Religionen

Fortschritt und Tradition

von S. Levent Oezkan

Hätten Sie gedacht, dass etwas mehr als 25 Jahre nach Einführung des WWW, überall auf den Straßen, Menschen mit gebeugtem Kopf und runzliger Stirn, mit etwas in ihrer Hand auf der Suche sind? Was haben sie in dieser Welt verloren? Welch dauerhafter Wert lässt sich auf diese Weise finden?

In den Industrieländern besitzen 2016 fast 1 Milliarde Menschen ein Smartphone. Monatlich nutzen fast 2 Milliarden Menschen digitale Netzwerke wie Facebook, WhatsApp, Instagram usw. Allein in den vergangenen drei Jahren, kamen mehr als 300 Millionen neue Internet-Nutzer hinzu. In den kommenden 5-10 Jahren wird sich der Kreis der Teilnehmer noch einmal, um etwa 3-4 Milliarden Menschen aus Schwellen- und Entwicklungsländern erweitern. Soweit der Zustand unserer digitalisierten Welt.

Global betrachtet, scheint sich die Menschheit in eine riesige Generation von Cyber-Drohnen zu verwandeln, die in einem elektronisch-vernetzen Bienenstock emsig Geld produzieren. Nur weiß es kaum einer. Die Zahl derer, die wissen, dass ihre Inhalte und Fotos indirekte Werbemittel sind, ist gering. Doch damit machte Facebook im Jahr 2015 ca. 18 Milliarden US-Dollar Umsatz – 44% mehr als noch 2014.

Vorteile für jeden

Natürlich sind Computer, Smartphones, Internet und Soziale Netzwerke, längst fester Bestandteil unseres kulturellen Lebens. Sie bieten ja auch wirklich Vorteile: Man kann mit Freunden und Familie in der Ferne einfacher in Kontakt bleiben oder neue Menschen mit gleichen Interessen kennenlernen. Auch Geld lässt sich mit dem Internet vielseitiger verdienen.

In Zukunft wird das Internet weiter dazu beitragen, das weniger Kinder vermisst, Wirtschaft und Politik noch transparenter werden, das Redefreiheit und Bürgerbeteiligung wachsen, öffentliche Dienste effizienter genutzt werden können, der Zugang zu Bildung noch einfacher wird und wegen der wirtschaftlichen Teilhabe aller, es zu einer immer stärkeren Demokratisierung kommt.

Transparenz für alle

Mehr Transparenz erfordert mehr Sicherheit. Denn mit steigender Transparenz wächst auch das Ausmaß von Überwachung und Manipulation. Ebenso problematisch ist der wachsende Identitätsdiebstahl. Gesichtserkennung und moderne Cyberbrillen (in denen z. B. personenbezogene Daten sich sofort in das Gesichtsfeld ihres Trägers einblenden lassen), werden die individuelle Privatsphäre immer mehr aufweichen, was natürlich zu allen möglichen Formen von Online-Mobbing führen wird, zu Polarisierung und Diskriminierung. Virtuell geschaffene Räume (unterstützt durch 3D-Brillen, elektronisch optimierte und intelligente Kleidung) sorgen für immer mehr Ablenkung und Realitätsflucht aus dem wirklichen Leben.

Krieg ist der Vater aller Dinge

Alle kulturellen Errungenschaften der modernen Welt, wie Radio, Fernsehen und Internet, wurden, bevor man sie zivil nutzte, für militärische Zwecke entwickelt. Der griechische Philosoph Heraklit sagte einmal:

Krieg ist der Vater aller Dinge, König aller Dinge. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.

Das ist eine ganz wertfreie Feststellung über das Wesen der Zivilisation an sich. In Zeiten des Krieges wollen beteiligte Regierungen bestenfalls ihre Bevölkerung gegen Angriffe schützen. Was noch vor 100 Jahren ein Grenzschutz leisten konnte, das sind heute außerdem digitale Schranken, die man im Fachjargon als »Firewalls« bezeichnet. Sie werden in Computersystemen installiert, zum Schutz von Privatleuten, Unternehmen und Regierungen gegen Angriffe auf ihre Daten.

Die Grauzonen zwischen Legalität und Illegalität, zwischen Verbündeten und wirtschaftlicher Wettbewerbsfreiheit, scheinen sich ausgedehnt zu haben. Wie immer erfordert die Nachfrage das Angebot, denn jeder von uns, wenn auch nur passiv, möchte die Vorteile der technologischen Entwicklung nutzen. Und es gibt sie, diese Vorteile!

Noch mehr Vorteile

In 10 Jahren werden immer mehr Elektro-Fahrzeuge (z. B. Tesla-Motors) auf den Straßen fahren, verbesserte Recycling-Verfahren zu einer saubereren Umwelt beitragen, Solarenergie effizienter genutzt und damit weniger fossile Rohstoffe verbrannt werden. Das alles trägt zur Gesundung unseres Lebensraumes bei: weniger Smog, weniger Lärm, weniger Müll.

Die hierfür notwendige technologische Infrastruktur erfordert auch immer intelligentere Computer. Viele Prozesse im Leben werden durch diese Strukturen optimiert, fordern den Menschen dazu auf, sein Leben diesen Optimierungs-Vorgängen anzugleichen. Wir können heute jedoch nicht sagen, ob das dazu führt das der Mensch unbewusster wird, was seine wahre Herkunft und die Bedeutung der Natur anbelangt. Es scheint aber, dass durch diese Optimierungen der Lebensabläufe, weniger Zeit für den Broterwerb aufgewendet werden muss, stattdessen mehr Zeit zur Verfügung steht für Bildung.

Wenn aus jedem Menschen in Zukunft ein Produzent schöner, brauchbarer Dinge und Ideen würde, und er sich so aus der Konsumhaltung befreite, wären all die Cyber-Technologien eher unproblematisch. Wir sollten die Konsum-Mentalität des 20. Jahrhunderts ablegen. Wer nur konsumiert, wird in Zukunft immer einfacher steuerbar und ohne es zu merken, zu einem immer effizienteren »Verbraucher« erzogen. Doch nicht allein von Personen, sondern immer mehr auch durch KI – Künstliche Intelligenz (AI, Artificial Intelligence).

Im WWW werden unsere Daten für uns unsichtbar, ständig optimiert, um besser auf uns zurück zu wirken – besonders durch Werbung. Zum Glück aber gibt es jede Menge Software, die all die unzähligen Werbeeinblendungen unterbindet – genannt Ad-Blocker. Trotzdem wird unsere Suche im Internet ständig optimiert und auf Produktangebote angeglichen. Selbst wenn direkte Manipulationen der Suchergebnisse wegfielen, so inkludieren Suchroboter in die Suchergebnisliste immer auch kommerzielle Inhalte. Das liegt im Wesen der Dinge.

Big Brother in einer Schönen Neuen Welt

Experten aus Wirtschaft und Industrie erwarten in den kommenden Jahren gigantische Techno-Tsunamis, wegen denen ganze Industriezweige und wesentliche Bestandteile unserer gesellschaftlichen Infrastruktur weggerissen werden. Schon bald werden wir uns mit neuen Spielregeln beschäftigen müssen. Der Übergang von der »Alten Welt«, in das, was nach dieser »Vierten Industrielle Revolution« kommt, wird die digitalisierte Menschheit vor immer komplexere Aufgaben stellen. Immer mehr Künstliche Intelligenz wird eine Rolle spielen. Wo aber Verläuft die Grenze zwischen Nutzen und Sinn? Läuft all das nicht auch darauf hinaus, das sich der Mensch, durch Überoptimierung seiner Umwelt, irgendwie selbst abschafft?

Schon in naher Zukunft drängen kommerziell verfügbare Geräte auf den Markt, die in den menschlichen Körper eindringen. Herzschrittmacher und Cochlea-Implantate waren nur der Anfang – man könnte fast sagen: harmlos. Ins Gehirn implantierte Telefonie und Internet sind längst in der Entwicklung. Brillen werden mit dem Internet verbunden sein, so dass zu vielen Objekten in unserer Umgebung sofort weitere Informationen abgerufen werden können (z. B. »Google Glass«). Was einst geheim war, weiß sofort jeder über jeden. Wer ein Facebook-Konto besitzt und schon einmal auf einem Foto von einem Freund mit Namen zugeordnet wurde, den können andere mit oben genannter Technologie überall identifizieren.

All das ist kein Pessimismus und auch keine Antiutopie. Es sind reine Fakten.

Die Digitale Maske

Zunehmend verschmelzen physisch-biologische mit digitalen Systemen. Viele sehen darin nur Vorteile. Andere wenige aber sehen darin eine immer enger werdende Fessel. Die meisten Internet-Nutzer wissen leider nicht, wenn sie schlafen, mit ihrem Partner im Bett liegen, im Bad sind oder irgendeiner anderen Aufgabe nachgehen die nichts mit dem Internet zu tun hat, ihre digitale Persona im Internet unterwegs ist und durch Google, Facebook, Amazon und andere Firmen ununterbrochen optimiert wird. Diese Persona wirkt auf jeden von uns zurück. Sie ist unser digitales Doppel. Durch sie blicken wir ins Internet und je mehr wir das tun, desto mehr identifizieren wir uns mit ihr und desto optimaler gestaltet sie sich aus. Selbst wenn wir das nur als Vorteil empfinden, wirkt diese Persona auf unsere Interessen zurück, insbesondere auf unser Kaufverhalten.

Zunehmende Komplexität

Die Komplexität in der Welt nimmt beständig zu. Leben im 21. Jahrhundert heißt: ständig dazu lernen, ständig sein Leben verändern. Wer aber keiner spirituellen Tradition folgt und sein Leben ständig dem Diktat der digitalen Techno-Welt unterordnet, aus dem wird schon bald ein Android, der gar kein eigenes Leben mehr hat, sondern sich gemäß dem digitalen Diktat ständig verbessert – Stichwort »Selbstoptimierung«. Der Glaube an eine anscheinend ultimative Freiheit, die das Internet und mobile Digitaltechnologie bieten, ist gefährlich. Smartphones fördern unseren Narzissmus. Noch mehr Aufmerksamkeit will mit ihrer Nutzung befriedigt werden und langsam entleert sich unser inneres Leben nach Außen.

Sicherheit vs. Religion und Terror

Wir sollten nicht allen Drohszenarien trauen, die sich uns durch Internet, TV und Presse aufdrängen. Vieles sind schön ausgeschmückte Intrigen. Es liegt halt im Wesen der Sache: fast alle von uns lieben Skandale. Danach suchen Journalisten für uns. Die Nachfrage bestimmt die Medienlandschaft. Manipulation wird weniger, wenn der Konsumdrang nachlässt.

Das terrorgetränkte Weltgeschehen soll sich, laut Medien, allein in der Arena der Religionen abspielen. Im Westen will man den Muslimen an allem die Schuld geben. In Wirklichkeit aber werden die vermeintlichen Feinde unserer Zivilisation, von teils bekannten, teils unbekannten Quellen gefördert – die lediglich Teil eines großen Technologie-Komplotts sind. Nur sehr, sehr wenige Menschen verstehen, was in der Technologie-Branche eigentlich gerade passiert. Auf viele Bereiche unseres Alltags werden sich die disruptiven Technologien schon bald auswirken. Disruptive Technologien sind Innovationen, die bestehende Produkte, Technologien oder Dienstleistungen, vollständig verdrängen. In wenigen Jahren wird die Weltgesellschaft Zeuge eines schlagartigen Zerbrechens, ja, einer regelrechten Zerstörung alter Systeme. Das wird sich auswirken auf die Wirtschaft, das Wesen der Arbeit, auf die Art der Produkte und ihre Vermarktung, auf Firmenstrukturen, ja auch auf ganze Staaten und die Art der globalen Zusammenarbeit. Da der Mensch aber in Zeiten großer Not dazu neigt, sich an höhere Mächte zu wenden, beginnen jetzt die Führer der Religionsgemeinschaften, Menschen wie Schäfchen auf ihre Weiden zu locken, mit der vermeintlichen Absicht, das Individuum aus den Klauen der großen Daten- und Fernsehbilderkrake zu reißen.

Börse, Daten und unser Geld

Alte Formen des Handwerks werden heute durch neue, stark anwachsende und »innovative« Technologien gestört. Politik und Wirtschaft werden nicht alleine durch Menschen bestimmt, sondern immer deutlicher drängt sich den Entscheidern das »Diktat des Siliciums« auf – um es einmal so zu nennen. D. h.: die Halbleiter-Schaltkreise all der unzähligen Computerchips in Servern und Computern weltweit (die ja auf dem Halbmetall Silicium basieren), optimieren sich gegenseitig, ohne das je ein Mensch darauf Einfluss nimmt, geschweige denn en détail verfolgen könnte, was eigentlich passiert. Viele wissen nicht einmal, wie Computer, geschweige denn das Internet funktioniert! Ignorant trägt fast jeder so ein »Datenmonster« in seiner Hosen- oder Handtasche.

Überall dort, wo moderne Medien und Technologien präsent sind, ist das »Blut« dieses globalen, elektro-digitalen Organismus, das Giralgeld – das Geld der Geschäftsbanken, das von Girokonto zu Girokonto fließt, von Aktienwert zu Aktienwert übertragen wird. Es fließt ungesehen durch Glasfaserkabel durch den Atlantik und über die Datenleitungen der Kontinente. Wir alle rühren in der finanziellen Datensuppe mit, wenn auch nur mit unserem kleinen Smartphone oder unserem so unschuldigen Internetzugang. Jede Handlung im Internet wirkt sich direkt oder indirekt auf das finanzielle Weltgeschehen aus. Die Zahlen dazu laufen auf den Bildschirmen von Agenten, Maklern und Brokern an der Börse. Irgendwelchen Oligarchen und Wirtschaftsmagnaten mag das heute noch nützen. Doch nur ihnen die Schuld an der gegenwärtigen Weltkrise zu geben: ist das realistisch? Für die meisten Menschen ist das Internet einfach wie ein großer Selbstbedienungsladen und keinen interessiert noch, wo das eigentlich alles herkommt.

Gold, Geld und Zinseszins

Der Großteil derer, die im Internet mit Werbung und Handel Geld verdienen, müssen irgendjemandem Zinsen zahlen. Und nicht nur das: sie zahlen auch Zinsen auf ihre Zinsen. Das ist ein wichtiges Problem der Weltwirtschaft. Wie die meisten wohl wissen, muss die Währungsordnung von Geldbeträgen, einen Umtauschkurs zu Gold garantieren. Wie aber soll Geld, dass sich als Zinseszins im Geldsystem von selbst vermehrt, mit Gold gedeckt werden? Je mehr sich Schulden in einer bestimmten Währung durch Zinsen vergrößern, desto mehr driftet ein Staat oder eine Währungsunion (z. B. die Europäische Union) in die Krise. Es scheint das jedes Geldsystem ein System auf Zeit ist. Wenn die Werte nicht mehr mit Gold umgetauscht werden können, fordern Gläubiger bekanntlich Naturgüter oder andere Waren und Dienstleistungen. Wenn ein Staat sehr hoch verschuldet ist und weder seine Kredite bezahlen kann noch seine Zinsen, droht ein Krieg. Da sich aber durch den internationalen Handel von Gütern und Dienstleistungen, die Grenzen zwischen Staaten immer mehr aufweichen, ist die Situation etwas komplizierter geworden. Manche befürchten zwar einen Dritten Weltkrieg, doch die mit dem Geldsystem verbandelte Technologie-Entwicklung, geht wohl ihre eigenen Wege.

Die Computer-Branche wirkt auf noch viel höherer Potenz auf das Geschehen unserer Weltgesellschaft zurück. Wie Geld, verliert auch Software beständig an Wert. Ständig gibt es Software-Aktualisierungen, die auch durchgeführt werden müssen, da Anwendungen sonst fehleranfällig und unsicher werden. Zwar ist das ein Vorgang, den man auch an physischen Strukturen feststellen kann, nur sind die Zeitzyklen in der digitalen Welt sehr, sehr viel kürzer.

Was irgendwie nicht passt: Internet und Gott

Die gegenwärtige technologische Revolution, die auch eine industrielle und gesellschaftliche Revolution ist, hat begonnen. Die Menschen sind zu sehr mit ihrer Angst beschäftigt, nach der sie sich offenbar sehnen: jeden morgen beim Frühstück läuft bei vielen schon was auf der Mattscheibe (z. B. »Frühstücksfernsehen«).

Schon lange prophezeien Moral-Apostel vieler Geistesschulen und Religionen, ein aufdämmerndes, gesellschaftliches Desaster. Das Problem: die Führer der Glaubensgemeinschaften innerhalb ihrer Institutionen sind zerrüttet. Innere Kräfte wenden sich gegen sie. Man schaue nur in den Vatikan. Die islamische Welt ist ebenso gespalten. Radikalisierte Gruppen behaupten über die Häupter der Gläubigen hinweg, den Dschihad (»Heiliger Krieg«) im Außen durchführen zu müssen. Andererseits waren es aber nicht die gläubigen Rabbiner, die 2014 in Panzern durch den Gazastreifen rollten. Jahrhunderte lang lebten Juden, Christen und Muslime friedlich miteinander im heiligen Land. Erst nach dem Holocaust und dem Völkermord in Europa, kam es zur Staatsgründung Israels. Das aber die Technologie-Verwirrung, all die vielen Konflikte anschirrt, liegt auf der Hand - wenn es auch kaum einer weiß. Man denke an all die Smartphone-Filme, die von Nachrichtensendern, für ihre Berichterstattung verwendet werden. Ist das alles glaubwürdig?

