Mythen / Legenden

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

Eine kurze Geschichte der Abendländischen Zivilisation

In einer Zeit, bis vor etwa 40.000 Jahren, die man als die frühe Altsteinzeit bezeichnet, lebte der Mensch in gänzlich archaischen Verhältnissen. Man kannte schon die Nutzung des Feuers. Vielleicht an dem einen oder anderen Ort, galt das Feuer sogar als etwas Sakrales, wo man es bereits zu konservieren wusste und damit das »Wahren einer Heiligen Flamme« pflegte.

Heilig war diese Flamme, da sie dem Überleben und dem damals so wichtigen Zusammenleben diente. Mit Feuer bereitete und konservierte man schließlich Nahrung oder schützte sich nachts damit vor wilden Tieren, da diese die lodernden Flammen mieden.

Es war eine Zeit in der die Menschen unterwegs waren, als Jäger und Sammler, und man in dieser Zeit noch keinen wirklichen Bezug hatte zu Raum und Zeit und auch gar nicht brauchte – denn man bewegte sich ja. Man lebte noch in vollständigem Einklang mit der Natur, mit den Tieren verschwistert, ohne zu werten, was einem da unterwegs begegnete.

Bewusst erlebten die damaligen Menschen eine vollständige Verbundenheit mit dem was sie umgab, ganz gleich ob die Gestirne, seine Mitmenschen oder die Wesen und Gegenstände in der Natur, wie Steine, Pflanzen und Tiere.

Damals pflegten die Menschen einen besonderen Ahnenkult, in dem sie sich verbunden fühlten mit der fernen Vergangenheit und dem Ursprung der Welt. Man hinterfragte nicht, sondern erlebte in dieser Voraussetzung das eigene Dasein auf Erden verwurzelt.

Allmählich wurde sich der Mensch aber auch seiner selbst bewusst, als einzelnes Wesen, wo eine noch rein intuitive, instinktive Wahrnehmung der Umgebung und der anderen Menschen in der eigenen Welt bewusst geworden war.

In der Tradition der Legenden, auf der sich auch die Lehren etwa der Theosophie oder Anthroposophie stützen, war das ungefähr auch die Zeit, als die Menschen noch auf dem mythischen Kontinent von Hyperboräa, »jenseits des Nordwinds« unterwegs waren. Aus heutiger Sicht gewiss ziemlich eigentümlich vorzustellen, doch man könnte durchaus in Erwägung ziehen, dass die heute, über das ganze Jahr hinweg von dicken Eisschichten bedeckten Regionen der Erde, einst vielleicht grün und bewaldet gewesen waren. Ein Beispiel für diese Annahme wäre etwa die dänische Insel Grønland, die ja wörtlich übersetzt »Grünland« heißt.

Wie aber kann es sein, dass es sich da tatsächlich um eine menschenwürdige Umgebung handelte? Nun, man kann sich da nur mit der einen oder anderen Erwägung behelfen. Überlegen wir uns etwa einmal, dass sich die Lage der Erdachse nicht immer in der selben Neigung befand. So gibt es heute auch archäologische Nachweise darüber, dass die Berglandschaften unter dem Eis der Antarktis, dem Südpol, vor sehr langer Zeit der Urgeschichte bewaldet gewesen waren. Angenommen also die Erdachse befand sich in aufrechter und nicht wie heute geneigter Lage, so dürfte es nur im höchsten Norden zu einer Vereisung gekommen sein, jedoch in einem Ausmaß, das weit jenseits dessen liegt, was wir heute vorfinden. Die Polkappen waren dann wohl weitaus dicker und bargen viel mehr Eis, als das heute der Fall ist, zumal es nicht zu jahreszeitlich bedingtem Abtauen kam.

In den Regionen der heute so genannten »Gemäßigten Zone« der Erde, dürften unter solchen Voraussetzungen damals dauerhaft frühlingshafte Verhältnisse vorgeherrscht haben.

Wir wollen auf all das im Folgenden noch einmal eingehen.

Beherrschung des Feuers

Dass der Mensch begann auf die Dinge die ihn umgaben Einfluss nehmen zu wollen, fing wohl ganz langsam an damit, dass man das Bewusstsein für eine gewisse Dimensionalität der Welt entwickelte. Historisch ließe sich das ansiedeln in den Jahrtausenden bis etwa 10.000 v. Chr., das heißt also in der Mittleren bis Jungen Steinzeit

Damals begannen die Menschen das Feuer tatsächlich als Kulturgut handzuhaben, da man Mittel und Wege gefunden hatte selbst Feuerzeuge herzustellen, vor vielleicht 30.000 Jahren, mittels Scharfkantiger Feuersteine (Quarz-Kiesel-Minerale) die man zum Beispiel gegen Pyrit-Kristalle schlug. Auch die ersten verbesserten Werkzeuge kannte man herzustellen, die in der Jagd ihre Verwendung fanden, wie etwa die ersten Wurfspeere.

Wollte man diese Zeit durch ein Tarot-Sinnbild kennzeichnen, eigneten sich dafür wohl die »Stäbe«, die ja sowohl lebendige Holzstöcke, wie auch Knüppel, Speere oder Lanzen symbolisieren, und bekanntlich dem alchemistischen Feuerelement zugeordnet sind.

Es war das auch die Zeit in der solche Weltlehrer die irdische Bühne betraten, wenn man so will, wie der irdische Adam der Bibel, sowie dessen Nachkommen wie Kain, Seth oder später auch Henoch, der in den Himmel entrückt von dort aus bis heute auf die Geschicke der geistigen Welt Einfluss nehmen soll.

Historisch bewegen wir uns nun in der Welt des Cro-Magnon-Menschen, des anatomisch mit dem heutigen Menschen identischen Homo Sapiens, eines nomadisch lebenden Jägers und Sammlers.

Durch die Fähigkeit selbst Feuer herzustellen, gewann natürlich auch die zivilisatorische Entwicklung einen neuen Schub. Man verstand seit dieser Zeit, vor etwa 30.000 Jahren, auch selbst Keramiken herzustellen, wozu natürlich Nutzgegenstände (wie etwa besondere Behältnisse) zählten, doch auch entstanden damals sogenannte heilige Figurinen, wie etwa die berühmte Venus von Willendorf.

In Zusammenhang mit dem daraus sich entwickelnden Mutterkult, pflegte man auch bestimmte Rituale, die sich wohl auf alte Vegetationszyklen bezogen, kurz gesagt, die man zu bestimmten Zeitpunkten pflegte, jedoch noch gänzlich losgelöst von etwaigen himmlischen Beobachtungen, die zur damaligen Zeit noch eine andere Rolle gespielt hatten.

Wie gesagt, besitzen wir heute keine wissenschaftlich belegbaren Fakten, doch dass die damaligen Menschen so lange den Kult einer irdischen Natur pflegten, mag wohl auch daran gelegen haben, dass man in dieser ewigen Frühlingsumgebung lebte, wo eine Beobachtung des Himmels und daraus erfolgende Voraussagen, noch keine für das Überleben relevante Rolle gespielt hatten.

Es war das eine »Magische Zeit«, wo man Götzenanbetung und Verehrung besonderer Idole betrieb, die da im Mittelpunkt ritueller Handlungen standen. Man war noch weit entfernt, von dieser heute im Verstandesdenken verhafteten Geistigkeit. Doch im Gegensatz zu dem Bewusstsein, das die Menschen in jener archaischen Zeit des Paläolithikum besaßen, begann man jetzt eine Dimensionalität in der Welt zu entdecken. Das begann wohl mit der Beobachtung eines Hier und Dort, einer Selbstwahrnehmung und einer Fremdwahrnehmung. Man erkannte das eigene Dasein im Verhältnis zum Sein eines Gegenübers – eines Menschen, eines Tieres oder jeder anders gearteten Sache.

Damit entwickelte sich im Empfinden der Menschen auch das, was man als Emotionalität beschreiben könnte, da man sich als Einzelnen wahrnahm, der getrennt war von dem was ihn umgab. Es dürfte damit einher gegangen sein ein Wundern über die Welt, die sich da um einen herum befand, wovon ein besonderer Zauber ausging.

Ein Zeitalter der Tugend

In dieser Welt-Erkenntnis formte sich wohl auch der Wunsch Orte entstehen zu lassen, wo man seine besondere Naturverehrung rituell zelebrierte. Die alte Kultstätte Göbekli Tepe in Kleinasien, in der heutigen Türkei, die dort vor etwa 11.500 Jahren entstanden war, deutet das an. Es war das die Menschheitsepoche, die sich im Platonischen Jahr dem Zeitalter des Löwen zuordnen lässt, dem, was in der griechischen Legende (gemäß Hesiod) dem Goldenen Zeitalter entspricht und was man in Indien das Satya-Yuga nennt: »Das Zeitalter der wahrhaftigen Tugenden«.

In der Welt der Sagen und Legenden, ist das die Phase der Geschichte gewesen, wo ganz im Westen der damals bekannten Welt, westlich des afrikanischen Atlasgebirges, im atlantischen Meer, sich eine riesige Insel befunden haben soll, wo eine damalige Hochzivilisation lebte: Atlantis. Was uns aus den Schriften des griechischen Philosophen Platon überliefert ist, ist die außergewöhnliche Form dieser Insel, die sich aus mehreren, das Meer unterteilenden Ringen bildete.

Doch, wie jeder weiß, kam es zu einer Katastrophe, in der diese Insel im Meer verschwand und das ist etwa auch die Zeit, wo wir in der griechischen Mythologie von einer »Deukalischen Flut« erfahren, die in der Bibel als die Sintflut beschrieben wird. Natürlich steht in Zusammenhang damit der Patriarch Noah und seine drei Söhne, Sem, Ham und Japeth. Interessant ist die Form jener alten Tempelanlage von Göbekli Tepe, die ja ebenfalls solche Ringform wie die der von Platon beschriebenen Atlantis besaß, was natürlich auch nur reiner Zufall sein könnte.

Vom Gold zum Silber

Nach dieser Zeit aber entstanden die ersten Siedlungen, wie etwa die von Çatalhöyük (in Kleinasien, heutiger Türkei) vor etwa 9.500 Jahren und auch die ersten Gehöfte dort, wo sich das heutige Athen in Griechenland befindet. Hieraus ergaben sich auch erste Machtstrukturen, in denen man begann Besitztum zu pflegen und Warenhandel zu betreiben mit anderen Siedlungen. Die matriarchal geprägte Gesellschaftsstruktur war bis dahin bestehen geblieben, man pflegte eine ausgeprägte Landwirtschaft und den sich daraus ergebenden Handel mittels Tauschwaren, wozu natürlich Edelmetalle wie Gold und Silber zählten.

All das geschah im Übergang vom Satya-Yuga ins Treta-Yuga, was man im Westen etwa mit der Wende vom Goldenen in das Silberne Zeitalter beschreiben könnte. Gemäß der Zeitrechnung des Platonischen Jahres, befinden wir uns da in den Jahrhunderten des Übergangs vom Zeitalter des Löwen ins Zeitalter des Krebses. Es sind dies ja zwei Tierkreiszeichen, wo ersteres astrologisch vom Gestirn der Sonne regiert wird und letzteres vom Gestirn des Mondes. Das Licht von Sonne und Mond aber, ließ gemäß der esoterischen Lehren der babylonischen Sterndeuter von Chaldäa, in der Urzeit die Metalle Gold und Silber im Erdgrund gedeihen. Und es sind ja eben diese zwei Edelmetalle, die den beiden Zeitaltern oben genannter Wendezeit ihren Namen gaben. Weniger aber ist das eine Systematisierung, als eher ein äußerst bemerkenswerter Zufall.

Im Bewusstsein der Menschen auf jeden Fall vollzog sich damit ein großer Wandel. Denn nicht mehr wusste man nur zu verstehen das Verhältnis zwischen einem Hier und Dort, man begann auch eine Räumlichkeit zu entdecken, die allerdings, rein geometrisch, sich nur auf das Land, das heißt also, auf die Fläche bezog, wo man sich in der Zweiten Dimension bewegte. Das war natürlich der Tatsache geschuldet, das man ein Bewusstsein entwickelt hatte für Besitz und Grenzen, was ja einher ging mit dem Entstehen der ersten urbanen Siedlungen.

Auch entstand in dieser Zeit das, was man als »inneres Seelenleben des Menschen« bezeichnen könnte. Heute würde man da vielleicht vom »Traumbewusstsein« sprechen. Das heißt, die auch heute im Traum auftretenden archetypischen Symbole wurden da schon erkannt, als universale Bilder. Man wusste dieses, im Traum empfundene Sehen, noch nicht gänzlich abzugrenzen vom Sehen im Wachzustand, weshalb man aus heutiger Sicht darum von einem irrationalen Empfinden oder Denken sprechen würde. Leider aber wäre diese Bezeichnung zu negativ konnotiert, wobei sie in Wirklichkeit doch eine Fähigkeit beschreibt, die heute nur wenigen Menschen gegeben ist und die sie als solche auch konstruktiv im Leben anzuwenden wissen, da sie erkannt haben, dass das angebliche Wachbewusstsein, im Grunde ebenfalls ein Schlafzustand ist, aus dem man jedoch erwachen kann!

Zwischen Himmel und Erde

Es geht hier um eine Epoche, die man als »Mythischen Zeit« bezeichnen könnte, da die Menschen damals noch alles erkannten, als untereinander verbunden. Wer sich näher mit der griechischen Mythologie beschäftigt, verirrt sich leicht in einem dichten Wald unzähliger Assoziationsmöglichkeiten, zumal ja in all den vielen Legenden darin, die von Göttern, Dämonen und Helden berichten, anscheinend immer Verbindungen bestehen, zu einer großen Zahl anderer Legenden der selben Mythologie.

Es war das auch die Zeit, in den Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung, wo man begann die »Heiligen Mysterien« zu feiern, wo die Menschen eingeweiht wurden in die Geheimnisse ihrer eigenen Sterblichkeit, die sich anscheinend jedes Jahr auch in ihrer Umwelt, in der Natur zu zeigen schienen. Man hatte den Wandel eines großen Zyklus der Jahreszeiten erkannt, die sich in kleineren Zeitabschnitten im Tageszyklus zeigten, wie auch in größeren Zeitabschnitten im eigenen Leben. Himmelsbeobachtungen bekamen aus diesem Grund einen immer wichtigeren Stellenwert, nicht nur praktisch, sondern auch in einer Art »Ur-Theologie«, die den Menschen nicht mehr allein als irdisches Wesen begriff, sondern ihn eingeflochten sah, im Mittelpunkt stehend, zwischen Himmlischem und Irdischem, im ewigen Kreislauf der Gestirne und der Natur, die sich mehr oder weniger zu entsprechen schienen.

Zeitmaß und Tauschwert

Man fing damals an, besondere Kalender zu konstruieren, anhand derer Voraussagen der Zukunft ermöglicht wurden. Das mag anfangs zwar rein agrartechnische Funktionen erfüllt haben, doch führte den Menschen mit seinem Bewusstsein auch in ein theologisches Verständnis, für eine aus der Transzendenz wirkende Kraft. Da entstand der Glaube an ein höheres Wesen, dass aus einem hierarchisch geschichteten Makrokosmos, eines ewigen Kreislaufes zu wirken schien, das heißt: Da begann der Glaube an Gott.

Auch hatte man gelernt, durch immer weiterte Entwicklung der aus der Jungsteinzeit überlieferten Werkzeuge, in das Erdreich vorzudringen, um dort kostbare Erden zu bergen. Im Übergang vom Zeitalter des Krebses ins Zeitalter der Zwillinge fand man Wege, um das in mineralischer und metallischer Form vorliegende Kupfer zu nutzen, zur Herstellung von Werkzeugen. Man verfügte damals schon über eine hochspezialisierte Technik zur Keramikherstellung. Hierfür verwendete man besondere Brennöfen, in denen man sehr hohe Temperaturen zu entwickeln vermochte. Damit war auch die sogenannte »Verhüttung« von Kupfer möglich, die man zur Herstellung erster metallischer Nutzgegenstände verwendete. Hier wieder kann man die Bildsprache der Tarot-Arkana ins Spiel bringen, denn als Zeit der Metallgewinnung entspricht es dem Symbol der Münzen, die ja bekanntlich aus Gold, Silber und Kupfer hergestellt wurden (interessant dabei ist, dass diese drei Metalle alle einen Schmelzpunkt um die 1.000 °C besitzen, so dass man mit der selben antiken Technologie daraus entsprechende Tauschmittel, das heißt also »Geld« herstellen konnte).

Besonders die in der matriarchalen Vinča-Kultur kannte man Techniken, die zu Vorläufern einer damals beginnende Metallzeit wurden. In dieser alten Kultur, die sich im geografischen Gebiet des heutigen Serbien entwickelt hatte, entstand auch, fast 2.000 Jahre bevor man im vorderen Orient die Keilschrift entwickelt hatte, die erste Runenschrift, die nachweislich die Vorläufer unseres heutigen Alphabets bildet, dass sich ja bekanntlich in den Jahrtausenden danach, zur sogenannten Linear-B-Schrift weiterentwickelte, die sich dann später als »Phönizisches Alphabet« durch eben die Phönizier im gesamten Mittelmeerraum verbreitete.

Das Heilige Rind

Im besagten Zeitalter der Zwillinge, also in einer Zeit zwischen etwa 6.300 und 4.200 v. Chr. betraten die Weltbühne der Religionen, auf dem indischen Subkontinent, der Held und Avatara Rama. Im Gebiet der Levante wirkte der Patriarch Abraham. Im Übergang zum Zeitalter des Stiers begann dann das, was man als die »Jüdische Zeitrechnung« bezeichnet, genauer gesagt das Jahr 3761 v. Chr. Das war die Zeit die man im westlichen Kulturkreis als Beginn des Ehernen oder Bronzenen Zeitalters versteht, im Hinduismus dem Dvapara-Yuga entsprechend, einer Zeit, in der nur noch ein geringer Teil des göttlichen Bewusstseins des Menschen lebendig war.

Da trat in Indien der Avatara Krishna auf, der ja in vielen Darstellungen in Begleitung einer heiligen Kuh abgebildet ist. Natürlich nicht zufällig, denn, wie wir sagten, ist das das Zeitalter des Stiers gewesen, wo auch in der Ägyptischen Religion auf einmal Darstellungen der Heiligen Kuh zu sehen sind, die eine Sonnenscheibe auf ihrem Haupt trägt. Auch in dem bekannten Epos des Gilgamesch (2.700 v. Chr.) taucht das Symbol eines himmlischen Stieres auf, wohl als Ebenbild des damals angebeteten Gottes.

Es war das die Zeit als die wichtigen ägyptischen Städte gegründet wurden, etwa im 3. vorchristlichen Jahrtausend. Darunter Memphis, mit dem alten Tempel des Hu-Ka-Ptah, dem Ägypten seinen Namen zu verdanken hat, wie auch die Hafenstadt Alexandria, die in der Geistesgeschichte der westlichen Zivilisation über viele Jahrhunderte hinweg Dreh- und Angelpunkt gewesen war – Stichwort: Die Bibliothek von Alexandria (allerdings erst gegründet Anfang des 3. Jahrhundert v. Chr.). Um 2.500 v. Chr. entstanden die Pyramiden von Gizeh, mehr als zwei Jahrtausende bevor man die Stadt Kairo gründete.

Monotheismus

Wenn wir zuvor sprachen vom Bronzenen Zeitalter, dann ist das auch ganz praktisch zu verstehen, denn man begann damals das gewonnene Kupfer mit Zinn zu legieren, um daraus eben Bronze zu erzeugen, woraus man dann die ersten metallenen Waffen herzustellen begann.

