschihad war nichts gegen die Menschheit, sondern etwas, das gegen seine inneren Feinde gerichtet war: Wesenheiten und Gedanken-Phantome die jeder von uns in sich trägt, die anstacheln zu gedanklichen Selbstgesprächen und in solchen inneren Dialogen unsere Geisteskräfte vergeuden. Erst wenn solche widerstrebenden Kräfte in uns ausgemerzt und die damit einhergehenden Hindernisse ausgeräumt wurden, entsteht die notwendige »Leere«, die im Menschen ein wahres Empfinden erzeugt, womit er im Stande ist auch seinem Gegenüber, allein durch seine Anwesenheit, Ängste und Wut zu nehmen.

Hätte Ahmadou Bamba nicht die Kraft besessen, diesen inneren Kampf auch tatsächlich auszutragen, wäre er wohl einer der unzähligen Muslime geblieben, die vor ihm, gegen die französischen Besatzer im Senegal gekämpft hätten.

Es war also ein gewaltloser Widerstand, dem sich Ahmadou Bamba ergab, als er sich freiwillig 1895 ins Exil begab. Damit ging er weit darüber hinaus, wozu ein »Normalsterblicher« überhaupt in der Lage ist. Denn er stand über allem Wunsch sich zu empören und daraufhin reagierend in den Widerstand zu gehen, gegen all die Ungerechtigkeiten die ihm und seinen Landsleuten angetan wurden.

Somit scheint, als wäre tatsächlicher, äußerer Widerstand insofern zum Scheitern verurteilt, sofern er noch mehr Leid erzeugt, wie etwa durch Kriege und revolutionäre Gewalt.

Die Große Moschee in Touba (Senegal) - ewigeweisheit.de

Durch Marabout Ahmadou Bamba kam es 1924 zum Bau der Großen Moschee von Touba. An ihren vier Ecken ragt jeweils ein 66 m hohes Minarette in den Himmel: Ein gematrisches Geheimnis (arab. Abjad)?

Zum Wohle und zum Frieden in der Welt

Im Jahr 1910 verfasste Bamba einen Rundbrief an seine Anhänger. Er forderte sie auf, so wie auch er, Gehorsam gegenüber der Kolonialmacht zu erbringen. So konnte er erreichen, dass seine Mouriden bis 1913 gute Beziehungen zu den Franzosen hatten. Auch seine Lehre von der harten Arbeit seiner Gefolgschaft, trug zur Sympathie aus Kreisen der Kolonialisten bei.

Am Prophetengeburtstag 1914 empfing er schließlich 4.000 Pilger aus ganz Senegal. In den kommenden vier Jahren waren es bereits 20.000 Mouriden. Die Zahl der Verehrer überstieg damit sogar die Anhängerschaft eines normalen Marabout. Somit gilt Bamba den Senegalesen tatsächlich als ein Nachfolger des Propheten Mohammed (as), doch auch einer der gekommen war um den Glauben des Islam zu erneuern.

Mit dieser Entwicklung begann Bambas eigentlicher Einfluss sich allmählich zu schmälern. Man sah in ihm einen Gotterwählten, den man irgendwann nur noch als lebendes Symbol des Glaubens wahrnahm, während seine Nachfolger begannen im Senegal die Kontrolle zu übernehmen.

1927 starb Ahmadou Bamba in seinem Haus in Djourbel. Man setzte ihn bei in der Stadt Touba – jenem Ort wo ein besonderes sakrales Bauwerk entstehen sollte: Die Große Moschee (siehe Abb.).

Das Erbe das Bamba der Nachwelt hinterließ, war durchaus etwas, das es bis zu seinem Wirken auf Erden nicht gegeben hatte. Denn wie wohl kaum einer vor ihm, verstand er aus sich selbst heraus einen Kampf zu führen, der, wie oben beschrieben, mehr erreichte, als je seine Vorgänger im Stande gewesen wären. Es war der Sieg eines inneren Dschihad über die äußeren Missstände in seinem Heimatland Senegal. Möge sein Vorbild dazu dienen, dass auch wir und jeder von uns auf ähnliche Weise zum Wohle und zum Frieden in der Welt beitragen.

 

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Der Dhikr der Sufis: Auf dem Weg zum Licht Allahs

von S. Levent Oezkan

Tesbih - ewigeweisheit.de

Dhikr ist die zentrale Praxis der Sufi-Derwische. Damit beabsichtigen sie ihr Herz von allen Versehrungen zu reinigen. Ihr Wunsch ist Raum zu schaffen, für die Liebe Allahs und ein Bewusstsein seiner universalen Größe. Der Dhikr, so die Sufis, bringt Frieden und Erfüllung - für einen selbst, wie auch für andere.

Im Dhikr praktizieren die Sufis, neben den fünf täglichen Pflichtgebeten, diese spezielle Form des Gebets. Nicht aber nur zu bestimmten Zeiten, sondern ununterbrochen. Der Gläubige führt im Schweigen ununterbrochen diese Form des stillen Gebets aus. Das ist in etwa mit dem Herz-Jesu-Gebet in der christlichen Tradition vergleichbar. 

Seiner arabischen Bedeutung nach, bedeutet das Wort Dhikr (arab. ذكر, auch "Zikr") "Gottgedenken" (Dhikr Allah). Damit ist die meditative Vergegenwärtigung Allahs gemeint. Wie jedoch dieses Gottgedenken ausgeübt wird, darin unterscheiden sich die verschiedenen sufischen Orden (Tariqas).

Unter den Sufis, die Dhikr praktizieren, gibt es manche die mehr Wert auf einen stillen Dhikr legen – eine Form stiller, meditativer Rezitation heiliger Worte und Verse. Anderen Sufi-Orden ist insbesondere der gemeinschaftliche, laute Dhikr wichtig, der je nach Schulrichtung, wahrhaft ekstatische Züge annehmen kann. Darum auch bedeutet Dhikr, vollkommene Hingabe an Allah.

Dhikr ist eine Empfehlung aus dem Koran, worauf folgende Verse hinweisen:

Siehe, das Gebet hält vom Schändlichen und Verwerflichen ab. Doch das Gedenken (Dhikr) Gottes ist wahrlich bedeutender.

- Sure 29:45

O die ihr glaubt, gedenkt Allahs in häufigem Gedenken (Dhikr) und preist Ihn morgens und abends.

– Sure 33:41f

Über den wachsamen Atem

Meist wird der Dhikr in Harmonie mit der Atembewegung praktiziert. Der Sufi-Schüler beginnt dabei zumeist mit der Formel "Allah Hu" ألله هو - "Allah, Er ist". Mit jedem Einatmen im Geiste wird der Name "Allah" gesprochen – mit jedem Ausatmen das Wort "Hu". Dabei wird, mit jedem Atemzug, das Herz mit göttlicher Energie erfüllt.

Der Ort des so ausgeführten Dhikr liegt aber nicht in den Atemorgan an sich, sondern im Herzen. Immer wird der Dhikr im Herzen ausgeführt. Es gibt dafür einen Grund: gemäß der Sufi-Lehren, geht vom Herzen die größte Wärme im Körper aus. Und nur im Herzen können göttliche Lichterscheinungen empfangen werden.

Darum sollte der Suchende schnell und energisch atmen, um ausreichende Wärme im Herzen und im Blutkreislauf zu erzeugen, um das Blut zu erwärmen, damit es "zu leuchten beginnt".

Im freien Atmen befördert man den Namen "Allah" ins Innere des Herzens und bringt die selbe Bedeutung, in transformierter Form, wieder nach Außen, im Aussprechen des Namens "Hu". Um das sogenannte Herzensdhikr auszuführen, vollziehen die Sufis diese heftige Stoßatmung, die sie verbinden mit Körperbewegungen und geistiger Konzentration. Grundvoraussetzung für einen wirksamen Dhikr, ist die rhythmische Ausführung oben beschriebener Praxis.

Die mentale Konzentration auf das Herz, eine Rezitiation der heiligen Worte, Atmung und Körperbewegung, muss im Dhikr synchron ausgeführt werden. Es nützt nichts, den Namen oder die Atmung gleichzeitig auszuführen, während der Geist umherwandert, sich in Erinnerungen und Sorgen verstrickt.

Der Dhikr als Ergänzung zum islamischen Pflichtgebet

In der spirituellen Praxis der Derwische, die den Dhikr entweder laut gesprochen oder still im Herzen ausführen, können alle möglichen Formen von Segnungen empfangen werden. Dabei rezitiert der Sufi Verse der Suren, Heilige Namen oder andere im Islam relevante Verse (wie etwa das islamische Glaubensbekenntnis).

Ein Detail ist hier besonders interessant, da ja Sprache und Herz im selben Zusammenhang genannt werden: Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), sind die Zungenspitze, als jener Körperteil der Wörter zu Sprache formt, und das menschliche Herz, über einen gemeinsamen Meridian verbunden.

Zweck des Dhikr

Die Sufis glauben, dass wir, als spirituelle Wesen, von Dschinnen umgeben sind: das sind feinstoffliche Lebensformen, die uns zwar sehen, wir sie aber nicht direkt wahrnehmen können. Sie aber verfügen über Kräfte, die am Menschen gewissermaßen zerren und ihn ständig von seinem Weg abbringen wollen. Das hat natürlich auch einen konstruktiven Aspekt, wenn sich jemand diesen Kräften widersetzt und damit quasi eine Art spirituelles Krafttraining ausübt. Für die Sufis besteht diese Übung zum einen durch ihre fromme Ausübung der fünf täglichen Pflichtgebete, die in der restlichen Zeit des Tages, durch einen andauernden Dhikr ergänzt werden. Sie erinnern sich damit also ständig an die göttliche Wahrheit, von der der Mensch, nach sufischer Auffassung, ja ein Teil ist.

Je mehr sich nun der Sufi an Allah erinnert, je mehr kommt er in den Genuss göttlichen Segens. Hierher verweisen folgende Suren des Heiligen Koran:

O ihr Gläubigen, lasset euch durch euer Vermögen und eure Kinder nicht vom Gedenken an Allah abhalten. Und wer das tut, der gehört zu den Verlierenden.

- Sure 63:9

Diejenigen, die überzeugt sind und deren Herzen befriedigt werden im Gedenken an Allah. Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.

- Sure 13:28

[…] Allahs viel gedenkende Männer und gedenkende Frauen – ihnen allen wird Allah vergeben, für sie hat er großartigen Lohn bereitet.

- Sure 33:35

Allah hat die schönste Botschaft, ein Buch, herabgesandt, eine sich gleichartig wiederholende Schrift, vor der denen, die ihren Herrn fürchten, die Haut erschauert; dann erweicht sich ihre Haut und ihr Herz zum Gedenken Allahs. […]

- Sure 39:23

[…] Allahs zu gedenken, ist gewiß das Höchste. Und Allah weiß, was ihr begeht. […]

- Sure 29:45

Bei alle dem aber muss betont werden, dass das rituelle Gebet im Islam (Salaat), sowie das Lesen der Koransuren, aber dem Dhikr übergeordnet bleibt.

Trotzdem ist es für einen wahren Sufi von großer Bedeutung den Dhikr auszuüben – sprechend in der Gruppe oder allein, sowie schweigend im Herzen. Keineswegs aber versucht der Islam den Gläubigen zu spiritueller Praxis (Gebet, Dhikr) zu zwingen, noch Anderes, Weltliches wegen der Ausübung zu unterlassen oder zu meiden.

Eher soll die Nähe zu Gott erzielt werden, um damit das Licht Allahs zu empfangen – durch Rezitation und Herzensgebet – auch dann, wenn der Sufi mit alltäglichen Aufgaben beschäftigt ist.

Ein wahrer Sufi wird den Dhikr immer ausüben, unter allen gegebenen Umständen. Ganz gleich, was er gerade tut: während er sich um seine Familie, seine Verwandten kümmert, während er arbeitet oder während er mit anderen Menschen Handel treibt. Er führt in seinem Herzen, ein ständiges Kreisen der heiligen Namen und Verse aus und handelt aus diesem spirituellen Zentrum heraus, um in der Außenwelt Gutes zu vollbringen.

Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Wechsel der Nacht und des Tages, liegen wahre Zeichen für jene die verständig sind, die Allahs gedenken im Stehen und im Sitzen und auf ihren Seiten und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: 'Unser Herr, Du hast dieses nicht umsonst erschaffen. Gepriesen seist Du, darum hüte uns vor der Strafe des Feuers.'

- Sure 3:190f

In einer alt-islamischen Überlieferung heißt es hierzu:

Der Prophet Mohammed (as) sprach einst zu Ibn Umar, einem seiner Gefährten: 'Wenn ihr an den Paradiesgärten vorrüberschreitet, nutzt diese Gelegenheit.' Da fragte Ibn Umar: 'Was sind die Paradiesgärten, o Gesandter Allahs?', worauf der Prophet Mohammed (as) antwortete: 'Die Versammlungen des Dhikr (eine Gruppe Frommer, die den Dhikr ausüben). Es gibt himmlische Engel, die nach diesen Versammlungen des Dhikr suchen. Sobald sie solch eine Gruppe finden, lassen sie sich dort nieder, um diese Versammlung zu umsäumen.'

- Aus dem Fiqh Us-Sunnah des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Sufi Dhikr – ewigeweisheit.de

Dhikr ägyptischer Sufis in einem Gemälde des englischen Künstlers Robert Talbot Kelly (1861-1934).

Der heilige Satz "La ilaha illa Allah"

Einer der zentralen Gebetsformeln des Dhikr, ist der erste Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses: "La ilaha illa Allah" - "Es gibt keine Gott außer Allah". In den gesammelten Aussprüchen des Propheten Mohammed (as), den sogenannten "Hadithen", heißt es dazu:

Die beste Form sich an Allah zu erinnern, besteht in der Rezitation des Satzes 'La ilaha illa Allah.'

- Aus einem Hadith des Isa At-Tirmidhi (825–892)

Daher das Wort Dhikr: die Erinnerung an Gott. In einem anderen Hadith heißt es, dass der Prophet Mohammed (as), einst zu seinen Gefährten sprach:

'Erneuert euern Glauben', worauf sie fragten: 'Wie können wir unseren Glauben erneuern?' Darauf antwortete er 'sagt immer wieder La ilaha illa Allah.'