Gretchenfrage und Ignoranz

Wenn Menschen aufhören an etwas zu glauben, dann glauben sie an jeden Unsinn – wie uns die Wellness-Esoterik-Szene beweist. Anfang des 20. Jhd. befanden sich die Menschen in Europa in ähnlicher Verfassung. Das führte zum deutschen Nazismus und zum sowjetischen Kommunismus. Was bei den einen die Rasse-Reinheit galt, forderten die Anderen mit erzwungener Gleichheit.

Leben wir heute nicht in ähnlichen Verhältnissen? Wieviele Menschen belächeln, wenn jemand sagt: »Ich glaube an Jesus Christus.« Auch damals glaubte keiner mehr so richtig an irgendetwas, hatte sich schon lange vom Glauben an einen Gott abgewandt, sich über die Religionen lustig gemacht. Alternativreligion war der Sozialismus – der nationale, wie der kommunistische. Den »Einen Gott« ersetzte ein Führer: Hitler oder Stalin.

Das Eine Ding

Vielleicht wäre es gut, mehr Menschen zögen in Erwägung, ihr Handeln auf eine Sache hin zu konzentrieren, etwas das ihnen Zuversicht und Stärke vermittelt – etwas worauf man sein Bewusstsein ausrichten kann. Etwas Verlässliches sollte es sein, eine Art Ritus der einen erdet, wo man Ruhe findet, etwas auf das man sich konzentrieren kann. Es ist schwierig sich einfach nur das Allerbeste aus allen Religionen herauspicken und zu versuchen, nur die schönsten und praktischsten Riten und Gebräuche ins Leben zu integrieren. Aus einfachem Grund: wer sich längere Zeit mit den traditionellen Geistesschulen und Religionsformen beschäftigt, erkennt zwar ihren gemeinsamen Kern, doch unterscheiden sich die Formen ihrer spirituellen Praxis. Genau aber die regelmäßige, spirituelle Praxis ist es, die uns hilft, Halt in einer Welt zunehmender Komplexität zu finden. Sich auf eine Tradition festzulegen, sich einem Glauben anzuschließen, heißt nicht, alle anderen spirituellen Wege abzulehnen oder ignorieren zu sollen. Sich zu einer spirituellen Praxis bekennen bedeutet, dass man sich wenigstens einmal im Leben mit etwas wirklich beschäftigt hat! – und eben nicht nur eine neue Gebrauchsanweisung verinnerlicht, die in einem Jahr schon wieder überflüssig geworden ist.

Tradition heißt nicht, die Asche bewahren, sondern das Feuer weitertragen.

- Ricarda Huch, deutsche Philosophin und Historikerin

Die materielle Welt ist heute sehr komplex und wird immer komplizierter. Umso wichtiger wird ein konkreter, einfacher Kern der Spiritualität, den man praktisch lebt, auf den man sich jeder Zeit hin ausrichten kann, sich dorthin wenden kann, wenn die Welt im Außen zu turbulent wird und nervt.

In die Mitte kommen heißt: die Mitte kennen.

Natürlich versuchen alle spirituellen Schulen neue Mitglieder zu rekrutieren und bekämpfen darum andere Schulrichtungen, ja es scheint als wäre es nie schlimmer gewesen. Immer aber gab es mystische Strömungen in den Traditionen in West und Ost (Schamanismus, Kabbala, Sufismus, Gnosis, Rosenkreuzertum, Voodoo, Bön, Vajrayana, Vedanta), deren Anhänger den wahren Kern aller Religionen kannten. Doch sie waren es immer auch, die sich auf gefährlichem Wege durch die Weltgesellschaft bewegten. Mystiker wurden wegen ihrer universellen Weltsicht, von ihren Glaubensbrüdern oft heftigst angefeindet. Aber gäbe es heute keine Mystiker, fände wohl überhaupt keine Verständigung mit anderen Glaubensrichtungen statt. Sie sind es, die das Wesen der Ewigen Weisheit (Sophia Perennis) kennen.

Kreativität ist so wichtig

Sind wir nicht alle dazu angehalten, in dieser Zeit des großen Weltwandels, zur Verständigung zwischen Menschen beizutragen und dem Verständnis für die Umstände anderer, mehr Raum zu geben? Wer dieser Aufforderung folgen will, benötigt die Fähigkeit kreativ zu denken und zu handeln.

Heraus aus der Konsumhaltung, hinein in die Kreativität!

Wir müssen uns von den Barrieren der modernen Welt befreien, müssen Brücken bauen zu den alten Werten unserer Zivilisation. Zuerst in uns, dann im Außen. Ersteres ist ein Lebensprozess, begleitet von der Arbeit mit den Menschen.

Bei allem was wir tun, sollten wir zuerst nach innen gehen. Ebenso weit wie sich alles ins unendliche Weltall ausdehnt, ebenso tief können wir uns auf eine innere Reise begeben. Es lohnt sich die Substanzen unseres ganzen Daseins zu entdecken. Nur so kann Integration stattfinden.

Es ist sicherlich eine schwierige Aufgabe, denn in dieser Welt werden die Menschen erzogen nur im Außen Veränderungen zu erreichen. Doch damit entstehen immer wieder neue Meinungen, die mit der Bildung immer neuer Seelenanteile einhergehen. Und diese Seelenanteile werden zu ganz eigenwilligen Psycho-Entitäten, die Spuren in unser Unterbewusstsein zeichnen. Diesen Spuren folgen wir unbewusst. Wer das Innere seiner Seelenwelt aber allmählich entlarvt, klärt das Verhältnis zu den Menschen die ihm täglich begegnen. Alles gewinnt an Wert, sobald man seine eigene Wichtigkeit auflöst. Was uns davon abhält sind die neuen Medien. Sie produzieren Feindbilder im Außen. Schließlich kostet es nichts Kritik zu üben. Wahres Urteil fällt aber nur, der ohne Meinungen ist. Wer kennt es nicht: in einer Diskussion zog man den kürzeren und später spielt man die Situation noch einmal durch, um in einem inneren Dialog mit einem Phantom des Opponenten, am Schluss Recht zu gewinnen. Das lässt uns in einem ewigen Gestern festsitzen. Etwas zu zerstören ist sehr einfach. Aufbau ist mit wirklicher Arbeit verbunden und der Fähigkeit zur Kreation. Wer sich ignorant dieser Arbeit verweigert, der wird immer Sklave äußerer Umstände bleiben, im Glauben Freunde dort zu finden, wo neue Feindbilder entstehen. Es ist so einfach Feindbilder zu generieren. Doch es hilft niemandem. Nur wieso empfindet es der Mensch als Erleichterung, wenn er sich über Probleme auslässt, Feindbilder pflegt und sich, schlimmsten Falls, mit Untergangsszenarien, seiner eigenen kleinen Welt oder des gesamten Planeten befasst? Es gibt ein physikalisches Gesetz, das man den »zweiten Hauptsatz der Thermodynamik« nennt. Dieser Satz besagt, das alles was entstanden ist, irgendwann wieder zerfällt. Alle Materie ist an die Zeit gebunden. Wer sich über die Welt beschwert und destruktiv kritisiert, hat sein Leben überhaupt nicht im Griff, sondern ist Sklave dieses Zerfallsprozesses. Sich gegenüber den Details der eigenen Seelenhierarchie zu verantworten, bedeutet, sich bedingungslos dem Schicksal zu stellen. Alles was einem geschieht, alle Ungerechtigkeiten, alle Krankheiten und alles Leid, müssen zuerst angenommen werden, um sie aufzulösen!

Wer seine inneren Gegner überwunden hat und nicht mehr versucht seine Mitmenschen zu ändern und den Mut hat, klug genug zu sein an Wunder zu glauben, der wird sich nach und nach aus der selbst geschaffenen, engen »Schlangenhaut«, zu einem neuen Leben heraus winden. All die materiellen Dinge an denen wir hängen, die gepflegt und gewartet werden wollen, sind ebenso ein Ballast, wie die vielen Meinungen die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Es ist unser »Meinungskörper«, an den sich ständig neue Meinungen heften. Es sind unsere vielen Absichten, von denen wir glauben, dass sie uns ausmachen. Sind es aber nicht die selben, die uns daran hindern Neues zu erfahren? Was von all den vielen Meinungen die wir mit uns herumtragen, sind in Wahrheit Unwahrheiten? Mit der Meinung ist es wie mit einer Münze: sie hat zwei Seiten – doch auch ihr Rand ist geprägt, worauf eigentlich niemand achtet. Es scheint, als würde das was die Widersprüche verbindet, gerne ignoriert.

Arbeit und Tradition

Das eigene Leben zu verändern und gleichzeitig wieder in der alten Umwelt weiter zu leben, ist sehr schwierig. Wer große Schritte gemacht hat, für den ist die Rückkehr in die alte Welt nicht einfach - oft unmöglich! Neue Lebenseinstellungen lassen sich nicht einfach integrieren und an alte Beziehungen anpassen. Doch wir müssen uns verändern.

Wer den Weg der Selbsterkenntnis geht, der muss zur Quelle vordringen. Doch bekanntlich muss man sich dabei gegen den Strom bewegen. Wir können nur so gewinnen: unser Leben verändern. Diese Aufforderung ist gegenwärtig noch viel bedeutender als früher. Flexibilität wird immer wichtiger. Wer aber keinen festen Halt in seinem Leben hat, der ist ständig neu entstehenden Aufgaben hilflos ausgeliefert. Flexibel bleiben kann, wer im Leben Halt gefunden hat. Dafür steht die traditionelle, spirituelle Praxis. Mit ihr verbinden wir uns mit dem Roten Faden der überlieferten Tradition. Hierauf kann man sich festlegen.

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Wer sind die Jesiden?

von S. Levent Oezkan

Eingang zum Tempel des Sheikh Adi in Lalish  - ewigeweisheit.de

Immer wieder versuchte man den Jesiden zu unterstellen, sie seien Teufelsanbeter. In Wirklichkeit aber verehren die Mitglieder dieser geheimnisvollen Religion die Sonne. Im Sonnenlicht erkennen sie das Gute als Gottes Heiligkeit. Und dieser Gott schuf sieben Engel, unter denen er seinen Stellvertreter ernannte: Melek Taus - die zentrale Wesenheit im Jesidentum.

Alles Gute das von Gott kommt wird repräsentiert von Melek Taus (auch: Malik Tausi) – dem Engel-Pfau. Er ist das positive, reine und helle Licht Gottes (kurdisch: Ronahi). Weder widersetzt sich Melek Taus dem einen Gott, noch gesellt er sich ihm bei. Er ist sein Stellvertreter und eine von ihm gewollte, instituierte Macht, die Gott als Allmächtigen anerkennt. Im Feuer zeigt sich das Licht Gottes, dessen Ursprung die Sonne ist. Sie ist auch Symbol des Lebens. Wo Sonnenlicht ist, dort lässt sich die Realität auf natürliche Weise erkennen – die Dinge in der Welt können unterschieden werden: zwischen schwarz und weiß, tot oder lebendig, zwischen Bösem und Gutem. Nach Sonnenuntergang aber ist es dunkel. Dann entzündet der Mensch ein Licht, was in alter Zeit die Flamme einer Lampe war. Wie im Sonnenlicht, so sehen die Jesiden im Licht der Flamme Gottes Gegenwart.
Hiermit besteht eine ganz klare Parallele zur Religion der Zoroastrier (Religion Zarathustras), denn das zentrales Symbol der Verehrung im Zoroastrismus ist das Feuer. Aus dem Feuer leuchtet Ahura Mazda hervor - der göttliche Inbegriff des Guten. Im Übrigen scheint das Feuer auch Muslimen und Juden heilig zu sein, denn im Koran lesen wir (wie auch in der Bibel) dass der Herr sich am Sinai, gegenüber Moses, in einem Feuer offenbarte. Jedoch nicht als physisches Feuer, sondern als Glorienlicht eines Engels (Sure 27:8, 28:29-30). Besonders die Bibelverse Levitikus 6:12-13 heben etwas hervor was im zoroastrischen Priesterdienst ganz wesentlich ist: das Altarfeuer muss immerzu brennen und darf niemals verlöschen.

Feuer und Engelsymbolik sind feste Bestandteile der zoroastrischen Religion. Besonders der viel ältere Engelkult des Yazdanismus, scheint auch seine Spuren in den Schriften Zarathustras hinterlassen zu haben (Avesta, heiliges Buch Zarathustras). Yazdanismus ist eine vorislamische Religion der alten Kurden, die in den drei Konfessionen von Jesidentum, Yarsanismus (auch Ahl-e Haqq genannt: "Volk der Wahrheit") und Alevitentum (insbesondere Ischikismus, von Işık Taifesi: "Volk des Lichts") fortlebt. Die Namen "Yazdanismus" und "Jesidentum" enthalten beide die persische Wortwurzel yazd. Zum einen bezeichnet dieses Wort die Stadt Yazd im Zentrum Irans, wo sich der große Tempel der Zoroastrier befindet. Yazd ist aber auch ein Wort für "Gott" oder "Gottheit". Es bildet die Wortwurzel von yazdan, dem mittelpersichen Wort für "Engel".
Als sich vor ungefähr 2.500 Jahren die Religion Zarathustras vom östlichen Iran her ausbreitete, kam der Glaube der Jesiden mit dem altiranischen Glauben in Kontakt. Mythos, Kult und Tradition des alt-persischen Glaubens vermischte sich mit dem Jesidentum zu einer neuen Religion. Die Mythologie um den alt-persischen Licht- und Sonnengott Mithra (um 14. Jhd. v. Chr., ursprünglich vedischer Gott "Mitra"), verschmolzen anscheinend im Jesidentum mit Elementen aus dem Zoroastrismus. Es ist naheliegend, dass der Engel-Pfau Melek Taus mit dem Sonnengott Mithra verwandt ist. Die Blicke der 1.000 Augen des Sonnengottes Mithra, so die Legende, sollen überall in der Welt hinreichen. Daher wohl die Verbindung der Pfauenaugen im jesidischen Glauben.

Der Pfau - heiliges Symbol der Jesiden - ewigeweisheit.de

Das heilige Symbol der Jesiden: Der Pfau als Verkörperung von Melek Taus.

Eine wichtige Gemeinsamkeit in Jesidentum und Zoroastrismus ist die Heiligkeit des Erdbodens. Ein Jeside ist geschockt, sieht er jemanden auf den Boden spucken. Die Erde ist heilig und darf nicht entweiht werden. Wer sie entweiht, kränkt die irdischen Wesen. Ebenso heilig ist den Zoroastriern der Boden, der unter keinen Umständen verunreinigt werden darf. Man stelle sich vor: wer ein Spucken als eine Verunreinigung der Erde empfindet, wie sehr muss er es bedauern, wenn die Erde mit Umweltgiften und Müll verschmutzt wird?!

Auch finden sich in beiden Religionen Vorstellungen eines Urmenschen. Im Glauben der Jesiden ist die Rede vom Urvater "Jesid", dem ersten Menschen, der niemals der Sünde verfallen war. Noch vor Adam und Eva war er auf der Erde. Auch im zoroastrischen Avesta ist die Rede von einem ersten Menschen und König der Welt: Gayomarth (wörtlich: "sterbliches Leben").
Doch auch wenn Zoroastrismus und Jesidentum religiös verschwistert zu sein scheinen, es gibt natürlich auch grundlegende Unterschiede. Im jesidischen Schöpfungsmythos ist ja die Rede von einer weißen Perle, die den Urzustand der Welt als Einheit repräsentierte. Aus ihr erschuf Gott alles in der Welt: Gutes wie Böses. Die Zoroastrier glauben jedoch an einen Dualismus, wo Gutes und Böses nebeneinander bestehen. Doch Zarathustra gebot den Menschen sich nur dem Guten zuzuwenden. Die Jesiden betonen aber, dass der Mensch mit Verstand begabt ist und deshalb auch zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Darum glauben sie ein Teil des Bösen auf der Welt, käme auch vom Menschen, der sich verweigere Verantwortung zu übernehmen.
Diese und andere Vorstellungen vom Wesen des Bösen, wurden den Jesiden immer wieder angekreidet. Man unterstellte ihnen einen Hang zur Teufelsanbetung. Eine zoroastrische Überlieferung aus dem 2. Jhd. n. Chr. sollte das später angeblich belegen. Darin heißt es, dass der Teufel zwar zur Schöpfung fähig war, doch wegen seiner üblen Faulheit es niemals dazu kam. Doch um dem höchsten Gott zu beweisen, dass auch er fähig war Schöpfungen in der Welt hervorzubringen, erschuf er den Pfau. Und da nun der Engel-Pfau Melek Taus ein Wesen des Höchsten ist, unterstellte man den Jesiden ihre Verbindung mit dem Teufel. Doch das ist falsch.

Der Glaube der Jesiden ist ein mythischer Weg zum Verständnis und der Annäherung zu Gott, durch die Elemente der Natur: Sonne, Mond, Feuer, Wasser und Luft. Die Sonne aber ist das Allerheiligste dieser "göttlichen Elemente". Sie steht für das Feuer und das Licht Gottes und durch sie werden die Dinge in der Welt erkennbar.

Glaube an die Reinkarnation

Ein Jeside kann nur als Jeside geboren werden. Wenn ein Jeside jedoch sehr schlecht handelt und üble Sünden begeht, fällt seine Seele aus dem jesidischen Reinkarnationszyklus und muss im Körper der Person eines anderen Glaubens wiedergeboren werden. Es geht also, wie auch im Glauben anderer Religionen, stets darum gut zu handeln, gut zu reden und gut zu denken. Solange die Seele nicht von aller Sünde und weltlicher Verunreinigung befreit ist, so der jesidische Glaube, muss sie erneut inkarnieren. Natürlich erinnert uns das an die Vorstellung des Karma im Glauben der Hindus, Buddhisten und Jains. Karma ist was im Reinkarnationszyklus einer Seele abgebaut werden muss. Ist die Seele dereinst von allem "Schmutz" befreit, kann sie in die himmlischen Regionen empor steigen, um dort für alle Ewigkeit zu leben.