In dieser Zeit auch entstanden, wie etwa in der Minoischen Kultur Kretas, zwischen 2.800 und 1.100 v. Chr., verschiedene sakrale Trinkgefäße, meist aus Keramik, doch wahrscheinlich später auch aus Bronze. Als Zuordnung in die Tarot-Symbolik, fiele in diese Zeit also das Sinnbild für das alchemistische Element Wasser: Die Kelche.

Es war das auch die Zeit der großen Könige und Priester, wozu sicherlich so Namen zählen wie der biblische Fürst David und sein Sohn Salomon. Doch auch der ägyptische Echnaton, der ja die Sonne als einzigen Gott über den bisherigen Polytheismus erhob und damit jenen, den durch den Patriarchen Abraham definierten Monotheismus, auf seine Weise in Ägypten zu festigen versuchte.

In Persien entstand der Zoroastrismus, den der Prophet Zarathustra auf einem Dualismus und ständigem Widerstreit der Kräfte des Guten und des Bösen gründete, den laut seiner Weisheit nur jener überwand, der sich selbst ermächtigen konnte zu rechtem Denken, rechter Rede und rechtem Handeln.

Auch der alt-persische Kult um den Gott Mithra ist belegt, für etwa diese Zeit des 14. vorchristlichen Jahrhunderts. Zwar erst in späterer Zeit pflegte man in Rom einen besonderen Mithraskult, der sich in seiner Symbolik an diese Zeit aber zu erinnern schien, wenn auch in einer Form, die eben den Übergang vom Stier- ins Widder-Zeitalter symbolisierte, worin man in besonderen Bildnissen, in den sogenannten »Mithräen« der Tötung eines Stiers huldigte.

Es war dieses Zeitalter des Widder auch der Beginn der Eisenzeit, was auch insofern interessant ist, zumal ja astrologisch über den Widder der Mars herrscht, dem, nach Lehre der Chaldäer, auf Erden ja das Eisen entspricht.

Mit der Verhüttung von Eisen ging natürlich auch einher die Herstellung verbesserten Werkzeugs für Landwirtschaft und Städtebau, aber ebenso die Herstellung von Waffen, wobei die ersten Stähle in ihrer Härte, den Bronzewaffen weit überlegen waren. Vielleicht ließe sich darum auch historisch, hier der Beginn des Eisernen Zeitalters markieren, der finstersten Epoche der Menschheitsentwicklung, die bis zum heutigen Tage anhält – wir zumindest aber ihre schlimmen Auswirkungen noch immer spüren. Das nämlich was die Inder als das Kali-Yuga bezeichnen, das Zeitalter der Kriege und des Streits der Menschen, das wohl mit dem Beginn der Eisenzeit begann.

Unterscheidungsfähigkeit und die Bildung des Ego

In dieser Zeit gründeten die mythischen, von einer Wölfin großgezogenen Brüder Romulus und Remus, im Jahre 753 v. Chr. die Stadt Rom.

Etwa 200 Jahrhunderte nach dieser Zeit, betraten die Bühne der geschichtlichen Welt die griechischen Philosophen Parmenides und Pythgoras. Besonders jene, auf letzteren Weisheitslehrer zurückgehende Schule der Pythagoreer, sollte eine wichtige Wegmarken zeichnen, in der abendländischen Geistesgeschichte der Philosophie und Spiritualität. Im Westen wurde diese spirituelle Entwicklung auch betont mit dem Auftreten des Patriarchen Moses, sowie nach ihm durch der Propheten Hesekiel, auf den ja das berühmte Symbol des Tetramorph zurückgeht (Vier Symbole im Kreis: Mensch, Adler, Löwe, Stier; später stellvertretend verwendet als christliche Zeichen der vier Evangelisten). Im fernen China lehrte zu etwa dieser Zeit der große Philosoph Lao-Tse.

Es begann da ein Zeitabschnitt in der Weltgeschichte, den man als »Mentale Zeit« bezeichnen könnte, wo die Menschen durch einen Wandel ihrer Bewusstheit auf einmal begannen, eine in den Jahrhunderten zuvor entwickelte Unterscheidungsfähigkeit anzuwenden. Man begann zu urteilen was recht und was unrecht, was gut und was schlecht war – am deutlichsten versinnbildlicht wohl im Zeichen des Schwerts, das im Tarot das alchemistische Element der Luft versinnbildlicht, das Element der Bewusstwerdung des Raumes.

Man entwickelte also eine stärkere Bezogenheit auf den Raum und das Äußere. Damals begann man eben auch den geometrischen Raum zu erkennen, und die ihn bezeichnende Dritte Dimension.

Es scheint, als ob sich darin ein einziger Gott noch besser vorstellen ließ, als in jener Zeit, wo man dieses Raumbewusstsein noch nicht besaß. Man begann seine Betrachtungen der Welt, wohl zum ersten Mal abstrahieren zu können, woraus sich die Fähigkeit zur Reflexion entwickelte. Man erkannte sich selbst in der Welt, hatte unbewusst begonnen ein Ich zu entwickeln – psychologisch betrachtet, sein Ego zu festigen –, was einher ging mit der Herausbildung eines bewussten Lebenswillens (oder eben Unwillens).

Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. sollten die damit entstandenen Sichtweisen auf die Welt, der Geistesentwicklung der Menschen einen weiteren Entwicklungsschub geben. Das erfolgte im Westen insbesondere mit dem Auftreten des Philosophen Sokrates – jenem Denker des Abendlandes, dem man die Entwicklung des Fragens und Hinterfragens zuschreiben kann. Sein wichtigster Schüler Platon war mehr oder minder, der Mann, der das Denken seines Lehrers Sokrates in Schriftform festhielt, so dass, wenn man von einer platonischen spricht, immer auch eine sokratische Philosophie meint.

In Fernost betrat der Buddha Siddharta Gautama die Weltbühne der Spiritualität, der auf seine Weise einen Bezug des Daseins in der materiellen Welt zu abstrahieren vermochte, eine Fähigkeit die seinen Zeitgenossen fehlte und er wohl auch deshalb als dieser Weltlehrer auftrat, um sie an ihr inneres, seelisch-geistiges Dasein zu erinnern. Das war in etwa auch das, was im Abendland Sokrates vermittelt hatte. Denn die oben angedeutete Entwicklung des persönlichen Ego, was zu einer inneren Teilung des Seelenlebens im Menschen geführt hatte, entfremdete ihn von seiner eigentlichen Bestimmung, wodurch er zunehmend begann, sich mit einer rein materiellen Welt zu identifizieren.

In dieser Zeit auch entwickelte der Mensch ein Empfinden für die Zeit, wo man das »Ablaufen des Lebens« nicht mehr nur an den vier Haupt-Tageszeiten ablas, sondern den Tagesablauf in abmessbare Stunden zu unterteilen begann.

Es war das die Zeit, als Vorstellungen eines Weltbildes entstanden, in dem die Erde im Mittelpunkt als kugelförmiger Körper stand und eben nicht mehr nur eine zweidimensionale Scheibe blieb. Detaillierte Studien hierüber betrieb bereits der Platon-Schüler Aristoteles.

Übergang ins Zeitalter der Fische

Wie zuvor bereits angedeutet, kam es im Westen durch die Gründung Roms und die daraus entstandene Römische Republik, am Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, zu einem neuen Schub in der Urbanisierung des Lebens der Menschen, durch das, was zuvor »nur« theoretisiert wurde, wie etwa in Platons »Staat«. Damit einher ging natürlich auch die Ausbildung eines durch und durch organisierten militärischen Organs eines Heeres, das sich seit damaliger Zeit, in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, nach Westen und Osten hin immer weiter ausdehnte.

Die Zeit des tausendjährigen Römischen Reichs halbierte die Geburt Christi, womit dann ja unsere, bis heute verwendete christliche Zeitrechnung begann. Auch der große jüdische Prophet Johannes der Täufer kam da zur Welt, etwa fünf Jahre vor dem Erscheinen des Messias.

Im 2. nachchristlichen Jahrhundert bestätigte der griechische Philosoph und Astronom Claudius Ptolemäus , die in den Jahrhunderten zuvor angenommene Geozentrik durch seine Himmelsbeobachtungen. Während der beiden Jahrhunderte danach, entstanden die religiösen Lehren des Gnostizismus, die jedoch bald zum theologischen Hauptgegner der damals noch jungen Christenheit werden sollten. Auch die Philosophie der sich damals bildenden Gruppierung der Neuplatoniker, entstand in dieser Zeit und teilweise auch in Konkurrenz mit den Lehren der Gnosis.

Es war das auch die Zeit, zwischen dem ausgehenden 3. bis ins 4. Jahrhundert, als die ersten christlichen Kirchengemeinden entstanden, die Christi Geburt jedoch alle noch an verschiedenen Tagen im Jahr zelebriert hatten.

325 n. Chr. tagte dann das von dem römischen Kaiser Konstantin I. in Nicäa (heute Iznik in der Türkei) einberufene Konzil, womit danach auch das Christentum zur römischen Staatsreligion wurde. 70 Jahre danach kam es zur Reichsteilung in Westrom, wo in der alten Stadt Rom der christliche Katholizismus durch den Papst und Ostrom, das heißt also Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei), vom christliche-orthodoxen Patriarchen vertreten wurden. In Westeuropa scheinen in etwa dieser Zeitperiode, die Wurzeln der Sage um den Drachentöter Siegfried zu liegen, die auch dort bereits einen Übergang markiert, von einem germanischen Heidentum in eine eher christliche Spiritualität.

Innerhalb des Platonischen Jahres, bewegen wir uns seit etwa vier Jahrhunderten bereits im Zeitalter der Fische, deren Symbolik ja für die christliche Epoche ganz ausschlaggebend ist.

Dunkles Zeitalter und Heiliger Gral

Den Beginn des Mittelalters prägt auch das Auftreten des arabischen Propheten Mohammed und mit der sogenannten Hidschra, dem Auszug der ersten Muslime aus Mekka, im Jahre 622 n. Chr. die islamische Zeitrechnung. Das ereignete sich auch innerhalb der Epoche, als ein sagenhafter Priesterkönig Johannes in der abendländischen Geschichte auftauchte, scheinbar aber gleichzeitig auch in Nordafrika und Fernost.

Im Dunkel jedoch liegt die ungefähr 500-jährige Periode der westlichen Zivilisation. Während dieser Zeit nämlich ordnet man heute die mythischen Episoden eines christlich-paganischen Fürsten ein: Dem legendären König Artus, der vermutlich in dieser dunklen Epoche der franko-angelsächsischen Geschichte, als ein Brückenbauer wirkte, zwischen der noch heidnisch geprägten Kultur des alten Britannien und Irlands und dem mit den Römern nach England gebrachten Christentums. Es war das auch wohl die Zeit, wo der legendäre Held Parzival, einer der Ritter der arthurischen Tafelrunde, in der Weltgeschichte aufgetreten sein könnte, wo ja insbesondere das Symbol des sagenhaften »Heilige Grals« Einzug nahm in die christliche Sagenwelt des Abendlandes.

Erst im 12. Jahrhundert verfasste der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach seine Verse zu diesem Helden Parzival und dem heiligen Gral, der ja als Trinkgefäß beim letzten Abendmahl Christi dem Jesus und seinen Jüngern als Trinkbecher gedient haben soll und in den dann, nach dem Ableben des Christus am Kreuz, dessen Blut damit aufgefangen wurde, durch den sagenhaften Joseph von Arimathäa. Der soll den heiligen Kelch dann selbst in die englische Stadt Glastonbury gebracht haben (das legendäre Avalon), um dort die erste christliche Gemeinde in Europa zu gründen.

Perspektiven in einer Zeit der Neuordnung

Mit dem Beginn der Renaissance, im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit (15. und 16. Jahrhundert) entwickelte sich etwas, das eine tatsächliche Wegmarke, nicht allein in der Geschichte der Bildenden Kunst markierte: Die Entdeckung der Perspektive, die Künstlern eine Methode gab, um mit mathematischer Exaktheit Verkürzungen in der Raumtiefe abzubilden. Zeichnungen und Gemälde erhielten damit seit dem 15. Jahrhundert eine fast realitätsidentische Wiedergabe optischer Eindrücke, was natürlich im Laufe der Zeit einen erheblichen Wandel im Bewusstsein der Menschen einleitete. Was als dritte Dimension des Raumes angenommen wurde, erhielt damit eine ganz relevante Konkretisierung. Im Menschen entwickelte sich aus diesem Bewusstwerden aber anscheinend auch der Wunsch, Dinge haben zu wollen, da er sie nicht mehr nur örtlich begriff, sondern auch ihr Ausmaß, perspektivisch betrachtend, unterscheiden ließ, zwischen einem mehr und einem weniger.

Das erste Jahrhundert der Neuzeit aber sollte noch weitere, für die Geisteskultur dieser damaligen Epoche, doch insbesondere für alles andere in der Folgezeit Entstehende, ganz wichtige Wegmarken kennzeichnen. Damals nämlich erfand der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den modernen Buchdruck mit beweglichen Lettern, was eine wahre Revolution bedeutete, für die Art der Verbreitung von Wissen. Was in den Jahrtausenden zuvor mühsam als Handschriften angefertigt wurde, und entsprechend damit nur sehr wenigen Menschen zugänglich war, konnte sich ab Ende des 15. Jahrhunderts viel einfacher als Nachricht oder Wissen verbreiten lassen.

Hätten Martin Luther und andere Reformatoren, ohne die Buchdruck-Technik Gutenbergs die Bibel übersetzt? Vielleicht, doch kaum jemand hätte je davon erfahren. Wenn Luther zuvor zwar nur über die Freiheit des Christenmenschen schrieb, um damit einen jeden über die wahre Religionsgeschichte zu unterrichten, ermahnte er die Menschen aber gleichzeitig dazu, in ihrer ständischen Ordnung zu verharren. Das dies aber nicht lange gehalten werden konnte, zeigt uns die Geschichte, etwa mit dem Deutschen Bauernkrieg von 1524, der sich nur fünf Jahre nach Luthers Thesenanschlag ereignete.

Neben der Übersetzung der Bibel kamen natürlich eine ganze Reihe anderer Schriften in Umlauf, so dass sich dadurch auch neue Überzeugungen bilden konnten, über das Wesen des Seins jenseits religiöser Weltanschauungen. Auch der Beweis für einen eigentlichen Heliozentrismus (um 1650), der die Erde als Mittelpunkt der Welt für immer erübrigen sollte, trug das Seine dazu bei.

Insbesondere ab Ende des 18. Jahrhunderts kam es da zu einem Aufbegehren gegen monarchische Strukturen in Europa. Interessanterweise war das eine Entwicklung nicht nur auf weltlicher Ebene, sondern es schien sich auch etwas im Makrokosmos zu zeigen, dass man vorher noch nicht kannte. Die Entdeckung des Planeten Uranos, im Jahre 1781, ließ den bisherigen Kosmos einer klassischen Astrologie der sieben Gestirne (Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn) einstürzen.

Es scheint, als hätte sich so etwas mit noch einer enormeren Sprengkraft auch im Weltlichen ereignet, zumal um das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts sich mehrere Revolutionen ereigneten, die die staatlichen und sozialen Gefüge in ihren Grundfesten erschütterten:

Mit der industriellen Revolution, deren Auswirkungen ab dem Jahr 1760 überall sichtbar werden sollten, gingen natürlich auch politische Umwälzungen der Gesellschaftsstruktur einher. Zwar gibt es keinen direkten Zusammenhang aus rein historischer Sicht, doch es ist interessant, dass in den wenigen Folgejahren des Endes des 18. Jahrhunderts, etwa 1775, die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit vom British Empire erklärten und es 1789 zur Französischen Revolution kam, die zur Abschaffung der Stände führte. Die Konsequenzen all dessen sollten ganz wesentliche Impulse überall in Europa auslösen, die das damalige Königtum fundamental veränderten und auch zu einer baldigen Schwächung des Einflusses der Kirche führten.

Zuvor bildete die Hohe Geistlichkeit den ersten Stand im französischen Staat, der Adel den zweiten und den dritten Stand alle anderen: Die Bauern und die Bürger der Städte. Der dritte Stand kam auf für die Versorgung aller, doch hatte keine Rechte. Zur Abgabe der Zehnt-Steuer an den Klerus war jedoch auch der Adel verpflichtet – ein Brauch, der sich tatsächlich seit der Zeit des Patriarchen Abraham nicht geändert hatte, der ja selbst verpflichtet war dem Priesterkönig Melchisedek von Salem »den Zehnten von Allem« zu geben (Genesis 14:20).

Strahlkraft der Vernunft?

Anscheinend kam da das Eine zum Andern und man begann immer mehr all das in Frage zu stellen, wofür die Könige und der Klerus gestanden hatten, in den Jahrtausenden zuvor. Das aber war auch die Zeit, in der ja der größte Teil der Menschheit in dunkler Unwissenheit lebte, so dass sich die Tendenz entwickelt hatte, mit der Strahlkraft der Vernunft auf-klären zu wollen. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant, der ja in dieser Zeit der großen sozialen Umwälzungen gelebt hatte, schrieb über dieses Zeitalter der Vernunft:

Aufklärung ist der Aufgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

In der Zeit der Aufklärung ging es nun nicht mehr um den Glauben, sondern um Beweise. Wobei das Wort »Glauben«, vielleicht seine ursprüngliche Wortherkunft teilt, mit einem glauben als vermuten. Doch das ist nicht das Selbe. Eher doch ist der Glaube an eine aus der Transzendenz wirkende Kraft, auch ein »sich Einlassen« auf ein spirituelles System, dass der Seele zur Freiheit verhelfen soll und weniger dem Körperlichen dient, noch weiter in den Mittelpunkt des Bewusstseins zu gelangen. Letzterem, das heißt der Materie, aber begann man insbesondere mit der Aufklärung zu huldigen, da sich die Dinge der physischen Welt ja durch Maß und Technik beschreiben ließen.

Wären Klerus und Adel in den Jahrhunderten bis zur Französischen Revolution aber verantwortungsvoller mit jenen umgegangen, über die sie herrschten und ihnen nicht das Recht abgesprochen hätten ein menschenwürdiges Leben zu führen, sich als freier Mensch in der Welt zu bewegen und auch selbst über Eigentum verfügen zu dürfen: Wäre es da überhaupt zu einer solchen Umwälzung gekommen?

All das auf jeden Fall, ganz gleich ob der Glaube an einen Gott oder die alten Wissenschaften, die man heute in den Bereich des Okkultismus verdrängt hat, schien während der Aufklärung unter der Oberfläche des alltäglichen, vernunftgesteuerten Denkens zu versinken – zumindest aber unterdrückt worden zu sein. Was einst eine spirituelle Praxis der Alchemie bedeutete – wo man ja nicht nur verzweifelt versuchte Gold herzustellen, sondern vielmehr seines inneren Seelenlebens gewahr zu werden – sollte eben in dieser Zeit der Französischen Revolution durch einen Antoine Laurent de Lavoisier zu einer wissenschaftlichen Chemie werden.

Interessant ist, dass sich in dieser Herauslösung des Spirituellen aus den modernen Geisteswissenschaften, auch ergab, dass sich jene, die sich um die Pflege der Esoterik, das heißt der »Inneren Wissenschaften« verpflichtet sahen, nun in den Untergrund, sich ins Verborgene zurückziehen mussten.

Eine Geheimgesellschaft die vielleicht solch innere Wissenschaften betrieben hatte, war wohl der 1776 von dem deutschen Philosophen Adam Weishaupt gegründete Orden der Illuminaten. Interessanterweise aber wird diesem Orden auch unterstellt, dass durch sein Wirken es überhaupt zur Französischen Revolution kam und dem darauf folgenden, in ganz Europa stattfindenden Kampf gegen die katholische Spiritualität. Wandte man da im geheimen Untergrund Jahrtausende altes esoterisches Wissen an, um damit ganz weltliche Veränderungen einzuleiten?

