Buddhismus

Tritt ein ins Zen

von S. Levent Oezkan

Enso-Symbol im Zen - ewigeweisheit.de

Im 9. Jahrhundert lebte ein junger Mönch namens Kyoscho, der sich in die Lehre begab, bei dem Zen-Meister Genscha. Als die beiden eines Tages durch den nahegelegenen Wald, am Hang eines Berges spazierten, war Kyoscho etwas ungehalten, zumal er bereits mehr als einen Monat bei seinem neuen Meister war.

Schließlich war er bei ihm in die Lehre gegangen, um den Zustand des Zen zu erfahren. Sein Wissensdurst darum ließ ihn den Meister fragen:

Ich kam zu Euch auf der Suche nach Wahrheit. Wo soll ich beginnen, um in das Zen einzugehen?

Sein Meister antwortete ihm hierauf:

Lieber Kyoscho, hörst Du das leise Plätschern des Gebirgsbaches?

Dem Mönch war es erst gar nicht aufgefallen, doch nun nahm er es war. Da antwortete er seinem Meister:

Ja, ich höre den Bach leise in der Ferne.

Da erhob sein Meister den Finger, blickte ihn an und sprach:

Von dort aus gehe ein ins Zen.

Kyoscho war verblüfft, ja geradezu überwältigt von der dabei gemachten Erfahrung, so dass er kurz in den Erleuchtungszustand eines Satori einging. Auf einmal wusste er was Zen ist, ohne aber zu verstehen was er da gerade erlebt hatte.

Etwas Zeit verging und Kyoscho kam eine Frage zu seinem Erlebnis:

Was aber, Meister Genscha, wäre geschehen, hätte ich den Gebirgsbach nicht hören können?

Da blieb sein Meister stehen, blickte ihm in die Augen, hob seinen Finger und sprach:

Von dort gehe ein ins Zen. Das ist das Geheimnis des Zen. Von wo immer Du bist, von dort aus gehe ein ins Zen.

Ganz gleich ob sich einer ermutigt oder desillusioniert fühlt, ob er in seiner Meditation fortgeschritten oder noch ganz am Anfang steht: Gehe von dort aus ein ins Zen. Das ist die Wahrheit. Das genügt.

Bist Du müde, gehe von dort aus ein ins Zen.

Bist Du verwirrt, gehe von dort aus ein ins Zen.

Bist Du böse, gehe von dort aus ein ins Zen.

Schweift Dein Geist umher, gehe von dort aus ein ins Zen.

Der Erleuchtungszustand ist jetzt erreichbar, gehe von dort aus ein ins Zen.

 

Zwar gehört auch die Sitzmeditation zur Praxis des Zen, doch, wie die Geschichte von Kyoscho und Meister Genscha erzählte, lässt sich das Eingehen ins Zen auch in einer Konzentration auf den Alltag erreichen.

Worauf Meister Genscha immer wieder hinwies, war, sich die Aktivität, die man gerade in diesem Augenblick ausübt, vollkommen wahrzunehmen, ohne dabei irgendwelchen Gedanken oder Beurteilungen nachzugehen. So gelingt einem die Flut seines Denkens einzudämmen.

Der dritte Patriach des Zen in China, Sengcan († 606) sagte dazu einmal:

Wenn unser Denken die Ruhe findet, verschwindet es von selbst.

 

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Anapanasati oder: Achtsames Atmen

Anapanasati oder: Achtsames Atmen

Im Buddhismus kommt man in Berührung mit dem, was man das achtsame Atmen nennt. Es ist eine uralte Praxis die ursprünglich durch den Buddha Gautama seinen Schülern gelehrt wurde: Sie sollten den Wirkungen in ihrem Körper nachspüren, die ihr Atem in seiner Bewegung darin verursacht.

Heute zählt diese buddhistische Vorbereitungspraxis des Anapanadati zu den wohl am weitest verbreiteten Techniken zur achtsamen Zuwendung, der durch den Atem ausgelösten inneren Vorgänge. Dabei schaut der Übende zuerst auf die Vorgänge in seinem Körper, betrachtet darauf seine Gefühle, seine Wahrnehmung und schließlich das, was in seinem Geist vor sich geht.

In seiner Erörterung dieser Praxis, dem Anapanasati Sutta, bat der Buddha seine Schüler zum Beispiel in einen Wald zu gehen und sich dort eine ruhige Stelle zu suchen, unter einem Baum.

Da ist der Fall, wo ein Bhikkhu (buddhistischer Mönch der von Almosen lebt), nachdem er in die Wildnis gegangen ist, im Schatten eines Baumes oder in einer leeren Hütte sich hinsetzt, seine Beine überkreuzend, seinen Körper aufrecht haltend, und Achtsamkeit in den Vordergrund bringend. Stets achtsam atmet er ein; achtsam atmet er aus.

- Auszug aus einer Lehrrede des Buddha aus dem Pali-Kanon (Übersetzung: Thanissaro Bhikkhu)

So in Ruhe sitzend, soll der Meditierende ganz einfach seinen Atem beobachten. War der Atem lang, sollte er sich bewusst machen, dass der Atem eben lang ist. War der Atem kurz, so konnte er einfach feststellen, dass sein Atem kurz ist.

Diese vom Buddha aufgetragene Übung diente dem Schüler

  • sich in Achtsamkeit zu üben, den Körper, Gefühle und mentale Prozesse zu beobachten,
  • sich zu konzentrieren auf das Wesen aller eigentlichen Unbeständigkeit, sich dabei von Leidenschaften zu lösen, mit dem Zweck auf diese Weise
  • den Geist zu stabilisieren und damit Gedanken loszulassen, zur Erlangung einer ultimativen Zufriedenheit.

Die Praxis des Anapanasati

Es lässt sich die im Anapanasati geübte Achtsamkeit sowohl im Sitzen, im Stehen, im Liegen oder auch beim Gehen üben. Dabei nimmt man in Gelassenheit den Atem wahr, wie er durch die Nasenlöcher in den Körper, als kühler Luftstrom empfindbar, einströmt und sich beim Ausatmen langsam über die Oberlippe, etwas erwärmt, wieder austritt.

Als nächstes soll sich der Übende einen kleinen Bereich unter dem Nabels (chinesisch »Xia Dantian«; zu deutsch: »Zinnoberfeld«; im Abstand von Zeige- und Mittelfinger unterhalb des Bauchnabels), unter der Haut bewusst machen, um auch dort die Atembewegung zu empfinden. Dabei kann der Übende beim Einatmen ganz langsam auf 10 zählen. Nach dem Ausatmen beginnt man von vorne (eine Zählung beim Ausatmen ist nicht notwendig).

Das heißt also, dass man sich zuerst

  1. den Atemstrom bewusst macht, der durch die Nase geht,
  2. dann den Xia-Dantian-Punkt in seiner Auf- und Abbewegung erlebt und schließlich
  3. den Atemvorgang einzählt.

Er erkennt lang einatmend: Ich atme lang ein; oder lang ausatmend erkennt er: Ich atme lang aus. Oder kurz einatmend erkennt er: Ich atme kurz ein; oder kurz ausatmend erkennt er: Ich atme kurz aus. […]
Ich werde empfindsam für Verzückung einatmen. […]
Ich werde empfindsam für Verzückung ausatmen. […]
Ich werde empfindsam für den Geist einatmen. […]
Ich werde empfindsam für den Geist ausatmen. […]
Ich werde den Geist zufriedenstellend einatmen. […]
Ich werde auf Unbeständigkeit fokussierend einatmen. […]
Ich werde auf Unbeständigkeit fokussierend ausatmen.

- Auszüge aus einer Lehrrede des Buddha aus dem Pali-Kanon (Übersetzung: Thanissaro Bhikkhu)

Der Atem an sich aber verändert sich dabei nicht. Es wird so geatmet wie immer: natürlich, ohne bestimmte Regeln oder Haltungen. Je gewöhnlicher, desto besser. Denn Ziel ist letztendlich ja dem Geist keinen Gedanken mehr zu lassen, mit dem er sich befassen könnte.

Nachdem man diese drei Abschnitte für einige Zeit übte, kann man sich aber davon lösen und nur noch auf den Atem achten. Aber weniger fokussierend, als eher in einer Losgelöstheit von allem Konzentrieren. Lenkt einen etwas ab, ein Gedanke, ein Geräusch oder etwas anderes, bringt man seine Aufmerksamkeit einfach wieder zurück auf den Atem.

Eigentlich sogar ist das der wichtige Moment, in dem der Praktizierende wirklich erlernt zu meditieren: sich immer wieder erneut in den bewussten, doch natürlichen Atem versenkend – ein Atem der »einfach passiert« und sozusagen »freiwillig bleibt« – und er so seine Mitte findet. Alles andere wäre gänzlich widersinnig. Denn wenn es oft heißt, man solle sich auf seinen Atem konzentrieren, versuchen Menschen meist, fast schon verbissen, ihre Atembewegung zu lenken. Genau das ist es aber nicht.

Es geht um ein Erleben, dass jenseits aller Geistesformen besteht, das, was man als absolute Achtsamkeit bezeichnen könnte, wenn man sich nicht mehr der Dinge im Raum gewusst wird, sondern der Leere dazwischen. Auch die Punkte wo das Einatmen ins Ausatmen und das Ausatmen ins Einatmen wechselt, ist das, was der Anapanasati-Methode ihren Sinn verleiht: Es ist mehr eine Möglichkeit, als ein vorgeschriebener Weg. Darum ist es auch vollkommen ausreichend, wenn man diese Übung nur für einige Minuten täglich praktiziert.

 

Architektonische Geheimnisse tibetischer Baukunst

von S. Levent Oezkan

ewigeweisheit.de

Überall auf unserer Welt existieren Bauwerke, deren Strukturen auf einer »Heiligen Geometrie« basieren. Wie sich das aber im tibetischen Buddhismus äußert, beantwortete der englische Künstler Keith Kritchlow (1933-2020) auf ganz wunderbare Art. Er beschreibt darin die Dreiheit von Himmel, Mensch und Erde, was im Folgenden wiedergegeben werden soll.

Bevor wir uns aber der Beantwortung dieser Frage zuwenden, sollte zuerst einmal festgestellt werden, dass es, neben einer spezifisch kulturellen, immer auch eine universale Darstellung der folgenden Ausführungen gibt. Die Geometrie tibetischer Architektur ist dabei sehr charakteristisch. Auch wenn die dabei verwendeten Formen sehr einfach sind (Quadrat, Dreieck, Kreis), ließen sich in alter Zeit daraus doch Sakral-Bauten gestalten, die in ihrem sehr komplexem Baustil bis heute erhalten sind.

Baut man in Tibet einen Stupa oder eine Pagode, spricht man in der Tat vom »Körper des Buddha«. Es nicht nur ein Symbol für den Erwachten, sondern wird als solches Bauwerk in der Tat zum Vorbild dessen, was der Siddhartha Gautama Buddha im wahrsten Sinne des Wortes »verkörperte«: Eine Erscheinung vollkommener Harmonie – auf körperlich-materieller, seelischer, sowie auf menschlich- und himmlisch-geistiger Ebene.

Quadrat und Dreieck

Um dieser Aussage gerecht zu werden, hat man ein mehr oder weniger dreigliedriges System entworfen, wobei die grundlegende Form dessen, zuerst das Quadrat repräsentiert:

Wie auch in anderen Kulturen, ist das Quadrat ein Symbol für die Erde, das heißt, das ist materielle Ebene des Seins. Hierin befindet sich alles Geschaffene, alles konkret Seiende.

Während des Entwurfs einer Pagode, geht man nun über, in eine weitere, grundlegende Form der Heiligen Geometrie: Das Dreieck.

Auch in anderen Religionstraditionen begegnen wir dem Sinnbild des Dreiecks, wie ja vor allem in der christlichen Trinität von Vater, Heiligem Geist und dem Sohn.

Es ist das Dreieck aber auch ein Symbol in der Alchemie, wo es als solches, in nach oben zulaufender Richtung, das Element Feuer repräsentiert, was gewiss wiederum einen Bezug zu dem hat, was man das »Geistige« nennt. Es dürfte daher kaum verwundern, wenn Buddhisten beim Dreieck, von einem Symbol des Bewusstseins sprechen. Und dies natürlich geht einher mit der menschlichen Fähigkeit mitzuwissen, im Sinne eines Erlebens mentaler Zustände.

Da nun der Buddhismus in Indien entstand, stammen seine grundlegenden Begriffe aus dem Sanskrit, und im Fall des Dreiecks, als Symbol des Bewusstseins, fällt da das Wort »Manas«, von dem auch etymologisch das deutsche Wort »Mensch« stammt. So ist im Dreieck auch das ausgedrückt, was man der Wesentlichkeit allen Menschseins zuschreibt, in seiner Wahrnehmung auf den Ebenen von Körper, Sprache und Denken.

Wenn wir nun oben von »Bewusstsein« sprachen, geht es da ebenfalls um drei Dinge: Den Wissenden, das Gewusste und den eigentlichen Wissensakt. Es sind immer diese drei Dinge, die bewusst sein lassen. Ohne sie gibt es kein Bewusstsein. Im Hinduismus stehen diese drei Teile zusammengenommen, für die Bewegung des Geistigen.

Im alten Griechenland bestand diese Dreiheit aus

  • den vorangehenden,
  • den erhaltenden und
  • den wiederkehrenden Modi des Geistes.

Der Kreis

Als nächstes wäre da nun der Kreis zu nennen, als Symbol des Himmlischen:

So wie das Quadrat ein Symbol ist für die Immanenz – Eigenschaften die den Dingen innewohnen – ist der Kreis ein Symbol für die Transzendenz – dem was außerhalb möglichen Erfahrens liegt, unabhängig von normaler Sinneswahrnehmung.

Nun ist es jedoch so, dass das Symbol des Kreises, aus dem Bereich der Transzendenz, natürlich die Formen der Immanenz enthält, sie umkleidet, ja streng genommen sogar ihre Quelle ist. Darum umfasst sie auch solche Formen wie das Quadrat:

Oder aber das Dreieck.

In beiden Fällen aber könnte man hierzu sagen, dass sich diese Urformen von irdischer Welt und menschlicher Seele, sich quasi an ihren Ursprung »erinnern« (symbolisiert durch den Kreis) und dahin auch zurückkehren wollen.

Nun drängt sich dem einen oder anderen vielleicht die Frage auf: Wie lässt sich vom irdischen Quadrat, über das menschliche Dreieck, zum übernatürlichen Kreis des Himmlischen aufsteigen?

Mit der Beantwortung dieser Frage kommt das Problem von der Quadratur des Kreises ins Spiel: Es gibt keine Formel, anhand derer sich eine Gleichung entwickeln ließe, von der man aus der Fläche eines Quadrats auf die gleiche Fläche eines Kreises, und damit auf seinen Durchmesser schließen kann (wie auch vice versa). Es verhält sich da wie mit dem Geist, der ebenso wenig messbar ist anhand dessen, wovon er ausgeht oder was seinen Ursprung bindet.

Aus Sicht der Heiligen Geometrie aber ist diese Anwendung durchaus möglich. Denn wenn wir, wie in obigem Beispiel gezeigt, durch das Quadrat, mit dem umliegenden Kreis eine Diagonale ziehen, befindet sich diese sowohl im Viereck, wie auch gleichzeitig in dem kreisförmigen Bogen. Diese Diagonale aber existiert, wegen der vier Punkte im Quadrat, zweimal:

Hieraus nun erhalten wir eine Vierteilung, die natürlich mit den vier elementaren Bestandteilen der Alchemie korrespondieren, aus denen die physische Welt beschaffen ist: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Was jedoch im Herzen dieser Figur zusammenläuft, im Schnittpunkt also, dieses Zentrum nennen Alchemisten den »Äther« oder die »Quintessenz«, was gleichbedeutend mit dem Prinzip des Geistigen ist.

In dieser Symbolik findet sich man »die vier Reiche« nennt. Wer dabei den Sinn der Quintessenz erfasst hat, dem wird auch die oben beschriebene Bedeutung der Dreiecke bewusst, die hier ja aus vier Perspektiven gezeichnet erscheinen.

