Geheimgesellschaften

Der Transformationsprozess in den Mysterien

Der Transformationsprozess in den Mysterien

Der Einfluss von Mysterienschulen auf die Kulturen und Völker der Vergangenheit und Gegenwart ist kaum abzuschätzen, handelt es sich dabei ja weniger um theoretische Spekulationen, als vielmehr um existenziell bedeutsame Erfahrungen, die auf der ganzen Welt gemacht wurden und auch heute noch gemacht werden. Angefangen bei den alten Ägyptern, dann später bei den Pythagoreern, bei den Urchristen und den Gnostikern, den Katharern und Rosenkreuzern u.a. gab es die Mysterieneinweihungen. Auch heute noch gibt es Mysterienschulen, die diesen Weg lehren. Das Sterben der eigenen Identität und das Integrieren des wahren Selbst, ist eine wesentliche Erfahrung, die der Mysterienschüler macht.

Diese Art von Transformation bedeutet das Sterben und Loslassen der Vergangenheit, es ist ein Prozess. Tiefe Erkenntnis kann nur entstehen, wenn das alte Weltbild aufgegeben wird. Es bedarf einer Bereitschaft im Leben zu sterben, einer Bereitschaft das zurückzulassen, was die vollkommene Transformation behindert.

Die Sehnsucht nach Erlösung muss einen gewissen Leidensdruck erzeugen, um sich solch einem Prozess hingeben zu wollen. Jedoch sollten die wahren Beweggründe nicht darin liegen, ein Leben aufgeben zu wollen, das einen überfordert, oder dem man nicht gewachsen ist. Vielmehr geht es darum, alles was einen ausmacht, in Liebe anzunehmen. Solange nicht der Frieden zum eigenen Selbst vorhanden ist und auf allen Ebenen eine Aussöhnung stattgefunden hat, macht Transformation wenig Sinn. Es würde einer Flucht vor den eigenen ungelösten Problemen gleichkommen. Selbsterkenntnis und eine Persönlichkeit, die stabil im Leben steht, ist die Grundvoraussetzung zur wahren Transformation.

Oft ist es die Sehnsucht nach dem wahren Selbst, der Wunsch, das niedere Selbst zu überwinden, oder einer inneren Bestimmung zu folgen, die zu der Pforte der Transformation führt. Dieser Selbstentfaltungsdrang und die Erkenntnis der eigenen Ichbezogenheit, bringt die Bereitschaft mit, um nach Höherem zu streben.

Durch das Absterben der alten Identität erwächst aus dem wahren Selbst eine neue Identität, die sich an der seelisch geistigen Welt orientiert und nicht wie vorher an der Sinneswelt. Dieses Absterben der Identität wird als Tod erfahren. Alles was vorher an geistigen Sicherheiten vorhanden war wird zerstört. Da der Mensch ohne Ego nicht existieren kann, bedingt der Tod des einen die Auferstehung des anderen. Neue Strukturen des Denkens, Fühlens und Wollens entstehen.

Doch die alten Strukturen werden nicht kampflos aufgeben. Transformation beinhaltet auch innere Prüfungen, die stets alleine ausgefochten werden müssen. In einer Gemeinschaft kann das Erleben thematisiert werden, jedoch steht das Bewusstsein alleine vor der Aufgabe, diese Prüfungen zu meistern. Das niedere Selbst und die Welt der Sinne verlangen nach Aufmerksamkeit. Bis das wahre Selbst sich etabliert hat, wird es innere Kämpfe geben. In dieser Phase der Prüfungen kommt es zur spirituellen Krise. So kann es passieren, dass die von Sinnesgelüsten geprägte Alltagswelt verteufelt wird, und es zu einer Idealisierung der lichtvollen spirituellen Kräfte kommt. Diese inneren Spannungen können bis hin zu einem psychotischen Erleben führen. Auch besteht die Gefahr, dass sich das Bewusstsein in einer verkappten Ichbezogenheit verliert. Es kann dann als großer Wohltäter, Magier, Heiler o. ä. auftreten. Erst wenn es dem Bewusstsein gelingt, sein altes Weltbild zu überwinden, kann sich das wahre Selbst voll entfalten.

Das eigentliche Ziel des ganzen Prozesses ist die Bewusstwerdung und Umwandlung von ungewollten Mustern und von niederen Impulsen, die das spirituelle Selbstbild in Frage stellen. Dabei ist es weder notwendig noch möglich, diese Verhaltensmuster gänzlich zu besiegen. Vielmehr geht es darum, eine neue Sichtweise auf sie zu bekommen und gleichzeitig eine größere Bewusstheit zu erlangen. Dies führt zu einer größeren Entscheidungsfreiheit. Durch mehr Flexibilität in den Reaktionen und Handlungen kann besser auf die eigenen Bedürfnisse und die der Mitmenschen eingegangen werden. Es ist die Heimkehr zur Einheit. Die Ichbezogenheit und das Gefühl des Getrenntseins weichen einem tiefen Mitgefühl und einem Verbundensein mit allem was ist.

Das Heilige Symbol der Vesica Piscis

von S. Levent Oezkan

Die Christus-Mandorla - ewigeweisheit.de

Überschneidet man zwei Kreise so, dass die Bögen ihrer Radien jeweils durch deren Mittelpunkte verlaufen, erhält man eine markante geometrische Gestalt, die, wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Schwimmblase eines Fisches, der lateinische Name »Vesica Piscis« bezeichnet: die Blase des Fisches.

Zwei ihrer charakteristischen Merkmale machen aus ihr eine Form hoher Relevanz.

Zum einen erscheint die Vesica Piscis als mathematische Figur bei Euklid (im 3. Jahrhundert v. Chr.), dem berühmten griechisch-ägyptischen Mathematiker aus Alexandria. Er verwendete diese Figur zur Konstruktion eines gleichseitigen Dreiecks.

Auch der englische Geistliche John Venn (1834-1923) machte von ihren spezifischen Eigenschaften Gebrauch. Von ihm stamm das, was die Mengenlehre das »Venn-Diagramm« nennt. Für dieses Diagramm wird im Zirkel der Radius beibehalten, den man für die Konstruktion des Vesica Piscis verwendete; die Nadel aber sticht jetzt in einen der beiden Schnittpunkte der Vesica Piscis, worum erneut ein Kreis selber Größe gezogen wird. Hiermit entsteht das markante Bild des Venn-Diagramms (siehe Abbildung).

Zirkel und Winkelmaß: Werkzeuge der Freimaurer

Venn Diagramm der Farben - ewigeweisheit.de

Venn-Diagramm zur Veranschaulichung der Vermischung von Farblicht.

Es dürfte kaum verwundern, dass Zirkel (von lateinisch »Circulus«, die Kreisbahn) wie auch Lineal, seit dem Altertum für die Menschen von Bedeutung waren. Sie nämlich ermöglichen jede nur erdenkliche geometrische Konstruktion durchzuführen. Einzige Neuerung, die in den Bauhütten der Steinmetzbruderschaften eingeführt wurde, sollte der sogenannte »Rechte Winkel« sein. Dass es hier aber eine direkte Verbindung gibt zu den Bruderschaften der Freimaurer, darauf deutet ja bereits deren Emblem: Der Buchstabe »G« zwischen geöffnetem Zirkel und Rechtem Winkel (was es mit dem sibyllinischen »G« auf sich hat, dazu ein andermal mehr).

In der Freimaurerei auf jeden Fall wird die Vesica Piscis auch als Symbol verwendet, insbesondere in Form der Kragen, die von Beamten der freimaurerischen Rituale getragen wurden.

Auch die geheimen Siegel der Freimaurerlogen werden stets mit einer Vesica Piscis umwunden. Schließlich wussten sie als Kirchenbauer von ihrer spirituellen Bedeutung für die christliche Bilderwelt. Denn kaum zufällig spielt die Vesica Piscis in der dort verwendeten Symbolik, Heraldik und Baukunst, eine bedeutende Rolle. Besonders die Kathedrale im französischen Chartres, scheint viele Beispiele für die Verwendung der Vesica Piscis zu geben.

Die christliche Mandorla

In der christlichen Kunst findet man die Vesica Piscis vor allem in Darstellungen des Jesus Christus (siehe auch Titelbild), der meist aus ihr heraussteigt oder manchmal auch darin sitzt oder daraus hervortritt. So etwa enthält auch das berühmte Symbol des Ichthys (Aussprache des griechischen Akronyms »ΙΧΘΥΣ«: Jesus der Gesalbte Gottes Sohn Erlöser), das einen Fisch zeigt (typisches Symbol der Christenheit), die Form der Vesica Piscis.

Vesica Piscis, Chalice Well Brunnen im südenglischen Glastonbury - ewigeweisheit.de

Hier sieht man eine geschmiedete  Vesica Piscis, die sich auf der Innenseite des Deckels befindet, der den Brunnen Chalice Well im südenglischen Glastonbury schließt.

Aus gutem Grund also war dieses Symbol oft Gegenstand mystischer Spekulationen. Schon die Pythagoreer betrachteten die Vesica Piscis als heilige Figur. Sie benannten die Proportionen zwischen der Breite und der Höhe des Vesica-Piscis-Diagramms, in einem Verhältnis von 265: 153, was einer sehr guten Annäherung an die mathematische Quadratwurzel aus 3 entspricht: einem Faktor, der sich ergibt aus der Höhe zwischen der Linie der beiden Kreismittelpunkte (linker und rechter Kreis zur Konstruktion der Vesica Piscis) und dem Schnittpunkt der beiden Kreise.

Interessant dabei ist, dass der Teiler 153, eine bedeutende Zahl in der christlichen Mystik darstellt. Man findet die Zahl 153 zum Beispiel im Evangelium Johanni 21:11:

Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.

Diese Zahl jedoch hat noch weitere numerologische Bedeutungen in der christlichen Mystik, auf die an dieser Stelle jedoch nicht eingegangen werden kann (siehe aber im Lehrbuch der Numerologie von Johan von Kirschner).

Als Mandorla bezeichnet (lateinisch für »Mandel«), steht die Vesica Piscis als Symbol für den sichtbaren Ausdruck der Licht- und Heilskraft Christi. Als solche war sie im Mittelalter heiliges Sinnbild für alles Gottes- und Weltverständnis.

Ihrer Form gemäß lässt sich die Vesica Piscis durchaus auch als stilisierte Vulva interpretieren, wo sie quasi als Ursprung allen Lebens gilt (wie insbesondere Mariens Geburt des Heilands).

Im südenglischen Glastonbury (manche nennen den Ort »Avalon«), das ganz bedeutend ist für die Sage um König Artus, Morgan Le Fey und auch die Gralslegende, findet sich eine stilisierte Version der Vesica Piscis: da nämlich ist sie eingearbeitet in den Deckel eines Brunnens mit dem Namen »Chalice Well« (englisch für »Kelchbrunnen«, das heißt also »Brunnen des Grals«).

 

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Ikhwan As-Safa: Die Brüder der Reinheit und Treuen Freunde

von S. Levent Oezkan

Brüder der Reinheit - ewigeweisheit.de

Zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert, wirkte im irakischen Basra eine Bruderschaft muslimischer Eingeweihter. Basra war damals eine Stadt höchster Gelehrsamkeit, die die gesamte, damalige westliche Welt beeinflussen sollte. Die Mitglieder dieser aus dem Verborgenen wirkenden Bruderschaft aber, waren Asketen, die eine umfassende Enzyklopädie der Esoterik schufen, die nicht nur auf die Geheimbünde Europas ganz wesentlichen Einfluss ausüben sollte.

Die Angehörigen dieser Bruderschaft, bildeten eine Art Freimaurerloge, denn man war darum bemüht, das im inneren Kreis besprochene Wissen stets geheimzuhalten. Auch die in Deutschland entstandenen Rosenkreuzer-Logen, müssen in diesem Zusammenhang genannt werden, soll ihr legendärer Bruder C. R. ja mit eben genau dieser muslimischen Bruderschaft in Verbindung gestanden sein.