- Aus dem Fiqh us-Sunnah, des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Man könnte darum durchaus sagen, dass man den Dhikr garnicht oft genug ausüben kann. Mohammed (as) sprach dazu in einem anderen Hadith:

Die Stunde (das Jüngste Gericht) wird erst eintreten, wenn keiner mehr 'Allah, Allah' sagen wird.

- Aus der Hadith-Sammlung des Muslim Ibn Al-Hadschadsch (Sahih Muslim)

Politur des Herzens

Für die Sufis ist Gott im menschlichen Herzen gegenwärtig. Der Dhikr aber ist das Mittel, sich diese göttliche Anwesenheit bewusst zu machen. Jenes Herz, von dem hier die Rede ist, ist etwas, dass sich über das organische Herz hinaus erstreckt. Es ist ein spirituelles Organ, dass aber im Dhikr, tatsächlich auf das physische Herz des Praktizierenden zurückwirkt; er kann es spüren.

In diesem spirituellen Herzen nun, sehen die Sufis einen metaphorischen Spiegel, der ihm erlaubt über das göttliche Geheimnis zu reflektieren.

Jeder Mensch verfügt über dieses spirituelle Herz, diesen geheimnisvollen Spiegel. Doch mit der Zeit setzt sich darauf eine, bisweilen starke Schmutzschicht ab. Es sind jene verdunkelnden Gefühle, wie Zorn, Eifersucht, Neid und übermäßiges Verlangen, die die Oberfläche dieses spirituellen Spiegels verdunkeln. Der Dhikr aber dient als Politur, mit deren Hilfe seiner Oberfläche wieder Glanz verliehen wird, damit sich darin die göttliche Vollkommenheit widerspiegeln und den Sufi, von innen heraus, erleuchten kann.

 

هو

 

Der Heilige Name "Hu".

Vom Gottgedenken der Sufis

Der persische Sufi Nedschmettin Al-Kubra (gest. 1221) spricht von einem Feuer, dass entfacht wird, durch das im Dhikr erfolgende Gottgedenken. In seinen Flammen verbrennt alles Dunkle. Was Al-Kubra damit meinte, war aber keineswegs nur sinnbildlich gemeint: wenn dieses Feuer in ein Haus eindringe, so vernehme man "Ich, und kein anderer" (entsprechend dem islamischen Glaubensbekenntnis). Die Flammen aber verzehrten alles dort befindliche Brennholz.

Was aber ist mit dem Feuer, dass, laut muslimischen Glaubens, in der Hölle lodert? Die Sufis sehen darin ein schwelendes, dunkles und langsam loderndes Feuer. Das Feuer aber, dass der Dhikr entfacht, steigt auf und ist rein, hell und schnell lodernd.

Drei Stufen der Versenkung

Al-Kubra nun, unterscheidet drei Stufen der Meditation. Darin kann der Sufi allerdings nicht nur positive Erfahrungen machen, sondern gar an der Todesgrenze schlittern. Aber an genau jenem "letalen Grat", macht ein Mensch die Erfahrung, die man in den Traditionen in Ost und West als "Einweihung" bezeichnet (Buchtipp).

  1. Die Meditation über das Daseins: Al-Kubra beschreibt diese Erfahrung wie die eines Fürsten, der auf einem Feldzug in ein Land eindringt. Dabei hört der Sufi verschiedene Klänge: Posaunen und Pauken erklängen, worauf das Rauschen von Wasser und Wind wahrnommen würden. Was er dabei jedoch erfährt ist äußert heftig: sein Körper kann beginnen zu schmerzen und es bestehe sogar die Gefahr, dass seine Seele den Körper verlässt, die "silberne Schnur" durchreißt und er dabei stirbt.
  2. Die Meditation, die das Herz berührt: in dieser Stufe fällt der Sufi, in seinem Gottgedenken, quasi in sein Herz hinein. Dabei stößt er in eine Stufe der Wahrnehmung hervor, die in einzigartige Visionen erleben lässt.
  3. Die Meditation über das Geheimnis: hier spricht Al-Kubra vom Hineinfallen des Gottgedenkens ins Geheimnis. Damit entschwindet dem Sufi sein aktives Bewusstsein und er geht vollkommen auf, in eben diesem Gottgedenken. Ab dieser Stufe bleibt jenes Gottgedenken beim Sufi – schwirrt in ihm, sozusagen als stille, automatische, lebendige Rezitation.

Formen des Dhikr

Grundsätzlich kann der Dhikr auf drei unterschiedliche Formen ausgeführt werden: praktisch, verbal und still. Damit versucht der Sufi sich in seinem Handeln und Denken, kontinuierlich dem Gedenken an Gott hinzugeben.

Praktischer Dhikr

Den sogenannten "Dhikr-e-Faily", den praktischen Dhikr, führt der Sufi aus in seinem gehorsamen Handeln. Dies umfasst:

  • die göttlichen Gebote im Islam: Das tägliche Gebet, das Fasten zu Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch), die Pflicht Almosen zu geben (Zakat) und im Sinne seiner Mitmenschen, karitativ zu handeln - und
  • die Sitten, Bräuche, Werte und Normen seines Landes einzuhalten und entsprechend der Sunnah (Bräuche) des Propheten Mohammed (as) zu essen, zu trinken, sich zu bewegen, zu sprechen und sich zu kleiden.

Mündlicher Dhikr

Zentraler Gottesname im Dhikr ist das Wort "Allah", auch im lauten, mündlichen Dhikr. Doch auch die Anrufung eines seiner 99 anderen Namen ist üblich (siehe Asma Al-Husna).

Außerdem meditieren die Sufis im lauten Dhikr über folgende Formeln:

  • Subhan Allah سبحان الله – Allah ist erhaben,
  • Al-Hamdulillah الحمد لله – Lobet Allah,
  • Allahu Akbar الله أكبر – Allah ist der Größte,
  • Ya Allah يا ألله – O Allah,
  • Ya Hu يا هو – O Er,
  • Ya Hayy يا حي – O Lebendiger,
  • La ilaha illa llah لا اله الا الله – Es gibt keinen Gott außer Allah, dass dann auch durch den zweiten Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses ergänzt wird,
  • Muhammadun rasul ullah محمد رسول الله – Mohammed ist der Gesandte Gottes,
  • Estaghfirullah أستغفرالله‎ – Ich bitte Gott um Vergebung.

Die Anzahl der Wiederholungen der Namen beläuft sich normalerweise auf 11 oder 33. Um diese Anzahl genau abzuzählen, verwendet man die islamische Gebetskette (Tasbih) mit 11, 33 oder auch 99 Perlen, die je in Gruppen von 11 unterteilt sind. Diese Anzahlen gelten auch für den stillen Dhikr.

Der laute Dhikr ist mit einer stoßweisen Ausatmung verbunden. Häufig wechseln dabei die Neigungungen des Kopfes und Oberkörpers zur Seite. Im Stehen wird diese Bewegung durch ein rhythmisches Bewegen der Beine unterstützt, wobei sich der Oberkörper leicht auf und ab bewegt.

Stiller Dhikr

Ziel des stillen Dhikr, ist das, was Al-Kubra als die dritte Stufe des Gottgedenkens bezeichnet: der Sufi strebt an, seine(n) Namen immerwährend zu wiederholen. Auch inmitten aller anderen weltlichen Aktivitäten, fährt er damit in seinem Herzen fort und aus dem Herzen heraus, erfolgt sein Gottgedenken. Die heiligen Silben die er dabei im Herzen rezitiert, entsprechen jenen des lauten Dhikr (siehe oben) und können auch mit den 99 Namen Allahs ausgeführt werden.

Spirituelle Praxis in den verschiedenen Sufi-Orden

Generell lässt sich sagen, dass den Sufi-Weg vier Elemente bestimmen:

  1. Die Einhaltung der Schariah, dem islamischen Gesetz,
  2. die Beachtung der Sunnah, der islamischen Gebräuche,
  3. der Dhikr, das Gedenken an Allah und
  4. ein besonderer Ehrencodex der Liebe.

Da nun aber die verschiedenen Sufi-Schulen (Tariqas) ihre eigenen Formen des Dhikr ausüben, führen eben so viele Wege zu Gott, auf denen sich die Muriden (Sufi-Schüler) bewegen.

Bei den berühmtesten Sufi-Orden, wie der Qadiriyya, Chistiyya und Sohrawardiyya, beginnt der Murid mit dem lauten, mündlichen Dhikr, den er später in den Herzens-Dhikr (Qalbi Dhikr) transformiert und dabei veredelt. Der Orden der Naqshbandiyya allerdings, führt den Muriden direkt zum Herzens-Dhikr.

Vom Segen des Dhikr

Von jeder guten Tat geht ein Segen aus. Und der guten Taten sind viele! Die Sufis aber sagen, dass das Beste, dass ein Murid ausführen kann, der Dhikr ist. Riesig sind die Segnungen die durch die Praxis des Dhikr gewonnen werden können. Wer diese Form der sufischen Meditationspraxis täglich übt, den umgeben bald Gelassenheit und Frieden.

Wer mit der Dhikr-Praxis anfängt, sollte sein Denken auf ein bestimmtes Ziel ausrichten. Welches Ziel das ist, sei jedem selbst überlassen, solange es zum Guten hinstrebt.

Der Dhikr an sich aber, hat eigentlich nur ein wahres Ziel: das Schauen göttlichen Lichts, dass aus dem eigenen, innersten Seelenbrunnen, in schillernsten smaragdgrünen Lichtern hervorstrahlt. Wer dieses erhabene Ziel erreicht hat, der kann sich wahrlich als Erleuchteten bezeichnen. Es ist ein langer Weg dorthin, teils beschwerlich – doch allemal lohnend – für den Sufi selbst, wie für jene, die ihn umgeben. Inshallah (Wenn Allah will)!

 

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Vom Streben der Sufis nach innerer Gotterfahrung

von S. Levent Oezkan

Die Sufis - ewigeweisheit.de

Das unterscheidet die Anhänger der profanen Religionen von den Mystikern: Judentum, Christentum, Islam gehen grundsätzlich nicht davon aus, dass ein Eins-Werden mit Gott möglich ist. Die Mystiker des Sufismus aber glauben sehr wohl, dass der Mensch nicht für immer Gott "nur" gegenübersteht, sondern tatsächlich eine Einheit in Gott erfahren kann.

Für profane Gläubige ist eine solche Vorstellung ganz unmöglich, wenn nicht sogar Gotteslästerung. Ähnlich den sufistischen Vorstellungen, erstrebten im Mittelalter auch christliche Mystiker ein solches Einswerden mit Gott. Viele von ihnen aber wurden von der Inquisition verdächtigt und verfolgt. Diese Rolle scheint heute der radikalisierte Islam übernommen zu haben.

Zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert entwickelte die Sufi-Bewegung einflussreiche Glaubensstrukturen, die neben den islamischen Gesetzesschulen existierten und diese teils stark beeinflusste.

Sufis besitzen ihre eigene Theologie und eigenen Frömmigkeitsformen, die sie in ihren Begegnungszentren pflegen, den Dargas (auch "Tekke" genannt).

Vielen Menschen im Westen fehlt heute der Zugang zum Islam. Sicher trugen dazu solche Ereignisse bei, wie der 11. September 2001 und der gegenwärtige, sogenannte "Islamistische Terror". Unter Sufismus verstehen viele aber einen moderaten Islam, der wegen seiner mystischen Elemente, insbesondere für spirituell Suchende recht interessant erscheint.

Der Begriff Dschihad, ruft bei den meisten Menschen Assoziationen von Angst und Gewalt in Erinnerung, wobei in Wirklichkeit dieses arabische Wort nicht auf Waffengewalt deutet, sondern auf die Anstrengung des Einzelnen, auf dem Weg zur ultimativen Gotterfahrung. So aber ist es mit Wörtern: sie werden oft nur als Hülsen verwendet, um sie mit irreführenden Inhalten zu stopfen. Insofern aber, verfügen auch die Sufis über eine sehr starke "Waffe" - wie es einmal der pakistanische Friedensforscher Syed Qamar Afzal Rizwi formulierte - und diese Waffe ist die Liebe.

Mystik der Sufis

Wenn jemand das Wort "Sufi" oder "Sufismus" gebraucht, verweist er damit auf die Mystiker im Islam. Was aber ist ein Mystiker? Etwas "Mystisches" ist ja etwas Rätselhaftes, Seltsames - vielleicht sogar Irrationales? Das Wort "Mystik" ist griechischen Ursprungs und verweist auf die zentrale Haltung der Mystiker: sie nämlich, verschließen ihren Mund, griechisch myein, da sie mit Uneingeweihten nicht über die Geheimnisse ihrer Tradition sprechen. 

Somit ist der Sufi, als islamischer Mystiker, eigentlich jemand, der sich ausschweigt über die Geheimnisse seines Glaubens, seiner Spiritualität und der Lehren seiner Schule. "Profane Ohren" gehen die Geheimnisse der Sufis nichts an. Es geht hier aber nicht etwa um Geheimniskrämerei, was manche Verschwörungstheoretiker oft ja auch den Bruderschaften der Freimaurer unterstellen. Eher hat das Schweigen einen viel triftigeren Grund: manche Geheimnisse zu erfahren, würden einem Nicht-Eingeweihten einfach nur schaden. Das Verschwiegenheitsgebot dient also dem inneren Heil des Uneingeweihten. Schließlich lassen sich die in den inneren Zirkeln der Sufi-Bruderschaften gemachten Erfahrungen, auch gar nicht intellektuell erfassen. Darum können sie auch nicht erzählt werden. 

Wenn der Sufi-Scheich einen Neophyten in die Geheimnisse seines Ordens einweiht, vermittelt er ihm eine unmittelbar intuitive Erfahrung. Für die Sufis ist das die Einheitserfahrung mit Gott. Erkenntnis und Weisheit, Licht und Liebe: das sind Erfahrungswerte die man nur gewinnen, jedoch nicht intellektuell erklären kann. Eine Erfahrung jemandem zu erklären, der sie noch nicht gemacht hat, wäre ebenso umständlich, wie als wollte man jemanden den Unterschied zwischen Zuckerwasser und Honig erklären. Wer vom Honig aber kostet: was bedarf es da noch einer Erklärung?