Es ist damit also das Wissen der großen Vierheit vermittelt, sei es als Kenntnis von der irdischen Welt in ihrer Bedeutung für die vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, vier Lebensphasen (Geburt, Jugend, Erwachsensein, Alter) und so weiter.

Wer jedoch das Zentrum, die Quintessenz dessen – den »Geist« also –, bewusst als Mittelpunkt der Welt erkannt hat, der kann hiermit auch den sich daraus umgebenden Kreis (auf himmlisch-transzendenter Ebene) deuten lernen. So jemand hat wahrlich Erkenntnis gewonnen.

 

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Dzogchen oder: Wie man die innerste Natur des Geistes erfährt

von S. Levent Oezkan

Dzogchen Rinpoche - ewigeweisheit.de

In der buddhistischen Tradition Tibets spricht man von einer großen Vollkommenheit, in der alle spirituellen Wege gipfeln. In dieser höchsten Form meditativer Besinnung, wird die innerste Beschaffenheit des Geistes erkannt, als das was den Menschen ausmacht, in seinem wesentlichsten, reinsten Sein.

Was damit aber gemeint ist, lässt sich nicht eben mal in wenigen Sätzen niederschreiben. Es geht hier um die vollendete Praxis aller Meditationstechniken, die im Vajrayana-Buddhismus praktiziert werden.

Auch kann hierüber nur das geschrieben werden, was zu diesem Thema an Wissen anderweitig verfasst wurde, zumal es einer tatsächlichen Praxis bedarf, um von einer echten Beschreibung dessen reden zu können, worum es hier geht: Dzogchen – die Große Vollkommenheit. Es ist eine Form des Yoga, zur Vervollkommnung von Körper, Sprache und Geist, die über allen anderen spirituellen Disziplinen steht, weshalb man diesen Weg auch den »Ati-Yoga« nennt. »Ati« steht für etwas, das über das gewöhnliche Maß hinausgeht, worüber hinaus nichts erreicht werden kann: Ein ultimativer Zustand vollkommenen Gewahrseins.

Ursprünge des Ati-Yoga finden sich bereits im Sarva-Buddha-Sama-Yoga-Tantra, dem ältesten der yogischen Tantras (8. Jahrhundert). Tantra ist der Überbegriff für die esoterischen Lehren buddhistischer Philosophie und Religion. Ziel dieser yogischen Tantras ist eine Bewusstwerdung von der Beschaffenheit der Realität.

Die eigentliche Praxis des Ati-Yoga beziehungsweise Dzogchen, lässt sich vielleicht als ein unvermitteltes Erscheinen vollkommener Gegenwärtigkeit zusammenfassen. Das heißt, das hieraus alle Erscheinungen des Samsara (Kreislauf des Leidens in Leben und Sterben) und des Nirvana (Austritt aus dem Samsara) herrühren und wohin sie wiederum entschwinden. Diese Vergegenwärtigung der Realität findet jedoch nicht auf einmal statt, sondern wird erreicht über mehrere Phasen der Meditation und Veränderung der Geisteshaltung des Meditierenden.

Diese Phasen beziehungsweise Entwicklungsstadien, bezeichnet der Buddhismus mit dem Sanskrit-Wort »Yana«: einem geistigen »Fahrzeug«, worin eine bestimmte spirituelle Erfahrung gemacht wird, die sich, gemäß der Linie ihrer Ausübung, teilweise unterschiedlich äußern kann. So ein Yana soll dem Praktizierenden aber helfen, die mit seinem besonderen spirituellen Weg in Zusammenhang stehenden, geistigen Lasten zu tragen beziehungsweise ihn dabei auf seinem Weg zu unterstützen.

Im tibetischen Buddhismus ist die Rede von mehreren solcher Fahrzeuge, wobei im Fahrzeug des Ati-Yoga die vollendetste Geisteshaltung erfahren wird, da der Übende auf dieser Stufe das höchste Heilsziel erreicht hat.

Als der Buddha seine letzte irdische Inkarnation vollendet hatte und durch seinen Tod geschritten war, wirkte er von da an, in ätherischer oder astralischer Gestalt, in das Geschehen auf Erden hinein. In gewisser Weise ein Beispiel für die Lebensgeschichte des Buddha Shakyamuni (des indischen Religionsstifters Siddhartha Gautama, durch den der Buddhismus begründet wurde).

Welcher Weg dorthin gegangen werden muss und in welchen weiteren Fahrzeugen sich der Übende dabei bewegt, dem wollen wir uns im Folgenden zuwenden.

Lehren der tibetischen Nyingma-Schule

Erst im 10. Jahrhundert taucht in Tibet die Lehre vom Ati-Yoga auf. Wahrscheinlich aber sollte diese Sanskrit-Bezeichnung überflüssig werden, da man dafür nur noch den tibetischen Begriff Dzogchen verwendete. Vorstellungen über das spirituelle Fahrzeug des Ati-Yoga, waren deshalb in Tibet bis ins 13. Jahrhundert hinein umstritten, zumal man ein System mehrerer Fahrzeuge (Yanas) noch nicht in Erwägung gezogen hatte. Der ehrwürdige Meister Sakya Pandita (1182-1251) etwa sprach davon:

Versteht man diese Tradition in ihrer wahren Bedeutung, dann ist auch Ati-Yoga ein Weisheitsweg und nicht etwa ein Fahrzeug (Yana).

- Aus Sakya Panditas »Unterscheidung der Drei Schwüre«

Erst später sollten die Begriffe »Dzogchen« und »Ati-Yoga« synonym verwendet werden, wie etwa im Kulayaraja-Tantra, dem ersten Text der tibetischen Schriftensammlung des Nyingma Gyübumaus aus dem 14. Jahrhundert. Fest steht außerdem, dass Ati-Yoga zwar ein Begriff ist aus dem Sanskrit, doch sich in Tibet entwickeln sollte. Ihren Ursprung aber soll die Lehre über das Dzogchen von Samantabhadra stammen – einem der acht großen Bodhisattvas des Mahayana-Buddhismus. In den Dzogchen-Lehren heißt es dazu, dass unsere wahre Wesensbeschaffenheit, im Kern dieser Buddha-Natur entspricht und daher auch aus uns heraus entwickelt werden kann. Der tibetische Lama Sogyal Rinpoche (1947-2019) schrieb dazu:

Kuntu Zangpo (tibetischer Name des Boddhisattva Samantabhadra) repräsentiert die absolute, unverhüllte, himmelsartige, Ur-Reinheit der Wesensbeschaffenheit des Geistes.

- Aus Sangyal Rinpoches »Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben«

Nun erzählen die Lehren der tibetischen Nyingma-Schule von dem alten Weise Garab Dorje, der als derjenige Lehrer gilt, der diese Schule gründete (zu der auch der eben erwähnte Sogyal Rinpoche gehörte). Garab Dorje aber kam nicht auf natürliche Weise zur Welt und über seine exakte Herkunft liegen keinerlei Daten vor. Gemäß der Überlieferung aber stammt er aus jenem Land von Oddiya, aus dem auch der große Padmasambhava stammte, der zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert lebte und Begründer des tibetischen Buddhismus war. Oddiya wird als ein Land beschrieben, dessen Bewohner spirituelle Vollkommenheit erlangt haben, in etwa zu vergleichen mit dem, was die westliche Tradition das »Paradies« nennt. Es ist wohl ähnlich jenem Land zwischen dem heutigen Pakistan und Afghanistan, wo manche das sagenhafte Königreich von Shambhala vermuten.

Der Überlieferung nach, erhielt dieser Garab Dorje seine Lehren des Dzogchen, vom höchsten, transzendenten Buddha Vajrasattva, nachdem dieser wiederum dazu inspiriert wurde, durch den zuvor erwähnten Bodhisattva Samantabhadra. Hierdurch erlangte Garab Dorje das Nirvana, starb und ging dabei in den Zustand des sogenannten Regenbogenkörpers über, als sich sein physischer Leib in Licht auflöste. Seinem wichtigsten Jünger Manjushrimitra erschien er da vom Himmel in Form einer lichtumringten, in den Farben des Regenbogens schimmernden Wolke und rief:

Ach, ach! O großer Raum! Wenn das Licht, unser Lehrer, erloschen ist, wer wird dann da sein um die Dunkel der Welt zu bannen?

- Aus dem Buch »Dzogchen: Die Herz-Essenz der Grossen Vollkommenheit« des 14. Dalai Lama

Während dieses doch ungewöhnlichen Ereignisses aber, erschien dem Manjushrimitra auf einmal die Hand seines Meisters Garab Dorje, worin sich eine winzige golden Urne, in der Größe eines Fingernagels befand. Die stieg plötzlich auf und umkreiste Manjushrimitra dreimal. Hernach landete sie in seiner Hand, woraus sich das Testaments Garab Dorjes entfaltete, geschrieben auf Papier wertvollster Beschaffenheit: das sogenannte »Treffen der Essenz in den drei Welten«. Darauf war geschrieben, mit Tinte aus reinem Lapis Lazuli:

Die Erscheinung der innersten Natur des Geistes (Rigpa) sei hiermit eingeführt,
Entscheide dich für eine Sache und nur für eine Sache,
Habe vollkommene Zuversicht in die Freisetzung aufsteigender Gedanken.

- Aus Garab Dorjes »Treffen der Essenz in den drei Welten«

Im Erkennen dessen, erreichte Manjushrimitra den selben Grad an erfüllender Erkenntnis, wie auch sein Meister. Es heißt außerdem, dass die ersten vier Nachkommen des Buddha Vajrasattva – Garab Dorje, Manjushrimitra, der chinesische Gelehrte Shri Singha und der indische Meister Jnanasutra – ihrem jeweiligen Nachkommen auf die selbe, oben beschriebene Weise ihr spirituelles Erbe vermachten. Dabei verschmolzen die erleuchteten Geister von Meister und Schüler untrennbar miteinander, woraus die eine Weisheit des Dzogchen aufstieg. Auch Padmasambhava, der im 8. Jahrhundert den Buddhismus in Tibet etablierte, war ein Schüler in der Abstammungslinie der Dzogchen-Tradition und ein Schüler des Shri Singha.

Sein anderer Schüler Jnanasutra lebte als Einsiedler, der sich sein Leben lang der Meditation widmete. Auch dessen Leib sollte sich bei seinem Todeszeitpunkt in der Regenbogenkörper aufgelöst haben.

Manjushrimitra – ewigeweisheit.de

Manjushrimitra: Schüler des großen Weisen Garab Dorje. Er war es, der im 8. Jahrhundert die Dzogchen-Tradition in Tibet etablierte.

Achtsamkeit und die Wahrnehmung des Hier und Jetzt

Garab Dorje war es, der die Überlegenheit des Dzogchen gegenüber den Lehren der klassischen Mahayana-Schule des Buddhismus darlegte. Niemandem gelang dies zu widerlegen.

Im 9. Jahrhundert als der große indische Meister Padmasambhava nach Tibet kam, kam es dort zur Formung dieser neuen Schulrichtung des Vajrayana-Buddhismus, dessen Angehörige eine Vielzahl verschiedener Meditationsmethoden ausüben.

Einer der größten Dzogchen-Meister des 20. Jahrhunderts, der in Tibet geborene Kyapje Dunjom Rimpoche (1904-1987), schrieb über die Erscheinung des Dzogchen:

Alles beginnt mit der Vision. Die Vision im Dzogchen vermag zu sehen, was wirklich ist – die Natur des Seins an sich. Das ist die eigentliche Form des Seins, in der der Geist keine Unterscheidungen macht und auch keine Urteile fällt. Der Zustand der Wahrnehmung heißt »Rigpa«. Rigpa ist reine Wahrnehmung des Hier und Jetzt. Wir können diese Wahrnehmung eigentlich durch nichts zum Ausdruck bringen oder sie mit irgendetwas anderem vergleichen, dass sie beschreiben könnte. Sicher aber ist sie alles andere als der gewöhnliche Zustand emotionaler Verwirrtheit und widersprüchlichen Gedanken, noch aber ist es auch nicht das, was man das Auslöschen des Nirvana nennt. Es ist ein Zustand der nicht hergestellt oder entwickelt werden kann, ebenso wenig wie man diesen Zustand unterbrechen oder auslöschen könnte. Weder können wir uns davon befreien noch davon irregeleitet werden. Es ist unmöglich zu sagen, dass wir in diesem Moment tatsächlich existieren, noch können wir sagen dass wir nicht existieren. Es ist weder eine Erfahrung des Unendlichen, noch von etwas Bestimmtem.

Kurz: da die Natur des Geistes, die Große Vollkommenheit, Rigpa, nicht gebildet werden kann als ein bestimmtes Ding, ein Zustand, eine Wirkung, erscheint es als ultimative Leerheit, die es seinem Ursprung nach vollkommen rein sein lässt, alles beherrschend und alles durchdringend.

Mit dem was also Kyapje Dunjom Rinpoche über Dzogchen sagt, ist es jenseits aller verwirrenden Gedankenströme, die sich uns aufdrängen, in unserem tagtäglicher Drang, über alles Mögliche zu urteilen und zu grübeln. In dieser Zerstreutheit nämlich wurzeln alle triebhaft gesteuerten Wünsche. Sie aber sollte man durch eine alles durchdringende Achtsamkeit ersetzen, indem man bei jeder Tätigkeit eben nur die dafür zu vollziehenden Handlungen aufmerksam ausführt, ohne währenddessen über dies und jenes nachzudenken, das nichts mit dem gegenwärtigen Geschehen zu tun hat.

Es ist eben die Ablenkung von dem was gerade hier und jetzt ist, so die tibetischen Eingeweihten, die in uns Leid aufkommen lassen. Doch auch wenn man eben gerade leidet, welcher Ursache dieses Leid auch immer geschuldet sei, sollte man sich zuerst einmal dem Wesen dieses Leids zuwenden, seiner Essenz. In diesem Schauen aber kann es der Meditierende zur Auflösung bringen, da er dabei zur Klarheit dessen kommt, was ihn leiden lässt. Und was für das Leid gilt, gilt ebenso für Gefühle des Stolzes, der Wut, der Faulheit, der Verwirrung und der eigenen Überheblichkeit.

Die spirituellen Fahrzeuge der buddhistischen Tradition

Wir hatten oben bereits von den »Yanas« gesprochen, den Fahrzeugen. Da beschrieben wir sie als Mittel, um eine besondere Geisteshaltung zu entwickeln, die einem Menschen auf seinem spirituellen Weg dabei hilft, in der Realität zu Wohlergehen zu finden. Im Buddhismus gibt es dazu drei solcher Geisteshaltungen, in denen sich jemand zur Erreichung seines Lebenszieles bewegt:

Hinayana – das kleine Fahrzeug,

Mahayana – das große Fahrzeug und

Vajrayana – das Diamant-Fahrzeug.

Dabei lassen sich die beiden Fahrzeuge des Hinayana und Mahayana zusammenfassen als Sutrayana, gewissermaßen ungezwungene Methoden, die vielleicht auch nur für eine gewisse Zeit angewendet werden. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie sich nicht wirksam einsetzen lassen, da sie die Erlangung von Weisheit und besonderen Verdiensten erstreben, um damit Buddhaschaft zu erlangen: die Erleuchtung zur wahren Wesensnatur und zum grenzenlosen Potential des Lebens.

Die drei Yanas des Sutrayana

Es gibt insgesamt neun Fahrzeugen. Zwei davon betreffen das Hinayana, eins das Mahayana, jedoch sechs das Vajrayana. Die ersten beiden, dem Hinayana zugehörigen Fahrzeuge sind das

1. Shravaka-Yana und das

2. Pratyekabuddha-Yana.

Ersteres der beiden betrifft jene Übenden, die den Anweisungen eines Meisters folgen und auf diesen tatsächlich angewiesen sind. Mit dem Pratyakabuddha-Yana bewegt sich einer jedoch ohne Meister, da er aus eigener Kraft Weisheit zu erzeugen vermag. Im Hinayana, das diesen beiden Fahrzeugen übergeordnet ist, basiert die hauptsächliche Handlungsweise auf dem Asketentum, dass sich von Sinnesgenüssen abwendet und nur von den allernotwendigsten Dingen ernährt (das sind Almosen) und kleidet (weggeworfene Kleider), sowie an abgelegenen Orten lebt (zum Beispiel an oder auf Friedhöfen oder unter einem Baum im Wald).