Im Kreise treu ergebener Gefährten

Der arabische Name dieser Bruderschaft lautet "Ikhwan As-Safa wa Khullan Al-Wafa wa Ahl Al-Damd wa Abna Al-Majd", was frei übersetzt soviel bedeutet wie "Brüder der Reinheit und treuen Freunde, Menschen, die des Lobes wert sind, Söhne der Herrlichkeit". Man nennt sie heute kurz die "Brüder der Reinheit", einem Namen, der einer alten Legende entstammt.

Es ist die persische Dichtung "Kalilah wa Dimnah", deren Titel sich aus den Namen der beiden Schakale zusammensetzt, Kalilah und Dimnah, die die Rahmenhandlung dieser Fabelsammlung bilden. Ihren Ursprung aber haben diese Fabeln eigentlich in der alten indischen Dichtung Panchatantra (wörtlich "Fünf Prinzipien") aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die aus der Feder des indischen Gelehrten Vishnu Sharma stammen. Sehr wahrscheinlich aber wurden diese Dichtungen aus einer mündlichen Tradition überliefert, die noch weit älter ist.

In der indischen Urfassung werden die beiden Schakale "Karataka und Damanaka" genannt: der "entsetzlich Heulende und der Sieger", die darin wohl für die menschlichen Eigenschaften von Pessimismus, Opferrolle und Zweifel auf der einen, sowie Optimismus, Vertrauen und Gelassenheit auf der anderen Seite stehen.

Die jüngere, arabische Version, die im 8. Jahrhundert in Basra, von dem persischen Autor Ibn al-Muqaffa (724-759) verfasst wurde, diente aber, wie auch die ursprünglich indische Fassung, nicht nur der Unterhaltung. Es waren vielmehr Lehrgedichte, die dem Zuhörer die fünf Prinzipien vom weisen Umgang mit anderen Menschen nahelegten: Über den Verlust von Freunden, das Gewinnen neuer Freunde, die Ursachen des Streits, die Trennung und schließlich die Vereinigung in Freundschaft.

Kalilah wa Dimnah

Im zweiten Abschnitt dieser Sammlung von Fabeln, die über das Gewinnen neuer Freunde spricht, ist die Rede von einer Taube, die mit ihren Freunden dem Netz eines Jägers entkommt. Diese Tiere nennt Ibn al-Muqaffa "Ikhwan As-Safa": Die treuen Freunde. Und es war die Maus die ihnen half zu enfliehen. Sie nämlich war so gnädig an den Maschen des Jägernetzes so lange zu nagen, bis sich ihre Tierfreunde daraus befreien konnten. Von dieser Selbstlosigkeit der Maus war einer der treuen Freunde, eine Krähe, nun so beeindruckt, dass sie bald Freundin der Maus wurde. Ihr schlossen sich bald auch eine Schildkröte und eine Gazelle an, die zu jenen treuen Freunden der Taube gehörten. Die Gazelle aber wurde erneut eingefangen. Doch es dauerte nicht lange, bis ihr die Freunde zu Hilfe kamen und sie durch sie wieder befreit wurde. Wegen ihrer Langsamkeit nun aber wurde nun die Schildkröte gefangen. Die Gazelle aber bot sich dem Jäger als Köder an, damit die anderen treuen Freunde die Schildkröte wieder befreien konnten. Am Ende aber waren alle Tiere in Sicherheit.

Aus dieser Fabel also ging der Name "Ikwhan al-Safa" hervor, da die Gruppe von Tieren, sich so eindrucksvoll umeinander kümmerten, frei von Selbstbezogenheit und Egoismus und daher eben "rein".

König Dabshalim besucht den Brahmanen Bidpay – ewigeweisheit.de

Auf dieser persischen Miniatur sieht man den indischen Radscha Dabschalim (links), der den brahmanischen Eremiten Bidpay in seiner Höhle aufsucht, um von ihm das wahre Geheimnis hinter der Fabelsammlung Kalilah wa Dimnah zu erfahren. Jener Eremit aber zitiert dabei auch aus den islamischen Überlieferungen des Koran.

Heilige Zeremonien, ausgerichtet nach den Sternen

Jene Bruderschaft, die sich also nach dieser Fabel den Namen "Brüder der Reinheit und Treuen Freunde" gab, trafen sich regelmäßig, an drei Nächten im Monat:

  • In der ersten Nacht, zu Anfang des Monats, hielt man gemeinsam Oratorien und gab persönlich Reden;
  • die zweite Nacht, die in der Mitte des Monats abgehalten wurde, beinhaltete Lesungen astronomischer und astrologischer Texte, unter freiem Sternenhimmel, wobei sich die Teilnehmer dem Polarstern zuwandten;
  • in der dritten Nacht schließlich betete man philosophische, metaphysische Hymnen (darunter das "Gebet von Platon", das "Flehen von Idris" oder die "geheimen Psalmen des Aristoteles").

Wahrscheinlich aber feierten sie auch drei Jahresfeste:

  • zum Eintritt der Sonne in den Widder (Frühlingstagundnachtgleiche),
  • in den Krebs (Sommersonnenwende) und
  • den Eintritt der Sonne in die Waage (Herbsttagundnachtgleiche).

All das ereignete sich wohl ganz im Sinne der Weisen von Harran, jener Stadt in Mesopotamien (heute Türkei), die im 7. Jahrhundert Zentrum der Alchemie und Astronomie gewesen war.

Einweihungsgrade der Brüder der Reinheit

Die Bruderschaft gliederte sich in vier Grade (oder Klassen), die sich aus ihrem "Seelenstand", dass heißt, aus ihrer moralischen Entwicklung und ihrem Alter ergaben:

  • Der "Handwerker" begann mit frühestens 15 Jahren dem Orden beizutreten. Er sollte sich da in Frömmigkeit und Mitgefühl üben.
  • Der "politische Führer" war jemand, der mindestens 30 Jahre alt sein musste, um so hohen Erfordernissen wie Großmut, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit gerecht zu werden. Sie nannte man auch die "Guten und Ausgezeichneten".
  • Jene die man die "Könige" nannte, waren mindestens 40 Jahre alt und waren gewissermaßen Juristen, die sich in der Gesetzgebung auskannten und stets der Wahrheit gemäß handelnd, als "Ausgezeichnete und Edle" bezeichnet wurden.
  • Alle die das 50. Lebensjahr vollendet hatten, durften den Kreis der "Propheten und Philosophen" betreten, dem letzten und höchsten Rang der Brüder der Reinheit. Den Titel dieses Kreises trugen sie, da man von ihnen so hohe Maßstäbe verlangte, die sie zu Koryphäen machten und die, hätten sie in der Zeit von Sokrates, Jesus oder Muhammad gelebt, mit diesen wohl auch hätten verkehren dürfen.

Rasail Ikhwan As-Safa: Die Enzyklopädie der Brüder der Reinheit

Berühmt sind die Brüder der Reinheit heute vor allem für das gigantische Schriftwerk, dass sie hinterließen. In 52 Briefen geht es da um so Themen wie Mathematik, Musik, Magie, Naturwissenschaften, Psychologie und Religion, wie darin auch ganz alltägliche und gesellschaftliche Themen besprochen werden. Die Brüder der Reinheit versuchten darin die Kenntnisse der Muslime zu vereinigen, mit dem damaligen Kenntnisstand der westlichen Philosophie und Wissenschaften. So erhielt die islamische Kultur, von innen heraus (esoterisch), eine ganz neue intellektuelle Dimension.

In diesen Briefen, die in der Geschichte der arabischen Literatur einen hohen Rang einnehmen, konzentriert sich das Wissen sufischen Denkens, denn es heißt darin zum Beispiel:

Wisse, oh Bruder, dass deine Seele möglicherweise ein Engel ist und in Wirklichkeit Eins werden kann, wenn du dem Weg der Propheten und der Meister der göttlichen Gesetze folgst.

- Aus dem Rasail Ikhwan As-Safa, 4. Buch

Die gesamte Schöpfung wird letztendlich zu Ihm (Allah) zurückkehren, da Er die Quelle ihrer Existenz, Substanz, Unsterblichkeit und Vollkommenheit ist.

- Aus dem Rasail Ikhwan As-Safa, 3. Buch

Im ersten Buch jener "Briefe der Brüder der Reinheit", das sich mit der Mathematik befasst, sind vierzehn Briefe enthalten. Diese Schriften sind Abhandlungen in Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Geographie und Musik, wie auch Traktate über Logik und Analysis.

Das zweite Buch befasst sich mit Naturwissenschaften und enthält siebzehn Briefe über das Wesen von Materie und Form, über Erzeugung und Vernichtung der Dinge, über Metallurgie, Meteorologie, sowie Untersuchungen über das Wesen der Natur, worin Pflanzen und Tiere klassifiziert werden. Auch Fabeln werden darin besprochen.

Mit Psychologie befasst sich das dritte Buch dieser Enzyklopädie. Es umfasst zehn Briefe über die Wissenschaften der Seele und des Intellekts. Es geht darin um die Natur des Intellekts und des Verstandes, die Symbolik zeitlicher Zyklen, die Essenz dessen was Liebe ist, Auferstehung, Hermetik von Ursache und Wirkung.

Im vierten Buch geht es um die Theologie. Darin wird in elf Briefen die Vielfalt religiöser Sekten besprochen, die Eigenschaften echten Glaubens, die Natur göttlicher Gesetze, Politisches, doch auch das Wesen der Magie.

Identität der Brüder der Reinheit

Eine Reihe von Theorien kreist um die Autoren dieser vier Bücher. Einige Mitglieder der Ikhwan As-Safa sind heute jedoch bekannt. Zu ihnen zählte etwa der arabische Freidenker und Dichter Abul Ala Al-Maarri (973-1057). Er war jedoch jemand, der die Dogmen der Religionen seiner Zeit (Islam, Judentum, Christentum und Zoroastrismus) vehement ablehnte, ja sogar scharfe Kritik daran übte. Al-Maarri pflegte einen asketischen Lebensstil und war strikter Veganer. Wenn wir zuvor sagten, dass Ziel der Brüder der Reinheit eine intellektuelle Vereinigung des Wissens im Westen, mit den Weisheiten des Islam gewesen ist, so trifft das wohl zu auf Al-Maarri, dessen bekanntestes Werk "Sendschreiben über die Vergebung" oft mit Dantes Göttlicher Komödie verglichen wurde.

Auch der islamische Theologe Ibn Ar-Rawandi (825–910) zählte zu den Mitgliedern der Ikhwan As-Safa. Man zählt ihn heute aber zu jenen, die man vielleicht als Gegener des Islam bezeichnen könnte. Und solch Betitelung hatte er sicherlich entsprochen, war die Vehemenz, mit der er gegen die Buchreligionen wetterte, doch wahrhaft ausgeprägt. Er prangerte Aberglauben und religiösen Dogmatismus gleichermaßen an, die stattdessen durch ein Recht auf Vernunft, gegen Traditionen, Gebräuche und Autorität, ersetzt werden sollten.

Wahrscheinlich war auch der berühmte persisch-islamische Theologe, Philosoph und Mystiker Al-Ghazali (1058-1111) von den Brüdern der Reinheit beeinflusst.

Offen bleibt jedoch, wer die anderen Mitglieder dieser Bruderschaft waren und wie viele ihr tatsächlich angehörten. Über sich selbst schrieben die Ikhwan As-Safa als  "Schläfer in der Höhle" (Rasail Ikhwan As-Safa, 4. Buch) – Wissende also, die sich in die Verborgengeut zurück gezogen hatten. Ihr Verheimlichen hatte wohl seine guten Gründe, denn sie waren sich durchaus bewusst, dass ihre esoterischen Lehren hätten zu Unruhen führen können. Sie wussten um das große Unglück der Nachfolger des Propheten Mohammed (as), hatten also guten Grund aus dem Verborgenen heraus zu wirken und unerkannt zu bleiben – ein Bewusstsein das sogenannten "Esoterikern" heute abhanden gekommen zu sein scheint.