Sheikh Adi - der Avatar des Melek Taus

Sheikh Adi ibn Musafir wurde um 1075, als Nachkomme des umayyadischen Kalifen Marwan I., in Bait Faar, in der Nähe von Baalbek (Libanon) geboren. Er studierte später bei verschiedenen Sufi-Derwischen islamische Mystik in Bagdad (Irak).

Mit Jesiden hatte Sheikh Adi anfänglich nichts zu tun. Es heißt aber, er sei von Geburt an Jeside gewesen. Er fühlte sich aber eher als "entfernter Verwandter", als er nach Kurdistan kam. Sheikh Adi war auf der Suche nach einem Ort, wo er sich aus der Welt zurückziehen konnte, um sich dort nur mit Gott (Allah) zu verbinden. Im 12. Jhd. erreichte er Lalish, im Nordwesten Kurdistans (heutiger Irak, nördlich von Mosul). Trotz das Sheikh Adi ein frommer Muslim war, der die Gebote des Propheten befolgte, und islamische Lehrer von Jesiden eigentlich nicht anerkannt wurden, erkannten sie in ihm einen großen Weisen. Adi war vor allem ein Sufi und kein orthodoxer Muslim und darum wohl kümmerte er sich nicht sehr darum, was andere glaubten oder wie sie diesen Glauben ausübten. Viel mehr lag ihm daran zu verstehen, wie Menschen ihr Leben führen:

Was auch immer Du tust, solange es Dich näher zu Gott bringt, so ist es Gutes.

Wegen seines großen Charismas erkannten die Jesiden Sheikh Adi an und er wurde schließlich zum Reformator ihres Glaubens. Er konnte den Jesiden das nötige Wissen vermittelte, um ihre mündliche Tradition zu bewahren. Sheikh Adi gab den Jesiden eine neue Identität und zeigte ihnen wie sie sich der Welt im Außen erklären sollten.

Auch wird Sheikh Adi die Errichtung des jesidischen Tempels von Lalish zugeschrieben. Dieser Tempel ist wichtigster Pilgerort der Jesiden, muss gegenwärtig aber von den kurdischen Peschmerga vor dem Terror des sogenannten "Islamischen Staats" geschützt werden.

Für die Jesiden war Sheikh Adi ein Avatar (wörtlich: "Herabgestiegener") von Melek Taus. Er war die Inkarnation eines Unsterblichen Wesens, das wie Jesus Christus, nicht nur als Abkömmling des Höchsten, sondern als seine Personifikation auf Erden angesehen wird. Der Name Sheikh Adi steht für das, was die Christen den Heiligen Geist nennen: jene Kraft die in den Propheten (Kochaks) gegenwärtig ist und seinem Volk die himmlischen Geheimnisse enthüllt.Sheikh Adi verstarb im Jahre 1163. Er wurde in einem Schrein im Tempel zu Lalish beigesetzt. Jedes Jahr findet dort zu seinen Ehren, zwischen dem 6. und 13. Oktober das Jashne Jimaye statt, das Fest der Versammlung.

Das Schwarze Buch und der Schöpfungsmythos der Jesiden

Eines der zwei wichtigen Bücher der Jesiden ist das Mischefa Resch, das "Schwarze Buch". Als Autor des Buches wird Al-Hassan Al-Basri genannt, offizieller Nachfolger von Sheikh Adi. Al-Basri wurde im Jahr 642 n. Chr. als Sohn eines Sklaven in Medina (Saudi-Arabien) geboren. Seine Erziehung erfuhr er in Basra (Irak), wo er im Laufe der Jahre, viele der Gefährten des islamischen Propheten Mohammed (a.s.) traf. Er sollte einer der wichtigsten Figuren seiner Zeit werden. Viele Sufi-Orden berufen sich auf seine Person und nennen ihn den "größten Heiligen" des frühen Islam (natürlich kennt der orthodoxe Islam keine Heiligenverehrung, im Sufitum ist das anders). Al-Hassan Al-Basri starb 728 in Basra.

Möglicherweise haben die Jesiden schon sehr früh den Versuch unternommen, sich als "Buchreligion" zu etablieren, denn der Islam gebietet ja, dass die Angehörigen einer Buchreligion nicht verfolgt werden dürfen. Vor diesem Hintergrund schrieb Al-Basri möglicherweise die jesidische Genesis im Schwarzen Buch auf. Die folgende Übersetzung des Buches erzählt die Genesis von der Weltentstehung bis zum Stammvater Enosch:

Im Anfang schuf Gott aus seiner kostbarsten Geist-Essenz eine weiße Perle. Er schuf auch einen Vogel den er Angar nannte. Auf dem Rücken des Vogels Angar setzte er die weiße Perle, auf der er (Gott) für 40.000 Jahre ruhte.
Am ersten Tag, dem Sonntag, schuf Gott den Engel Anzazil, der auch Melek Taus genannt wird. Er ist der Höchste und Anführer aller Engel.
Am Montag erschuf Gott den Engel Dardail, den man auch Sheikh Hasan nennt.
Am Dienstag erschuf Gott den Engel Israfil (Raphael), den man auch Sheikh Shams ad-Din nennt.
Am Mittwoch erschuf Gott den Engel Mikail (Michael) , den man auch Sheikh Abu Bakr nennt.
Am Donnerstag erschuf Gott den Engel Azrail (Asrael), den man auch Sadschad ad-Din nennt.
Am Freitag erschuf Gott den Engel Shemnail, den man auch Nasir ad-Din nennt.
Am Samstag erschuf Gott den Engel Nurail, den man auch Jadin Fahr ad-Din nennt.
Er ernannte Melek Taus zum Anführer Aller.
Danach schuf Gott die sieben Himmel, die Erde, die Sonne und den Mond. Fahr ad-Din jedoch erschuf den Menschen und die Landtiere, die Vögel und die Raubtiere. Er legte sie alle in Stofftaschen und kam von den Engeln begleitet aus der Perle. Dann schrie er die Perle mit lautem Schrei an. Daraufhin zerbrach die Perle in vier Stücke und aus ihrer Mitte brach eine Quelle hervor, deren Wasser sich zu einem Ozean sammelte. Die Welt war rund und nicht geteilt.
Dann schuf Gott Gibrail (Gabriel) und das Bild des Vogels. Er sandte Gibrail aus, um die vier Weltecken zu setzen. Er erschuf auch eine Schale und stieg darin herab, für 30.000 Jahre. Danach kam er und bewohnte den Berg Lalish. Dann Schrie er in die Welt hinaus und das Meer verfestigte sich und es erschien das Land. Es begann jedoch zu beben. Zu diesem Zeitpunkt brachte Gibrail zwei Stücke der weißen Perle: einen Teil platzierte er unter der Erde, den anderen beließ er am Himmelstor. Darin (in die beiden Stücke) setzte er Sonne und Mond. Aus den Splittern der weißen Perle erschuf er die Sterne und schmückte damit den Himmel. Er erschuf auch Obstbäume, Pflanzen und Berge, um damit die Erde zu schmücken. Er erschuf den Thron über dem Teppich.
Dann sprach der große Gott: 'Oh ihr Engel – ich will Adam und Eva erschaffen. Und aus dem Wesen Adams soll Shehar ibn Dschebr hervorgehen und aus ihm soll eine andere Gemeinschaft auf der Erden erscheinen, die des Azazil (Asasel), das heißt jener des Melek Taus, was die Sekte der Jesiden ist.'
Dann stieg Gott hinab zum Schwarzen Berg. Schreiend gebar er 30.000 Engel und unterteilte sie in drei Abteilungen. Als er sie dem Melek Taus übergab, nahm sie dieser mit in den Himmel, wo sie Gott 40.000 Jahre lang anbeteten. In dieser Zeit kam Gott hernieder ins heilige Land (Al-Kuds) und befahl dem Gibrail aus den vier Weltecken Erde, Luft, Feuer und Wasser zu bringen. Er schuf darin mit seinem Geiste den Adam. Dann befahl er Gibrail den Adam ins Paradies zu begleiten. Dort gebot er ihm von allen Bäumen zu essen, doch nicht vom Weizen zu kosten. Hier verweilte Adam 100 Jahre lang. Daraufhin fragte Melek Taus den Gott, wie Adam sich vermehren solle und Nachommen haben, wenn es ihm verboten war vom Weizen zu essen. Gott antwortete 'die ganze Angelegenheit sei Dir übergeben.' Daraufhin besuchte Melek Taus den Adam und sprach 'Hast Du vom Getreide gegessen?' Er antwortete, 'Nein, Gott verbot mir davon zu essen.' Melek Taus antwortete und sprach, 'Iss vom Getreide und es soll Dir besser ergehen.' So also aß Adam vom Getreide, doch dann blähte sich sein Bauch plötzlich auf. Doch Melek Taus vertrieb ihn aus dem Garten (Eden, Paradies), verließ ihn (Adam) und stieg in den Himmel auf. Adam jedoch war sehr beunruhigt über seinen aufgeblähten Bauch, denn er konnte sich keinen Ausgang verschaffen. Darum sandte ihm Gott einen Vogel, der an seinem Anua pickte und sich dadurch ein Austritt öffnete, was Adam erleichterte.
100 Jahre ließ Gibrail den Adam allein. Adam war traurig und weinte.
Dann befahl Gott dem Gibrail die Eva zu erschaffen. Unter Adams linker Schulter wuchs Eva. Nun geschah es, nachdem Eva und all die Tiere erschaffen wurden, Adam und Eva über die Frage stritten, ob nun die Menschheit von ihm oder ihr abstamme, denn beide wollten Erzeuger der Rasse sein. Der Streit entstand, als sie die Tiere beobachteten. Unter den Tieren waren sowohl Männchen und Weibchen, die Faktoren aus denen die Nachkommen ihrer Spezies hervorgingen. Nach langen Diskussionen verständigten sich Adam und Eva auf da Folgende: jeder von ihnen solle seinen Samen in ein Gefäß werfen, es schließen und mit seinem eigenen Siegel versehen. Dann sollten sie für neun Monate warten. Als sie die Gefäße nach dieser Zeit öffneten, fanden sie in Adams Gefäß zwei Kinder, männlich und weiblich. Ihre Nachkommen sind die Jesiden. In Evas Gefäß aber fanden sie nichts als übel riechende Würmer. Und Gott gab dem Adam Brustwarzen, so dass er die Kinder säuge, die aus seinem Gefäß hervorkamen. Darum haben auch Männer Brustwarzen.
Hernach erkannte Adam seine Frau Eva und sie gebar ihm zwei Kinder, männlich und weiblich. Und die Nachkommen dieser Kinder waren die Juden, die Christen, die Muslime und andere Nationen und Sekten stammen von ihnen ab. Doch die ersten Väter der Jesiden sind Sheth (Seth), Noah und Enosch – sie sind die Rechtschaffenen.

- Aus dem Schwarzen Buch (Mischefa Resch)

Jesidische Frau - ewigeweisheit.de

Foto einer jesidischen Frau vom Ararat (Türkei, 1922).

Jesidische Lehren über das Wesen der Gottheit

Das man Jesidentum und Teufelsanbetung immer wieder gleichsetzte, liegt wohl auch daran, dass Elemente des alten Geisterglaubens aus Mazandaran übernommen wurden. Mazandaran ist eine historische Region im Norden des heutigen Iran, deren Ufer die Südküste des kaspischen Meeres säumen. Im Schahname, dem altpersichen "Buch der Könige" (Autor: Firdausi), wird Mazandaran als eine von Dämonen bewohnte Landschaft erwähnt. Einst soll der Prophet Zarathustra die Glaubenspraxis der Mazandaraner verflucht haben. Doch der Glaube, der sich in Spuren in der jesidischen Religion erhalten haben könnte, ist alt-persischen Ursprungs und wurde dort praktiziert, lange vor dem Auftreten Zarathustras.

Das Buch der Offenbarung

Neben dem Mischefa Resch ist den Jesiden ein anderes Buch heilig: Kitab Al Dschilwah – Das Buch der Offenbarung. In fünf Kapiteln des Buches spricht Gott zu den Jesiden in der ersten Person.

In Kapitel Eins erklärt Gott sein Wesen und gibt den Jesiden Übungen zur Verwirklichung der göttlichen Gebote.

Mir (Gott) sind Wahrheit und Falschheit bekannt. Wenn die Versuchung über einen kommt, schließe ich meinen Bund mit jenen, die auf mich vertrauen. […] Ich lehre und führe jene, die meinen Belehrungen folgen. Jeder der mir und meinen Geboten folgt und gehorcht, der soll Glück, Freude und Güte erfahren.

Das zweite Kapitel des Buches beschreibt die Allmacht Gottes.

Zudem sind in meiner (Gottes) Hand Herrschaft und Macht über alles auf der Erde – sowohl über das Obere, wie auch über das Untere. […] Und niemand hat das Recht sich in meine Angelegenheiten einzumischen.

Im dritten Kapitel wird darauf hingewiesen, dass Gott durch seine Allmacht keines Buches bedarf, sondern die Geschicke der Gläubigen allein durch sein Wirken lenkt.

Ich führe auf den geraden Weg ohne ein offenbartes Buch. Meine Geliebten (Jesiden) und Auserwählten, werden mit unsichtbaren Mittel recht geleitet.

In Kapitel Vier des Buches wird eine deutliche Warnung gegen Außenstehende ausgesprochen, die versuchen die Lehren der Jesiden zu korrumpieren.

Meine Rechte werde ich keinem der anderen Götter überlassen. […] Jene die meine Geheimnisse kennen und bewahren, sollen die Erfüllung meiner Versprechen empfangen. […] Nennt weder meinen Namen, noch meine Eigenschaften.

Im fünften und letzten Kapitel wird eine Ermahnung an die Gläubigen ausgerufen.

Oh ihr die an mich glaubet, ehret meine Symbole und mein Bildnis, denn sie erinnern euch an mich. Befolgt meine Gesetze und Statuten. Gehorcht meinen Dienern (Gesandten, Propheten) und lauscht dem was immer sie euch über die verborgenen Dinge lehren.

Das Buch der Offenbarung der Jesiden - ewigeweisheit.de

Manuskript aus dem Kitab Al-Dschilwah - dem "Buch der Offenbarung". Oben im Bild sieht man Melek Taus.

Ämter der Glaubensgemeinschaft

Es gibt sieben Ämter in der jesidischen Gemeinde. Wie auch in anderen Religionen und Glaubenskulten, haben die Inhaber ihrem Rang nach besondere Aufgaben zu erfüllen. Die Aufgaben der einen, können nicht durch die Angehörigen eines anderen Ranges ausgeübt werden.

  • Höchster in der Hierarchie der Gläubigen ist der Sheikh. Er ist der Diener des Heiligen Schreins von Sheikh Adi und wird repräsentiert von einem Nachkommen aus der Familie von Al-Hassan Al-Basri. Alle Rechtsangelegenheiten obliegen dem Sheikh.
    Durch besondere Insignien unterscheidet er sich von den anderen Jesiden: sein Gewand ziert ein heiliger Gürtel und er trägt netzartige Handschuhe. Alle die ihm begegnen verbeugen sich respektvoll. Er ist für den gläubigen Jesiden ein Jenseitsführer, der ihm seinen Platz im Paradies vermittelt und für ihn einen Bruder oder eine Schwerster erwählt, der ihn oder sie im Leben nach dem Tod begleitet. Man nennt diese Personen die "Jenseitsgeschwister".
  • Der zweite Rang ist das Amt des Emirs. Er ist der direkte Abkömmling einer langen Ahnenreihe, die bis auf die ersten Jesiden zurückgehen. Die Emire sind verantwortlich für staatliche Angelegenheiten und dürfen anderen sogar Befehle erteilen.
  • Die dritte Rangstufe besetzt der Kawwal, oberster Musikalienmeister und Hüter der heiligen Hymnen.
  • Der vierte in der Reihe ist der Pir (persisch: "alter, weiser Mann", ein Wort das häufig im Sufi-Kontext verwendet wird). Er leitet die Gläubigen durch die Fastenzeit, kümmert sich um körperliche Belange und ist Hüter der Glaubenssitten.
  • Dem Kochak (wörtlich: "Prophet"), dem fünften in der jesidischen Glaubenshierarchie, obliegen religiöse Pflichten die insbesondere das Jenseits anbelangen. Er sorgt für die rechtmäßige Bestattung Gläubiger, deutet Träume und prophezeit die Zukunft.
  • Der Fakir (arabisch: "arm") besetzt die sechste Rangstufe. Es heißt der Fakir ist direkt von Sheikh Adi eingesetzt, um als Erzieher der Kinder der Gemeinschaft zu dienen.
  • Siebte und letzte der Rangstufen belegt der Mullah. Er unterrichtet die jesidischen Kinder im heiligen Wissen, hütet die religiösen Geheimnisse und wohnt den heiligen Zeremonien der Jesiden bei.

Die Religiöse Praxis

Gläubige Jesiden praktizieren täglich religiöse Rituale. Mindestens dreimal im Jahr beten sie an einem heiligen Bildnis des Melek Taus. Einmal im Jahr soll sich der gläubige Jeside zum Grabheiligtum des Sheikh Adi in Lalish begeben und dort beten. Ist ihm das nicht möglich, so betet er in einem anderen Jesidenschrein. Wenn er sich nach Lalish begibt, dann soll der Gläubige seine Kleider mit Weihwasser des Tempels von Sheikh Adi "taufen".