Mit dem

3. Bodhisattva-Yana, bewegt sich jemand auf seinem spirituellen Pfad in ein Feld ultimativen Erfahrens. Dieses Fahrzeug führt den Praktizierenden, durch seine gekonnten Methoden, zu umfangreichen, tiefgehenden Einsichten der höheren Welten und dessen, was man als das endgültig Gut bezeichnet.

Das Bodhisattva-Yana ist Teil des Mahayana, das die Erreichung des Bodhichitta erstrebt: der mitfühlende Wunsch Erleuchtung zu erlangen zum Wohle aller Wesen. Das ist der Wunsch der Bodhisattvas, der erleuchteten Weisen, die über das Bodhipakkhiyadhamma meditieren, die 37 erforderlichen Dinge zur Erleuchtung: Die Vier Grundlagen der Achtsamkeit (Satipatthana), die Vier Rechten Anstrengungen (Samma Padhana), die Vier Wege zum Erfolg (Iddhipāda), die Fünf Fähigkeiten (Indriya), die Fünf Kräfte (Bala), die Sieben Erleuchtungsglieder (Bojjhanga), den Edlen Achtfache Pfad (Ariya Atthangika Magga).

Symbol des Dzogchen – ewigeweisheit.de

Symbol des Dzogchen: Im Innern ist die tibetische Variante der heiligen Silbe "Om" zu sehen.

Die drei Tantras des Vajrayana

Im Vajrayana, dem diamantenen Fahrzeug, ist die Rede vom »Tantrayana«, den Fahrzeugen der Verwirklichung. Es geht da eben nicht mehr darum die Ursachen eines vollkommenen Pfades zu schaffen, sondern sich direkt zur Identifikation mit den Wirkungen zu führen. Was bedeutet das?

Im Tantra geht man davon aus, dass Bedeutung, Art und Ausdruck des endgültigen Ziels auf dem Weg zur Buddhaschaft, sich bereits in den tiefsten Ebenen des Gemüts befinden und nicht erst im Außen gesucht und gefunden werden müssen. Doch Unwissenheit und Fehlannahmen verdunkeln diesen Bereich des Bewusstseins. Im Tantra aber geht es darum, diese, sozusagen »verunreinigte« Sicht auf die Dinge, durch die Entwicklung von reinen, klaren Visionen zu transformieren, in der Arbeit mit dem Körper, der Sprache und dem vernünftigen Geist.

Da dieses Fahrzeug nun aber einen durch und durch geklärten Geist voraussetzt, spricht man eben vom Vajrayana, dem Diamant-Fahrzeug. Die ersten drei der sechs Fahrzeuge des Vajrayana, nennt man auch die Fahrzeuge des vedischen Asketentums:

4. Kriya-Tantra, was das äußerliche Verhalten und Handeln des Praktizierenden rituell reinigt,

5. Charya-Tantra, das sich der äußeren Fortentwicklung den Belangen des Körper und der Sprache widmet, doch sich gleichzeitig übt mit einem vollkommenen Aufgehen im Innern des Geistes (Samadhi), sowie dem

6. Yoga-Tantra, das die innere Meditation über die Wirklichkeit beinhaltet.

Im Kriya-Tantra und Charya-Tantra, begibt sich der Übende auf den Pfad äußerer und innerer Klärung und Läuterung. Hierbei visualisiert sich der Meditierende verschiedene Gottheiten beziehungsweise Buddhas. Dafür rezitiert er bestimmte Mantras. Im Charya-Tantra aber werden diese Mantras (heilige Gebete) gemäß der esoterischen Bedeutung der dabei ausgesprochenen Silben bewusst gemacht, die jeweils mit Formung einer besonderen Handgeste (Mudra) einhergehen. Diese beiden Tantras führen den Übenden zum Erwachen im Bewusstsein der drei Buddhas des sogenannten Erleuchtungskörpers (Vairochana), der erleuchteten Sprache (Amitabha) und des erleuchteten Geistes (Akshobya).

Mit dem Fahrzeug des Yoga-Tantra aber begibt sich der Übende auf den Pfad der Transformation, indem er sich selbst als in die entsprechende Gottheit umgewandelt visualisiert. So wird er sich dessen bewusst, was als erleuchtetes Handeln (Buddha Amoghasiddhi) bezeichnet wird und erreicht damit das wirklich Bedeutsame: ein Erfahren der Leerheit des Geistes (bar jeglicher Gedanken) und einem damit verbundenen realisieren des »Reinen Lichts«, was die grundlegende Wurzel allen Bewusstseins ist.

Die drei Yogas des Vajrayana

So wie die drei Fahrzeuge des Kriya-Tantra, des Charya-Tantra und des Yoga-Tantra, drei äußere Tantras bilden, folgen ihnen drei innere Tantras, die auch die »geheimen Fahrzeuge« genannt werden:

7. Mahayoga gehört, wie auch das Yoga-Tanra, zum Weg der Transformation. Es ist der »große Yoga« (sanskr. »maha«, groß), der sich zuerst der bereits im Yoga-Tantra angedeuteten Erfahrung der Leerheit widmet.

8. Anuyoga ist das Fahrzeug, in dem sich der Übende seinem feinstofflichen Körper bewusst wird (tib. »tsa«, Kanäle; »lung«, Wind-Energien; »tikle«, Essenzen). Jene, die diese Stufe erreicht haben, sind in der Lage augenblicklich eine der oben genannten Buddhas zu visualisieren.

9. Atiyoga, oder tibetisch »Dzogchen«, ist schließlich das vollkommenste aller neun Fahrzeuge, wo der Praktizierende nun vollkommene Bewusstheit erlangt hat und er alle Erscheinungen, als aufsteigende und absteigende Phänomene erkennt, die aus der eigentlichen Einheit allen Seins hervortreten und darin letztendlich auch wieder aufgesaugt werden und verschwinden.

Alle Erscheinungen werden so wahrgenommen wie sie wirklich sind: ihrer echten Natur nach nämlich leer. Diesem Bewusstsein nähert sich der Übende zunächst im Mahayoga über die Stufe des Utpattikrama, das die Tibeter »Kyerim« nennen. Es ist die Stufe, in der dem Übenden die eigentliche Identitätslosigkeit des Seins bewusst wird, zuerst im Erkennen des »So-Seienden«, darauf der »universalen Manifestierung« dessen und schließlich der Ursachen dieser beiden Faktoren. Hierfür meditiert er auf die eigentliche Leerheit allen Seins, wobei in ihm ein unfassbares Mitgefühl aufströmt, dass er als grundlegendstes Gefühl allen Menschseins erkennt. In der Zusammenführung dieser beiden Bewusstseinserfahrungen (Leerheit und Mitgefühl) vernimmt er das »reine Licht«, wodurch die Ursachen allen Leids in ihm und um ihn gereinigt werden.

Auf der Stufe des Anuyoga dann, tritt er ein in die Phase des Utpannakrama, tibetisch »Dzogrim«. Hier begibt sich der Übende in das, was er im Fahrzeug des Mahayoga noch visualisierte, erfährt sich mit den drei Buddhas von Körper, Sprache und Geist verschmolzen, wird mit ihnen eins.

Er begibt sich von hier aus auf den Pfad der Befreiung, auf dem er verweilt, um sich in Übereinstimmung mit der Essenz aller Realität zu erfahren. Durch die Rezitation des Mantras der Erzeugung, entsteht vor dem Praktizierenden der Palast und Wohnort der Boddhisattva, der Gottheiten und des Buddha. Nun hat er die wahre Natur seines Seins erkannt und erreicht schließlich im Dzogchen den Zustand des uranfänglichen Buddha Samanthabadra. Auf dieser höchsten Stufe angelangt, ist er frei von aller Angst, bar jeder Hoffnungen, Vorlieben oder Abneigungen. Er ist nun fähig die Realität aus sich selbst heraus zu erschaffen, einzig zum Zwecke einer alles durchdringenden Kraft vollendeten Mitgefühls, dem, was die Tibeter »Tulku« nennen: die Dimension der unaufhörlichen Manifestationen nennen – Nirmanakaya.

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Ruhe finden, bewahren und aus der Ruhe heraus handeln

Ruhe finden, bewahren und aus der Ruhe heraus handeln

Verstehen - durch Stille. Wirken - aus Stille. Gewinnen - in Stille.

- Dag Hammarskjöld

Rembrandt: Philosoph in Meditation

Pausen sind in allen spirituellen Traditionen von Bedeutung: sei es im Islam, im Christentum, im Judentum, sei es in den Traditionen des fernen Orients. Immer wieder treffen wir auf dieses Thema, wenn wir uns mit den Heiligen Schriften der Religionen in West und Ost beschäftigen.

Eine verordnete Auszeit, die auch bei uns erhalten geblieben ist – zumindest in Deutschland – ist Sonntag: Tag der Ruhe, an dem normalerweise alle Geschäfte geschlossen sind und wo ein zeitlicher Freiraum gegeben ist, der dem Menschen ermöglicht sich zurückzuziehen, um zur Ruhe zu kommen.

Nur wäre das zu schön um wahr zu sein. Solche Phasen der Auszeit werden heutzutage nämlich von vielen Menschen unbedingt mit allerlei Tätigkeiten angefüllt, was ja eigentlich auch in Ordnung wäre, erfolgte es nicht in der Mentalität einer besonderen Nützlichkeit, wegen der jede freie Stunde im Leben »sinnvoll eingesetzt« werden muss.

Für diese wichtige, wöchentliche Pause im Laufe der Lebenszeit steht der Sonntag in der Religion der Christen, der Schabbat jüdischer Gläubiger (Samstag) und der Dschumma (Freitag) der Muslime. Dieser heilige siebente Tag geht zurück auf die Schöpfungsgeschichte am Anfang des zweiten Kapitels im Buch Genesis, wo »Gott der Herr« an diesem Tag ruhte, um zufrieden sein Werk zu betrachten.

[...] er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.

- Genesis 2:2f

Wäre es nicht angebracht auch auf unser wöchentliches Werk zurückzublicken, vor unserem inneren Auge noch einmal all das, was wir erreichten, vorüberziehen zu lassen, um überhaupt zu erkennen, was wirklich wichtig ist von alle dem, das in kommender Zeit ansteht?

Fasten heißt beobachten

Auch der Verzicht auf das, was alltäglich verwendet oder eingenommen wird, ist zum Beispiel in den Religionen des Westens ein wichtiger Bestandteil. Im christlichen Glauben ist das die Fastenzeit (etwa zwischen Karneval und Ostern) oder der heilige Fastenmonat Ramadan der Muslime. Man entsagt bewusst allem Alltäglichen, zumindest aber schränkt man sich darin ein. Der Fastenmonat Ramadan fordert von seinen Gläubigen in dieser Zeit, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, sowohl auf Essen, Trinken, sowie auf alle intimen Genüsse zu verzichten.

Es scheinen aber immer weniger Menschen sich auf so etwas einzulassen, da sie entweder nicht darüber in Kenntnis versetzt wurden oder dieses, auf die Gestirne abgestimmte spirituelle Regelwerk, schlicht als unwichtig abwinken. Und in dieser Mentalität scheint auch das Gebot der Sonntagsruhe viel zu oft ignoriert zu werden.

Was unser Leben jedoch, in einer zunehmend komplexen Welt, aus dem Lot zu bringen vermag, sollten wir, bewusst lebend, versuchen zu reduzieren. Dies könnte ja ein, nennen wir es einmal, »vorsätzliches Nichtstun« sein. Und solcher Art erzwungener Müßiggang kann sich sowohl einmal die Woche wiederholen, ja vielleicht aber, je nach persönlicher Biografie, sogar über eine längere Phase erstrecken – wie etwa auf einem Pilgerweg.

Nachdem der brasilianische Schriftsteller Paolo Coelho im Jahr 1987 das Buch über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg veröffentlichte, folgten viele andere Menschen diesem Weg nach, so dass in den vergangenen Jahren daraus mehr als eine Viertelmillion jährlicher Pilger wurden.

Wieso aber begibt sich jemand auf so eine lange Reise und dann auch noch zu Fuß?

Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, da ich einige Jahre selbst Pilgerreisen veranstaltete (damals zum Mosesberg auf der ägyptischen Halbinsel Sinai), sind solche Wanderungen auf entlegenen Pfaden oder in der Wüste, heute oft die einzige Möglichkeit, wieder einmal zu sich selbst zu finden und damit wohl auch zu dem, was man im Westen mit dem Wort »Gott« bezeichnet, zumindest als Muslim, Christ oder Mensch jüdischen Glaubens. Auf so einer Pilgerreise schaffen es Menschen, sich eine Zeit lang der alltäglichen und heute so durchdigitalisierten, vernetzten Welt zu entziehen. So können sie sich als Mensch wieder empfinden lernen, um dabei zu sich finden, ihren wahren Wesenskern zu entschleiern.

Besonders geläufig sind uns so Begriffe wie Kontemplation und Selbstfindung allerdings auch, wenn sich einer darauf konzentriert, um durch besondere fernöstliche Meditationspraktiken bestimmte Bewusstseinszustände zu erzeugen, die sie oder ihn zu einem ähnlichen Ergebnis führen.

Bei alle dem aber geht es um die selbe Vorstellung eines Ideals vollkommener Muße, womit sich Räume erschaffen lassen, worin sich ein aus dem alltäglichen Denken gelöster Geist entfalten kann. Der chinesische Philosoph Lao-Tse schrieb dazu:

Aus Ton entstehen Töpfe, aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes

- 11. Spruch aus Lao-Tses Taote-King

Es ist eher die Leere von Bedeutung, mehr noch als das, worin sie gefasst ist. Denn was nützt einem ein Haus, in dem es keinen Platz gibt? Wie sollte sich die Erde und das Leben auf ihr bewegen, hindere sie da etwas auf ihrem Weg?

Alles Entfalten benötigt Raum, allem guten Werk geht eine Auszeit voraus, in der die dazu notwendigen Handlungen erdacht werden können. Doch auch aus Erdachtem kann nur etwas gedeihen, was sich in Ruhe konzentrieren ließ.

Es dürfte darum nicht überraschen, wenn Meditation  auch direkte spirituelle Erfahrung bewirkt. Genau darum ging es auch den christlichen Mystikern im Mittelalter. Man sah nur in der Erfahrung von Leere, dass da etwas ist, was dem Erfahren von Fülle einfach fehlt. Nicht zufällig zogen sich jene berühmten Geistlichen, wie etwa Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen, in die Einsamkeit zurück, in die Stille eines Klosters, um diesem Erfahren in der Leere nachzuspüren. Hieraus empfingen sie das, was sie später dann mit ihren Mitmenschen, zu deren Wohle, teilen sollten. Auch der Buddha zog sich zurück, um unter jenem, sogenannten Baum der Weisheit (Bodhi-Baum) sieben Tage und Nächte zu meditieren, um danach schließlich in vollem Bewusstsein zu erwachen.

Heiliges Nichtstun

Zwischen Muße und Müßiggang jedoch verläuft immer ein schmaler Grat. Denn es geht keineswegs darum, sich aller Verantwortungen im Leben zu entziehen. Eher ist das Ziel, sich jene Zeiten der Muße tatsächlich frei zu halten, sie zuerst auszuloten, später aber sogar daraus besondere Erfahrungen zu schöpfen, die einem höheren Zweck dienen. Siddhartha Gautama – der Buddha – verkörpert diese Vorbildfunktion. Auch der Prophet Mohammed zog sich ebenso zurück, wie Jesus der Christus.

In unserer heutigen, bisherigen Welt der Ökonomen, ist das aber scheinbar unangebracht, wo man stets versucht Zeit in Geld zu verdichten. Ein Workaholic ist da wohl anerkannter als ein sogenannter Faulpelz. Da stellt sich jedoch einem die Frage, wie einer von dem ständig jemand anderes etwas will, selbst Ruhe finden soll, um sich auf seine nächsten Handlungen einzustimmen? Oder weiß man schon gar nicht mehr, wie man mit bewusstem Nichtstun umgehen soll, ja ob so etwas überhaupt angebracht wäre? Und vor allen Dingen: Was will man im Leben eigentlich erreichen, wenn man kaum Zeit dafür findet, jener Selbstentfaltung den nötigen Freiraum zu geben?