 

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Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Schreiben Sie bitte eine Email an: freundeskreis@ewigeweisheit.de

Das Erbe der Rosenkreuzer

von S. Levent Oezkan

Titelseite von Summum Bonum (Robert Fludd) - ewigeweisheit.de

Anfang des 17. Jahrhunderts veröffentlichen Unbekannte in Kassel und Straßburg drei Schriften mit den Titeln Fama Fraternitatis, Confessio Fraternitatis und Chymische Hochzeit. Sie sollten dereinst die Fundamente einer Geheimbruderschaft bilden, die über ein Wissen verfügte, das anscheinend weit über dem stand, was man damals an den Universitäten Europas lehrte.

Aus dem Verborgenen richteten sich damit die Mitglieder eines geheimen Zirkels an die Gelehrten und Oberen der damaligen Gesellschaft Europas. Ihr anscheinend überlegenes Wissen bezog sich auf zwei sonderbare Bücher: das Liber Mundi und das Liber Theos.

Im Liber Mundi, auch Liber M genannt, finden sich Beschreibungen über besondere Geheimnisse in der Welt. Es ist das »Buch der Natur«, worin Wissen über das Wesen der Mineralien, Pflanzen und Tiere zu finden ist – ein Buch der Naturwissenschaften also. Gewissermaßen ähnelt es der mythischen Smaragdtafel des Thoth-Hermes, die im Akasha existiert, als ein vom Weltengeist eingeprägtes Schriftwerk.

Das andere Buch ist das Liber Theos, das man auch als Liber T kennt. Wie der Name »Theos« bereits vermuten lässt, ist das das »Buch Gottes«. Daraus offenbaren sich dem Eingeweihten Erkenntnis und Inspiration, die aus der geistigen Welt kommend, anregend wirken auf seine Fähigkeit zu erfahren.

Wo befinden sich die Bücher M und T?

120 Jahre nach dem Tod des geheimnisvollen Christian Rosenkreuz, fanden Ordensbrüder sein Grab. Darin entdeckten sie auch die beiden Bücher Liber M und Liber T. So wie Christian Rosenkreuz dort lag, als nicht verwester Leichnam, hielt er letzteres Buch in Händen. Weniger aber war es ein tatsächlich physisches Buch, als vielmehr das, was man als sein geistiges Vermächtnis bezeichnen könnte. Das Liber T bildet die Grundlage des Rosenkreuzer-Schulungsweges.

Weniger geht es in den beiden Büchern um Wissenschaft an sich, als das darin vielmehr eine Gnosis beschrieben wird, aus der sich die inneren Vorgänge des Universums beschreiben lassen. Außerdem heißt es, dass in jener Bruderschaft der Rosenkreuzer, Alchemisten zugegen waren, die tatsächlich unedle Metalle zu transmutieren vermochten in lauteres Gold. Heute aber klingt so etwas wohl recht fragwürdig, ja es mag manche gar an Satire erinnern, wenn das Wort »Alchemie« fällt. Eigentlich aber ging es jenen Eingeweihten weniger darum, tatsächlich Gold herzustellen. Das erschien ihnen eher nebensächlich, zumal sich die Mitglieder dieser Bruderschaft, um solch weltliche Dinge nur wenig kümmerten.

Die Alchemisten unter den Rosenkreuzern waren Mediziner. Sie heilten und halfen Menschen sich von ihren Leiden zu erholen. Jene unter den Rosenkreuzern aber waren auch »Ärzte der Natur«. Sie wussten, dass sich die gesamte weltliche Schöpfung in einem Exil befindet, wo alles Leben leidend seines Daseins fristet. Die Natur aber, und damit auch das Leben, wartet darauf aus den Zwängen des Materialismus erlöst zu werden.

Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.

- Paulus' Brief an die Römer 8:19-22

Vorstellungen von einer Neuen Welt

Die Verfasser der drei eingangs erwähnten Manifeste vom Orden der Rosenkreuzer, ließen in ihren Schriften das Wissen aus verschiedenen subtilen Wissenschaften zusammenfließen. Man findet darin esoterisches Wissen aus der Alchemie, Astrologie, Numerologie, Kabbala und Hermetik. Doch auch politische und religiöse Bestrebungen finden sich darin. Daneben scheinen die Rosenkreuzer-Schriften aber auch anti-imperialistische, anti-katholische Tendenzen zu enthalten. Das 17. Jahrhundert prägten solche Entwicklungen. Nur zwei Jahre nach Erscheinen der Chymischen Hochzeit etwa, brach der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) aus, der als eben solcher Konflikt in einem Spannungsfeld ausgetragen wurde, zwischen dem Katholizismus im Süden und dem Protestantismus im Norden Europas.

Gut möglich, dass sich in den Manifesten der Bruderschaft vom Rosenkreuz eine Hoffnung verbarg, die auf den Anbruch einer Zeit der Toleranz hindeutete, auf einen »Neuen Protestantismus«, der sich auch auf hermetisch-kabbalistische Vorstellungen berief.

Ursprüngliche Ziele der Bruderschaft

Zwar waren die Schriften der Rosenkreuzer im Umlauf, doch ihre Leser begegneten nie einem ihrer Verfasser persönlich. Und wer die Schriften der Rosenkreuzer gelesen hat, der weiß, dass darin keine großen Geheimnisse verraten werden. Und doch führte ihre Veröffentlichung bald schon zu einer Manie, in Gelehrtenkreisen Europas. Unzählige Kommentare waren darüber im Umlauf, so dass man das damalige Rosenkreuzertum, durchaus als europäisches Phänomen bezeichnen könnte. In den drei Jahren nach ihrer Veröffentlichung, wurde allein die Fama Fraternitatis siebenmal neu aufgelegt und auch viele Abschriften davon angefertigt.
Stellt sich die Frage: gab es vielleicht eine geheime Absicht, die die Rosenkreuzer mit der Veröffentlichung der Fama, der Confessio und der Chymischen Hochzeit, zwischen 1614 und 1616 erfüllen wollten?

Zumindest wäre da erst einmal darauf hinzuweisen, dass das Rosenkreuzertum sich anfangs in Deutschland und in Frankreich ausbreitete. Die Lehren die die Rosenkreuzer in dieser Zeit herausgaben, konzentrieren sich sowohl auf eine physisch-experimentelle, als auch auf eine spirituelle Alchemie. Unter dem Terminus Alchemie darf man also nicht etwa nur ein Vorläufer der heutigen Chemie verstehen. Im 17. Jahrhundert sahen sich Alchemisten als jene, die eine interdisziplinäre Wissenschaft schufen, deren Vorgänge sich sowohl auf spiritueller, intellektueller und materieller Ebene vollzogen. Gewiss könnte man darum sagen, dass sie heutigen Chemikern gewissermaßen überlegen waren. Schon immer basieren die Kenntnisse über Alchemie und Hermetik auf universalen Gesetzmäßigkeiten, die zu jedem Problem mit Antworten parieren, so als seien sie ein Allheilmittel.

Johann Valentin Andreae - ewigeweisheit.de

Johann Valentin Andreae (1586-1642). Gemälde eines unbekannten Künstlers (unbekanntes Datum).

Wer war der Gründer der Rosenkreuzer?

Laut dem englischen Freimaurer Elias Ashmole (1617-1692), lebten die Brüder vom Rosenkreuz in einem Kloster, dass sich etwa 11 Kilometer von Straßburg befindet. Ashmole selbst, wollte sich dieser Bruderschaft anschließen, wie wohl unzählige andere auch. Doch in Wirklichkeit gab es nirgendwo eine Bruderschaft vom Rosenkreuz, mit der man hätte Verbindung aufnehmen können. Die Veröffentlichung der Rosenkreuzer-Manifeste gaben den Lesern ihres Zeitalters also ein Rätsel auf. Es war als hätte jemand einen Stein in ein großes Becken voller Geheimnisse geworfen, was jede Menge Wellen schlug im Bewusstsein der Menschen des 17. Jahrhunderts. Die Auswirkungen dessen, waren so stark, dass sich ihre Tendenzen bis heute in den Kreisen esoterischer Zirkel finden.

Das Werk der »Chymischen Hochzeit Christiani Rosenkreuz Anno 1459« war in den Jahren vor ihrem ersten Druck bereits als Handschrift im Umlauf und erschien 1616 zunächst anonym. Als ihr Autor gilt der 1586 im württembergischen Herrenberg geborene Schriftsteller und Theologe Johann Valentin Andreae. Im Alter von gerade mal 19 Jahren, schrieb er dieses alchemistische Werk auf. Doch wie bei den beiden anderen Manifesten der Rosenkreuzer, stand hinter dem äußeren Sinn dieser Veröffentlichung, eine esoterische Bedeutung. Zwar wurde sie dem Verfasser aus der Geistigen Welt eingegeben, doch er selbst verstand noch nicht worum es darin ging. Er diente quasi als Werkzeug der geistigen Welt, doch schrieb im Namen des geistigen Urhebers Christian Rosenkreuz.

Andreae stammte aus einer illustren protestantischen Theologenfamilie. Sein Großvater Jakob Andreae war einer der Verfasser der Formula Concordiae, der Eintrachtsformel der lutherischen Kirche, die auf Veranlassung des Kurfürsten August von Sachsen entstand. Sein Vater Johannes Andreae, einst Pastor in Tübingen und später Abt des Klosters Königsbronn, verstarb als sein Sohn 15 Jahre alt war. Seine Familie aber hinterließ er in Armut. Alles Geld nämlich hatte er in seine alchemistischen Experimente investiert, mit dem Ziel Gold herzustellen. Vor diesem Hintergrund aber ist wohl auch anzunehmen, dass Johann Valentin Andreae nicht nur über theoretisches Wissen in der Alchemie verfügte.

Andreae begann ein Jahr nach dem Tod seines Vaters, ab 1602, sein Studium der »Freien Künste« an der Universität Tübingen. Dieses Studium schloss er 1605 mit einem Magister ab. Ab 1606 studierte er dann Theologie und Mathematik.

Über die Alchemie kam Andreae in Kontakt mit dem Tübinger Theosophen und Mediziner Tobias Heß (1558-1614). Er war ein Bewunderer von Paracelsus, jenem sagenhaften Arzt, der einst in die medizinische Heilkunde auch die Wissenschaft der Alchemie integrierte. Doch jeder der sich damals mit Paracelsus befasste gefährdete sich, stand der berühmte Arzt doch in der Tradition der verrufenen Hermetiker. Da die Schriften des Paracelsus aber großen Einfluss auf Heß ausübten, befasste er sich auch mit Alchemie und Hermetik. Über seine Neugier für diese Geheimwissenschaft, lernte er auch Andreaes Vater kennen. Mit ihm entwickelte er verschiedene alchemistische Rezepte, die alle jeweils mit dem Satz enden:

Ihm, Jesus Christus, dem unsterblichen Chymisten, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, in Einheit mit dem Vater und dem Heiligen Geist, dem auf ewig Ruhm und Ehre sei zu den wunderbaren großen Werken hier. Amen, amen, amen.

Heß glaubte an ein kommendes Goldenes Zeitalter, das zur Wiederkehr Jesu Christi führen sollte. Johann Valentin Andreae sah in Heß einen weisen Seher und Wissenden, der wusste was die Zeichen der Welt und der Zeit bedeuteten. Schon als Junge hatte Heß eine Vision vom Untergang der römisch-katholischen Kirche.

Der Tübinger Kreis

Im Jahr 1608 gründete Tobias Heß in Tübingen einen Freundeskreis, dem 12 Mitglieder angehörten. Unter ihnen befand sich auch der junge Andreae, der über den Tübinger Kreis schrieb, es sei ein »intimum amoris foedus«, ein »inniger Bund der Liebe«. Ebenfalls Andreaes jüngerer Bruder Johann Ludwig war Mitglied dieses Freundeskreises, dem auch der Künstler Abraham Hölzel von Sternstein und der erimitierte Pfarrer Johann Vischer angehörten. Wohl nur diese vier Mitglieder wussten wer der eigentliche Verfasser der Fama und der Confessio war.