Eigentlich besteht im Jesidentum keine Gebetspflicht. Jedem Gläubige ist selbst überlassen, wie oft und ob er überhaupt betet. Das Vertrauen auf Melek Taus soll vollkommen ausreichen. Doch um dieses Vertrauen zu stärken begeben sich die Jesiden dreimal im Jahr zu einem heiligen Bildnis des Melek Taus um dort zu beten. Im Gebet richtet er sein Gesicht in Richtung Sonne, erhebt die Hände (Handflächen nach Innen) verbeugt sich und küsst den Boden (oder berührt ihn alternativ mit seinen Fingern und küsst diese hernach).

Jeder Jeside ist verpflichtet einmal täglich die Hand seines Jenseitsbruders bzw. seiner Jenseitsschwester zu küssen, sowie die Hand des Sheikh oder des Pir.

Zentrale Riten im Jesidentum

Beschneidung der Jungen, christliche Eucharistie und Taufe sind die drei religiösen Riten die von jesidischen Gläubigen vollzogen werden.

Die Beschneidung erfolgt auf freiwilliger Basis.

Der Brauch der Eucharistie ist ein direkter Verweis auf Jesus. Die Gläubigen sitzen um einen Tisch, an dem ein Priester (Sheikh, Pir oder Mullag) sitzt mit einem Kelch fragt "Was ist das?" (Ave Tschia), was er selbst beantwortet mit dem Satz: "Dies ist der Kelch Jesu" (Ave Kasie Isayya) und fährt fort mit "Jesus ist darin gegenwärtig (Ave Isa naf runischtiyya). Er trinkt daraus und gibt den Kelch dann weiter. Die letzte Person trinkt den Kelch leer.

Die Taufe erfolgt in der Regel kurz nach der Geburt und sollte im Tempel zu Lalish erfolgen. Ein Sheikh tauft das Kind dreimal im Weihwasser des Tempels. Nach dem zweiten mal legt er seine Hand auf das Haupt des Kindes und murmelt dabei "Hol hola! Jesid ist ein Sultan. Du wurdest zum Lamm des Jesid; Du vermagst ein Märtyrer des Jesidentums sein" (Hol hola soultanie Azid, tou bouia berhe Azid, saraka rea Azid). Während der Taufe ist der Sheikh mit dem Kind allein im Taufgewölbe – die Eltern bleiben draußen.

Einmal im Jahr soll sich der gläubige Jeside zum Grabheiligtum des Sheikh Adi in Lalish begeben und dort beten. Ist ihm das nicht möglich, so betet er in einem anderen Jesidenschrein. Wenn er sich nach Lalish begibt, dann soll der Gläubige seine Kleider mit dem Weihwasser im Tempel von Sheikh Adi "taufen".

Jeder Jeside ist verpflichtet einmal täglich die Hand seines Jenseitsbruders bzw. seiner Jenseitsschwester zu küssen, sowie die Hand des Sheikh oder des Pir.

Herkunft der Jesiden

Die Geschichte der Jesiden hüllt sich in viele Geheimnisse. Viele Fragen über ihre Herkunft und Gebräuche, blieben bis heute unbeantwortet. Der Name "Jesid" ist vermutlich abgeleitet von "es kswede dam", was soviel bedeutet wie "die von Gott Erschaffenen". Das stimmt in etwa überein, mit der von manchen Gelehrten behauptetem Ursprung ihres Namens, vom alt-iranischen yazata – "göttliches Wesen".

Wegen ihrer Sprache (kurmanji-kurdisch) zählen dei Jesiden zum kurdischen Kulturkreis. Manche Historiker betrachten die Jesiden sogar als die ersten Kurden überhaupt. Auch viele Jesiden sagen, dass die Kurden ursprünglich Jesiden waren, doch sich vom alten Glauben abwandten, als sie zum Islam konvertierten.

Auf jeden Fall haben die Jesiden in jeder Geschichtsepoche des nahen und mittleren Ostens, eine wichtige Rolle gespielt. Gleich ob Sumerer, Babylonier, Assyrer, Israeliten, Zoroastrier, Christen, Nestorianer oder Muslime – sie waren alle Zeitgenossen der Jesiden. Die Jesiden, ähnlich der Juden, amalgamierten verschiedene religiöse Elemente aus den anderen Religionen in ihr eigenes Glaubenssystem.

Der Jesidische Mythos

Einer der zentralen Mythen des Jesidentums ist, dass sie angeblich die ersten Menschen waren, die aus dem Garten Eden in die Welt kamen. Eden soll sich dort befunden haben, wo sich heute Lalish befindet. Darum glauben die Jesiden, dass ihre Religion die erste überhaupt war. Von ihnen soll sogar eine ganze Weltzivilisation hervorgegangen sein. Jesiden besitzen außerdem einen 6.765 Jahre alten Kalender (im Jahr 2016). Dieser Kalender ist 990 Jahre älter als der jüdische, 4.750 Jahre älter als der christliche (gregorianische) und 5.329 Jahre älter als der islamische Kalender.

Jesidische Diaspora

Doch trotz dieser reichen Kultur und uralten Traditionen, wurden sie, wie auch andere kleinere Glaubensgemeinschaften, ihrem Recht beraubt, in Frieden auf dem Land ihrer Vorfahren zu leben. Die Invasion der Araber in Mesopotamien (7. Jhd.) war der Beginn einer großen Kampagne gegen die Jesiden. Sie wurden auf Androhung des Todes dazu gezwungen ihren alten Glauben aufzugeben. Die Araber zerstörten ihre Häuser und entweihten ihre heiligen Stätten. Viele Jesiden flohen in die Berge und mussten dort abgeschnitten von der Zivilisation leben. Auch die Invasion der Mongolen im 13. Jhd. brachte Angst und Verzweiflung über die Jesiden. Alle die sich den Reitern aus Fernost widersetzten wurden einfach umgebracht.

Während der Zeit des Osmanischen Reiches, hielt die Verfolgung der Jesiden unvermindert an. Im 17. Jhd. versuchten die Osmanen die Jesiden auszurotten. Viele Jesiden wurden nach Mosul (Irak) deportiert.

Nach dem Irakkrieg von 1991 bekamen die Jesiden besondere Rechte in einem autonomen Kurdistan, konnten Schulen errichten und ihren Kindern die wahre Geschichte ihrer Herkunft vermitteln. So entstanden die sogenannten "Lalish-Zentren", wo man versucht die religiöse Identität der Jesiden zu bewahren. Die letzten geblieben Zentren jesidischen Glaubens, sind mit dem heiligen Tempel in Lalish weiterhin verbunden. Dort bleiben alle Aspekte des alten Glaubens erhalten.

Jesiden - ewigeweisheit.de

Abbildung jesidischer Gläubiger auf einer alten französischen Postkarte (ca. Ende des 19. Jhd.).

Verfolgung der Jesiden heute

Immer versuchten die Jesiden in Frieden mit Muslimen und Angehörigen anderer Religionen zusammenzuleben. Sie wollten nur ihren Glauben ausüben dürfen. Doch bis heute werden Jesiden wegen ihres Glaubens verfolgt und ermordet. Was heute mit den Jesiden geschieht gleicht einem Völkermord und einer grauenhaften Entwürdigung ihrer Glaubensmitglieder. Wahrscheinlich befinden sich tausende Frauen, Mädchen und Kinder in der Gewalt der islamistischen Extremisten (sogenannter "Islamischer Staat in Irak und Syrien - ISIS"). Das hat die jesidische Gemeinschaft zerrissen. Heute ist diese Religion im Begriff zerstört zu werden. Radikale Fanatiker verüben schlimme Gräueltaten an den Anhängern dieses uralten Glaubens.

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Wir Kinder des Feuers

von Johan von Kirschner

Ehrfürchtig verehrten die Urmenschen die übermächtige, Licht und Wärme spendende Sonnenscheibe. Ein durch Blitzschlag und Vulkanausbrüche entfachtes Feuer auf der Erde war für sie ein wunderbares Abbild des Sonnenfeuers. Um so heiliger muss es dem Urmenschen erschienen sein, als er zum ersten Mal selbst ein Feuer entfachte.

Auch wenn wir uns heute das Feuer längst dienstbar gemacht haben, übt der Anblick lodernder Flammen immer noch einen geheimnisvollen Zauber auf uns aus. Wie viel mehr musste das der Fall sein, wo Feuer noch etwas Seltenes war, wo man es an Gewitterbränden oder in Vulkankratern entzündet in die Siedlungen trug.

Der Urmensch ahnte im Feuer instinktiv ein mächtiges Lebensprinzip, das aus einer ihm unzugänglichen Sphäre heraus wirkte. In der Kultur der Ur-Indoeuropäer verkörperte Feuer das erste göttliche Wesen. Als der Mensch irgendwann das Feuer selbst entfachen konnte, war das der erste Kultusakt der Menschheit: eine Zeitenwende der urzeitlichen Zivilisation.

Mit jeder Landnahme errichteten die Ur-Indoeuropäer einen Feueraltar. Feuer war für sie, wie später für die iranischen Zarathustrier (auch: Zoroastrier), ein Medium durch das ihnen Offenbarungen der geistigen Welt zuströmten. Aus dem heiligen Licht seiner Flammen strahlte ihnen der höchste Gott Dyaus Pita entgegen - Allvater des strahlenden Himmels. In seinem Namen liegt der Ursprung der Blitze schlagenden Donnerers Zeus Pater, Ju-Piter und Deus Pater. Letzterer formte sich Jahrtausende später zum christlichen »Gott Vater«, dessen »Sohn Jesus Christus« sich bekanntlich ja auch als »Licht der Welt« bezeichnete.

In der indogermanischen Religion war Dyaus Pita ein hohes Lichtwesen, der mit Prittvi, der vedischen Mutter Erde, die Götter Surya, Ushas und Indra zeugte. Sie repräsentieren die himmlischen Lichtaspekte des Sonnenfeuers, der Morgenröte und des blitzenden Donners. Als charakteristische Verkörperung der irdischen Erscheinung von Dyaus Pitas trat ein weiterer Sohn Gottes zu Tage: Agni - vedischer Repräsentant des sakralen Feuers. In seinem Namen liegt der Ursprung des lateinischen ignis (Feuer).

Im Himmel geboren fuhr Agni in Gestalt eines Blitzes auf die Erde hernieder. Gemäß dem Rigveda wurde er durch den Feuerpriester Atharvan empfangen – einem der sieben Rishis, die nach der Sintflut vom Manu begleitet die Kulturtechniken auf der Erde hervorbrachten. Seinem Namen nach ist Atharvan mit Atar verwandt, dem Konzept des heiligen Feuers der Zarathustrier (Parsen). Im heiligen Licht Atars offenbarte sich Zarathustra's prophetische Berufung. Sowohl Atharvan wie auch Atar gehen aus der indoeuropäischen Wortwurzel athr hervor: das Feuer. Das ist auch der Ursprung des alt-griechischen Wortes Aither (deutsch: Äther): geistiger Sitz des Lichts, der Götter und der Gedanken.

Auch in Religionen außerhalb des indoeuropäischen Kulturkreises galt Feuer als Vermittler zwischen dem Menschen und den Göttern. Im Opferfeuer wurde die fromme Spende von den Flammen verzehrt und trug sich im Rauch verflüchtigend empor zu den himmlischen Göttern. So pries man das Feuer als vermittelnden Boten zwischen Mensch und dem Höchsten.

Die vedischen Hymnen betonen besonders die geistigen Fähigkeiten Agnis. Er wird dort als ein weiser, mit vorausschauender Klarsicht begabter Heiliger bezeichnet, der mit seiner schöpferischen Vorstellungskraft im Spiel der Flammen, zahllose kosmische und biologische Synthesen hervorbrachte.
So scheint Agni auch Vorbild für den Titanen Prometheus geworden zu sein – dem griechischen Genius und Töpferdämon der »nach seinem Bilde« den Menschen aus Ton formte, belebte und mit Denkkraft und Vorausschau begabte.
Dieser Titan war so stolz auf sein Schöpfungswerk, dass er sich am Liebsten selbst auf der Stufe des Höchsten (Zeus) gesehen hätte. Aus Furcht vor dem Rebell verbarg deshalb Zeus vor ihm und seinen Geschöpfen das Feuer. Doch mit größter List und Verschlagenheit gelang es Prometheus das Feuer zu stehlen und den Menschen zu bringen. Am solarischen Feuer der Himmelsschmiede entzündete er eine Doldenstaude (Narthex) die er brennend zu den Menschen am Fuße des Kaukasus trug. Im Zorn gebot Zeus seinem Sohn Hephaistos (römisch: Vulcanos) den Prometheus an den Kasbek anzuketten - einem hohen Vulkan im Kaukasus-Gebirge. Hephaistos erschuf auch Pandora, um dem bisher männlichen Menschenvolk eine Frau zu senden. Doch was aus ihrer Büchse über die Welt kam, waren Fluch und Tod, den die Menschen seit damals »im Schweiße ihres Angesichts« versuchten zu überwinden. Seit dieser Zeit wohl, hielt man in Griechenland die Mysterien der Demeter-Anesidora ab, wo Menschen in die Künste der Landwirtschaft, des Bergbaus und der Schmiedekunst eingeweiht wurden.

Es scheint als träfen sich hier Mythos und Geschichte, denn die Besiedelung vulkanischer Regionen (z. B. im Kaukasus) war in der Urzeit durchaus üblich. Unsere frühen Vorfahren konnten Feuer noch nicht selbst entfachen, sondern entzündeten in der Nähe von Vulkankratern trockene Pflanzen oder hielten einen durch Blitzschlag oder Vulkanausbrüche natürlich entstandenen Brand als Lagerfeuer am Leben. Außerdem wuchsen in der fruchtbaren, mineralstoffreichen Vulkanerde wahrscheinlich viele Pflanzen die den Steinzeitmenschen als Nahrung dienten. Erstarrte Lava gab auch wichtige Werkstoffe: das schwarze, vulkanische Quarzglas Obsidian war aufgrund seiner scharfen Bruchkanten bis in die Bronzezeit eines der wichtigsten Mineralien zur Herstellung von Keilen, Klingen, Pfeilspitzen und Schabern. Stellen wir die bereits damalige Nutzung von Quarzen ihrer gegenwärtigen Bedeutung gegenüber, so ist das darin enthaltene Silicium (chemisch setzen sich Quarze aus Siliciumdioxid-Molekülen zusammen) bis heute für den Menschen äußert wichtig geblieben, denn schließlich werden Informationen auf Siliciumbasis (Halbleitertechnik mit Siliciumkristallen) gespeichert und transportiert (mit Glasfaserkabeln und Glas bekanntlich ja amorphes Siliciumdioxid). An anderer Stelle werden wir auf den geheimnisvollen Einfluss des Siliciums auf die menschliche Zivilisation noch genauer eingehen.

Fest steht, dass die Umgebung von Vulkanen immer wichtige Siedlungsgebiete der Menschheit gewesen sein müssen, denn bis heute lebt ca. ein Zehntel der Weltbevölkerung im direkten Einflussbereich aktiver Vulkane.

Feuer und Zivilisation

Wenn der mythische Prometheus auf dem Olymp tatsächlich die Ursache der Blitze fand, so hat er diese Technik ganz sicher seinen Geschöpfen verraten. So konnte der Mensch irgendwann ohne den himmlischen Blitz selbst elektrische Kräfte entfachen, um damit ein Feuer zu entzünden. Dazu verwendeten unsere Vorfahren ein steinzeitliches »Feuerzeug«: ein Pyrit aus dem sie mit einem spitzen Feuerstein (Quarzkiesel) Funken schlugen, um einen Zunder zum Brennen zu bringen. Dieses leicht entzündliche Brennmaterial war meist ein in Urin getränkter, nachträglich aber getrockneter Baumpilz (z. B. Fomes fomentarius, »Zunderschwamm«). Damit konnte überall schnell ein Feuer entzündet werden.
Mit dem Feuers konnte der Mensch dann auch Nachts arbeiten, es in dunklen Höhlen entzünden, um von dort etwa wertvolle Mineralien und Erze ans Tageslicht zu befördern. So erhob er sich mit der Handhabung des Feuers über das Tier. Er wurde sesshaft und konnte seine Behausungen von den Bäumen auf die Erde verlagern, denn gefährliche Raubtiere und Insekten hielten sich vom Feuer fern. Es ist für uns heute kaum noch vorstellbar, was der Sonnenuntergang für die Urmenschen bedeutete. Bevor man Feuer handhaben konnte gab es besonders in Neumondnächten überhaupt kein Licht, man schlief in völliger Finsternis und war auflauernden Raubtieren somit hilflos ausgeliefert.

Mit der Meisterung des Feuers verfügte der Mensch jetzt auch über ein Mittel der Transmutation. Was zuvor nur die Sonne in einem langwierigen Prozess bewirkte, konnte durch Feuer viel rascher erreicht werden. Speisen und Fleisch wurden durch die Zubereitung mit Feuer einfacher verzehrbar und leichter verdaubar. Als unsere Vorfahren ihre Nahrung noch roh verzehrten, verbrachten sie täglich mehr als neun Stunden mit Essen. Zum einen weil sie die Nahrung sehr lange kauen mussten, um sie ebenso lange zu verdauen.

In der Evolution vom Homo Erectus zum heutigen Menschen verkleinerten sich mit der Verwendung des Feuers, über einen Zeitraum von etwa 2 Mio. Jahren, sowohl die Zähne als auch der Verdauungstrakt des Menschen. Die zuvor aufgewendete Energie für die Verdauung, verwendeten Evolutionsmechanismen nun zur Vergrößerung des Gehirns. Dies war der Aufgang einer neuen, denkenden Menschheit. Das war der Übergang vom Jäger- und Sammlertum zur Sesshaftigkeit und Domestizierung von Pflanze und Tier. Mit dem Feuer wurde der Mensch zum Schöpfer – wurde wie ein Gott!