Entsagung im Sufitum

Mystik und Asketentum liegen nahe beieinander. Die frühen Sufis zeichneten sich dadurch aus, dass sie grobe Wollgewänder trugen. Daher auch ihr Name: Suf ist der arabische Name für die Wolle. Das arabische Wort für Mystik ist Tasawwuf, was wörtlich meint "sich in Wolle kleiden". Jene Wollgewand tragenden Asketen waren oft auch Sufis, die wegen ihrer eigenartigen Philosophie und teils besonderen islamischen Frömmigkeit auffielen. Seit den Anfängen des Islam (7. Jahrhunder), gab es Sufis. Die ersten unter ihnen waren vielleicht ersten Anhänger Mohammeds (as), die eine enge Liebe zu Gott verspürten und eine mystische Vereinigung mit ihm anstrebten. Ihnen war der islamische Prophet ein Vorbild, gar die Verkörperung, für diese Liebe in Gott.

Die ursprünglichen Einflüsse des Sufismus, sind aber viel älter als der Islam. Man kann sagen, dass verschiedene Hauptströmungen die spätere Geschichte des Sufismus beeinflussten. Das war neuplatonisches Gedankengut von der göttlichen Einheit und dem Wesen der Seele. Das Eremitentum christlicher Mönche, sollte die Sufis ebenso beeinflussen, wie jene buddhistische Asketen, deren Meditations- und Atemtechniken, die Sufis in ihre Tradition integrierten. Auch Einflüsse der Schamanen, mit denen besondere naturmystische Bräuche und Sitten überliefert wurden, findet man im Sufismus.

Generell kann man sagen, dass die Ursprünge des Sufismus gewiss auch im islamischen Asketentum wurzeln. Nicht zufällig eben tragen Sufis das grobe Wolltuch, die Kleidung der armen Leute. Daher auch der persische Name "Derwisch", was einen armen Menschen ohne Besitz bezeichnet.

Sufis waren immer auch Leute, die mit ihrer Art provozierten. Vielleicht würde man heute von "Aussteigern" sprechen, die die bestehende Gesellschaft verachtete, die aber aktive Kämpfer für den wahren Glauben wurden (Dschihad). Doch nicht etwa im Sinne militanten Handelns (wenngleich in der Geschichte auch davon berichtet wird), als vielmehr Schwärmern, die vor Gottes Drohung und Zorn in Gottes Schutz und Arme flohen.

Anders als durchschnittliche Muslime praktizierten die ersten Sufis fromme Entsagung. Sie ordneten sich den Gesetzen Gottes unter und legten höchsten Wert auf Frömmigkeit und sakrale Reinheit. Dieses Streben ergab sich in der Zeit des Kalifats der Umayyaden, Anfang des 8. Jhd. Man stellte sich aktiv gegen die damals in der arabischen Welt zunehmende Verweltlichung und sah im Wunsch nach Luxus nur einen allgemeinen Sittenverfall. Vielen war Vorbild Al-Hasan Al-Basri (gestorben 728) - ein arabischer Asket, der ein schlichtes, doch rechtschaffenes Leben im Dienste Allahs anstrebte. Was er und seine Anhänger suchten, war allein der Wunsch in Gott aufgehoben zu sein - etwas, dass natürlich nur durch Selbstverleugnung zu erzielen ist.

Vom Wunsch die Freundschaft Gottes zu erlangen

Mystik ist jedoch mehr als Asketentum und Selbstverleugnung. Ein Mystiker ist einer, der bewusst nach der inneren Erfahrung göttlicher Wirklichkeit strebt. Doch eigentlich müssen wir gar nicht unterscheiden zwischen Asket und Mystiker, bejahen schließlich beide eine Abkehr vom Weltlichen. Das heißt, dass die Sufis immer versuchen, sich im Innern, teilweise aus der menschlichen Gesellschaft loszulösen und zu befreien. Askese ist dabei nur eine Übung, nur eine Station auf dem Weg. Es geht den Derwischen vor allem um die Inneneinkehr, mit dem Ziel eine unmittelbare Einheit in Gott zu erlangen, ein Freund Gottes zu werden. Daher der Name für die Sufis: Auliya Allah - die Gottesfreunde.

Dichtung und Musik sind ganz essentielle Bestandteile der mystischen Praxis der Derwische. In den Kreistänzen der Mevlevi-Derwische (aus dem türkischen Konya), dem Semâ, bringen sich die Tänzer in Extase, vergessen sich selbst und versuchen so, ihr Ich im unermesslichen Absoluten Allahs aufzulösen und damit Eins zu werden.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist das Gedenken Gottes - Dhikr Allah: Mittel zur Erlangung ekstatischer Zustände. Darin werden rhythmisch, litaneienhaft Gott und seine 99 Namen angerufen. Auch bestimmte Formeln aus dem Koran sind dabei relevant. Insbesondere aber die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis:

La ilaha illa llahu - لا إله إلا الله - Es gibt keinen Gott außer Gott!

Bei all ihrer Praxis ist Vorbild der Prophet Mohammed (as), als ein Mensch der erfüllt ist von Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Mitleid und Erbarmen. Kein anderer wie er, so die Derwische, hatte die Vertrautheit mit Gott erreicht. Wer darum versucht den Lebensweg Mohammeds (as) nachzuahmen, der wird als Sufi fähig sein, auch selbst eine ähnliche Vertrautheit mit Allah zu erlangen. Kurz: der Pfad des Sufi führt vom islamischen Gesetz Scharia auf dem mystischen Weg Tariqa zur göttlichen Wahrheit Haqiqa. Diese göttliche Wahrheit als wirklichste Wirklichkeit kann erfahren, wer den praktischen Pfad des Sufismus beschreitet. Das ist die beständige Arbeit an sich selbst unter Führung eines Meisters (Sheikh), wie auch die direkte persönliche Erfahrung Gottes. Statt rationalen Lehren und Aneignung von Wissen, streben die Sufis eine praktische Seelenführung an.

Vielleicht ist das der Grund, wieso viele Sufis mit dem Konzept der Philosophie, wie etwa der der Hellenen, nichts wirklich anfangen können. Vielmehr versuchen sie die Wege ihres Herzens zu ergründen und statt Nachdenken, durch Innenschau Erkenntnis zu erlangen. Insofern wäre es falsch zu sagen, Sufismus sei islamische Philosophie, wie manche behaupten. Vielmehr ist Ziel des Sufismus, seine Anhänger gleichzeitig zu Gelehrten wie auch Seelenführern zu machen. Sufis wollen ihren Mitmenschen durch ihre religiösen Kenntnisse, spirituellen Einsichten und mystische Erfahrung, eine philanthropische, menschenfreundliche Ethik vermitteln.

Sufistische Mystik entwickelte sich nicht etwa parallel oder ohne den geistigen Überbau des Korans. Die Sufis sehen sich als geistige Erben des Propheten Mohammed (as), der die Strophen des Koran ja direkt von Allah empfing.

Wort des Koran

Wer im heiligen Buch der Muslime schon einmal gelesen hat, dem fällt auf, wie unerbitterlich die Verse dieses Buches, den Mensch zu einem rechtschaffenen, gottergebenen Leben ermahnen. Goethe schrieb dazu in seinem West-östlichen Divan:

Der Stil des Korans ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben; so treibt ein Keil den andern, und darf sich niemand über die große Wirksamkeit des Buches verwundern. Weshalb es denn auch von den echten Verehrern für unerschaffen und mit Gott gleich ewig erklärt wurde.

Und ja: der Koran zeichnet sich definitiv durch seine Strenge und Schärfe aus. Doch die Sufis sagen, dass man den Koran nicht allein mit den Augen des Kopfes, sondern mit dem "Auge des Herzens" lesen soll. So kann einer die innere Natur dieses heiligen Buches erfassen. Damit wird der Koran anders gelesen, und lässt sich tolerant und friedlich auslegen - was für Muslime heute wichtiger ist als denn je.

Liebe der Sufis

Was echte Mystik vom Asketentum unterscheidet, ist, was die Sufis unter wahrer Liebe verstehen. So gilt die Vereinigung mit Gott, den Mystikern als höchstes Ziel, während das Asketentum die Traurigkeit des Verzichts prägt und oft wohl plagt. Dschallaladin Rumi sagt:

Sufismus ist Freude finden im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt.

In diesem mystischen Herzen Qalb, stehen die niederen Aspekte der Triebseele Nafs, mit dem Intellekt Ruh, im Widerspruch. So ist das mystische Herz für die Sufis in einem ständigen Konflikt, was sich verschlimmert, wenn jenes Auge des Herzens, von dem oben die Rede war, blind bleibt. Wie auf einem Schlachtfeld kämpfen die Triebe gegen den Intellekt, in diesem mystischen Herzen.

Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote – ewigeweisheit.de

Der Sufi Dschallaladin Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote (5000 Lira). Rechts im Bild die Blaue Moschee in Konya - Ort der tanzenden Mevlevi-Derwische.

Die Mystiker des Sufismus sehen im Herzen den Ursprung gewollten Handelns, wie auch alle aus Intuition geborenen Handlungen.

Aus Qalb, das wie im Vedanta das Anahata-Chakra, auch im Sufismus, als feinstoffliches Herz erkannt wird, strömt, was die Sufis Ishq nennen - göttliche Liebe. Das Wort taucht als solches im Koran nicht auf, doch geht das Buch auf andere Weise ein auf den Aspekt der Liebe. Eher spricht der Koran von Hubb, der Zuneigung oder Ashaq, was bedeutet an etwas festzuhalten, so wie sich der Efeu am Gemäuer hält, den die Araber Ashaqa nennen. Da die Wörter der arabischen Sprache nun auf den sogenannten Wortwurzeln basieren, sind Ashaq, das Festhalten, und Ishq, die Liebe, natürlich miteinander verwandt. 

Ishq bezieht sich auf den unwiderstehlichen Wunsch von der Liebe Gottes Besitz zu ergreifen, ausgedrückt in der Schwäche des Liebenden Ashiq, der nur durch die Erwiderung seiner Liebe geheilt werden kann, um damit Vollkommenheit Kamal zu erlangen.

Gewiss erinnert dieses Liebesbestreben der Sufis, an jene Liebesmystik und Poesie der mittelalterlichen Troubardoure Frankreichs und Spaniens (11. Jhd). Für sie war Liebe ein Begriff wahrhaft kultivierten Umgangs von Menschen edler Gesinnung, wie man sie etwa in den Legenden der Artusritter oder der Gralslegende findet. Wohl nicht ganz zufällig tauchte Ende des 11. Jhd. im maurischen Spanien, eine ganz wichtige Sufi-Abhandlung über Liebe auf, die aus der Feder des Sufi Said Ibn Hazm (994-1064) stammte: Das Halsband der Taube - ein Gedicht von der Liebe und den Liebenden, geschrieben 1022, fast tausend Jahre vor unserer Zeit.

Als Liebe galt Said Ibn Hazm allein die Verbindung der Seelen: sowohl zwischen zwei verliebten Menschen, wie auch der Liebe eines Sufi zu Gott. Damit verwies er auf folgenden Koranvers:

Er ist es, der euch aus einer Seele erschaffen hat

- Sure 4:1

Die Liebe die Ibn Hazm in seiner Poesie beschreibt, scheint uns heute vielleicht befremdlich. Doch wie ja auch der Minnesang der mittelalterlichen Troubardoure, meinte Ibn Hazm eine andere Art Liebe, als was man darunter heute vielleicht versteht:

Ich möchte, dass ein Schwert zerteilt
Mir meines Herzens Schrein,
Dass man ihn erfüllt mit dir und ihn dann
Verschließt im Busen mein.

Dann weiltest du in ihm und schlügest
Sonst nirgendwo dein Zelt auf,
Bis aus dem Grab erstanden und
Die Welt gerichtet ist.

Du lebst in ihm, solang ich bin.
Und wenn der Tod mich ruft,
Wohnst du in des Herzens Tiefe
Im Dunkel meiner Gruft.

 

- Aus dem "Halsband der Taube" des Ibn Hazm

Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote – ewigeweisheit.de

Abbildung einer Handschrift Ibn Hazms Werk "Halsband der Taube" (Universitätsbibliothek Leiden, Niederlande).

Drei Formen wahrer Liebe

Es gibt drei Formen der Liebe bei den Sufis. Zuerst wäre da die Ishq-e-Majazi, was sich als metaphorische Lieben übersetzen ließe. Der Sufi bezieht sich hier auf die Liebe zur göttlichen Schöpfung, wie auch die Liebe zwischen zwei Menschen - etwas dass mit der äußeren Schönheit eines Menschen zu tun hat und darum auch mit körperlichen Verlangen zum anderen. Das aber widerspricht ja, wenn wir zu Anfangs gesagt haben, dass eine "metaphorische Liebe" gemeint ist. Es ist eben die verallgemeinerte Weise des Verständnisses, die auf diesen Aspekt der Liebe verweist. Eigentlich aber soll die Isha-e-Majazi als Liebe, zu Mohammed (as) führen und über seine Segenskraft Baraka, schließlich zu Gott. Somit ist sie eine transformierte Form der Liebe, zu etwas Höherem, Vollkommenerem.

Damit wird die wahre Liebe zu Mohammed (as) erzielt, die man Ishq-e-Rasul nennt. Alles was in der Schöpfung existiert, so die Sufis, dient seinem Schöpfer, das heißt Allah. Daher der Glaube der Sufis, dass alle Seelen der Schöpfung, der Seele Mohammeds (as) ähneln. Drum will die geläuterte Seele des Liebenden zu ihm zurückkehren, was er erfährt, indem für ihn alle Attribute Allahs in Mohammed (as) widerscheinen.

Die Ishq-e Haqiqi ist das, was die Sufis die "Wahre Liebe" nennen, Bezug nehmend darauf, dass nur Gott wahrer Liebe wert ist. Nur Allah kann diese Liebe zu ihm erwidern. Es ist eine reine Liebe des Herzens. Nur dort kann sie vom wahren Gottsucher empfunden werden. Dort sieht sie der Sufi mit dem Auge des Herzens - etwas das dem Tier fehlt.