Fest steht, dass kein Werk als solches zum Abschluss gebracht werden kann, wenn der Weg dorthin nicht in Abschnitte, die dafür aufgewendete Zeit, nicht durch Pausen dazwischen, die damit verbundene Arbeit aufteilte. Es braucht einen zeitlichen Zwischenraum, um zu erkennen was war und was als Nächstes an der Reihe ist. Ein »Dazwischen« ist nicht nur nütlich, sondern durchaus ökonomisch.

Was also, man verbrächte damit das, was einem vielleicht als Zwangspause auferlegt wurde, tatsächlich als Chance zu erkennen? Im Leben vieler Menschen haben sich Ungleichgewichte eingeschlichen, die sie wissen angehen zu müssen. Nie aber fanden sie die Zeit dazu oder versuchten diese mächtigen Faktoren einfach dadurch zu ignorieren, indem sie sich von vermeintlich Wichtigerem vereinnahmen ließen und sei es das abendliche Schauen in den Fernseher.

Natürliche Kreisläufe – Rückzug in die Natur

Bevor die Räderwerke und Maschinen in unserer Kultur wichtig wurden, waren es immer die natürlichen Lichtzyklen im Kosmos, die unser Zeitempfinden prägten. Man handelte entsprechend der täglichen, monatlichen und jährlichen Sonnenbewegungen, in Zusammenhang mit jenen Zyklen des Mondes. Hieraus entstand erst später das, was man als die zwölf Monate kennt. Sie sollten dereinst wohl auch die Zeiträume dessen bestimmen, was sich übertragen sollte, in ein jeweils morgendliches und ein abendliches Zwölfstundenmaß des Tages.

Als Ende des 18. Jahrhunderts aber die Industrielle Revolution den Menschen aus seiner eigentlich naturbezogenen Kultur immer mehr entfremdete, wurde dieses kosmische Bewusstsein für solare und lunare Kreisläufe, vom Fortschrittsdenken, immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Und dieses Denken ist bis heute zum bestimmenden Maß unserer Weltkultur geworden. Sonnen- und Mondphasen als Zeitmaße wurden durch Uhren abgelöst, die zuerst nur im Außen auf Kirchtürmen zu sehen war, doch, im Laufe der Zeit, immer mehr in unser inneres Bewusstsein vordrangen und zu dem wurden, was wir die »Innere Uhr« nennen.

Was nun aber, wenn dieses, durch Uhren vorgegebene Maß, zunehmenden Druck auf uns ausübt, da jemand vorgegeben hat, wieviel tägliche, in Stunden messbare Arbeit üblich ist, ja sogar die gearbeitete Stunde den Wert des Menschseins zu bestimmen scheint?

Nicht nur arbeiten immer mehr Menschen an Bildschirmen, sondern verbringen, zumindest unter der Woche, auch am Abend noch Zeit vor der Fernseh-Mattscheibe – einmal abgesehen von all den Blicken auf das Smartphone in den Minuten dazwischen. In diesem Verhalten aber entfremden wir Menschen uns zunehmend aus unserem natürlichen Dasein, dass eben doch auf die kosmischen Vorgänge abgestimmt ist. Es ist eine Tatsache, dass unser Melatonin-Haushalt, der den Schlafrhythmus regelt, eigentlich der Blaulichtanteil des Sonnenlichts bestimmen sollte. Durch unsere willkürliche Lichtaufnahme blaulichtgeschwängerter LED-Beleuchtungen von Bildschirmen und auch Raumbeleuchtungen, bringt diesen natürlichen Rhythmus durcheinander. Wir leiden unter Schlafentzug, der neben unregelmäßigen Ruhephasen, einfach nur zu unserem Schaden mehr Stress erzeugt.

Darum wäre es durchaus angebracht, einen Tag in der Woche, zumindest für einige Stunden, uns einer endlosen Verwendung von Bildschirmen zu entziehen und eine Online-Pause einzulegen.

ewigeweisheit.de

Fazit: Frei-Zeit

Pause und Auszeit als Neuorientierung, ist heute durchaus angebracht. Der Wunsch sich ständig mit etwas zu beschäftigen, rührt wohl daher, dass die meisten Menschen ihre Gedanken nicht ertragen oder jeder Meditations- oder Achtsamkeitsübung den Schlaf vorziehen. Man bedudelt sich also entweder, oder versucht durch andere Mittel seine Geistestätigkeit zu unterdrücken: das können Sportlichkeitswahn ebenso sein, wie ein übermäßig, körperliches Liebesleben oder ein unverhältnismäßiger Konsum von Rauschmitteln.

Selbst die Ferien werden mit sogenannten Freizeitaktivitäten vollgestopft, statt das man jener, oben beschriebener Leere und Ruhephase, bewusst ihren benötigen Raum zugesteht. Nur da nämlich lassen sich neue Ideen entwickeln, die dem eigenen Wohlbefinden gut tun. Wer auch in seiner Freizeit unbedingt aktiv sein muss, bleibt Sklave einer Erwartungshaltung, die der selben Mentalität entstammt, wie das frühe Aufstehen am Montag um bis spät Abends zu arbeiten.

Wir sollten wieder lernen der Zeit beim Vergehen zuzusehen, statt die Zeit zu vergessen, indem wir sie regelrecht verfüttern, an immer neue Geschäftigkeiten. Unsere Zeit aber ist für so etwas viel zu wertvoll. Doch das ist in unserer »Beschäftigungskultur« leider in Vergessenheit geraten und fällt den meisten erst dann auf, wenn sie bereits ins Rentenalter eingetreten sind. Doch was um alles in der Welt fängt man dann noch an, mit der übrig gebliebenen Lebenszeit, wenn man jahrzehntelang auf Geschäftigkeit trainiert wurde? Kann man da nicht einfach mal aussteigen?

Es sind die Pausen die wirklich wertvoll sind und als entsprechend kostbar geschätzt werden sollten. Nur muss jemand, der zuvor versuchte seine Zeit ständig mit Betätigungen auszufüllen, erst einmal lernen, sich diese Freiräume zu schaffen und sie als solche auch wahrzunehmen. So jemand muss lernen Achtsamkeit zu entwickeln und dabei den wahrscheinlich anfänglich einbrechenden Gedankenstrom, mit immer mehr Leerräumen zu versetzen, so dass allmählich nur noch wertvolle Geistesbilder aus einem Meer innerer Ruhe beginnen aufzusteigen. Sie sind die Rufe denen wir folgen können, um unser Leben zuerst auf unsere Bestimmung hin auszurichten und damit allmählich auch unserer Umwelt das zu geben, was sie wirklich braucht.

Ist es denn nicht das, worauf es im Leben ankommt?

 

Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Schreiben Sie bitte eine Email an: freundeskreis@ewigeweisheit.de

Sonne und Schlange

von S. Levent Oezkan

Drachenorden in Ost und West - ewigeweisheit.de

Die Sonne ist die Kraft unseres Planetensystems. Von ihr hängt alles Leben auf unserer Erde ab. Ihr Magnetismus, ihre Wärme und ihre Schwerkraft gleichen einer makrokosmischen Dreiheit von Geist, Seele und Körper, die unseren vergleichsweise winzigen Planeten durchwirkt.

Alles geistig-himmlische assoziieren die Menschen seit ehedem mit der Sonne, während man der Schlange die Rolle der Erdkräfte, insbesondere der Kräfte der Unterwelt zuschreibt, wohin sie sich wohl auch tatsächlich zurückzieht um in Starre die Finsternis des Winters zu durchweilen.

Sonne und Schlange - Himmel und Erde

Den Finsterniskräften einer mythischen, sonnenvertilgenden Schlange, steht ein biologisches Reptil gegenüber, für das die Sonne geographisch zwar nicht erreichbar ist, es als Kaltblüter seine Körperwärme aber über das Licht der Sonne bezieht. So wie die mythologische Schlange alles licht- und sonnenhafte aufzehrt, so verschlingt die naturkundliche Schlange gierig ihre Beute, in einem Stück. Der Schlange ist das Begehren inhärent.

In den Sagen des klassischen Altertums taucht sie oft als Wesen auf, dass, so z. B. im alten Ägypten, gegen die lebenserhaltenden Kräfte der Sonne kämpft, und als riesiges Monster versucht die Sonne selbst in ihr finster-kaltes Wesen aufzusaugen. Das sagenumwobene Schlangenwesen scheint zu Grunde zu richten, auszulöschen und alles einverleiben zu wollen, was lebendig ist. Es will alles sich selbst gleich machen, zuweilen sich sogar selbst verzehren: als Ouroboros.

Da Drachen und Schlange, als Wesen der Erde, sich leicht mit allem Unterirdischen assoziieren lassen, ist in der Geomantie auch die Rede von Drachenströmen. Sie verlaufen im Erdgrund, doch tragen meist christliche Namen, die aber ganz und gar nicht abwegig sind, schaut man sich etwa die Symbolik von Michael und Maria im katholischen Christentum an, denn nach diesen beiden Heiligenfiguren sind diese Ströme benannt - zumindest in Nordeuropa.

Durch dies magnetische Strömen, das durch die Einwirkung der Sonne im Erdgrund wirkt, bildet sich das Gold der Alchemisten als geronnenes, kristallines Sonnenlicht. Möglicherweise eine Erklärung dafür, weshalb in verschiedenen Sagen und Märchen, ein Drache erst von einem Sonnenhelden getötet werden muss, bevor ein Goldschatz aus dessen Höhle geborgen werden kann.

Wegen der Begründung im biblischen Sündenfall, hat die Schlange in den abrahamitischen Religionen eine eher negative Konnotation, während sie als solares Weisheitssymbol im Buddhismus oder Hinduismus, z. B. für die Schöpferkraft steht. So etwa Vishnu, der sich als die zehn Avatare auf Erden inkarniert. Er liegt auf einem aus 1000 Schlangen geformten Bett, und badet so im kosmischen Milch-Ozean von König Shesha, dem Herrscher der Schlangengottheiten. Auch der dritte im Bunde der Trimurti, der Zerstörergott Shiva, wird in bildlichen Darstellungen stets mit einer Kobra um den Hals gezeigt.

Als Siddharta Gautama, eine dieser Inkarnationen Vishnus, am siebten Tag seiner Erleuchtung, unter einer Pappel in Meditation das Buddhatum erlangte, begann ein Monsunregen, als eine Riesenkobra an ihn herankroch, sich aufrichtete und ihren siebenköpfigen Schlangenkörper schützend über ihn wölbte.

In China charakterisieren Reptilien oft in Drachengestalt, auf Bildern, Reliefs und Skulpturen dargestellt, den fruchtbringenden Regen des Frühlings, und werden deshalb gerne als Glückssymbole verwendet.

Im 12.000 Jahre alten Tempel von Göbekli Tepe in der Türkei, findet man Stützpfeiler auf denen überwiegend Schlangenfiguren abgebildet sind, was ein Hinweis darauf ist, dass seit bereits sehr alter Zeit Schlangenkulte existiert haben müssen. Auch im 5. Kapitel der Vishnu Puranas wird von großen Schlangengöttern berichtet, die auf der Insel Atala gelebt haben sollen. Ebenso wie das aztekische Atzlan ist Atala ein anderer Name für Atlantis. Sowohl im aztekischen, wie im indischen Mythos wird überliefert, dass einst Schlangengottheiten subterrane Paläste bewohnt haben sollen. Das gibt Anlass zu der Vermutung, dass die atlantische Weltzivilisation von einem Schlangenkult geprägt gewesen sein könnte.

Hierauf Bezug nehmend, möchte ich überleiten zu einem ursprünglich sumerischen Mythos. Der solare Schlangengott Enki, ein Gegenstück zum griechischen Prometheus, kam auf die Erde als Erschaffer und Lehrer der Menschen. Er gründete die Bruderschaft der Schlange, deren Mitglieder sich nach der atlantischen Katastrophe angeblich in zwei Gruppen getrennt hatten: In den Orden des roten Drachen, der seitdem die Geschicke der westlichen Zivilisation lenkt, angeblich aus dem im Erdinnern befindlichen Königreich von Agartha (auch: Agarthi) – während der Orden des gelben Drachen vom himmlischen Shambhala aus, über das Schicksal der östlichen Zivilisation wacht.

Eine Legende aus diesem Mythenkreis berichtet wie die Priester des Roten Drachen von Agartha, durch Invokation ihre Initianden in die Geheimnisse der Erde einweihten, das heißt, dass dabei Wesenheiten durch Anrufung eingeladen wurden.

Die Priesterschaft des Gelben Drachen führte traditionsgemäß Evokationen aus, wobei die Anwesenheit von Wesen der geistigen Welt angeblich erzwungen wurde, um so die Mysten in die Erscheinungsformen der Sonne einzusegnen.

Sagen, Fabeln, Geschichten

Vermutlich rührt der Mythos von der Gründung zweier Bruderschaften im Mittelalter her. Vielleicht hat er sich in den letzten 500 Jahren verbreitet.

Anfang des 15. Jhd. wurden fast zeitgleich zwei Bruderschaften in Europa und Asien gegründet: Die Bruderschaft des Drachen, einem katholischen Ritterorden der von Kaiser Sigismund im Jahre 1408 zur Verteidigung des Christentums gegen die eindringenden Osmanen ins Leben gerufen wurde.

Sein Emblem: ein roter Drache. Ein Jahr später, im Jahre 1409 wurde in Tibet vom Manjushri-Eingeweihten Tsongkhapa, in der Nähe von Lhasa das Kloster Ganden gegründet, aus dem die Gelug-Schule hervorging, der buddhistische Orden der gelben Drachenmützen.

Die Religionen des Okzident glauben an eine innere, verborgene Kräfte. Sie richten sich auf einen zentralen, einzigen Gott aus. Sie glauben an ein, sagen wir, »Konzept« eines Weltendes, wie etwa das jüngste Gericht der Christen oder die »Götterdämmerung« nordischer Mythen. Die spirituelle Auffassung im Orient hingegen, geht aus von einer transzendenten Ewigkeit eines zeitlosen Buddha, dessen Weisheit, da ewig, wie es scheint nicht im selben Umfang geheim gehalten werden muss.

Im Westen werden religiöse Weisheitslehren, insbesondere im Christentum, Judentum und Islam, scheinbar aufgespart und nur gleichnishaft überliefert, während die Lehren östlicher Weisheitstraditionen meist deutlicher erscheinen und dem Vernehmen nach einfacher zu begreifen sind, als z. B. die Gleichnisse der Evangelien, die sich manchem auf den ersten Blick offenbar nichts sagend vorstellen. Östliche Weisheit scheint näher am Leben und geerdeter zu sein, während die westlichen Geisteslehren mit dem wirklichen Leben anscheinend nicht all zuviel zu tun haben – zumindest oberflächlich gesehen.

Die beiden oben vorgestellten Bruderschaften bildeten sich vermutlich, um in der alten Welt eine Polarität aufrecht zu erhalten, die auf dem Widerstreit von Licht- und Finsterniskräften gründet und bis ans Ende des Fischezeitalters vorherrschen sollte. Es sind also zwei Pole, die aber streng genommen eigentlich eine Dualität wiedergegeben, denn würden sie polar-verbunden erscheinen, erführe man wohl ihr innerstes Geheimnis.

Soll damit also der Zugang zu einem der größten Geheimnisse der Menschheit verschleiert werden? Es scheint doch nämlich eine dritte Kraft zu existieren, über die eben jene beiden Pole verbunden sind. Schaue wir in die mythische Zeit unserer Menschheitsgeschichte tauchen da im Okzidents vermeintliche Gegensatzpaare auf, als Sonne und Mond, Michael und Drachen, Mithras und der Stier, Theseus und Minotaurus, Zeus und Typhon, Apollon und Python, Osiris und Seth oder Adler und Schlange.

Auf jene dritte Kraft kommen wohl all jene die den Mysterienweg gegangen sind, die starben um wieder aufzuerstehen: im ägyptischen Memphis, im griechischen Samothrake oder in Eleusis: Die Initianden wurden dem »Einen« geweiht, indem man ein vorübergehendes Auslösen der Seele aus dem Körper, durch eine Art Todeserfahrung erzielte. So wurde aus dem Initianden eine »kluge Schlange«, wie sie einst Jesus beschrieben hatte.