Auch die Art der Herstellung von Gebrauchsgegenständen änderte sich mit der »Feuergabe«. Primitive Töpferkunst verwandelte sich in hochwertige Keramiktechniken. Mit der Entwicklung der Metallurgie, der späteren Kupfergewinnung durch Verhüttung, und der daraus entstehenden Schmiedekunst, sollte der Mensch schließlich die höchste Stufe seines Kulturschaffens erklommen haben.

Diego Velázquez (1599–1660): La Fragua de Vulcano

Die Schmiede des Vulcanos (Hephaistos) - Gemälde von Diego Velázquez (1599–1660)

 

Das blitzende Metall der Himmelsschmiede

Kehren wir noch einmal zurück zu den alten Mythen die sich um das Element Feuer drehen. Im Glauben der alten Griechen brachte die Göttermutter Hera als Jungfrau ihren Sohn Hephaistos zur Welt. Er sollte Gott und Schutzherr aller Schmiede, Metallurgen und Kunsthandwerker werden. Wegen seiner Hässlichkeit aber verstieß sie ihn vom leuchtenden Berg Olymp. Wie ein leuchtender Meteor stürzte er auf die Erde.

Auf der Erde wurde Hephaistos in einer Höhle von Nymphen aufgezogen. Sie brachten ihm den Umgang mit Feuer und den Metallen bei. Als Schmied der Götter und Helden erfand Hephaistos später den Hammer, den Amboss und die Zange. Damit schmiedete er aus Bronze den mythischen automaton und gab ihm den Namen Talon. Es war der »erste Roboter« der ihm und seinen Gehilfen, den Zyklopen, bei seinen Schmiedearbeiten behilflich war.

Raymond Monvoisin - Ninfas en el baño

Die Nymphen beim Bad - Gemälde von Raymond Monvoisin (1790-1870)

Für Zeus verfertigte Hephaistos eine magische Axt. Damit spaltete er das Haupt des Göttervaters und aus dem gespaltenen Kopf wurde die Weisheitsgöttin Athene in voller Rüstung geboren. Sofort verliebte sich Hephaistos in die schöne Zeustochter. Von Verlangen überwältigt kam sein Same auf die Erde und daraus erstieg der Zwitter Erichthonios. Er besaß den Oberkörper eines Menschen und den Unterkörper einer Schlange. Er war es der Rad, Deichsel und Wagen erfand.

Auch im Schamanismus war der erste Schmied himmlischen Ursprungs: ein Vorbild aller irdischen Helden und Herrscher, die in den Legenden der Mongolen und Tartaren, als legendäre Sänger und Poeten auftraten. Auch die alten Germanen verehrten einen Metallarbeiter: Odin - »der singende Schmied«.

Der große Gengis Khan wurde von seinen Zeitgenossen »Der Eisenarbeiter« (oder Schmied) genannt. Das liegt an seinem Kindernamen Temüjin – in dem zwei mongolisch-türkische Wörter enthalten sind: Eisen - temür, und Arbeit - jin.
Ein alter schamanischer Mythos der sibirischen Burjäten berichtet vom Gott Boshintoj. Er kam mit seinen neun Söhnen vom Himmel, um den Menschen die Kunst der Metallurgie zu lehren. Boshintoj kehrte bald darauf zurück, während seine Söhne auf der Erde blieben, da sie sich in die irdischen Töchter verliebten und Nachkommen mit ihnen zeugten. Das waren die Urahnen aller Schmiede.

Ähnliches findet sich auch in der biblischen Genesis:

Da sich aber die Menschen begannen zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie schön sie waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. […] Es waren zu dieser Zeit auch die Nephilim auf Erden; denn da die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus Riesen in der Welt und berühmte Männer.

Genesis 6:1-2,4

Kain (wörtlich: Schmied), der erste Sohn Adams, hatte einen Sohn: Henoch. Laut den Büchern Henochs waren die oben erwähnten »Söhne Gottes« Rebellen wie auch der Titanensohn Prometheus einer war. Als Nachkommen des Seth, des dritten Sohnes von Adam (Genesis 4:25, 5:3), lebten sie auf dem Himmelsberg (vergl. Olymp) jenseits der Erde, jenseits der Nachkommen des Brudermörders Kain. Als sie nun die schönen Kainstöchter erblickten (»Töchter der Menschen«) stiegen sie vom Himmelsberg auf die Erde hinab und widersetzten sich damit dem Verbot Gottes. Darum wurden sie vom Himmel auf die Erde verstoßen (vergl. Hephaistos). Dort zeugten sie Nachkommen mit den Töchtern des Kain. Gemäß den Henochbüchern war ihr Anführer der Engel Azazel, der seinen Nachkommen verbotene Dinge und Himmelsgeheimnisse verriet, so wie ja der Prometheus beim Feuerraub seine Menschen.

Und Azazel lehrte den Menschen wie man Schwerter und Messer und Schilde und Brustplatten herstellt und zeigte ihnen die Metalle der Erde und die Kunst mit ihnen zu arbeiten und Kettchen und Ornamente und die Verwendung des Antimon, womit sich das Schminkzeug der Frauen herstellen ließ

1. Henoch 8:1

Lamech, ein Nachkomme Kains und Sohn des alten Methusalem hatte vier Kinder: Jabal war der Stammvater aller Nomaden und Viehhirten, Jubal Stammvater aller Harfen- und Flötenspieler, Tubal-Kain schmiedete die Geräte aller Erz- und Eisenhandwerker, Naama lehrte die Frauen sich schön zu kleiden, zu frisieren, zu schminken und wie sie mit ihren weiblichen Reizen in den Weinschenken für die Unterhaltung der männlichen Gäste sorgten.
Auf verschiedenen kulturellen Ebenen und der Völker der Erde existiert eine enge Verbindung zwischen Schmiedehandwerk, der Musik, dem Gesang, dem Tanz und den Initiations- und Geheimwissenschaften (Schamanismus, Magie, Heilkunst, etc.). Darum spielt Tubal-Kain eine zentrale Rolle in der Tempellegende der Freimaurer.

Ebenso gehören zu dieser Gruppe die Zigeuner. Seit alters her waren unter ihnen viele Schmiede, Handwerker, Musiker, Heiler und Wahrsager. Sie werden in alten Sanskrit-Texten mit den Dalits identifiziert, die man in Indien die »Unberührbaren« nennt. Sie sind außerhalb des indischen Kastensystems, gleichen »Ausgestoßenen«. Viele Schmiede und Musiker zählen in Indien zu den Dalits.

Vielleicht erklärt sich all das auch in der alten Furcht der Menschen vor den Schmieden. Mit Hilfe von Feuer und Metall wurden dort alle möglichen ungeheuren Dinge hervorgebracht. Schmieden befanden sich darum oft am Rande der Dörfer.Das heilige Schmiedehandwerk war und ist etwas Magisches. Alle Schmiede bewahren die Geheimnisse ihrer Zunft. Das ließ sie in vielen Kulturen, besonders in Afrika, zum Kulturheros aufstiegen. Ihr initiatorisches Wissen über den Umgang mit Feuer, Metall, Hammer, Zange und Amboss, wurde über unzählige Generationen verfeinert. Außerdem erhielten Schmiede, Metallurgen und Gießer über mehreren Jahrtausende die Tradition einer ganzen Gesellschaft, denn sie waren es die die Waffen, Werkzeug und Schmuck, die Kirchenglocken und Burgtore fertigten.

Mutter Erde und ihre Nachkommen

Cultura, das lateinische Wort für den Ackerbau, steht für die Techniken der Landwirtschaft. Die Kultivierung von Getreide erfordert aufmerksame Pflege und Schutz. Man kann Getreide nicht aussähen ohne es zu hüten, da es sonst von allen möglichen Tieren weggefressen wird. In alter Zeit mussten die Felder darum aufmerksam bewacht werden. Daher erklärt sich, dass Ackerbau und Sesshaftigkeit untrennbar miteinander verbunden sind.

Seit 8.000 v. Chr. wurde wild wachsendes Getreide wie Weizen, Gerste, Hirse und Reis allmählich domestiziert. Das heißt, über viele Generationen hinweg wurde die Nutzbarkeit der Samen durch Auslese verbessert. Zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit wurde direkt Einfluss genommen auf die biologische Entwicklung von Pflanzen. In gewisser Hinsicht war das die Geburt der Biotechnologie und Gentechnik.

Durch die Optimierung des Getreidewuchses entstand mit der Lagerung landwirtschaftlicher Güter auch der Besitz. Die Wörter »Sesshaftigkeit« und »Besitz« enthalten beide ja auch das selbe Verb: »sitzen«.

Besitz erzeugt Gründe ihn zu schützen, wenn nötig auch zu verteidigen. Nicht zufällig war der alt-griechische Kriegsgott Ares (römisch: Mars) auch der Gott der Ackergrenzen!

Mit dem allmählichen Rückgang des Nomadentums und der zunehmenden Bedeutung des Getreide-Ackerbaus, kam es zu einer immer schnelleren Vermehrung der Bevölkerung. So entstanden die ersten großen Siedlungen. In der anatolischen Siedlung Çatalhöyük lebten zwischen 7.500 und 5.700 v. Chr. bereits um die 10.000 Menschen. Das war noch vor dem Beginn der Metallzeit. Werkzeuge und Waffen wurden in Çatalhöyük aus Obsidian hergestellt. Man beschaffte den Stein vom 190 km entfernten Vulkan Göllü Dağ (Zentralanatolien). Mit der Zunahme der Bevölkerung und dem damit einhergehenden Bedarf an Nahrungsmitteln, verbesserte sich auch das dazu verwendete Werkzeug.

Einen ganz wesentlichen Sprung in der Menschheitsentwicklung machte um das 4. Jahrtausend v. Chr. die georgische Kura-Araxes-Kultur (benannt nach den Flüssen Kura und Araxes). Sie waren die ersten die Werkzeuge und Waffen aus Kupfer und Bronze verfertigten. Besonders die Nutzung bronzegefertigter Sicheln, Hacken und Pflügen, vermehrten die landwirtschaftliche Produktion um ein Vielfaches. Der dadruch immer weiter zunehmende Besitz bildete ein festes Fundament für die Formierung einer einheitlichen Gemeinschaft und politischen Gesellschaft. Das erforderte die Existenz von Anführern, woraus sich das Königtum entwickelte. Was einst Ackergrenzen als Einflussbereich von Herrschern markierten, sollten später einmal die Grenzen zwischen Staaten werden.

Erze: Kinder der Erde

Die Orte aus denen Menschen Erze geborgen haben, waren häufig vulkanischen Ursprungs. In geologisch aktiven Gebieten dringt in die Erdkruste Magma ein, das einen hohen Anteil an wertvollen Metallen besitzt. Bei der Abkühlung des Magmas kommt es zur Auskristallisierung dieser Minerale - so entstanden unterirdische Erzlagerstätten. Metallerze und Reinmetalle wie etwa Gold, doch auch Edelsteine, darunter Smaragde und Rubine, wachsen aus dem steinigen Boden hervor - werden über viele Millionen Jahre daraus geboren. Drum nannte man im Altertum solche Gesteinsareale Petri Genitrix: »fruchtbare Felsen«. Diese subterranen »Kinder der Erde«, so glaubten die alten Feuermeister, würden dort von Erdgeistern, Genien und Devas gehütet werden. Ein Schmelzer warb deshalb um die Gunst dieser Wesenheiten. Aus Respekt vor den Erdgeistern war die Senkung einer neuen Mine immer mit einem religiösen Ritus verbunden. Bei den Germanen glaubte man, »Meister Hömmerling« (ein Poltergeist) könnte durch das Grubenwerk der Bergleute gestört werden und aus Zorn einen Erdrutsch auslösen. Man wollte die Wesen des Erdreichs darum stets günstig stimmen. Darum holte der Bergmeister das Erz aus der Mine ganz sorgsam hervor, und beförderte es ebenso ehrfürchtig in den Schmelzofen.
Für die Bergleute war das Erz wie ein Embryo im Uterus der Erdmutter. Der Schmelzofen war wie eine Gebärmutter, worin die »Reifung des Metalls« erfolgte und darin seine Schwangerschaft vollendete. Metallurgie ist darum eine Art Geburtshilfe.
Die Hitze des Ofens war der Ersatz für die Hitze im Erdinnern. Darin reifen die Erze um auf der Erde zu kristallisieren. Erz und Embryo sind magisch miteinander verbunden. Im Schmelzvorgang sag man eine Frühgeburt, weshalb man abergläubisch tatsächliche Embryos, meist von Tieren, in die Schmelze warf um so den Vorgang magisch zu beschleunigen.

Die Verhüttung von Metallen ist bereits sehr alt; das belegen über 10.000 Jahre alte archäologische Funde aus Anatolien und dem Iran. Ab 7.500 v. Chr. wurde im mesopotamischen Uruk bereits Kupfer verarbeitet. Ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. verbreitete sich höheres Wissen über die Metallverarbeitung wahrscheinlich zuerst im Kaukasus-Gebirge Georgiens. In der Antike besaß Georgien die wichtigsten Metall- und Erzlagerstätten der Welt. 
Im Land vom »Goldenen Vlies«, dem alten Kolchis (»Reich des Aietes«), gab es eine Fülle an Goldvorkommen. Hier lebte eine hoch entwickelte Gesellschaft, die wegen ihres Goldes über großen Reichtum verfügte und einem gotterwählten König unterstand. Solch ein König war auch der Sohn des Sonnengottes Helios: Aietes von Kolchis. Das west-georgische Kolchis war für die alten Griechen die ferne Goldquelle am Schwarzen Meer. Laut dem römischen Geschichtsschreiber Appian (90-160 n. Chr.) gewannen die alten Kolcher mit Hilfe von Schaf- oder Widderfellen den goldhaltigen Sand aus Flussläufen des kaukasischen Phasis (heute: Rioni). Dazu legten sie zottige Felle ins Wasser und fingen die kleinen Goldteilchen auf.
Möglicherweise ist das eine Erklärung für den Ursprung des Mythos vom Goldenen Vlies, wofür sich die Argonauten vor mehr als 3.000 Jahren in das sagenhafte Goldland von Kolchis begaben. Das Goldene Vlies befand sich laut Mythos an einer Eiche befestigt im Hain des Ares. Ein Drache bewachte den Ort. Der Held Jason tötete das Reptil und nahm das heilige Widderfell an sich. Wie der griechische Mythos weiter berichtet, erhielt der finstere König Aietes vom Himmelsschmied Hephaistos zwei feuerschnaubende Stiere aus Bronze. Das Goldene Vlies lag zwar bereits in Jasons Händen, doch Aietes ließ ihn nicht eher gehen, bevor er nicht mit diesen Stieren einen dem Ares geweihten Acker pflügte. Darein sollte er die Zähne des getöteten Drachen sähen. Laut Mythos ersprossen aus den Zähnen Krieger, die in schwere Rüstungen aus Bronze gekleidet waren.

Diese Geschichte zwingt zur Vermutung, dass die feuerschnaubenden Stiere des Hephaistos und die ausgesäten Drachenzähne Symbole antiker Technologie sind, um aus der Erde Erze zu gewinnen bzw. diese Erze in hochwertige Metalle (Kupfer) zu verwandeln. In der Alchemie symbolisiert der Drachen den Ausgangsstoff zur Herstellung des Steins der Weisen, d. h. ein Agens zur Verwandlung eines unedlen Stoffes, in diesem Fall Erz, zu etwas hochwertigem: das Edelmetall Kupfer.

Da nun im Osten Georgiens, am Großen Kaukasus, bereits zwischen dem 5. und 4. Jahrtausend v. Chr. große Mengen an Kupfererz abgebaut und verhüttet wurden, scheint die Behauptung, das es sich bei der Argonautensage auch um die Schilderung einer Initiation in die Metallurgie handelte, nicht ganz unwahrscheinlich. Denn von Georgien aus kam metallurgisches Wissen über Anatolien nach Ägypten und Griechenland, später nach Mitteleuropa und England, wo die hohe Kunst der Metallverarbeitung weiter verfeinert wurde.

Und Wir haben das Eisen herab gesandt

Eisen, das stärker als jedes Metall ist,
In des Gebirgs Talgründen,
Vom flammenden Feuer bezwungen,
Unter der Hand des Hephaistos zerschmilzt auf der heiligen Erde;
So denn schmolz von der Lohe des flammenden Feuers die Erde.

Aus der Theogonie des Hesiod

Hesiods Gedicht beschreibt einen heftigen Waldbrand in dem ein Eisenklumpen schmilzt. Es kann sich dabei nur um Meteoreisen handeln. Das er eine zufällige Reduktion von Eisenerz beschreibt ist sehr unwahrscheinlich, denn so hätte es schon nach kurzer Zeit zu rosten begonnen. Wegen des hohen Nickelanteils (ca. 5-20 %) in Meteoreisen bleibt eine Korrosion aber aus. Schon vor der eigentlichen Eisenzeit, wurde überall auf der Erde meteoritisches Eisen zur Herstellung von Kultgegenständen, Werkzeugen und Waffen verwendet und wegen seiner großen Seltenheit, war es sogar wertvoller als Gold!