 

In allen diesen drei Formen der Liebe zum Absoluten, unterscheidet sich Mystik vom Asketentum. Es ist nicht der Verzicht, der den Mystiker ausmacht, sondern sein Wunsch die Liebe in der Vereinigung mit Gott zu erfahren.

Doch diese Gotterfahrung lässt sich nur schwer in Worte kleiden. Liebe muss erlebt, muss erfahren werden. Sie führt den Liebenden zum Geliebten, dass er mit ihm eins werde. Es ist wie mit dem Nachtfalter: bis zum Sonnenaufgang fliegt er um das offene Licht des Feuers und hält es für die Sonne. Jede Nacht wiederholt er dieses Trauerspiel, will der Lichtquelle näher kommen, doch versengt sich nur die Flügel. Doch jede Nacht verliebt er sich mehr in die Schönheit dessen, was er für die Sonne hält. Er kehrt zurück zu den Seinen, um ihnen von dieser Schönheit zu berichten. Und sie folgen ihm. 

Dann, am folgenden Abend wartet der Falter bis Sonnenuntergang und wünscht sich nichts mehr, als völlig in das Licht des Feuers einzugehen - fliegt in die Flamme und wird mit ihr eins.

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Ritterlichkeit als höchstes Ideal im Sufitum

von S. Levent Oezkan

Hazret Ali

Wie im Westen gibt es auch im islamischen Orient eine ritterliche Tradition. Sie beruht auf drei Grundpfeilern: Rücksichtnahme, Selbsthingabe und Ergebenheit. Danach richtet ein junger Ritter sein rechtschaffenes Leben, als Helfer der Schutzlosen und Unglücklichen. Er lässt Güte walten gegenüber allen Geschöpfen - im Dienste des Allmächtigen.

Das Wort zu halten gehört ebenso zu seinem Ehrencodex wie Selbst-Zurückhaltung. Damit identifiziert er die noblen Qualitäten perfekten Menschenseins, wie sie auch die Sufis anstreben. Ein arabischer Begriff fasst dieses recht edle Lebensbedürfnis zusammen: Al-Futuwwa (arab. الفتوة).

In ihrer Grundbedeutung bezeichnet Futuwwa die edlen Eigenschaften eines jungen Menschen guter Gesinnung. Fatā nennt man einen tugendhaften, jungen Menschen, der der Tradition der Futuwwa folgt. Als verantwortungsbewusster Mann geht er einem Ideal nach, das moderner Weltanschauung vielleicht fremd erscheinen mag. Doch ein Fatā ist ein Nobelmann der alles gibt, um jemandem großzügige Gastfreundschaft zu erbringen. Auch wenn er für sich nichts weiter hätte, gäbe er trotzdem, wenn nötig auch das, was ihm am liebsten ist - konsequenterweise sein Leben.

So ähnelt der arabische Begriff Futuwwa in mancher Hinsicht jenen Grundwerten der Ritter des europäischen Mittelalters. Futuwwa ist das Idealbild eines Edelmanns, der sich durch Treue, Tugendhaftigkeit und Tapferkeit auszeichnet - eben jene Qualitäten, wie man sie auch in der Artus-Legende findet.

Die jungen Männer der Futuwwa sehen in ihrer Tradition eine Entwicklungsstufe auf dem Weg zu Gott. Das Rittertum der Futuwwa, ist ihnen damit gewiss heilig. Aus diesem Bewusstsein heraus, handelt ein Fatā. In seinem Altruismus sähe er am liebsten alle Menschen froh und zufrieden. Der Ethos der Futuwwa ist ein wichtiges Maß guter Führung und ein ganz wesentlicher Aspekt der Menschlichkeit.

[...] Sie waren Jünglinge (Fitjan, Plural von Fatā), die an ihren Herrn glaubten und denen wir zunehmend Rechtleitung zukommen ließen. Und wir stärkten ihre Herzen, als sie aufstanden und sagten: Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Wir werden außer ihm keinen anderen Gott anrufen, sonst würden wir ja etwas Unsinniges aussprechen.

- Sure 18:13-14

Die Futuwwa-Bewegung entwickelte sich im Mittelalter aus dem Sufismus und war von seinen Ideen durchdrungen. In den Futuwwa-Gruppen pflegte man einen besonderen Ehrencodex. Der folgte dem Vorbild der koranischen Propheten.

Futuwwa ist das ernsthafte Bestreben auf dem Weg zu vollkommener Gottesdienerschaft. Gleichzeitig aber definiert sich Futuwwa auch als Rebellion gegen das Böse. Wobei hier natürlich die Verantwortung des Handelnden eine ganz wesentliche Rolle spielt. Schließlich muss der Begriff des Bösen erst als moralisch falsch definiert sein, bevor man gegen etwas vermeintlich Böses vorgeht. Ein wahrer Fatā kann nur aus den moralischen Überzeugungen seiner ritterlichen Ethik handeln. Doch dabei beruft er sich stets auf sein muslimisches Erbe, das ihn zurück verbindet auf die Propheten Abraham, Ismail, Mohammed und die Kalifen Abu Bakr und Ali.

Der Schutzpatron der Sufis

Muslimische Ritter suchten nach dem Wort Fatā im Koran, wo sie es mehrfach in der Bedeutung als Jüngling, Knabe, als Diener oder Helfer geschrieben fanden - so etwa in Sure 21:60:

Wir hörten sie von einem Jüngling (Fatā) sprechen; man nennt ihn Abraham.

Dieser Vers deutet hin auf den Propheten Abraham (arab. Ibrahim). Er hatte in seiner Gemeinschaft die Futuwwa vollendet. Stets versuchte er sein Volk zur Wahrheit zu führen. Muslimen gilt Abraham als wichtigster Prophet der hebräischen Bibel. Allah selbst soll Abraham initiiert haben - vermutlich bei der Segnung durch den Priesterkönig Melchisedek im Tal von Joschafat.

Gemäß islamischer Überlieferung, erhielt Abraham vom Erzengel Gabriel jenen geheimnisvollen Stein, den später sein Sohn Ismail, im Bau der heiligen Kaaba zu Mekka integrierte. So zumindest will es die von Ali ibn Abi Talib (600-661) überlieferte Tradition, die Ismail als Vorfahren des Propheten Mohammed (as) nennt. Jener Ali ibn Abi Talib sollte später zum Vorbild der islamischen Ritter und Sufis werden. Der legendären Überlieferung nach, war Ali der einzige Mensch, der innerhalb der Kaaba in Mekka geboren wurde - in jenem schwarzen Quader also, dem zentralen Heiligtum des Islam.

Ali war Vetter und Schwiegersohn des islamischen Propheten Mohammed (as) und gehörte neben Abu Bakr, Umar und Uthman, zu den vier "Rechtgeleiteten Kalifen".

Ali ibn Abi Talib war ein gefürchteter Krieger, der mehr als einmal sein Leben zum Wohle des Propheten Mohammed (as) aufs Spiel gesetzt hatte. So verkörpert er für viele Gläubige das Idealbild für Güte und Tapferkeit. Darum fügt man seinem Namen den Ehrentitel Hazrat (heilige Gegenwart) oder Iman (spiritueller Führer) bei.

Hazrat Ali galt Edelmut bei weitem mehr, als nur im Dienste seines Herrn, die Tugenden eines Kämpfers zu wahren. Als solch tugendhafter Beschützer des Islam und edler Ritter der Futuwwa, wurde Hazrat Ali für jeden Fatā zur Leitfigur.

In einem Gefecht zwischen Alis Heer und den Ungläubigen, hastete ein junger Krieger auf seinem Pferd dem Kalifen entgegen und war wild entschlossen Ali zu töten. Hazrat Alis Herz aber war erfüllt von Mitleid mit dem jungen Mann, der aus recht eigennütziger Motivation seinem Pferd die Sporen gab. Da rief er ihm entgegen: "O junger Mann, weißt du denn nicht, wer ich bin? Ich bin Ali der Unbesiegbare. Keiner kann meinem Schwert entkommen. Rette dich vor mir!" Doch der junge Krieger ließ sich nicht davon abhalten, weiter auf Ali, zornig mit schwingendem Säbel zuzureiten. "Wieso reitest du weiter", sagte Ali, "Willst Du wirklich sterben?" Da antwortete der Junge, während sich sein Pferd unter ihm aufbäumte: "Ich liebe ein Mädchen, die mir schwor mein zu sein, wenn ich dich töte." "Was aber wenn du stirbst?", fragte Ali. "Was ist besser als zu sterben für jene, die ich liebe?", antwortete der Junge und fügte hinzu "Würde ich schlimmstenfalls nicht von den Qualen der Liebe befreit werden?" Als Ali das hörte, ließ er sein Schwert fallen, nahm den Helm ab und lichtete seinen Nacken, wie den eines Opferlamms. Konfrontiert mit einer so ungewöhnlichen Tat, verwandelte sich die Liebe des jungen Mannes in Liebe für Hazrat Ali, und für jenen den Ali liebte: den allmächtigen Allah.

Hazrat Ali handelte immer im Namen des Allmächtigen. Nicht der Wunsch nach Ruhm oder Macht trieben ihn, sondern allein der himmlische Auftrag, den er in sich verspürend zu erfüllen suchte. 

Als Gefährte des heiligen Propheten Mohammed (as) befand sich Hazrat Ali auf einem Schlachtfeld, wo er gegen einen Krieger der Feinde des Islam kämpfte. Er war drauf und dran seinen Gegner mit seinem Säbel zu richten. Doch als Hazrat Ali sein doppelspitziges Schwert gegen seinen Feind erhob, spuckte ihm dieser ins Gesicht. Zur größten Verwunderung des Übeltäters aber, ließ Ali sofort den Arm sinken und führte seine Schwertklinge zurück in die Scheide. Er drehte sich, und ließ seinen Gegner unbeschadet auf dem Schlachtfeld zurück. Der Mann aber lief ihm nach und rief: "Was ist los mit Dir, dass Du nicht zugeschlagen hast?", worauf Hazrat Ali antwortete "Weil, bevor Du mich anspucktest, kämpfte ich im Namen des Allmächtigen Allah. Doch weil du mich angespuckt hast", sagte Ali, "durfte ich dich nicht aus Wut richten. Ein Muslim kann nur im Namen Gottes kämpfen, niemals aber zur Befriedigung seiner eigenen Nafs (Teil der Seele, der zum Übel aneifert)." Da erkannte sein Gegner die Vornehmheit und Wahrhaftigkeit der Worte Hazrat Alis. Sofort öffnete sich sein Herz, sich zu ergeben dem Glauben an den Allmächtigen Allah.

Silsila - die spirituelle Kette der Sufi-Sheikhs

Hazrat Ali empfing vom Propheten Mohammed (as) eine besondere Waffe: das doppelspitzige "Schwert der Wahrheit" - Dhu Al-Fiqar (arab. ذوالفقار). Dieser Name sollte Teil des Leitspruches der Futuwwa werden:

Kein Fatā außer Ali. Kein Schwert außer Dhu Al-Fiqar.

Wer in diesem Sinne sein Schwert führte, so die Ritter der Futuwwa, war ein Rechtschaffener. Er wusste moralisch Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden und konnte damit Entscheidungen fällen, die sein Handeln rechtfertigten.

Als Empfänger des Schwertes Dhu Al-Fiqar, wurde Hazrat Ali zum spirituellen Erben der Rechtschaffenen. Darauf berufen sich alle Sufis. Sie sehen sich als die spirituellen Nachkommen Hazrat Alis. Die Sheikhs der Sufi-Orden, sehen sich als Glieder einer goldenen Kette der Kraftübertragung: der Silsila (arab. سلسلة). Über diese spirituelle Kette, ist der Sheikh eines Sufi-Orden (Tariqa) über frühere Generationen von Weisheitslehrern, verbunden mit Hazrat Ali und dem Propheten Mohammed (as). Das selbe gilt für die islamischen Ritter der Futuwwa, die ihren Schutzpatron verehren in Hazrat Ali. Eine Ausnahme bildet der im usbekischen Buchara gegründete Orden der Naqschbandiyya, der sich auf den Kalifen Abu Bakr beruft. In dieser Tradition der Silsila auf jeden Fall, erhielten alle kommenden Generationen die islamischen Ritterwürden der Futuwwa.

Dhu Al-Fiqar - das heilige Schwert des Hazrat Ali – ewigeweisheit.de

Dhu Al-Fiqar - das heilige Schwert des Hazrat Ali. Über dem Schwert ist zu lesen "Ali ist der Freund Gottes (wali allah)". Auf der Klinge liest man "Kein Fatā außer Ali. Kein Schwert außer Dhu Al-Fiqar (la fatā illa ali, la saif illa dhu al-fiqar)."

Die Initiation

Eine besondere Einweihungstradition machte aus den Fitjan (Ritter der Futuwwa) Menschen, die sich von herkömmlichen Gläubigen unterschieden. Nur Männer aus ehrenwerten Familien und mit ordentlichen Berufen wurden aufgenommen - eben so, wie man es ja auch in christlichen Ritterbünden handhabte. Da die Futuwwa-Bünde mit den Handwerker-Gilden verbunden waren, ähnelten sie damit gewiss auch den Freimaurer-Bruderschaften.

Bei der Initiation in die Futuwwa wurden besondere Zeichen und Symbole übertragen. Wer diese Geheimnisse der Bruderschaft erfahren hatte, den gürtete (shadd) man und bekleidete ihn mit einer besonderen Hose: der Sarawil Al-Futuwwa. Diese Tradition hat ihren Ursprung vermutlich im alten Persien, wo man in der Initiation, die Feuerpriester mit dem Band des Zarathustra gürtete.

Im Anlegen der sakralen Kleidung lag natürlich eine tiefe Bedeutung. Die Hose verhüllte die Scham des Initianden, wo sich ja der Bereich stärkster menschlicher Begierden befindet. Wenn diese nun bedeckt wurde, durch das, wodurch man das ritterliche Gelübde ablegt, hütete man sich, sie in einer Versündigung vor Gott zu entblößen. Die Sarawil Al-Futuwwa war damit auch ein Symbol für die Abkehr von unmoralischen Taten. Auch die Sufi-Orden pflegen in ihren Initiationen ein Bekleidungsritual, wo man den erwählten Nachfolger des Sufi-Sheikhs in dessen Mantel hüllt. 