Heß und die Mitglieder seines Kreises, beschäftigten sich mit paracelsischem und alchemistischem Gedankengut, mit Traum- und Zukunftsdeutung und spekulierten über die bevorstehende Apokalypse. Aber auch die christliche Frömmigkeit und die Reformgedanken innerhalb der Kirche, spielten eine zentrale Rolle. Dieser Kreis von Intellektuellen und Sehern, inspirierte Andreae wohl auch zu seinem späteren Werk »Christianopolis«, der Utopie einer idealen Gesellschaft. Keine Frage war Johann Valentin Andreae eines der wichtigsten Mitgliedern des Tübinger Kreises. Er war von seinem Einfluss doch vollkommen vereinnahmt. Was er aus den Treffen des Kreises thematisch zusammenfasste, darauf auch basierte die Idee einer reformerischen Bruderschaft, einer großen geistigen Bewegung, die sich in langer Vorbereitung im Verborgenen gründen sollte.

Dass es ihm anscheinend auch darum ging, so eine Geheimgesellschaft zu gründen, darauf deuten drei seiner Werke hin:

  • 1619 Christianopolis: Eine christlichen Utopie, aus der Perspektive eines Schiffbrüchigen geschrieben. Der strandet auf der Insel Caphar Salama, findet die sagenhafte Stadt Christianopolis und berichtet über das Leben der Menschen dort. Gewiss erinnert das an das 1626 erschienene utopische Werk Nova Atlantis (»Neu-Atlantis«) von Sir Francis Bacon (1561-1626).
  • 1619 Turris Babel: Hierin verkündete Andreae seinen Rückzug aus einer chaotisch gewordenen »Rosencreutzerey«, wie er sie nennt. Gut möglich aber, dass er das mit der Absicht tat, seine eigene Bedeutung als wichtiges Mitglied in diesem Geheimorden zu vernebeln. Doch nicht etwa um sich damit in eine vermeintliche Sicherheit zu bringen, sondern eher um zu einer weiteren Mystifizierung der legendären Rosenkreuzer beizutragen.
  • 1620 Christianae Societatis Imago: Über die Vorstellungen einer elitären, religiös-gelehrten Gesellschaft.

Anscheinend ging es Andreae ab einem gewissen Zeitpunkt darum, auf die Gründung einer Gesellschaft hinzuarbeiten, die über den bisher stehenden Wissenschaften und Religionsvorstellungen stand. Auf seinen häufigen Reisen in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, in Italien und Österreich, dürfte er sehr wohl andere Gelehrte in seine Vision eingeweiht haben: Die lange geplante Gründung einer Gesellschaft zur Neuordnung seines Zeitalters. Darauf verweist eben die Gleichzeitigkeit vom Erscheinen seiner Werke und den Gerüchten einer neu gegründeten Geheimbruderschaft der Rosenkreuzer.

Spiritualität, die allein im Außen, in den grauen Gemäuern von Kirchen gesucht wird, erschien Johann Valentin Andreae als unzureichend. Damit stimmte er mit den Auffassungen von Heß überein, wie auch mit jenen des Paracelsus, hundert Jahre zuvor. So gab es für Andreae eine »Geistige Kirche«, die im Innern des Mikrokosmos Mensch gegenwärtig ist. Doch gleichzeitig basierte Andreaes äußeres Wirken nicht etwa nur auf Spekulationen, sondern er lieferte tatsächlich brauchbare Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Forschungen – sowohl als Theologe, wie auch als Mathematiker. Er trug außerdem ganz wesentlich zu einer Reform der Erziehungswissenschaften bei, denn seine Arbeiten sollten auch einen seiner Freunde ganz wesentlich beeinflussen: den berühmten Philosophen und Pädagogen Johann Amos Comenius (1592-1670). In seinem 1623 erschienenen Buch »Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens«, einem Klassiker der tschechischen Literatur, schreibt Comenius über seine Hoffnungen, die er in das Rosenkreuzertum setzt. Es ist das Werk eines idealistischen Geistes. Doch wie auch die utopischen Erwartungen Andreaes, wurden auch Comenius' Erwartungen durch den Beginn des Dreißigjährigen Krieges zerstört.

 

Nach seinem Schlussexamen im Jahre 1614, wurde Andreae zum Diakon in Vaihingen berufen, wo er auch heiratete. Später beförderte man ihn zum Superintendenten in Calw. 1638 wurde er in Stuttgart Hofprediger und Konsistorialrat. Ab dieser Zeit trat er ein für eine grundlegende Kirchenreform und promovierte danach an der Universität Tübingen zum Doktor der Philosophie. Seine Karriere beendete er schließlich als Abt in der evangelischen Klostergemeinde Adelberg, wo er dann im Jahre 1654 nach langer Krankheit verstarb.

Johann Valentin Andreae hinterließ ein wirklich beeindruckendes Werk. Er verfasste zwei Komödien über Esther and Hyacinth, und auch schon in dieser Zeit die erste Version der Chymischen Hochzeit, dessen Protagonist vielleicht erst später, mit der Veröffentlichung des Werkes umbenannt wurde in Christian Rosenkreuz. Doch da das erste Manuskript zur Chymischen Hochzeit nicht mehr existiert, besteht über diese Annahme Unsicherheit. Fest steht, dass die Symbole von Rose und Kreuz in der Chymischen Hochzeit eine ganz und gar nebensächliche Rolle spielen.

Warum Rose und Kreuz?

Wenn wir uns einmal das Wappen der Familie Andreae ansehen, so zeigt das Heroldsbild auf dessen Schild-Element ein rotes, schräggestelltes Kreuz (Andreaskreuz) mit vier roten Rosen. Doch jene Bruderschaft, die diese Bildelemente als Namen führt, das heißt also die »Rosenkreuzer«, verweisen auf eine esoterische Bedeutung der Bilder von Rose und Kreuz. Ob das aber nur eine äußere Erklärung von etwas ist, das den Uneingeweihten unzugänglich bleiben soll, sei einmal dahingestellt.

Doch mit dem, was wir oben bereits andeuteten, erscheint es recht wahrscheinlich, das Johann Valentin Andreae der eigentliche Gründer der Rosenkreuzer-Bruderschaft war, selbst wenn er sich von den Rosenkreuzer-Manifesten nachträglich distanzierte. Der Grund dafür ist klar: Es sollte ein Geheimbund bleiben, dessen Ziele er wohl gefährdet hätte, wäre seine Stellungnahme dazu positiv ausgefallen. Die Bruderschaft der Rosenkreuzer schien aber auch zu wissen, dass, wenn sie durch ihr Werk wirklich ein neues Zeitalter einleiten wollten, sie ihre Existenz in einen Mythos kleiden mussten. Und das war die Legende von Christian Rosenkreuz, die diesem esoterischen Zirkel die Form eines großen Geheimnisses verlieh – einem der wohl wirkungsvollsten Mittel, um die Aufmerksamkeit von Menschen zu ergattern. Es scheint darum kein Zufall, wenn damals die deutsche Obrigkeit, etwas nach dem Erscheinen der Chymischen Hochzeit, Andreae einen Fanatiker nannte, der mit dieser Schrift doch nur die Prophezeiungen des Paracelsus verkünden wolle. Der französische Autor Louis Figuier (1819-1894) schrieb dazu in seinem 1854 erschienenen Werk L'alchimie et les alchimistes (»Die Alchemie und die Alchemisten«):

Valentin Andreae möchte mit dieser philosophischen Assoziation eine Prophezeiung verkünden, die aus den Werken des Paracelsus spricht. Als fanatischer Anhänger der Lehren dieses berühmten Mannes, hatte Andreae beschlossen, einer der Aussagen dieses Meisters besondere Bedeutung zuzuschreiben. Tatsächlich schrieb Paracelsus im 8. Kapitel seines Buches der Metalle: 'Gott wird uns erlauben, eine Entdeckung von größerer Bedeutung zu machen, die bis zur Ankunft des Elias Artista verborgen bleiben muss'.

Entwückung des Proheten Elias - ewigeweisheit.de

Aufstieg des Propheten Elias und Szenen seines Lebens. Griechisch-Orthodoxe Ikone des Künstlers Theorodos Poulakis (1620-1692), ausgestellt im Byzantinischen Museum Athen.

In der Bibel finden sich Andeutungen darüber, dass Elias in der Endzeit gemeinsam mit Jesu Christi (der ihm folgt) wiederkehren werde.
Was Paracelsus prophezeite, war Elias' baldige Wiederkehr, nämlich vor der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), die damit ja gewiss als eine »Endzeit betrachtet« werden kann. Sehr wahrscheinlich, dass es sich hier um eine astrologische Berechnung Paracelsus' handelte, womit er ein prägnante Lichterscheinung am Nachthimmel meinte, die sich während einer Konjunktion von Saturn, Jupiter und Mars im Sternbild Schütze, im Jahr 1603 ergeben sollte. Astrologisch gesehen, ließe sich diese Art Konjunktion durchaus als Zeichen für eine Zeit der Erleuchtung deuten.
Ist es darum nicht eigenartig, dass Tobias Heß den Anbruch seines vermuteten Goldenen Zeitalters eben auf das selbe Jahr 1603 datierte?

War das etwas, worauf Johann Valentin Andrae vorbereiten wollte? Spielte dabei auch der Tübinger Kreis eine wichtige Rolle und erfolgte die Gründung der Geheimbruderschaft vom Rosenkreuz, um ihre Mitglieder auf die Ankunft dieses Elias Artista einzustimmen?

Für Paracelsus auf jeden Fall stand Elias Artista stellvertretend für den entrückten Propheten Elias im Alten Testament. Er war für ihn das Ideal eines Gesandten, durch dessen Ankunft auf Erden, kommende Generationen Erleuchtung und Glückseligkeit erfahren werden. Paracelsus sah in Elias den vollkommenen Adepten, der mit seiner Wiederkehr den Menschen Anteil haben lassen wird, an bisher nicht dagewesenem Wohlergehen.

Mit diesem Elias Artista aber, muss Paracelsus gar kein menschliches Individuum gemeint haben, sondern er verstand darin vielleicht eher eine Gruppe oder Vereinigung von Weisen, wie eben jene, die sich später dann in Tübingen, um Tobias Heß sammeln sollten. Gut möglich deshalb, dass Andreae den Orden ins Leben rief, um diese Prophezeiungen des Paracelsus tatsächlich zu erfüllen und in diesem Sinne die Paracelsische Tradition im Orden der Rosenkreuzer fortzuführen, in Vorbereitung auf die Wiederkehr des entrückten Propheten.

Eine universale Reform der Gesellschaft

Die Zustände im damaligen Deutschland und in Europa waren recht chaotisch. Eine Reform des religiösen Zusammenlebens stand unmittelbar bevor, wenn sie auch gewalttätig herbeigeführt werden sollte.

Der junge Andreae aber hoffte, dass diese Veränderungen auf friedliche Weise erfolgen würden. Sein Vorbild war Luther, dessen Erinnerungen in Deutschland noch immer jung und gegenwärtig waren. Wir hatten bereits die Vermutung angestellt, dass er, um diese Bestrebungen auch tatsächlich in eine sinnvolle Form zu führen, jene Gründung der Rosenkreuzer herbeiführen wollte.

Und trotzdem kann heute keiner behaupten zu wissen, in welchem Verhältnis Johann Valentin Andreae zur Bruderschaft der Rosenkreuzer stand oder ob er sie tatsächlich selbst gründete. Man bewegt sich da in einem Bereich vollkommener Unschärfe, zwischen einer eher geistigen, unsichtbaren Bruderschaft und dem Tübinger Kreis um Heß. Fest steht jedoch, dass Andreae mit seiner Chymischen Hochzeit zu dem, was als die ersten beiden Manifeste der Rosenkreuzer gilt, etwas beitrug, das man als die Gesinnung für ein neues Zeitalter beschreiben könnte. Es war eine umfassende Sichtweise, die sowohl philosophische, religiöse, künstlerische wie auch wissenschaftliche Ansätze zum Verständnis von Geist und Natur, auf ganzheitliche Weise zu erklären versuchte. Alle, die dieses Wissen erlangten, sollten sich dadurch selbst in ein kommendes, neues Zeitalter eingliedern können. Wie uns die Geschichte aber zeigt, erfolgte das ganz und gar nicht harmonisch, sondern im Grauen des Dreißigjährigen Krieges.