Fest steht, dass es mit diesen Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Trennung von Offensichtlichem und Geheimem kam, von dem jedoch nur jene wussten, die schon einmal die »beiden Gesichter des Janus« gesehen hatten. Kaum verwunderlich wenn sich bereits zuvor, im Übergang ins 18. Jahrhundert, in Europa die ersten Logen der Freimaurer gründeten.

An der Oberfläche der neu entstehenden Staatengesellschaften kam es aber immer mehr zur Verhärtung eines Materialismus, was die Definition des Begriffs vom »Kapital«, durch den deutschen Philosophen Karl Marx, festigen sollte.

Auf Ebene des Bewusstseins aber entwickelten die Menschen eine wiederum neue Sicht auf die Dinge in der Welt, wurden sich, durch die allmählich gewonnene Fähigkeit zur Abstraktion, einer weiteren, der Vierten Dimension bewusst: Der Zeit. Was man als »Perspektivisches Denken« zuvor voraussetzen konnte, wandelte sich in der auf das Zeitalter der Aufklärung folgenden Moderne, in ein »Aperspektivisches Denken«. Da entstanden solch Künste, wie die durch den Spanier Pablo Picasso geprägte »Abstrakte Kunst« des 20. Jahrhunderts.

Leider aber ereigneten sich in diesem Jahrhundert auch die schlimmsten, durch Menschen verursachten Katastrophen aller Zeiten: Zwei verheerende Weltkriege, der Abwurf der Atombombe, sowie die vielen Völkermorde und der grausame Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland.

Der schweizerische Psychologe Carl Gustav Jung schrieb sogar von einem Ende der christlichen Epoche, als Beginn eines Zeitalters des Antichristen:

Das antichristliche Zeitalter hat es an sich, dass in ihm der Geist zum Ungeist wird und dass der lebendig machende Archetypus allmählich im Rationalismus, Intellektualismus und Doktrinarismus untergeht, was folgerichtig zu einer Tragik der Moderne führt, welche, wie ein Damoklesschwert, greifbar über unseren Köpfen hängt.

– Aus C. G. Jung: Aion – Beiträge zur Symbolik des Selbst

Wird sich also der Menschen erst in der Gegenwart bewusst jener uralten Annahme – wie sie vor etwa 3.000 Jahren ein Zarathustra oder später die Gnosis definierte –, dass es kein Gutes gibt ohne dass es ein Böses zu korrumpieren versucht? Ist dann das Böse sogar noch viel gefährlicher, je weniger man es als solches auszumachen vermag? Wie auch sollte man es erkennen, wenn es sich in diesen, jenen und anderen »Ismus« hüllt, worin der moderne Mensch ja versucht, ein eigentlich lebendiges Wesen der Dinge, kategorisch einzupferchen.

Schnell erkennt man, dass das Stellen solcher Fragen äußerst heikel ist, ja es wahrscheinlich sogar sehr gefährlich ist, sie überhaupt zu stellen. Denn bekommt man es als Mensch zu tun mit diesen absoluten Gegensätzen von Gut und Böse, die sich, wie uns besonders die jüngere Geschichte zeigt, in solch unschuldige Begriffe kleiden wie »Wohlfahrt«, »Existenzsicherheit« oder »Friede unter den Völkern«, wird einem schnell gewahr, dass damit nicht nur die Welt politisch zerreißt, sondern sich immer häufiger auch das Herzen des einzelnen Menschen in zwei Hälften zu spalten scheint.

Chancen für eine Menschheit der Gegenwart

Bei alle dem jedoch, ist uns heute etwas gegeben, wozu unsere alten Vorfahren noch keinen Zugang hatten. Denn mit den Erkenntnissen über das Wesen der Dinge, die uns eben auch ein wissenschaftlicher Skeptizismus lieferte, besitzen wir damit heute eine bewertbare Gegenüberstellung zur reinen Annahme eines gläubigen Vermutens. Daher ist uns, in dieser gegenwärtigen Epoche, scheinbar möglich geworden, die eigene Fähigkeit zur Innenschau zu entwickeln, die jeder üben kann, ohne dabei das Äußere ausschließen zu müssen.

Durch die sich immer weiter klärende Transparenz, die sich zwischen dem Beginn der Neuzeit bis ins Zeitalter der Vernunft entwickelte, wodurch der Mensch das Wesen seines Bewusstseins immer näher zu erkennen vermochte, widersprachen sich darin auftauchende Bewusstseinselemente nicht mehr als »Ratio« oder »Iratio«, sondern es konnte eine »Aratio« entstehen. Das heißt, dass jedem von uns heute eine gewisse Arationalität, oder sagen wir »Unvernünftigkeit«, dabei behilflich sein kann, den wirklichen Grund unseres Daseins und unsere vielleicht verschütteten Fähigkeiten, durch ein tieferes Eindringen in die Welt des individuellen und kollektiven Unbewussten, als geborgenen Schatz ans Tageslicht unseres Bewusstseins zu befördern. Denn wir Menschen sind heute dazu fähig, das in unser Leben zu integrieren, was unsere Vorfahren an Fähigkeiten entwickelt hatten. Der deutsch-schweizerischer Philosoph Jean Gebser bezeichnete die gegenwärtige Menschheitsepoche darum als »Integrale Zeit«.

Räume der Stille

Aus dem Wunsch nach Geistesleere und innerer Stille, vermag ein Mensch in sich einen Raum zu erschaffen, woraus er bewusst – etwa durch Visualisierung – geistige Dinge in der Welt manifestieren kann. Nicht mehr nämlich ist sein geistiges Wirken allein auf die Dritte Dimension, auf eine reine Materialität beschränkt. Vielmehr kann er durch allmähliches Auflösung seines Ego, sein Bewusstsein regelrecht systematisieren, um damit kreativ handelnd, Dinge in der Raumzeit der Vierten Dimension zu erschaffen – ja sich in Zukunft darüber gar zu erheben –, etwas, worauf bereits vor über 2.000 Jahren der Christus Jesus hingewiesen hatte, in dem berühmten Gleichnis vom Senfkorn in Matthäus 17:20:

So ihr Glauben habt nur der Größe eines Senfkorns, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! So wird er sich heben und euch wird nichts unmöglich sein.

Sich eines solchen großen Glaubens an das Mögliche zu vergewissern, sollte heute gewiss zu einer Überzeugung werden. Warum? Da sich unsere moderne Weltgesellschaft, in Gegenwart einer Vierten Industriellen Revolution, wie sie das Weltwirtschaftsforum bewirbt, in immer schlimmere Krisen verfrachtet. Und es sprechen sehr viele Argumente dafür, dass, wenn wir so weitermachen wie bisher – jeder von uns –, wir unweigerlich in die Katastrophe schlittern.

Selbst aber wenn eine Wahrscheinlichkeit zur Besserung unserer Verhältnisse auf der Erde nur noch sehr gering wäre, sollten wir trotzdem alles dafür geben, Möglichkeiten zu finden, mit denen wir die Voraussetzungen schaffen für ein gesundes und nachhaltiges Zusammenleben auf unserer Erde.

So lange noch, in Fragen des Lebens, eine kleine Chance besteht, sagen wir von ein oder zwei Prozent, solange darf man nicht aufgeben. So lange muss man versuchen, die Katastrophe zu vermeiden. Wenn man mit dem Leben handelt ist es etwas anderes, als wenn man mit Geld handelt. Wenn man Geld investieren will und nur zwei Prozent Chancen hat dass es einem nicht verloren geht, dann wird nur ein Narr es investieren. Wenn ein Mensch schwer krank ist und nur zwei Prozent Chance ist, dass sein Leben gerettet werden kann, wird die Medizin mit allen Mitteln versuchen, um wegen dieser zwei Prozent, sein Leben zu retten, für das die Chance so gering ist. Und es geht bei den gesellschaftlichen Fragen um das Leben der Menschheit. Man muss also den Standpunkt einnehmen: Wenn die Chancen auch ganz gering sind, so lange man den Glauben haben kann, dass doch noch fast ein Wunder geschehen kann, so lange man nicht beweisen kann, dass es unmöglich ist […] so lange muss man jeden Versuch machen […] die Menschen aufzuwecken.

- Der Psychologe Erich Fromm in einem Interview aus dem Jahr 1977

 

Göttin Mutter

von S. Levent Oezkan

Muttergottheit - ewigeweisheit.de

In der Urgeschichte der Menschheit, spielten Göttinnen der Erde und der Fruchtbarkeit für die Kulturentwicklung eine zentrale Rolle. Die Mutter als Lebensspenderin verehrte man mehr, als die anderen Gottheiten jener Zeit. Archäologische Funde aus der Steinzeit belegen das, wo sich unzählige Artefakte als weiblicher Archetyp präsentieren.

Aus dem Urbild der Venus, wie auch durch die Bildnisse anderer weiblicher Gottheiten, entstand vor langer Zeit eine Symbolik, woraus sich ablesen lässt, welche Rolle es damals spiele Erdboden und dessen Bewohner zu beherrschen. Und zu solchen Bewohnern der Erde zählen eben Menschen, Tiere, Pflanzen und auch die Minerale. In all diesen irdischen Verkörperungen nämlich glaubte man schon immer den Geist einer personifizierten Mutter Erde zu erkennen.

Wie die Venus aus Griechenland als Symbol aller Weiblichkeit im Westen bekannt wurde, hatte man sie zum Beispiel als Göttin Ischtar bereits sehr lange zuvor im Zweistromland verehrt.

Auch im benachbarten Kleinasien (heutige Türkei) gab es lange Zeit eine Religion die die Göttin Kybele als Muttergöttin in ihren Mysterienkulten verehrte. Kybele war da eine Herrin der Tiere, die später zu einer Fruchtbarkeitsgöttin werden sollte. Man nannte sie auch "Magna Mater", die "Große Mutter", als die sie seit der Bronzezeit in Anatolien verehrt wurde und die als solche als göttliche Verkörperung von Mutter Erde angesehen werden kann. Lange Zeit galt Kybele als Erzeugerin des Lebens, sowie als Mutter der Erde und der Gebirge.

Die Erde als Lebewesen

In alter Zeit erkannten die Menschen in der Erde ein eigenes Wesen, das alles Leben gebiert, bringt sie doch mit ihren Kräften in Fauna und Flora alles hervor, sowie auch die Menschen, die sich von ihr ernähren. Auch alle Rhythmen und Kreisläufe in der Natur, gibt dieses irdische Wesen vor. Damit erkannten die Menschen irgendwann, wie sich insbesondere die Erde für den Anbau von Nutzpflanzen eignete: Das war die Geburt des Ackerbaus.

Magna Mater rückte in der Jungsteinzeit sogar in den Mittelpunkt des spirituell-kultischen Lebens. Als sich die Menschen der Kultivierung des Erdbodens in den Dienst stellten, und sich dabei allmählich vom Jäger- und Sammlertum lösten, entstanden auch die ersten kleinen Kolonien. Somit sollte die Magna Mater auch eine Göttin der Siedlungskulturen werden.

Man begann damals Ackerbau, Pflanzen- und Tierzucht auf Vorratshaltung hin zu betreiben. Die Gesellschaft setzte sich aus Bauern und Hirten zusammen, was mit dem Entstehen einer gänzlich anders gearteten gesellschaftlichen Kultur einherging, als die, die ihre Nahrung einbrachte durch die Jagd auf wilde Tiere, den Fischfang oder durch das Sammeln von wildwachsenden Pflanzen. Daher stammt auch der Begriff der "Neolithischen Revolution", die einen Umbruch markierte, seit dem man in der Archäologie und Altertumswissenschaft von der Jungsteinzeit spricht.

Ob nun aber die Menschen sesshaft wurden weil sie Ackerbau betrieben oder sich entschlossen wegen ihrer Sesshaftigkeit Landwirtschaft zu entwickelten, kann heute nicht gesagt werden. Fest steht dabei jedoch, dass Äcker bewacht und geschützt werden wollen. Nicht etwa wegen menschlicher Diebe, sondern weil es Tiere gäbe, die dem Menschen zuvor kämen und an gewachsenen Nutzpflanzen nichts übrig ließen.

Matriarchale Kultur

Wieso sich die Menschen für die Sesshaftigkeit entschieden, bleibt unklar. Interessant an dieser Frage jedoch ist, dass man heute vermutet, dass sich vor etwa 11.500 Jahren ein verheerender Kataklysmus ereignete, über den man aus den Überlieferungen verschiedener Kulturen der Welt erfährt. Die Bibel spricht da von einer Sintflut.

Es gab tatsächlich einen Umbruch, der die Zivilisationen der Wendkreise der Erde wahrscheinlich dazu brachten, sich in Siedlungen niederzulassen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben und Vorräte zu horten. Archäologische Funde belegen, dass das zuerst in der heutigen Südosttürkei und in Nordsyrien stattfand. Das war auch die Zeit als man die ersten Sakralbauten errichtete. Hierzu zählt der in der Türkei gefundene Tempel Göbekli Tepe, der bereits vor 12 Jahrtausenden kultisch genutzt wurde und heute als die älteste archäologische Ausgrabungsstätte der Welt gilt.

Alteuropa

Göbekli Tepe - ewigeweisheit.de

Der 12.000 Jahre alte Tempel von Göbekli Tepe (Urfa, Türkei), gilt heute als ältester Sakralbau der Welt (Quelle: Bildausschnitt, Foto: Teomancimit, Lizenz CC 3.0).

Wie sich dem Werk der litauischen Anthropologin Marija Gimbutas (1921-1994) entnehmen lässt, entstand in den Jahrtausenden nach dieser Zeit, im Bereich zwischen dem Balkan und der Donau eine Kultur, die sie "Alteuropa" nannte: die Wiege unserer westlichen Welt. Sie war ganz und gar matriarchal geprägt. Man fand aus dieser Zeit chrakteristisch geformte Statuetten, die große Brüste und teils überbreite Hüften kennzeichneten. Auch in der jungsteinzeitlichen Großsiedlung Çatalhöyük (Türkei) fanden Archäologen solche Figuren, die man ins 8. vorchristliche Jahrtausend zurückdatiert.

Ein Stammbaum der Mütter

Wenn die Überschrift dieser Absätze eine matriachale Kultur betitelt, meint das auch, dass Bindungen in den Familien dieser alten Kutlur, stets matrilinear ausgestaltet waren. Das heißt, man führte die Abstammung mütterlicherseits fort. Damals stand im Mittelpunkt der Gesellschaft eben die Frau, wie auch die Mutter in der Familie an sich. Und so entstand da die religiöse Vorstellungen einer "Ahnfrau" oder "Großen Göttin", die der Menschheitskultur vorausging. Anders also als im Patriarchat, von einer durch den männlichen Samen abstammenden Ahnenlinie ausgegangen wird, bezieht sich in einem Matriarchat die Abstammung aus der "Gebärmutter".

Eine matrilineare Kultur also beruft sich auf eine Abstammungslinie über die Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und geht so weiter bis zu der Stammmutter eines Volkes. Bekannteste aller dieser Urmütter der Menschheit ist wohl Eva aus dem biblischen Buch Genesis, nur brachte sie wohl nur drei Söhne zur Welt Kain, Abel und Seth. Islamischen Überlieferungen zu Folge aber soll Eva dem Adam zwanzig Mal Zwillinge geboren haben: je ein Mädchen und einen Jungen.

Muttergottheiten in West und Ost

Wir können heute nicht eindeutig sagen, wie, wo und wann genau sich erste Kulte um Muttergottheiten bildeten. Heute kursiert eine Vielzahl anschaulicher Theorien in der Wissenschaftswelt, die aber fast genauso viele Kritiker wieder in Frage stellen. Das mag zum einen auch daran liegen, dass aus solch alter Zeit, in der zum Beispiel in Europa eine matriarchale Gesellschaft bestanden haben soll, einfach noch nicht ausreichend entziffert wurde von dem, was uns heute an Symbolquellen vorliegt.

Und doch gibt es einige Theorien, die als authentisch wahrgenommen werden, auch wenn sie neben anderen Konstruktionen von Mythen, dennoch nur Hypothesen bleiben. Vielleicht aber geht es hier auch weniger um Beweisführungen, als vielmehr darum, mit dem, was aus solchen Ausarbeitungen zur Theorie der Muttergottheiten vorliegt, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich ein als positiv empfundener Ritus zelebrieren ließe.

Wenn oben von Mythenkonstruktionen die Rede war, so meint das erfundene Sagen, die die Legenden um verschiedene Archetypen von Muttergöttinnen verschmolzen, um dann als Grundlage für neue kultisch-religiöse Leitbiler zu fungieren. Was auch als Urbild der "Großen Göttin" bekannt ist, lässt sich aber gewiss an symbol- und kulturhistorischen Gemeinsamkeiten, eigentlich aller Muttergottheiten in West und Ost, wiedererkennen. Denn überall auf der Erde wurden diese Mutterarchetypen als Göttinnen verehrt.

Die Germanen huldigten der Göttin Nerthus die ihnen als heiliger Inbegriff für Mutter Erde galt.

Als Brighid verehrten die alten Kelten Irlands eine Fruchtbarkeits- und Vegetationsgöttin.

Im alten Griechenland standen da Göttinnen wie Gaia, die Urmutter und Personifikation des Planeten Erde, deren Tochter Rhea dann zum Geschlecht der Titanen zählte: Jene riesenhaften Götter der griechischen Mythologie, die als erste über die Erde herrschten. Rheas Töchter wiederum waren Hera und Demeter, die beide zum Kreis der zwölf Olympier gehörten. Dabei verkörpert Hera den Archetyp der Mutter als Ehefrau, während Demeter und ihre Tochter Persephone, für die Mysterien der Erde stehen.

Weiter im Süden wurden die altägyptische Muttergöttin Hathor, als göttliche Himmelskuh angebetet, die aber gleichzeitig, als Göttin des Sonnenuntergangs, auch eine Totengöttin war. Es soll in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, dass die Symbolik der Mutter und die des Todes, ganz eng zusammenstehen. Wir werden weiter unten darauf noch einmal eingehen. Einige Symbole Hathors sollten später auch auf die Göttin Isis übergehen, die für die ägyptische Religionsgeschichte von herausragender Bedeutung ist.

Auch im alten Arabien vorislamischer Zeit verehrte man eine Göttin: Al-Laat. Sie war verwandt mit der morgenländischen Fruchtbarkeitsgöttin Astarte und ihrerseits als Muttergottheit verwandt mit der assyrischen Ischtar (eine etymologische Verwandschaft zum Götternamen "Astarte" ist naheliegend). Der Einfluss dieser Muttergottheit reichte gar bis in die Bibelgeschichte, wo sich im ersten Buch der Könige (Kapitel 11) ein Hinweis darauf findet, dass sogar König Salomo eine Zeit lang die Verehrung der Astarte förderte.

Hathor - ewigeweisheit.de

Hieroglyphe der Muttergöttin Hathor, die den alten Ägyptern auch eine Göttin war sowohl des Todes, der Liebe, des Friedens, der Schönheit und auch der Kunst.

Schauen wir weiter Richtung Fernost, so begegnen wir der hinduistischen Jaganmata, die man als Mutter des Universums verehrt. Sie gilt auch als Inkarnation der Göttin Parvati, der Gemahlin des Gottes Schiva (der ja bekanntlich auch die Attribute einer Todesgottheit besitzt).

All diesen weiblichen Gottheiten gemein ist, dass ihre Rolle als Schöpferin dessen, was sie letztendlich erschaffen, doch auch wieder aus seiner Existenz verschwinden wird.

Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt

Als man in alter Zeit verschiedene Gottheiten verehrte, in ihrer besonderen Rolle für den Menschen, sollten sie sich, wie uns etwa aus der griechischen oder ägyptischen Mythologie bekannt ist, immer wieder durch die Geburt himmlischer Nachfahren in ihrer Rolle als Götter erübrigen. So wurde immer wieder von einer scheidenden Gottheit ein Nachkomme gezeugt (zum Beispiel Horus, Sohn der Isis und des verstorbenen Gottes Osiris). Besonders der Jahreslauf der Sonne (und des Mondes) scheint seit uralter Zeit hierfür eine Grundlage zu bilden, wo im jährlichen Wiederaufblühen der Natur, aus der Muttergöttin neues Leben auf Erden geboren wird.

Hieraus lässt sich ganz klar die Symbolik eines immerwährenden Kreislaufs des Lebens ablesen, der mit der Geburt beginnt, dem eine Wachstums- und Reifephase folgt, um schließlich mit dem Tod zu enden. Diesem Tod aber folgt wieder eine Wiedergeburt: Jedes Jahr erleben wir das im Ablauf der vier Jahreszeiten.

In den matriarchal geprägten religiösen Kulten war da eine Symbolsprache, die sich im Zusammenhang mit diesem zyklischen Vorgang von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, folgendermaßen zusammensetzte:

  • Symbole des Lebens: Schlangen, Fische, Wasservögel, Frösche, sowie Linienmuster aus Spiralen oder Netzen.
  • Symbole des Todes: Eulen und Geier die eine Muttergöttin begleiten.
  • Symbole der Wiedergeburt, Erneuerung und Transzendenz: Ei, Gebärmutter, Phallus, sowie die mit der Mondsichel angedeuteten Mondphasen, wie auch Rinder- oder Widderhörner, die die drängenden natürlichen Kraftimpulse versinnbildlichen.

Kult der Großen Göttin

Bei alle dem kann dennoch nicht eindeutig gesagt werden, ob es jemals so etwas wie einen globalen Kult einer Großen Göttin zeitgleich auf unserem Planeten gab. Doch wenn auch nur kleinere, matriarchal geprägte Gruppen, sich die ganze Welt als göttliche Mutter dachten, sind solche Tatsachen eine Betrachtung wert.

Die genannten göttlichen Wesen waren aber nicht expilzit Wesen der Erde, sondern als Göttin Gaia wiederum selbst gebettet in einen vollständig von weiblichen Kräften durchdrungenen Kosmos. Schaut man etwa in die Überlieferungen der Gnosis, so ist da die Rede von "Sophia", der personifizierten göttlichen Weisheit, aus der das Universum entstand. Der Himmel als Urraum aber, indem sich dieses Universum ausbreitet, ist dabei jungfräulich gewesen, damit in ihm eine Göttin der Atmosphäre das Sein in seine Existenz bringen konnte.

Darunter befindet sich die Menschenwelt, wo man in Gegenwart der Frauengöttin lebt. Mit ihrer Kraft belebt sie Land und Meer und alles was darin zuhause ist.

Unter der Menschenwelt aber liegt das Reich der "Alten Frau", die als Todesgöttin alles Leben in den Abgrund zieht, darin auflöst, doch zugleich aus der Tiefe wiederauferstehen lässt. Sie reflektiert den ewigen Kreislauf von Untergang und Wiederkehr, dem auch alle astronomischen und vegetativen Zyklen unterliegen.

Es herrschen diese drei Göttinnen also über die kosmische Ordnung. Man könnte sie sich auch nur als eine Muttergöttin denken, die eben in drei verschiedenen Erscheinungsformen verehrt wird. Das diese kosmische Dreiheit aber eigentlich identisch ist mit dem, was patriarchale Kulturen prägt, wird deutlich in dem Bild der Dreiheit von Gott, Mensch und Erde (oder Unterwelt).

Das im Zusammenhang mit einer kosmischen Muttergöttin auch die Symbolik des Mondes eine Rolle spielt ist naheliegend, zumal sich ja diese Dreiheit in den sichtbaren Mondphasen (zunehmend, voll, abnehmend) wiedererkennen lässt.

Lunare Weiblichkeit

Wenn seit alter Zeit manche Frauen einen besonderen Bezug ihrer Weiblichkeit zum Mond betonen, dann liegt das sicher daran, dass sich eben der Menstruationszyklus monatlich wiederholt. Und was ist ein Monat anderes, als eben ein Mondzyklus (unschwer zu vermuten, dass die Wörter "Mond" und "Monat" etymologisch miteinander verwandt sind).

Erst in den vergangenen Jahrzehnten, kehrte diese Erkenntnis ins Bewusstsein der Menschen zurück. Und so entstand da ein echter Kult um das, was wir hier immer wieder als "Muttergöttin", "Mutter Erde" oder schlicht die "Große Göttin" bezeichneten. Hieraus emanzipierte sich in den vergangenen Jahren eine auf solche Muttergöttinnen ausgerichtete Spiritualität. Ereignete sich das aber als Gegenpol oder gar Protest, zu den patriachal geprägten Weltreligionen, dürfte es damit irgendwann wieder zusammenfallen.

Fest steht dabei, dass in unserer Zeit die Erkenntnisse aus jenem Urwissen der Frauen über das Leben und die Natur, von immens wichtiger Bedeutung sind. Denn es ist die Natur, aus der sich der menschliche Körper aufbaut, die ihm Nahrung und Lebensraum spendet. Wenn eine weibliche Spiritualität also ganz deutlich auf die Wichtigkeit dieser Erkenntnis hinweist, scheint sie ihre Rolle in der Gegenwart auf jeden Fall zum Wohle aller erfüllen zu wollen.

 

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Das Symbolon: Ein Instrument der Assoziation

von S. Levent Oezkan

Wenn die alten Griechen vom »Symbolon« sprachen, meinten sie damit ein besonderes Erkennungszeichen oder Sinnbild. Wer einst in Verbindung stand mit einer anderen Person, zum Beispiel über einen Schwur, der erkannte ein anderes Mitglied daran, dass es ein solches Symbolon trug.

In sehr alter Zeit verwendete man hierfür zuerst Knochen auf denen solch Erkennungszeichen eingeritzt waren. Später erfüllten diesen Zweck auch besondere Gegenstände aus gebranntem Ton. Wer zu einer Familie oder einem bestimmten Freundeskreis zählte, dem wurde da so ein Gegenstand überreicht, um ihn zu seiner Anwesenheit im Kreise der Verbrüderten zu bevollmächtigen.

Natürlich ist das Symbolon identisch mit dem verkürzten Wort »Symbol«. Und ein Symbol ist mehr als nur ein Synonym für eine direkte Bedeutung. Solch Sinnbild besitzt eine viel tiefere Bedeutung, als es vordergründig erscheinen mag. So wie auch ein Mythos unzählige Querverbindungen zu anderen Mythen besitzt, entsprechend verflochten sind auch die Bedeutungen eines Symbols für denjenigen, der dessen Bedeutungen kennt.

Es ist also ganz und gar nichts Messbares und kann darum auch nicht durch einen oder mehrere bestimmte Sätze in seiner Bedeutung beschrieben oder erklärt werden. Ein Symbol löst jedoch auf mehreren Ebenen des Bewusstsein Assoziationen aus. So ist es ein durchaus komplexes System.

Schaut man sich als Symbolfiguren etwa einen Raben oder eine Krähe an, so sind sie auf materieller Ebene zuerst einmal schwarze Vögel, die einen charakteristischen Laut von sich geben und die in unseren Breiten im Winter über schneebedeckte Landschaften fliegen. Auf Symbolebene betrachtet man im Westen den Raben als Omen. Die Kelten sahen in ihm ein Sinnbild für den Tod, was wohl auch an seinem biologischen Verhalten liegen mag, da der Rabe ein Aasfresser ist.

Andererseits gehört der Rabe zu den intelligentesten Vögeln auf unserem Planeten, dem man nachsagt sogar Menschenstimmen imitieren zu können – weshalb er auch als Symbol der Weisheit gesehen werden kann. Nicht zufällig besaß Odin, der alt-germanische Gott der Weisheit, zwei Raben, die er als Botschafter aussandte.

Bei indigenen Stämmen Nordamerikas gilt dieser Vogel gar als Heldenfigur, die das Leben der Menschen mit Licht erfüllte: Er nämlich brachte ihnen bei zu leben.

In der Bibelgeschichte von Noahs Arche, sendet der Patriarch einen Raben aus, um herauszufinden ob begehbares Land in der Nähe sei. Doch der Rabe kehrt ohne etwas zurück. Als er jedoch eine weiße Taube aussendet, kehrt sie zurück mit einem Olivenzweig im Schnabel. Als solches Bild sollte sie einst ein Symbol für den Frieden werden, etwas das also weit hinausgeht über ihre rein biologischen und anatomischen Merkmale.

Symbole sind weit mehr, als dass man sie in wenigen Sätzen beschreiben könnte, denn sie haben, über ihre mythologische Bedeutung hinaus, für einen Kenner auch eine ganz individuelle Ausprägung. Wer ein Symbol sieht, assoziiert damit viele verschiedene Sinngehalte, die sich in die verschiedensten Bedeutungswelten ausbreiten können und manchmal gar widersprüchlich gedeutet werden, je nach Kulturkreis des Betrachters. Es sind also auch stark subjektive Assoziationen, die für den einen Menschen ganz und gar nicht das Selbe bedeuten müssen wie für einen anderen. Je nach seiner Ausgestaltung ruft es im Bewusstsein seines Betrachters verschiedene Inhalte hervor, die positiv oder negativ empfunden werden.

Vor allem in der Welt des Unbewussten spielen Symbole einen wichtigen Part, an dem weit tiefere Bedeutungen hängen, als Alltagssprache jemals auszudrücken vermag. Darum sind sie auch universell anwendbar, denn selbst wenn Menschen nicht die selbe Sprache sprechen, können Symbole oder Gesten sprachlichen Ausdruck ersetzen und überall auf der Erde verstanden werden.

Sinnbilder unserer Welt

Es gibt Symbole und Sinnzeichen, die bei so gut wie allen Kulturen auf unserem Planeten vorkommen. Manche von ihnen tauchten auf und verschwanden auch wieder. In jüngster Zeit ist das im Westen wohl der Swastika widerfahren, die als linksdrehendes Hakenkreuz im Nazideutschland des 20. Jahrhunderts verunglimpft und aus dem spirituellen Alltag der Menschen scheinbar in eine verbotene Zone zurückgezogen wurde. Während man dem selben Symbol doch überall auf der Erde begegnet, ist seine öffentliche Darstellung, etwa zur Kennzeichnung einer Gemeinschaft, in Deutschland per Gesetz untersagt. Wer sich darum heute in Deutschland öffentlich mit diesem Symbol identifiziert macht sich strafbar, ganz gleich für welchen Zweck es auch gebraucht wird.

Zu den archetypischen Symbolen, die zu fast allen Zeiten vorkamen, gehören Kreis, Quadrat, Dreieck, Kreuz oder auch stilisierte Tierbilder wie Schlange, Drachen, Löwe, Stier, Adler und viele weitere. Aber auch die in Symbolen verwendete Anzahl solcher Sinnzeichen, ist wichtig. Wer sich mit Symbolkunde befasst, erkennt, dass die Zahlenmystik darin eine feste Größe darstellt – wo doch zum Beispiel den Zahlen Drei, Sieben oder Zwölf die meisten unter uns schon einmal in diesem Kontext begegneten.

Besonders die Zahl Sieben scheint den meisten als mystisch-magische Nummer zu gelten. Ein Buch mit sieben Siegeln: davon ist die Rede in der Offenbarung des Johannes.

Auf Flaggen, Wappen und anderen emblematischen Hoheitszeichen, tauchen besondere Symbole auf. Hier werden sie als Symbole der Zugehörigkeit angesehen und bei ihrem Anblick lösen sie im Betrachter dann vielleicht ein Wir-Gefühl aus. Das betrifft besonders die religiöse Welt, wo sich Gläubige mit dem Symbol identifizieren, das etwa auch ein Wort sein kann. So herrscht im Islam ja das Bilderverbot, doch der arabische Name für Gott, Allah, wird auf ganz eigene Weise geschrieben:

الله‎

Dieser Name bildet wie das »Om« im Hinduismus, ein Symbol aus Buchstaben:


Beeindruckend, dass sich die beiden Zeichen so ähneln. Stammen sie vielleicht aus einem geistigen Bereich, einer Welt jenseits der physischen, einem Reich dass sich aller Rationalität entzieht, doch eben genau Dreh- und Angelpunkt aller religiöser Vernunft bildet?

 

 

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Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Interesse mehr zu erfahren?


Schreiben Sie bitte eine Email an: freundeskreis@ewigeweisheit.de

Sonne und Schlange

von S. Levent Oezkan

Drachenorden in Ost und West - ewigeweisheit.de

Die Sonne ist die Kraft unseres Planetensystems. Von ihr hängt alles Leben auf unserer Erde ab. Ihr Magnetismus, ihre Wärme und ihre Schwerkraft gleichen einer makrokosmischen Dreiheit von Geist, Seele und Körper, die unseren vergleichsweise winzigen Planeten durchwirkt.

Alles geistig-himmlische assoziieren die Menschen seit ehedem mit der Sonne, während man der Schlange die Rolle der Erdkräfte, insbesondere der Kräfte der Unterwelt zuschreibt, wohin sie sich wohl auch tatsächlich zurückzieht um in Starre die Finsternis des Winters zu durchweilen.

Sonne und Schlange - Himmel und Erde

Den Finsterniskräften einer mythischen, sonnenvertilgenden Schlange, steht ein biologisches Reptil gegenüber, für das die Sonne geographisch zwar nicht erreichbar ist, es als Kaltblüter seine Körperwärme aber über das Licht der Sonne bezieht. So wie die mythologische Schlange alles licht- und sonnenhafte aufzehrt, so verschlingt die naturkundliche Schlange gierig ihre Beute, in einem Stück. Der Schlange ist das Begehren inhärent.

In den Sagen des klassischen Altertums taucht sie oft als Wesen auf, dass, so z. B. im alten Ägypten, gegen die lebenserhaltenden Kräfte der Sonne kämpft, und als riesiges Monster versucht die Sonne selbst in ihr finster-kaltes Wesen aufzusaugen. Das sagenumwobene Schlangenwesen scheint zu Grunde zu richten, auszulöschen und alles einverleiben zu wollen, was lebendig ist. Es will alles sich selbst gleich machen, zuweilen sich sogar selbst verzehren: als Ouroboros.

Da Drachen und Schlange, als Wesen der Erde, sich leicht mit allem Unterirdischen assoziieren lassen, ist in der Geomantie auch die Rede von Drachenströmen. Sie verlaufen im Erdgrund, doch tragen meist christliche Namen, die aber ganz und gar nicht abwegig sind, schaut man sich etwa die Symbolik von Michael und Maria im katholischen Christentum an, denn nach diesen beiden Heiligenfiguren sind diese Ströme benannt - zumindest in Nordeuropa.

Durch dies magnetische Strömen, das durch die Einwirkung der Sonne im Erdgrund wirkt, bildet sich das Gold der Alchemisten als geronnenes, kristallines Sonnenlicht. Möglicherweise eine Erklärung dafür, weshalb in verschiedenen Sagen und Märchen, ein Drache erst von einem Sonnenhelden getötet werden muss, bevor ein Goldschatz aus dessen Höhle geborgen werden kann.

Wegen der Begründung im biblischen Sündenfall, hat die Schlange in den abrahamitischen Religionen eine eher negative Konnotation, während sie als solares Weisheitssymbol im Buddhismus oder Hinduismus, z. B. für die Schöpferkraft steht. So etwa Vishnu, der sich als die zehn Avatare auf Erden inkarniert. Er liegt auf einem aus 1000 Schlangen geformten Bett, und badet so im kosmischen Milch-Ozean von König Shesha, dem Herrscher der Schlangengottheiten. Auch der dritte im Bunde der Trimurti, der Zerstörergott Shiva, wird in bildlichen Darstellungen stets mit einer Kobra um den Hals gezeigt.

Als Siddharta Gautama, eine dieser Inkarnationen Vishnus, am siebten Tag seiner Erleuchtung, unter einer Pappel in Meditation das Buddhatum erlangte, begann ein Monsunregen, als eine Riesenkobra an ihn herankroch, sich aufrichtete und ihren siebenköpfigen Schlangenkörper schützend über ihn wölbte.

In China charakterisieren Reptilien oft in Drachengestalt, auf Bildern, Reliefs und Skulpturen dargestellt, den fruchtbringenden Regen des Frühlings, und werden deshalb gerne als Glückssymbole verwendet.

Im 12.000 Jahre alten Tempel von Göbekli Tepe in der Türkei, findet man Stützpfeiler auf denen überwiegend Schlangenfiguren abgebildet sind, was ein Hinweis darauf ist, dass seit bereits sehr alter Zeit Schlangenkulte existiert haben müssen. Auch im 5. Kapitel der Vishnu Puranas wird von großen Schlangengöttern berichtet, die auf der Insel Atala gelebt haben sollen. Ebenso wie das aztekische Atzlan ist Atala ein anderer Name für Atlantis. Sowohl im aztekischen, wie im indischen Mythos wird überliefert, dass einst Schlangengottheiten subterrane Paläste bewohnt haben sollen. Das gibt Anlass zu der Vermutung, dass die atlantische Weltzivilisation von einem Schlangenkult geprägt gewesen sein könnte.

Hierauf Bezug nehmend, möchte ich überleiten zu einem ursprünglich sumerischen Mythos. Der solare Schlangengott Enki, ein Gegenstück zum griechischen Prometheus, kam auf die Erde als Erschaffer und Lehrer der Menschen. Er gründete die Bruderschaft der Schlange, deren Mitglieder sich nach der atlantischen Katastrophe angeblich in zwei Gruppen getrennt hatten: In den Orden des roten Drachen, der seitdem die Geschicke der westlichen Zivilisation lenkt, angeblich aus dem im Erdinnern befindlichen Königreich von Agartha (auch: Agarthi) – während der Orden des gelben Drachen vom himmlischen Shambhala aus, über das Schicksal der östlichen Zivilisation wacht.

Eine Legende aus diesem Mythenkreis berichtet wie die Priester des Roten Drachen von Agartha, durch Invokation ihre Initianden in die Geheimnisse der Erde einweihten, das heißt, dass dabei Wesenheiten durch Anrufung eingeladen wurden.

Die Priesterschaft des Gelben Drachen führte traditionsgemäß Evokationen aus, wobei die Anwesenheit von Wesen der geistigen Welt angeblich erzwungen wurde, um so die Mysten in die Erscheinungsformen der Sonne einzusegnen.

Sagen, Fabeln, Geschichten

Vermutlich rührt der Mythos von der Gründung zweier Bruderschaften im Mittelalter her. Vielleicht hat er sich in den letzten 500 Jahren verbreitet.

Anfang des 15. Jhd. wurden fast zeitgleich zwei Bruderschaften in Europa und Asien gegründet: Die Bruderschaft des Drachen, einem katholischen Ritterorden der von Kaiser Sigismund im Jahre 1408 zur Verteidigung des Christentums gegen die eindringenden Osmanen ins Leben gerufen wurde.

Sein Emblem: ein roter Drache. Ein Jahr später, im Jahre 1409 wurde in Tibet vom Manjushri-Eingeweihten Tsongkhapa, in der Nähe von Lhasa das Kloster Ganden gegründet, aus dem die Gelug-Schule hervorging, der buddhistische Orden der gelben Drachenmützen.

Die Religionen des Okzident glauben an eine innere, verborgene Kräfte. Sie richten sich auf einen zentralen, einzigen Gott aus. Sie glauben an ein, sagen wir, »Konzept« eines Weltendes, wie etwa das jüngste Gericht der Christen oder die »Götterdämmerung« nordischer Mythen. Die spirituelle Auffassung im Orient hingegen, geht aus von einer transzendenten Ewigkeit eines zeitlosen Buddha, dessen Weisheit, da ewig, wie es scheint nicht im selben Umfang geheim gehalten werden muss.