Nachdem der ritterliche Initiand also bekleidet wurde, reichte man ihm einen Becher mit gesalzenem Wasser (Ka's Al-Futuwwa). Das Trinken aus diesem Becher galt als Zeichen der Loyalität des neu eingeweihten Fatā.

Man muss natürlich von der besonderen Bedeutung des Wassers wissen. Es ist das, woraus alles Leben entsteht, das sich in der "Mondsphäre" befindet und von dort den lebenspendenden Regen auf die Erde bringt. Aus dem Wasser, dem Ursprung allen Lebens, entstehen Pflanzen, Tiere und Mineralien. Im Koran heißt es, der Mensch wurde geschaffen aus "ausgegossenem Wasser" (Sure 86:6).

Und wir machten aus dem Wasser alles Lebendige.

- Sure 21:30

Darüber hinaus ist Wasser natürlich das wichtigste Mittel zur Reinigung.

Und wir senden reines Wasser aus den Wolken nieder, auf dass wir damit ein totes Land lebendig machen und es unserer Schöpfung zu trinken geben - dem Vieh und den Menschen in großer Zahl. Und wir haben das Wasser unter ihnen verteilt, um sie zu ermahnen.

- Sure 25:48-50

Der 21. Vers der Sure 76 sagt außerdem:

Ihr Herr hat sie getränkt mit dem reinigenden Trunk.

Das Salz das im Wasser dieses reinigenden Initiationstrunks gelöst ist, steht für die Beförderung der Wahrheit, die sich damit auch im ganzen Körper verteilt. Die Einnahme des salzigen Trunks beförderte den Eid, den der Initiand durch den Vertag mit seinem Orden abgab. Auch sah man im Salzwasser ein Mittel zur Abwendung des Bösen, bewirkt doch das im Blut und in den Körpersäften gelöste Salz, dass die Stoffe in die Körperteile hindurchbefördert und damit dämonische Kräfte ausgetrieben werden. Für den Initianden galt das als Hinweis darauf, dass ein Fatā gegenüber Widerwärtigkeiten und schädigenden Wirkungen geduldig bleiben muss. Selbst wenn er sich vor den Heimsuchungen Gottes bedroht fühlt, soll er stets für seine anderen Wohltaten danken und in jener "Weite seiner momentanen Enge" geduldig ausharren.

In allen Sufi-Orden spricht man vom "Schmecken" der Geheimnisse. Darum spielt bei den Sufis die Austeilung von Speise eine wichtige Rolle. Die Sufis des Naqshbandiyya-Ordens, reichen den Schülern nach der Unterredung (Sohbet) mit dem Sufi-Scheich, eine Prise Salz zu kosten, bevor man gemeinsam isst.

Im muslimischen Sprachgebrauch sagt man über das Salz:

Der bewahrt das Salz, dass die Freundschaft erhält, und der lässt das Salz verlorengehen, der sie nicht erhält.

Ritterlichkeit und der spirituelle Weg

Mit diesen Einweihungsriten, verbreitete sich die Futuwwa im islamischen Mittelalter. Im 10. und 11. Jhd. wurde sie sogar zum Ideal der persischen Fürsten.

Was den Fatā von anderen Menschen unterscheidet, ist seine Aufopferung und Hilfsbereitschaft für andere. Der Universalgelehrte Al-Biruni (972-1048) schrieb in einem seiner Bücher über die Ritterschaft der Futuwwa:

Die Muruwwa (Tugenden) beschränkt sich auf den Menschen, und zwar in Bezug auf sich selbst, seine Familie und seine Lage. Die Futuwwa hingegen, geht über ihn und diese Muruwwa hinaus zu anderen Dingen.

Muruwwa steht für das innere Tun des Guten - Futuwwa für das entsprechend äußere Tun und die Enthaltung vom Schlechten. Die Sufis entwickelten hieraus den Begriff der Futuwwa weiter. Das Wesen der Futuwwa basierte für sie auf einem allgemeinen Altruismus (Itar), wo man seinen Mitmenschen in allem den Vorzug vor sich selbst gibt. Der ritterlich gesinnte Sufi gibt überhaupt immer, nimmt nie und stellt sich selbst vor dem Feind zurück (wir erinnern uns an die oben geschilderten Episoden über Hazrat Ali). Damit wurde Futuwwa für die Sufis, als Freunde Gottes, ein ganz einzigartiger Ehrencodex.

Im Glauben eines wahren Sufi, hatte Gott den Menschen für sich geschaffen, als sein höchstes und schönstes Geschöpf. Ein Sufi versucht darum alle unangemessenen Einstellungen abzulegen - gegenüber anderen Menschen und gegenüber sich selbst. Daher versucht er mit all seiner Macht, immer und unter allen Umständen, sich anderen Menschen gegenüber angemessen zu verhalten.

Die noblen Qualitäten der Ritter der Futuwwa

Zwischen dem 10. und 11. Jhd. entstand eine in Sufi-Kreisen wichtige Schrift: das Kitab al Futuwwa (Buch der Ritterlichkeit). Es geht zurück auf den Sufigelehrten As-Sulami (942-1021), die vielen Sufi-Bruderschaften als Grundlagenwerk galt. Diese mittelalterlichen Abhandlungen über die Futuwwa hatten keinen literarisch hohen Anspruch, sondern dienten eher praktischen Unterweisungen, die organisatorische Zwecke erfüllten und die Bedingungen für die Sufi-Initiation beschrieben. Auch viele andere Sufis widmeten in ihren Büchern, häufig ein ganzes Kapitel der Futuwwa. So auch die "Sendschrift an die Sufi-Genossenschaften", die Mitte des 11. Jhd. Al-Qusairi (986-1072) verfasste. Es ist eine Zusammenstellung von Futuwwa-Sprüchen großer Sufis - unter ihnen der weise Ibn Arabi (1165-1240), der in seinen "Mekkanischen Eröffnungen", ausführlich über die Futuwwa schrieb.

Die Essenz der Futuwwa, ist eigentlich eins mit der Tradition des heiligen Propheten Mohammed (as). Wer darum an dieser Tradition festhält, und sie in seinem alltäglichen Leben zu integrieren weiß, der kann sich getrost als Fatā bezeichnen.

Was aber zeichnet einen Fatā aus? Dazu seien einige Zeilen aus einem Buch Al-Qusairis wiedergegeben, der darin die Großen seiner Zeit zu Wort kommen lässt. Über die Bedeutung des Rittertums bei den Sufis schrieb er:

Fatā ist derjenige, der keinen Widersacher hat und der für niemanden Widersacher ist.

Futuwwa besteht darin, dass du ein Widersacher zugunsten deines Herrn wider dich selbst bist.

Futuwwa besteht darin, dass es dir gleich ist, ob einer ständig bei dir wohnt oder dich plötzlich besucht.

Futuwwa besteht darin, dass man nicht flieht, wenn ein Bettler naht.

Futuwwa besteht darin, dass man keinen Unterschied macht, ob ein Heiliger bei einem isst oder ein Ungläubiger. So gibt es die Legende, dass einst ein Zoroastrier den Propheten Abraham um Gastfreundschaft bat. Da sagte dieser zu ihm: "Ja, unter der Bedingung das du Muslim wirst." Da ging der Zoroastrier weg. Dann offenbarte Gott dem Abraham: "Seit fünfzig Jahren ernähren wir ihn trotz seines Unglaubens; hättest du ihm doch einen Bissen gereicht, ohne von ihm eine Änderung seiner Religion zu verlangen!" Da ging ihm Abraham nach, bis er ihn einholte und entschuldigte sich bei dem Mann. Darauf befragte der Zoroastrier Abraham über den Grund seiner Umkehr, worauf ihm Abraham antwortete was er von Gott erfuhr. Da nahm der Zoroastrier die Religion des Islam an.

Letztendlich ist Futuwwa ein Name, der sich auf verschiedene Arten und Weisen definieren lässt. Nie würde ein wahrer Fatā einen armen Menschen verachten oder im Gegensatz dazu, sich durch Reiche und deren Reichtümer verführen lassen. Ein Fatā ist ein gerecht handelnder Mann, der allen Menschen respektvoll begegnet - ohne aber selbst Gerechtigkeit von seinem Gegenüber zu verlangen. Stets pflegt er rücksichtsvoll den Umgang mit seinen Mitmenschen. Er lebt sein Leben als schonungsloser Gegner des eigenen fleischlichen Selbst. In seiner Ritterlichkeit hat er sich losgesagt aus den Fängen fleischlichen Verlangens und lebt ein reines, spirituelles Leben. Einer aber, der größtenteils den Versuchungen des fleischlichen Selbst unterliegt und den Begierden und Gelüsten nach weltlichem Vergnügen, wird den Gipfel der Futuwwa nie erklimmen.

Ein Fatā-Ritter ist seinem Gott, dem allmächtigen Allah treu ergeben. Stets sucht er Allah durch seine guten Taten, Gedanken und Gefühlen zu erfreuen. Reue plagt ihn, wenn er auch nur die kleinste Sünde begeht. Stets aber schaut er über die Fehler seiner Mitmenschen hinweg - ganz gleich wie schlimm sie auch gewesen sein mögen.

Komm, komm wer auch immer du bist.
Wanderer, Verehrer, Freund des Verlassens. 
Es ist ganz gleich.
Wir müssen uns nicht der Karawane der Zweifel anschließen.
Komm, selbst wenn du deine Eide tausendmal gebrochen hast.
Auch dann komme wieder, komm nur, komm.

- Maulana Dschelaladdin Rumi

Sufi oder Fatā: beide sehen sich als demütige Diener, während sie stets in anderen das Heilige zu entdecken suchen. Ein Fatā verurteilt niemanden, doch hält selbst zu denen weiterhin Verbindung, die ihn verurteilen.

Der Fatā bleibt freundlich auch dann, wenn ihn einer verletzt. Als erstes dient er Allah und den Menschen, bevor er irgend sonst etwas tut oder daran denkt sich selbst zu helfen. Auch wenn das auf den ersten Blick ganz unmöglich oder sogar schönmalerisch erscheint: der Fatā hat sich diese Tugenden mühsam, über sehr lange Zeit durch ungeheuerliche Disziplin angeeignet. Die fünf täglichen Pflichtgebete (arab. Salāt, "Verbeugung") verrichtet er konsequent.

Ein wahrer Fatā setzt andere stets an erste Stelle, selbst wenn es Zeit ist die eigenen Verdienste belohnt zu bekommen.

 

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Zu werden was man schon immer ist

von S. Levent Oezkan

Der große Sufi-Meister Al-Ghazali erinnert uns: „Diese Welt ist nicht das wahre Zuhause unserer Seele. In dieser Welt ist sie nur ein fremder Gast.“ Unser Lebensweg führt uns vom Menschen der wir sein könnten, zum Menschen der wir tatsächlich sind. Es ist ein Weg in die Wahrheit, der durch sieben Täler führt.

In Al-Ghazalis Werk, „Der Pfad der Gottesdiener“, Minhag Al-Abidin, wird eine Art Landkarte beschrieben, eine Hilfe für den Sucher der Wahrheit, sich auf dem Weg zu orientieren, hin zu einem neuen Geistesleben.

Einer der über das Maß der Durschnittsgläubigen hinaus will, bekommt mit Al-Ghazalis Minhag Al-Abidin einen Weg gezeigt, das ihn aus dem gewöhnlichen Leben, tatsächlich zu wahrer Spiritualität erhebt. Doch der Weg dorthin ist steil und schwierig zu beschreiten. Überall lauern Gefahren. Es tun sich Widerstände auf und es kommt gelegentlich zu Unfällen. Manch Suchender verirrte sich auf dieser Reise.

Die Seele des Menschen bewegt sich durch diese sieben Täler. Man kommt von der Kuppe zur Senke, durchläuft in Abstieg und Aufstieg, sieben Phasen einer inneren Reise. Ist der Aufstieg vollbracht, schaut man vom Gipfel ins nächste Tal. So kommt voran, bis das siebente Tal erreicht ist. Hier endet die Lebensreise unserer Menschenseele. Sie löst sich auf, in größter Wonne und wird in der großen Weltseele wiedergeboren. Solange ein Mensch diesen Zustand aber nicht erreicht, das siebte Tal nicht durchquert hat, solange kümmern ihn noch Sorgen.

Wer den Weg beschreiten will, darf sich nicht verlieren. Er soll den in den sieben Tälern befindlichen Erscheinungen nicht anhängen, sondern sich immer weiter bewegen, ohne zu vergessen, dass er auf dem Weg ist. Nur so kann er den Scheitelpunkt zwischen dieser und der kommenden Welt erreichen. Der Sucher der Wahrheit, muss sich das immer wieder vergegenwärtigen. 

Es ist auf dieser Reise Zurückhaltung wichtig. Zwar soll er aufmerksam, doch distanziert bleiben. Wer sich von seinen Erlebnissen nicht einfangen lässt, wird die Talsenke auch wieder verlassen können. Am Ende des Tales, auf der Kuppe, wird das Eintreffen in einem großen Fest gefeiert. Schließlich soll man sich stärken, denn das Ende des einen Tales, ist ja der Eintritt in das nächste. Jedes Tal hat aber seine Reize und Verlockungen. Drum ist es sehr wahrscheinlich, dass sich der Seelenwanderer darin verliert, wenn er den darin erlebten Dingen und Ereignissen anhaftet.

Erst wenn er sich von diesen Verstrickungen befreit hat, kann er alle sieben Täler passieren. Dann hat der Wanderer sein wahres Selbst wiedergefunden, sein eigentliches Sein zurückerlangt. Im siebten Tal fallen von ihm ab, alle Paradoxe, alle Anhaftungen und aller Kummer. Diesen Zustand nennt man im Osten „Buddhaschaft“, bei den Sufis „Fanaa Fillah“, im Westen das „Christus-Bewusstsein“. In dieser letzten Phase der Reise, löst sich das Selbst des Suchers auf und er kehrt zurück in die ewige Einheit.