Niemand wusste damals, wer die Urheber der Rosenkreuzer-Manifeste gewesen sind. Unzählige Gelehrte jener Zeit, die auch auf die politischen Geschicke Einfluss nahmen, versuchten sich zu erklären, wer hinter diesen anonym erschienenen Schriften stand. Kaum verwunderlich, wenn die Fama, Confessio und Chymische Hochzeit, so großes Aufsehen erregten. Also versuchten manche mit den Rosenkreuzern in Verbindung zu treten. Andere verfassten Schmähschriften gegen sie. Wieder andere behaupteten selbst zu dieser Bruderschaft zu gehören.

Doch es gab einen Grund dafür, dass die Rosenkreuzer keine Adresse in ihren Schriften hinterließen: Sie wollten nicht als neue Obrigkeit Wissender, andere unterweisen müssen, wie dieses erhoffte, neue Goldene Zeitalter einzuleiten sei. Jeder sollte diesen universalen Vorgang in sich selbst durchführen, um damit jene, oben angedeutete »Geistige Kirche« zu gründen. Auf dieser Basis, sollte jeder für sich die utopische Vision einer Gesellschaft entwickeln, die zum Wohle aller entstehe und zu der er, als Wissender seinen Beitrag leiste.

 

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Schillers Ode an die Freude

Nach all dem politischen Wirrwarr und den Schrecknissen der Zeit, die auch Beethoven selbst erlebt hat, ist dieses Werk am Ende ein Appell, eine Sehnsucht nach Verbrüderung, nach Freude und Jubel, nach der Utopie eines Weltfriedens, nach einer Welt ohne Kriege und Zerstörung.

- Aribert Reimann, Berliner Komponist

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

Was den großen Ring bewohnet
Huldige der Sympathie!
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der Unbekannte thronet.

Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.

Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.

Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt,
Über Sternen muss er wohnen.

Freude heißt die starke Feder
In der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
In der großen Weltenuhr.

Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
Die des Sehers Rohr nicht kennt!

Froh, wie seine Sonnen fliegen,
Durch des Himmels prächtgen Plan,
Laufet Brüder eure Bahn,
Freudig wie ein Held zum siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel
Lächelt sie den Forscher an.
Zu der Tugend steilem Hügel
Leitet sie des Dulders Bahn.

Auf des Glaubens Sonnenberge
Sieht man ihre Fahnen weh'n,
Durch den Riss gesprengter Särge
Sie im Chor der Engel steh'n.

Duldet mutig, Millionen!
Duldet für die bess're Welt!
Droben über'm Sternenzelt
Wird ein großer Gott belohnen.

Göttern kann man nicht vergelten,
Schön ist's ihnen gleich zu sein.
Gram und Armut soll sich melden
Mit den Frohen sich erfreu'n.

Groll und Rache sei vergessen,
Unserm Todfeind sei verzieh'n.
Keine Träne soll ihn pressen,
Keine Reue nage ihn.

Unser Schuldbuch sei vernichtet!
Ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – über'm Sternenzelt
Richtet Gott wie wir gerichtet.

Freude sprudelt in Pokalen,
In der Traube gold'nem Blut
Trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut -

Brüder fliegt von euren Sitzen,
Wenn der volle Römer kreist,
Lasst den Schaum zum Himmel spritzen:
Dieses Glas dem guten Geist.

Den der Sterne Wirbel loben,
Den des Seraphs Hymne preist,
Dieses Glas dem guten Geist,
Über'm Sternenzelt dort oben!

Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwor'nen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,

Männerstolz vor Königsthronen, –
Brüder, gält’ es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!

Schließt den heil'gen Zirkel dichter,
Schwört bei diesem gold'nen Wein:
Dem Gelübde treu zu sein,
Schwört es bei dem Sternenrichter!

Rettung von Tyrannenketten,
Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
Gnade auf dem Hochgericht!

Auch die Toten sollen leben!
Brüder trinkt und stimmet ein,
Allen Sündern soll vergeben,
Und die Hölle nicht mehr sein.

Eine heit're Abschiedsstunde!
Süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Totenrichters Munde!

Ein Loblied himmlischer Euphorie

Der damals 26-jährige Friedrich Schiller dichtete im Jahr 1785 die Ode "An die Freude". Dies geschah auf Bitten seines Freundes Christian Gottfried Körner, für die Freimaurerloge "Zu den drei Schwertern" in Dresden. Zur etwa gleichen Zeit wollte ihn der Verlagsgründer Johann Christoph Bode dazu veranlassen der Freimaurerei beizutreten. Sein Freund Körner riet ihm jedoch sich von Bode abzuwenden, da er Schiller nur für den Illuminatenorden gewinnen wollte.

Im Sommer und Herbst 1785 auf jeden Fall, entstand auf Körners Bitte jene Ode, aus der durch Beethoven später die Hymne "Freude schöner Götterfunken" entstand. In einem Brief an Körner schrieb Schiller:

Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen: aber dies gibt ihm auch den einzigen Wert, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt, noch für die Dichtkunst.

Schillers bis daher sehr wechselhaftes Leben, das vor allem durch Geldsorgen belastet war, änderte sich durch seine Freundschaft mit Körner sehr. Auf dessen Weinberg in Dresden-Loschwitz, wohnte Schiller in den folgenden zwei Jahren bis Sommer 1787.
Trotz das seine Ode an die Freude bereits in ihrer Entstehungszeit äußerst populär war, hielt sie später Schiller keineswegs als eines seiner Meisterwerke.

Freude schöner Götterfunken

Musikalische Grundlage der Ode "An die Freude" bildet der letzte Satz der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Sie entstand im Jahr 1815. Beethoven hatte die Ode bereits in seiner Jugend kennengelernt. Die Vertonung von Schillers Hymne aber, sollte ihn fast sein ganzes Leben begleiten. Er war sich bis zuletzt nicht sicher, ob den Abschluss der Komposition ein Chor oder ein rein instrumentales Finale bilden sollte. Wahrscheinlich fiel die Entscheidung für den Chor erst gegen Ende des Jahres 1823. Hierzu verkürzte Beethoven den Text der Hymne auf 36 Verse, die er teilweise auch umgestellt hatte.

Eine europäische Hymne

Bevor man 1952 die dritte Strophe des Deutschlandliedes zur deutschen Nationalhymne bestimmte, verwendete man nach dem zweiten Weltkrieg, die Ode sogar als inoffizielle Deutschland-Hymne. Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi, Freimaurer und Begründer der Paneuropa-Bewegung, schlug 1955 vor, Beethovens Vertonung der Ode an die Freude, zur neuen europäischen Hymne zu erheben. Schließlich wurde sie in der Vertonung Beethovens, 1972 dann auch die offizielle Hymne des Europarats.

Einführung in die Confessio Fraternitatis

Einführung in die Confessio Fraternitatis

Confessio Fraternitats - ewigeweisheit.de

Die Confessio oder Bekenntnis der Gesellschaft und Bruderschaft des Rosenkreuzes, oder einfach - Confessio Fraternitatis - wurde im Jahr 1615, wie auch zuvor die Fama, anonym veröffentlicht. Es ist das zweite von drei Rosenkreuzer-Manifesten. Die Confessio weist erneut hin auf die Existenz einer geheimen Bruderschaft von Alchemisten und Weisen, die im Verborgenen an einer politischen und intellektuellen Umgestaltung Europas arbeitetet. 

Es geht in der Confessio um die sogenannte "Wahre Philosophie", durch die das erste, 1614 erschienene Manifest der Fama Fraternitatis sozusagen gerechtfertigt wurde. Sie ist eine Bekenntnis der Bruderschaft vom Rosenkreuz zu ihrer wichtigen Aufgabe, trotz dass die Rosenkreuzer bereits konfrontiert wurden mit vielen feindlich gesinnten Anschuldigungen.

Wir müssen demnach hier wohl anmerken und jedermann zu verstehen geben, dass Gott gewiss und eigentlich beschlossen hat, der Welt vor ihrem Untergang, welcher sich bald hernach ereignen wird, noch rechtzeitig eine solche Wahrheit, Licht, Leben und Herrlichkeit widerfahren zu lassen und zu geben, da doch der erste Mensch, nämlich Adam, das Paradies verloren und verscherzt hat und hernach seine Nachkommen mit ihm ins Elend verstoßen und vertrieben wurden. Alle Knechtschaft, Falschheit, Lügen und Finsternis werden also weichen und aufhören müssen, welche sich nach und nach mit den Umwälzungen der Weltkugel in allen Künsten, Werken und Regierungen der Menschen eingeschlichen und dies Leben zum größten Teil verdunkelt haben. Denn dadurch ist eine riesige Menge falscher Meinungen und irriger Glaubenslehren entstanden, welche auch den allerweisesten Menschen die Entscheidung und Wahl schwer gemacht haben, so dass nicht leicht unterschieden werden konnte, weil sie auf der einen Seite durch das Ansehen der Philosophen und gelehrter Leute, auf der anderen Seite aber durch die Wahrheit des Experimentes und der Erfahrung aufgehalten und irre gemacht wurden. All diese Irrtümer aber werden dereinst aufgehoben sein und wir erkennen dann, dass statt dessen eine richtige und gewisse Regel eingeführt wurde. So wird zwar denen, die sich darum bemühten, Dank gebühren, das ganze Werk als solches aber, wird der Glückseligkeit unseres Jahrhunderts zugeschrieben werden müssen.

Was die Fama Fraternitatis als die Reformation der Menschheit ankündigte, ergänzt die Confessio folgendermaßen:

Geradeso, wie wir nun gerne bekennen, dass viele vortreffliche Leute der zukünftigen Reformation mit Schriften nicht geringen Vorschub leisten, so begehren wir doch gar nicht, uns selbst diese Ehre zuzuschreiben, als wenn ein solches Werk uns alleine befohlen und auferlegt worden wäre. Vielmehr bekennen und bezeugen wir öffentlich mit dem Herrn Christus, dass sich eher die Steine erheben werden und ihren Dienst anbieten, als dass es an Ausführenden und Vollstreckern des göttlichen Rats mangeln wird. Zwar hat Gott schon etliche Botschaften vorhergesandt, die seinen Willen bezeugten, wie zum Beispiel etliche neue Sterne, die am Himmel in den Sternbildern der Schlange und des Schwans entstanden sind. Sie geben als hohe und wichtige Sache und durch kräftige Zeichen zu erkennen, wie allen Dingen, die von Menschen erfunden werden, die heimlich-verborgenen Schriften und Strukturen dienlich sind. Sie bezeugen, dass, obwohl das große Buch der Natur allen Menschen offen steht, dennoch nur sehr wenige vorhanden sind, die dasselbe lesen und verstehen können. Denn, gleich wie den Menschen zum Gehör zwei Organe, desgleichen auch zum Sehen zwei und zum Riechen zwei, aber nur eins zum Reden gegeben worden ist, und man die Sprache von den Ohren, die Unterscheidung aber der Stimmen und der Töne vergeblich von den Augen erwartet, so auch sind Epochen oder Zeiten gewesen, die gesehen haben. Es gab auch Zeiten, die gehört, gerochen und geschmeckt haben. Nun bleibt noch übrig, dass, mit der verbliebenen Zeit, auch der Zunge ihre Ehre gegeben werde, damit durch dieselbe das, was man vor Zeiten gesehen, gehört und gerochen hat, nun endlich einmal ausgesprochen werde. Dann nämlich wird, wenn die Welt von ihrem schweren Schlaf aufwachen und der neu aufgehenden Sonne mit geöffnetem Herzen, dem entblößtem Haupt und nackten Füßen fröhlich und freudig entgegen gehen.

Sicher lohnt sich bestimmt auch zu erwägen, dass die Confessio zu jenen Schriften gehört, die viel Aufregung in der gelehrten Welt Europas entfachte, was sicher nicht unbedeutend blieb für den nur vier Jahre später ausbrechenden Dreißigjährigen Krieg.

Manche wollten um jeden Preis mit dieser wundersamen Gruppe der Rosenkreuzer Kontakt aufnehmen, um sich ihnen bekennend anzuschließen. Wohl deshalb kam es auch dazu, dass man die Confessio in verschiedene Sprachen übersetzte und mehrfach nachdruckte.