Im Westen werden religiöse Weisheitslehren, insbesondere im Christentum, Judentum und Islam, scheinbar aufgespart und nur gleichnishaft überliefert, während die Lehren östlicher Weisheitstraditionen meist deutlicher erscheinen und dem Vernehmen nach einfacher zu begreifen sind, als z. B. die Gleichnisse der Evangelien, die sich manchem auf den ersten Blick offenbar nichts sagend vorstellen. Östliche Weisheit scheint näher am Leben und geerdeter zu sein, während die westlichen Geisteslehren mit dem wirklichen Leben anscheinend nicht all zuviel zu tun haben – zumindest oberflächlich gesehen.

Die beiden oben vorgestellten Bruderschaften bildeten sich vermutlich, um in der alten Welt eine Polarität aufrecht zu erhalten, die auf dem Widerstreit von Licht- und Finsterniskräften gründet und bis ans Ende des Fischezeitalters vorherrschen sollte. Es sind also zwei Pole, die aber streng genommen eigentlich eine Dualität wiedergegeben, denn würden sie polar-verbunden erscheinen, erführe man wohl ihr innerstes Geheimnis.

Soll damit also der Zugang zu einem der größten Geheimnisse der Menschheit verschleiert werden? Es scheint doch nämlich eine dritte Kraft zu existieren, über die eben jene beiden Pole verbunden sind. Schaue wir in die mythische Zeit unserer Menschheitsgeschichte tauchen da im Okzidents vermeintliche Gegensatzpaare auf, als Sonne und Mond, Michael und Drachen, Mithras und der Stier, Theseus und Minotaurus, Zeus und Typhon, Apollon und Python, Osiris und Seth oder Adler und Schlange.

Auf jene dritte Kraft kommen wohl all jene die den Mysterienweg gegangen sind, die starben um wieder aufzuerstehen: im ägyptischen Memphis, im griechischen Samothrake oder in Eleusis: Die Initianden wurden dem »Einen« geweiht, indem man ein vorübergehendes Auslösen der Seele aus dem Körper, durch eine Art Todeserfahrung erzielte. So wurde aus dem Initianden eine »kluge Schlange«, wie sie einst Jesus beschrieben hatte.

Initiation ist keine Wissenschaft die durch Sprache vermittelt werden kann, sondern eine Einsicht, in deren Besitz man nur durch unmittelbares Erleben kommt – eine Erfahrung die physiologisch über die Nervenimpulse im Rückenmark, in das Bewusstsein des Initianden eintritt und wie überliefert wurde, als ein inneres, sonnenhaftes Licht wahrgenommen wird.

Hier gibt es eine interessante thematische Verbindung zur biologischen Schlange, da das verlängerte Rückenmark, eine evolutionsbedingt reptilienartige Körperstruktur ist. Die Gehirnbrücke, die vom Kleinhirn und Großhirn aufgenommen wird, bezeichnet man in der Anatomie auch als Reptilienhirn. Das eine Art Ur-Reptil, einen Teil unseres Körpers bildet, glauben auch die Jivaro, peruanische Ureinwohner des Amazonas. Einst sollen riesige, schwarze, flugsaurierartige Fischwesen aus dem Weltall gekommen sein, da sie sich vor etwas weit draußen in der Galaxie auf der Flucht befanden, und auf der Erde landeten, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Sie brachten angeblich das Leben auf der Erde hervor und waren die wahren Meister des Planeten und der Menschheit. Die Menschen seien nur die Diener und Behälter dieser Reptilienwesen.

Manche New-Age-Forscher und Ufologen vermuten, dass die mächtigsten Familien der Welt, durch reptiloide Wesen, die vom Orion-Sternbild stammen sollen, in ihren Entscheidungen beeinflusst und gelenkt werden, weil diese mit anderen außerirdischen Wesen, wie z. B. den »Plejadiern«, um die Vorherrschaft auf Planet Erde kämpfen. Solche Nachrichten erinnern sicherlich an Sciencefiction, doch lassen sich die Ursprünge solcher Geschichten durchaus in verschiedenen Legenden finden, wie z. B. die der indigenen Tolteken, der Azteken und der Maya. Einst soll die Sonnengottheit Quetzalcoatl, die leuchtende Schwanzfederschlange auf die Erde als Schöpfergott und Lehrer der Menschen gekommen sein, von der geglaubt wird, dass sie wiederkehren werde, um über das Weltreich der Erde zu walten.

Ein ähnliches Wesen existiert auch in zentralasiatischen Mythen: der Simourgh-Vogel.

Im alten Ägypten war es der Vogel Benu, der vermutlich auch etymologisch mit dem rotgoldenen Feuervogel Phönix identifiziert werden kann, der laut eines anderen Mythos als Stammvater der Phönizier angesehen wird, jenem Volk dem wir die Verbreitung unserer Schrift zu verdanken haben.

Annunaki - ewigeweisheit.de

Ein Unterweltsdämon wie er in alten Mesopotamischen Basreliefen häufig dargestellt wird. Manche meinen, solche Wesen kamen von fernher auf die Erde, um dort die Zivisation der Menschheit zu erschaffen.

Von Drachen und Sonnenkönigen

In den Texten des ägyptischen Totenbuchs scheint es auf den überirdischen oder unterirdischen Aufenthaltsort anzukommen, ob man einer Schlange als Gegner oder als Helfer begegnet, je nachdem wo im zyklischen Verlauf einer Geschichte man sich gerade befindet. Der einstige Sonnengott Osiris wurde von seinem finsteren Bruder Seth ermordet, einem von späthellinistischen Griechen mit dem drachenköpfigen Typhon gleichgesetzten Ungeheuer.

Der selbe Seth ist es auch, der auf dem Bug der Sonnenbarke stehend, mit seinem Speer in der nächtlichen Unterwelt die Apophisschlange bekämpft, um dem Sonnengott Ra, seinen Aufgang am kommenden Morgen zu ermöglichen. Sonne, Mond, Licht, Finsternis, Schlange und Auge bildeten bei den alten Ägyptern ein »antagonistisches System«, aus welchem sich, je nach mythischem Zusammenhang, eine bestimmte, archetypische Wesenheit oder Konstellation manifestieren kann.

Der Sonnengott Ra formte aus dem aus seinem rechten Auge austretenden feurigen Strahlenschein die Uräusschlange. Als goldenes Herrscherdiadem trugen die Pharaonen dieses solare Reptil auf ihrem Haupt. Gekrönt mit diesem Emblem, wähnten sie sich unbesiegbar, sollte doch der Gluthauch der Uräus ihre Feinde vernichten können.

Den beiden Urformen, Sonne und Auge, begegnen wir auch wieder in der Biologie: Als vor 100 Mio. Jahren die ersten Nager, die Vorfahren der Primaten, aus ihren Höhlen krochen und begannen aktiv zu werden, überwiegend im Sonnenlicht, verbesserte sich evolutionsbedingt die Funktion des Sehens um ein Vielfaches – warum? Damit sie ihre Feinde, insbesondere Schlangen, schneller erkennen konnten.

Licht, Auge, Sonne und Schlange stehen sich ihrem Sinn gemäß also näher, als man zuerst vermutet. Sowohl in der Mythologie des Ostens als auch des Westens, in der Biologie, und, wie wir später noch sehen werden, ebenfalls im Zusammenhang mit Feuer und Metall, zeigen sich Sonne und Schlange als äußerst ambivalente Erscheinungen, die sich auf geheimnisvolle Weise gegenseitig ergänzen oder sich sogar in einander umwandeln können.

Auf diese Ambivalenz wurde seit jeher in vielen Sagen von Sonnenhelden hingewiesen, die zunächst aus der Finsternis kommend, ganz gleich ob nun aus einer physischen Dunkelheit oder aus geistiger Umnachtung, sich auf eine Reise begaben, um das verlorene Licht oder Feuer wiederzufinden und den Menschen zurückzubringen – eine Art Paradies, das sich in die physische Welt versenkt hatte und von dort von einem Erlöser, aus seinen materiellen Verstrickungen befreit, aus der Dunkelheit emporgehoben wurde: Dafür steht die solare, das Erdreich mit ihrem Magnetismus belebende Schlange, wie wir sie auf dem Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem in der Bibel antreffen – oder als die auf dem Baum des ewigen Lebens wachende Schlange der atlantischen Hesperiden. Es ist ebenfalls diese Schlange, die am Stab des Heilergottes Asklepios empor kraucht, dem Sohn des Sonnengottes Apollon.

Prometheus, der Bruder des Atlas, war Kulturstifter, laut Ovid sogar Erschaffer der Menschen. Dem griechischen Held Herakles wies er den Weg nach Westen, wo er mit Atlas den Drachen der Hesperiden überlistete, um an die Äpfel des ewigen Lebens zu gelangen. Prometheus brachte den Menschen auch das Feuer, trotz dass Zeus es ihnen versagte. Als der Göttervater entdeckte, dass er es den Menschen nicht wieder nehmen konnte, bestrafte er Prometheus, den er im Kaukasus vom Himmelsschmied Hephaistos an einen Felsen ketten ließ, wo ein schrecklicher Adler täglich von seiner Leber zehrte.

Die in diesem Mythos beschriebene Himmelsschmiede steht wohl auch in Bezug zur Region des kaukasischen Georgiens, in dem bereits vor 7.000 Jahren Erze zu Metall verarbeitet wurden.

Georgien ist auch das Land aus dem die früheste Erwähnung der Drachentöter-Legende des heiligen St. Georg bekannt ist, auf den im Mittelalter die Eigenschaften des solaren St. Michael übertragen wurden, jenem Erzengel, der laut christlicher Überlieferung den rebellierenden Lichtfürsten in den Abgrund stürzte – wo er sich in die böse Schlange Satan verwandelte und angeblich seither aus der Unterwelt versucht die Herrschaft über die Erde an sich zu reißen.

Von einer anderen Drachentöter-Legende erfahren wir in der germanischen Nibelungensage. Dort ist es der rotblond gelockte Siegfried, der von einem Schmied namens Mime in einer Waldhöhle erzogen wird. Mit seiner Hilfe schmiedet Siegfried das Zauberschwert Balmung, womit er den schrecklichen Drachen Fafnir tötet, um damit einen riesigen Goldschatz in Besitz zu nehmen. Eigentlich aber sind die wirklichen Besitzer des Schatzes die sagenhaften Nibelungen, doch Siegfried, von seiner Goldgier überwältigt, möchte den ganzen Schatz für sich behalten. Damit zieht er einen Fluch auf sich: Er vergisst seine Vergangenheit und auch seine Liebe Brunhilde, die ihm dafür eines Tages, durch seinen Widersacher Hagen, ihre Rache tödlich spüren lassen wird (Hagen ist der Neffe des getöteten Drachen).

Die visuelle Sinnenbindung an den Glanz des Sonnenmetalls, veranlasste also Siegfried eine Bestie zu beseitigen, doch die chtonischen Begierdekräfte gingen auf den Drachentöter über. Ihm kam ein Blutstropfen des getöteten Drachen auf die Zunge, er schmeckte seine Zauberkraft und nahm daraufhin sogar ein Bad im Blut des Drachen, das ihn unverletzlich machte. Vielleicht ist das Drachenblut auch eine symbolische Manifestation des Menschen innerster Angst vor dem Tod, etwas, über das er sich mit irdischen Reichtümern hinwegzutäuschen versucht.

Wie die Sonne, kann auch das Schwert mit der Schlange kulturhistorisch in Verbindung gebracht werden: Die Waffen des Mittelalters trugen Schlangenverzierungen oder hatten einen Drachenkopf als Knauf. Insbesondere in künstlerischen Darstellungen aus dem Mittelalter finden sich Schlangenlinien in den Hohlkehlen von Schwertklingen. Zudem wurden die Schichten des Stahls auf bestimmte Weise »verdreht«, womit der Schmied eine »Schlängelung« der Metallfasern bewirkte, um so eine Härtung des Stahls zu erzielen. Eine andere Form der Metallhärtung geschieht durch Abschrecken des glühenden Stahls in einem Wasserbecken.

Einen interessanten Bezug zum Element Wasser gibt es auch in der Geschichte der griechisch-orthodoxen Heiligen Margarete von Antiochien, einer christlichen Drachenbezwingerin und der Schutzpatronin des zuvor erwähnten Drachenordens. Die griechische Form ihres Namens, Marina, bedeutet »Vom Meer stammend«. Margarete als Name ist allerdings persischen Ursprungs. »Morvarid« bedeutet auf persisch »Kind des Lichts« – ein besonderer Name für das Wort »Perle«, da in der persischen Mythologie die Perle durch die Umwandlung eines Tautropfen durch das Mondlicht entsteht. Wasser und Mond bilden also Variablen, die sich in die »Familie« der Schlangensymbole einreihen lassen. Der Mond, wie man ihn etwa im Bildnis der Mondsichelmadonna findet, weist auf die Offenbarung des Johannes hin. Dort steht eine Schwangere auf dem Mond, die von einem Drachen verfolgt wird. Das ist sozusagen die biblische Fortsetzung der Geschichte des gestürzten Erzengels, der sich an der Menschheit und an Gott rächen will, doch im letzten apokalyptischen Gefecht gegen den Sonnenfürsten Michael, von diesem endgültig geschlagen wird.

Schlangenlinien und Sonnenkräfte

Schon vor tausenden von Jahren ahnten Menschen, dass die sichtbare Wirklichkeit nur die Erscheinungen einer im verborgenen Kraft sind. In der indischen Philosophie ist Maya die Göttin der Illusion, aus der sich alles in der Welt manifestiert. Sie verschleiert die kreative Kraft Shakti, die den Menschen in der Materie manifestiert erscheint. Was zu Materie wurde, gleicht dem Schatten einer eigentlich geistigen Wirklichkeit. Anfang des 20. Jhrhunderts gab Albert Einstein's Relativitätstheorie dem auch einen wissenschaftlich erklärbaren Rahmen.

Sichtbar für die Augen ist alles, das sich mit hoher Frequenz in Schwingung befindet oder etwas hoch Schwingendes reflektiert, das von einer materiellen Form ausgeht und letztendlich einer im Vakuum geronnenen Lichtwirkung gleichkommt, die sich zu kristallinen Materiestrukturen verfestigte.

Im sogenannten »Einheitlichen Feld«, vom dem die Quantenphysik spricht, bestehen polare Wechselwirkungen bestimmter, objektiver Kraftfelder, die, ab einer sehr hohen Umdrehungs-Frequenz, beginnen Licht auszusenden. Damit dieses Licht Wirklichkeit wird, bedarf es eines relativen Beobachters, wodurch eine Polarität von dem was leuchtet und dem was dieses Leuchten wahrnimmt aufgespannt wird – ohne Auge, kein Licht.

Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.

- Goethe

Physikalisches Licht gleicht einer polaren, schlangenförmigen, raumzeitlichen Ausbreitung zweier Kräfte: Elektrizität und Magnetismus, die aus einer androgynen, für uns nicht wahrnehmbaren, da unsichtbaren Energie, in eine sich bedingende, untrennbare Zweiheit der Bewegung »gestürzt« ist, worauf vielleicht auch der Luzifermythos hindeutet. Die Tatsache, dass erst durch Polarität Wahrnehmung entstehen kann, führt zu dem Schluss, dass Einheit von Unveränderbarkeit, Ewigkeit und Formlosigkeit begleitet wird.

Alles Ewige unterliegt keiner Veränderung und auch keinem Kreislauf. Leben kann deshalb nur, was zwar an der Ewigkeit teilnimmt, als Polarität unbedingt aber sterben muss, um wieder in die Einheit zurückzukehren.

Der Lauf des Lebens beginnt als Geburt aus der Dunkelheit – ob nun aus dem finsteren Weltraum, aus dem Mutterleib oder dem unter der schwarzen Erde keimenden Samen, der den Erdboden irgendwann durchbricht, um in den Tag zu wachsen. In Ägypten symbolisiert diesen Vorgang die Geburt des Sonnenkäfers Skarabäus, den der warme, schwarze Nilschlamm bebrütet, bis er schließlich aus seiner Hülle schlüpft, um alsdann zur Sonne empor zu fliegen.
Es ist immer eine Geburt aus der Finsternis hinein ins Licht.

Die Dinge fangen im Unsichtbarem an, treten aus dem Verschlossenen in die Wahrheit der Gegenwart. Für diesen Vorgang steht als Sinnbild das Ei. Aus einem Ei schlüpft ein Insekt, ein Fisch, ein Vogel oder eine Schlange – letztere beiden weisen im ägyptischen Mythos ebenfalls auf eine Verwandtschaft, denn in den Pyramidentexten finden wir des Öfteren Geier und Schlange dargestellt, die das Auge des Sonnengottes beschützend flankieren. Hier wird wieder der Zusammenhang zwischen Licht und Materie, zwischen Sonnenkraft und Schlangenkraft deutlich.

Alles ist lebendig, das sich von selbst und anderes bewegen kann. Das gilt ebenso für unser Zentralgestirn Sonne, um deren Zentrum sie sich selbst und mit ihr alles dreht was sich im Sonnensystem befindet – auch das Leben im Wechsel der Jahreszeiten, wird aus dieser Drehung immer wieder von Neuem geboren. Doch wie insbesondere durch die vier Jahreszeiten verdeutlicht, ist für das Aufrechterhalten der Lebenszyklen auch ein Opfer notwendig – stirbt doch ein gewisser Teil des animalischen und vegetarischen Lebens im Winter ab, woraus dann wieder Nahrung auf der Erde entsteht, für einen kommenden Sonnenzyklus.

Opfer verkörpern auch die Symbole des gekreuzigten Jesus oder der von Moses im Sinai am Kreuz aufgerichteten, ehernen Schlange: die flüchtigen, heilkräftigen Christus- bzw. Schlangenkräfte (Magnetismus) sollen auf den Betrachter übertragen und durch das Sinnbild des Kreuzes auch in ihm fixiert werden. Drum windet sich auch eine symbolische Schlange um den Stab des Arztes Asklepios, während sich sein Vater Apollon im ägäischen Delos selbst einmal als Schlange oder in Delphi als Verkörperung der Kräfte der Erleuchtung und der Erkenntnis zeigt, wenn er eben als Sonnenheld das Orakel von einem Reptil, vom Drachen Python befreit.

Ein anderes, in verschiedenen Mythen verwendetes Symbol, in dem sowohl Sonne als auch Schlange vereint sind, ist der hermetische Heroldstab. Dieses Symbol wird auch verwendet in Bezug auf die feinstoffliche Ebene des menschlichen Körpers: In der vedischen Esoterik ist die Rede von zwei Schlangen Ida und Pingala, die als »Kundalini-Kraft« jeweils um den zentralen, sogeannten »Shushumna-Nadi«, entlang der Wirbelsäule aufsteigen – einer Symbolik die gewiss dem zuvor skizzierten Stab des Hermes entspricht.

Den Sonnenkräften im Menschen entspricht das sinnbildliche Herz. Es teilt auf Höhe des Herzchakra die Bahn der Schlange Kundalini in zwei Hälften: drei geistig-ätherische und drei seelisch-körperliche Energiezentren.

Kundalini und Sonnenlicht sind von zweifacher Natur und können entweder richtig oder missbräuchlich angewendet werden – wirken aufbauend oder abbauend, lebensfördernd oder lebenszerstörend.

Wenden wir unseren Blick nun aber noch einmal nach Sumer: Da beschreitet der mythische König Gilgamesh auf seiner Reise einen Weg zu sich selbst. Nach dem Tod seines Freundes Enkidu, wird er sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst und irrt aus Angst vor dem Tod lange umher, bis er zu den Skorpionmenschen kommt, die den Weg der Sonne bewachen.

The Phanes-Eros - Illustrated by Selim Oezkan - ewigeweisheit.de

Der alt-griechische Gott Phanes-Eros.