Initiation ist keine Wissenschaft die durch Sprache vermittelt werden kann, sondern eine Einsicht, in deren Besitz man nur durch unmittelbares Erleben kommt – eine Erfahrung die physiologisch über die Nervenimpulse im Rückenmark, in das Bewusstsein des Initianden eintritt und wie überliefert wurde, als ein inneres, sonnenhaftes Licht wahrgenommen wird.

Hier gibt es eine interessante thematische Verbindung zur biologischen Schlange, da das verlängerte Rückenmark, eine evolutionsbedingt reptilienartige Körperstruktur ist. Die Gehirnbrücke, die vom Kleinhirn und Großhirn aufgenommen wird, bezeichnet man in der Anatomie auch als Reptilienhirn. Das eine Art Ur-Reptil, einen Teil unseres Körpers bildet, glauben auch die Jivaro, peruanische Ureinwohner des Amazonas. Einst sollen riesige, schwarze, flugsaurierartige Fischwesen aus dem Weltall gekommen sein, da sie sich vor etwas weit draußen in der Galaxie auf der Flucht befanden, und auf der Erde landeten, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Sie brachten angeblich das Leben auf der Erde hervor und waren die wahren Meister des Planeten und der Menschheit. Die Menschen seien nur die Diener und Behälter dieser Reptilienwesen.

Manche New-Age-Forscher und Ufologen vermuten, dass die mächtigsten Familien der Welt, durch reptiloide Wesen, die vom Orion-Sternbild stammen sollen, in ihren Entscheidungen beeinflusst und gelenkt werden, weil diese mit anderen außerirdischen Wesen, wie z. B. den »Plejadiern«, um die Vorherrschaft auf Planet Erde kämpfen. Solche Nachrichten erinnern sicherlich an Sciencefiction, doch lassen sich die Ursprünge solcher Geschichten durchaus in verschiedenen Legenden finden, wie z. B. die der indigenen Tolteken, der Azteken und der Maya. Einst soll die Sonnengottheit Quetzalcoatl, die leuchtende Schwanzfederschlange auf die Erde als Schöpfergott und Lehrer der Menschen gekommen sein, von der geglaubt wird, dass sie wiederkehren werde, um über das Weltreich der Erde zu walten.

Ein ähnliches Wesen existiert auch in zentralasiatischen Mythen: der Simourgh-Vogel.

Im alten Ägypten war es der Vogel Benu, der vermutlich auch etymologisch mit dem rotgoldenen Feuervogel Phönix identifiziert werden kann, der laut eines anderen Mythos als Stammvater der Phönizier angesehen wird, jenem Volk dem wir die Verbreitung unserer Schrift zu verdanken haben.

Annunaki - ewigeweisheit.de

Ein Unterweltsdämon wie er in alten Mesopotamischen Basreliefen häufig dargestellt wird. Manche meinen, solche Wesen kamen von fernher auf die Erde, um dort die Zivisation der Menschheit zu erschaffen.

Von Drachen und Sonnenkönigen

In den Texten des ägyptischen Totenbuchs scheint es auf den überirdischen oder unterirdischen Aufenthaltsort anzukommen, ob man einer Schlange als Gegner oder als Helfer begegnet, je nachdem wo im zyklischen Verlauf einer Geschichte man sich gerade befindet. Der einstige Sonnengott Osiris wurde von seinem finsteren Bruder Seth ermordet, einem von späthellinistischen Griechen mit dem drachenköpfigen Typhon gleichgesetzten Ungeheuer.

Der selbe Seth ist es auch, der auf dem Bug der Sonnenbarke stehend, mit seinem Speer in der nächtlichen Unterwelt die Apophisschlange bekämpft, um dem Sonnengott Ra, seinen Aufgang am kommenden Morgen zu ermöglichen. Sonne, Mond, Licht, Finsternis, Schlange und Auge bildeten bei den alten Ägyptern ein »antagonistisches System«, aus welchem sich, je nach mythischem Zusammenhang, eine bestimmte, archetypische Wesenheit oder Konstellation manifestieren kann.

Der Sonnengott Ra formte aus dem aus seinem rechten Auge austretenden feurigen Strahlenschein die Uräusschlange. Als goldenes Herrscherdiadem trugen die Pharaonen dieses solare Reptil auf ihrem Haupt. Gekrönt mit diesem Emblem, wähnten sie sich unbesiegbar, sollte doch der Gluthauch der Uräus ihre Feinde vernichten können.

Den beiden Urformen, Sonne und Auge, begegnen wir auch wieder in der Biologie: Als vor 100 Mio. Jahren die ersten Nager, die Vorfahren der Primaten, aus ihren Höhlen krochen und begannen aktiv zu werden, überwiegend im Sonnenlicht, verbesserte sich evolutionsbedingt die Funktion des Sehens um ein Vielfaches – warum? Damit sie ihre Feinde, insbesondere Schlangen, schneller erkennen konnten.

Licht, Auge, Sonne und Schlange stehen sich ihrem Sinn gemäß also näher, als man zuerst vermutet. Sowohl in der Mythologie des Ostens als auch des Westens, in der Biologie, und, wie wir später noch sehen werden, ebenfalls im Zusammenhang mit Feuer und Metall, zeigen sich Sonne und Schlange als äußerst ambivalente Erscheinungen, die sich auf geheimnisvolle Weise gegenseitig ergänzen oder sich sogar in einander umwandeln können.

Auf diese Ambivalenz wurde seit jeher in vielen Sagen von Sonnenhelden hingewiesen, die zunächst aus der Finsternis kommend, ganz gleich ob nun aus einer physischen Dunkelheit oder aus geistiger Umnachtung, sich auf eine Reise begaben, um das verlorene Licht oder Feuer wiederzufinden und den Menschen zurückzubringen – eine Art Paradies, das sich in die physische Welt versenkt hatte und von dort von einem Erlöser, aus seinen materiellen Verstrickungen befreit, aus der Dunkelheit emporgehoben wurde: Dafür steht die solare, das Erdreich mit ihrem Magnetismus belebende Schlange, wie wir sie auf dem Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem in der Bibel antreffen – oder als die auf dem Baum des ewigen Lebens wachende Schlange der atlantischen Hesperiden. Es ist ebenfalls diese Schlange, die am Stab des Heilergottes Asklepios empor kraucht, dem Sohn des Sonnengottes Apollon.

Prometheus, der Bruder des Atlas, war Kulturstifter, laut Ovid sogar Erschaffer der Menschen. Dem griechischen Held Herakles wies er den Weg nach Westen, wo er mit Atlas den Drachen der Hesperiden überlistete, um an die Äpfel des ewigen Lebens zu gelangen. Prometheus brachte den Menschen auch das Feuer, trotz dass Zeus es ihnen versagte. Als der Göttervater entdeckte, dass er es den Menschen nicht wieder nehmen konnte, bestrafte er Prometheus, den er im Kaukasus vom Himmelsschmied Hephaistos an einen Felsen ketten ließ, wo ein schrecklicher Adler täglich von seiner Leber zehrte.

Die in diesem Mythos beschriebene Himmelsschmiede steht wohl auch in Bezug zur Region des kaukasischen Georgiens, in dem bereits vor 7.000 Jahren Erze zu Metall verarbeitet wurden.

Georgien ist auch das Land aus dem die früheste Erwähnung der Drachentöter-Legende des heiligen St. Georg bekannt ist, auf den im Mittelalter die Eigenschaften des solaren St. Michael übertragen wurden, jenem Erzengel, der laut christlicher Überlieferung den rebellierenden Lichtfürsten in den Abgrund stürzte – wo er sich in die böse Schlange Satan verwandelte und angeblich seither aus der Unterwelt versucht die Herrschaft über die Erde an sich zu reißen.

Von einer anderen Drachentöter-Legende erfahren wir in der germanischen Nibelungensage. Dort ist es der rotblond gelockte Siegfried, der von einem Schmied namens Mime in einer Waldhöhle erzogen wird. Mit seiner Hilfe schmiedet Siegfried das Zauberschwert Balmung, womit er den schrecklichen Drachen Fafnir tötet, um damit einen riesigen Goldschatz in Besitz zu nehmen. Eigentlich aber sind die wirklichen Besitzer des Schatzes die sagenhaften Nibelungen, doch Siegfried, von seiner Goldgier überwältigt, möchte den ganzen Schatz für sich behalten. Damit zieht er einen Fluch auf sich: Er vergisst seine Vergangenheit und auch seine Liebe Brunhilde, die ihm dafür eines Tages, durch seinen Widersacher Hagen, ihre Rache tödlich spüren lassen wird (Hagen ist der Neffe des getöteten Drachen).

Die visuelle Sinnenbindung an den Glanz des Sonnenmetalls, veranlasste also Siegfried eine Bestie zu beseitigen, doch die chtonischen Begierdekräfte gingen auf den Drachentöter über. Ihm kam ein Blutstropfen des getöteten Drachen auf die Zunge, er schmeckte seine Zauberkraft und nahm daraufhin sogar ein Bad im Blut des Drachen, das ihn unverletzlich machte. Vielleicht ist das Drachenblut auch eine symbolische Manifestation des Menschen innerster Angst vor dem Tod, etwas, über das er sich mit irdischen Reichtümern hinwegzutäuschen versucht.

Wie die Sonne, kann auch das Schwert mit der Schlange kulturhistorisch in Verbindung gebracht werden: Die Waffen des Mittelalters trugen Schlangenverzierungen oder hatten einen Drachenkopf als Knauf. Insbesondere in künstlerischen Darstellungen aus dem Mittelalter finden sich Schlangenlinien in den Hohlkehlen von Schwertklingen. Zudem wurden die Schichten des Stahls auf bestimmte Weise »verdreht«, womit der Schmied eine »Schlängelung« der Metallfasern bewirkte, um so eine Härtung des Stahls zu erzielen. Eine andere Form der Metallhärtung geschieht durch Abschrecken des glühenden Stahls in einem Wasserbecken.

Einen interessanten Bezug zum Element Wasser gibt es auch in der Geschichte der griechisch-orthodoxen Heiligen Margarete von Antiochien, einer christlichen Drachenbezwingerin und der Schutzpatronin des zuvor erwähnten Drachenordens. Die griechische Form ihres Namens, Marina, bedeutet »Vom Meer stammend«. Margarete als Name ist allerdings persischen Ursprungs. »Morvarid« bedeutet auf persisch »Kind des Lichts« – ein besonderer Name für das Wort »Perle«, da in der persischen Mythologie die Perle durch die Umwandlung eines Tautropfen durch das Mondlicht entsteht. Wasser und Mond bilden also Variablen, die sich in die »Familie« der Schlangensymbole einreihen lassen. Der Mond, wie man ihn etwa im Bildnis der Mondsichelmadonna findet, weist auf die Offenbarung des Johannes hin. Dort steht eine Schwangere auf dem Mond, die von einem Drachen verfolgt wird. Das ist sozusagen die biblische Fortsetzung der Geschichte des gestürzten Erzengels, der sich an der Menschheit und an Gott rächen will, doch im letzten apokalyptischen Gefecht gegen den Sonnenfürsten Michael, von diesem endgültig geschlagen wird.

Schlangenlinien und Sonnenkräfte

Schon vor tausenden von Jahren ahnten Menschen, dass die sichtbare Wirklichkeit nur die Erscheinungen einer im verborgenen Kraft sind. In der indischen Philosophie ist Maya die Göttin der Illusion, aus der sich alles in der Welt manifestiert. Sie verschleiert die kreative Kraft Shakti, die den Menschen in der Materie manifestiert erscheint. Was zu Materie wurde, gleicht dem Schatten einer eigentlich geistigen Wirklichkeit. Anfang des 20. Jhrhunderts gab Albert Einstein's Relativitätstheorie dem auch einen wissenschaftlich erklärbaren Rahmen.

Sichtbar für die Augen ist alles, das sich mit hoher Frequenz in Schwingung befindet oder etwas hoch Schwingendes reflektiert, das von einer materiellen Form ausgeht und letztendlich einer im Vakuum geronnenen Lichtwirkung gleichkommt, die sich zu kristallinen Materiestrukturen verfestigte.

Im sogenannten »Einheitlichen Feld«, vom dem die Quantenphysik spricht, bestehen polare Wechselwirkungen bestimmter, objektiver Kraftfelder, die, ab einer sehr hohen Umdrehungs-Frequenz, beginnen Licht auszusenden. Damit dieses Licht Wirklichkeit wird, bedarf es eines relativen Beobachters, wodurch eine Polarität von dem was leuchtet und dem was dieses Leuchten wahrnimmt aufgespannt wird – ohne Auge, kein Licht.

Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.

- Goethe

Physikalisches Licht gleicht einer polaren, schlangenförmigen, raumzeitlichen Ausbreitung zweier Kräfte: Elektrizität und Magnetismus, die aus einer androgynen, für uns nicht wahrnehmbaren, da unsichtbaren Energie, in eine sich bedingende, untrennbare Zweiheit der Bewegung »gestürzt« ist, worauf vielleicht auch der Luzifermythos hindeutet. Die Tatsache, dass erst durch Polarität Wahrnehmung entstehen kann, führt zu dem Schluss, dass Einheit von Unveränderbarkeit, Ewigkeit und Formlosigkeit begleitet wird.

Alles Ewige unterliegt keiner Veränderung und auch keinem Kreislauf. Leben kann deshalb nur, was zwar an der Ewigkeit teilnimmt, als Polarität unbedingt aber sterben muss, um wieder in die Einheit zurückzukehren.

Der Lauf des Lebens beginnt als Geburt aus der Dunkelheit – ob nun aus dem finsteren Weltraum, aus dem Mutterleib oder dem unter der schwarzen Erde keimenden Samen, der den Erdboden irgendwann durchbricht, um in den Tag zu wachsen. In Ägypten symbolisiert diesen Vorgang die Geburt des Sonnenkäfers Skarabäus, den der warme, schwarze Nilschlamm bebrütet, bis er schließlich aus seiner Hülle schlüpft, um alsdann zur Sonne empor zu fliegen.
Es ist immer eine Geburt aus der Finsternis hinein ins Licht.

Die Dinge fangen im Unsichtbarem an, treten aus dem Verschlossenen in die Wahrheit der Gegenwart. Für diesen Vorgang steht als Sinnbild das Ei. Aus einem Ei schlüpft ein Insekt, ein Fisch, ein Vogel oder eine Schlange – letztere beiden weisen im ägyptischen Mythos ebenfalls auf eine Verwandtschaft, denn in den Pyramidentexten finden wir des Öfteren Geier und Schlange dargestellt, die das Auge des Sonnengottes beschützend flankieren. Hier wird wieder der Zusammenhang zwischen Licht und Materie, zwischen Sonnenkraft und Schlangenkraft deutlich.

Alles ist lebendig, das sich von selbst und anderes bewegen kann. Das gilt ebenso für unser Zentralgestirn Sonne, um deren Zentrum sie sich selbst und mit ihr alles dreht was sich im Sonnensystem befindet – auch das Leben im Wechsel der Jahreszeiten, wird aus dieser Drehung immer wieder von Neuem geboren. Doch wie insbesondere durch die vier Jahreszeiten verdeutlicht, ist für das Aufrechterhalten der Lebenszyklen auch ein Opfer notwendig – stirbt doch ein gewisser Teil des animalischen und vegetarischen Lebens im Winter ab, woraus dann wieder Nahrung auf der Erde entsteht, für einen kommenden Sonnenzyklus.

Opfer verkörpern auch die Symbole des gekreuzigten Jesus oder der von Moses im Sinai am Kreuz aufgerichteten, ehernen Schlange: die flüchtigen, heilkräftigen Christus- bzw. Schlangenkräfte (Magnetismus) sollen auf den Betrachter übertragen und durch das Sinnbild des Kreuzes auch in ihm fixiert werden. Drum windet sich auch eine symbolische Schlange um den Stab des Arztes Asklepios, während sich sein Vater Apollon im ägäischen Delos selbst einmal als Schlange oder in Delphi als Verkörperung der Kräfte der Erleuchtung und der Erkenntnis zeigt, wenn er eben als Sonnenheld das Orakel von einem Reptil, vom Drachen Python befreit.