Damit wurde der Aufruf der Fama an die europäische Geisteswelt, die Verfasser zu kontaktieren, mit der Confessio wiederholt. Besonders tritt der Angriff gegen den Papst hervor, gleichzeitig wurde aber ganz deutlich auf das Lesen der Bibel verwiesen. Denn durch die dabei gewonnenen Erkenntnisse, solle sich dem Rosenkreuzer der wesentliche Zugang zur Geisteswelt eröffnen.
So waren die Rosenkreuzer also ganz im Gegenteil zu den Anschuldingungen iher Feinde, ganz und gar Christen, ja sahen sich für die Vertreter einer neuen, zeitgnössischen Christenheit überhaupt.

Text der Confessio Fraternitatis ...

Confessio Fraternitatis oder Bekenntnis der löblichen Bruderschaft des hochgeehrten Roseae Crucis

Confessio Fraternitatis oder Bekenntnis der löblichen Bruderschaft des hochgeehrten Roseae Crucis

An die Gelehrten Europas geschrieben (1615)

Vorrede

An den Weisheit begierigen Leser des Bekenntnisses!

Hier hast Du, günstiger Leser, siebenunddreißig Gründe unseres Vorhabens und unserer Absicht dem Bekenntnis einverleibet, die du nach Belieben heraussuchen und miteinander vergleichen kannst. Bedenke auch, ob sie wichtig genug sind, um dich zu bewegen und auf unsere Seite zu bringen.

Zwar bedarf es nicht wenig Mühe, dasjenige zu bestätigen, was man auch nicht sieht, wenn es aber dereinst zu Tage tritt, zweifelt uns gar nicht, dass man sich solcher Vermutungen und Annahmen zu Recht schämen werde. Gleich wie wir aber jetzt ganz sicher, frei und ohne Gefahr den Papst zu Rom den Antichrist nennen, was hiervor für eine Todsünde gehalten wurde, und an allen Orten, als Kapitalverbrechen mit dem Leben verbüßt werden musste, wissen wir ebenso gewiss, dass einmal noch die Zeit kommen wird, dass dasjenige, was jetzt noch geheim gehalten wird, frei, öffentlich, mit heller Stimme ausgerufen und vor jedermann bekannt wird. Das dies auf das Allerbäldeste geschehen möge, möge uns der günstige Leser von Herzen wünschen.
 

1. Was uns von unserer Bruderschaft aus der zuvor angefertigten Fama von den Menschen zu Ohren gekommen und offenbar gemacht worden ist, das soll niemand für leichtfertig oder erdichtet halten und betrachten, viel weniger aber noch annehmen, es sei aus unserem eigenen Gutdünken geflossen und entstanden.

Der Herr Jehovah ist es, welcher – sehend, dass die Welt nunmehr fast den Feierabend erreicht, und nach vollendeter Periode oder Umlauf wieder zum Anfang eilet – den Lauf der Natur umwendet, und, was hiervor mit großer Mühe und unablässiger Arbeit gesucht wurde, jetzt denen eröffnet, die es nicht beachten oder wohl nicht einmal daran denken.

Anderen aber, die es begehren, bietet er es freiwillig an und denen, die es nicht begehren, zwingt er es gleichsam auf, damit den Frommen all diese menschliche Lebensmühseligkeit gelindert und des unbeständigen Glücks Ungestüm aufgehoben wird, den Bösen aber ihre Bosheit und die darauf gehörigen Strafen vermehrt und gehäuft werden.

Obwohl wir nun keiner Ketzerei oder eines bösen Beginnens und Vorhabens gegen das weltliche Regime bei jemand verdächtig sein können, da wir sowohl des Orients als auch des Okzidents – das heißt, des Mohammeds und des Papstes – Lästerung wider unseren Herrn Jesus Christus verdammen, und dem obersten Haupt des römischen Reiches unser Gebet, Geheimnis und große Goldschätze gutwillig präsentieren und anbieten, so halten wir es doch für ratsam und angemessen, um der Gelehrten willen noch etwas weiteres hinzu zu tun und besser auszuführen, ob irgend etwas in der Fama zu tief verborgen und zu dunkel gesetzt oder aus gewissen Ursachen gar ausgelassen worden ist. Dies geschieht in der Hoffnung, hiermit die Gelehrten uns noch geneigter und unserem Vorhaben noch freundlicher und williger zu machen.
 

2. Von Veränderung nun und der Verbesserung der Philosophie haben wir jetzt und soviel wie nötig, ausreichend erklärt, dass dieselbe nämlich ganz krank und mangelhaft sei, ja, es ist gar kein Zweifel bei uns, dass sie, obwohl die Mehrzahl fälschlicherweise vorgibt, dass sie – ich weiß nicht wie – gesund und stark sei, sie dennoch fast in letzten Zügen liege und auf der Hinfahrt sei.

Gleichwie aber gemeinhin an eben demselben Ort, da etwa eine neue, ungewöhnliche Krankheit entstanden ist, die Natur auch eine Arznei für dieselbe entdeckt, so zeigen sich auch bei so mancherlei Krankheiten der Philosophie, die rechten und unserem Verstand genugsam verträglichen Mittel, wodurch sie wiederum gesund werden und der Welt, die jetzt erneuert werden soll, gleichsam vorkomme und erscheine.

Wir haben aber keine andere Philosophie als jene, welche Haupt und Summe, Fundament und Inhalt aller Fakultäten, Wissenschaften und Künste ist, welche, wenn wir auf unser Jahrhundert sehen wollen, viel von der Theologie und Medizin, wenig aber von juristischer Weisheit weiß. Sie durchsucht aber fleißig zugleich Himmel und Erde, oder – kurz gesagt – den Menschen als Mikrokosmos. Diesen erkundet sie ausreichend und bildet ihn ab. Von ihm werden dann alle Gelehrten, die sich auf unsere brüderliche Einladung berufen und sich bei uns angeben und einstellen werden, mehr wunderbare Geheimnisse bei uns finden werden, als sie bisher erfahren haben, erkundigen, glauben und aussprechen können.
 

3. Deshalb: damit wir unsere Meinung hiervon kurz aufzeigen, müssen wir uns mit allem Fleiß darin bemühen, dass man sich nicht allein über unsere Einladung und unser Ermahnen verwundere, sondern das ein jeder auch wisse, dass wir zwar solche Arkana und Geheimnisse nicht gering achten, es aber doch nicht Unrecht sei, dass die Kunde und Wissenschaft derselben vielen zugänglich gemacht werde. Denn es ist ja wohl zu bedenken und zu glauben, dass dieses unser unverhofftes, gutwilliges Anbieten viele und solcher Gedanken bei den Leuten erwecken wird, welchen die Wunder der sechsten Zeit noch nicht erfahren haben oder welche wegen des Laufs der Welt die künftigen Dinge den gegenwärtigen gleich achten und durch allerhand Ungelegenheiten dieser Zeit verhindert werden. Drum leben und wandeln sie nicht anders in der Welt, als Blinde, welche auch mitten am hellen Tage nichts außer allein durch Fühlen und Angreifen zu unterscheiden und zu erkennen wissen.
 

4. Was nun das erste Stück, die Fama, anbelangt, so glauben wir von demselben, dass die Meditationen, Erkundigungen und Erforschungen unseres geliebten christlichen Vaters überall dasjenige, was von Anfang der Welt an vom menschlichen Verstand entweder durch göttliche Erweckung und Offenbarung oder durch den Dienst der Engel und Geister, oder durch die Scharfsinnigkeit des Verstandes, oder durch langwierige Beobachtung, Übung und Erfahrung, erfunden, hervorgebracht, verbessert und bis hierher propagiert oder fortgepflanzt worden ist, so vortrefflich, herrlich und groß sei, dass, wenn auch alle Bücher verschwinden sollten und durch des allmächtigen Gottes Verhängnis, alle Schriften und Literatur dem Untergang geweiht sein sollten, dennoch die Nachwelt aus denselben, allein ein neues Fundament legen und ein neues Schloss, eine neue Feste der Wahrheit wieder aufbauen könnte.

Darum sollte es vielleicht auch nicht so schwer sein, das alte, so unförmliche Gebäude zu zerstören und zu verlassen, und bald den Vorhof zu erweitern, bald den Tag in die Gemächer zu bringen, die Türen, Treppen und anderes zu verändern, wie solches unsere Absicht mit sich bringt.

Wem nun sollte das aber nicht angenehm sein? Wenn es doch nur reichlich bekannt werden möchte und nicht nur als eine besondere Zierde für die bestimmte künftige Zeit gehalten und aufgespart würde!

Warum wollen wir nicht in der einigen Wahrheit, welche die Menschen durch so viele Irrwege und auf krummen Straßen suchen, herzlich gerne ruhen und bleiben, wenn es Gott gefallen hätte, den sechsten Leuchter nur für uns alleine anzuzünden?

Wäre es nicht gut – dass man sich weder um Hunger noch der Armut, weder um Krankheiten noch Alter sorgen und zu kümmern hätte?

Wäre es nicht ein köstlich Ding – dass du jederzeit so leben könntest, als wenn du von Anfang der Welt an bis jetzt gelebt hättest und noch ferner bis ans Ende derselben leben solltest?

Wäre es nicht herrlich – dass du an einem Ort so wohnen könntest, dass weder die Völker, die über dem indischen Fluss Ganges wohnen, ihre Sachen vor dir verbergen, noch die, die in Peru wohnen, ihre Ratschläge dir vorenthalten könnten?

Wäre es nicht ein köstlich Ding – dass du in einem einzigen Buch so lesen könntest, in dem zugleich alles, was in allen Büchern, die jemals gewesen sind oder noch kommen und herausgegeben werden, zu finden war, noch gefunden wird und jemals mag gefunden werden – wenn du all das in einem einzigen Buch lesen, verstehen und es behalten könntest?

Wie lieblich wäre es wenn du also singen könntest, dass du, anstatt der Steinfelsen, eitle Perlen und Edelsteine an dich zu bringen, anstatt der wilden Tiere, die Geister zu dir locktest und anstatt des höllischen Pluto, die Fürsten der Welt beeindrucktest und erregtest?

Oh, ihr Menschen! Gottes Rat ist ganz anders, der beschlossen hat die Zahl unserer Bruderschaft in jetziger Zeit zu vermehren und größer zu machen, welches wir dann auch mit der gleichen Freude auf uns genommen haben, mit der wir selbst zu diesen großen Schätzen ohne unsern Verdienst, ja gekommen sind, ohne dass wir darauf gehofft oder daran gedacht hätten.

Und mit solcher Treue gedenken wir dies ins Werk zu setzen, dass uns auch das Mitleiden und Erbarmen für unsere eigenen Kinder, die etliche von uns in der Bruderschaft haben, davon nicht abwenden sollen, weil wir wissen, dass diese unverhofften Güter weder ererbt, noch durch den Zufall erlangt werden.
 

5. Wenn nun aber einer über unsere Diskretion klagen wollte, dass wir unsere Schätze so freigiebig und ohne einen Unterschied jedermann anbieten, und nicht vielmehr nur den Frommen, Gelehrten, Weisen, oder gar hohen fürstlichen Personen, sondern auch den gemeinen Mann hierin wahrnehmen, so wollen wir ihm nicht widersprechen, zumal das keine schlechte und geringe Sache ist.

Aber wir sagen gleichwohl soviel, dass unsere Arkana und Geheimnisse keineswegs allgemein und bekannt gemacht werden, obwohl die Fama in fünf Sprachen herausgegangen ist und jedermann kundgetan wurde. Denn wir wissen wohl zum Teil, dass die groben, unverständigen und stupiden Naturen sich derer nicht annehmen oder davon sehr bekümmert werden, und dass wir die Würdigkeit derer, die in unserer Bruderschaft aufgenommen werden sollen, nicht aus menschlicher Sorgfältigkeit, sondern nach der Regel unserer Erweckungen und Offenbarungen schätzen und erkennen.