Er befragt sie nach dem Aufenthaltsort des ehrwürdigen Helden der Sintflut, der angeblich den Odem der Unsterblichkeit besitzt. Ihn will er befragen über Leben und Tod. In der Unterwelt erscheint ihm der Sonnengott und lässt Gilgamesh wissen, dass er das ewige Leben nach dem er sucht, nicht finden wird. Am Ufer des morgendlichen Sonnenaufgangs erreicht Gilgamesh schließlich den Unsterblichen.

Dieser stellt Gilgamesh eine Aufgabe: er solle dem Schlaf, solle dem Bruder des Todes widerstehen – doch Gilgamesh schläft ein – als er erwacht erkennt er, dass er nicht für die Unsterblichkeit geschaffen sei. Die Frau des Unsterblichen aber legt für Gilgamesh ein gutes Wort ein, da er große Mühen auf sich genommen hat, um hierher zu kommen. Man solle ihm doch bevor er abreist ein Geschenk machen. Der Unsterbliche offenbart Gilgamesh also ein verborgenes Geheimnis der Götter: Auf dem dunklen Grund des Meeres, wüchse eine Pflanze, die neues Leben verleiht. Gilgamesh holt sich diese Pflanze aus der Tiefe, doch eine Schlange entwendet sie ihm flink und verjüngt sich auf der Stelle, indem sie ihre alte Haut abstreift. Wieder begnen wir einem Antagonismus von Sonne und Schlange: Diesmal aber kommt das Licht der Sonne aus der Vergangenheit, während die Finsterniskräfte der Schlange für die Zukunft stehen, da sie durch ihr Wesen die Vergänglichkeit des Lebens ankündigen.

Aus den Mythen des Altertums in West und Ost lernen wir, dass der Mensch als Bindeglied dieser vermeintlichen Trennung von Oberem und Unterem und als Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem gesehen werden kann, so wie auch das menschliche Herz im Körper die Kohärenz zwischen Denken und Fühlen bildet. Durch die Verbindung dieses antagonistischen Systems in uns, im Jetzt, können wir beide, Sonne und Schlange, Geistiges und Materielles, Himmel und Erde, in ihrer ursprünglichen, heilsamen Einheit erfahren.

Die beiden widerstrebenden Strömungen sind letztendlich nichts anderes als Synonyme für die Trennung der Erlebnisse von Denken und Erfahren, etwas das z. B. auch Religion von Wissenschaft abgrenzt. Über Jahrhunderte hinweg verteufelte die Kirche alles, was uns die Natur lehrt. Man denke nur an die mittelalterlichen Auffassungen über die Beschaffenheit der Welt, wie sie aus Sicht des Klerus angeblich durch Kolumbus, Galilei oder Bruno in Frage gestellt wurden. Bestimmt einer der Gründe, dass sich seit dem Zeitalter der Aufklärung eine so vehemente Ablehnung entwickelte, gegenüber der Kirche, dem Glauben und einem christlichen Gott. Materialistisches Vernunftdenken lehnt eine Gottesvorstellung deshalb bis heute kategorisch ab, da für viele das Wort Gott eine Personifikation ist. Darum sei nochmals hervorgehoben, weshalb vielleicht die Ideen die zu uns aus buddhistisch geprägten Traditionen gekommen sind, toleranter aufgenommen werden, da sie eine transzendente Weltsicht vertreten, als die eines immanenten, monotheistischen Gottes der Vergeltung, wie er uns aus dem Pentateuch erscheint.

Es wird immer eine Gruppe von Menschen geben, die unablässig bemüht ist die Gegensätze der beiden, immanenten und transzendenten Weltsichten in einer gemeinsamen, ewigen Philosophie zu versöhnen. Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft können zu einer lebendigen Einheit, in einem organischen Ganzen verschmolzen werden, was Aufgabe der Menschen des neuen Weltzeitalters sein wird.


Die bildlichen Darstellungen Jesu Christi mit seinem bekannten Fingerdeut weisen auf das Herz – die Sonne im Körper – das Organ der Erleuchtung. Im indischen Vedanta ist das Anahata, das Herzchakra, mit einem Hexagramm gekennzeichnet, dem Symbol der Vereinigung von Äther und Stoff. Es ist ein Versuch beides, Geistiges und Körperliches zu er- und beleben, ohne eines von beiden zu leugnen. Zwar setzt die Wahrnehmung eine Trennung, einen Kontrast voraus, durch den die Dinge überhaupt erkennbar werden, denn nur was sich in der Polarität befindet, kann der Mensch erfassen. Doch beide, Sonne und Schlange, Geist und Materie, Himmlisches und Irdisches, sind nur Erscheinungsformen der im allegorischen »kosmischen Ei« enthaltenden unbegrenzten Wirklichkeiten der Einheit, die die hermetische Tradition als »das einige Ding« oder die moderne Physik als einheitliches Feld bezeichnen.

Die wohl treffendste Darstellung der hier diskutierten Pole von Sonne und Schlange, wie sie als feurige Kraft aus der Einheit zum Vorschein kommen, ist deutlich versinnbildlicht in der Gestalt des leuchtenden Gottes Phanes-Eros aus der griechischen Mythologie. Von einer Schlange umwunden, entsteigt er als Sonnengott aus den beiden Hemisphären eines kosmischen Ovals. Bei den Orphikern war der aus dem Ei entsteigende Phanes-Eros der Urschöpfer allen Lebens und die treibende Kraft aller Reproduktionen im Kosmos.

Die Orphiker sahen in Phanes-Eros den Ursprung der Kräfte von Licht, Liebe und Leben, die seither in der Welt umherschweifend bestrebt sind, die ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, was den Zyklus von Werden und Vergehen in der Ewigkeit zeitigt.

 

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Gemeinschaft und Klausur

Gemeinschaft und Klausur

Klausur und Gemeinschaft - ewigeweisheit.de

Wie wir im Gesagten zeigen wollten, scheint der Monomythos und der sich darin bewegende Held, ein universales Instrument zu bilden. Trotzdem kann es nicht als abschließendes, letztgültiges System bezeichnet werden, weshalb diese »Anleitung« in zwölf Schritten, auch kein Nonplusultra zur Findung des eigenen Glücks darstellt. Und das ist auch ganz recht.

Denn Campbells Werk, »Der Heros in Tausend Gestalten«, beziehungsweise das hier vorgestellte Modell Voglers, hatte wohl nie das Ziel Lösungsansätze zu liefern. Vielmehr sind die darin beschriebenen Schlüssel zum Monomythos, Angebote von Mitteln. Eigentlich aber wollen sie die Stationen im ewigen Lebenskreislauf derer veranschaulichen, die in der Menschheitsgeschichte als Gesandte, Propheten oder anders geartete Heldengestalten auftraten, im Dienste an der Menschheit, in ihrer Rolle als perfekte Vorbilder.

In dieser Funktion als Mittler, zwischen Himmlisch-Göttlichem und der Menschheit, erfüllten diese Schlüsselpersonen ihr Werk auf Erden im Übergeben besonderer Weisheiten. Was sie aber weitergaben, dürfte den Einzelnen, je nach kulturellem Standpunkt, immer wieder in anderer Gestalt erschienen sein, woraus sich viele Deutungsmöglichkeiten ergaben.

Als Folge dessen führen sie nicht unbedingt zu direkter Welterkenntnis, als sie eher dem Erleben eines Gruppentraumes gleichen, der jedoch keineswegs nur Illusion ist.

Da fragt sich womöglich, wie sich die in diesen Mythen anklingenden Weisheiten, in ihrer Funktion dem einzelnen Menschen heute erkenntlich zeigen?

Bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage, wäre zuerst einmal wichtig anzuerkennen, dass der Monomythos dem Einzelnen schon deshalb nicht als Universalsystem dienen kann, da er immer nur als Teil einer Gemeinschaft seine gesellschaftliche Rolle einnehmen und dabei auch den Weg zu seiner Lebensaufgabe finden muss. Darum gelingt auch der zuvor geschilderte Wegweiser, der auf dem Heldenmythos basiert, immer dann, wenn diese Funktion des Einzelnen in der Gruppe herausgearbeitet wird. Die Rollen, die das Individuum in den Stationen der Heldenreise annimmt, lassen sich in ihm nicht alle vereinigen. Vielmehr geht es darum einen Weg zu finden, der einen Menschen in die Gemeinschaft integriert, als wesentlichen Teil der Mitmenschen seines Umfeldes.

Darum existiert die Totalität, des Menschen Fülle, nicht im einzelnen Mitglied, sondern im Gesamtkörper der Gesellschaft. Das Individuum kann nur eines ihrer Organe sein. Aus der Gruppe der er (der Mensch) zugehört leitet er die Techniken ab, mit denen er sein Leben meistert, die Sprache in der er denkt, die Ideen die ihn Erfolg haben lassen […]

Wenn er glaubt sich davon trennen zu können, gleich ob in Taten oder in Denken und Fühlen, untergräbt er nur seine eigene Existenz.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Die Gruppe bildet wie es scheint also die unsterbliche Einheit eines universal lebendigen Leibes, worin Individuen immer wieder eben ihre Rolle in der Gemeinschaft erfüllen, doch daraus irgendwann auch wieder verschwinden – ein Vorgang der sich immer und immer wiederholt, und das seit Menschen auf Erden leben.

Erkennt man sich selbst in dieser Rolle, mag es recht hart erscheinen und die Frage aufkommen, wieso man dann überhaupt zu etwas beiträgt, woraus man dereinst ja selbst in die Nebel der Geschichte schlichter Bedeutungslosigkeit entschwindet.

Menschliches Sein war eben schon immer etwas, das mit der Erfüllung dieser Rolle in der Gemeinschaft zu tun hatte. Dabei war ganz gleich welchen Zweck man darin nun erfüllte. Es ist unbedeutend ob das Individuum als Handwerker, Kaufmann, Putzfrau, Dieb, Pfarrer, Politiker, Künstler, Mutter, Arzt, Gattin oder Nonne in der Gesellschaft lebte.

Die Unterschiede des Geschlechts, Alters und Berufs sind unserem Wesen äußerlich, bloße Kostüme, die wir auf der Weltbühne für eine Zeit anlegen, die aber nicht mit der Idee des Menschseins verwechselt werden dürfen.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Jeder Mensch nämlich erfüllt seine Lebensaufgabe – einer geschickt, ein anderer weniger glücklich. In allen Riten der Völker aber, wo man die Mitglieder in die Bräuche und Mysterien der Gemeinschaft einweiht, gemeinsam die Feste des Jahreslaufs begeht, wo man sie in den Übergangsriten ins Erwachsensein begleitet, sie zeremoniell verheiratet oder dann eben irgendwann bestattet: immer und in jeder Hinsicht, weisen diese Riten hin auf eine ureigene Einheit von Individuum und Gemeinschaft.

Darin aber befindet sich die Menschenseele als Ebenbild des Kosmos, die im Gebäude eines Miteinanders, auf eine eigentlich metaphysische Harmonie des Individuums im Kosmos verweist. Alle die sich darin auf dem Weg der Heldenreise bewegen, wenn auch zeitweise im Verborgenen, können schließlich zur Vollendung ihrer eigenen Glückseligkeit finden.

Jene aber, die als Asketen, Yogis oder als Einsiedler leben, vermögen durch besondere Praktiken und kontinuierliche Meditation, aus ihrer gesellschaftlichen Rolle den eigentlichen Kern des individuellen Bewusstseins quasi herauszulösen. Da geht es eben nicht mehr um eine Identifikation, sondern wie es einmal der italienische Psychologe Roberto Assagioli nannte, um eine Desidentifikation, die einer in seinem Meditieren allmählich erlangt, wo er Schicht um Schicht seines gesellschaftlich angenommenen Kostüms ablegt, um dabei die wahre Tiefe seines Selbst zu erkennen.

Es wäre jedoch vermessen zu glauben, dass das das Ziel des Leben sei. Beides will da ja vollendet sein: das Leben im Außen der Gemeinschaft und die Erkenntnis, die einer in zurückgezogenem Innewerden gewinnt.

In der heutigen, durch und durch digitalisierten Welt unserer Zivilisation im Westen, sollte man sich jedoch in Acht nehmen, sich mal eben zu vergleichen mit jenen, hier angedeuteten, in Klausur zurückgezogen lebenden Asketen. Denn keineswegs sind das Menschen, die vor dem Einschlafen noch nach neuen Emails oder Kommentaren in den sozialen Medien sehen.

Teil der Gemeinschaft ist man ebenso wenig, wenn man den größten Teil seines Umgangs mit anderen, meist über die eben genannten Kommunikationsmedien hat. Und genau da liegt der entscheidende Punkt: Unsere regelrechte Überindividualisierung, durch jene so häufig und zu stark aufgewertete Freiheit der Wahl, führt weg davon, worauf wir uns zuvor bezogen und was sich mit dieser Frage zusammenfassen lässt:

Welche Rolle die mich mit Glück erfüllt, spiele ich in der Gemeinschaft, und mit welchem Nutzen trage ich hiermit zum Leben aller bei?

Sicher bietet das, was man heute umgangssprachlich einfach »Das Netz« nennt, eine Vielzahl an Möglichkeiten, um sich mit anderen Menschen zu verbinden und Anschluss zu finden. Doch das geht nur, indem man auch in Wirklichkeit, physischen Umgang pflegt. Nur in lebendiger, direkter Gemeinschaft lässt sich Individualität so leben, das sich daraus auch das eigene, wahre Glück verwirklicht.

Die Heldenreise als Wegweiser im Leben

Die Heldenreise als Wegweiser im Leben

Wegweiser im Leben - ewigeweisheit.de

In seinem Buch »Die Odyssee des Drehbuchschreibers«, entwickelte der amerikanische Publizist Christopher Vogler (* 1949) sein Modell der Heldenreise, das auf den Motiven der eben angedeuteten Schlüssel Joseph Campbells basiert. Vogler hat dabei jedoch einige der Stationen der Reise zusammengefasst, so dass sich damit sein Modell mit nur zwölf Schlüsseln auskommt.

Auch aus dieser Variante der Heldenreise, lässt sich eine ganze Geschichte aufbauen, die tatsächliche Wirkung hinterlässt: sei es beim Zuschauer eines Buches oder Filmes, eingesetzt für die Planung und den Ablauf einer Exkursion, oder aber auch für das Handlungsschema in einer Persönlichkeitsberatung eines Therapeuten.

Natürlich bietet sich an, seine eigene Reihenfolge der Stationen der Heldenreise zu entwickeln, manche Teile wegzulassen oder vielleicht sogar neue Stationen hinzuzufügen.

Wer nach dem Prinzip der Heldenreise jedoch gekonnt eine Geschichte aufbaut, kann sie sowohl zu einem modernen Märchen weiterentwickeln, doch ebenso daraus eine Anleitung für einen Neuanfang im Leben entwickeln.

Das was man die Heldenreise nennt, gleicht gewiss einem universalen Geheimcode, mit dem sich die Zugänge zu eigentlich unzähligen neuen Schöpfungen eröffnen lassen. Eine Möglichkeit davon wollen wir im Folgenden liefern, in Form einer Art spirituellen Beratung, die einem suchenden Menschen helfen kann, sich über seine, vielleicht nicht mehr so erfüllenden Lebensinhalte zu erheben, um danach die Reise in einen neuen Lebensabschnitt anzutreten.

Das nachfolgend verwendete Schema, basiert auf dem Zyklus der Heldenreise nach Christopher Vogler. Alle die sich bereits auf so eine Reise begeben haben, werden ihre eigene Situation in den folgenden zwölf Stationen des Monomythos vielleicht wiederfinden, um sie von dort aus fortzusetzen oder zum Abschluss zu bringen.

Vertraute Welt

Was wohl in allen Heldenepen mit einer »Vertraute Welt« beginnt, oder modernere »Monomythen« vielleicht als den »Alltag« darstellen, das auch ist der Ausgangspunkt für alle, die einen Neuanfang wagen wollen.

Schriebe man heute ein modernes Märchen nach Schema der Heldenreise, dann begänne die Geschichte wohl in einem, nüchtern gesehen, wissenschaftlichen Umfeld, wo ein Glaube an Gott längst verzweifelt gesucht werden muss. Eine Anfang des 21. Jahrhunderts durchaus nicht ungewöhnliche Einschätzung, nicht wahr?

Realistisch gesehen prägen die gewohnte Umgebung des Einzelnen, ja eigentlich aller in der sogenannten »Ersten Welt« Lebenden, oft alltägliche Langeweile und ganz normale, sich ewig wiederholende Schwierigkeiten, die darin die wesentlichen, wenn auch nicht immer belanglosen Problemursachen bilden.

Diesen Zustand aber nehmen viele bereits als gegeben an, vielleicht auch daher, da man dieser Normalität nichts neues hinzufügen will. Man hat ja schließlich bereits genug Probleme. Viele scheinen, wie in einer Art Gruppenzwang befangen, angeblich sicherheitshalber, darum lieber alles beim Alten belassen zu wollen.

Es wäre ja auch ganz unvernünftig, einfach einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen, womit man am Ende vielleicht scheitert, man sich sogar gefährdet oder zu Schaden kommt.

Bei allem so zu lassen wie es ist, würde man also, anscheinend, nichts riskieren und fügte sich weiter seinen gängigen Angewohnheiten – wenn da nicht diese nagende Frage auftauchte:

Gibt es vielleicht noch etwas anderes?

Viele Menschen, auch heute, reagieren mit Überdruss wenn es heißt:

Du musst aber schön, erfolgreich sein und brauchst unbedingt das neueste Dies und Das.

Immer wieder ändert sich was im Außen, an das man sich angeblich anpassen muss. Die Frage nach dem »Wofür« aber bleibt bestehen. Denn eigentlich juckt es einen. Man will mal etwas anderes tun, doch traut sich eben nicht. Lieber kratzt man sich verlegen die Nase, so als ob nichts gewesen sei.

Ruf ins Wagnis

Dann, nach einigen Jahren dieser eigentlich doch recht misslichen Lage, bahnt sich etwas an, dass vielleicht echt gravierend ist. Möglich das es sogar ein richtiger Schock wird: Ein Arzt hat einem zum Beispiel eine gravierende Diagnose gestellt und man muss leider feststellen, dass man unter einer der schweren Zivilisationskrankheiten leidet. Das ist die sehr, sehr traurige eine Variante, eines vielleicht eher passiven Typus Mensch.

Ein aktiver Mensch flüchtet sich vielleicht in intensive Tätigkeiten, die diesen, immer mehr zunehmenden Unmut kompensieren sollen. Beim einen ist das übermäßiger Sex, ein Anderer wird Fallschirmspringer oder rast Berge hinab auf seinem Mountainbike. Bei so etwas kam auch schon mancher schmerzlich zu Fall oder starb dabei sogar.

All das aber tut einer nur, damit er die Fortsetzung seines Alltags nur irgendwie erträgt – wo doch das Wort »Alltag« schon ein echtes Unwort ist.

Oder: Plötzlich stirbt da jemand, der einem vielleicht nahe stand. Oder die Ehepartnerin will sich auf einmal trennen, da sie wen andern fand. Unzählige weiterer solcher Negativ-Beispiele führen dazu, dass dann nichts mehr so ist wie es vorher einmal war.

Da auf einmal merkt einer, dass das bisherige Leben so nicht weitergelebt werden kann.

Was kommt als Nächstes?

Geht es überhaupt noch weiter?

Gedanken steigen in einem auf, die man noch nie vorher hatte – und sind manchmal so intensiv, dass man sich und sein Leben sogar in Gefahr sieht, ja vereinzelt dabei sogar wirklich Schädliches beabsichtigt, womit man eigentlich vollkommen unvernünftig und sogar gegen sich selbst handeln würde.

Zumindest aber ist da jetzt ein Wunsch: Man will anders leben und nicht mehr so weitermachen wie bisher. Schließlich ist es bereits unmöglich.