Ein anderes, in verschiedenen Mythen verwendetes Symbol, in dem sowohl Sonne als auch Schlange vereint sind, ist der hermetische Heroldstab. Dieses Symbol wird auch verwendet in Bezug auf die feinstoffliche Ebene des menschlichen Körpers: In der vedischen Esoterik ist die Rede von zwei Schlangen Ida und Pingala, die als »Kundalini-Kraft« jeweils um den zentralen, sogeannten »Shushumna-Nadi«, entlang der Wirbelsäule aufsteigen – einer Symbolik die gewiss dem zuvor skizzierten Stab des Hermes entspricht.

Den Sonnenkräften im Menschen entspricht das sinnbildliche Herz. Es teilt auf Höhe des Herzchakra die Bahn der Schlange Kundalini in zwei Hälften: drei geistig-ätherische und drei seelisch-körperliche Energiezentren.

Kundalini und Sonnenlicht sind von zweifacher Natur und können entweder richtig oder missbräuchlich angewendet werden – wirken aufbauend oder abbauend, lebensfördernd oder lebenszerstörend.

Wenden wir unseren Blick nun aber noch einmal nach Sumer: Da beschreitet der mythische König Gilgamesh auf seiner Reise einen Weg zu sich selbst. Nach dem Tod seines Freundes Enkidu, wird er sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst und irrt aus Angst vor dem Tod lange umher, bis er zu den Skorpionmenschen kommt, die den Weg der Sonne bewachen.

The Phanes-Eros - Illustrated by Selim Oezkan - ewigeweisheit.de

Der alt-griechische Gott Phanes-Eros.

Er befragt sie nach dem Aufenthaltsort des ehrwürdigen Helden der Sintflut, der angeblich den Odem der Unsterblichkeit besitzt. Ihn will er befragen über Leben und Tod. In der Unterwelt erscheint ihm der Sonnengott und lässt Gilgamesh wissen, dass er das ewige Leben nach dem er sucht, nicht finden wird. Am Ufer des morgendlichen Sonnenaufgangs erreicht Gilgamesh schließlich den Unsterblichen.

Dieser stellt Gilgamesh eine Aufgabe: er solle dem Schlaf, solle dem Bruder des Todes widerstehen – doch Gilgamesh schläft ein – als er erwacht erkennt er, dass er nicht für die Unsterblichkeit geschaffen sei. Die Frau des Unsterblichen aber legt für Gilgamesh ein gutes Wort ein, da er große Mühen auf sich genommen hat, um hierher zu kommen. Man solle ihm doch bevor er abreist ein Geschenk machen. Der Unsterbliche offenbart Gilgamesh also ein verborgenes Geheimnis der Götter: Auf dem dunklen Grund des Meeres, wüchse eine Pflanze, die neues Leben verleiht. Gilgamesh holt sich diese Pflanze aus der Tiefe, doch eine Schlange entwendet sie ihm flink und verjüngt sich auf der Stelle, indem sie ihre alte Haut abstreift. Wieder begnen wir einem Antagonismus von Sonne und Schlange: Diesmal aber kommt das Licht der Sonne aus der Vergangenheit, während die Finsterniskräfte der Schlange für die Zukunft stehen, da sie durch ihr Wesen die Vergänglichkeit des Lebens ankündigen.

Aus den Mythen des Altertums in West und Ost lernen wir, dass der Mensch als Bindeglied dieser vermeintlichen Trennung von Oberem und Unterem und als Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem gesehen werden kann, so wie auch das menschliche Herz im Körper die Kohärenz zwischen Denken und Fühlen bildet. Durch die Verbindung dieses antagonistischen Systems in uns, im Jetzt, können wir beide, Sonne und Schlange, Geistiges und Materielles, Himmel und Erde, in ihrer ursprünglichen, heilsamen Einheit erfahren.

Die beiden widerstrebenden Strömungen sind letztendlich nichts anderes als Synonyme für die Trennung der Erlebnisse von Denken und Erfahren, etwas das z. B. auch Religion von Wissenschaft abgrenzt. Über Jahrhunderte hinweg verteufelte die Kirche alles, was uns die Natur lehrt. Man denke nur an die mittelalterlichen Auffassungen über die Beschaffenheit der Welt, wie sie aus Sicht des Klerus angeblich durch Kolumbus, Galilei oder Bruno in Frage gestellt wurden. Bestimmt einer der Gründe, dass sich seit dem Zeitalter der Aufklärung eine so vehemente Ablehnung entwickelte, gegenüber der Kirche, dem Glauben und einem christlichen Gott. Materialistisches Vernunftdenken lehnt eine Gottesvorstellung deshalb bis heute kategorisch ab, da für viele das Wort Gott eine Personifikation ist. Darum sei nochmals hervorgehoben, weshalb vielleicht die Ideen die zu uns aus buddhistisch geprägten Traditionen gekommen sind, toleranter aufgenommen werden, da sie eine transzendente Weltsicht vertreten, als die eines immanenten, monotheistischen Gottes der Vergeltung, wie er uns aus dem Pentateuch erscheint.

Es wird immer eine Gruppe von Menschen geben, die unablässig bemüht ist die Gegensätze der beiden, immanenten und transzendenten Weltsichten in einer gemeinsamen, ewigen Philosophie zu versöhnen. Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft können zu einer lebendigen Einheit, in einem organischen Ganzen verschmolzen werden, was Aufgabe der Menschen des neuen Weltzeitalters sein wird.


Die bildlichen Darstellungen Jesu Christi mit seinem bekannten Fingerdeut weisen auf das Herz – die Sonne im Körper – das Organ der Erleuchtung. Im indischen Vedanta ist das Anahata, das Herzchakra, mit einem Hexagramm gekennzeichnet, dem Symbol der Vereinigung von Äther und Stoff. Es ist ein Versuch beides, Geistiges und Körperliches zu er- und beleben, ohne eines von beiden zu leugnen. Zwar setzt die Wahrnehmung eine Trennung, einen Kontrast voraus, durch den die Dinge überhaupt erkennbar werden, denn nur was sich in der Polarität befindet, kann der Mensch erfassen. Doch beide, Sonne und Schlange, Geist und Materie, Himmlisches und Irdisches, sind nur Erscheinungsformen der im allegorischen »kosmischen Ei« enthaltenden unbegrenzten Wirklichkeiten der Einheit, die die hermetische Tradition als »das einige Ding« oder die moderne Physik als einheitliches Feld bezeichnen.

Die wohl treffendste Darstellung der hier diskutierten Pole von Sonne und Schlange, wie sie als feurige Kraft aus der Einheit zum Vorschein kommen, ist deutlich versinnbildlicht in der Gestalt des leuchtenden Gottes Phanes-Eros aus der griechischen Mythologie. Von einer Schlange umwunden, entsteigt er als Sonnengott aus den beiden Hemisphären eines kosmischen Ovals. Bei den Orphikern war der aus dem Ei entsteigende Phanes-Eros der Urschöpfer allen Lebens und die treibende Kraft aller Reproduktionen im Kosmos.

Die Orphiker sahen in Phanes-Eros den Ursprung der Kräfte von Licht, Liebe und Leben, die seither in der Welt umherschweifend bestrebt sind, die ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, was den Zyklus von Werden und Vergehen in der Ewigkeit zeitigt.

 

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Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra - ewigeweisheit.de

Die nachfolgend geschilderte Zusammenfassung dieser uralten tibetischen Meditationstechnik, soll dem Übenden helfen sich emotional zu reinigen.

Ihre Ursprünge hat diese Methode wahrscheinlich im tibetischen Bön oder hat noch ältere schamanistische Wurzeln. Seit alter Zeit aber meditieren die Yogis und Lamas mittels dieser einfachen aber wirksamen Technik, um sich dabei von den folgenden, sogenannten Geistesgiften (negative Emotionen und Gedanken) zu entledigen:

  1. Wut und Abneigung,
  2. Gier und Anhaften,
  3. Zweifel und Unwissenheit.

Diese drei "Gifte", wie sie im Bön und im Buddhismus genannt werden, bilden einen Antagonismus zu den drei Tugenden:

  1. Leerheit und Klarheit,
  2. Weisheit,
  3. Einheit.

Hierüber kann der Übende meditieren, wobei er sich vorstellt, wie er durch die nachfolgend beschriebene Atemtechnik, sich nach und nach der drei Geistesgifte entledigt, um den eigentlichen Urzustand seines Seins in Form der drei Tugenden wiederherzustellen.

Durch Sehen, Visualisieren und Fühlen lernt der Meditierende drei Größen seiner spirituellen Konstitution kennen, die die Tibeter symbolisch folgendermaßen darstellen. Da nämlich gibt es drei Bewusstseins-Kanäle:.

  1. Der rechte Kanal ist weiß. In seinem vollkommenen Zustand steht er für die Leerheit und Klarheit.
  2. Der linke Kanal ist schwarz. Er steht in seinem vollkommenen Zustand für die Weisheit.
  3. Der mittlere Kanal aber ist blau. Sein vollkommener Zustand ist die Einheit.

Mit diesen drei Kanälen können Sie sich von den drei Geistesvergiftungen reinigen, durch bewusstes Atmen:

  • Die Kanäle gleichen jeweils einem Weg, der vom einen Nasenloch in der Körpermitte unterhalb des Bauchnabels vorbei, hinauf in der Körpermitte zum anderen Nasenloch führt.
  • Der Atem gleicht einem Pferd oder Gefährt, worauf sich
  • das Bewusstsein, wie ein Reiter oder Fahrer, bewegt.

Schauen Sie sich im Folgenden diese Atem-Meditation noch etwas genauer an.

Mit dem Atem bewegt sich das Bewusstsein durch die drei Kanäle, also jeweils rechts, links und in der Mitte, wobei die ihnen zugeordnete Thematik bearbeitet wird:

  1. Über die dreimalige Ausatmung über den rechten Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Wut und Abneigung.
  2. Über den linken Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Gier und Anhaftung.
  3. Über den mittleren Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Zweifel und Unwissenheit.
Handhaltung in der Meditation - ewigeweisheit.de

Handhaltung in der Meditation

Sitzhaltung und Atemtechnik

Zuerst setzen Sie sich im Schneidersitz so hin, das Ihr linkes vor Ihrem rechten Bein angewinkelt liegt.

Dann sehen Sie Ihre Handflächen an und berühren mit den Daumen jeweils die Ringfinger (unterstes Glied) der jeweiligen Hand (rechter Daumen an rechtem Ringfinger und linker Daumen am linken Ringfinger, siehe Abb.).

In dieser Handhaltung legen Sie dann einander gegenüber die Finger der linken Hand auf die Finger der rechten Hand, so dass Ihre Hände mit den Armen und den beiden Schultern einen Halbkreis bilden. Die beiden Hände liegen dabei in Ihrem Schoß.

Sie sitzen aufrecht und atmen ruhig.

Nun konzentrieren Sie sich auf eine Stille in Ihrem Körper und fühlen wie sich diese Stille ausbreitet in Ihren Füßen, in Ihren Beinen, in Ihrem Bauch, in Ihrer Brust, in Ihrem Kopf, in Armen und Schultern.

Denken Sie nun an Ihren Bauchnabel. Mit dem Einatmen fließt Ihr Atem dorthin hinunter und um den Bauchnabel herum, steigt wieder auf und entweicht schließlich über die Nasenlöcher.

Rechter Kanal: Wut und Abneigung

Nun nehmen Sie Ihre rechte Hand und halten mit dem rechten Ringfinger Ihr linkes Nasenloch zu, während Sie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre linke Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem rechten Ringfinger nun das linke Nasenloch schließen und über das rechte Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer rechten Seite nach oben und tritt durch Ihr rechtes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der rechten Seite (Wut und Abneigung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie dreimal.

Linker Kanal: Gier und Anhaftung

Nun nehmen Sie Ihre linke Hand und halten mit dem linken Ringfinger Ihr rechtes Nasenloch zu, während wie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre rechte Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem linken Ringfinger nun das rechte Nasenloch schließen und über das linke Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer linken Seite nach oben und tritt durch Ihr linkes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der linken Seite (Gier und Anhaftung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie wieder dreimal.

Mittlerer Kanal: Zweifel und Unwissenheit

Nun liegen wieder beide Hände in Ihrem Schoß, die linke auf der rechten Hand, während die Daumen jeweils die Ringfinger berühren.

Durch beide Nasenlöcher atmen Sie dann tief ein.

Dabei strömt in Ihrer Mitte die Luft nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft nun wieder nach oben und tritt durch Ihre beiden Nasenlöcher aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der Mitte (Zweifel und Unwissenheit) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Auch dies wiederholen Sie wieder dreimal.

 

Danach ist die Meditation beendet.

 

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Der Buddha: Ein Licht auf dem Pfad der Eingeweihten

von S. Levent Oezkan

Buddha - ewigeweisheit.de

An der Grenze zu Nepal, zwischen der Ganges-Ebene und den Ausläufern des großen Himalaya, dort lebten einst Angehörige der indischen Kriegerkaste der Kshatriya. Zu ihnen zählte auch die Familie der Gautamas, deren Oberhaupt der adlige Suddhodana war – dereinstiger Vater eines der größten Menschheitslehrer unseres Planeten.

Mahamaya war die Gemahlin des Suddhodana. Ihr Name hat eine interessante Bedeutung, denn Mahamaya heißt übersetzt wörtlich »Große Illusion«.

Ihr und ihrem Mann Suddhodana, waren zwanzig Jahre lang keine Kinder beschieden. Eines Nachts, zu Vollmond, träumte Mahamaya von einem großen weißen Elefanten, der an einem seiner Stoßzähne eine weiße Lotosblüte trug und sie damit sanft berührte. Aus diesem Traum erwacht, wusste Mahamaya, dass ihr etwas Besonderes widerfahren werde. Neun Monate später, ebenso in einer Vollmondnacht, gebar sie einen Sohn: Siddhartha. Das war im Jahr 563 v. Chr.

Gemäß einer Legende verkündete dem Suddhodana ein Seher namens Asita, dass Siddhartha einmal ein großer König oder aber, wenn er das Leid der Welt erkenne, ein großer heiliger Mann werden solle. Natürlich sah Suddhodana in seinem Sohn seinen Nachfolger und hoffte, dass sich dann auch Asitas Prophezeihung bewahrheite, und Siddhartha König über das nordindische Reich der Shakyas werde.

Darum versuchte Suddhodana seinen Sohn um jeden Preis vor dem Angesicht menschlichen Leids zu schützen und hielt ihn in seinem Palast zurück, so dass er auf keinen Fall mit dem Kummer in der Welt in Berühung komme. Auch hinderte er seinen Sohn daran an jedweder religiösen Unterweisung teilzunehmen.

Trotzdem konnte sein Vater nicht verhindern dass Siddhartha entdeckte, dass nicht alles im Leben nur aus Gutem, aus Überfluss und Genuss besteht. Und je älter er wurde, desto zweifelhafter erschienen ihm all die weltlichen Sehnsüchte, die er und seine Angehörigen zu befriedigen suchten. Als Siddhartha sein 29. Lebensjahr vollendet hatte, empfand er sein bisheriges Leben nur noch als bedrückende Illusion.

Seine Familie und auch die Diener am Hofe seiner Eltern, schienen sich auf einer Art Lebensbühne zu bewegen und kamen Siddhartha vor wie Gefangene in einem Trauerspiel, zwischen trügerischem Vergnügen und sich immer wiederholendem Leid. Diese Erkenntnis wurde ihm zur Last, als er erkannte, dass seine Mitmenschen offenbar unwillentlich ihr eigenes und das Leben der anderen verbitterten. Er verließ schließlich seine Familie und begab sich auf Wanderschaft als Bettelmönch – in der Hoffnung einen Schlüssel zu den großen Mysterien des Lebens zu finden.

Vergeblich suchte er nach einem Meister, der ihm die Wahrheit zu erklären vermochte über die Ursachen hinter all dem Leid in der Welt. Niemand konnte dieses Verlangen seiner Seele stillen. So kam es, dass er Allem entsagte und versuchte selbst seine letzten fleischlichen Genüsse abzutöten. Das aber führte ihn nur immer tiefer in Verzweiflung, denn sein Wunsch nach Erkenntnis ließ sich auch dadurch nicht befriedigen.