Dem Menschen bot das himmlische Eisen schon vor Jahrtausenden einzigartige Vortrefflichkeit, denn es war das härteste aller Metalle. Im alten Sumer (Mesopotamien im 3. Jahrtausend v. Chr.) nannte man es an-bar, das »Feuer aus dem Himmel« oder urudu-an-bar das »Kupfer des Himmels«. Auch die Hethiter (2. Jahrtausend v. Chr. in Kleinasien und alten Syrien) kannten es als ku-an.
Im mesopotamischen Ur, dem Geburtsort Abrahams (Genesis 11), entdeckte man um 3.100 v. Chr. einen Königsdolch aus Meteoreisen mit goldenem Griff – 2.000 Jahre vor der Eisenerzeugung aus Erz! Wenn Tubal-Kain (»Tubal der Schmied«), ein Nachkomme Kains, der etwa um diese Zeit gelebt haben könnte, in Genesis 4:22 als Eisenhandwerker erwähnt wird, so verfertigte er Kultgegenstände und Waffen aus Meteoreisen, da man zu dieser Zeit die Eisenerzverhüttung noch nicht kannte.

Die Hebräer nannten Eisen parzil, die Assyrer barzillu - »Metall Gottes« oder »Himmelsmetall«. Das es sich um etwas Himmlisches handelt, das bestätigt auch der bis heute in Georgien verwendete Name für Meteoreisen: tsis-natckhi – »himmlisches Bruchstück«. Auch im alt-ägyptischen Namen bj-n-pt für das »Eisen des Himmels« sind die Wörter bj, der Blitz und pt, Himmel, enthalten. Es ist gut möglich dass in Ägypten, wo es sehr selten regnet, in ferner Vergangenheit nicht wirklich unterschieden werden konnte zwischen Blitz, Donner und Meteoriten. Auffällige, blitzartige Lichterscheinungen am Himmel, die von lautem Prasseln und Donnern begleitet waren, wurden mit wetterbedingtem Blitz und Donner wahrscheinlich gleichgesetzt. Vielleicht fand man nach solchen Blitzeinschlägen manchmal an den Stellen schwarze Steine oder schwere Meteorklumpen, was die Alten wohl als eine Botschaft der Götter auffassten. Solche himmlischen Objekte lieferten das Material aus dem heilige Werkzeuge hergestellt wurden: so etwa das Werkzeug für das alt-ägytische Mundöffnungsritual der Mumie (siehe Abb.).

Abbildung aus dem Ägyptischen Totenbuch des Hunefer (ca. 1.300 v. Chr.). Das in der Mitte abgebildete Werkzeug aus Meteoreisen, wird an den Mund des verstorbenen Pharao geführt (cc).

Donnerschlag und Blitzerscheinung waren immer schon die stärksten Kräfte in der Natur. So glaubten die schamanischen Medizinmänner oder keltischen Hohepriester, dass durch die ungeheuerliche Kraft eines Blitzes das aufzusprengen wäre, was der Tod verhüllte. Man glaubte Totes durch die magische Kraft der Elektrizität lebendig machen zu können. Blitz, Donner, Meteore und himmlisches Eisen galten darum lange Zeit als Ausdruck göttlicher Aktivität. Das zeigt sich auch im blitzenden Hammer des germanischen Gottes Thor. Er besaß ebenso blitzende Donnerwaffen wie der griechische Zeus oder der indogermanische Diyaus Pita.

Magische Waffen des Sagenhelden Siegfried oder des König Artus, wurden sehr wahrscheinlich aus Meteoreisen verfertigt. Auch geschichtliche Helden und Eroberer wie der Hunnenkönig Attila († 453) oder Timur Lenk (1336-1405 – Timur ist vom türkischen Temür abgeleitet, das Wort für »Eisen«), besaßen aus Meteoreisen geschmiedete »Himmlische Schwerter«. Auch die arabischen Kalifen führten Schwerter aus Meteoreisen in der Hand.

Und Wir haben das Eisen herab gesandt. In ihm ist starke Gewalt und Nutzen für die Menschen –, damit Allah kennt, wer Ihm und Seinen Gesandten im Verborgenen hilft.

Aus der Sure »Der Stern« (Al Najm)

Manche Legenden behaupten dass der heilige Stein der Kaaba in Mekka, von Abraham aus einem 1.100 km östlich von Mecca befindlichen Meteoritenkrater in die heilige Stadt gebracht worden sei. Dieser Schwarze Stein der Kaaba soll aus extraterrestrischem Silikat-Glas bestehen, worin Meteoreisen eingeschlossen ist. Vermutlich handelt es sich dabei um ein Bruchstück des Meteoriten der vor ungefähr 6.000 Jahren im saudi-arabischen Wabar niederging. Über dieses Ereignis scheinen viele arabische Poeten geschrieben zu haben. Sogar der Koran erwähnt diesen Ort als das »Iram der Säulen«: eine Stadt die in verschiedenen Fabeln (Märchen aus 1000 und einer Nacht) manchmal als das Atlantis des Sandes erwähnt wird, das wegen der Bösartigkeit seines Königs einem »Himmelsbrand« zum Opfer fiel.

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den 'Âd verfuhr, jenen Bewohnern der Stadt Iram, mit den emporragenden Säulen, dergleichen in keiner Stadt sonst errichtet worden waren? Und mit den Thamûd, die Felsen zum Bauen ins Tal brachten? und mit Pharao, dessen Heerscharen seine Herrschaft wie Pfähle stützten? Sie trieben maßlos in den Städten ihr Unwesen und richteten viel Unheil an. So überhäufte dein Herr sie mit peinvoller Strafe. Dein Herr beobachtete alles genau.

Aus der Sure »Die Morgendämmerung« (Al Fajr)

Wir können davon ausgehen, dass schon die Urzeitmenschen, lange vor der Neusteinzeit und Bronzezeit, kleinere Stücke aus Meteoreisen als Werkzeug bei sich trugen. Meteoreisen war das beste Metall das zu damaliger Zeit ohne Verhüttung zur Verfügung stand. So besaßen die Urmenschen eine Eisenlegierung die alles überragte was bis 1890 an Metallgegenständen industriell hergestellt werden konnte!

Erst seit den 1920er Jahren wurde viel Geld ausgegeben, um einen der größten Metall-Meteoriten in der Geschichte der Erde zu untersuchen: der Canyon Diablo (»Teufelsschlucht«). Der ca. 300.000 Tonnen schwere Eisenmeteorit hat einen der größten und berühmtesten Krater in der Wüste von Arizona hinterlassen. In den Bruchstücken die man bis heute fand, kam auch eine besondere Substanz vor, die man bis zum damaligen Zeitpunkt auf der Erde noch nicht als chemische Substanz kannte: Siliciumcarbid – heute synthetisch hergestellt, wird diese Silicium-Verbindung als Halbleiter in Leuchtdioden verwendet.

Fortsetzung folgt

 

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Der Heilige Franziskus von Assisi

von S. Levent Oezkan

Der Heilige Franziskus - Antônio Firmino Monteiro - ewigeweisheit.de

Ende des 12. Jhd. veränderte sich das kulturelle Leben in Europa. Die Bilder die durch die Kreuzfahrer aus dem Orient kamen, inspirierten die Fantasie vieler Künstler. Es entstand eine Mystik und Minnedichtung, die in Opposition zur damals vorherrschenden Kreuzfahrermentalität stand. Die wahre Lehre Christi war seit langer Zeit in Vergessenheit geraten.

Troubardoure und Minnesänger versuchten mit ihren Dichtungen und Gesängen den christlichen Urgedanken wieder in das Bewusstsein der damaligen Zeit zu bringen. Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Robert de Boron oder Chretien de Troyes - sie alle brachten mit ihrer besonderen Liebespoesie dieses verlorengegangene Gut zurück in die Herzen der Menschen.
Sie alle waren Zeitgenossen des heiligen Franziskus, der wie auch sie an die große Wahrheit der Nächstenliebe und die Heilung der Welt erinnern wollte.

Franziskus wurde als Sohn eines wohlhabenden Händlers 1181 im italienischen Assisi geboren. Bevor sich Franziskus dem Mönchsein ergab, hatte er als junger Mann ein Leben jenseits jeder Askese gelebt. Er feierte mit anderen wohlhabenden Freunden ausschweifende Feste und war ein kühner Schwertkämpfer. Im Alter von 20 Jahren wurde Franziskus als Soldat eingezogen und geriet in Kriegsgefangenschaft. Im Krieg aber sollte sein unbekümmertes Leben in Frage gestellt werden. Zutiefst erschüttert über die im Krieg erfahrenen Grausamkeiten, erkrankte er nach seiner Freilassung. In einem Fiebertraum erhielt er von Gott den Auftrag sich von den weltlichen Herrschern loszusagen und sich in den Dienst Christi zu stellen.
Nach seiner Genesung löste er sich von allen gesellschaftlichen Bindungen und begab sich als Mönch auf Pilgerschaft.

Heilige Liebesmystik

Die Liebesmystik des heiligen Franziskus von Assisi bezog sich auf die Natur. Für ihn waren Menschen, Tiere und Pflanzen, Wesen höchster Vollkommenheit. Zentrales Symbol des ewigen Zyklus von Leben, Tod und Geburt war für Franziskus die Sonne.

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.

Die christlichen Ideale wie Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, kehrte durch Franziskus' Wirken allmählich wieder zurück in die Herzen der Menschen.
Franziskus’ Lehre verbreitete sich schnell über ganz Europa. Vermutlich lassen sich darauf auch die Annäherungen der Muslime und Christen während des 5. und 6. Kreuzzuges zurückführen.
Franziskus begab sich auf eine Pilgerreise ins gelobte Land. Dort traf er zum ersten mal Muslime - unter ihnen der große Sultan Al-Malik Al-Kamil von Ägypten. Sultan Al-Malik war von Franziskus’ liebvoller Art derart eingenommen, dass er ihn mit Geschenken geradezu überhäufte.
Wie es scheint hatte diese besondere Begegnung positive Auswirkungen auf das Verhältnis der Kreuzfahrer und der Muslime. Es ist bestimmt kein Zufall, dass in dieser Zeit der Stauferkaiser Friedrich II. mit den Arabern in diplomatische Beziehungen trat, was im Jahr 1229 zum "Frieden von Jaffo" führen sollte.

Giotto: Vogelprediger St. Franziskus von Assisi

Fresko in der Basilika von Giotto di Bondone: Franziskus der Vogelprediger

Die franziskanische Bewegung wurde zur widerstrebenden Kraft gegen den zerstörerischen Wahn der Kreuzzüge. Wegen der schnellen Ausbreitung seiner Lehren sollte es zu einem Wendepunkt im europäischen Christentum kommen. Nach seiner Rückkehr nach Italien geriet Franziskus in Uneinigkeit mit seinen Ordensbrüdern. Für ihn war es wichtig alleine die Botschaft Jesu zu leben. Franz wollte für sich und seine Brüder keine Ordensregeln. Alleine die Botschaft Jesu genügte ihm: »Willst Du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe was du hast, und gib es den Armen«.
Seine Ordensbrüder waren mit dieser Lebensauffassung leider nicht einverstanden, was zu einem Streit über die Regeln innerhalb des Ordens führte. Schließlich trat Franziskus als Ordensleiter zurück.
Er begab sich 1224 in die Einsamkeit auf dem toskanischen Berg La Verna, um dort 40 Tage zu fasten, wo er ihm in einer besonderen Vision ein gekreuzigter Engel erschien.

Man fand Franziskus später mit Wundmalen an Händen und Füßen gekennzeichnet und einer Lanzenwunde in seiner Brust. Es waren die Wundmale des gekreuzigten Jesus Christus.
Zwei Jahre später verstarb der heilige Franziskus. Für seine Anhänger waren die Stigmata Zeichen seiner irdische Nachfolge Christi. Doch dieser Glaube, der sich schnell verbreitete, sollte seine Nachfolger auf den Scheiterhaufen der heiligen Inquisition bringen.

Eigenartigerweise wurde Franziskus von Assisi aber bereits zwei Jahre nach seinem Tod 1228 durch Papst Gregor IX. heilig gesprochen.

Sei gelobt, mein Herr,
für unsern Bruder Tod,
den herben,
dem kein Lebender
entrinnen kann.

Weh, ach denen,
die Sterben
In Todsünden

Selig Jene,
die sich gefunden
in deinem heiligsten Willen,
denn ihnen
kann der zweite Tod
nicht an
[...]

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.
[...]

Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernähret und trägt
und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.

Franziskus hatte die Vision einer neuen Kirche, die nicht nur den Menschen anspricht, sondern das Heil der gesamten Schöpfung als Aufgabe sieht. Seine Spiritualität war geprägt von einem tiefen Respekt vor der Natur und der Schöpfung. Auch die Verpflichtung der Friedfertigkeit und Toleranz bildeten einen zentralen Bestandteil seines Glaubens.

Darum stellt Franziskus im christlichen Kontext, den Schutzpatron der Umweltschützer dar, was dereinst von der modernen Umweltbewegung aufgegriffen werden sollte.
Auch seine Verpflichtung zur Friedfertigkeit, weist eindeutig die spätere Friedensbewegungen hin, die von der nach ihm benannten kalifornischen Stadt »San Francisco« ausging. Dort wurden die sogenannten "Rainbow-Gatherings" gefeiert, als Symbol für die Naturverbundenheit und Friedfertigkeit. Es war die Geburt der Hippiebewegung.

Einige seiner elementaren Lebensinformationen genügen, um den Heiligen Franziskus besonders schätzen zu lernen. Seine Exzentrizität hat immer wieder viele Menschen angeregt, sich mit seinen Lehren zu beschäftigen. Darunter sind nicht nur religiöse Menschen. Auch viele Künstler und Schriftsteller haben sich von seinem Lebenswerk inspirieren lassen.
Da es auch zahlreiche Übereinstimmungen zu den Lebensgeschichten hinduistischer Heiliger gibt, ist er in Indien der bekannteste christliche Heilige. Denn seine spirituellen Vorstellungen haben viele Berührungspunkte mit der Gesinnung hinduistischer und buddhistischer Wandermönche, die frei von Besitz, sich in der Suche nach Gott auf Wanderschaft begeben haben.
Sie alle teilen ein besonderes Grundrecht, dass dem heiligen Franziskus in seinem Vornamen mit auf den Weg gegeben wurde: Freiheit.

Zitate entnommen aus dem Buch: Der Sonnengesang des Heiligen Franz von Assisi, Joseph Bernhart (Hrsg. / Übers.), Gral Verlag Aloys Graef, Heidelberg, 1947

Den vollständigen Text des Sonnengesangs finden Sie hier >>

 

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Christliche Ostern: Ein Planetarisches Einweihungsmysterium

von Johan von Kirschner

The Baptism of Christ, 1803 - William Blake - ewigeweisheit.de

Jesus und Christus sind nicht der Selbe. Jesus ist der Name eines Menschen, der sich über unzählige Inkarnationen zu einem körperlichen Gefäß entwickelte, um durch die Taufe den kosmischen Christus aufzunehmen - drei Jahre lang.

Mit der Geburt Jesu senkte sich der Geist Gottes in das Fleisch - Gott wurde Form. Und da Gott zeitlos, Materie aber vergänglich ist, muss Gott auf der Erde sterben, um sich auf ihr zu Verkörpern. Und er muss im Körper sterben, um in der himmlisch, ewigen Einheit wieder geboren zu werden. Das ist das christliche Mysterium.
Auf den Menschen übetragen: das Ich leiht sich das Licht des Selbst, so wie Gott Jesu das Christuslicht für die Dauer seines Wirkens verlieh. Das Ostermysterium signalisiert die Befreiung Gottes aus der Gefangenschaft der weltlichen Formen.

Mit dem Auftreten Jesu Christi wurde den Menschen gezeigt, wie sie sich durch die Welt der Formen bewegen sollen, damit, im christlichen Sinne, der Geist sich dereinst vom leidenden Körper befreien kann. Es geht ums Verlassen der Welt der Gegensätze, denn das Reich des göttlichen Geistes "[...] ist nicht von dieser Welt" (Johannes 18:36).
Weltflucht ist was anderes. Es geht um die absolute Hingabe an das "was ist". Das Erleben des Abstiegs in den tiefsten und dunkelsten Punkt, die bedrückende Enge der Schwierigkeiten im Leben: daran reift der Mensch.

Die Karwoche

Die sieben Tage der Karwoche und die Stationen des Leidensweges Jesu zeigen uns einen Mysterienweg. Seit jeher ist die Sieben eine Zahl der Einweihung. Sieben Stufen musste der Initiant im iranischen Mithraskult durchlaufen und bewegte sich dabei durch die sieben Sphären der Planeten.

Mit den sieben Tagen der Karwoche wird ein siebenfach gegliederter Einweihungsweg gegeben: von der Huldigung der körperlichen Erscheinung Jesu zu Palmsonntag, bis zu seiner Grablegung am Karsamstag. Zweimal Sieben (14) Stationen des Kreuzweges (Via Dolorosa) am Karfreitag, "sieben Worte" des Jesu am Kreuz. Wie wir im Folgenden sehen werden, ist die Sieben auch die esoterische Zahl des Freitags.