Deshalb: Obschon die Unwürdigen tausendmal schreien und rufen, sich uns auch tausendmal anbieten, so hat doch Gott unseren Ohren geboten, dass sie keinen derselben hören sollen, ja, es hat uns Gott auch mit seinen Wolken umgeben, dass uns, seinen Knechten, keine Gewalt angetan und zugefügt werden kann. Daher können wir auch von niemandem gesehen oder erkannt werden, selbst wenn die Augen eines Adlers hätte.

Zwar musste die Fama in eines jeden Muttersprache angefertigt werden, damit diejenigen nicht ausgeschlossen und dieser Wissenschaft beraubt würden, die, obwohl sie nicht gelehrt sind, Gott dennoch nicht ausgeschlossen hat von der Glückseligkeit dieser Bruderschaft. Dennoch soll in gewisse Grade unterschieden und abgeteilt werden – geradeso wie diejenigen, die in der Stadt Damcar in Arabien wohnen, eine ganz andere politische Ordnung haben als die anderen Araber. Nur weise und verständige Leute herrschen darin, denen es vom König zugelassen ist, besondere Gesetze zu erlassen.

Nach diesem Beispiel, wie wir davon eine von unserem christlichen Vater erstellte Beschreibung haben, soll auch das Regiment in Europa von uns aufgestellt werden, wenn dasjenige wird verrichtet und geschehen sein, das vorhergehen soll, und nun unsere Posaune mit hellem Schalle und großem Geschrei öffentlich erschallen wird. Dann nämlich, wenn dasjenige, so jetzt von wenigen angedeutet und als zukünftig in Figuren und Bildnissen heimlich vorgetragen wird, den ganzen Erdboden erfüllen und frei öffentlich ausgerufen werden wird.

Viele gottselige Leute wurden heimlich durch die Tyrannei des Papstes ganz verzagt geärgert. Doch er ist hernach aus Deutschland mit großem Ernst und besonderem Eifer vom Stuhl gestoßen und genugsam mit Füßen getreten worden. Sein endgültiger Untergang wird bis auf unsere Zeit aufgespart, auf dass er alsdann auch gleichsam mit den Nägeln zerkratzt und seinem Eselsgeschrei durch eine neue Stimme ein Ende gemacht werden soll. Wir wissen nämlich, dass es vielen Gelehrten in Deutschland schon in dem Maße offenbar und bekannt wurde, wie ihre Schriften und heimlichen Gratulationen und Glückwünsche solches genugsam bezeugen.
 

6. Wir könnten hier wohl einführen und die ganze Zeit betrachten, die seit Anno 1378, als unser christlicher Vater geboren wurde, bisher verflossen ist und erzählen, was die hundert und sechs Jahre seines Lebens, über die Veränderungen in der Welt gesehen und unseren Brüdern, wie auch uns selbst nach seinem glückseligen Abschied zu erfahren überlassen hat.

Aber die Kürze, derer wir uns hier befleißigen müssen, ermöglicht es uns diesmal nicht, doch kann vielleicht ein andermal besser geschehen und ausgeführt werden. Für jetzt ist es genug für die, die unsere Erinnerung nicht verachten, dass wir in Kürze dasjenige berührt haben, wodurch ihnen zu naher Verwandtschaft mit uns der Weg bereitet werden kann.

Doch wem es erlaubt ist, die großen Buchstaben und Zeichen, die Gott der Herr dem Gebäude Himmels und der Erden eingeschrieben hat und durch die Veränderung der Regimente für immer erneuert hat, anzuschauen und zu seinem Unterricht zu gebrauchen, der ist für uns schon allbereit, obwohl es ihm selbst noch unbewusst ist.

So wie wir wissen, dass er unsere Berufung nicht verachten wird, so auch soll er keinen Betrug befürchten, denn wir verheißen und sagen öffentlich, dass keinen seine Aufrichtigkeit und Hoffnung betrügen soll, der unter dem Siegel der Verschwiegenheit sich bei uns melden und unsere Gemeinschaft begehren wird.

Den falschen Heuchlern aber und denen, die etwas anderes als Weisheit suchen, denen sagen und bezeugen wir hiermit öffentlich, dass wir nicht offenbaren können und verraten werden, viel weniger noch zu unserem Verderben gebracht werden, ohne den Willen Gottes. Sie aber werden der Strafe, die unsere Fama vermeldet, gewiss teilhaftig werden, so dass also ihre gottlosen Anschläge sie selbst treffen, uns aber unsere Schätze unberührt gelassen werden, bis dass der judäische Löwe komme und dieselben für sich fordern, einnehmen, empfangen und zu seines Reiches Bestätigung anwenden wird.
 

7. Wir müssen demnach hier wohl anmerken und jedermann zu verstehen geben, dass Gott gewiss und eigentlich beschlossen hat, der Welt vor ihrem Untergang, welcher sich bald hernach ereignen wird, noch rechtzeitig eine solche Wahrheit, Licht, Leben und Herrlichkeit widerfahren zu lassen und zu geben, da doch der erste Mensch, nämlich Adam, das Paradies verloren und verscherzt hat und hernach seine Nachkommen mit ihm ins Elend verstoßen und vertrieben wurden.

Alle Knechtschaft, Falschheit, Lügen und Finsternis werden also weichen und aufhören müssen, welche sich nach und nach mit den Umwälzungen der Weltkugel in allen Künsten, Werken und Regierungen der Menschen eingeschlichen und dies Leben zum größten Teil verdunkelt haben. Denn dadurch ist eine riesige Menge falscher Meinungen und irriger Glaubenslehren entstanden, welche auch den allerweisesten Menschen die Entscheidung und Wahl schwer gemacht haben, so dass nicht leicht unterschieden werden konnte, weil sie auf der einen Seite durch das Ansehen der Philosophen und gelehrter Leute, auf der anderen Seite aber durch die Wahrheit des Experimentes und der Erfahrung aufgehalten und irre gemacht wurden.

All diese Irrtümer aber werden dereinst aufgehoben sein und wir erkennen dann, dass statt dessen eine richtige und gewisse Regel eingeführt wurde. So wird zwar denen, die sich darum bemühten, Dank gebühren, das ganze Werk als solches aber, wird der Glückseligkeit unseres Jahrhunderts zugeschrieben werden müssen.

Geradeso, wie wir nun gerne bekennen, dass viele vortreffliche Leute der zukünftigen Reformation mit Schriften nicht geringen Vorschub leisten, so begehren wir doch gar nicht, uns selbst diese Ehre zuzuschreiben, als wenn ein solches Werk uns alleine befohlen und auferlegt worden wäre. Vielmehr bekennen und bezeugen wir öffentlich mit dem Herrn Christus, dass sich eher die Steine erheben werden und ihren Dienst anbieten, als dass es an Ausführenden und Vollstreckern des göttlichen Rats mangeln wird.
 

8. Zwar hat Gott schon etliche Botschaften vorhergesandt, die seinen Willen bezeugten, wie zum Beispiel etliche neue Sterne, die am Himmel in den Sternbildern der Schlange und des Schwans entstanden sind. Sie geben als hohe und wichtige Sache und durch kräftige Zeichen zu erkennen, wie allen Dingen, die von Menschen erfunden werden, die heimlich-verborgenen Schriften und Strukturen dienlich sind. Sie bezeugen, dass, obwohl das große Buch der Natur allen Menschen offen steht, dennoch nur sehr wenige vorhanden sind, die dasselbe lesen und verstehen können.

Denn, gleich wie den Menschen zum Gehör zwei Organe, desgleichen auch zum Sehen zwei und zum Riechen zwei, aber nur eins zum Reden gegeben worden ist, und man die Sprache von den Ohren, die Unterscheidung aber der Stimmen und der Töne vergeblich von den Augen erwartet, so auch sind Epochen oder Zeiten gewesen, die gesehen haben. Es gab auch Zeiten, die gehört, gerochen und geschmeckt haben. Nun bleibt noch übrig, dass, mit der verbliebenen Zeit, auch der Zunge ihre Ehre gegeben werde, damit durch dieselbe das, was man vor Zeiten gesehen, gehört und gerochen hat, nun endlich einmal ausgesprochen werde. Dann nämlich wird, wenn die Welt von ihrem schweren Schlaf aufwachen und der neu aufgehenden Sonne mit geöffnetem Herzen, dem entblößten Haupt und nackten Füßen fröhlich und freudig entgegen gehen.
 

9. Solche Zeichen und Buchstaben, wie Gott sie hin und wieder der heiligen Bibel einverleibet, hat er ebenso auch dem wunderbaren Geschöpf des Himmels und der Erde, ja, allen Tieren ganz deutlich eingedruckt. Auf solche Weise kann ein Mathematiker und Sternseher die zukünftigen Finsternisse lange zuvor sehen. Gleichermaßen können auch wir die Merkwürdigkeiten und Verdunkelungen der Kirchenhändel erkennen, wie lange sie währen sollen und wann sie endlich abnehmen. Und auch, von welchen Buchstaben wir eigentlich unsere magischen Schriften entlehnet, und uns eine neue Sprache erfunden und zu Wege brachten, so dass es kein Wunder ist, dass wir in anderen Sprachen nicht so zierlich sind, von denen wir wissen, dass sie sich keineswegs mit der Sprache unseres Vaters Adam und Henochs vergleichen lassen. Vielmehr wurden sie durch die babylonische Verwirrung ganz verunreinigt.
 

10. Da aber noch etliche Adlerfedern unserem Vorhaben im Wege stehen und hinderlich sind, so ermahnen wir eindringlich zu fleißigem und immerwährendem Lesen der heiligen Bibel, denn wer an ihr großes Gefallen hat, der soll wissen, dass er sich einen stattlichen Weg bereitet hat, um zu unserer Bruderschaft zu kommen. Denn so, wie dies die ganze Summe und der Inhalt unserer Regel ist, so soll auch kein Buchstabe in der Welt sein, welcher nicht wohl gefasst und in Acht genommen werde. Darum sind diejenigen Menschen uns fast gleich und nahe verwandt, die das einzige Buch, die heilige Bibel, zur Regel ihres Lebens und allen Studierens Ziel und Zweck, ja zum Kompendium und Inhalt der ganzen Welt werden lassen, so dass sie derselbigen Sinn auf alle Zeiten und Alter der Welt anzuwenden und auszurichten wissen. Denn unser Brauch ist es auch nicht, die heilige Schrift herabzuwürdigen und gewöhnlich zu machen, da eine unzählige Menge von Auslegern gefunden wird, welche sie nach ihrer eigenen Meinung deuten, sie verspotten und boshafterweise mit einer wächsernen Nase vergleichen, die sowohl den Theologen, Philosophen, Medizinern und Mathematikern dienen könne. Im Gegensatz zu all diesen bezeugen und bekennen wir öffentlich, dass vom Anfang der Welt an, kein vortrefflicheres, besseres, wunderbareres und heilsameres Buch den Menschen gegeben wurde, als eben die heilige Bibel. Selig ist, der dieselbe hat, noch seliger ist, der sie fleißig liest, am allerseligsten aber ist der, der sie studiert und der sie recht versteht. Der ist Gott am allerähnlichsten.
 

11. Was aber in der Fama von den Betrügern gegen die Verwandlung der Metalle und die höchste Medizin in der Welt gesagt wurde, das wollen wir so verstanden haben, dass diese so vortreffliche Gabe Gottes, keineswegs von uns vernichtet oder verkleinert werde, sondern, da sie nicht allezeit die Erkenntnis der Natur mit sich bringt, diese dennoch sowohl die Medizin, als auch unzählige andere Geheimnisse und Wunder eröffnet. Darum ist es einfach nur recht und angebracht, dass man sich am allermeisten bemühe, den Verstand und die Wissenschaft der Philosophie zu erlangen.

Damit sollen sehr intelligente Menschen nicht eher zur Tinktur der Metalle geführt werden, bis sie sich zuvor in der Erkenntnis der Natur wohl geübt haben. Der muss ja wohl ein unersättlicher Geizhals sein, der so weit gekommen ist, dass ihn keine Armut, Ungemach oder Krankheit treffen kann, ja, welcher höher als alle Menschen, erhaben über dasjenige herrscht, von dem andere Menschen gequält, geängstigt und gepeinigt werden und sich zuerst wieder den nichtigen Dingen zuwendet, Häuser baut, Kriege führt oder sonst wie stolzieren will, weil ja von Gold und Silber eine unerschöpfliche Quelle vorhanden ist.