Der Bodhi-Baum: Ort des Erwachens

Darauf machte sich Siddhartha auf den Weg nach Norden und kam eines Tages in die Nähe von Bodh-Gaya in Indien. Da blieb er für ganze sechs Jahre. In seinen langen Meditationsübungen konzentrierte er sich auf das, was der Mahayana-Buddhismus den »Dharmakaya« nennt: den »Wahrheitskörper«. In seinen Meditationen transformierte er seine Wahrnehmung in diesen Wahrheitskörper, den nichts beschränkt und man sich deshalb darin der spirituellen Natur allen Seins gewahr wird.

Nach dieser langen Zeit der meditativen Schulung seines Bewusstseins verspürte er allmählich, dass er seiner Erleuchtung sehr nahe war und machte sich auf, an einen besonderen Ort. Das war der Legende nach der legendäre Bodhi-Baum, jene Pappel-Feige, deren Same am selben Tag in der Erde keimte und Wurzeln fasste, als Siddhartha zur Welt kam. In den 35 Jahren seit dieser Zeit wurde daraus ein Baum beachtlicher Größe, dessen lange Zweige sich weit über seinem Stamm ausbreiteten.

Unter diesem Baum fand Siddhartha einen geeigneten Ort um zu meditieren. Als er sich dort setzte fasste er den Plan erst wieder aufzustehen, sobald er die endgültige Befreiung erlangt hat. Sieben Wochen aber saß er dort in Meditation. Da plötzlich fand sein Suchen ein Ende. Auf einmal begriff er das essentielle Wesen menschlichen Seins und den Grund für das Leid in der Welt. Unter diesem Baum in Bodh Gaya erlangte Siddharta Gautama schließlich Erleuchtung. Dort wurde er zum Buddha, zum Erwachten, einem erleuchteten Propheten, der vollkommenen Frieden in einem vollendeten, spirituellen Gewahrsein erlangte. Er erfuhr das Nirvana, wo er sich aus dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten erhob und erwachte (sanskr. Bodhi).

Über die Lehren des Buddha

Durch seine erleuchtenden Einblicke und Erkenntnisse über das Leben, lag ihm nun daran seinen Mitmenschen zu helfen, ihr wahres Bewusstsein zu erwecken und sich damit von ihren Leiden zu erlösen.

Was der Buddha seinen Schülern lehrte, basierte auf Vorstellungen die auch schon im Glauben seiner hinduistischen Vorfahren eine zentrale Rolle spielten: Karma und Samsara. Gemäß diesem Glauben bewohnen das Universum unzählige Seelen, die sich jeweils auf einer bestimmten Entwicklungsebene befinden. Doch jede dieser Seelen bewegt sich in einem sehr langen Kreislauf, dem Samsara, der sie viele Male durch Geburt und Tod führt, wobei sie immer wieder einen vollkommen anderen Körper annehmen, der jedoch nichts mit seiner vorherigen Inkarnation (Verkörperung) zu tun hat.

Die Seele aber, die auf Erden in einem Körper inkarniert und diesen für eine Zeit lang bewohnt, wird in einem geistig-materiellen Umfeld geboren, das ihrem Karma entspricht und damit ihren Taten in der vergangenen Lebenswelt Rechnung trägt.

Der Buddha lehrte, dass das Leben, so angenehm es manchmal auch erscheinen mag, letztendlich doch nur ein langer und ebenso trügerischer Schmerz bestimmt. Nur wenigen gelingt schon zu Lebzeiten, sich aus den Verstrickungen der körperlichen Wünsche zu lösen, und sich mit dem kosmischen Sein des Brahman zu verbinden – der unendlichen, immanenten und transzendenten Realität.

Die letzten Tage des Buddha – ewigeweisheit.de

Unter dem legendären Boddhi-Baum in Bodh Gaya, im Nordosten Indiens, erlangte der Buddha Erleuchtung. Manche meinen, dort auch hätte er zum letzten Mal zu seinen Anhängern gesprochen.

Die Edlen Wahrheiten des Mittleren Weges

Nun empfand aber der Buddha, dass Vorstellungen einer von Gott abhängigen Seele, durchaus mit Gefahren behaftet sind. Denn Gott war für ihn nichts, dass von der Seele getrennt existierte und damit kein übernatürliches Wesen, das die unzähligen Prozesse des Universums zu bewirken braucht. Er sah in Gott eher eine bestimmte Stufe in der Entwicklung der Seele.

In diesem Bewusstsein konnte sich ein Mensch vom Konzept des »Ich bin« lösen, womit sich die Vorstellung von einer Seele oder eines Selbst sogar erübrigt. Welchen Zweck aber erfüllte dann noch die Seele?

Sich von seinem Ichbewusstsein zu lösen bedeutete für den Buddha, alle Wünsche fallen zu lassen, da es gar keinen Grund mehr gäbe den Wunsch nach ihrer Erfüllung anzustreben. Das Wünschen war für ihn die eigentliche Ursache allen Übels das ein Mensch in seinem Leben erfährt.

Was aber bedeutete das in der Praxis? Sollte man sich des Lebens vollkommen entsagen und sich als Eremit in die Einsamkeit zurückziehen, um dort vor sich hin zu vegetieren? Nein. Das lehnte der Buddha ab. Vielmehr empfahl er seinen Anhängern, was im Buddhismus der »Mittlere Weg« genannt wird: ein Mensch braucht sich nicht in strenger Askese üben, sondern in Meditation seine Mitte finden – etwas, dass sich gleichermaßen zwischen allem Weltlichen und allem Weltentsagenden, zwischen Luxus und Askese befindet. Dieser Mittelweg, sollte den Menschen zu Tugend und Weisheit, letztendlich aber doch zum Erwachen führen.

Die buddhistische Lehre bezeichnet diesen »Mittleren Weg« als »Edlen Achtfacher Pfad«, da sich auf ihm bewegt, wer die folgenden acht wichtigen Lebensbereiche meistert:

  • die rechte Erkenntnis der Lehren des Buddha,
  • eine rechte Gesinnung, wozu Rechtschaffenheit, Nächstenliebe und eine Reinheit des Herzens zählen,
  • die rechte Rede,
  • rechtes Handeln,
  • ein rechter Lebenswandel,
  • rechtes Streben in Denken und Handeln, um so allen Entgleisungen zu entsagen und Fehler zu vermeiden,
  • rechte Achtsamkeit in diesem Denken und in den Erinnerung an die Lehren des Buddha,
  • sowie eine rechte Geisteskontrolle, um Denken und Geist zu befrieden, wie etwa durch Übung von Kontemplation und Meditation.

Dieser Edle Achtfache Pfad ist die letzte der »Vier Edlen Wahrheiten«, die die Säulen des buddhistischen Glaubenssystems bilden:

  1. Die Wahrheit über das Leiden,
  2. die Wahrheit über die Entstehung des Leidens,
  3. die Wahrheit über die Beendigung von Leiden und
  4. die Wahrheit des Edlen Achtfachen Pfades, der zur Beendigung des Leidens führt.

Wer den Achtfachen Pfad beschreitet, zerstreut alle Wünsche und das was einen Mensch an sie erinnert. Er entledigt sich allem Verlangen nach Leben und erschafft damit universales Wissen, dass ihm hilft anderen Wesen gegenüber Mitgefühl zu entwickeln, was letztendlich zur Erlösung führt.

Eine Kette bedingten Entstehens

Aus den Lehren des Buddha erfahren wir von einem esoterischen Gesetz, was die Ursachen für die leidhafte Verkettung der Wiedergeburten beschreibt. 12 Glieder bilden eine »Kette des Bedingten Entstehens«, im Sanskrit als Pratitya-Samutpada bezeichnet. Ihre Glieder, sind die

  1. Unwissenheit über die Wahrheit des Leidens, die zur Entstehung von
  2. Tat-Absichten führt, die etwas gestalten oder vorbereiten wollen. Zusammen mit der Unwissenheit erzeugen sie das Karma. Darum obliegt alles was in dieser Unwissenheit gestaltet wird karmischen Formationskräften – die heilsam oder schädlich, oder aber weder heilsam noch schädlich sein können – und die Grundlage bilden für das
  3. Bewusstsein, das die Veranlagung für eine erneute Identifikation mit dem Ich birgt.
  4. Geistigkeit und Körperlichkeit gehen mit dem Namen und der Form dieses Ich einher, sobald ein Mensch zur Welt kommt. Über die
  5. Sechs Sinnestore nimmt das mit Geistigkeit und Körperlichkeit ausgestattete Wesen die Außenwelt wahr: mit den Augen (Sehen), den Ohren (Hören), der Nase (Riechen), der Zunge (Schmecken), dem Körper (Tasten) und dem Geist (Denken). Der
  6. Kontakt der zu Stande kommt, in dem eines dieser Sinnestore mit einem Sinnes- oder Geistesobjekt zusammentrifft, lässt ein Objektbewusstsein entstehen, wobei aus diesem Kontakt dann eine
  7. Empfindung entsteht, die auf drei Arten erfahren werden kann: angenehm, unangenehm oder aber weder angenehm noch unangenehm. Aus Empfindungen aber erwächst das
  8. Verlangen nach Sein, nach Werden oder nach Identifikation mit einem Sinnes- oder Geistesobjekt, wobei sich im Geist entweder ein »Ich-Will« oder ein »Ich-Will-Nicht« bildet. Aus diesem Verlangen entsteht dann ein
  9. Anhaften an Gedanken oder der Wunsch etwas zu ergreifen oder sich damit zu identifizieren. Man kann lustvoll an etwas haften, indem man etwas immer wieder anschaut, indem man es immer wieder tut oder ein ausgeprägtes Bewusstsein von »Ich und Mein« entwickelt. Dies führt schließlich zu einem
  10. Werdeprozess, aus dem sich Gewohnheiten ableiten, die dann zu karmischen Handlungen werden, die letztendlich das Dasein bedingen, was durch reaktives Sein wiederum zur
  11. Geburt führt, aus der neue körperliche, mündliche oder gedankliche Taten und Vorgäne entspringen. Auf körperlicher Ebene, führt das natürlich zu einer Geburt in eine neue Existenz – eine Reinkarnation (Wiedergeburt). Und aufgrund dieser neuen Geburten existieren
  12. Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Betrübnis und Verzweiflung: alles Ursachen für die Entstehung von Leid.

Kaum ein anderes Dogma wurde so ausgiebig erforscht und diskutiert, wie diese 12 Glieder der Kette des bedingten Entstehens. Der Buddha schien damit veranschaulichen zu wollen, wie die individuelle Existenz eines Menschen und das damit zusammenhängende Bewusstsein, aus einem urtypischen Vorgang im Dasein menschlichen Lebens entsteht.

Buddha Shakyamuni – ewigeweisheit.de

Buddha Shakyamuni: Der Weise aus dem Geschlecht der Shakya im Norden Indiens, an der heutigen Grenze zu Nepal. Sein einstiger Regent war der adlige Suddhodana, Vater des Buddha.

Bewusstsein und Karma

An die Existenz einer ewigen Seele glauben Buddhisten eigentlich nicht. Auch die Frage nach konkreten Ursachen für jegliche andere Existenzen, scheint im Buddhismus nur wenig Bedeutung zu haben. Denn im Grunde weiß man, dass so etwas wie Materie prinzipiell nicht existiert, sondern nur eine temporäre, karmische Erscheinung ist. Denn was sich für das Karmagesetz in Bezug auf das Menschsein anwenden lässt, gilt in ähnlicher Form auch für alles andere im Kosmos. Was damit gemeint ist, dazu später mehr.

Alles was existiert, so die Buddhisten, entstand aus einer unendlichen Abfolge sich immer neu entfaltenden Bewusstseins – sowohl als etwaige Möglichkeit, wie auch als ein aktiv tätiges Sein. Jede dieser Abfolgen aber besteht aus einer Reihe von Augenblicken, worin sich jeweils ein Bewusstsein bewegt. Und jeder dieser Augenblicke resultiert wiederum aus einem Bewusstsein, das ihm vorausging.

Hinter jeder dieser Abfolgen von Augenblicken, in denen Bewusstsein aktiv ist, wirkt die Kraft des Karma. Ihm folgt jedes daraus neu entstehende Bewusstsein, woraus bei einem Menschen dann das wird, was man als Individuum bezeichnet. Es ist das individuelle Bewusstsein eines Gottes, einer Person, eines Tieres, einer Pflanze oder eines jeden anderen gegenwärtigen Seins.

Man könnte darum sagen, dass aus obiger, 12-gliedriger Kette der sich bedingenden Ursachen, in einem Meer kosmischen Seins, ein Bewusstsein entsteht, was wiederum zur Formung aller nur erdenklichen neuen Existenzen führt.

Karma als Nahrung des Leidens

Auslöser allen Leids ist die Unwissenheit über die Ursachen allen Entstehens. Das heißt: wenn wir uns die Verknüpfungen des mit dem Karma verbundenen Bewusstseins anschauen, steht am Anfang immer die Fehlannahme, dass es so etwas wie ein »Ich« überhaupt gibt. Ein Selbst oder ein Ich war für den Buddha nur eine Annahme, die auf einem Irrtum beruht, dem zwangsläufig weitere Fehlschlüsse folgen.

Diese Unwissenheit aber ist im Gegenzug die Ursache für die Entstehung aller nur vorstellbaren Wechselwirkungen und Möglichkeiten, aus denen Liebe, Hass oder ähnliche Schwächen des Geistes entstehen können. Sie aber führen zu Folgeerscheinungen, auf die ein Individuum reagiert und damit zukünftige Ereignisse hervorruft.

Hieraus nun erwächst das Bewusstsein für eine generelle Begrenztheit aller Dinge, da sie ja eingeordnet werden können (gut oder schlecht, schwarz oder weiß, und so weiter), indem man sie benennt, ihnen einen Namen gibt. Die Vorstellung einer konkreten Welt der Namen und Formen aber ist die Ursache für die Entstehung von Beschreibungen, die unterscheiden zwischen hier und dort, Ich und Du, diesem und jenem, Sein und Nichtsein.

Um diese Unterschiede aber wahrnehmen zu können bedarf es der Sinnesorgane, die nur »Sinn ergeben«, wenn sie etwas wahrnehmen können, dass nicht nur mit dem Körper oder Geist ihres Besitzers identisch ist. So entstehen sinnliche Eindrücke mit einer anscheinenden Welt im Außen, mit denen der Wahrnehmende über seine Sinnesorgane Kontakt aufnimmt. Diese Kontaktaufnahme führt dann schließlich zu einem Wollen oder Nicht-Wollen. Denn aus dem was wahrgenommen wurde, entsteht in Folge eine Neigung, an geistig oder materiell Wahrgenommenen festhalten zu wollen oder es vehement zu verleugnen.

Immer kommt es damit aber zu einer endlichen Existenz etwas Seienden, dessen Bewusstsein sich in seiner individuellen Entwicklung bewegt, durch Geburt, Krankheit, Bedauern. Am Ende dieser Entwicklung steht der Tod. Dann aber beginnt der Vorgang erneut, unter Einfluss des Karmas und bekräftigt damit was gerade im Tod sein Ende fand.

Samsara – ewigeweisheit.de

Das Bhavachakra, das Rad der Wiedergeburten, zeigt sechs Bereiche des Samsara, in der Kosmologie des tibetischen Buddhismus. Ein monströses Schwein repräsentiert die drei Geistesgifte: Unwissenheit, Anhaftung und Ekel. Seine Klauen stehen für die Unbeständigkeit allen Seins.

Den Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen

Im Buddhismus fehlt die Vorstellung von der Existenz des Individuums. Seine Erscheinung aber, wie eine Person mit Namen und Form in der Welt auftritt, ist Teil der buddhistischen Karma-Lehre.

Mit dem Namen eines Menschen gehen alle subjektiven Merkmale einher. Dazu gehören das Denken, die Gefühle, Vorstellungen und ein bestimmtes Bewusstsein. All diese Bestandteile sind ineinander verwoben. Man nennt sie die Skandhas – die Daseinsfaktoren.