Man verschränkt die Arme und verweigert sich diesem, vielleicht bereits gehassten Alltag. Und wie aus dem Nichts erscheint da plötzlich jemand oder etwas, dass einen neugierig macht – ein besonderes Buch das man ließt, ein beeindruckender Film den man sieht oder ein alles veränderndes Seminar, das man besucht, wo einem ein Lehrer begegnet, der irgendwie in eine neue Richtung deutet – eine Richtung von der man ahnt, dass sie vielleicht sogar lang ersehnte Träume war werden lassen könnte.

Man begibt sich also auf eine Suche, auch nach neuen Freunden, zumindest aber nach Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem zu tun haben, dass da einem auf einmal so gut tut. Am liebsten würde man alles sofort nachholen, dass man, wie es offensichtlich der Fall ist, all die Jahre ein-gesteckt, doch nie aus-gelebt hat.

Andere sind von dieser Feststellung so beeindruckt, dass sie am liebsten davonlaufen wollen. Nur wohin?

Und da plötzlich kommt die Frage:

Was muss ich bleiben lassen und was muss ich aufgeben?

Muss ich überhaupt etwas fallen lassen?

Gibt es da vielleicht etwas, das mir schon lange nicht mehr gut tut?

Manche stürmen gleich los in eine Richtung. Andere sind da vorsichtiger und tasten sich ganz, ganz langsam vorwärts.

Da auf einmal wird einem die ganze Tragweite der Unterlassungen bewusst oder genau das Gegenteil davon: man sieht was man angerichtet hat mit all den »falschen« Handlungen – etwas, das es aber eigentlich gar nicht gibt: es gibt keine falschen Entscheidungen. Jede Tat erfüllt einen Zweck, der sich allerdings immer hinterher erkenntlich zeigt.

Verweigerung die Reise anzutreten

In beiden Fällen aber fühlt man sich wohl durch diesen Bewusstseinsschub überwältigt und irgendwie in der Zwickmühle, wie Jona im Bauch des Wales. Vielleicht doch besser verzagen und wieder so weitermachen wie bisher? Wie auch soll man weitermachen, wenn da einfach niemand ist der einem helfen kann?

Hier, mit solchen Ahnungen im Bauch, fühlen sich manche vielleicht als Totalversager, zumindest dann aber als jemand, der übelst scheiterte. Ist aber Scheitern nicht etwas das man lernen muss? Nein? Lieber alles auf die Anderen schieben? Lieber das Opfer sein und sich zurückziehen, als den nächsten großen Schritt zu wagen? Tja – Veränderung braucht Zeit. Und wenn man die nicht hat, was dann?

Begegnung mit dem Mentor

Auch darauf zu warten, dass man Hilfe von Außen bekommt, kostet Zeit. Außerdem ist es eine Hilfe die eigentlich niemand leisten kann, da man eben selbst anfangen muss das Leben in die Hand zu nehmen.

Außerdem weiß man jetzt sicher: Es gibt keinen Weg mehr zurück, keinen Weg mehr aus dieser, vielleicht äußerst misslich empfundenen Lage. Doch es gibt einen Ausweg – und den gibt es immer. Man sammelt also Mut, weiß irgendwie, dass man die richtige Entscheidung damit treffen wird und macht sich auf den Weg, macht sich ans Werk.

Auf einmal kommt da Hilfe von Außen und wie durch ein Wunder begegnet da einem wer oder was, dass in einem ungeahnte Möglichkeiten aufsteigen lässt und man sich vielleicht fragt:

Wieso kam mir sowas nicht schon vorher in den Sinn?

Irgendwie scheint es eine höhere Kraft zu geben, die sich einem durch eine besondere Offenbarung gnädig erweist. Gibt es einen Gott, also doch ganz wirklich?

Da waren doch Bibel, Koran, Yoga-Sutras, Upanischaden; wie hießen die anderen Bücher noch? Tao-Te-King? Gab es da nicht einen Meister Eckhardt, einen Angelus Silesius? Was machen da die Astrologen, wenn sie manchmal verblüffend genau voraussagen, wie sich das eigene Leben verändern lässt? Solche Fragen tauchen da auf einmal auf, denn man merkt, dass man selbst Teil von einer Kraft ist, die verwirklichen, die erschaffen will.

Bei alle dem: Gibt es da so etwas wie eine Essenz der Essenzen, ein Wundermittel das alles verändern kann? Wie war das noch mit dem Heiligen Gral?

Tief aus dem Inneren der Psyche, oder sagen wir besser, der eigenen »Seele«, scheint etwas aufzusteigen, dass einem eine ultimative Gewissheit verschafft, dass da etwas ist, auf das man sich verlassen können muss, wenn man selbst den ungewöhnlichsten Plan in seinem Leben verwirklicht sehen will.

Überschreiten der Schwelle ins Unbekannte

Nun weiß man zum Glück bereits, dass man sich überhaupt auf einem neuen Weg befindet. Denn das was war scheint bereits ein Nebel des Vergessens zu verschleiern, zumindest verblassen zu lassen. Doch nicht alles was war ist schlecht.

Was davon ist gut, dass es sich mitzunehmen lohnt in dieses neue Leben?

Woran lohnt es sich zu erinnern, das Kraft gibt, um nun die richtige Entscheidung zu treffen?

Was will ich wirklich, wirklich?

Entscheidungen sind meist schwer. Man muss sich ihnen aber stellen – auch wenn das nicht sofort, von heute auf morgen geht, sondern tatsächlich erarbeitet werden will.

Aller Anfang beginnt mit dem Ziehen einer klaren Grenze, zwischen dem was war und dem was jetzt ist.

Begegnung mit Verbündeten und Feinden

Doch auf einmal tun sich damit neue Hürden auf, womit neue Probleme gelöst werden wollen, wovon einem manche vielleicht schon länger begleiten, doch einem jetzt erst der eigentliche Ernst der Lage bewusst wird.

Was aber war, lässt sich nicht mehr ändern und nur im vollkommenen Annehmen dessen was jetzt ist, kann man den Plan für das neue Wunschleben aufmalen.

Man arbeitet also an diesem Plan, ohne zurückzublicken. Rücksichts-los trennt man sich von lästigen Angewohnheiten oder Menschen die einem schon lange nicht mehr gut tun. Und da auf einmal stellt sich einem die Frage:

Wusste ich schon die ganze Zeit, dass ich alles erreichen kann?

Im »Weitermachenwollen«, das mit dieser Erkenntnis vielleicht erwacht, wird einem klar wofür man sich entscheiden will. Doch dann, wenn man einen der möglichen Wege eingeschlagen hat: Lässt sich das Ausmaß der damit einhergehenden Veränderungen und Neuerungen überhaupt einschätzen?

Man kann es irgendwie spüren. Und das bringt manche aus dem Gleichgewicht. Sie beginnen auf diesem eingeschlagenen Weg zu taumeln, da sich auf einmal alles so anders anfühlt.

Auf einmal verliert man den Boden unter den Füßen und fällt – fällt ganz tief. Dann ist es soweit: Man begegnet dem großen Wächter der Schwelle, der einem den Todesstoß versetzt. Jetzt stirbt man endgültig in seinem alten Leben. Eine vollkommene Selbstvernichtung dessen was war, hat nun stattgefunden.

Plötzlich erkennen wir, dass all die Hindernisse die sich uns in den Weg stellten, dass all die Feinde die gegen uns vorgingen oder die wir verachteten:

Sie hatten ihren Grund da zu sein!

Sie waren unsere Lehrer!

In diesem Sterben eines Mysterientodes fällt alles von uns ab. Wir müssen lernen uns in einer neuen, sich vollkommen fremd anfühlenden Lebensumgebung zu bewegen – und zwar erst einmal alleine. In diesem Alleinsein aber gilt es nun die Fremde zu erkunden und uns die Fragen zu stellen:

Wo sind da die Gleichgesinnten, die ein ähnliches Schicksal ereilte?

Wir werden sie finden und sollten uns mit ihnen zusammentun, denn zusammen lässt sich die Antwort auf eine wichtige Frage leichter finden:

Bin ich bereit für das Geheimnis?

Vordringen zur Höhle im Verborgenen

Das Geheimnis ist vielschichtig und besteht aus einer Wahrheit, die mal gelesen, mal erlebt, mal gehört, mal erfahren wird. Dabei ist der Glaube an die Dualität und eine Getrenntheit von Gut und Böse, je eine Hälfte dieser Wahrheit.

Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aßen, wie es in Genesis 2:17 heißt, fielen sie in die Zeitlichkeit und vergaßen, das Gut und Böse ja die beiden Teile einer eigentlich polaren Einheit sind, eines Bundes der seitdem in die Unsichtbarkeit verschwand. Was mit dem sogenannten Sündenfall geschah, glich einem Zerbrechen dieses Bundes in die Dualität – doch nicht nur von Gut und Böse, sondern auch in die Gegensätze von Licht und Finsternis, Richtig und Falsch, Hier und Dort, Subjekt und Objekt.

Die darin befindlichen Gegensätze ergänzen sich jedoch wechselseitig, wofür das fernöstliche Yin-Yang-Symbol wohl ein eindrückliches Bild gibt: In einem Kreis gehen die Gegensätze von Schwarz und Weiß scheinbar ineinander über, lösen sich voneinander gegenseitig ab und sind zugleich jeweils ineinander enthalten.

Der Kreis der dieses Symbol umfasst, ist ein anderes Sinnbild auch für das Ei, aus dem neues Leben geboren wird. Als kosmisches Ei bricht es im griechischen Mythos auf, in eine golden-solare, dem Himmel zugewandte und eine silbern-lunare, der Erde zugewandte Eihälfte. Was diesen beiden Hälften des kosmischen Welteneis aber entweicht, ist eine Schlange mit dem Namen Eros.

Das Ei als Ganzes ist im Prinzip des Schöpferischen versinnbildlicht, durch das ja auch Mann und Frau – als die beiden Pole der Einheit Mensch – in Vereinigung, neues Leben in die Welt bringen.

Allen Gegensätzen ist dieses Potential der Vereinigung inhärent, da sie die beiden Seiten des Einen bilden. So auch ist alles Gute praktisch auch etwas Schlechtes. Aber auch alles Schlechte hat wiederum etwas Gutes!

Die Archetypen die man licht und finster nennt, sind also scheinbar doch miteinander verwandt, ja »kennen« einander gut wie Zwillinge – oder hassen einander wie die Pest. Der Wissende aber vermag, allegorisch gesprochen, diese Gegensätze gekonnt als weiße und schwarze Sphinx, rechts und links vor seinen Lebenswagen zu spannen. Doch sie werden ihn nur dann auf seinem Weg befördern, wenn er sie als Pole wahrnimmt, zwischen denen er selbst zum Bund geworden ist.

Wer also versteht sowohl Schlechtes wie auch Gutes, Problem und Lösung, als notwendige Gaben des Lebens anzuerkennen, findet wohl die Antwort auf die große Frage:

Wie kann ich das Minderwertige in Höherwertiges transformieren?

Gibt es vielleicht doch so etwas wie den Stein der Weisen – dessen Besitzer ohne Probleme lebt, nie krank werden kann und alle Reichtümer der Welt besitzt? Kann, wer das Sein im Leben als eigentliche Zweigesichtigkeit entlarvt hat, alles Sein ins Gute verkehren?

Entscheidende Erkenntnis

Wem gelingt in diesem Sinne zu handeln, dem scheinen alle bisherigen Wünsche zu verblassen, da er so auch seinen eigentlichen Grund zu leben finden wird, seine eigentliche Aufgabe im gegenwärtigen Sein ganz klar und deutlich erkennt.

Auf einmal ist man selbst zu einem höheren, einem vollkommenen Menschen geworden, einem Heiler, einem Lehrer – jemand, in dem die kosmischen Zyklen von Geburt, Leben und Tod ganz und gar eindeutig erkannt wurden, jemand der sich nicht mehr getrennt sieht von der Welt, sondern eins wurde mit dem, was um ihn, unter ihm und was über ihm ist. So einer ist sich dem Gotte, der Göttin bewusst.

Und doch weiß er auch, dass alles Gerede über diese Erfahrung nicht mehr sind als Schall und Rauch und blasse Theorie. Jeder muss diese Erfahrung selbst gemacht haben, um zu wissen wie es sich anfühlt. Besser also man vergisst da alles was man zu glauben wusste.

Man lebt jetzt im Jetzt, wo man Stillsein als vollkommenen Segen erlebt, wo alle Selbstgespräche enden, die Augen geschlossen werden und sich die Ohren lauschend öffnen.

Man hat den Weg des Herzens eingeschlagen – ein Weg, den auch der wahre Krieger geht.

Man ist gestorben, um zu werden und hat dabei die Angst vor dem Tod von sich gestreift, wie der Schmetterling seinen Kokon.

Wer einem von nun an begegnet wird zum Verbündeten. Zufall gehört der Vergangenheit an. Man hat seine Bestimmung gefunden. Selbst wenn man dennoch glaubt, dass man sich noch einmal nach dem alten Leben umdrehen müsste; und diese Versuchung ist ganz und gar da und es passiert darum sicherlich jedem – doch er wird merken, dass er von nun an durchhalten kann, um sich mit voller Kraft in diesem neuen Leben zu bewegen und darin zu entfalten.

Raub des Lebenselixiers

Alle äußeren Feinde sind nun verschwunden. Jetzt müssen die inneren Feinde erkannt und bezwungen werden. Da taucht die wahre Angst auf vor etwas, dass eins ist mir dem eigenen Fleisch, im Blut der eigenen Adern strömt. Und da steigen mitunter gefürchtete Fragen auf:

Welches Opfer bin ich bereit zu erbringen?

Was zählt wirklich in meinem Leben?

Aber in diesem Fragen setzt die innere Verwandlung bereits ein, die zu einer noch wichtigeren Frage führt:

Wie geht es jetzt, auf dieser Stufe in meinem Leben weiter?

Die Rückreise: Überschreiten der Schwelle ins Altbekannte

Man muss nun lernen in zwei Welten zu leben: in der Welt der Gewohnheit, dem Alltag, und in der Welt, die man als ganz und gar anders geartet, ja fast schon göttlich, jenseitig empfindet.

Es gilt sich nun die Fähigkeit anzueignen, nicht einfach in die Traumwelten abzuschweifen, wenn man doch Alltägliches vollbringen muss. Alles Handeln findet jetzt statt, ohne Hoffen, sondern mit einer vollkommenen Widmung dem eigenen Wirken, in absoluter Gewissheit seiner Verwirklichung.

Integration der Erfahrungen in das »alte« Leben

Zurückgekehrt in die gewohnten Gefilde der alltäglichen Welt, mag es erscheinen, als würde man sich wie ein Schwan im Ententeich fühlen. Doch es ist anders, da man fühlt, erwacht zu sein. Alle Überheblichkeit ist von einem abgeglitten. Jetzt stellt sich die Frage, deren Antwort einem ganz konkrete Handlungsanweisungen liefert:

Was sind die nächsten Schritte?

In diesem und in den zuvor begangenen Schritten, stellte man sich Fragen und wollte Wissen. Mit den gefundenen Antworten aber wurde man befähigt einen Weg zu finden, über den man aus sich herauszutreten vermag. Man erkannte nun sein wahres Selbst und auch den Weg, auf denen man sich jetzt seinem Wunschleben nähert.

Anerkennung und Bewunderung

Selbst hartnäckigste Zweifel haben sich nun aufgelöst. Jetzt gilt es Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln, wo man selbst zu jemanden wird, der auf diese oder jene Weise, gewiss auch anderen ein Mentor wird.

Schlüssel zur Heldenreise

Schlüssel zur Heldenreise

Reise des Helden - ewigeweisheit.de

Die Heldenmythen von einst folgen immer diesem Schema, dass Joseph Campbell ganz wunderbar in mehrere Stufen gliedert. Aus den Inhalten seines »Heros in Tausend Gestalten«, ergeben sich tatsächlich eine ganz Fülle praktischer Anwendungsmöglichkeiten, die sowohl in der Erzähl- oder Filmkunst, doch ebenso etwa in der therapeutischen Praxis zum Einsatz gebracht werden können.

Die folgenden siebzehn Schlüssel (5, 6, 6) lassen sich, wie oben bereits angedeutet, in drei Phasen gliedern (wobei die hier folgend aufgelisteten Schlüssel jeweils alle verlinkt sind mit noch ausführlicheren Erläuterungen).

Trennung und Aufbruch

Im ersten Abschnitt der Reise verlässt der Held seine gewohnte Welt. Und jeder Aufbruch geht einher mit einer Trennung. Ein kleines Kind trennt sich zum ersten Mal, wenn es sich dem Gebot der Mutter widersetzt oder eben dann ein junger Mensch, wenn er sein Elternhaus verlässt.

Immer aber begibt sich einer vom Vertrauten in eine neue Welt und damit ins Ungewisse. Hierbei bewegt er sich durch die folgenden fünf Stationen seiner Reise:

  1. Der Ruf ins Abenteuer,
  2. dem er sich dann aber verweigert,
  3. bis ihm Übernatürliches hilft
  4. die ersten Schwelle seiner Reise zu überwinden.
  5. Dann aber landet er im Bauch des Walfischs.

Einweihung

Der Zweite Abschnitt seiner Reise bildet die wesentliche Phase, wo der Held seine Einweihung in die Geheimnisse des Lebens, des Sterbens und der Wiedergeburt erlebt.

In verschiedenen Tests und Ritualen wird er da auf seine wahre Heldenrolle vorbereitet. Von Kühnheit und Kampfesmut durchdrungen, kommt sein eigentlicher, wahrer Charakter zum Ausdruck, wobei er jedoch den wichtigen Grund für sein irdisches Daseins erkennt:

  1. Auf dem Weg der Prüfungen
  2. begegnet er schließlich der Göttin.
  3. Dann wird er versucht
  4. bevor er sich mit dem Vater versöhnt.
  5. Somit erreicht er seine Vergöttlichung, die Apotheose,
  6. seine endgültige Segnung.

Rückkehr

Nun ist aus dem Reisenden ein wahrer Held geworden. Jeder der ihm begegnet erkennt ihn auch sofort als solchen. Doch auch in diesen Begegnungen wird der Held noch einmal herausgefordert. Bevor er in die gewohnte Welt zurückkehren kann, muss er erst unter Beweis stellen, dass er sich seine Einweihung auch verdient hat. Erneut wird er da in seiner Rolle auf die Probe gestellt, was ihm vielleicht auch wieder neuen Kummer bringt.

So aber steht er bereits am Anfang seiner eigentlichen Freiheit, erneut eine Heldenreise anzutreten, die ihn wiederum zu den Schüsseln einer noch höhere Ebene der Vervollkommnung führen wird:

  1. Der Held verweigert sich erst zurück zu kehren.
  2. Doch es kommt zur magische Flucht und
  3. einer Rettung von außen,
  4. womit ihm die Rückkehr über die zweite Schwelle gelingt.
  5. Jetzt ist er Meister in zwei Welten und
  6. findet die Freiheit zum wahren Leben.

Riten des Übergangs

Riten des Übergangs

Riten des Übergangs - ewigeweisheit.de

Geburtstagszeremonien, Namenstaufen, Zeremonien beim Eintritt in die Pubertät oder die Heirat, zählen zu den wichtigsten Übergangsriten. Doch auch die Brauchtümer der Bestattung gehören dazu, zumal der Tod doch gewiss die ultimativste Art jeglichen Übergangs bildet.

Immer geht es dabei auch darum etwas zu überwinden oder fallen- und zurückzulassen. Was in den alten Mysterienkulten dabei erfolgte, war ein Sterben des Mysten in seiner irdischen, sterblichen Natur während des Lebens, und das gleichzeitige Aufbauen eines sogenannten »Ewigkeitskörpers«, womit er endgültig und für immer alle Angst vor dem Tod verlor.