Karwoche und Chaldäische Reihe

Die Umlaufzeiten der Planeten sind unterschiedlich: von der Erde aus beobachtet, braucht der Saturn am längsten, ihm folgen Jupiter, dann Mars, Sonne, Venus, Merkur und am schnellsten ist der Mond (zwischen dem 1. Jtsd v. Chr. bis zum 2. Jhd. n. Chr. zählten auch Sonne und Mond zu den Planeten). Die Chaldäer zeichneten gemäß dieser Reihenfolge die Planeten um einen Siebenstern. Jeder Planet herrscht über eine Stunde des Tages. Gemäß chaldäischer Zählung beginnt die erste Stunde des Tages mit Sonnenuntergang (was im Übrigen auch im Judentum gilt):

  1. Stunde: Saturn
  2. Stunde: Jupiter
  3. Stunde: Mars
  4. Stunde: Sonne
  5. Stunde: Venus
  6. Stunde: Merkur
  7. Stunde: Mond

Mit der 8. Stunde wiederholt sich die Reihung wieder mit Saturn. Setzen wir diese Wiederholungen fort, sind wir nach 24 Stunden bei Mars und nach 25 Stunden, also der 1. Stunde des neuen Tages, bei der Sonne. Darum ist dann ein Sonnen-Tag: Sonntag. Wieder 24 Stunden später herrscht der Mond. Dann ist also Mond-Tag: Montag. Der Planet der über die erste Stunde herrscht, gibt dem Tag seinen Namen.
Aus dieser Planetenreihe ergeben sich die Namen der Wochentage, da die Planeten ja auch Namen römischer Götter sind:

  • Saturn: Samstag (engl. "Saturday")
  • Sonne: Sonntag
  • Mond: Montag
  • Mars: Dienstag (nord. Gottheit "Ziu" oder "Die", deshalb engl. "Tuesday", franz. "Mardi")
  • Merkur: Mittwoch (franz. "Mercredi")
  • Jupiter: Donnerstag (germ. "Donar", "Thor" im engl. "Thursday", franz. "Jeudi")
  • Venus: Freitag (germ. "Freya", franz. "Vendredi")

Jedem der Planeten ordneten die alten Chaldäer außerdem eine Zahl und ein magisches Siegel bei:

Grund dass die Zählung nicht mit Eins oder mit Zwei beginnt, ist, dass sich mit diesen Zahlen kein magisches Quadrat bilden lässt. Man verwendete solche magischen Siegel synonym für die damit zusammenhängenden Planetenmächte (im Folgenden entsprechen die Zahlen ihren magischen Planetenkräften).

Die Chaldäische Reihe - ewigeweisheit.de

Die Chaldäische Reihe - 7 klassische Planeten, den Wochentagen entsprechend. Die Pfeile auf den Sternlinien deuten auf den jeweils folgenden Wochentag.

Sonntag

Am ersten Tag der jüdischen Woche, dem Palmsonntag, kehrt Jesus auf einem Esel reitend nach Jerusalem ein. Jesus wird von der Menge wie ein König bejubelt. Doch wer hier bejubelt wird ist Jesus, nicht Christus. Es geht um den Leib, das Ich - nicht um das Selbst. Das Ich aber ist sterblich, während das Selbst unsterblich bleibt. Wieso sollte man also dem Körper huldigen, der doch nur ein Abglanz dieses wahren Selbst ist?
Wenn Jesus auf einem Esel reitet, ist das ein Symbol der Seele die sich im Körper sitzend über die Erde bewegt. Der Heilige Franziskus von Assisi nannte seinen Körper "Bruder Esel". Jesus ist jetzt noch nicht der wahre König - erst eine Woche später zu Ostersonntag, wenn er ins himmlische Jerusalem einkehrt.
Nicht also durch die Huldigung der Materie und des Körpers, wird der Mensch ins Licht erhoben, sondern durch die Absage an die Verhaftungen mit der Welt.

Montag

Am Montag fand die Tempelreinigung statt. Jesus warf die Stände der römischen Steuereinnehmer, Geldwechsler und Händler um. Sie standen im Tempelvorhof, wo sich einst die Heiligtümer der Juden befunden hatten. Für die Juden war das ein Kompromiss. Sie wollten verhindern dass im Allerheiligsten des Tempels, an Stelle der Bundeslade, ein Cäsar-Standbild errichtet wurde.
Jesus trat diesem Kompromiss trotzdem entgegen. Er machte durch die Tempelreinigung bewusst, das zwei Götter, JHVH und Cäsar, nicht "unter dem selben Dach" wohnen könnten. Darum zerschlug er gewaltsam die Stände im Vorhof und zwang die Juden damit zur Entscheidung. Durch den gewaltsamen Akt der Tempelreinigung, sorgten sich die Pharisäer um ihr Allerheiligstes. Sie hatten Angst, die Römer könnten den Tempel nun ganz übernehmen. Darum klagten sie Jesus als Tempelschänder an.

Der Tag der Tempelreinigung war also ein Montag - ein Mond-Tag. Als Träger des Sonnenlichts, symbolisiert der Mond die an die materiellen Formen gebundenen, himmlischen Geisteskräfte. Sobald sich das Licht nach Vollmond von ihm löst, verschwindet der Mond allmählich am Himmel - so wie nach einiger Zeit auch der Körper von der Erde verschwindet, wenn ihn das Seelenlicht verlassen hat.
Daher wird das Osterdatum anhand des ersten Frühlingsvollmonds ermittelt. Es ist der Zeitpunkt des Vollmonds zwischen Frühlingsanfang (21. März des gregorianischen Kalenders) und dem darauf folgenden Sonntag.

Am Karfreitag verlässt das Christuslicht den Leib Jesu, der Mond nimmt ab und verdunkelt sich, bis drei Tage später, am Ostermontag (Montag = Mond) Jesu Auferstehung gefeiert wird.

Dienstag

Am dritten Tag, dem Dienstag, der ja dem kriegerischen Mars zugeordnet ist, wird Jesus in kämpferische Streitgespräche verwickelt. Hier spricht Jesus seinen neunmaligen Wehruf gegen die Pharisäer aus, und behauptet, dass Jerusalem dem Untergang geweiht sei. Dies sollte sich mit dem Jüdischen Krieg im Jahr 70 n. Chr. bewahrheiten. Jerusalem war damals also eine dem Untergang geweihte Stadt.

Mittwoch

Der vierte Tag der Karwoche war ein Mittwoch, dem Merkur zugeordnet. Merkur war der römische Götterbote (entsprechend seinem griechischen Pendant "Hermes"). Als Bote steht gewissermaßen auch der Mittwoch zwischen den beiden Hälften der Karwoche. Die erste Hälfte der Karwoche ist "laut" und aktiv nach außen gerichtet. Die zweite Hälfte ist viel leiser. In den drei folgenden Tagen nimmt die Bedeutung der inneren, stilleren Vorgänge zu: das Abendmahl im geschlossenen Kreis (Gründonnerstag), das einsame Sterben Jesu am Kreuz (Karfreitag) und seine Grablegung (Karsamstag).

Donnerstag

Am Gründonnerstag, dem fünften Tag der Karwoche, kommt das Jupiter-Prinzip zur Entfaltung. Die Farbe Grün steht für die Erneuerung des alten Brauchs des Pessachfests. Das Urmuster des Segens über Brot und Wein wird erneut beim heiligen Abendmahl ausgeübt.
Pessach ist den Juden heilig. Man zieht sich in den Kreis der Familie zurück. Niemand darf das Haus verlassen, da ihm sonst des Nachts der Würgeengel (wie im 11. Kapitel des Exodus) begegnet. Jesus und seine Jünger begingen das Fest in einem Haus des Essenerordens auf dem Zionsberg (siehe Buch: Die Bruderschaft der Essener). Es ist ein heiliger Ort, denn hier brachte einst der Sonneneingeweihte und Priesterkönig Melchisedek dem Abraham Brot und Wein (Genesis 14:18-20 ). Darum nennt man Jesus Christus einen Hohenpriester nach der Ordnung des Melchisedek (Hebräer 5:6,10). Das Mahl mit Brot und Wein ist ein Brauch der die Zeiten durchlebt hat und beibehalten wurde. Mit der Einsetzung des letzten Abendmahls erneuerte und erhöhte Christus aber dieses Opfer von Brot und Wein.

Das Brot der Einsegnung, dass von der Kirche als Hostie übernommen wurde, wird aus zusammengebackenem Mehl hergestellt. Und dieses Mehl entsteht aus dem Getreide, dass die Sonne durch ihr Licht und ihre Wärme auf die Erde fallen und so die Pflanze wachsen lässt. Wenn sich unser Körper durch die in der Sonne gewachsenen Pflanzen ernährt, ist er also aus Sonnenlicht gemacht. Das Licht des Sonneneingeweihten Jesus ist in der geweihten Brot (und in der Hostie) lebendig.
Jesus nahm dieses Brot, teilte es und reichte es seinen Jüngern mit den Worten:

Und indem sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des neuen Testamentes, das für viele vergossen wird.

- Markus 14:22-24

Nachdem Judas vom Brot aß, verließ er die Runde und ging um Jesus zu verraten! Auch Jesus verließ wenig später mit seinen Jüngern das Haus. Sie nahmen den selben Weg ins Tal, auf dem einst Melchisedek Brot und Wein hinuntertrug. Am Fuße des Berges, im Garten Gethsemane, wurde Jesus von einem Dämon heimgesucht, der ihn versuchte zu töten. Ihm widerstehend trat blutiger Schweiß aus seiner Haut.

Freitag

In der Nacht zu Karfreitag, dem sechsten, der Venus zugeordneten Tag der Woche, gingen Jesus und seine Jünger hinaus zum Bach Kidron, an dem sich ein Garten befand. Dorthin war in der Morgendämmerung Judas mit einem Trupp bewaffneter Männer gekommen, um ihn festzunehmen und vor die Hohepriester zu bringen. Hier beginnt der Leidensweg Christi - die Via Dolorosa mit ihren 14 Stationen.

Station 1: Jesus wird zum Tode verurteilt

Die Sterblichkeit unseres menschlichen Körpers.

Beim Aufgehen der Sonne kam er vor Pontius Pilatus. Da dieser keine Schuld an Jesus fand, ließ er ihn zu Herodes bringen. Herodes hatte viel von Jesus gehört und wollte diesen Wundermann schon immer mal kennen lernen. Als Jesus vor ihm aber nur schwieg, verspottete ihn Herodes und so kam er zurück zu Pilatus. Der verweigerte sich den Pharisäern ein Todesurteil gegen Jesus zu vollstrecken, erreichte aber nichts. Stattdessen schwoll der Tumult der Pharisäer zu einem lauten Geschrei an. Sie forderten die Kreuzigung Jesu.

Da aber Pilatus sah, dass er nichts schaffte, sondern dass ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu!

- Matthäus 27:24

Via Dolorosa - Der Leidensweg Christi - ewigeweisheit.de

Station 1 - Jesus wird zum Tode verurteilt.

Station 2: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Der Künstler nimmt das tote Holz und formt daraus ein Bildnis der Liebe. Liebe überwindet den Tod.

Soldaten brachten Jesus ins Gerichtshaus und entkleideten ihn. Man legte ihm einen Purpurmantel um, flocht ihm eine Dornenkrone, die man ihm auf den Kopf setzte. In seine Rechte gaben sie ihm einen Stab. Die Soldaten fielen vor ihm auf die Knie und verspotten ihn: "Gegrüßet seist du, König der Juden!" Sie rissen den Stab aus seiner Hand, schlugen ihm damit auf den Kopf und spuckten ihn an.
Was sich hier ereignete, erinnert an ein Einweihungsritual. Seit jeher ist die Verletzung der Haut Teil der Initiation. Die Haut grenzt das Innen vom Außen ab - das Ich vom Nicht-Ich. Mit der Initiation wird diese Grenze in Frage gestellt.

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Station 2 - Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.

Station 3: Jesus fällt unter der Last des Kreuzes

Wer fällt wurde versucht, doch war zuvor nie gefallen. Nun beginnt der Fall im Menschen. Denn der Versucher, der ihm einst das Zaubern lehren wollte, doch nicht durfte, rächt sich nun an ihm.

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Station 3 - Jesus fällt unter der Last des Kreuzes.

Station 4: Auf seinem Weg auf die Schädelstätte von Golgatha begegnet er Maria seiner Mutter

Stille ist mächtiger als Worte. Das Wort aber bricht die Stille.

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Station 4 - Jesus begegnet auf dem Weg seiner Mutter Maria.

Station 5: Der Unbekannte Simon aus Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Nach der Begegnung mit der Mutter begegnet der Mensch dem Fremden.

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Station 5 - Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.

Station 6: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Das Geheimnis des Heiligen Gesichts.

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Station 6 - Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.

Station 7: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Gottes Schwäche ist stärker als die Menschen - 1. Chorinther 25

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Station 7 - Jesus fällt erneut.

Station 8: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Weint nicht um mich, weint um eure Kinder - Lukas 23:28

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Station 8 - Jesus begegnet den weinenden Frauen.

Station 9: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Wie die Schlange im Garten Eden, so bewegt er sich auf seinem Bauch durch den Staub.

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Station 9 - Jesus füllt zum dritten mal.

Station 10: Jesus wird auf der Schädelstätte Golgatha von Soldaten entkleidet, die seine Gewänder untereinander auslosen

Wir müssen uns von allem entledigen.

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Station 10 - Jesus wird seiner Kleider beraubt.

Station 11: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösen wird zurückgegeben.

Am oberen Ende brachte man ein Schild mit den Buchstaben I.N.R.I an. Das waren die Initialen des Namens "Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum", dem lateinischen Namen für "Jesus von Nazareth König der Juden". Manche sagen auch, die Initialen wären in Wirklichkeit das Tetragrammation JHVH (hebr. יהוה‎, "Jahve") gewesen, denn die hebräische Variante des Könignamens ist "Jehoschua Ha-Notzri Ve-Melek Ha-Jehudim".

Am Kreuz hängend spricht Jesus sieben Sätze:

  1. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" - Psalm 22:2.
    Dies ist ein Einweihungsspruch, gesprochen von denen, die der Prüfung der Einweihung unterzogen wurden. Es geht in der Einweihung um die Loslösung des Körperlichen vom Geistigen. Jesus ist der Christusgeist entwichen. Erst mit der Auferstehung kehrt er in den toten Leib zurück. Jesus wird sich als fleischlicher Mensch bewusst, dass ihn Gott verlassen hat und er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der Christus ist.
  2. Als Jesus am Kreuz hing und die Soldaten sich um seine Kleider stritten, sprach er:
    "Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun!" - Lukas 23:34.
    Die Gewänder sind Symbole der leiblichen Hülle. Die Soldaten stehen für die unbewusst Lebenden, die sich um die materiellen Dinge streiten.
  3. Jesus wurde mit zwei Verbrechern gekreuzigt. Einer von ihnen bekannte sich zu seinen Verbrechen. Jesus sprach zu ihm:
    "Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein." - Lukas 23:43
  4. "Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn!" - Johannes 19:26.
    Es ist der Körper, der aus Mutter Erde durch die Inkarnation der Seele geboren wurde.
  5. "Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich." - Johannes 19:27.
  6. "Darnach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, dass die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet!" - Johannes 19:28.
    Man gibt ihm Essig. Das ist das polare Gegenteil von Wein. Der Mensch empfängt in der Kommunion den göttlichen Wein. Gott empfängt in der Kreuzigung jedoch den irdischen Essig.
  7. "Es ist vollbracht!" - Johannes 19:30
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Station 11 - Jesus wird an das Kreuz genagelt.

Station 12: Jesus stirbt

Da schrie Jesus noch einmal laut auf und starb. [...] Der römische Hauptmann und die Soldaten, die Jesus bewachten, erschraken sehr bei diesem Erdbeben und allem, was sich sonst ereignete. Sie sagten: Dieser Mann ist wirklich Gottes Sohn gewesen!

- Matthäus 27:45-54

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Station 12 - Jesus stirbt am Kreuz.

Die Zeugnisse über die Kreuzigung in den Evangelien Lukas und Matthäi, müssen aus dem Johannes-Evangelium übernommen worden sein, denn Johannes war als einziger der Zwölf während des Kreuzigungsdramas anwesend. Er war einer der beiden Jünger (neben Thomas) die von Jesus eingeweiht wurden. Er verstand darum was geschah, während die anderen Jünger das eigentliche Werk Jesu versäumten.

Samstag

Der siebte Tag der Woche ist der Sabbat (von hebr. "Shabbatei": Saturn). Zwei Personen treten ins Geschehen: Joseph von Arimathäa und Nikodemus. Joseph von Arimathäa war ein Jünger Jesu. Doch aus Furcht vor den Juden verheimlichte er das. Joseph war ein wohlhabender Ratsherr, der dem Orden der Essener nahe stand. Er war im Besitz des Kelches, der aus einem grünen Stein gemeißelt war. Laut Legende fiel dieser Stein (Smaragd) vom Himmel, als Luzifer und seine Engel gestürzt wurden. Erzengel Michael schlug diesen grünen Stein mit seinem Schwert aus Luzifers Krone.
In diesem grünen Kelch trug Melchisedek den Wein dem Abraham entgegen. Aus dem selben Kelch tranken Jesus und seine Jünger beim Abendmahl. Im selben Kelch fing Joseph von Arimathäa das Blut auf, das Jesus am Kreuz nach dem Lanzenstich aus der Seite rann. Später wurde daraus der heilige Gral, den Joseph als erster Hüter dann nach England brachte (siehe Buch: Das mythische Avalon).

Station 13: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Er wandelt nun auf den Pfaden der Toten.

Joseph von Arimathäa erhält von Pilatus Erlaubnis, den Leichnam Jesu vom Kreuz nehmen zu dürfen.

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Station 13 - Jesus im Schoß seiner Mutter.

Station 14: Grablegung

Aus der Tiefe rufe ich, JHVH, zu dir - Psalm 130:1

Joseph von Arimathäa stellt sein eigenes Grab für den Leichnahm Jesu zur Verfügung.

Joseph nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. Dann legte er ihn in ein neues Grab. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.

- Matthäus 27:59-61

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Station 14 - Grablegung Jesu.

Die Auferstehung

Das Kreuz ist ein uraltes Symbol der Vierheit in Mikrokosmos (vier Elemente) und Makrokosmos (vier Himmelsrichtungen und vier Jahreszeiten). Der leidende Jesus am Kreuz ist Symbol des archetypischen Menschen, dessen Körper an die Welt der Sinne gebunden ist. Festgenagelt durch fünf Wunden, entsprechend den fünf Sinnesorganen die an die materiellen Erscheinungen der Welt gebunden sind. Es ist also die Arretierung der weltlichen Illusionen, die die Sinne dem Menschen vorgaukeln. Jesus leidet am Kreuz, so wie das an die Polarität von Gut und Böse gebundene Ich. Jesus befreit sich nicht vom Kreuz, sondern befreit am Kreuz sein an die Materie gebundenes Ich.