I. Das Tal des Wissens

Alles beginnt mit dem Wissen. Der Mensch lebt indem er weiß. Tiere haben dieses Wissen nicht. Nur der Mensch sammelt Wissen, liest, schreibt und spricht. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist also die Schrift und die darin abgefassten Theorien.

Das einzig Negative: der Mensch kann sich in seinem Wissen verlieren. Dann schlägt Klugheit um in Verschlagenheit. So jemand hat den wahren Sinn hinter dem Wissen vergessen und versucht alles an seinem Wissen festzumachen und damit zu beurteilen. Wissen bindet aber, verunsichert oft, macht starr und unbeweglich.

Die Versuchung ist groß, immer mehr Wissen erlangen zu wollen. Irgendwann ist man ein großer „Gelehrter“. Ein „Wissender“ zu sein ist jedoch etwas vollkommen anderes. Denn der Pfad des Wissenden unterscheidet sich vom Pfad des Wissens. Was ist der Unterschied?

Zum einen gibt es Wissensinhalte – man weiß etwas. Anderseits gibt es ein Bewusstsein, in dem sich der Wissende spiegelt. Das heißt, wer zu sehr den Inhalten anhaftet, statt seine Erkenntnisfähigkeit zu schulen, wird sich im Tal des Wissens verirren. Wer über all die vielen Inhalte der Welt bescheid weiß, der verstrickt sich schnell in alle möglichen Meinungen. Wem viel an Klugheit liegt, wird das erste Tal aber niemals verlassen können.

Je mehr man weiß, desto leichter können einen Dinge verwirren, die sich mit diesem Wissen nicht vereinbaren lassen. Stündlich werden es mehr. Die Möglichkeiten zu entscheiden, was wahr und was falsch ist, wird zusehends komplexer. Jede Wahrheit birgt eine Unwahrheit. Man denke an all die unzähligen Gesetzbücher, die immer wieder revidiert, ausgetauscht und erweitert werden müssen. Selbst wenn das Wissen immer weiter wächst: es bleibt doch begrenzt. Es besteht eben aus Buchstaben – Formen die einen Raum einnehmen, begrenzen.

Alles was einem mit logischen Mitteln aufgetischt wird, scheint auf den ersten Blick richtig zu sein. Daher vertrauen die Menschen den Computern – oft mehr, als ihren Mitmenschen. Man veröffentlicht dies und das im Internet, meist anonym. Oft sind es Dinge, über die man mit seinen Freunden und Liebsten, niemals sprechen würde!

Doch wenn es nun kein Kriterium gibt, dass etwas als richtig oder falsch beurteilt? Muss man das Gegebene dann nicht als richtig einordnen?

Hiervon rührt die Verwirrung so vieler Menschen: Sie folgen ein paar Monate dieser Schulrichtung, dann einer anderen. Sie gehen zu einem Zen-Meister, danach zu einem Kabbalisten, dann besuchen sie einen christlichen Eremiten und hernach suchen sie einen Sufi-Meister auf. Jeder von ihnen spricht die Wahrheit. Mit Büchern ist es nicht anders. In vielen Büchern findet man Wahrheiten. Selbst wenn sie sich widersprechen, sind sie in sich schlüssig – sie haben ihre eigene Logik.

Wer aber immer nur mehr Wissen sammelt, selbst die schönsten Weisheiten auswendig kennt, wird allmählich viele Widersprüche anhäufen. Was bleibt ist Verwirrung, die zu Ausflüchten drängt. Man kann durch mehr Wissen eben keine Weisheit erlangen. Wer alles weiß, weiß nichts – und niemals wird er alles wissen! Er bleibt so klug wie am Anfang. Mehr Wissen wird ihn immer mehr behindern (man denke an Goethe's Dr. Faust).

Wer das Tal des Wissens durchschreiten will, sollte sich daher nicht mit den vielen Wissensinhalten beschäftigen, sondern seine Erkenntnisfähigkeiten trainieren. Es geht nicht darum viele Dinge zu wissen, sondern bewusster zu leben. Der Wert liegt im Erleben, nicht im Erlernen. Das erkennend, gibt sich der Wissende zufrieden.

All das hier Gesagte, hat nichts mit Meinungen oder Glaubenssystemen zu tun. Man kann einfach wissen, um bewusst zu sein – denn jedem steht unermesslich viel Energie zur Verfügung. Es geht aber um den Ge-halt dieses Bewusst-Seins, weniger um den In-halt. Was zählt ist die Wirkung der Erkenntnis, nicht das Wissen davon. Das ist ein feiner, aber überaus wichtiger Unterschied. So verirrt sich also im Tal des Wissens, wer sich nur mit den Inhalten des Wissens beschäftigt. Nur ein Wissender findet den Weg in das zweite Tal.

II. Das Tal der Reue

Mit der Suche nach dem wahren Ich, beginnt die Reue über alles was wir getan, doch besser unterlassen hätten. Plötzlich erkennen wir die Fehler, die wir in unserem Leben begangen haben. Doch das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen.

Im Tal der Reue begegnet man einem neuen Bewusstsein: dem Gewissen. Wenn dieses Bewusstsein aber an Gesellschaftsnormen geknüpft ist, fehlt ihm der Gehalt. Es bleibt dann unecht und macht wahre Bekehrung unmöglich. Schließlich haben wir gelernt, von unseren Mitmenschen, Lehrern, Vorgesetzten, von Politikern und anderen „Meinungsbildnern“, was recht und was schlecht ist, was moralisch und was unmoralisch ist. Bildet sich daraus aber das wahre Gewissen?

Auf dem Weg durch das Tal des Wissens, lernt man zwischen Gutem und Bösem unterscheiden. Doch wieviele Leute haben unter uns gelitten, weil wir gemäß solchen Wissens über sie urteilten? Auch gegen uns selbst gehen wir vor, wegen all der vielen Meinungen, die aus dem Wissen aufsteigen. Sie ziehen sich in uns zusammen und werden zu Neid, Eifersucht, Ärger und Aggression. All das sehen wir im Tal der Reue vor uns. Wir haben gestraft, Gewalt ausgeübt, gehasst und verleumdet, da uns unser vieles Wissen fehlgeleitet hat. Dieses Bewusstsein entwickelt sich im Tal der Reue. Hier entsteht wahres Gewissen. Es hat nichts mit dem gewöhnlichen Gewissen zu tun, denn solches wurde uns aus gesammeltem Wissen anderer eingeflößt, als geborgtes Gewissen. Darum glaubt man oft recht zu handeln und doch sieht man hinterher: es war falsch. Wie viele wissen, dass es falsch ist sich zu ärgern – und doch ärgern sich die meisten. Auch das geborgene Gewissen hilft uns dabei nicht. Es ist nur eine Bürde. Wir müssen daher ein eigenes, intuitives Gewissen in uns wachsen lassen.

Raus aus den Schuldgefühlen

Das „schlechte Gewissen“ beruht auf Irrannahmen und birgt die Gefahr, sich im Tal der Reue zu verirren. Es erzeugt Sorgen, die aus Schuldgefühlen gewachsen sind – Schuldgefühlen die man aus der Vergangenheit hierher mitgebracht hat. Man hat einst vielleicht jemandem weh getan, jemanden verletzt, ausgebeutet oder verleumdet. Doch wenn man sich klar macht, dass die Seele seit tausenden Jahren in dieser Welt unterwegs ist: ist es da nicht absurd zu bejammern, was man in den letzten Jahren, letzten Monat, was man gestern getan hat? Wie hätte man auch recht handeln sollen, als man noch nicht gewusst hat was rechtens war?

Ewiges Bedauern schafft immer mehr Schuldgefühle, die einen nach und nach, in einen dunklen Abgrund hinabziehen. Sobald Schuldgefühle überhand nehmen und einen zu sehr quälen, bleibt man im Tal der Reue gefangen. Wenn also die Vergangenheit zu viel Bedeutung erlangt, führt das nur zu noch mehr Jammer und Verzweiflung. Man sollte sich darum mit der Gegenwart und nicht mit der Vergangenheit befassen. Nur so lässt sich die Zukunft gestalten.

Es ist natürlich wichtig, überhaupt erst einmal festzustellen, dass man falsch gehandelt hat. Man handelte einfach unbewusst. Darüber ist man jetzt traurig oder sogar bestürzt. Doch im Tal der Reue wird einem bewusst: Schuldgefühle sind überflüssig. Sie beziehen sich immer auf die Vergangenheit. Doch die Vergangenheit ist wie Luft nach der man zu greifen versucht: Sie ist ohne Substanz, lässt sich nicht festhalten und entschwindet uns jeden Augenblick. Wir sollten also nach vorne sehen. Die Fehler von damals dürfen uns nicht mehr belasten. Man nimmt sie wahr, um sie nicht wieder zu begehen. Doch sie gehören der Vergangenheit an. Wir sind davon befreit. Und so erreichen wir das Ende dieses Tals der Reue. Was jetzt zählt ist die Zukunft. Sie ist vollkommen anders.

Wer das Ende dieses Tals erreicht, wird ein anderer Mensch sein. Denn als er durch das Tal der Reue ging, entwickelte er sein eigenes Bewusstsein, ein individuelles, wahres Gewissen. Falsch zu handeln ist jetzt nicht mehr möglich, Kontrolle unnötig. Wenn man zuvor falsch handelte, so geschah das aus Unwissenheit. Gegen das neue gebildete Gewissen aber, müsste man hart ankämpfen, um die selben Fehler erneut zu begehen. Sicherlich blieben solche Bestrebungen sowieso erfolglos.

Wir erkennen jetzt, dass uns Gott mit wahrem Gewissen gesegnet hat. Es ist, was man im Innern gewonnen hat. Damit kann man sich weiterbegeben, in einen völlig neuen Lebensabschnitt. So kommt eine ganz neue Realität zum Vorschein: wahre Tugendhaftigkeit.

III. Das Tal der Hindernisse

Jetzt, wo man das wahre Gewissen erlangte, fällt einem erst auf, wieviele Stolpersteine sich auf dem eigenen Lebenspfad befinden. Unzählige Mauer richten sich vor uns auf. Eine folgt der nächsten. Doch ebenso öffnen sich auch Türen – nur leider sehr selten. Sie müssen erst gefunden werden. Stattdesssen wollen unzählige Berrieren überwunden werden.

Al-Ghazali nennt vier Arten von Hindernissen:

1. Unsere Begierden

Das erste Hindernis stellt sich einem, in der Welt der Begierden und Verlockungen entgegen. Es ist eine Welt der verführerischen Sinnesobjekte, die im Menschen ein unstillbares Verlangen erzeugen.

Was alle spirituellen Traditionen unisono predigen: man erhebe sich über die weltlichen Versuchungen. Lässt man sich zu sehr verleiten und haftet den weltlichen Dingen an, bleibt kaum Energie Gott zu begehren. So verschwendet man sein Begehren mit der Befriedigung niedriger Sehnsüchte. Wenn z. B. einer auf Besitz aus ist, ein großes Haus, viel Geld auf dem Konto, große Macht in der Welt haben will, investiert er all sein Begehren in die Welt der Dinge. So bleibt kaum Energie, sich um Spiritualität zu bemühen. Allerdings soll das überhaupt nicht heißen, dass alle weltlichen Dinge schlecht sind. Es erschiene einem Sufi einfach falsch, gegen etwas zu sein. Hingegen weiß er: die Dinge an sich, sind als solche gut. Nur wenn jemand auf der Suche nach wahrer Spiritualität ist, kann er es sich einfach nicht leisten, sich länger mit weltlichen Dingen aufzuhalten. Jedem von uns steht eben nur eine bestimme Menge Energie zur Verfügung. Wir sollten also wissen, wo es sich lohnt diese Energie zu investieren. Dann können wir das Tal der Hindernisse passieren. 

Als Mensch hat man sehr viele Wünsche. Jemand der wirklich Erleuchtung erlangen möchte, kann das aber nur erreichen, wenn er all diese Wünsche zu einem großen Wunsch zusammenführt, all seine Begierden zu einer einzigen Begierde macht. Dieses einige Begehren wird dann so mächtig wie ein großer Fluss. Die vielen Zuflüsse des Nil, machen aus ihm den größten Strom der Welt.

Wahre Spiritualität hat also erlangt, dessen Begierden ein einziges Begehren wurden. Ein Begehren nach Transzendenz.

2. Unserer Mitmenschen

Eine andere Barriere auf dem Weg durch das Tal der Hindernisse, sind unsere Mitmenschen. Doch Achtung: niemals würde ein Sufi gegen irgendjemanden sein! Ein Sufi meidet aber emotionale Bindungen. Er weiß, wer sich etwas anschließt, legt sich selbst Steine in den Weg. Auch die großen Weisheitslehrer der Gegenwart sprechen von dieser Gefahr. So auch Jiddu Krishnamurti, der warnte, man solle sich überhaupt keiner Gruppe oder Bewegung anschließen. Denn es führte doch nur zu noch mehr Meinungen. Als Mitglied der einen Gruppe ist man außerdem gefährdet, sich mit einer anderen Gruppen anzufeinden. Dieses Dilemma ist heute ja hochaktuell und scheint sich wie ein Gespenst unter uns zu bewegen. Wir haben alle möglichen Meinungen, denen wir uns anschließen können – doch die menschliche Gemeinschaft als solche, scheint an allen Ecken und Enden zu bröckeln.

Al-Ghazali meint nicht, dass man sein Leben als Eremit fristen soll. Nein. Das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen ist die Grundlage menschlichen Lebens überhaupt. Man lebe also mit seinem Mann, mit seiner Frau, mit seinen Kindern, mit seinen Freunden. Nur sollten wir uns immer wieder erinnern: Wir sind wie Fremde in dieser Welt. Die Zusammengehörigkeit unserer Seelen basiert letztendlich auf Karma und Zufall. Wir, als beseelte Menschenwesen, sind Reisende auf dem Lebenspfad, wo sich auch andere Seelen bewegen. Nur für kurze Zeit gehen wir einen Weg gemeinsam, und dafür sollten wir stets dankbar sein. Doch eines Tages trennen sich unsere Wege wieder. Einer stirbt und man wird nie erfahren, wohin sich seine Seele nach dem Tod begibt. Ein andermal wird man von seinem geliebten Lebenspartner verlassen, da er sich in jemand anderen verliebt hat. Das kann jedem von uns, jederzeit widerfahren.