Des Menschen körperliche Form bildet sich aus den vier natürlichen Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft, die durch ihre Vermengung ein fünftes Element bilden. Diese Vermengung aber bewirkt auch Karma.

Wenn nun ein Mensch stirbt, so vergehen auch diese fünf Faktoren, seine weltliche Erscheinung, samt Körper-, Gefühls-, Geistesform und Namen. Was bleibt ist Karma, das identisch ist mit dem angesammelten Karma des Verstorbenen. Dadurch setzten sich dann unverzüglich fünf neue Skandhas (Daseinsfaktoren) zusammen, die wieder erscheinen, nur eben in einer anderen Umgebung, in einer anderen Form und mit einem anderen Namen.

Was an Karma nach dem Ableben einer Person zurückbleibt, erhält damit also die Voraussetzungen für eine Wiedergeburt, die sich immer und immer wieder ereignet, im Kreislauf des »Samsara« – dem irdischen Zyklus von Werden und Vergehen, den Menschen eben oft als leidvoll werten.

Im Buddhismus geht es nun darum diesen Kreislauf zu verlassen und den Gläubigen zu befähigen, vollkommenen inneren und äußeren Frieden zu erlangen. Man spricht hier auch vom Nirvana – dem vollkommen bewussten Gewahren vom Ende eines langen Zyklus irdischer Wiedergeburten – eben dem was auch der Buddha unter dem legendären Feigenbaum erfuhr.

Um in diesen Zustand des Nirvana zu gelangen, muss der Gläubige sein Karma auflösen, was er auf dem »Noblen Achtfachen Pfad« zu verwirklichen vermag. Unweigerlich wird er sich damit in seiner gegenwärtigen oder kommenden Inkarnation endgültig aus dem Samsara erlösen.

Die Ideale um diesen vollkommenen Zustand des Nirvana zu erlangen, sind im berühmten buddhistischen Text des Mangala Sutta niedergelegt. Der Buddha predigte diesen Text einst im nordindischen Jetavana, der sich aus 38 Segnungen zusammensetzt. Ihrem Sinn gemäß lassen sich diese Segnungen aber in den folgenden zehn Lehrsätzen zusammenfassen:

1. Gib Dich nicht mit Narren ab. Folge dafür den Weisen und zolle ihnen gebührenden Respekt.

2. Lebe in einer angenehmen Umgebung und handle gut, gemäß Deines Karmas, damit Du Dich im Leben angemessen einrichtest.

3. Übe Dich in den Wissenschaften, der Kunst und der Selbstdisziplin. Wähle Deine Worte gekonnt.

4. Diene Vater und Mutter, erziehe Deine Kinder in Ehren, und pflege liebevoll das Verhältnis zu Deinem Gatten / Deiner Gattin. Was immer Du unternimmst, soll in Frieden geschehen.

5. Gebe Almosen, übe Dich im Dharma, werde ein rechtschaffener Mensch und kümmere Dich um Deine Verwandtschaft.

6. Enthalte Dich der Sünden und der ungesunden Genüsse und Rauschmittel. Erfülle achtsam Deine Pflichten und halte an der Dharma-Praxis fest.

7. Übe Dich in Demut und Respekt gegenüber anderen. Drum begebe Dich regelmäßig an Orte, wo Du den Dharma-Lehren eines Weisen lauschen kannst.

8. Sei in Deinem Tun stets geduldig, entwickle eine freundliche Sprache und Anschauungen über die Welt und das Sein, wie sie auch den Heiligen entspricht. Mit ihnen spreche über das Wesen des Dharma.

9. Übe Dich in Bescheidenheit und schränke Dein Verlangen ein auf das Nötigste. So erkenne die Vier Edlen Wahrheiten und nähere Dich dem Zustand des Nirvana.

10. Befreie Deinen Geist von jeglichen Einflüssen weltlicher Launen und allem was ihn verwirrt. Trauere nichts nach, sondern harre der guten Dinge.

Was ist der Dharma?

In jenen Handlungen und Verhaltensweisen, die dem Übenden Segen bringen sollen, ist die Rede vom »Dharma«. Im Buddhismus umfasst er die Gesetze des irdischen Daseins, die durch die oben genannten Vier Edlen Wahrheiten definiert sind und die der Buddha verkündete. Wenn nun die Rede ist von einer Dharma-Praxis so wird damit auf die sogenannten »Zehn Betrachtungen« angespielt, die sich der Meditierende in seiner Praxis vergegenwärtigt:

  • den Buddha,
  • seine Lehren,
  • die Lamas und Nachfolger des Buddha, sowie
  • das Wesen von Sittlichkeit und Tugend,
  • das Nicht-Anhaften an Weltliches (also Freigiebigkeit),
  • wie auch die Erscheinung und Bedeutung der Devas – der himmlischen Wesen.

Außerdem kann ein Übender in der Dharma-Praxis seine Betrachtung auch ausrichten auf

  • den Tod,
  • die sogenannten »32 unreinen Teile des Körpers«,
  • eine achtsame Atmung,
  • sowie die Bedeutung des Friedens durch Nirvana.

Die zehn Segnungen und zehn Übungen der Dharma-Praxis gehen zurück auf die überlieferten Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama. In den Gruppen, die sich um seine Nachfolger bildeten, wurden die Aussagen und Lehren des Buddha, in verschiedenen Schriftsammlungen aufgeschrieben, wie etwa dem berühmten Pali-Kanon der Theravada-Tradition.

Was waren die wahren Lehren des Buddha?

Nun stellt sich eine wichtige Frage: sind diese Lehren auch tatsächlich die ursprünglichen Aussagen des Buddha oder fassen sie vielleicht eher die Lehrmeinungen jener zusammen, die etwa den oben genannten Schriften-Kanon verfassten? Schließlich wurde dieses spirituelle Schriftwerk erst einige Jahrhunderte nach dem Tod des Buddha verfasst. Und seine Autoren waren sicherlich auch Mönche, die versuchten aus den Aussagen und Lehrreden des großen Weltlehrers, eine allgemeine und für jeden verständliche Fassung zu schaffen.

Schaut man sich aber etwa die oben dargestellten 12 Glieder genau an, die die Kette des bedingten Entstehens bilden, kommt man früher oder später zu logischen Unstimmigkeiten. Schnell stellt sich da die Frage was die wahre Definition dieser Glieder war und wie ihre Eigenschaften vom Buddha tatsächlich gelehrt wurden?

Die Antwort auf diese Frage bleibt wohl auf ewig ein Rätsel. Wahrscheinlich basierten die Erkenntnisse des Buddha auf tatsächlichen, sinnlich wahrnehmbaren und überprüfbaren Befunden. Immer aber schien ihm bewusst zu sein, dass auch ihm als Mensch, die Erkenntnisfähigkeit höherer Instanzen, immer begrenzt bleiben sollte und er niemals ein sogenanntes »kosmisches Bewusstsein« erlangen kann.

Seine Lehren basierten daher auch nicht auf Offenbarungen höherer Eingebungen. Dennoch neigte der Buddha dazu auch solche höheren Formen von Bewusstsein grundsätzlich als gegeben anzunehmen, wenn auch nur darum, um darüber zu spekulieren. Über die wahren Ursachen des Lebens und des Menschseins nachzusinnen war seinen Anhängern untersagt, selbst wenn es darum ging zu klären, was das vom Buddha benannte Nirvana nun letztendlich sei.

Der Buddha weigerte sich zu solchen Fragen Antworten zu geben. Es ging ihm eben in erster Linie darum, das Menschen zu einer Lebensführung gelangen, die sie von den genannten Leidursachen löst. Fragen nach höheren Seinsebenen blieben damit hinfällig, da sie nicht zur eigentlichen Befreiung aus dem Samsara dienten. Es ist darum höchst unwahrscheinlich, dass die »Leugnung des Selbst«, eines seiner zentralen Lehren war oder gar ein Grund darüber nachzusinnen oder zu diskutieren.

Erhabenstes Ziel des Buddha war wohl eher eine direkte Lebenspraxis. Darum vermittelte er wahrscheinlich vielmehr Wege und Möglichkeiten, das Individuum von weltlichem Kummer zu erlösen. Dies beinhaltete die vollkommene Vernichtung weltlichen Verlangens – auch wenn es darum ging die Welt erklären zu wollen. Selbst den eigentlichen Wunsch Erlösung zu finden lehnte er ab.

Erlösung aber findet, der dem weltlichen Leben entsagt. Dazu gehören laut dem Buddha all jene die ihr Leben dem Mönchtum oder Nonnentum verschreiben und in einem Kloster ihr Leben nach dem Noblen Achtfachen Pfad ausrichten. So sollen sie Glückseligkeit und einen vollkommen beruhigten Geist erlangen, bis dereinst ihr Tod die Tore zum Unbekannten hin öffnet und sie in die ewige Stille einkehren, von wo es kein Zurück mehr gibt.

Alle Menschen, die einer westlich-spirituellen Tradition folgen (Judentum, Christentum, Islam), dürfte eine solche Vorstellung irritieren, zumal man da nach einem dereinstigen Eintreten ins Paradies trachtet, wo die Seele nach dem Ableben des Körpers entweder in ewigem Frieden fortlebt oder sich unendlichen Quallen der Hölle ausgesetzt sieht.

Gemäß buddhistischer Lehrmeinung aber hat in der Welt nichts ewig bestand, sei es in einem Diesseits oder in einem Jenseits. Und das trifft darum auch auf das zu, was im Westen für das Konzept eines Seelenlebens steht. Buddhisten gilt darum, dass alles Vergängliche immer nur eine vorübergehende Zusammensetzung der Skandhas ist.

Man könnte die Religion des Buddhismus gewiss auch als eine Wissenschaft zur Erforschung weltlicher Phänomene bezeichnen. Der Buddhismus unterscheidet dafür zwei Lehrmeinungen: zum einen gibt es da die Nihilisten, denen die Welt nur als Konstrukt innerhalb einer eigentlichen Nicht-Existenz allen Seins besteht und dass sich wieder im Nichts auflösen muss. Andererseits gruppierte sich eine Schule, die die Verwirklichung von Idealen anstrebte. Diese Ideale ähneln aber letztendlich dem selben Kern der buddhistischen Weltanschauung der Nihilisten, die eben sagen, dass die Welt tatsächlich nur für einen begrenzten Zeitraum existiert.

Auf dem Weg zur Buddhaschaft

Laut Siddharta Gautama gab es vor ihm 24 frühere Buddhas. Jeder von ihnen verkündete gemäß der Sprache und des Verständnisses seines entsprechenden Zeitalters, eine ähnliche Lehre zu jener, die uns bis heute in den Schriften des Buddhismus erhalten ist. Alle von ihnen aber läuterten ihr Sein und vervollkommneten ihre Weisheit, über einen sehr langen Zeitraum hinweg, in einer schier endlosen Zahl verschiedener Wiedergeburten.

So ein Wesen das auf dem Weg ist, seine Buddhaschaft zu verwirklichen, nennt man in Fernost ein erleuchtetes Wesen: ein Boddhisattva. Irgendwann hat so ein menschliches Wesen den Ruf vernommen ein Buddha zu werden, um seinen Mitmenschen auf ihrem Weg zur Erlösung zu helfen. Hierzu existieren riesige Schriftensammlungen, die sogenannten »Jatakas«, worin die Legenden über die guten Taten der Boddhisattvas aufgeschrieben wurden. Man liest darin über die besondere Befähigung dieser Wesen, auf ihrem Weg zur Buddhaschaft.

Die Niederlegung des schriftlichen Lehrgerüsts im Buddhismus führte jedoch zur Spaltung in verschiedene traditionelle Schulrichtungen. In seiner 2500-jährigen Geschichte entstanden zahlreiche buddhistische Schulen und Systeme. Allerdings lassen sie sich in drei Hauptrichtungen gruppieren:

  • Der Theravada-Buddhismus, die sogenannte »Schule der Älteren«, war die erste Schultradition des Buddhismus, die manchmal auch als Hinayana bezeichnet wird, die »Schule des Kleinen Fahrzeugs«. Ihre Vorfahren aber gehörten zu den ersten Anhängern des Buddha. Heute ist der Theravada insbesondere in Sri Lanka, in Myanmar, Thailand, Kambodscha und Laos verbreitet.
  • Der Mahayana-Buddhismus, die »Schule des Großen Fahrzeugs«, hat die meisten Mitglieder. Sie leben heute in Vietnam, in der Volksrepublik China, im Gebiet des alten Tibet, im Norden Bhutans, in Nepal, Nordindien, in der Mongolei und in der russischen Republik Tuva. Auch am äußersten Rand Europas, in der autonomen russischen Republik Kalmükien, ist der Mahayana-Buddhismus Landesreligion.
  • Im Mahayana-Buddhismus gibt es jedoch noch eine innere Tradition: die Vajrayana-Schule. Man nennt diese Schulrichtung auch das »Diamantfahrzeug«, worin tantrische Praktiken eine sehr wichtige Rolle einnehmen, in der man durch die Visualisierung besonderer Boddhisattvas, die Rezitation von Mantras und anderer ritueller Praktiken und Einweihungen, einen direkteren Zugang zur Lehre des Mittleren Weges findet, um damit den Leidenskreislauf des Samsara eher verlassen zu können. Der Vajrayana lässt sich darum gewiss als esoterische Form des Buddhismus einordnen.

Während den ersten Jahrhunderten nach dem Erscheinen des Buddha, entstand in Indien eine schnell wachsende Schule der Vishnuiten. Sie verehrten Vishnu als höchsten Gott, der in der kosmischen Dreiheit allen Erschaffens, Erhaltens und Zerstörens, den erhaltenden Aspekt repräsentiert. In jedem Zeitalter verkörpert sich Vishnu auf Erden als sogenannter Avatar, als herabgestiegener Messias. Einer davon war der blauhäutige Krishna, der in der Heiligen Schrift der Bhagavad Gita, eine zentrale Rolle einnimmt. Er ist laut hinduistischer Lehre der achte Avatar Vishnus. Als neunten Avatar nennen die Inder den Buddha Siddhartha Gautama.

Die letzten Tage des Buddha – ewigeweisheit.de

Der Vajra-Keil oder Dorje (tibetisch), ist das wichtigste Symbol des Vajrayana-Buddhismus.

Wenn nun also vor etwa 2000 Jahren, diese Schule der Vishnuiten so großen Einfluss auf den Hinduismus ausübte, sollte davon auch der jüngere Buddhismus nicht unberührt bleiben. Es ging da um eine wohl sehr zeitgemäße Haltung, der man selbst im Westen begegnete, in der Erscheinung des Christus Jesus: die leidenschaftliche Hingabe an den auf Erden, in menschlicher Gestalt inkarnierten Gott (»Gottessohn«) – den man in Fernost »Bhakti« nennt. Bhakti steht für einen Erlösungsweg einer ekstatischen Gottesliebe, wie man sie etwa auch bei den islamischen Sufis findet.

Jener Bhakti-Bewegung in Fernost schlossen sich viele Buddhisten an, im Wunsch einem gottgleichen Wesen ihr spirituelles Herz anzuvertrauen, in der Hoffnung darin eine Befriedigung ihrer Denkens zu erlangen, etwas das man auch als Zustand des »Samadhi« kennt.

Somit entstanden die Grundlagen für die Etablierung einer neuen buddhistischen Geistesschule, zu der unzählige Verkörperungen des Buddha und Boddhisattvas ihren besonderen Platz einnahmen. Eifrig vergötterte man ihre Bilder mit vollkommener Selbsthingabe und Liebe. Man versprach sich darin einen direkten Weg zur Buddhaschaft. Und so solle sich jeder Mensch zum Boddhisattva läutern können, ganz gleich ob er zuvor als bescheidener Mensch oder als Sünder lebte – solange er nur an diesem Streben inbrünstig festhält.

Man verehrte die Buddhas der Vergangenheit, erbrachte große Liebe den himmlischen Hierarchien der Heiligen Boddhisattvas. Doch vor Allem galt es das eigene Leben aufzuopfern, zum Wohle aller Mitgeschöpfe, Menschen und Tiere – in vollkommenem Mitgefühl.
 

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