Beide Balken stehen für die weltlichen Dimensionen von Raum und Zeit. Ihr Schnittpunkt in der Mitte: das Hier und Jetzt - Zeit und Raum sind eins. Dieser Kreuzungspunkt ist ein Synonym für die in der Alchemie begehrte quinta essentia - das Elixier des Lebens, die Tinktur aus dem Stein der Weisen.

Die Kreuzigung ist der Weg des Menschen zu Gott, vom Ich zum Selbst. Darum sagt man: "Du musst das Kreuz auf dich nehmen".
Sich von der Welt zu befreien heißt, sich seinem Schicksal voll und ganz hinzugeben. Zuerst muss man in der gegenwärtigen Lebenssituation Freiheit finden. Erst diese Freiheit erlaubt es, uns an einen anderen Ort, in eine andere Lebenssituation zu begeben.
Somit ist das Kreuz ein Ort der Wandlung, wie ja auch die Erde im Verlauf unserer Inkarnation, mit ihren vier Himmelspolen ein Ort der Wandlung ist. Dafür steht im Christentum der Leidensweg.

Jesu Kreuzigung ist Gegenbild zum Sündenfall im Paradies, wobei das Kreuzesholz dem Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem entspricht. Die Schlange kam von diesem Paradiesbaum zur Erde und brachte das Böse. Um das Böse von der Welt zu nehmen, musste die Schlange am Kreuz aufgerichtet werden:

Da sandte der JHVH feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

– Numeri 21:6-9

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn (am Kreuz) erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.

- Johannes 3:14-15

Die Schlange ist der absteigende Aspekt der Erkenntnis. Der Messias (hebr. für "Christus") ist der aufsteigende Aspekt der Schlange, die wieder in ihre paradiesische Heimat zurückkehrt. Interessant ist die kabbalistische Numerologie der hebräischen Worte "Schlange" und "Messias" - sie sind identisch:

נחש Nachasch, Schlange = 358 - משיח Meschiach, Messias = 358

Die Legende vom Kreuzesholz

Zwischen Kreuzesholz und dem Holz vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem, gibt es einen esoterischen Zusammenhang, den folgende Legende erzählt:

Als Adam aus dem Paradies verdammt wurde, durfte er sich einen Zweig vom Paradiesbaum mitnehmen. In der Welt außerhalb des Paradieses wurde aus diesem Zweig das Holz, aus dem Moses seinen Hirtenstab verfertigte. Mit diesem Holzstab teilte Moses das Meer, er konnte ihn in eine Schlange verwandeln oder mit ihm, an einen Felsen geschlagen, eine Wasserquelle hervorbringen. Am selben Holz richtete er in der Wüste die eherne Schlange auf, damit die Israeliten geheilt wurden. Später wuchs aus dem lebendigen Zweig ein Baum, der zu einem Balken im Salomonischen Tempel wurde. Dieses Holz kam schließlich in die Zimmerer-Werkstatt des Joseph von Nazareth. Von Joseph erwarb Judas das Holz, den er den Soldaten gab, um daraus das Kreuz zu verfertigen.

In dieser Metamorphose wurde das Holz vom Erkenntnisbaum des Todes auf Golgatha zum Kreuzbaum des Heils und des Lebens.

 

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Der Manichäismus - eine gnostische Weltreligion

Im Manichäismus, der im 3. Jahrhundert n. Chr. aus dem Boden der spätantiken Gnosis herauswuchs, begegnen wir einem umfassenden und in sich geschlossenen Religionssystem, das – von den Kirchenvätern heftig bekämpft – lange Zeit den gefährlichsten Rivalen des offiziellen, kirchlich verfassten Christentums darstellte.

Selbst ein so bedeutsamer Theologe wie Augustinus (354–430) hatte elf Jahre lang den Lehren des Manichäismus angehangen, bevor er zum offiziellen, das heißt zum Kirchen-Christentum übertrat. Begründet von dem Propheten Mani (215–277), stellt der Manichäismus eigentlich eine Mischung dar zwischen christlicher Gnosis und neupersischer Theosophie. Herausgewachsen aus einem Kulturraum, der sich zwischen Mesopotamien, Persien und Nordwestindien aufspannt, strebte der Manichäismus danach, das Christentum, den Zarathustrismus und den Buddhismus zu einer Synthese zu vereinen. Mit Fug und Recht kann man ihn als eine "gnostische Weltreligion" bezeichnen.

Im Mittelpunkt seines Systems steht zwar durchaus Christus, aber Zarathustra und Buddha werden als seine "Brüder" bezeichnet, und Mani selbst gilt als Verkörperung des Heiligen Geistes, des von Christus einst verheißenen "Parakleten". Die Seelen der Menschen betrachtet der Manichäismus als göttliche Lichtpartikel, die durch eigene Schuld in die Welt der Materie, eine ihnen an sich fremde und feindliche Welt, herabgefallen waren; dort verbleiben sie als Gefangene der Materie, und ihre Erlösung liegt allein in der Rückkehr in die göttliche Ursprungs- und Lichtwelt. Dem Propheten Mani als Träger des Heiligen Geistes fällt mit dem Anbruch des "Dritten Zeitalters", der Endzeit, der Auftrag zu, die gefallenen Lichtpartikel, also die auf Erden verkörperten Seelen der Menschen, zum Paradies zurückzuführen; dies geschieht durch konsequente Askese und Verneinung der Materie. Die folgende Zusammenfassung der Lehren des Mani stammt aus der Quellensammlung manichäischer Originaltexte, die im Jahre 1930 in Medinet Madi, Oberägypten, aufgefunden wurde:

"Drei Zeiten, lehrte Mani, bestimmen die Geschichte der Erde. In der dritten und letzten Zeit aber, die jetzt herrscht, werden die himmlischen Lichtteile aus der Welt in ihre Heimat zurückkehren. Der lebendige Geist läutert die Lichtpartikel aus Mensch und Natur und macht daraus die beiden Lichtschiffe, Sonne und Mond, andere aber erhebt er zu Gestirnen am Firmament. In der ersten Hälfte des Monats steigen die Lichtpartikel in einer Säule der Herrlichkeit zum Monde hinauf, bis dieser zum Vollmonde erfüllt ist. Danach werden die Lichtteile zur Sonne emporgetragen und von dort zum Lichtparadiese, sichtbar an dem zur Mondsichel verjüngenden Mond, dem sichtbaren Zeichen des leeren Schiffes. Die Seele aber steigt zusammen mit dem Bilde ihres Meisters und den drei Engeln, die bei ihm sind, auf, sobald sie den Körper des Menschen verlassen hat. Dann tritt sie vor den Richter der Wahrheit und empfängt den Siegespreis, das Lichtkleid und die Kronen, Kranz und Diadem, des Lichtes."Das Hochziel der manichäischen Gnostiker besteht also darin, das ewige Lichtkleid der Unsterblichkeit zu erlangen und in die geistig-göttliche Sonnensphäre einzugehen. Hier offenbart sich deutlich das Erbe der altpersischen Zarathustra-Religion, die Mani zunächst zugrunde legte, dann aber als religiöser Reformer zu überwinden trachtete. Wie schon der Zarathustrismus trägt die Lehre des Mani weitgehend den Charakter einer esoterischen Lichtreligion, die den Gedanken des "inneren Lichtes" im Sinne eines dem Menschen einwohnenden Göttlichen in den Mittelpunkt stellt.

In den "großen Himmelslichtern" Sonne und Mond sahen die Manichäer allerdings keine wirklichen Astralgötter, ja eigentlich überhaupt keine Götter im üblichen Sinne, sondern nur Stellvertreter und Repräsentanten der höchsten überkosmischen Gottheit. In diesem Sinne schreibt ein unbekannter griechischer Autor um das Jahr 300 n. Chr. über die Manichäer, sie "verehren am meisten den Helios und die Selene, doch nicht als Götter, sondern als Weg, durch den sie zu Gott gelangen". Denn die Sonnen- und Mondensphäre sieht der Manichäismus ja nur als Durchgangsstationen, die die Seele auf ihrer Reise zum transzendenten Lichtparadies – ihrer eigentlichen Urheimat – zu durchlaufen habe. Aber während Zarathustra noch auf ein kommendes Gottesreich auf Erden hoffte, predigte Mani – infiziert vom Geist der Gnosis – bedingungslose Weltflucht und Ablehnung der Materie. Den Schülern des Mani war "Materie" durchaus nichts Durchgeistigtes, und schon gar nichts Durchgöttlichtes, sondern im Gegenteil Bestandteil einer "gefallenen Natur", gleichsam ein "Werk des Teufels". Diese Sicht führte sie zu einer konsequenten Weltablehnung, die sie asketisch und wirklichkeitsfremd werden ließ. So konnte der an sich hochfliegende Geistesimpuls des Manichäismus im realen Leben nicht Fuß fassen; ja das Scheitern "neumanichäischer" Sekten wie die Katharer in Südfrankreich war im Grunde schon vorprogrammiert durch eine falsche und einseitige, nämlich dualistische Sichtweise.

Der Manichäismus gleicht einem Baum, dem nach jeder Seite hin viele Äste entsprossen – religiöse Bewegungen, Sekten, gnostische Kirchen, die mit ihrer Lehre vom "Inneren Licht" das Morgen- und das Abendland gleichermaßen erschüttern. Mani selbst, auch ein begnadeter Dichter und Schriftsteller, hatte schon zu seinen Lebzeiten eine rege Missionstätigkeit entfaltet, sodass seine Lehre bald ins frühe Christentum eindrang; in Babylonien, Syrien, Kleinasien, Ägypten und Nordafrika traten ganze Christengemeinden geschlossen zu ihm über. Schließlich reichte das Einflussgebiet der von Mani begründeten Religion von der Grafschaft Toulouse im Westen – der Hochburg des Katharertums in Südfrankreich – bis nach Turfan, Chinesisch-Turkestan, im Osten.

Im wilden Bergland am oberen Euphrat, in Armenien und Syrien, bildete sich um das Jahr 500 n. Chr. ein weiterer Ast aus dem Baum des Manichäismus: die Bewegung der Paulikianer: ein Volk von Kriegern, die den ganzen Osten Kleinasiens eroberten – anfangs von Byzanz heftig bekämpft, dann aber unter dem Einfluss der bilderstürmerisch gesonnenen Kaiser der Isaurier-Dynastie, seit Leon III. (717–741), offiziell geduldet, ja sogar gefördert. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts, also zur Zeit Karls des Großen, begünstigt durch den Kaiser Nikephoros (803–811), konnten sie im ganzen oströmischen Reich ungehindert ihre Ideen verbreiten – vor allem auf dem Balkan, wo man sie schon vorher ansiedelte. Damit war der Funke der Gnosis von Asien nach Europa übergesprungen; die Paulikianer, nunmehr in Thrakien heimisch geworden, bildeten den Saatboden, dem nur kurze Zeit später die rein manichäische Bewegung der Bogomilen entspringen konnte.

Nachdruck aus dem Buch 'Die Weisheit des Westens. Mysterien, Magie und Einweihung in Europa', Hamburg 2016, S. 300-303.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

Der Titel kann hier bestellt werden: https://tredition.de

Was ist die Ewige Weisheit?

Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich, und lässt sich gern sehen von denen, die sie lieb haben, und lässt sich finden von denen, die sie suchen. Ja, sie begegnet und gibt sich selbst zu erkennen denen, die sie gerne haben. Wer sie gern bald hätte, bedarf nicht viel Mühe; er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten.

- Weisheit Salomos 6:13-15

In ihren exoterischen Formen unterscheiden sich die Religionen, traditionellen Riten und Weisheitslehren unserer Welt. Doch im Kern besitzen alle geistigen Wege und Schulrichtungen einen gemeinsamen, geheimen Ursprung, der so alt ist wie die Menschheit selbst.

Dafür steht der Begriff der Ewigen Weisheit. Es ist eine zeitlose, universale Philosophie über das Wesen all der vielen Weisheitstraditionen der Menschen unseres Planeten. Sophia Perennis ist der griechische Name für diese Schulrichtung der Philosophie und Religionswissenschaften, und allen damit verbundenen Traditionen in ihren geistigen und praktischen Ausrichtungen.

Nicht aber beharrt die Sophia Perennis etwa darauf über Wissen absoluter Wahrheit zu verfügen. Eher will sie dazu anregen nach echten Parallelen in den verschiedenen Traditionen in West und Ost zu forschen und dabei zu zeigen, dass im Wesentlichen alle Traditionen einen gemeinsamen Kern haben.

In der Tradition der Sophia Perennis existiert auch eine esoterische Doktrin, verkörpert im Bild der Agia Sophia - der personifizierten, heiligen Weisheit. Sie kündet vom Wesen der göttlichen Vernunft und ihrer Schöpfung, in ihren universalen Manifestationen, als Urgeist, Welt und Seele.

Himmel (Mikrokosmos), Mensch (Mesokosmos) und Erde (Makrokosmos) sind drei, jeweils in sich vollkommene Welten. Darin vermittelt die Agia Sophia als Weisheitsprinzip, das Wesen eines höheren Geistes, der jedoch erhaben ist über alle Traditionslinien in Philosophie und Religion.

Warum der Paradiesbaum ein Gleichnis auf die Welt ist

von S. Levent Oezkan

Die Welt ließe sich mit einem Baum vergleichen, der in einem Paradiesgarten wächst.

Nun ist die Erde mit ihrer nährstoffhaltigen Feuchte bestrebt, dass der Baum wächst, welcher seinerseits Früchte hervorbringen will.

Wenn nun der Baum nur wenige und madige Früchte trägt, so liegt das an den astralen Kräften die im Erdreich walten.

Je älter der Baum, desto süßer seine Früchte. Und wenn seine Äste alt werden und verdörren, so treiben kleine Zweige aus seinem Stamm und aus der Wurzel, solange bis der ganze Stamm dürre und schließlich gefällt wird.

All das was der Baum ist, ist ein Gleichnis auf die Welt. Der Acker in dem er wächst ist die Natur. Der Stamm deutet in die Sterne, während die Äste ein Sinnbild für die Elemente sind. Die Früchte auf dem Baum sind wie die Menschen in der Welt - der Pflanzensaft der in den Ästen quillt, das ist die reine Gottheit. Die Natur von der die Rede war, hat nun aber zwei Qualitäten: eine heilige und eine üble.

Wenn der Mensch, der die Frucht dieses Weltenbaumes ist, sich der Gottheit zuwendet, so beginnt in ihm der Heilige Geist zu wirken. Und gleichwie Frost und übermäßige Hitze die Früchte auf dem Baum verderben, so wird der Mensch verdorben, der nicht vermeidet, dass das Gift des Bösen in ihm zu wirken beginnt - weil der Mensch eben beide Qualitäten in sich hat. Aber nur eine muss er überwinden, während er der anderen sein Leben widmen sollte.
 

Inspiration: "Aurora Morgenröte im Aufgang", Jakob Böhme

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Das Herz-Jesu-Gebet im Christentum

Griechischer Urtext

Κύριε ἐλέησόν.
Κύριε ἐλέησόν με.
Κύριε Ἰησοῦ Χριστέ ἐλέησόν.
Κύριε Ἰησοῦ Χριστέ ἐλέησόν με.
Κύριε Ἰησοῦ Χριστέ, υἱὲ τοῦ Θεοῦ, ἐλέησόν.
Κύριε Ἰησοῦ Χριστέ, υἱὲ τοῦ Θεοῦ, ἐλέησόν με.

Transliteration

Kyrie eleyson.
Kyrie eleyson me.
Kyrie Jesu Christe eleyson.
Kyrie Jesu Christe eleyson me.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson me.
 

Übersetzung

Herr erbarme Dich.
Herr erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus erbarme Dich.
Herr Jesus Christus erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich meiner.

 

Das Herz-Jesu-Gebet wir in oben genannter Weise von den Mönchen auf dem Berg Athos rezitiert. Man spricht dieses Mantra im Rhythmus von Herzschlag und Atmung und denkt sich dabei in das innerste verborgene Zentrum des Herzens. Da kann man versuchen den Atem durch die Nase ins Innere des Herzen zu führen und sich in Gedanken vorstellen, wie die gesprochenen Worte, wie das Kyrie eleyson, das Herzinnere umkreisen.
Im Buch "Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers", erklärt der Verfasser, dass das Herz-Jesu-Gebet erst nach vielen Jahren der Übung richtig ausgeführt werden kann. Zuerst müsse der Betende lernen, das Gebet zu rezitieren, später auch innerlich zu beten um schließlich "automatisch" dieses Gebet im Rhythmus von Atem und Herzschlag auszuführen.

Das Vaterunser im Christentum

Griechischer
Urtext

Πάτερ ἡμῶν ὁ ἐν τοῖς οὐρανοῖς.
Ἁγιασθήτω τὸ ὄνομά σου.
ἐλθέτω ἡ βασιλεία σου.
γενηθήτω τὸ θέλημά σου,
ὡς ἐν οὐρανῷ καὶ ἐπὶ γῆς.
Τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον.
καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν,
ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν.
καὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν,
ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ.

Lateinische
Vulgata-Fassung

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum tuum.
Fiat voluntas tua,
sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum supersubstantialem da nobis hodie.
Et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem,
sed libera nos a malo.
Amen.

Deutsche Einheitsübersetzung

Vater unser im Himmel,
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel,
So auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
Sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

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