Es ist wichtig mit Menschen zusammen zu sein, liebevoll und mitfühlend mit ihnen umzugehen. Nur sollte man sich nicht in diese Verhältnisse verlieben, denn das würde einen daran hindern weiterzugehen, um das Tal der Hindernisse auch wieder zu verlassen.

3. Unser Denken

Über viele Jahre hinterlassen bestimmte Muster ihre Spuren in unserem Denken. Ständig stellen sie uns Fallen. Wenn sie zuschlagen, urteilen wir, sind zynisch und beginnen manchmal sogar andere für ihre Meinungen zu hassen.

Die herkömmliche Art mit Wissen umzugehen, es hoch zu preisen, wurde uns in der Schule eingetrichtert, von unseren Eltern, Freunden, unseren Mitmenschen. Diese Mentalität kann nicht ad hoc ausgelöscht werden, nur weil wir hier oder dort davon hörten, an dieser oder an anderer Stelle darüber lasen. Geduld!

Unsere alt eingeschliffenen Denkmechanismen warten, wieder aktiviert zu werden, denn nur dafür wurden sie geschaffen. Unser Wissen waltet über unser Bewusstsein wie ein Meister über seine Diener. Es bleibt dem Bewusstsein daher verwehrt, sich plötzlich gegen den Meister zu stellen. Darum nochmal: Geduld!

Wenn Denken zu Grübeln führt, nimmt es diabolische Züge an. Kein Zufall, dass in all den vielen Geschichten über den Gehörnten, es um die Verführung des Denkers ging. Nur den Menschen kann der Teufel verführen. Ist der Teufel vielleicht sogar nur ein anderer Name für das Denken an sich? Schließlich ist's er, der trennt, unterscheidet, urteilt und spaltet. Er war es ja angeblich, der Eva vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem zu essen gab. Von ihm erhielt der Mensch sein analytisches Denken. Leider stehen sich Analyse und Kreativität jetzt diametral gegenüber. Wer Hindernisse überwinden will, muss aber kreativ sein! Man könnte sich ewig den Kopf darüber zerbrechen, wieso uns etwas stört oder am Fortkommen hindert. Doch wem nützt's, der sich tatsächlich auch weiterbewegen will?

Auch die Versuchung Jesu durch den Teufel, ist eine Allegorie auf die Verführungen, die dem Menschen durch das Denken aufgebürdet werden. Unser „Denker“ spricht mit uns, in einem ununterbrochenen Dialog. Er bläut uns ein, dass wir schlauer, besser, mächtiger sind als andere. Doch dieser Denker meint auch, das wir Verlierer sind, dumm und unfähig. Je nachdem wie wir die Welt beurteilen, urteilen wir im Denken über uns selbst. Denken entsteht erst durch das gefällte Urteil. Ein „Ur-Teil“ sogar – ja, wovon eigentlich?

Jesus entgegnete dem Teufel „Hinweg mit Dir Satan!“ (Matthäus 4:10). Sprach er damit zu jemandem außerhalb? Oder entgegnete er es das den Irrungen seines Denkens?

4. Unser Ego

Einer der größten Stolpersteine auf dem Weg zur Erleuchtung, ist das Ego. Sobald wir uns dem Sein ein wenig öffnen, steigt in uns das Gewissen auf, und man bemerkt wie sich das Ego breit macht. Auf einmal, wie aus dem Nichts, ergreift es Besitz von einem und macht einen glauben, dass man jemand besonderes sei, ein Heiliger, ein Wissender. Das Ego schärft uns ein: „Ich bin kein gewöhnlicher Mensch. Ich bin ein besonderer Mensch.“ Das Problem: Man ist ja eigentlich sowieso schon außergewöhnlich. Eine unerschütterliche Wahrheit! Nur stellt das Ego diese Wahrheit auf die Probe. Und das ist ein Riesenproblem. Viel zu oft verteult man das Ego darum. Doch ohne Zweifel ist es ein ganz sensibler Teil unseres Seins. Man bleibe dennoch wachsam, das einen das Ego nicht verleite. Es würde einen nur im Tal der Hindernisse gefangen halten.

Hindernisse als Herausforderungen annehmen

Problematisch wird es, wenn wir gegen die Hindernisse im Leben vorgehen. Wer versucht auf dem Pfad zur Erleuchtung, die Stolpersteine, gewaltsam aus dem Weg zu räumen, schafft sich Feinde im Außen und im Innen. Wer gegen die hier dargestellten, vier Widerstände, gewaltsam vorgeht, unterdrückt lediglich. Doch wie ein Luftballon, den man tief unter Wasser drückt, drängt es aufwärts zur Oberfläche. Die Verlockungen, die Mitmenschen, das Denken, das Ego: sie alle lassen sich unterdrücken, doch bleiben sie dabei bestehen. Unterdrücktes entfernt sich nicht. Vielmehr wird, was unterdrückt wird, immer stärker und gefährlicher. Man denke an all die unterdrückten Nöte der Menschen, die sich plötzlich zu einem gewaltigen Wutausbruch entstellen. Das hat die Menschheitsgeschichte zur Genüge gezeigt - bis heute.

Wenn wir gegen Hindernisse gewaltsam vorgehen und versuchen, ihre Stolpersteine gewaltsam aus dem Weg zu räumen, bleiben wir im Tal der Hindernisse gefangen. Es ist nur logisch. Denn es gibt unendlich viele Widerstände und Hindernisse. Jeden Augenblick entstehen neue. Doch ebenso wenig können wir das, was sich uns entgegenstellt einfach ignorieren. Eher sollten wir die Hindernisse im Leben annehmen. Es sind Herausforderungen die uns besser machen – stärker, klüger, gewandter. Wir wachsen nicht indem wir gegen Widerstände ankämpfen, sondern indem wir ihre tatsächlichen Ursachen verstehen lernen.

Oft halten uns Emotionen auf, die uns etwas besonders lieben lassen. Doch auch Emotionen des Hasses und der Abscheu hindern uns. Besonders unsere Feinde erzeugen starke Emotionen in uns. Darum vermissen wir auch unsere größten Feinde, wenn sie sterben. Unser Feindbild hilft uns bei der Selbstdefinition. Und so gibt es unserem Leben Sinn. Duldung von, wie auch Widerstand gegen Hindernisse: beides macht uns unbeweglich.

Ein klarer Blick, ohne Urteil, ohne Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem, ist die Voraussetzung das Tal der Hindernisse zu verlassen. Nur durch Mäßigkeit lässt sich das große Werk vollenden. Ist der wachsame Geist weder freundlich noch feindlich gesinnt, versteht er, was zu tun ist und kann auch tatsächlich handeln.

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IV. Das Tal der Heimsuchungen

Bisher bestand die Aufgabe des Suchers darin, ein klares Bewusstsein zu erlangen. Dies geschah auf der hellen, der Tagseite des Lebens. Jetzt bewegt er sich zum ersten mal in die tieferen Gefilde seines Bewusstseins. Er betritt das Reich des Unbewussten: einen geheimnisvollen Bereich der Seele, ihre Nacht- und Schattenseite. Sobald sich der Sucher auf diese dunkle Seite schlägt, fangen die wirklichen Schwierigkeiten an.

Die Stufen ins himmlische Paradies führen immer weiter aufwärts. Ein beschwerlicher Weg. Je höher wir uns bewegen, desto gefährlicher wird der Absturz. Ein einziger Fehltritt bedeutet vielleicht das Ende. Nur wer aufmerksam und vorsichtig nach oben steigt bleibt sicher.

Die ersten drei Täler, die Al-Ghazali erwähnt, kann man nur alleine passieren. Man muss den Weg durch diese drei Täler alleine finden. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, jeder Mensch müsse hier durch. Es ist eine Möglichkeit, ein Vorschlag. Jeder muss selbst wissen was er tut. Es liegt in der Macht des Einzelnen, sein Leben zu etwas Besserem zu führen. Es wäre jedoch falsch andere Menschen dazu zu überreden.

Wer das vierte Tal betritt, findet nur mit Hilfe eines Meisters den Ausgang. Das Tal der Heimsuchungen erfüllt tiefe Dunkelheit. Es ist der Eingang in eine Welt des Wahns. Ausgesprochen seltsam, was sich in diesem Abschnitt der Seelenreise ereignet. Es ist das, was der christliche Mystiker Johannes vom Kreuz (1542-1591) „die Dunkle Nacht der Seele“ nannte. So lange man selbst noch kein eigenes Licht erzeugen kann, und das Herz unbewusst im Dunkel der Brust klopft, so müssen wir uns das Licht eines Meisters borgen. Während unsere Eltern uns das weltliche Dasein gaben, ist es der Meister, der uns zu ewigem Leben führt. Er ist jemand der das Tal der Heimsuchungen bereits durchschritten und gelernt hat, in der Dunkelheit zu sehen.

Zweifel

Wenn einer kommt und sagt: „Gott ist“ und ein anderer sagt, „das bezweifle ich“, dann ist das kein Zweifel sondern Skepsis. Diesen Unterschied macht der Skeptiker jedoch nicht. Um sich der Blöße nicht zu stellen, sagt er lieber „ich bezweifle“. In Wirklichkeit aber bedeutet das: „ich weiß es nicht.“

Zweifel ist existentiell, ist lebenswichtig und entsteht in der Gesamtheit der Wahrnehmung. Ein Skeptiker verfügt nur über eine Ansammlung fixer Ideen, die aus seinem Verstand geboren wurden. Doch was nützt einem Skepsis, wenn man sich durch die Dunkelheit bewegt? Wenn man nicht sieht, wohin ein Weg führt und man nicht weiß, „gehe ich nach links oder nach rechts“, da wird nichts mehr in Frage gestellt. Aber Zweifel steigen in einem auf, ob man noch dem rechten Weg folgt.

Bevor man das Tal der Heimsuchungen betreten hat, gab es Sicherheiten. Man kannte die Dinge, da man sie gesehen hat. Mit der Dunkelheit ist alles verschwunden. Jeder Schritt ein Tappen. Hier beginnt der Zweifel.

Plötzlich geht uns ein Licht auf:

Meine Suche nach wahrer Spiritualität war anscheinend nur ein Hirngespinst. Viel zu lange habe ich mich mit Absurditäten befasst, dies geglaubt und jenes. Ich habe mich Dingen gewidmet, die mich garnicht weiterbringen, sondern nur mein Ego an der Brust des Stolzes nuckeln lassen.

Jetzt wird dem Sucher klar: er hat alles verloren. All seine Besitztümer, seine Macht, seine Lüste – alles ist dahin. Jetzt beginnen wahre Zweifel. An diesen Punkt kommt jeder, der sich auf den Pfad der Sucher begibt. Wenn sich dieser Moment ereignet, gewinnt man den Eindruck, man müsse sich gegen die Dunkelheit zur Wehr setzen, sich vor den grauenhaften Schatten der Finsternis schützen. Man ist drauf und dran, wieder ins Bewusstsein zurückgeworfen zu werden – in die Welt der sichtbaren Dinge.

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Dunkelheit reicht tief – Licht ist oberflächlich. Alles was wir draußen sehen, sind Schalen, sind Reflexionen des Sonnenlichts. Die Sonne können wir nicht schauen: sie blendet, ihr Licht ertragen unsere Augen nicht. Wer lange in das Licht der Sonne blickt, den umgibt bald Dunkelheit. Ihr Licht ist so stark, es macht die Augen blind.

Ein tief gehendes Leben ist nur möglich, wenn man auch Dunkelheit ertragen und Momente absoluter Finsternis und Ausweglosigkeit hinnehmen kann. Wer sich stets Problemen entzieht, schwimmt an der Oberfläche, wie gefälltes Holz flussabwärts treibend.

Auf dem Weg durch das Tal der Heimsuchungen, hilft uns ein Meister sehen lernen. Er vermittelt uns, dass es nur nach Dunkelheit ausschaut, doch in Wirklichkeit keine Dunkelheit ist. Den Neumond sieht man nicht und doch schwebt er im Himmel.

Schlaf, Tod und Erlöschung

Der Tod ist des Schlafes Bruder. Wer entschläft der stirbt. Seine Seele entschwindet in die Dunkelheit der Nacht. Beim Einschlafen ist es ähnlich. Der Körper liegt bewusstlos da, während sich die Seele „auf den Weg macht“. Nur durch eine geheimnisvolle Verbindung, kann die Seele in den Körper zurückkehren. Sie nennt man die „Silberschnur“, die die Seele an den physischen Leib bindet.

ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus (er stirbt) und die Klagenden ziehen durch die Straßen – ja, ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.

- Kohelet 12:6

Sobald die Silberschnur vom Körper gefallen ist, stirbt ein Mensch. Sein Körper verschwindet. Was bleibt ist die Seele. Sie wird wieder geboren. Niemand kann genau sagen, wie oft sich diese Wiedergeburten der Seele ereignen, doch sie nimmt immer wieder einen anderen Körper an, bis sie den Inkarnationszyklus auf Erden vollendet hat und sich in Gott auflöst. Das nennen die Sufis Fanaa (arab. فناء ) – Erlöschung, Entwerdung.

Alles, was auf Erden ist, wird vergehen (erlöschen). Aber das Angesicht deines Herrn bleibt bestehen – des Herrn der Majestät und der Ehre.

- Sure 55:26-27

Körper und Geist lösen sich auf. Nur der innerste Kern des Bewusstseins besteht fort. Hiervon gewinnt der Suchende im Tal der Heimsuchungen einen ersten Eindruck. Er kostet von der Todeserfahrung und was es bedeutet, wenn sich die Seele letztendlich in Gott auflöst. Wer sich diesen Erfahrungen aber widersetzt, wird zurückgeworfen in das Tal der Hindernisse. Umso schwerer dann, dieses Tal wieder zu verlassen. Schließlich fürchtet man sich vor dem Tal der Heimsuchungen. Ebenso wenig will man aber noch weiter zurück, will nicht mehr ins Tal der Reue.

Sich der Dunkelheit zu verweigern und den eigenen Tod zu verneinen, so als könne man ewig leben, zwingt einen, sich ewig mit Dingen zu beschäftigen, die einem im Weg stehen – ganz gleich ob es Lust, andere Menschen, Grübeleien oder das eigene aufgedunsene Ego ist.