In dieser Art des Übergangs eines Menschen in einen neuen Lebensabschnitt, wo ihn, einen noch unbekannten Weg beschreitend, ein Mentor oder Schamane führt, beginnt ein besonderes Muster wirksam zu werden, das man den »Monomythos« nennt.

Dieses Wort stammt aus dem berühmten Buch »Finnegans Wake« des irischen Schriftstellers James Joyce (1882-1941), einem ganz außergewöhnlichen Werk der europäischen Literaturgeschichte.

Archetypische Quellen des Monomythos

Es geht in diesem Buch um eine Geschichte, deren Ursprung eigentlich in einer, wahrscheinlich irisch-amerikanischen Liederdichtung liegt, mit dem Titel »Finnegan's Wake« (deutsch: »Finnegans Totenwache«). Joyce entfernte aus diesem Titel jedoch den englischen Wesfall-Apostroph, was aus »Finnegan's« also eine Mehrzahl, nämlich »Finnegans« machte. Und diese Mehrzahl bezieht sich auf die Erscheinungen des Protagonisten Tim Finnegan, der da zuerst seine Rolle spielt als Lebender, dann als Verstorbener und zuletzt als ein von den Toten zu neuem Leben Auferwachter.

Tim Finnegan ist Hilfsarbeiter und ein schlimmer Trinker. Whiskey gilt ihm als das Wasser des Lebens (dabei ist »Whiskey« ja tatsächlich im Irisch-Gälischen, als »Uisce«, das Wort für »Leben«). Eines Morgens kommt er sturzbesoffen zur Arbeit, besteigt da eine Leiter, von der er wegen seiner Trunkenheit aber fällt und dabei zu Tode kommt – doch nur anscheinend.

Seine Freunde glauben aber er sei dabei verstorben und kommen, um seinen Leichnam abzuholen. Ihn wickeln sie ein in ein weißes Tuch. Die verborgene Symbolik der Farbe Weiß, spielt darin wohl an auf die irisch-keltische Heldengestalt »Fionn mac Cumhaill«, dessen Vorname »Fionn« eben »weiß« (oder »hell«) bedeutet und gewiss darin der Name »Finnegan« selbst mit anklingt. Das Leichentuch natürlich ist dem Brauch nach Teil der Totenwache, die seine Freunde nun für ihn abhalten. Sie entzünden da zu seinen Füßen vierzehn Kerzen und stellen oberhalb seines Kopfes ein Fass Schwarzbier hin.

Zu den Trauergästen zählen seine Frau, Verwandte und seine Freunde, die sich alle traurig vor seinem Leichnam verbeugen – aber nur der Form halber. Was nämlich in den Versen des ursprünglichen Trinkliedes unüberhörbar deutlich wird, ist, dass es sich bei dieser Trauerfeier um ein echt ausgelassenes Gelage handelt, wo sogar ein Streit ausbricht, der in eine Schlägerei mündet. Da zerbricht eine Flasche Whiskey und der Branntwein spritzt über Finnegans Leichnam, was ihn darauf wieder zu neuem Leben erweckt und er so von den Toten auferstehend schreit:

Do ye think I'm dead?

Seine heuchlerischen Freunde aber trauern weiter klagend um ihn, die ob ihrer Trunkenheit den eigenartigen Vorgang überhaupt nicht realisieren.

Macool, Macool, orra whyi deed ye diie? Of a trying thirstay mournin?

- Aus James Joyces »Finnegans Wake«

Joyces Buch ist voller Wortspielereien und Andeutungen, wo sich unzählige erfundene Wörter reihen, die sich nicht eins zu eins übersetzen lassen. Jener »Macool« aber, der hier beweint wird, spielt natürlich an auf den Namen des zuvor angedeuteten irischen Sagenhelden »Fionn mac Cumhaill«. Als sein Ebenbild ist da die Rede eben von Tim Finnegan, der wohl an einem Donnerstag seines Whiskey-Durstes (aus »thirst« und »thursday« macht Joyce »thristay«) wegen, morgens (englisch »morning«, hier von Joyce aber als »mournin« geschrieben, also eigentlich »mourning«: »zu klagen«) stirbt.

Doch wie in den Versen des ursprünglichen Liedes bereits mitschwingt, geht es da um die beschriebenen drei Phasen, in denen sich Tim Finnegan tot geglaubt, in einem halb-toten, schlafend-wachen, träumenden Zustand befindet: eine Anspielung auf das Unterbewusstsein des universalen Archetypus Mensch, dessen irdische Existenz sich immer in diesem Zyklus bewegt von Wachen, Schlafen und Erwachen, von Geburt, Tod und Wiedergeburt, von Leben, Leiden und Heil – von Loslösung, Initiation und Integration.

Auch in der irischen Sage um »Fionn mac Cumhaill«, kommt dieser Held ums Leben, doch auch er nur anscheinend. Schlafend nämlich träumt er im Schoße einer Höhle, die die sogenannten »Fianna« der keltischen Sagenwelt umkreisen – eine heimatlose Schar wütender Krieger. Sie ähneln durchaus den Streitsüchtigen auf Finnegans Totenwache.

Der Weg der Heldenreise

Da trat also ein vermeintlicher Held, der Außenseiter Tim Finnegan, eine eigentlich nicht gewollte Abenteuerreise an, doch das als Narr, der er in dieser, alltäglichen Welt noch war und da also auf die hohe Leiter stieg und abstürzte, doch sich dann als Wiedererwachter nicht länger zum Narren halten lässt.

Sehr wahrscheinlich inspirierte dieser von James Joyce so genannte »Monomythos« auch Joseph Campbell. Zusammen mit dem Schriftsteller Henry Morton Robinson nämlich, verfasste er eine Anleitung die beim Verständnis zu diesem Buch helfen sollte (»A Skeleton Key to Finnegans Wake«). Es ist daher naheliegend, dass Campbell mit auf Grundlage dessen, die siebzehn Schlüssel des von ihm beschriebenen Abenteuers des Heroen entwickelte, mit denen wir uns später noch näher befassen wollen.


 

Aus dem Diesseits begibt sich nun einer in die Ebenen überweltlichen, übernatürlichen Seins, wo alle Wunder, wo alle Dinge möglich sind (wie eben im Traum), ihm aber auch allerhand Gefahren auflauern und er sich scheinbar bösen Gegner ausgeliefert findet.

Doch er nimmt die Herausforderung auf sich und erzielt einen entscheidenden Sieg dort, wo es offenbar zuerst keinen Ausweg mehr zu geben schien. Von da an aber ist er gefeit, hat Furcht und Zorn verloren, ist wie von den Toten auferstanden, um zurückzukehren in die alte Welt aus der er aufbrach. Was er in diesem Abenteuer jedoch fand, ist vielleicht ein geheimer Schlüssel, ein Zaubertrank, ein Allheilmittel, der »Stein der Weisen«? Mit Sicherheit aber eine besonders gute Gabe, mit der er seine Zeitgenossen segnet, alle Trauer verscheucht und sie damit ganz fröhlich stimmt.

[…] ganz gleich ob in den riesigen, fast ozeanisch tiefen Bildsymbolen des Orients, in den lebhaften Erzählungen der alten Griechen oder in den majestätischen Bibel-Legenden: das Abenteuer des Helden folgt dem Muster jenes oben beschriebenem Kernthemas: eine Trennung von allem Weltlichen, ein Vorstoß zu einer besonders gearteten Macht und die Rückkehr von dort in ein besseres Leben.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Es ist egal ob wir nach der Gestalt des Monomythos im Orient oder im Okzident suchen, denn wie es scheint lassen sich seine Motive überall finden – sei es in der Geschichte des Siddhartha Gautama, der als Buddha zurückkehrte und seinen Mitmenschen »den Weg« lehrte, oder der Prophet Moses des biblischen Exodus (dem Auszug aus Ägypten ins gelobte Land), der im Namen Gottes seinem Volk die Gesetzestafeln vom Sinai überbrachte: immer geht es um den Abschluss von etwas Gewesenem, eine in Aussicht-Stellung neuer Lebenschancen, die jedoch ein Entsterben der alten Welt voraussetzen.


 

Um das eigentlich Wesentliche des Seins zu gewinnen und dabei den wahren Grund des eigenen Daseins zu finden, muss sich ein Mensch von bisher Gelebtem lösen.

Ziel also sollte sein diesen Grund für das eigene Leben zu suchen, zu finden und zu entlarven. Nur was sich dabei entpuppt, was sich uns darin mitzuteilen versucht, das bringt uns in einen neuen, höheren Kreislauf, worin wir ganz wesentlich leben, unserem wahren Selbst entsprechend. Die Puppe, die Maske, die »Persona«, wie die alten Griechen sagten, fällt da ab und verliert ihre Relevanz. Was bleibt sind wir – die wir geworden sind, was wir wirklich sind.

Der Nabel der Welt: Born allen Lebens

Auf seiner Reise hindern den Helden manchmal scheinbar unüberwindbare Barrieren. Und es gibt keinen Ausweg. Er muss diese Barrieren überwinden, muss sich Konfrontationen stellen, Grenzen durchbrechen, muss kämpfen um seine äußeren Feinde zu überwinden – doch auch seine inneren, oft noch größeren Feinde.

Sobald aber der Held sein Abenteuer bestanden hat, da er unbeirrbar an dem Ziel festhielt den Weg auch zu Ende zu gehen: Da eröffnet sich eine universale Lebensquelle, deren Strom sich ergießt, in ihn und in die Welt von der er ein Teil ist.

Über diesen Strom des Lebens erfahren wir in verschiedenen Legenden der Menschheitsgeschichte. Sein vitalisierender Fluss entströmt einer verborgenen Quelle, deren heilige Wasser den symbolischen Mittelpunkt des Universums umfließen.

Unter diesem Mittelpunkt, dem Nabel der Welt, dort ruht der Kopf der kosmischen Schlange Kundalini, aus dem die lebendigen Wasser ewigen Lebens hervorquellen, wie jene vier strömenden Flüsse im Garten Eden. Hieraus wächst immer ein heiliger Baum, der mal erscheint als Irminsul der germanischen Mythologie, mal als Lebensbaum des biblischen Paradieses oder ein andermal als der Boddhi-Baum des Buddha.

Im Monomythos aber bildet der Held selbst diesen Pol. Als wandernde Leitfigur bewegt er sich durch den Raum und so durch die Zeit. Mal gab man ihm den Namen Attis, mal Herkules, mal Wotan, mal Buddha, ein andermal wurde er zum Christus Jesus. Immer ist der Held auf seiner Reise aber Angelpunkt des Weltgeschehens und ein Symbol für ein Erhalten des Weltganzen, ein Sinnbild für die Lebendigkeit in allem Sein.

Seine Aufgabe besteht darin sich auf dem Weg durch die Stationen des Heldenzyklus, selbst auf diesen Weltennabel hin auszurichten, um in sich dabei die lebenserneuernden Kräfte zu sammeln und damit wachzurufen, die ihm von dorther zuströmen.

Es wird dieser Nabel der Welt manchmal auch gleichgesetzt mit einem der universalen Weltenberge, auf dessen leuchtendem Gipfel die Götter wohnen (Olympos, Jerusalemer Tempelberg), deren Häuser darauf aus kostbaren Edelsteinen erbaut wurden. Inmitten dessen wölbt sich die Kuppel des Heiligen Tempels, dessen Säulen auf den vier Weltecken fußen. Über dieser Kuppel breiten sich die himmlischen Sphären aus, und in ihrer Mitte befindet sich, in Form einer Krone nach oben hin geöffnet, das, was man Himmels- oder Sonnenpforte nennt.

Durch diese Öffnung entweicht der Rauch der sakralen Gaben, der von den Nabelpunkten der Welt aus gen Himmel aufsteigt – mal vom Tempel des griechischen Delphi oder wo anders auf dem Tempelberg zu Jerusalem.

Auf dem Jerusalemer Berg Moriah stieg solch heiliger Rauch aus dem Opferfeuer in den Himmel, zum weltlichen Mittelpunkt empor. Es brannte auf dem Hofaltar des Salomonischen Tempels. Dieser Altar bildete da die symbolische Radnabe einer Weltachse, an deren anderem Ende sich das himmlische Weltenrad dreht.

Was den Juden in ihrem Tempel zu Jerusalem als Weltennabel galt, galt den Christen die erste Kirche in Rom oder den Muslimen die Kaaba in Mekka. Besonders in Richtung jenes heiligen Zentrums des Islam, verbeugen sich ja die Gläubigen an allen Orten der Erde, fünfmal am Tag. Hiermit bilden sie zwischen sich und der Kaaba, die beiden Enden der Speichen eines sich im Tageslauf der Sonne drehenden, gigantischen Weltenrades.

Der Herd des Hauses ist wie im Tempelaltar, die Nabe des Erdenrades, der universale Mutterschoß, dessen Feuer als Feuer des Lebens brennt. Und die Öffnung am Dachfirst der Hütte – oder auch die Krone, die Zinne oder Spitze des Doms – ist die Nabe oder der Mittelpunkt des Himmels: die Sonnentür, durch die die Seelen aus der Zeit in die Ewigkeit eingehen, und durch die auch der wohlriechende Rauch der Opfergaben zieht, die im Feuer des Lebens verbrannt und auf der Achse des steigenden Rauchs, von der Nabe des Erdenrades zum Nexus des Himmelsrades getragen werden.

So gefüllt, ist die Sonne die Speiseschale Gottes, ein unerschöpflicher Gral, den Opfersubstanz überquillt, dessen Fleisch wahrhaftig Speise und dessen Blut wahrhaftig Trank ist.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Natürlich spielen diese Sätze Campbells an auf das Opfer von Brot und Wein des letzten Abendmahls, dass der Christus inmitten des Kreises seiner zwölf Apostel, selbst als Nabel der Welt, ihnen zu kosten gibt, damit sie durch ihn das ewige Leben haben.

Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben

- Johannes 6:53f

Der Monomythos

von S. Levent Oezkan

Reise des Helden - ewigeweisheit.de

Ganz gleich ob wir uns nach Westen oder Osten blickend, mit den Märchen und Mythen der Völker befassen: Sie alle vermögen uns zu faszinieren. Es ist als ob wir darin eine Geschichte von der Reise eines Helden wiedererkannten, die etwas in uns Veranlagtes anklingen lässt, nur jedes Mal in anderer Form.

Es sind darunter jene Legenden und Sagen, die man sich schon vor Jahrtausenden erzählte, doch deren Inspirationskraft seit eh und je die selbe bleibt. Wohl kaum ein Zufall das Mythen entstanden, um sich dereinst in den Kulturen der Menschheit auszubreiten – wodurch Bräuche ebenso entstanden, wie selbst die Riten unserer heutigen Religionen.

Man findet darin Symbole, die keineswegs nur etwas sind das sich Menschen nur ausdachten. Eher entstanden sie als spontane Geistesergüsse, aus den tiefen Schichten des kollektiven Unbewussten. Dennoch kann es verwundern, dass diese mythischen Erzählungen sich ähneln, trotz der so großen kulturellen Unterschiede der Völker unseres Planten. Wie kann das sein?

Zuerst einmal lässt sich feststellen, dass all diese Legenden und Mythen ganz und gar zeitlos sind. Selbst wenn man sie schon vor tausend Jahren erzählte, vermögen sie auch heute noch einen Zuhörer oder Leser zu faszinieren. Es scheint damit also, als basierten sie auf einer gewissen Logik, durch die, wenn scheinbar auch unergründlich, sich offenbar auch unsere Träumen bewegen.

Viele dieser Symbole die uns im Schlaf als Bilder erscheinen, tauchen ebenso auf in den Legenden unserer Kultur. Die moderne Psychologie spricht da von den »Archetypen«, Urformen die aus den Tiefen unserer Seelenwelt aufsteigen, um sich dabei unserem Traumbewusstsein zu zeigen.

Alle möglichen Arten von Bildern und Symbolen scheinen in unserem Unterbewusstsein darauf zu warten, durch emotional affektierte Schübe, von dort aus, durch unsere Träume zum Vorschein zu kommen. Mal sind es seltsame Wesen, ein andermal auch Gefahren oder Täuschungen, mit denen der Träumende da vielleicht konfrontiert wird.

Was im Schlafbewusstsein wie von selbst eine Realität erzeugt, aus den selben Quellen speisen sich Mythen, die uns mal jemand erzählte oder die wir wo lasen, vielleicht in einem Märchenbuch.

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) schreibt in seinem Buch »Der Heros in tausend Gestalten« auch über die verblüffenden Ähnlichkeiten von Traum- und Mythenwelt.

In alten indigenen Übergangsriten, wo Jungen oder Mädchen in der Pubertät, in die Gemeinschaft und ihre geheimen Überlieferungen eingeweiht werden, findet man Symbole die durchaus Traumcharakter aufweisen.

Beim Stamm der Murngin-Aborigines Australiens weiht man die Jungen ein, in einem, für unser westliches Verständnis vielleicht, recht schaurigen Initiationserlebnis:

Wenn ein kleiner Junge des Murgin-Stammes beschnitten wird, erzählen ihm sein Vater und die männlichen Stammes-Ältesten: »Die große Vaterschlange wittert deine Vorhaut; sie ist ganz darauf aus.« Die Jungen glauben, dass das auch tatsächlich wahr ist und bekommen furchtbare Angst. Meistens flüchten sie sich dann zu ihrer Mutter, ihrer Großmutter oder einer anderen Frau ihres Vertrauens, denn sie wissen dass sich die Männer zusammengetan haben, sie auf ihrem Versammlungsplatz der großen, fauchenden Schlange auszuliefern. Die Frauen aber stimmen sich auf das Ereignis dann wohl selbst zeremoniell ein und fangen an um die Jungen zu jammern; so soll die Schlange davon abgehalten werden die Kleinen zu verschlingen.

Es gibt da eine interessante Parallele zur Schilderung dieses Initiationserlebnisses, in dem Buch »Wandlungen und Symbole der Libido« des schweizerischen Psychologen C. G. Jung, wo ihm ein Patient ein Traumerlebnis schildert:

»Eine Schlange schießt aus einer feuchten Höhlung hervor und beißt den Träumer in die Genitalgegend.« Dieser Traum fand statt in dem Moment, wo sich der Patient von der Richtigkeit der Analyse überzeugte und anfing, sich aus dem Banne seines Mutterkomplexes zu befreien.

Man kann durchaus davon ausgehen, dass die Symbole in den beiden hier geschilderten Erlebnissen, auf die eigentliche Wichtigkeit einer Loslösung hindeuten, im Übergang aus der Pubertät ins Erwachsenenalter. Was also einst der Mystagoge war, jener Mysterienpriester oder auch Schamane, diese Rolle sollte in der modernen Welt dereinst ein Psychotherapeut übernehmen.

Aus Sicht der therapeutische Psychologie entstehen viele Neurosen, da ein Betroffener jenen Übergang ins Erwachsensein eben noch nicht vollzogen hat, da er sich bislang weigerte solcher oder ähnlicher Art spirituelle, wirksame Hilfe in Anspruch zu nehmen.

An der eigentlichen Aufgabe, dem sehenden, träumenden Menschen die Bedeutungen seiner Erfahrungen zu verkünden, hat sich nur insofern etwas geändert, als dass das kulturell entsprechend Zeitgemäße, heute ein anderes ist.

Seit alter Zeit aber ging es darum, wie auch heute etwa in einer Psychotherapie, einem Menschen auf seinem Weg durch das Leben, Möglichkeiten zu zeigen. Abgesehen davon, wie die auf diesem Weg zu überschreitenden Schwellen aufgebaut sein mögen, geht es darum eine Transformation nicht nur im bewusst erlebten Wachbewusstsein zu vollziehen, sondern auch in den tiefen Schichten des Unterbewusstseins.

 

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