Gott hat es anders besser gefallen, denn derselbe erhöht die Niedrigen, die Hoffärtigen aber kränkt er mit Verachtung. Denen die still sind und von wenig Worte machen, schickt er die heiligen Engel, dass sie mit ihm Sprache halten, aber die unnützen Schwätzer verstößt er in die Wüste und Einöde, welches denn der rechte Lohn ist für den römischen Verführer, welcher seine Gotteslästerung aus vollem Halse gegen Christus ausgespieen hat. Das geschah auch noch bei helllichtem Tage, als in Deutschland all seine Greuel und abscheulichen Höllen entdeckt wurden. Dennoch nahm er nicht Abstand von seinen Lügen. Damit aber wird er das Maß seiner Sünden wohl erfüllen und rechtzeitig zur Strafe kommen.

Darum wird einmal die Zeit kommen, wo diese Otter schweigt und das dreifache Horn – die päpstliche Tiara – zunichte gemacht werden wird. Darüber soll bei unserer Zusammenkunft eingehender und eigentlicher verhandelt werden.
 

12. Zum Abschluss unserer Confessio – unseres Bekenntnisses – müssen wir noch eindringlich daran erinnern, dass man die meisten Bücher der Alchemisten wegwerfen kann, die es für einen Scherz und eine Kurzweil halten. Sie nämlich missbrauchen entweder die heilige, hochgelobte Dreifaltigkeit zu unnützen Dingen oder versuchen mit wunderseltsamen Figuren und dunklen, verborgenen Reden die Leute zu betrügen und die Einfältigen um ihr Geld zu bringen. Viele solcher Bücher sind in jetziger Zeit erschienen und an den Tag gekommen, die der Feind menschlicher Wohlfahrt zum seinem Zweck unter die guten Sachen mischt, dass man desto weniger der Wahrheit glaube, weil dieselbe schlicht, einfältig und bloß, die Lüge aber prächtig, stattlich, ansehnlich und mit einem besonderen Schein göttlicher und menschlicher Weisheit geschmückt ist.

Meidet solche Bücher, die ihr gewitzt seid, und wendet euch uns zu, die wir nicht euer Geld suchen, sondern unsere großen Schätze euch gutwillig anbieten.

Wir stellen euren Gütern nicht nach mit erdichteten, lügenhaften Tinkturen, sondern wir begehren, euch unserer Güter teilhaftig werden zu lassen. Wir reden nicht mit euch durch Sprichwörter, sondern wollen euch gerne zur schlichten und ganz verständlichen Auslegung, Erklärung und Wissenschaft aller Geheimnisse führen.

Wir begehren von euch nicht auf- und angenommen zu werden, sondern wir laden euch zu unseren mehr als königlichen Häusern und Palästen, und das alles nicht aus eingenem Gutdünken, sondern damit ihr eben wisst, aus Antrieb des göttlichen Geistes, von Gott ermahnt und durch die Beschaffenheit der gegenwärtigen Zeit gezwungen.
 

13. Was meinet ihr nun, liebe Leute, und wie ist euch zumute, nachdem ihr nun versteht und wisst, dass wir uns zu Christus rein und lauter bekennen, den Papst verdammen, der wahren Philosophie zugetan sind, ein christliches Leben führen und zu unserer Gesellschaft noch viele andere täglich berufen, einladen und anbieten, denen eben dieses Licht von Gott auch erschienen ist?

Glaubt ihr nicht, in Erwägung der Gaben die in euch sind, und der Erfahrung, die ihr in Gottes Wort habt, neben eingehender Betrachtung der Unvollkommenheiten aller Künste und vieler ungereimter Sachen darin, endlich mit uns anzufangen nach Verbesserung zu trachten, sich Gottes Werken zu ergeben und euch in der Zeit in der ihr lebt, aufs Rechte einzufügen?

Fürwahr: wenn ihr das tut, wird euch Nutzen daraus erwachsen, so dass alle Güter, die die Natur an allen Orten der Welt wunderbarlich ausgestreut hat, euch zugleich miteinander verliehen und mitgeteilt werden. Und alles was den menschlichen Verstand verdunkelt und dessen Wirkung verhindert, werdet ihr gar leicht ablegen und wie alles Überholte aus der Welt abschaffen können.
 

14. Jene die aber vorwitzig sind und entweder vom Glanz des Goldes verblendet oder – um es genauer zu sagen – die jetzt zwar fromm sind, aber durch den unverhofften Zuwachs zu vieler Güter leicht verderbt und dazu bewegt werden, sich in Müßiggang zu begeben und ein üppiges, übermütiges Leben anzutreten, jene sollen gebeten sein, dass sie mit ihrem unzeitigen Geschrei uns nicht unruhig machen. Vielmehr sollen sie folgendes bedenken: Gleichwohl eine Arznei vorhanden sein mag, die zugleich alle Krankheiten heilt, dass dennoch diejenigen, welche Gott beschlossen hat, mit Krankheit zu plagen und hier unter den Ruten halten will, zu derselben Arznei nie im Leben kommen werden.

Ebenso auch wir: Obwohl wir die ganze Welt reich und gelehrt machen und von unzähligem Jammer befreien können, mögen wir doch nimmermehr keinem Menschen ohne Gottes besonderes Schicksal offenbar und bekannt werden. Ja, es geht sogar so weit, dass niemand uns ohne oder wider den Willen Gottes finden und unserer Guttaten teilhaftig werden kann. Eher wird er das Leben im Suchen und Nachforschen verlieren, als dass er uns finde und so gelange zur gewünschten Glückseligkeit der Bruderschaft des Rosenkreuzes.

Einführung in die Fama Fraternitatis

Einführung in die Fama Fraternitatis

Fama Fraternitatis - ewigeweisheit.de

Zentrale Figur der Fama Fraternitatis ist Bruder C. R., den der Verfasser im Text später C. R. C. nennt. Obwohl jene Initialen offensichtlich den Namen des sagenhaften Gründers der Rosenkreuzer abkürzen, wird er als solcher in der Fama nicht erwähnt. Erst die 1616 erschienene Schrift der Chymischen Hochzeit, könnten hindeuten auf das, welcher Name mit den beiden Anfangsbuchstaben gemeint ist: Christian Rosenkreuz.

Es geht in der Fama Fraternitatis zuerst um des Bruders C. R. Reise in die arabische Welt, wo er in Berührung kommt mit den esoterischen Weisheiten des Ostens. Da erfährt er von Eingeweihten Männern, die ihm altes Geheimwissen über Physik, Mathematik, Magie und Kabbala gaben. Manche sagen, der junge Christian Rosenkreuz kam damals in Kontakt mit den geheimnisvollen Brüdern der Reinheit, einer philosophischen Geheimgesellschaft, die wahrscheinlich im 10. Jahrhundert im irakischen Basra gegründet wurde. Ihre Mitglieder verfügten über umfassendes Wissen auf den Feldern der Theurgie und Esoterik. Wo er mit dieser Gruppe in Kontakt gekommen sein könnte bleibt erst einmal fraglich.

Auf seiner Reise aber kam Christian Rosenkreuz nach Syrien, reiste durch Ägypten, über das Mittelmeer ins marrokanische Fès und verbrachte auch Zeit mit spanischen Illuminati. Manche sehen in dieser besonderen Reise des jungen Christian Rosenkreuz einen Einweihungsweg und eine besondere Pilgerschaft, die gewiss an die Transmutation im Großen Werk der Alchemie erinnert.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland, gründet C. R. mit anderen Genossen eine Geheimbruderschaft, aus der dann der Orden der Rosenkreuzer hervorging. Jene Brüder dieses Ordens gingen in die Welt, um ihre geheime Mission unter den Menschen zu verbreiten - insbesondere aber durch Hilfe ihrer esoterischen Weisheiten, heilten sie kranke Menschen, ohne dafür etwas zu verlangen. Sie versuchten dabei aber unerkannt zu bleiben und trugen deshalb auch keine besondere Tracht oder Kleidung, an der man sie hätte wiedererkennen können.

Einmal jährlich hielten sie ein geheimes Treffen ab im "Haus des Heiligen Geistes". Eine Übereinkunft aus sechs Artikeln, galten der Bruderschaft C. R. als geheimer Bund zwischen ihren Mitgliedern:

  1. Dass sich keiner von ihnen zu etwas anderem bekenne, als Kranke zu heilen, ohne dafür Lohn zu verlangen.
  2. Keiner ihrer Nachkommen durfte gezwungen werden, bestimmte, kultische Gepflogenheiten einhalten zu müssen, sondern verpflichtete sich vielmehr den Bräuchen des Landes zu folgen.
  3. Jedes Jahr am Tag C. trafen sich die Brüder des Rosenkreuzes im Haus des Heiligen Geistes oder teilten schriftlich mit, wieso sie nicht teilnehmen konnten.
  4. Jeder der Brüder sollte jemanden finden, der es wert war ihn nach seinem Tode zu vertreten.
  5. Das Wort C. R. sollte für ihr Los, Zeichen und für ihre Rolle stehen.
  6. Die Bruderschaft sollte für einhundert Jahre im Verborgenen bleiben, bis sie sich zu erkennen gäbe.

Ursprünge der Fama Fraternitatis

Zu damaliger Zeit waren die Gelehrten in Europa zerstritten, wozu jene Weisen einen Kontrast bildeten, die Christian Rosenkreuz antraf, auf seiner Reise durch den Orient, Nordafrika und Spanien. In Folge seiner Reisen entstand dann die Fama Fraternitatis, die im Jahre 1614 anonym in Kassel veröffentlicht wurde. Ihr Inhalt gab ein politisches Programm wieder, mit dem Ziel neuzeitliche Wissenschaft und Kunst zu institutionalisieren. Jene Schrift besaß insbesondere eine hermetische Konnotation.

Man kann heute davon ausgehen, dass die Fama vermutlich in Tübingen entstand. Auf ihr Entstehen übte der württembergische Mathematiker und lutherische Theologe Johann Valentin Andreae (1586-1654) erheblichen Einfluss aus. Das erste Manuskript sollte eigentlich ursprünglich nur in privaten Kreisen zirkulieren. Mit der Veröffentlichung aber entwickelte die Fama Fraternitatis wahrlich ein Eigenleben.

Es kursieren jedoch auch eher mysteriöse Theorien über den wahren Ursprung der Fama, zumindest aber über die Entstehung der Legende um C. R. und die ursprüngliche Bruderschaft der Rosenkreuzer. Für den deutschen Theosophen und Freimaurer Franz Hartmann (1838-1912) etwa, wurde in der Fama hingedeutet auf einen Geheimbund von Übermenschen, die über Wunderkräfte verfügten, die Zukunft voraussagen konnten und die tiefsten Geheimnisse der Natur kannten, um damit etwa die Transmutation von Blei auf Gold zu erzielen. Ein Rosenkreuzer war für Hartmann ein spirituell Erwachter, das heißt, jemand, der ein praktisches Wissen über die geheime Bedeutung von Rose und Kreuz erlangt hat.

Der Fama Fraternitatis folgte ein Jahr später, im Jahr 1615, die Veröffentlichung der Confessio Fraternitatis. Beide Werke werden offiziell Johann Valentin Andrae zugeschrieben. Man kann jedoch nicht sicher sagen, ob dass auch tatsächlich der Fall ist. Dem schließt sich die Frage an, ob die Verfasser der Fama und der Confessio, ihr Werk tatsächlich ernst nahmen oder ob es eine rein polemische Abhandlungen war, über jene geheimnisvolle Bruderschaft der Rosenkreuzer. Und diese Annahme ist berechtigt, zumal die echte Rosenkreuzerei eigentlich immer nur auf mündlichen Überlieferungen bestand, deren Inhalte nur jene weitergaben, die sich zur Geheimhaltung verpflichtet hatten. Wer die Fama gelesen hat, weiß, das er darin nichts Erhebliches findet, zumindest nicht, was die esoterischen Elemente der wahren Rosenkreuzerei eigentlich sind.

Text der Fama Fraternitatis ...

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