Jemand der in seinem früheren Leben einmal aus dem Tal der Heimsuchungen zurückfiel, kann in seinem gegenwärtigen Leben, Tiefgründiges nicht recht ertragen. Versucht ihn einer zu lieben oder mit ihm Freundschaft zu schließen, fürchtet er sich. Auch einem Meister zu folgen, ist ihm unangenehm. Er möchte einfach niemandem zur Last fallen. Alles was ihn erneut in das Tal der Heimsuchungen bringen könnte, empfindet er als Bedrohung.

Das Tal der Heimsuchungen ist ein besonderer Übergang. Es befindet sich in der Mitte der sieben Täler und bildet eine Verbindung vom Diesseits ins Jenseits. Da sich der Suchende vom Bekannten ins Unbekannte begibt, benötigt er die Hilfe eines Meisters. Der gleicht einem Fährmann, der einen aus dieser Welt, auf die Insel der Seeligen übersetzt. Nur aber wer diesem Seelenführer vertraut, kann die Reise antreten.

Indra und Vritra - ewigeweisheit.de

Charon auf dem Styx - Gemälde von Joachim Patinir (1480-1524)
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Der Meister

Vertrauen ist etwas ausgenommen Positives. Wer sich der Welt Gottes anvertrauen will, übergibt die Führung einem spirituellen Meister. Wer vertraut, der kann auch gläubig sein. Hingabe und Vertrauen sind Voraussetzungen, das vierte Tal überhaupt betreten zu können. Darum sollte Hingabe eine Grundstimmung werden.

Mag sein, dass zu Anfang des Pfades, man keinen bestimmten Meister braucht. Man kann sich einfach „das Beste aus Allem“ herauspicken. Man nähert sich etwas, dass einen interessiert, dann entfernt man sich wieder. Nur: was geschieht in Zukunft? Ist man vorbereitet auf die große Veränderung im Leben, auf das vollkommen unerwartete Ereignis? Leider können wir nicht darauf warten und hoffen, dass nach Eintreten eines solchen Falls, das Leben einfach so weiter geht wie bisher.

Trotzdem will sich niemand auf das Unerwartete vorbereiten. Lieber verlegt man es auf unbestimmte Zeit, um es dann irgendwann zu erledigen.

Um das Tal der Heimsuchungen sicher zu passieren, muss man sich der Führung eines wahren Meisters anvertrauen, sich an eine Quelle der Weisheit begeben. Hier empfängt man eines Meisters Lehre, bevor man in Bedrängnis gerät.

Wenn die rechte Zeit gekommen ist, steht das Haus in Flammen. Doch du hast versäumt den Brunnen zu graben. Jetzt beginnst du zu buddeln. Bevor du aber auf Wasser stößt, ist das Haus abgebrannt. Man muss den Brunnen graben, bevor das Haus Feuer fängt!

- Ein Sufi-Gleichnis

V. Das Tal des Donners

Im Tal der Heimsuchungen schloss uns der Schlaf die Augen und wir gingen ein in die Dunkelheit. Im Tal des Donners nähern wir uns dem Totenreich.

Was man im Tal der Heimsuchungen erfuhr, war das „Persönliche Unbewusste“ (C. G. Jung). Man verlor sich in der Dunkelheit – die Persönlichkeit blieb. Im Tal des Donners erfährt der Pilger nun das „Kollektive Unbewusste“. Größte Angst steigt in ihm auf, denn hier verliert er seine Individualität. Sein Selbst beginnt sich aufzulösen. Das Gefühl sich als Mittelpunkt des Weltgeschehens zu erfahren, verschwindet. Dieses Gefühl ist so ungewohnt, dass es das Selbstbewusstsein in finsteres Grauen hüllt. Eine qualvolle Erfahrung. Nie zuvor, erfuhr man solche Angst!

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Ob's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Heimsuchungen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen.

- Aus Hamlet von William Shakespeare

Ein unerträglicher Zustand. Am liebsten flüchtete man wieder in das Tal der Heimsuchungen. Dort war es zwar ebenso dunkel, doch man fühlte sich noch, das Ich war noch da. Nun aber zerschmilzt es in noch größerer Finsternis, ist bald spurlos verschwunden.

Das ist Fanaa – die Entwerdung. Man erlöscht. Hierauf muss der Pilger vorbereitet sein. Nicht nur das: er sollte sich diesem Zustand, in sehnlichster Erwartung öffnen! Denn Fanaa bedeutet höchstes Glück. Es ist was die Buddhisten „Ananda“ nennen – die „Abwesenheit von Unglück“.

Dem entgegen richtet sich der Gedanke „Ich bin“. Er basiert eigentlich auf Unwissenheit. Sich selbst als Zentrum zu erfahren, rührt vom Ego her. Als Kind brauchen wir ein Ego, um uns in vollem Maße in der Welt behaupten zu können. Ab einem bestimmten Zeitpunkt aber, steht uns das Ego im Weg. Dann drängt es uns in allerlei Schwierigkeiten, macht uns das Leben manchmal zur Hölle. Unserem Körper ermöglicht das Ego natürlich, ein eigenständiges Leben zu führen. Irgendwann aber, erübrigt sich seine Aufgabe. Wer darum am Ego festhält, sich an das „Ich bin“-Bewusstsein klammert, kettet seine Seele an die stoffliche Welt. So macht er seine Seele zur Gefangenen des Körpers – der sie plagt und peinigt.

Das Ego vermittelt das Individual-Gefühl: „Ich bin etwas Besonderes“. Wenn andere das aber nicht anerkennen, fühlt man sich gekränkt. Wer das Tal des Donners durchqueren will, muss darum lernen ein gewöhnlicher Mensch zu werden – ein Niemand! Wir bewegen uns hier in einen sehr schwer zu begreifenden Bereich des Bewusstseins. Es ist ein Gebiet des Seelenlebens, dass nichts, aber auch gar nichts mit der gewöhnlichen Welt zu tun hat. Und doch: man werde gewöhnlich! So einer zu werden, heißt aber keineswegs, dass man ein Nichtsnutz ohne Menschenseele werden soll. Es ist eher die Des-Identifikation vom Körper, vom „lebenden Ding“, über das uns unsere Mitmenschen identifizieren. Eigentlich absurd, dass ein Leichnam beweint wird, oder? Denn wenn wir am Leben sind, haben wir zwar diesen Körper, doch wir sind nicht dieser Körper. Wir sind Bewusstsein, unbegrenzt, ewig und frei.

VI. Das Tal der Abgründe

Jetzt hat sich der Körper aufgelöst, wurde zu einer Erinnerung aus der Vergangenheit. Im Tal des Donners stirbt der Körper. Im Tal der Abgründe ist er bereits tot. Hier begibt sich der Körper des Suchers in den unerbittlichen Schmerz des Nichtseins. Er zerfällt.

Jetzt ist man nicht und man ist zugleich. Man sieht seine eigene Leiche vor sich, ist tot und weiß trotzdem dass man seine Leiche sieht. Ein Paradox. Es ist der Zustand der entwordenen Seele. Sie existiert fort, auch nach dem Tod des physischen Leibes. Von diesem Phänomen berichten solche, die klinisch Tod waren, doch in ihre Körper zurückgekehrt sind.

Meine Großmutter lag nach einem schweren Autounfall im Koma. Sie hatte das Gefühl, nie wieder lebendig aus dem Krankenhaus zu kommen. Von großem Schmerz umgeben, fühlte sie den nahenden Tod. Da sah sie sich aus ihrem eigenen Körper im Bett erheben, und an die Decke des Krankenzimmers schweben. Von dort aus sah sie ihren toten Körper auf dem Krankenbett. Bald bewegte sie sich auf ein helles Licht zu „und dort war jemand“. Doch dann kehrte sie zurück in ihren Körper. Alle alten Vorstellungen über das Selbst verlieren nach so einer Erfahrung ihre Bedeutung.

Bedauern und Dankbarkeit

Als Jesu sterbend am Kreuz hing, schrie er auf:

Eloï, Eloï, lema sabachtani – das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

- Markus 15:34

Er beklagte seine Situation, in Furcht vor dem Tod. Niemand kam ihm zu helfen. Nicht einmal Gott reichte ihm seine Hand, blieb unsichtbar. Doch kurz darauf fuhr er fort:

Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.

- Johannes 19:30

Als Jesus am Kreuz hängend, an die Momente vor der Kreuzigung dachte, bedauerte er. Doch kurz darauf sieht er die Zukunft seines Werkes und ist dankbar. Dem „warum hast du mich verlassen“, folgt unmittelbar „es ist vollbracht“. In dieser Gegenwart sind Vergangenheit und Zukunft unmittelbar verknüpft. Jesus ist die Zeit, die aus der Ewigkeit kommt, ist wie die diesseitige Welt, die aus dem Jenseits kommt. Er ist beides: Mensch und Gott – sterblich und ewig. So oft wie er sich „Menschensohn“ nannte, so oft nannte er sich auch „Sohn Gottes“.

Die Vergangenheit hinter sich lassen

Wenn man an die eigene Vergangenheit denkt, bedauert man oft was sich im Leben ereignete. Man klagt über Unterlassungen und Fehler, über das was man besser getan und das was man besser nicht getan hätte. Die eigene Vergangenheit jedoch zu vergessen, bedeutet in die Zukunft zu blicken, sich zu befreien von Reue und Schuldgefühl. Damit steigt in einem großes Vertrauen auf. Man erkennt auf einmal, dass man sowohl dem Diesseits wie auch dem Jenseits angehört. In dieses Bewusstsein führt uns der Meister. Es ist einer, für den dieses Bewusst-Sein bereits zur Gewissheit geworden ist. Er steht mit einem Bein auf der Erde, mit dem anderen im Paradies. Die Lücke die er so überbrückt ist also nur sehr, sehr schmal.

Sobald sich der Wunsch zu Beklagen auflöst und an seine Stelle ein Gefühl tiefen Vertrauens tritt, wechselt das menschliche Bewusstsein in göttliches Bewusstsein. Die Vergangenheit wird bedeutungslos, der persönliche Wille löst sich auf in göttlichem Willen.

VII – Das Tal der Hymnen

Jetzt hat der Pilger seine Reise vollendet. Er hat das siebte Tal, das Tal der Hymnen erreicht. Es ist ein Ort des Jubels und der Freude. Wer hier ankommt, wird zu neuem Leben erweckt. Er wird unschuldig wie ein Kind, voller Vertrauen in die Welt die sich ihm zeigt.

Wie der Christus im verherrlichten Körper wiedergeboren wurde, so wird jener, der das Tal der Hymnen erreicht, in einem strahlenden Lichtkörper wiedergeboren. Hier lösen sich alle Gegensätze auf. Es ist wie, wenn Materie und Antimaterie zusammenstoßen: sie zerstrahlen in reines Licht.

Hier endet alle Dualität: Einer wird Eins. Es ist was die Hindus „Advaita“ (sanskr. अद्वैत) nennen: die „Nichtzweiheit“ – die nicht-dualistische Sicht auf das Eine. Man erkennt nur die eine Wirklichkeit, als absolutes Prinzip, an dem alles Sein und jedes Wesen Anteil hat.

Al-Ghazali beschreibt das Tal der Hymnen als einen Ort der heiligen Gesänge, wo man dem Einen Lob preist: Allah - الله. Es ist ein Ort der Wonne und der vollkommenen, ewigen Freuden. Hier nimmt die Lebensreise ihr Ende. Jetzt muss man nirgendwo mehr ankommen. Man ist hier und jetzt.

Unser Leben ist ein Paradoxon: Wir sind und sind nicht zugleich – sind bereits, was wir noch nicht sind, müssen werden, was wir bereits sind. Unser wahres Selbst war nur versteckt. Es wollte in uns entdeckt werden.

Wer sich auf die Suche begibt und das Ziel dieser Suche erreicht, wird erkennen:

Ich war schon immer derjenige, der ich jetzt bin, es war mir bisher nur unbekannt. All die vielen Sichtweisen und Meinungen, hielten den wahren Kern meines Selbst in Unwissenheit.

 

Illustration von Al-Ghazali - ewigeweisheit.de

Al-Ghazali - Illustration im Buch Kimiya-yi Sa'ādat - "Die Alchemie des Glücks".

Über Al-Ghazali

Abu Hamid al-Ghazali (auch: „Ghazzali“) wurde im Jahre 1058 im chorasanischen Tusa geboren (altes Persien). Dort starb er auch, im Jahre 1111. Heute zählt Al-Ghazali zu den bedeutendsten Sufi-Mystikern. Als wichtigster Berater des Seldschuken-Sultans Nizaam al-Mulk, ernannte ihn dieser 1091 zum Professor der Theologie an der Universität zu Bagdad (Madrasa Nizaamiyya). Dort erwarb er sich hohes Ansehen. Nach der Ermordung Sultan Al-Mulks, glitt Al-Ghazali in eine tiefe spirituelle Krise. In dieser Zeit wandte er sich von Theologie und Philosophie ab. Er begann sich dem praktischen Sufismus zu öffnen. All seine Titel, sein Lehrauftrag gab er auf. Seinen gesamten Besitz spendete er den Armen und verließ im Jahre 1095 Bagdad, um als wandernder Derwisch seines Weges zu ziehen. Erst später kehrte er in seine Heimatstadt zurück.

Al-Ghazali verfügte über tiefgehende Kenntnisse der Werke aristotelischer und platonischer, wie auch islamischer Philosophie. Er empfand die Philosophie aber als schwer begehbaren Weg zur Wahrheit. Ihm lag mehr an der Praxis, als sich nur im Geiste zu bewegen. Praktische Verfahren waren damals wichtiger denn je. Menschen benötigten Hilfe, sich aus den Wirren ihrer Lebensprobleme zu befreien. Drum ist sein Vermächtnis auch heute hochaktuell.

Al-Ghazalis universale Lehre vereinigte zwei, sich anscheinend widersprechende Aspekte: Er synthetisierte die Vorstellung, einer durch Gott vorherbestimmten Welt, mit der Vorstellung, vom freien Willen des Menschen. Beide verschmolz er in seiner Lehre zu einem einheitlichen Weltbild.

 

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